Zlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 11. Donnerstag den 16. Januar 1913 Gesdncbte einer Bombe. ii] Von Andreas St rüg. Kama unterbrach ihn empört: „Genug! Ich weiß alles! Sie haben kein Recht, mich fortzujagen. Sie haben kein Recht, mich zu bedauern." „Willst Du sterben?" „Ich will leben und will sterben." „Gut. Ich verspreche Dir: Du wirst sterben. Aber Du sollst mit Nuhen zugrunde gehen. Du sollst etwas voll- bringen. Sollst Dir diesen Tod verdienen, daß nach Dir eine wahre Tat zurückbleibt.— Die Tat... Freilich ist sie nur ein kleines Stäubchen— wisse auch das! Aber aus Milliarden solcher Stäubchen bildet sich die Staubwolke der Geschichte! Heute hast Du Deinen ersten Schritt getan, Kama-,— es war Deine Taufe. Es warten schwierige Dinge auf Dich. Wirst Du mir gehorchen?" „Ich werde!" Sic hatte immer gehorcht. Aber jetzt verkaufte si« sich ihm gleichsam mit ihrer ganzen Seele. Er konnte sie von nun ab hinführen, wohin er wollte. Sie fühlte es wie eine Kette um ihren Hals, und fühlte sie mit Freude. Sie war stolz auf ihre Demut. Und wieder ging eine Veränderung in ihr vor. War es zum Besseren oder zum Schlimmeren?— Sie fühlte, daß sie treu dienen wollte wie ein Hund. Solange als möglich. Und daß sie bereit war, auf der Stelle zu sterben, wenn es nötig sein, wenn Leo es befehlen sollte. Es hatte sich jemand gefunden, der für sie denken, für sie be- schließen wird. Endlich fühlte sie sich sicher, fühlte sie sich ruhig. „Kein Wort von all dem, Kama— zu niemandem! Warum ich es sagte? Zum Teil fühlte ich das Bedürfnis, mich zu erleichtern, und das ist freilich ein Verbrechen, und ein nicht geringes. Hauptsächlich aber wollte ich Dir in dieser bösen Stunde beistehen und für weitere Dinge Dich vor- bereiten. Und auch das wollte ich, daß Du mir glaubst. Lieben kann man mich ja nicht,— aber vertraue mir!" „Ich weiß nicht, was das ist: Lieben oder Nichtlieben! Ich werde auf ein Wort von Ihnen alles tun." „Keine Uebertreibung, Genossin!— Und jetzt, um zu praktischen Dingen zurückzukehren— die Stimme Leos wurde nüchtern und scharf wie gewöhnlich— muß ich Dich allen Ernstes und mit aller Strenge auf etwas aufmerksam machen: Du hast hier mit mir gerungen und wolltest aus- steigen. Das ist schlimm. Aber Du tatest es, während ich die Bombe in der Hand hielt. Nun siehst Du: es kann einer wohl verrückt werden, Unsinn reden und den Kopf verlieren, aber uns ist es niemals, unter keinen Umständen erlaubt, jemals zu vergessen, daß eine Bombe nur einmal fällt. Ich habe Dich geschlagen und bitte Dich nicht um Entschuldigung. Hat es weh getan?" „Es tut noch weh, aber das ist gut. Ich habe es der- dient!" » Der Wagen hielt. Am Schlag zeigte sich der Kutscher, vom Regen triefend. Sein Zylinder mit den vielen Knöpfen glänzte vor Nässe. In der einen Hand hielt er die Zügel, mit der anderen nahm er den Hut ab: „Wollen die Herrschaften mir endlich sagen, wohin, zum Teufel, ich fahren soll? Denn wenn das noch länger dauert, bringe ich Euch direkt auf die Polizei." „Aber das ist ja Camille!" rief Kama verwundert. „Jawohl, meine Gnädigste! Aber ich bin weder ein Droschkenkutscher noch sonst dergleichen, sondern Student. Ich bitte also, ein wenig Rücksicht zu nehmen. Ich bin durch- näßt wie ein Hund. Und mese verdammten Pferde reißen, daß mir die Hände schon erstarrt sind." „Gut. Gut. Fahre direkt nach der Theodoragasse. Dann stellen wir die Pferde ein und gehen zum Abendessen." „Na, liebe Kama, Mißgeschick? Es wird schon noch gelingen! Eine Weile wollen wir noch leben. Seien Sie deshalb nicht gekränkt, gnädigste Genossin! „Sie sind gut, Camille, ich danke Ihnen!" „Wofür denn?" „Für die Fahrt, für das Warten im Regen.. Sie dankte ihm aus ganzer Seele, denn aus ihm lächelte sie etwas Lebendiges, Freundliches, Alltägliches an. »-st ist An einer Ecke der Wolczanskagassc in Lodz befindet sich die Wirtschaft der Brüder Jerke. Die Brüder leben von den Webern der Dreyerschcn Fabrik, welche ihr schwer verdientes Geld dort durch die Finger laufen lassen, sich amüsieren, essen, trinken, sich zanken und politisieren. Drei schmutzige Räume sind sofort voll, sowie die Fabriksirene die Arbeiter zum Feierabend entläßt. Die Kneipe hat an den Abenden der Wochentage einen großen Umsatz, an Sonntagen vom Morgen bis zum Abend. Etwas„Besseres" verirrt sich nicht hin—- die Arbeiter sind unter sich, kennen einander, und das Institut hat einen familiären Charakter. Ein Fremder wird gleich erkannt und nicht gerne gesehen, und wäre es auch ein Genosse Weber aus der Nachbarfabrik Höcht u. Wertet, welche von der Drcyerschen nur/durch eine Mauer getrennt ist. Es waren heiße Zeiten. Man durfte nicht jedem erst» besten vertrauen. Darum kann man auch nicht sagen, daß Fremde ungern gesehen wurden, denn eigentlich war es so: wenn es sich zeigte, daß weder einer von den Brüoern Jerke, weder ein alter Genosse von der KD.*) noch ein junger von der W8.**) und auch keiner von den Stammgästen ihn kannte, so gab man ihm der Rat, sich zu entfernen. Und wenn er sich weigerte, wurde er einfach vor die Tür gesetzt. So machte man es damals überall, denn die Menschen wollten von der Spitzelseuche frei sein. Die Wirte protestierten nicht, dazu waren sie von der Stammkundschaft allzusehr abhängig. Sie fuhren auch nicht schlecht dabei. Es war übrigens die Zeit, da die Arbeiter nicht nur in den Lineipen, sondern auch in den Fabriken regierten. Lange hatte dies die Firma Dreyer ertragen. Der alte Dreher— einst selbst ein gewöhnlicher Weber, der dreißig Jahre hindurch in eiserner Hand seine Arbeiter gehalten, der sechzig Jahre Lodz nicht verlassen und während dieser Zeit nicht einmal die Landessprache gelernt hatte,— wurde krank vor Raserei über die sich ausbreitknde Anarchie. Während ganzer zwölf Monate des ersten Reoolutionsjahres stellten die Ar- beiter durch die Delegaten der ULK. und des KD. die un- möglichsten Forderungen, führten ihre sozialistischenOrdnungen ein, saßen über seine Direktoren zu Gericht, beschimpften ihn, kehrten alles von unterst zu oberst. Der Alte überlebte dennoch die politischen Streiks, während' welcher Zeit er den ganzen Tagelohn bezahlen mußte, überlebte Schaden und Ver- luste, überlebte die Versammlungen, die auf seine Kosten in der gewöhnlichen Arbeitszeit und in seiner Fabrik abgehalten wurden,— aber als er mit eigenen Augen sah, wie einige Hundert dieser Landstreicher, auf seinen kostbaren, in Stößen aufgeschichteten Vorhangstoffen sitzend, eine Beratung ab- hielten, als er sah, daß sie sogar in einem so feuergefährlichen Lokal rauchten,— da brach er in Weinen aus und wurde vom Schlag getroffen. Und als, um das Maß voll zu machen, die Teilnehmer der Versammlung, die ihn in der Türe erblickten, zu brüllen und zu pfeifen anfingen, stürzte der Alte zu Boden und starb, und die Ohren gellten ihm noch im Jenseits von den schrillen Pfiffen. T-er junge Dreyer, der schon polnisch sprach wie ein Pole, wechselte die von den Arbeitern eingeschüchterten Direktoren und Vorarbeiter, und begann den Krieg auf Tod und Leben. Die Arbeiter erklärten den Streik, Dreyer verhängte die Aussperrung. Der Krieg dauerte nun schon sechs Wochen, und die Brüder Jerke machten glänzende Geschäfte am Schenktisch, vorwiegend auf Kredit. Es war aber auch die Zeit, da nicht allein die Brüder Jerke an den Sieg des Proletariats und an seine Zahlungs- fähigkeit glaubten. Die Arbeiter selbst glaubten auch daran. Darum war es lustig in der Kneipe. Kein Mensch ließ sich die Streitigkeiten, die Arbeitslosigkeit nahegehen. Freilich die Frauen, die jammerten in den Häusern herum, wie das *) SD. oder SDK.— Sozialdemokratisch!: Partei. ••) FPS.= Partei der polnischen Sozialisten. immer in solchen Fällen zu sein pfleg?, aber ine Männer waren sicher, das Spiel zu gewinnen und dah Dreyer ihnen auch den Lohn für die müßige Zeit wird bezahlen müssen. Die Parteien verlangten es, und da die Parteien eine Macht waren, um so mächtiger, als sie solidarisch vorgingen— also weshalb sollte man nicht lustig sein? Tic Leute ruhten und schliefen für alle Zeiten aus, amüsierten sich so gut sie konnten, oder tranken. Deutsche und Polen, die von der polnischen Partei und die vom 80. stärkten sich, drohten und erfüllten die Räume ihres Klubs mit Tumult. Alle Tische waven be- setzt, und in der Mitte standen die Leute, tranken und unter- hielten sich in drangvoller Enge. Es war rauchig wie in einem Räucherofen. Von überall schlug der Bierdunst ent- gegen, und hinter dem blitzblanken, zinkgedeckten Schenktisch präsidierten Fritz und Moritz, immer auss neue einschenkend, und wie gewöhnlich etwas zu knapp. Wäre ein Fremder eingetreten und hätte die beiden Brüder nebeneinander gesehen, er würde sich nickit wenig gewundert haben, noch mehr, wenn er erfahren hätte, daß es leibliche Brüder waren. Aber hier kannten sie alle, und niemand wunderte sich, obwohl ein jeder, der hierher kam, die Charade, die ein Unbekannter über diesen Gegenstand ver- faßt hatte, ein Spottgedicht auf die Brüder, auswendig wußte. Eigentlich waren es beide Menschen, die„nach links" geraten waren, wie man in der Parteisprache sagte. Es waren ein paar Mißgeburten von großer Komik. Fritz, Mit- glied der ITS., war ein riesiger, krankhast aufgedunsener Körper. In dem kahlen Schädel staken ein paar große Knöpfe, von denen einer nach Petersburg, der andere nach der Grenze schaute. Moritz, Mitglied der 811., obwohl er der ältere war, hätte man nach seiner Größe auf zwölf Jahre geschätzt, wäre nicht dieses von Furchen durchackerte Gesicht und der martiali- sche Schnurrbart gewesen. Er war von Geburt krumm, und wenn er stand, mußte er ein Bein weit von sich stellen. Auf der Straße mußte er es ebenso machen, und die Leute, die über ihn stolperten, beschimpften ihn und lachten ihn aus. Deshalb ging Moritz fast nie aus und war buchstäblich die Stütze des Geschäfts. Auch hatte er ein paar riesige, dicke, fleischige Ohren, welche wie bei einem Hund herabhingen. Es schien, als hätte das Leben sich selbst Mühe gegeben, diese Miß- geburten zu zeugen, damit ganz Lodz Gelegenheit finde, über die physische Degeneration, welche deni ganzen Proletariat drohte, wenn die Zustände weiter so blieben, sich Gedanken zu machen. Die Brüder waren ernslhaste. kluge, geschickte Leute. Lombroso würde das verneint haben. Doch war in der Tat innen alles bei ihnen in Ordnung. Und waren sie auch nicht ehrlich, so waren sie doch anständig. Sie lebten von ihre: Schenke, und die Schenke vom Proletariat.- Deshalb waren sie treue Freunde ihrer Kunschaft. Sie interessierten sich für ihr Los, gleich ihnen- haßten sie den alten und den jungen Drener, den Kapitalismus, die Bourgeoisie und das zarische Regiment. Sie achteten die Revolutionsvartcien— bloß rief der eine und der andere 80. Warum das so war? Wer weiß es? Vielleicht taten sie es aus Ueberzugung. Sie waren vertrauenswürdige Leute, und manche kiblick)e Arbeiter- fache war schon durch ihre Hände gegangen. Sie liebten ein- ander sehr, und wenn sie sich zankten, so war es nicht um Kleinigkeiten, sondern um Dinge höheren Ranges. tFortietzung folgt.) 31 Der Lebensabend. Eine Baucrngcschichte von Hermann Stenz. Die vielen Lichter im hohen halbdunllen Raum, das fortwäh- icndc. gedankenlose Wiederholen genau der gleichen Worte ver- ursachten eine suggestive Wirkung auf die Betenden, versetzte sie in eine feierliche, leicht betäubte Stimmung, je nach Empfänglichkeit, beim einzelnen stärler oder schwächer. Der Geistliche hatte sein letztes Amen gesprochen. Nun erloschen rasch die Lichter der bunt- gefärbten Wachsstöcke unter dem geräuschvollen Puste». Es leerte sich Bank um Bank, am Kirchentor gabs für die Jungen noch ein «lustig Schieben und Drängen. Langsamer kamen die Alten nach und dröhnend schloß der Mesner das cichere Tor. Allein stand die Heilige aus dein Altar. Die diät vor ihr brennende ewige Ampel ließ bei jedem Aufzucken und sflallern der Flamme durch ihr rotes Glas gespenstisch blitzende blutigrote Lichter über die Statue gleiten. Unendliche Ruhe war im Raum, nur ein paar Mäuse jagten ein- ander leise raschelnd unter dem Gestühl. Wen» die scharfen Lichter das Gesicht der Heiligen streiften, dann erhielten die sonst immer gleich unbeweglich lächelnden Zuge Leben. Auf die Augen spran- gen Lichtlein, und im scharfen Spiel der Schatten der Lichter lächelte, geheimnisvoll belebt, ein klein wenig spöttisch der Mund der Gnadenreichen. � Langsam entfernten sich die Beter von der etwas abseits deS Städtchens gelegenen Kapelle, wandelten einzeln oder gruppen- weise dem Ort zu. Die Alten für sich, die Jungen auch. Höchstens, daß eine Mutter ihr noch sehr junges Deandl ins Schlepptau nahm. Ter Teufel trau' den jungen Burschen im Mai, und den Madeln erst recht, meinte die Argwöhnische bei sich und dachte vielleicht an ihren eigenen Maien. Sie hatten wieder die Mai- andacht geschwänzt, die Lackeln. Nun standen sie mit schief ge- rücktem Hutl, die Fäuste im Hosensack, an den Ecken und lauerten im Halbdunkel, bis die Madeln aus der Kirche kamen. Kleine Gruppen bildeten sich, von denen hier und da ein Pärchen los- splitterte, um unbemerkt im Dunkeln zu verschwinden. Die Straße entlang zog ein leichter, warmer Hauch. Manchmal tönte Lachen oder ein verhaltener Juchzer aus der Ferne, dazwischen gedämpftes lustiges Aufkreischen einer Weibcrstimme. Und über dem Ganzen lag der schwere, herrlich süße Dust blühender Bäume, vermischt mit dem würzigen Geruch fruchtbarer Erde. Die meisten Häuser besaßen straßenseits über der Haustür Nischen und darin bluMen- oder moosumkränzte Marienbilder. Darüber hingen brennende Oellaternen, manch schöngeschmiedete alte Arbeit darunter. Grüne, rote oder gelbe Scheiben faßten das Licht. Ein unendlich reiches buntes Geflimmer durch den Maien- abend. Aus der Sakristei trat das gebückte, weißhaarige Pfarrherrchen, blieb tiefaufatmend stehen und saugte den für die Jungen so ge- fährlichen Duft ein. Im nahen Wald schrie ein verspäteter Kuckuzcr, dunkel hoben sich die Berge vom Horizont ab. Fledermäuse schwirrten hinter dickleibigen Abendsaltern her, hart um den Kops des alten Herrchens. »Gesindel, habt's wieder koa Ruh net," sprach er lachend zu ihnen und streifte dabei die dunklen Gruppen straßenlängs mit einem halb lustigen, halb besorgten Blick. Dann schritt er seinem nahegelegenen alten Psarrhause zu. Vor ihm ging schwerfällig und langsam der dicke Strasser mit seiner Alten. Der Pfarrer holte die beiden ein mit raschen kurzen Schritten. Das schnelle Gehen siel ihm auch schon sauer. „Guten Abend, Strasser, wie geht's?" „Grüaß Gott, Hochwürden I Dank halt da Nachsrag. Ma wcrd alt und da Schnaufer laßt a Wengerl nach. Wann no grod d' Füaß a lloans bisserl besser möchten, nacha gangS fcho." „Ja, ja, aber ihr werdet auch alle Tage dicker, und deshlb fällt Euck das Lausen etwas schwer. Müßt ein paar Fasttage mehr einsetzen, wie unsere heilige Kirch' vorschreibt." „O mei, Hochwürden, dös helsat a net viel. Mit uns Bauern geht's halt gräd wia mit die Ochsen. Wannft'S im G'schirr hast. sans fleischig und hart. Stellst' as in Stall cini und süatterst's a kloans bisserl guat, glci werns soast. Wann mir nix mehr ar- bet'n braucha, nacha setzt st da Speck rundum aus oamal o. Kannst di halt do net vahungern lass'n. Wann ma früher nix wie g'arbet hat, möchst iatzn doch a bisserl eppas vom Leb'n hab'n. Und für bei Seilcnheil niuaßt do a no a paar Jahrl sorg'n kinna!" Dann schwieg er, erschöpft schnaufend. So eine lange Rede war schon nimmer aus ihm herausgekommen, seit er seinen Hos übergeben hatte. „Ja, ganz recht, daß ihr sür euer Seelenheil besorgt seid. Wenn man alt wird, dann ist es Zeit, etwas mehr für die Ewigkeit zu tun. Aber sagt einmal. Strasser, ihr seid doch ein Mann, welcher der Not des Lebens überhoben ist. Ihr besitzt Vermögen und hinterlaßt eurem einzigen Sohn einmal ein schönes Bröckel Geld zu dem Hos. Könntet da auch ein gutes Werk tun? Wenn ihr einmal mit dem Tod abgeht, solltet ihr schon unserer Kapelle so ein bissel was vermachen. Damit wäre auch etwas für euer ewiges Seelenheil getan, man wird euch das im Himmel hoch anrechnen. Und meine Kapelle, die brauchet so notwendig ein neues Altar- gitter. Das alte ist arg wurmstichig und mit fünfhundert Marll wär's geschehen." Der Straffer kratzte sich hinter dem Ohr. „Ja. sehg'ns. Hochwürden, dös sell hob i an Pater Manfred scho versprecha müass'n, daß i amal an Donnnikanerllostcr tausend Mark für a neu's Kirchafenster vermach. Ja. ja!" Da biß sich das alte Psarrhcrrlein erschrocken auf die Lippen und sagte:„Gut' Nacht, Strasser!" Es hatte ihm die Red verschlagen und er ging sinnierend heim. Denen vom heiligen Dominikus eine Erbschaft abzujagen, das ris- kierte er nicht. Mit denen war nicht gut Vaterunser beten, die hatten immer das Amen sür sich. Und er, er selber wollte doch Frieden für seine alten Tage. Ja, yenn er noch jung wäre! Da- malS war er immer kampflustig gewesen. Das hatte ihn, auch die magere Pfarrstelle an der kleinen Kirche eingetragen. Trübselig klinkte er die Tür seines einstöckigen kleinen Pfarrhauses aus, dessen Mauerverputz zwischen den wilden Reben auch bereits be- deutliche Löcher zeigte. Ter alte Straffer aber pfiss durch die Zähne und brummte zu seiner Alten gewandt:„Ja, Herrgott, der a, da g'schaugst Hera! Da Pater Manfred möckt tausend Mark, da Ambrosius von die Franziskaner mächt a tausend und der da fünfhundert. Da kunnt ina sich ja alci in Himmel ei'kaufsa. Ja. Kruzitürken no amal, dia ivart'n allz'samm aufs Sterben!" Sein Weib schwieg, denn datz sie dem Beichtvater vom Frauen- lloster St. Notburga versprochen hatte, ihm zur Renovierung der Kanzel einmal zwölfhundert Marl schreiben zu lassen, wenn sie nach ihrem Manne mit Tod abginge, das hütete sie sich auszu- plaudern. Er hatte ihr Stillschweigen anempfohlen. Sie mutzte ihm die Geschichte mit den fünfhundert Mark er- zählt haben, denn einige Tage später kam er zu den Strasserleutcn auf Besuch und sprach allerlei Schönes und Salbungsreiches von guten Werken. Etwas Direktes über eine Erbschaft fürs Frauen- kloster lietz er jedoch nicht verlauten. Dem Pater Manfred aber mutzte der schräg gegenüber wohnende Sattler Bacherl, der die Klosterarbeit für die Dominikaner hatte, vom Besuch des Beicht- Vaters erzählt haben, denn die Woche darauf besuchte er den alten Privatier ebenfalls und erinnerte ihn an sein Versprechen. Tcr Alte saß auf dem Sofa und hatte die Beine in Watte ein- gepackt, weil ihm das Zipperlein am grotzen Zehe Plagte. Er nickte ernsthaft mit dem dicken Kopf zu den Ermahnungen des Pfarrers. Es wurde ihm angst. Alle wollten erben und sprachen vom Tode. Er aber wollte noch lange nicht fort. Bis auf das Zipperlein und den etwas kurzen Schnaufer fehle ihm ja gar nichts, dachte er für sich. Nun wurde aber aus dem Zehenzwicken binnen wenigen Wochen eine ernste Futzgicht. Bon den Beinen aufwärts jedoch, da blieb der Strasser gesund. Im Gegenteil, seit er nimmer sort konnte, entschädigte er sich durch vermehrtes Essen und Trinken, entgegen dem Rate des Doktors. „J kann mi net verhungern lass'n, und solang wia mirs Essen und's Trinken schmeckt, schad's a nix," war seine eigensinnige Redensart. „Ehe man so einem dickschädligen Bauer etwas ausredet, redet man leichter einem Lchsen etwas ein", knurrte der alte erfahrene Arzt. Item: der Strasser wurde immer dicker, seit er nimmer aus- gehen konnte. Er kam gerade noch vom Bett zum Kanapee, von da zum Gang und wieder zurück. Abends mit Unterstützung seiner Alten ins Bett. Bis auch das nimmer ging. Da blieb er im Bett liegen und wurde von den vielen Täubchen und Hühnern, die sein Sohn vom Hofe für den alten, kranken Vater schickte.�so rund wie eine Kugel. Es war ihm wohl, die Pfeife schmeckte, Essen und Bier auch. Und wie die Gicht etwas nachliest, da waren die Beine dem kolossalen Körper nimmer gewachsen. Er war einfach zu schwer für dieselben geworden. Das ging so fort. An Zuspruch fehlte es ihm auch nicht. War der Beichtvater von St. Notburga nicht dagewesen, dann kam sicher der Dominikanerpater Manfred oder der Kapuziner Ambrosius und hielt vor dem Hausaltar eine kleine, erbauliche Andacht ab. Das alte Kapellhcrrlein hielt sich jedoch fern. Zu einem Testament konnte ihm aber keiner der zwei bewegen.„Das habe noch Zeit, mache der Bauer erst einmal sein Testament, dann sei's für ihn nimmer weit zum Sterben. Dazu hätte er noch keine Lust. Und der kleine Sepperl vom Nachbarn solle ihm noch manche Matz Bier vom..Anier"-Wirt holen. Wenn er merke, datz es zu Ende ginge, bann sei's noch Zeit genug für den Notar." Der Beichtvater sagte nichts von einem Testament, im Gegen- teil bestärkte er ihn in der Ansicht, datz so was noch Zeil hätte. Er sprach überhaupt wenig vom Sterben, und deswegen hörte ihm der Alte am liebsten zu. Es kam aber doch anders mit dem Senserunann. Der klopfte mit knöchernen Fingern leise und unerwartet einmal Nachts, wie der Strasser schlief. Ein Schläglcin habe ihn getroffen, meinte der Doktor, als er den Totenschein ausstellte. Die Nachbarn sagten, er sei im Fett erstickt. Seine Frau war gefaßt und erledigte alles Geschäftliche. Der bettlägerige Mann hatte ihr viel zu schaffen gemacht, liest sie nicht zum Fettwerden kommen. Sic blieb in der Arbeit kernig und gesund, ihre zwciundsechzig Jahre leicht tragend. Ter Fran° ziskancr und der Dominikaner machten ärgerliche Gesichter. Der Beichtvater aber lächelte fein, wie er vom Tod des Alten hörte. Der alten Strasserin war er sicher. lSchlust folgt.) JvrännUche Brutpflege. Von Dr. Georg Stehli. Die Sorge der Eltern für ihre Kinder gehört mit zu den liebenswürdigsten und anziehendsten Gebieten in der gesamten Tierkunde. Am vollkommensten ausgeprägt ist diese elterliche Für- sorge bei den Säugetieren, die ja gerade nach dieser für sie so charakteristischen Eigentümlichkeit ihren Namen erhielten. Auch die Vögel erfreuen sich eines guten Rufes als liebevolle Eltern, der ihnen aber gar nicht immer mit Recht zukommt. Ganz anders verhält es sich mit den Fischen, die man gewöhnlich als stumpf- sinnige Tiere zu bezeichnen pflegt, denen jedwede Intelligenz abzu- sprechen ist. Gewiss mutz man ja zugeben, datz sehr viele, besonders die grossen Fischarten, sich nach dem Laichen nicht mehr um ihre Eier und Nachkommen kümmern. Dies ist aber auch erklärlich, wenn man sich der ganz erstaunlich grossen Fruchtbarkeit dieser Fischarten erinnert, die oft bis in die Taufende gehende Eier ab- setzen«Hecht, Stör, Barsch u. a.), and dah ferner trotz der mannig- faltigsten Gefahren, denen die tiier und Nachkommen ausgesetzt sind, doch stets so viele Jungfische zur vollen Entwicklung kommen. daß nicht nur die Art in ihrem Fortbestand gesichert wird, sondern. dass man sogar von ihrem„überaus reich.ichen" Auftreten sprechen kann. Wo aber diese starke Fruchtbarkeit nicht herrscht, und das gilt besonders von den kleineren Arten, da verlangt die Erhaltung der Art viel höhere Sorgfalt zum Schutze der Eier und Nachkommen, und dieser„Trieb"— wie man bei den Tieren gewöhnlich jede etwas aus dem Schema fallende geistige Regung zu bezeichnen pflegt— ist bei manchen Arten zu einer wahrhaft rührenden und aufopferungsvollen Brutpflege und Eltern sorge für die Brut entwickelt- Ja, die Brutpflege, die der Zoologe mit Neomelie bezeichnet, ist oft derart ans Extreme reichend entwickelt, datz die Rollen vertauscht werden, die Männchen das Brutgcschäft und die Kinderpflege besorgen müssen und die„Herren" Weibchen mit der Eiablage ihren Anteil an der �--orge um das Wohl der Nachkommen für erledigt erachten und sich dann gänzlich teilnahmslos den Nachkommen gegenüber verhalten. Die„verkehrte" Brut- pflege, wie man diese Absonderlichkeit zu bezeichnen pflegt, tritt bei den mit Brutpflege sich fortpflanzenden Fischen derart reget- mässig und zahlreich auf, dass man sie als Regel bezeichnen mutz. Nur i» verschwindend wenigen Fällen sind die Weibchen noch wirklich liebevolle Mütter, die sich mit grosser Sorgfalt und Aufopferung ihren Kindern widmen. Aber, wie gesagt, diese Fälle sind nur Aus- nahmen; in der Regel haben eben die Männchen als„Mädchen für alles" auch für die Brutpflege zu sorgen. Einige solcher Pracht- cxemplare von„männlichen Kindermädchen" wollen wir etwas näher kennen lernen. Da mutz gleich an erster Stelle unser einheimischer Stich- l i n g oder S t e ch b ü t t e l erwähnt werden. Die Ammcntätigkeit des Männchens beginnt bereits mit dem Eintreten der Laichzeit damit, datz es emsig eine passende, geräumige Kinderstube aus Pftanzenstaffen und Wurzelfasern baut, die meist wohlverwahrt im Sande des Bodens eingegraben, seltener zwischen den Stengeln der Wasserpflanzen aufgehängt wird. Hat es unter vielen Kämpfen mit anderen Wasserbewobncrn die Wiege glücklich fertig, dann sucht es das ihm gerade zunächst schwimmende Weibchen durch zärtliches Liebeswerben oder, wenn es ihm kein Gehör schenken will, auch durch Gewalt zu bewegen, seiner Wiege einen Besuch abzustatten und einige Eier hineinzulegen,!>ie das Männchen dann sofort be- fruchtet. Glaubt das Männchen die genügende Anzahl Eier in der Wiege zu haben sdurchschnittlich enthält' solch ein Gelege SO bis 80 Eier), dann verschließt es die eine Oeftnung des Nestes, ver- deckt sie sorgfältig und bezieht vor dem Eingang der Stube seinen Wachtposten, den es mit unermüdlicher Ausdauer behauptet. Elegant schwimmt es, in farbenprächtigem Hochzeitsklcide strahlend, vor dem Eingang hin und her i>nd treibt unerschrocken alle Fische, die in seine Nähe kommen, mit''einen Stacheln in die Flucht. Ja, selbst den Tod fürchtet unser Stechbüttel nicht und läßt sich eher in Stücke reißen, als datz er seinen Posten aufgibt. Aber mit dem Postcnstehen allein ist'S nicht getan, er mutz auch für die Entwick« lung der Eier sorgen, und man kann ihn daher oft stundenlang. ohne daS geringste Zeichen von Ermüdung, über dem Eingang des Nestes stehen sehen, um dem Laich durch die rasche Bewegung seiner Flossen stets einen frischen Wasserstrom zuzuführen."Sind nun endlich die jungen Fischlein glücklich ausgeschlüpft, so wird jetzt aus dem Wachtposten ein Kindermädchen, das mit grosser Sorgfalt die kleinen zappeligen Kerlchen hütet, fremde und ungebetene Ein- dringlinge von ihnen fernhält und sorgsam darauf achtet, datz keines sich bei seinen Schwimmversuchen zu weit vom Nest entfernt. Ge- schieht dies dennoch, und mit dem Aelterwerden der Tierchen kommt es jeden Augenblick vor, so eilt dm: selbstlose Wärter mit Zeichen der größten Erregtheit jedem einzelnen Ausreißer nach, greift ihn mit dem Maule auf und spuckt ihn in das Nest zurück. Es ist doch wirklich ein aufreibender und verantwortungsvoller Dienst, den das Männchen sich hat aufladen lassen, während die Weibchen fröhlich ihre Kreise ziehen und, boshaft wie sie nun mal sind, der braven Kindermagd durch allerlei Neckereien noch ihren Dienst zu er- schweren suchen. Erst wenn die Jungen selbständig geworden find und seines Schutzes nicht mehr bedürfen, geht der Stichling ausser Stellung und bekümmert sich von nun an nicht mehr weiter um sie. Auch bei den farbenprächtigen Paradies fischen(Makro- poden), die sich immer mehr in unseren Aquarien einbürgern, sind es die Männchen, die die„lustige" Kinderstube bauen und sie dann sorgsam bewachen. Fallen die kleinen kribbligen Fischchen aus dem Schaumnest heraus, so werden sie von dem aufmerksamen Kinder- Mädchen mit dem Maule ergriffen und in die Stube zurückbeföcdcrt. Einen ganz drolligen Anblick, der an das Spazicrenführen unserer„höheren" Töchter durch die Pensionatsdame erinnert, ge- währt der schön gefärbte, südamerikanische Perlmuttersisch, der seine Kinder in geschlossenem Zuge durchs Aquarium führt und wie eine Pensionsinutter streng darauf achtet, daß keines der „Küchlein" aus der Reihe herausschwimmt. Wagt aber dennoch so ein allzu kühnes Kerlchen, das bereits auf eigene Faust ausziehen will, sich aus der Reihe heraus, so wird es mit dem Maule er- griffen und wieder an seinen Platz in die Reihe zurückgespuckk. Sobald eS dunkel wird, finden wir die kleinen Tierchen in einer Grube, die der Vater vorher angelegt hat, vereinigt und darüber diesen getreuen Eckart auf seinem gewohnten Wachtposten, um jeden unbefugten Gast nach Möglichkeit fernzuhalten, wie Buch die Jungen am Verlassen der Wiege zu verhindern. Diese Pensionats- ausfliige wiederholen sich täglich 2— 3 Monate lang, bis sich die Jungen nickt mehr fügen und sich nicht mehr länger am„Gängel- band" herum rühren lassen.' Den kaltblütigen Fn hen hätte wohl niemand eine solche Er- sindunpSgabc in der Pflege der Jungen zugetraut, wie sie z. B. der den Welsen nahe verwandte und an der Küste Ostindiens und Afri- kas im Brackwasser vorkommende �rins lslcänus Rieh, und der brasilianische A. commersönii zeigen, die zu ihrer Kinderstube das Maul des Männchens wählen I Nachdem das Weibchen ihre Eier abgesetzt bähen, werden diese von den Männchen besamt und dann in das Maul genommen, in dem sie bis zu ihrer vollendeten Ent- Wicklung bleiben. Eine größere Aufopferung für seine Nachkommen kann man doch wirklich nicht verlangen, wenn man berücksichtigt, daß da? Männchen die Eier soft einige Dutzends wochenlang im Maul herumtragen mutz und während der Zeit gar keine Nahrung zu sich nehmen kann. Es sieht aber auch nach der„glücklichen Geburt" der Jungen danach aus: völlig abgemagert und entkräftet schwimmt es im Wasser herum, und dennoch ist sciiw Tätigkeit als Amme noch keineswegs beendet. Es wird berichtet, daß die Jungen während der ersten Tage stets in unmittelbarer Nähe des Vaters bleiben und bei der geringsten Gefahr in seiner sich weitauftuenden Mundhöhle Schutz suchen. Geradezu seltsam mutet uns der Anblick eines Männchens des grotesken Seepferdchens an, das die Eier bis zu ihrer Ent- Wicklung austrägt. Die Weibchen kleben nämlich ihre Eier an die rinncnartigc Furche am Leibe de? Männchens, die sich dann schließt und mit dem Heranwachsen der Jungen mächtig anschwillt. Auch bei einem anderen Büschelkiemcr, der bekannten Seenadel, wird aller Regel zum Trotz das Männchen„trächtig" und trägt die Eier bis zu ihrer Entwicklung in einer Bruttasche aus. Wir können noch mehr solche Fälle außerordentlicher Brut- pflege unter den Fischen anführen, wo z. B. die Eltern derart emanzipiert sind, daß sie sich nur noch mit dem Laichen befassen und die Entwicklung und Aufzucht ihrer Kinder einer fremden Amnic übertragen! Ein solch„modernes" Ehepaar ist unser kleiner, einheimischer Bitterling, dem die Malermuschel zur Brutstätte dienen muß. Sie wehrt sich zwar heftig gegen eine derartige Zu- mutung. ihre eigenen Kiemenkammern für fremde, untergeschobene Kinder herzugeben, aber alle verzweifelten Anstrengungen, durch schnelles Schließen der Atcmspalte die Eindringlinge fernzuhalten. , luden nichts, denn das Weibchen des Bitterlings weiß mit seiner Legeröbre so zielsicher die beiden Eicrchen in die Spalte abzu- schießen, daß es stets rechtzeitig seine Röhre zurückziehen kann, be- vor die Muschel es merkt, die vergeblich durch das schnelle Schließen ihrer Schalen den Bitterling zu„guillotinieren" versucht. Man könnte beinahe auf den Gedanken kommen, anzunehmen, als ob sich die Bitterlinge ihrer strafwidrigcn„Kindesunterschiebungen" bewußt wären, denn nachdem sie der Muschel genügend Eier ein- verleibt haben, ziehen sie sich in das Gewirr der Pflanzen zurück und gebaren sich scheu und ängstlich, wie Brehm zu erzählen weiß. Wir können hier nicht ausführlicher auf den hochinteressanten Vcr- lauf der Fortpflanzung des Bitterlings eingehen; wer sich aber da- für interessiert, kann sich leicht selbst davon überzeugen, da diese billigen Fischchen ohne Schwierigkeit im Zimmer-Aquarium zur Eiablage zu bringen sind. Den Schluß unserer Ausführung mögen einige Frosch- ilurche bilden, bei denen ebenfalls das Männchen Kindermädchen- dicnstc verrichten muß. Schon unter unseren einheimischen Froschlurchcn haben wir einen solch merkwürdigen Vertreter, der nach seiner Brutpflege so- ,gar benannt worden ist: die Geburtshelferkröte oder der Feßler, auch Hcbammenfrosch genannt. Nach der Paarung im Frühjahr und Sommer wickelt das Männchen die vom Weibchen austretenden langen, rosenkranzähnlichen Eierschnüre nach gleich- zeitig erfolgter Befruchtung um seine Hinterbeine. Mit dieser Eicrlast verkriecht es sich dann 1— 3 Wochen lang unter Steine und Geröll in der Nähe des Wassers, bis es an dem Zucken der in den Eiern sich entwickelnden Jungen merkt, daß sie zum Aus- ifchlüpfen reif geworden sind. Jetzt begibt es sich ins Wasser zurück und streift die Eierschnüre ab. Auch der andere uns von den Fischen her bekannte Fall ist unter den Froscklurchen vertreten, daß nämlich die Brut von dem Männchen im Maul herumgetragen wird. Es geschieht dies nach Dürigcn bei der chilenischen Nascnkröte, deren Männchen einen zu einer mächtigen Bruttasche erweiterten Kehlsack besitzt, in dem die Eier solange verbleiben, his die Jungen als fertige vier- Peinige Fiöschlein ihre Kinderstube verlassen. Mit diesen Beispielen, die wir noch weiter fortführen könnten, wollen wir unsere Liste schließen. Wir glauben gezeigt zu haben, daß man die Vertreter diefcr beiden oft so mißächtlich behandelten Wirbcltierklassen der Fische und Amphibien nicht ohne weiteres als stumpfsinnige Geschöpfe bezeichnen darf, denn eine solch rührende .Fürsorge, wie wir sie hier kennen gelernt haben, setzt doch etwas mehr als einen bloßen„Trieb" voraus. Auch die Freude am Be- obachten wollten wir mit diesen Zeilen wecken und unsere Aquarien- und Terraricnsreundc zu eigenen Studien anregen, die nicht nur viel Zeitvertreib und Freude bereiten, sondern die auch für unsere Kenntnis der Biologie dieser Kaltblüter von Wert sein können. Kerantw. Redakteur: Alfred W«clepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: kleines feuilleton. Kulturgeschichtliches. Michelangelo als Schneeplastiker. Zu den Freu- den, die den Besuchern winterlicher Sportplätze winken, gehört auch das Vergnügen an stattlichen Schneebauten und Schnecfiguren aller Art. deren Anblick durch die Kamerakunst erfreulicherweise auch denen vermittelt wird, die daheim geblieben sind. Wer an dieser amüsanten Plastik Gefallen findet, den wird nun sicher auch die folgende kleine kunsthistorische Reminiszenz interssieren. Der jugendliche Michelangelo, dessen Bildhauergenie Lorenzo de Medici erkannt hatte, war bekanntlich von dem letzteren in das Haus auf- genommen worden, um hier seine Ausbildung zu erhalten. Als jedoch im Jahre 1432 Lorenzo unerwartet starb, mußte der junge Künstler den Palast der Medici verlassen und sich im Hause seines Vaters eine eigene Werkstatt errichten. Abgebrochen aber waren die Beziehungen zu der Familie seines Gönners deswegen noch nicht. Als darum in der Nacht des 22. Januar 1434 es so stark zu schneien begann, daß am anderen Morgen der Scknee in Florenz ungefähr 3 Ellen hoch lag, konnte Lorenzos Sohn. Piero de Medici, Michelangelo Bunorrati auffordern lassen, im Hofe des Palastes eine große Statue aus diesem vergänglichen Material zu errichten. Der Auftrag wurde ausgeführt, und die Schneefigur erzielte einen größeren Erfolg, als Michelangelo wohl selbst gedacht hatte. Denn nickt nur die Gäste des rauschenden Festes, das gerade im Medicäer- Palast gefeiert wurde, staunten bewundernd das weiße Kunstwerk an, sondern Piero selbst ward von seinem Anblick so sehr betroffen, daß er dem jungen Bildhauer seine Anteilnahme in stärkerem Maße zuwandte, ihm sein altes Zimmer und den gewohnten Platz an der Tafel wieder einräumte. Interessant ist sihrigens'der Umstand, daß auch in der künstlerischen Entwickclung eines der erbittertsten Rivalen Michelangelos, des formgewandten, aber hohlen Bandinelli, die„Schneeplastik" eine gewisse Rolle spielte. Dieser Bandinelli, der den um 13 Jabre älteren Meister glühend beneidete, ahmte ihn eifrigst nach. Vielleicht war es auch eine kleine Jmitirrung und kein reiner Zufall, daß der jugendliche Bandinelli eines Tages ebenfalls durch die Modellierung einer liegenden Schnecfigur die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenkte und so sein bild- bäuerisches Talent entdecken ließ. PbUsikalisches. Neue Nordlichtforschungen. Im höhen Norden er- strahlt jetzt die Nacht wieder von den herrlichen Erscheinungen, die dort neben Mond und Sternen als einzige Lichtcntfaltung den langen Winter erhellen. Daß die Polarlichter mit dem Magnetis- mus der Erde in Zusammenhang stehen, ist seit langem angcnom- mcn worden, und später ist dann eine Beziehung zu den Kathoden- strahlen hinzugekommen. Ein« völlige Aufklärung dieses gerade in seiner Mannigfaltigkeit unendlich wundersamen Phänomens ist aber bis auf den heutigen Tag noch nicht gewonnen worden.. In den letzten Jahren hat sich Professor Carl Stürmer in hervorragen- der Weise mit der weiteren Erforschung des Nordlichtes beschäftigt und zum erstenmal die Photographie planmäßig dabei verwertet. Im nördlichsten Norwegen wurden zwei Stationen angelegt, deren Entfernung von etwa 4% Kilometern zuvor genau ausgemcsscn war. Von beiden Stellen aus wurden die Nordlichter photogra- phiert, indem durch ein telephonisches Signal die völlige Gleich- zeitigkcit der Aufnahmen gesichert wurde. Durch Ben-utzung be- sonderer Platten gelang es, gute Bilder schon in einer Belichtungs- zeit von wenigen Sekunden zu erhalten. Außerdem wurde darauf Bedacht genommen, daß stets einige große Sterne auf der Platte waren, um de» Himmelsort festzustellen. Dies Verfahren führte zu einer ziemlich genauen Bestimmung der Lage der einzelnen Nordlichter mit Bezug auf die Himmelsrichtung und die Höhe über dem Horizont, sowie auch die Abschätzung der Höhe dieser Erschei- nungen über der Erdoberfläche. Auf demselben Wege wird be- kanntlich seit langem auch die Höhe von Sternschnuppen ermittelt. Der Abstand der Nordlichter von der Erdoberfläche wechselt nach den Ergebnissen dieser Beobachtungen in noch größerem Umfang als bei den Meteoriten, nämlich zwischen 3S und 461 Kilometern. Weiter hat sich Stürmer mit der Frage der Entstehung der Nordlichter beschäftigt. Daß sie durch Kathoden- und Radium- strahlen, die unmittelbar von der Sonne ausgehen, erzeugt werden, hält Stürmer für unmöglich, weil nach seinen Untersuchungen kein elektrisiertes Teilchen, das von der Sonne kommt, die Erdatmo- sphärc in einem anderen Teil als in der unmittelbaren Nachbar- schaft eines magnetischen Pols erreichen könnte. Unter dieser An- nähme ließe es sich nicht erklären, daß die Polarlichter zuweilen so weit in niedere Breiten vordringen. Stürmer nimmt vielmehr an, daß sich zeitweise in der Ebene des magnetischen Acquawrs der Erde ein ungeheuerer Ring von Kathodenstrahlen bildet und bestehen bleibt, und daß dadurch der Zugang der die Polarlichter bervorrufenden Strahlen noch zu niederen Breiten ermöglicht wird. Der Radius dieses Ringes würde den Erdradius 140mal über- treffen, und der Ring selbst würde einen Strom von ungefähr 66 Millionen Ampere enthalten. VcrwärtöBuchdruckerei u.BerlagSanstalt Paul Smger�Eo., Berlin L�V.