Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 14. Dienstag öen 21. Januar. 1913 Sesckickte einer Kombe. Bon AndreasStrug. .,Aber das sind Anarchisten." ..Gott,»vas bist Du gelehrt! Jetzt sag nur noch, wie nennt man solche Leute?" „Nun eben— Anarchisten?" „Und heißt das etwa Werwölfe? Mit Hörnern auf dem Kopf, auf drei Beinen, mit Schwänzen? Ist das nicht auch ein Arbeiter, nicht auch ein solcher wie wir, der für das Kapital arbeitet? Ach, Ihr Leute, was seid Ihr dumm, artig und gebildet I... Da kommt so ein abgedroschener In- telligenter in die Versammlung, dreht seinen Leierkasten auf, und dann geht's los: Tralala, tralala!... Und tausend Arbeiter, welche wissen, was sie wollen, tanzen wie die Affen und stimmen wie die Hammel! Die Versammlung der- urteilt den ökonomischen Terrcrismus, heißt es. Wie oft war das schon? Immer die gleiche Arbeiterdummheit!" Darauf entbrannte«eine hitzige Diskussion— eine von jenen, von welchen die Parteien nichts wissen. In ihr kommen die verborgensten Träume und Sorgen des Arbeiters zum Vorschein, für welche die Programme keine Formel haben und die die Wissenschaft verurteilt und geringschätzt. Dort bilden sich aus der Grausamkeit des Lebens unheimliche Wahr- heiten. Dort entstehen unerhörte Ketzereien, welche keine Ab- stimmung und keine Anstrengung eines noch so genialen Agitators aus der Welt schaffen kann. Im Tiefsten der Arbeiterseele verborgen sitzen diese Dinge beharrlich, vermehren sich, vererben sich von Vater auf Sohn, wie das ewige Elend. Diese Sympathien und Ge- Lässigkeiten leben in seinem Familienkreise, sitzen an seinem mageren Tisch: sie sind es, welche ihm bei seiner verfluchten Arbeit helfen. Und sie allein bleiben ihm, wenn das Schicksal ihn auf die Straße wirft, wenn er die Arbeit, das Heim, die Gesundheit und jede Hoffnung verloren hat. Die Fragen Gut und Böse, Nutzen und Vorteil, Arbeit und Kapital, er und die Partei, er und die Regierung— das olles erfaßt der Arbeiter vernünftig und hat eine klare Antwort darauf. Aber außerdem liebt und haßt er auf seine Weise, ganz per- sönlich, und wird nicht leicht antworten, wenn ihn jemand danach fragen sollte. So redeten die Arbeiter bis tief in die Nacht hinein, zankten sich um die Köpfe ihrer Herren und Gebieter, welche um diese Zeit ruhig in ihren Palästen schliefen, in eben dieser Stadt Lodz. „Gehören die Genossen zur Kampfgruppe?" fragte Fritz einen von ihnen. „Wir gehören zur Geierschen Selbstwehr. Man hat uns mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen." „Wie entstand denn dieser dumme Klatsch?" „Ach, der Teufel weiß!" „Am Ende hat sich jemand einen Spaß gemacht. Es gibt solche parteilose Lumpen. Wir zerreißen uns, und für sie ist's ein Scherzi" „Das wird sich morgen zeigen." „Wir haben den Auftrag, die Bombe um jeden Preis mitzubringen." „Und wir werden sie bringen. So sicher.. „Davon reden wir noch. Ihr tut besser. Euch nicht zu sperren. Denn Ihr seht ja, daß wir uns Rat schaffen können." „Aber wir kennen Euch doch nicht, Ihr Leute!" „Aber wir kennen uns!" Die Brüder wehrten sich nur noch aus Anstand. Denn jetzt wußten sie, daß es Leute von der Partei waren. Außer- dem waren sie beide froh, das fatale Deposit loszuwerden. Endlich führte Moritz feierlich zwei Genossen hinauf, empfahl ihnen die größte Vorsicht und erlaubte ihnen, die Bombe mitzunehmen. Aber damit war die Angelegenheit noch nicht erledigt. Moritz berief sich auf sein loyales Ent- gegenkommen und verlangte eine„Genugtuung", indem er sprach: „Ehre gegen Ehre. Dir haben den Gegenstand ehrlich bewahrt. Wir ertrugen Kränkungen, Prügel. Angst und die soldatische Plünderung. Allein an Würsten.haben sie bei der Haussuchung für drei Rubel gefressen. Vom Schnaps nicht zu reden. Für Eure Beschimpfungen haben wir uns auch zu bedanken. Aber jetzt paßt auf I Zu Euch, zu den Geierleutcn, sind im vorigen Jahre zwei Wsber von der Dreyerschen Fabrik eingetreten, welche zur polnischen sozialistischen Partei gehören und uns alles in allem acht Rubel achtzig Kopeken schuldig sind. Es sind zwei Schraubendreher, Matthias Kalka und Albin Müller. In meinem Buch steht's ordnungsgemäß eingetragen. Andere, tvenn sie einen solchen Gegenstand in der Hand hätten und geschädigt wären wie wir, hätten ihn als Pfand behalten und gesagt: erst bezahlen! Aber wir sind ehrenhaft. Ihr habt das Eure zurück, aber das Geschäft ist! geschädigt. Darum müßt Ihr, als klassenbewußte Genossen. bürgen u«d Eure Kollegen zum Zahlen zwingen. Wollt Ihr das versprechen? Das wäre sehr artig! Und wenn Ihr mir von heute in zwei Wochen mein Geld wiederbringt, so werde ich, obwohl ein KVX., der erste sein, der sagt: die UUK. ist! eine anständige Partei! Mein Bruder Fritz, der zu Euch ge- hört, kann ja seinen Teil schenken, das darf er. Aber meine Hälfte fordere ich auf jeden Fall. Ich habe eine zu gute Mei- nung von Eurer Partei, als daß ich glauben könnte, sie würde sich in einer solchen Ehrensache nicht anständig betragen." Die Arbeiter verbürgten sich, und Moritz, der seine Lodzer Welt kannte, war sicher, daß er zum Termin seine Hälfte wenigstens bekommen würde. Es war bereits gegen fünf Uhr morgens, als die un- gebetenen Gäste, nachdem sie bezahlt, was sie verzehrt und freundlich sich verabschiedet hatten, das Lokal verließen und das wiedergewonnene Parteieigentum mitnahmen. Fritz war hingerissen. „Moritz," sagte er.„wenn Du doch in die Partei ein- treten wolltest! Wie bald würdest Du eine führende Rolle im Zentralkomitee haben!" „Ach was. Partei!— Das ist ein unsicheres Geschäft! Aber siehst Du, Fritz, geliebter Bruder, hätte ich nicht diese Ohren, diese Fratze und dies krumme Bein, so würden die Brüder Jerke sehr viel bedeuten in dieser Stadt Lodz. So wie man jetzt Scheibler sagt, so würde man sagen Brüder Jerke! Ich würde arbeiten und Du würdest dabei auch nicht schlecht fahren." „So wäre es, wie Du sagst. Moritz!" seufzte melancholisch der Jüngere mit einem Blick voll Mitgefühl auf die ver- krüppelte Gestalt des Bruders. Sich selbst hielt er nämlich für einen schönen Mann. An einem der unzähligen dunklen Fenster einer Arbeiker- kaserne der Vorstadt saß die alte Cywik und sah gedankenlos ,vor sich hin. Dicht vor ihr schlug ein Meer von Licht aus der vierstöckigen Front der Spiimerei, und die Maschinen sausten dumpf. Es war Nachtschicht und bereits Mitternculst. Die Alte saß unbeweglich, seit sie sich vor etwa fünf Stunden hin- gesetzt hatte. Im Zimmer war es fast taghell vom Licht- schein. Das weiße, durck?dringende elektrische Licht, das durchs Fenster hereindrang, übergoß die gebeugte Gestalt, unter- strich mit scharfen Schatten jede Runzel, jede Linie in ihrem Gesicht. Dieses Gesicht schien weder zu leben noch zu denken. Die Augen waren starr auf das Fenster der Spinnerei ge- richtet und schienen auf eine von den vielen schwarzen Sil- houetten, die im oberen Geschoß sich hin und her bewegten, zu lauern. Aber in Wirklichkeit blickte die Alte auf nichts und sab nichts, weder die Menschen noch die Gebäude, die ihr die Welt vorstellten, noch den grellen Glanz der elektrischen Lampen. Seit langem schon war in ihr Gesicht und Gehör und alles Fühlen erstorben. Auf dem erschöpften Gehirn lag cS wie dumpfer Schlaf. Schwer, ungeschickt, knarrend krochen Bruchstücke ungewöstn- lichcr, unwahrscheinlicher Dinge durch den Kopf, die selbst im Traum kaum vorkommen. Als zöge jemand grobe Stricke durch ihren Kopf, als triebe man mit schweren Hammer- schlagen einen Keil in etwas sehr Hartes ein, das in ihrem Kopfe saß. Dabei empfand sie gar keinen Schmerz. Es fam- ntelle sich tn ihr zum Weinen, aber die Tranen kamen nicht. Es geschah etwas, aber sie wußte nicht was. Es war auch gar keine Neugierde in ihr. So Buntes ihr auch durch den Sinn ging, so wunderte sie doch gar nichts mehr.... Es wunderte, sie nicht, daß sie wieder zum kleinen Kinde geworden war. und daß sie weite, flache Felder umgaben. Wie damals weidet sie die Kuh. Das Tier reißt am Strick und zieht sie hartnäckig vom Straßengraben ins Feld hinein. wo in prächtiger dunkler Grüne der reife herrschaftliche Klee steht. Das Mädelchen ringt mit dem Vieh. Schreit, weint, jchlägt mit dem Stock auf seine dürren Knochen los und hat eine schreckliche Angst, daß jeden Augenblick der herrschaftliche Jäger erscheinen wird, der furchtbare Andreas mit seinem Knüttel und mit seiner groben Stimme. Schon einmal hatte er sie geprügelt und ihr die Kuh weggenommen. Und zu Hause bekam sie noch das Dreifache. Daran erinnert sie sich und wird starr vor Schreck. Ganz mit der Kuh befaßt, kann sie nicht einmal auf die Landstraße blicken, auf welcher seit- same Menschen gehen und fahren: fremde, ungewöhnliche Ge- stalten, die offenbar an keinem Ort seßhaft sind, und die, man weiß nicht, woher und wozu, sich in der Welt h�umtreiben. Nur wirbeln sie einen schrecklichen dichten Staub auf. der sich in die Augen setzt, alles ringsherum bedeckt und zuschüttet und das harte Gras des Grabens wie mit Asche bestreut. Das Mädelchen ruft mit aller Kraft die Kuh und wiederholt schreiend: Ach, möchtest du doch krepieren! Mit leisem Geflüster entschlüpfen diese Worte den Lippen der Alten. Die Sonne brennt. Ihre Augen und ihr Schlund sind voller Staub. Sie hat keine Kraft mehr.... Immer wieder rauft die Kuh mit gierigem Maul Büschel des Herr- schaftlichen Klees aus, ohne auf die Schläge zu achten. Jeden Augenblick kann von irgendwoher wie aus der Erde heraus Andreas auftauchen, und wird vor ihr dastehen, mit dem Stock in der Hand, wird brüllen, die Kuh wegnehmen und nach dem Gutshof treiben. (Fortsetzung folgt.I Mielanä in feinem Zeitalter. Von Kurt E i s n e r. Im geistigen Haushalt der heutigen Welt hat Christoph Martin Wieland keine Bedeutung mehr, obwohl man ihn unter die sechs großen deutschen Klassiker immer noch zählt, und er sicher mehr gelesen wird als Klopstock und Herder, wahrscheinlich auch mehr «ls Lessing. Ein vollkommener Mensch des 18. Jahrhunderts ist er zwar in seinen Gedanken und Gebilden von der heutigen Kultur durchaus nicht so erreicht oder überholt, daß er uns nichts mehr zu sagen hätte. Aber mit der Art, wie er es sagt, ist er uns «in Fremder geworden. Er spielt auf Instrumenten, die den Orchesterlärm der Gegenwart nicht mehr zu durchdringen ver- mögen. Vielleicht ist er gerade deshalb, weil er so ganz und gar historisch geworden ist, ausersehen worden, der„erste Schöngeist" zu sein, dem die Berliner Akademie der Wissenschaft die Ehre einer gelehrten Ausgabe zu erweisen beginnt. Wie akademisch -übrigens und wir wissenschaftlich diese Ausgabe immer im Lause der Jahrzehnte werden wird, sie wird nicht die Schönheit jener zu seinen Lebzeiten veranstalteten Quartausgabe seiner Werke er- reichen, deren Preis von 250 Talern schon allein beweist, wie hoch (hn die Mächtigen. Großen und Reichen seiner Zeit geschätzt haben. Vieles aus der endlosen Zahl seiner Schriften ist auch heute noch ergötzlich, anregend, selbst bewegend zu lesen, wenn auch keines -mehr uns überwältigt: die Abderiten. ein heiterer und witziger Schildbürgerroman über die deutsche Kleinstädterei und Philisterei seiner Zeit, in den er in leichter Vermummung eigene Erlebnisse verwoben hat; Oberon, Musarion, Agathon(der erste deutsche Er- giehungsroman, der wesentlich Liebesprobleme unbefangen behan- delt); Ter goldene Spiegel, ein Staatsroman, der den besten Staat um den besten Fürsten spinnt und die Gewalthaber des auf- «geklärten Zeitalters satirisch neckt; endlich und besonders auch einige kleinere politisch fabulierende Arbeiten, in denen sich seine ihumane freiheitliche Weltgesinnung, mit farbigem Flitter behängt «und durch sie vor den Häschern beschützt, nicht ohne Würde und Andacht auswirkt.*) Aber nirgends vermag Wieland heute noch wie ein unmittelbares Lebensinteresse zu wirken. Das Glück, das Wieland im Leben beschieden war und ihn *) Unter den neueren Auswahlsammlungen von Wielands Werken steht voran die von Bernhard v. Jacobi besorgte(bei Bong «rschienen). Sie bietet ein Gesamtbild des Schriftstellers in seiner sast unerschöpflich vielseitigen kulturellen Betriebsamkeit und bringt ebenso gründliche wie klug abwägende Einleitungen-des Heraus- geber?. emporirug über die vielen- zerbrochenen Gestalten deS klassischen Zeitalters, wird ihm die Ewigkeit vorenthalten. Er selbst hätte freilich die behaglichen Erfolge und Genüsse seines lebendigem Daseins nicht mit dem astrakten Ruhme der Unsterblichkeit ver- tauschen mögen. Er war nicht für die guten Ding«, die man nicht fühlt und genießt. Und weil er so am Wirklichen hing und für das Unwirkliche immer nur ein wenig gefahrlos schwärmte, gedieh er ! von dem unscheinbaren Pastorensohn des verschollenen oberschwä- ! bischen Schilda Biberach, das sich kühnlich eine freie deutsche - Reichsstadt nennen durfte, zum Ratsschreiber seiner Vaterstadt. ! zum Erfurter Professor, zum Weimarer Fürstenerzieher, zum stattlichen Gutsherrn von Oßmannstedt, und als er diese letzte Würde, die ihn wirtschaftlich in schwere Fährnisse zu bringen drohte. glücklich wieder los war, blieb er der allverehrte Patriarch, mit Goethe der einzige Mann, den Napoleon 1808 auf dem Erfurter Fürstenkongreß in dem verachteten Gewimmel schmarotzender Kaiser. Könige und Herzöge eines ernsten und ehrenden Gespräches würdig erachlete. Wieland war in keiner Weise eine tragische Natur, und wie er sich mühelos durch seine Welt fand, so fand er sich schnell zu seiner eigenen Natur. Klösterlich erzogen, zuletzt in Magdeburg, äußerte er schon mit 15 Jahren, verführt durch die Lektüre des streng verpönten Voltaire, ganz naiv so„materiali- stische" Ansichten, daß er beinahe von der Anstalt verwiesen- worden wäre. Nach einigen Studienjahren gewann er durch erste dichte- rische Versuche den mächtigen Parteiführer in den damaligem Literatenkämpfen, den Schweizer Bodmer, der gerade nach einem neuen bequemen Jünger seiner trockenen religiösen Moralpoesie suchte. Klopstock hatte ihn durch seine derbe Weltlust und noch mehr durch sein Selbstbewußtsein enttäuscht. Wieland ging nach Zürich zu Bodmer und wurd« von ihm ein paar Jahre geistig und körperlich durchgesüttert. Ein glückliches Ungefähr erleichterte es Wieland, damals genau so zu dichten wie sein Meister, sogar noch religiöser, noch moralischer, noch pedantischer, noch sinnenfeind- licher. Tenn in Zürich war es, wo er von seiner geliebtem Stu- dentenbraut, der Augsburgerin Sophie v. Gutermann, ohne jede Vorbereitung mit einem Absagebrief und unmittelbar darauf mit der Nachricht überrascht wurde, daß sie bereits die Gattin des Herrn La Roche geworden sei. Da war eS leicht, weltslüchtig und moralisch zu reimen. Aber die Frauen,-die ihn von der Erde drängten, in ätherische Verzückungen, holten ihn auch wieder zur Erde herab. Allerlei seltsame Liebeshämdel entfremdeten ihm Bodmers Haus und Bodmers Poesie. Ein paar Jahre Hauslehrer- tum in Schweizer Patrizierhäusern reiften seine weltmännische Erziehung. Dann wurde der weitgereifte Sohn in seine Heimüt berufen, und fast schien es, als sollte er hier in Abdera als Kanzlei- beamter sein Dasein vollenden. Hier wurde er auch von seiner Familie mit einer nicht sonderlich reizvollen und nicht sonderlich geliebten Frau verheiratet, nachdem ein allzu fruchtbares, nicht gerade sehr gewissenhaft erledigtes Abenteuer mit einem armem kleinen Mädchen seine Verwandtschast zu der Erkenntnis gebracht hatte, es wäre Zeit, den bescheidenem Wüstling von Biberach zu verheiraten. Mit dieser Frau hat er hernach in den einsamen Erfurter Professorenjahren und in der langen Weimarer Zeit in zärtlich treuer Musterehe gelebt, und die Besucher mußten- sich immer erst durch eine unzählbare Herde von Kindern den Weg bahnen, wenn sie zu dem berühmten Manne vordringen wollten. Schmiegsam, liebenswürdig, gescheit, ein geschliffener Bücher- mensch mit einem-weithin aufgerafften Wissen und mit einein sanften Hang zu erotischer, freundschaftlicher und auch politisch. sozialer Schwärmerei ohne jede besinnungslose Besessenheit, aber auch ohne opfernde Hingabe, war Wieland der rechte Vertreter jener deutschen-„wahren" Ausklärung, die mit allen revolutionären Gedanken und himmelstürmenden Plänen anmutig und witzig spielte, um jämmerlich zusammenzubrechen, wo die Ideen in stür- mischem Anprall Verwirklichung drohten und suchten. Das zentrale Erlebnis war für Wicland die Entdeckung der fleischlichem Liebe. die ihn der Bodmerschen Moraldichterei entzog. Von hier aus gewann er seine sinnenfreudige, gern hellenistisch aufgeputzte Welt- anicha-uung einer leichten leidenschaftslosen Glückseligkeit, die ihm zum Gegner klerikaler Verfinsterung machte und die auch seine politlsch-sozialen Ideale färbte. Von Haus ein Prophet des geraden. nüchternen Menschenverstandes, empfand er doch wieder diese glatte und geheimnisleere Welt als unerträglich dürftig, so daß er es ohne die Zuflucht angenehmer unwirklicher Feerien in ihr nicht auszuhaltcn vermochte. Das ist doch schli-eßlich sein- Staatsideal' ein freundliches Schlaraffenland, in der alle Menschen friedlich, gesellig, sorgenlos leben, ohne Unterdrückung, unter gerechtem Szepter, bei erträglicher Arbeit und hinlänglichem Wohlstand. Vor allem darf es auch nicht an holden Nymphen fehlen, die es lohnt. zu entkleiden, und die ihrerseits solche Entkleidungen lohnen. Wieland ist in allem Uebersetzer, von Büchern. Gedanken unS geschichtlichen Ereignissen. Was andere vor ihm in fremdem Sprachen und in anderen Nationen gesagt, gedacht, gehandelt! haben, überträgt er in sein Deutsch. Er übersetzt buchstäblich oder nur stofflich: Griechenland und das Reich der Tausend und einem Nacht, Plato und Cicero, Horaz und Shakespeare, Lucian und Voltaire, die französische Revolution und dem Diktator Napoleom in das immer höchst Wielandsche Deutsch eines geschichts- und staatlos gewordenen Volkes von dürftigen Untertanen und be- scheiden fügsamer Aufklärung, in das Deutsch eines Biberacher Rats-schreiberS(der doch ironisch über den Akten steht, wie über den leichtbespöttelten Landsleuten), der ein geschmeidig schmeicheln- der Erzieher eines Weimarer Fürstensohnes wird, der einst über 90 000 Seelen herrschen und sie»unbarmherzig arbeiten lassen wird, um das Genieland der klassischen deutschen Dichtung versorgen zu JEönnen. Die Leistung, die Wieland der deutschen Literatur gegeben, war die Ausweitung ihres Stoffkreises und die Verslüssigung der Literatursprache, der er eine liebenswürdige Geschwätzigkeit und eine in ciceronischen Perioden leicht slatternde Behendigkeit lieh. Seine Beliebtheit verdankt er seiner in der ersten Zeit unrein zwinkernden und grinsenden Erotik, die sich späterhin ins Natür- liche veredelte und sogar zu einem Kultus erdfreudiger Humanität steigerte, wenn sie auch immer unter einem ungeheuren Konsum von Korallen und Alabaster die Frauenleiber ein wenig lüstern be- tastet. Zuletzt gewinnt doch sein Kampf gegen alle Heuchelei nnd Prüderei etwas wie Größe, und seine Zärtlichkeit für alle �leicht- füßigen Aspasien, Phyrnen und Danaen bereitet doch eine soziale Auffassung aller menschlichen Erscheinungen und eine Befreiung von dem tausendjährigen Wust krankhafter Verziehung licbens- würdig vor. In einem überragt Wieland die führenden Weimarianer und wird hier nur noch von Herder übertroffen: in seiner lebendigen Teilnahme an den großen Zeitereignissen, deren Zeuge er sein durfte. Aber gerade hier zeigt sich auch die ganze Schwäche jensr höfischen Kultur, in die er eingespannt war und die ihn verdarb. Das rege journalistische Bedürfnis, das ihm als Herausgeber des ewig stoffhungrigen Journals des..Teutschen Merkur" notwendig war, trieb ihn an, mehr über die Vorgänge der Zeit zu äußern, als irgendein anderer Weimarianer. Mit politischen Problemen hatte er sich seit frühen Jahren schriftstellerisch beschäftigt. Er hatte immer einen Hang ins Uto- pische. Die Verwirklichung seines Staates der allgemeinen Glück- seligkeit und Freiheit aber dachte er sich genau so, wie sie alle Lite- raten seiner Zeit denken mußten, wenn anders sie nicht die Wur- zeln ihrer Existenz zerschneiden wollten. Sic lebten von höfischen Gönnern, die vor der Revolution sehr gern sich durch revolutionäre Gedanken kitzeln ließen. So ist es auch bei Wieland immer ein weiser Fürst, der von einem Philosophen erzogen und beraten wird', der unter menschlich milder Regierung und vernünftigen Gesetzen die allgemeine Wohlfahrt gewährt. Die Völker haben derweilen nichts anderes zu tun, als sich von allem Aberglauben durch die wahre Aufklärung befreien zu lassen und allmählich in einen ge- sitteten und gebildeten Zustand emporzuwachsen. Wieland schrieb schon eines seiner ersten Werke, den Cyrus, zu dem Zwecke, um Friedrich II. von Preußen für solche Menschenbeglückung zu ge- Winnen, und seinen Goldenen Spiegel wollte er Josef II. von Oesterreich vorhalten, mit der stillen Hoffnung, dieserhalb nach Wien berufen zu werden.(Das Werk brachte ihn aber nur nach Weimar.) Die Vorarbeiten für die Erreichung all dieser schönen Dinge legte Wieland vertrauensvoll in die Hände eines nicht existierenden Bundes der Kosmopoliten, die beileibe nicht etwa eine über alle Länder sich erstreckende tatsächliche Organisation bilden sollten, denn das war verboten und wäre als Propaganda für todes- würdige Verschwörungen dem guten Untertan Wicland übel be- kommen. Diese Kosmopoliten waren vielmehr jene Menschen, die sich, durch die Schule der wahren Aufklärung gegangen, von selbst zusammenfanden, alle daäfelbe dachten und wollten, vermutlich, weil'sie alle Wielands Schnften gelesen hatten, die jedoch wiederum auch keinen Schritt taten, um ihre Gedanken zu verwirklichen. Schon in den Abderiten hatte Wieland von der unsichtbaren Gesellschaft der Kosmopoliten gesprochen, die ohne Verabredung, ohne Ordenszeichen, ohne Loge, ohne Eidschwüre die festeste Brüder- schaft bilden, die sich sofort finden und erkennen, wenn sie irgendwo aus Erden zusammentreffen. 1788, also im Morgengrauen der Revolution, erläuterte Wieland„das Geheimnis des Kosmopoliten- ordens". Da hieß es:„Der Kosmopolit ist vermöge seiner wesentlichsten Ordenspflichten immer ein ruhiger Bürger, auch wenn er mit dem gegenwärtigen Zustande des gemeinen Wesens nicht zufrieden sein kann.... Nie hat ein Kosmopolit an einer Zusammenver- schwörung, an einem Aufruhr, an Erregung eines Bürgerkrieges, an einer gewaltsamen Revolution, an einem Königsmord absicht- lichen Anteil gehabt, noch jemals diese oder ähnliche Mittel, die Welt zu verbessern, gebilligt, geschweige empfohlen und öffentlich zu rechtfertigen unternommen." Das war noch reichlich der brave deutsche Untertan mit der wahren Aufklärung im Gehirn und auf dem Papier und mit der geduldigen Ruhe als der ersten Bürgerpflicht. Aber in dem höfi- Shen Pensionär— Wieland bezog, nachdem sein Schüler Karl ugust zur Regierung gelangt war, ein lebenslängliches Gnaden- gehalt von tausend Talern— lebte eine Seele, die viel zu empfäng- lich für das Große in der Kunst wie im Leben war, als daß ihn nicht der Ausbruch der Revolution aus dieser muffigen und feigen Philisterei hätte aufscheuchen müssen. Alle utopischen Hirngespinste, all das gemeinplätzige Geschwätz über die beste Staatsform, über Monarchie und Republik, über Aristokratie und Demokratie, deich letzterer er im Agathon eine nicht allzu ernste Anklagerede gehalten hat,— das verflog nun unter der stürmischen Gestaltung neuen Lebens, Utopien wurden Wirklichkeit. Die unsichtbaren und un- greifbaren Kosmopoliten, die im Grunde nur zweibeinige Bücher waren, wurden jetzt Fleisch und Blut. Auch Wieland wie vielen anderen Deutschen war es, als ob sich jetzt die heißeste Sehnsucht ihres Daseins erfüllte. Und gerade er, der vorsichtigste und sorg- fältigste Rechner, der verzärtelte Feind aller persönlichen Ungelegen- heiten, ging nun nach einigem Zögern mit einem fast besinnungS- losn Ungestüm in das Lager der Rivolution über. Sowohl in den fabulierenden Neuen Göttergisprächen, wie in den poli- tischen Aufsätzen seines«Teutschen Merkur" rauschte es voll revo- lutionärer Begeisterung. Als im Februar 1790 die französische Nationalversammlung alle Mönchsorden und Klostergelübde auf- hob, nannte Wieland dieses Dekret eine Begebenheit, die ihres- gleichen in der ganzen katholischen Welt nie gehabt hat. Er schwärmt von den fast unübersehbaren heilsamen Folgen, die es für die Agrikultur, die Bevölkerung, die bessere Erziehung der Jugend, den besseren Unterricht des Volkes hervorbringen müsse. Ganz radikal wehrt Wieland die Zaghaften ab, denen das Vor- gehen der Franzosen zu stürmisch war. Eine neue Konstitution könne kein Flickwerk, keine Ausbesserung eines alten, finsteren» häßlichen, allenthalben mürben und einfallenden Gebäudes sein, sondern sie müsse von Grund auf ganz neu aufgeführt werden. Kein Mittel, das zu diesem Ziele führte, konnte ihn schrecken; und gerade Wieland halte durchaus Verständnis und äußerte es auch, daß es bei so ungeheuren Umwälzungen nicht ohne Gewalttätig- keilen abgehen könnte. Aber in Deutschland wurde bald von den zitternden Fürsten und dem aufgeschreckten Adel der Krieg gegen den Erbfeind im Westen gerüstet; und die revolutionären Ge- danken, die. vordem eine leckere Unterhaltung für ihre müßigen Köpfe waren, zu deren Ausspinnung sie sich ihre Hosnarren hielten, wurden jetzt, da sie Muskelkraft erhielten, als todeswürdiger Hoch- verrat verfolgt. ES Mst ein erbarmungswürdiges Schauspiel, zu sehen, wie Wieland, unter dem äußeren Zwang seiner Umstände, einlenkt, wie er Leuten und vielleicht auch sich selbst einzureden sucht, daß die Wandlungen seiner Anschauungen durch die Enttäuschung über die Endwickelung der Revolution veranlaßt seien; wie er anfangs noch unter der Maske eines parteilosen Zuschauers die revolutionären Gründe fehr kräftig und die konterrevolutionären Gegengründe recht schwächlich gegeneinander abwägt, um doch wenigstens die Tat- fachen und die Gedanken der Revolution aussprechen zu können; wie er dann auf der einen Seite durch den öffentlich ausgesprochc- nen Vorwurf des Verrats aufgepeitscht, auf der anderen Seite selbst des Umsturzes verdächtig, mit dem schlechten Gewissen und dem ungeschickten Eifer des Renegaten alle revolutionären Neigungen und Aeußerungen abzuleugnen und abzuschwächen versucht. Ge- legentlich gibt es noch Rücksälle in die alte Begeisterung, so unter dem Eindruck der gewaltigen Waffenleistungen, die die Heere der Republik vollbrachten. Später, 1798, in den Gesprächen unter vier Augen, ist dann jede revolutionäre Begeisterung erstickt. Hier kehrt er zur Anbetung des fabelhaften Regenten zurück, der allweise und allmächtig die Völker beglückt, der freilich nicht gerade von Gottes Gnaden zu sein braucht. Das zweite dieser Gespräche dadurch merkwürdig geworden, daß er hier— wohl die erste Anregung dieser Art in der europäischen Oeffentlichkeit— den Franzosen empfahl, sich den in schimmernden Worten über die Maßen gepriesenen General Bonaparte als rettenden Diktator zu nehmen. Diese merkwürdige Prophezeiung, die sich sobald erfüllen sollte, veranlatzte 1800 das englische Regierungsorgan, den deut- scheu Schriftsteller„Wieland" zu beschuldigen, daß er Mitglied einer internationalen Verschwörerbande sei, der mitgeholfen habe, den Jakobiner-Cäsar zur Herrschaft zu bringen. Erschrocken wehrte sich Wieland gegen den Verdacht; jener Rat sei nur ein ahnungs- loser Scherz gewesen. Immerhin scheint er nicht ganz ohne Ein- Wirkung eines in Weimar weilenden Franzosen entstanden zu sein, der hernach-in der Umgebung Napoleons an hervorragender Stelle tätig war. I�lascbmen im Ubeater. Bei den Ausführungen des„Faust" wird das„Vorspiel auf dem Theater" fast niemals dargestellt. Dabei findet sich darin ein Satz, der als ein Motto für alle„Faust".Aufführungen in den großen Theatern von heute gelten kann. Der Direktor sagt zu den Männern, die das nun folgende Stück vorbereiten:„Schonet mir an diesem Tag Prospekte nicht und nicht Maschinen!" Uns wahrlich werden heutzutage bei der Darstellung phantastischer Stücke auf allen Bühnen, die etwas auf sich geben, tziefe beiden Dinge nicht geschont! Namentlich Maschinen werde» in weitest- gehendem Maße heute zur Versinnlichung des„Faust" und aller anderen Werke mit vielem Szenenwechsel und großem dekorativen Aufwand herangezogen. Die große Schauspielbühne und noch mehr fast die Oper haben ganz gewaltige Maschinenanlagen, um alle möglichen szenischen Vorgänge möglichst„natürlich" dem Zu- schauer vor Augen zu stellen. In keinem der in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ge- bauten Theater gibt es noch eine Bühne, die nichts weiter als einen einfachen bvetternen Fußboden hät e. Ueberall sind ausgedehnte Anlagen von vornherein hineinkonstruiert, um ein rasches Um- bauen der Szene zu ermöglichen. Die heutigen Dekorationen sind ja oft so kompliziert, daß die einzelnen plastischen Stücke sehr schwer abzutransportieren sind, und daß ihre Zahl viel zu groß ist, um in ein paar Minuten weggeschafft werden zu können. Man muß schon dafür sorgen, daß die ganze Szene in ihrer Gesamtheit auf einmal entfernt werden und die Nächste, schon borber anfge- baute, rascheft an ihre Stelle rücken kann. Diesen Effekt bewirkte zuerst die von dem Mafchinerie-Direktor der Münchener Hof- theater. Lauten sckläger, konstruierte Drehbühne. Sie besteht aus einer in den Bühneuboden eingelassenen grasten drehbaren Scheibe. Man baut die erste Szene auf dem Teil der Scheibe auf, der ge- rade der Bühnenöffnung gegenüberliegt. Dahinter kann man bann einen zweiten und, bei räumlich wenig ausgedehnten Szenen, «vie z. 83. Zimmern, auch noch einen dritten Aufbau herstellen. Beim Szenenwechsel braucht die Scheibe nur gedreht zu werden, mm die neue Dekoration vor die Bühnenöffnung zu bringen. Die Drehbühne ist eine vortreffliche Erfindung. Sie ge- fftattct da? Herrichten von schweren, ausgedehnten Dekorationen. die bis dahin kaum möglich waren, weil das Auf- und Abbauen auf dun festen Bühnenboden viel zu lange Pausen notwendig ge- -macht hätte. Die durch ihre Plastik berühmten Bühnenbilder Reinhardts mit ihrer subtilen Ausgestaltung wären ohne die Dreb- bühne fast unmöglich gewesen. Heute aber, nach überraschend Zurzer Zeit, gilt diese Konstruktion schon als veraltet. Sie wird bei keinem grasten Neubau, wenn nicht gerade die Platzverhältniste sehr beschränkt sind, mehr verwendet. Die Drehbühne ist nun durch die Schiebebühne abgelöst, wie sie z. B. da? groste Hoftheater in Stuttgart und daS Deutsche OpernbauS in Charlottenburg in sehr grohen Dimensionen zur Freude ihrer Maschinerie-Direktoren be- sitzen. Die Drehbühne hat nämlich eine Reihe bedeutender Fehler. Wenn gespielt wird, ist es sehr schwer, auf dem Hinteren Teil der Scheibe zu bauen, da hierbei Geräusch gar nicht vermieden werden kann. Dann war man durch die gebogene Randform der Scheibe stets zu unangenehmen, nach vorn sich verjüngenoen Formen des ÄufbauS gezwungen, da dock alle einzelnen Stücke auf der Dreh- fcheibe stehen mustten. Meist war es unmöglich, die wirklich vor- Ihandenc Breite der Bühne ganz auszunutzen. Dann machte auch die Konstruktion der Unterbühne, die Anlage der Versenkungen Schwierigkeiten, wenn man nur eine einfache drehbare Plattform lbatte. So wurde eS natürlich unmöglich, die Versenkungen überall Ka benutzen zu können, wo man sie gerade brauchte. Sobald aber die Unterbühne mit ihren mächtigen Maschinen mit drehbar ge- anackt war, wie das z. B. im Neuen Schauspielhaus in Berlin der Fall ist. gelangte man zu ganz ungeheuren, sehr teuren Kon- struktionen. Die neue Schiebebühne beruht auf einem ganz anderen, Kraktischen Prinzip. Rechts und links neben der eigentlichen Bühne liegt je ein Raum, der so breit ist wie die Bühnenöffnung. In jedem dieser Räume steht ein Fustboden von der Breite der Bühne, der nack der Seite verschoben werden kann. Die beiden Seitenbübnen sind durch eiserne Tore zu verschliestcn, durch die kein Schall dringt. Wenn eine Szene aufgebaut und der Podest auf die Bühne geschoben ist. so kann auf der andern Seite die zweite Dekoration hinter geschlossenen Türen in aller Ruhe her- gestellt werden. Auch die Darsteller der zweiten Szene, insbcson- drre schwierige und umfangreiche Statistengruppen, können hier schon Aufstellung nehmen. Sobald der Vorhang fällt, wird der erste Podest nach rechts fortaezogen und sofort rollt die nächste Szene von links heran. Es kann, selbst bei ganz gewaltigen Auf- bauten, schon nach kürzester Zeit t veiter gespielt werden. Rechts i>aut man indessen von neuem auf, und die Verschiebung geht dann in umgekehrter Richtung vor sich. Dabei entstehen für Versenkungen xmd sonstige Anlagen gar keine Schwierigkeiten. Die moderne Bühne bat dann vor allem noch einen sehr fein »ind kompliziert aufgebauten Beleuchtungsapparat..Es befinden sich in der BeleuchtungZkammer vier Serien von Hebeln, von denen jede eine bestimmte Farbe in den Lampenreihen bedient. Man hat jetzt überall weiße, rote, grüne und gelbe Lampen neüenein» .ander. Durch deren Mischung sind alle Farbennüancen zu erzielen. Man kann durch die einzelnen Hebel in jeder Reihe be- 'liebig viel Lampen von jeder Farbe einschalten. Bei Nebergängen. von Nacht zum Tag z. B.. kann man mit Hilfe eines sinnreichen Mechanismus alle eingeschalteten Lampen derselben Farbe durch Drehen eines Rades gemeinschaftlich und gleick>mäßig beeinflussen. sie ganz allmählich heller oder dunkler werden lassen, so daß sehr weicdc Nüaneierungen entstehen. Offene Flammen werden heute auf der großen Bühne über- lhaupt nicht mehr benutzt. In den Lampen jeglicher Art, die auf der Bühne brennen, steckt schon seit langem in irgendeiner Ver- ihüllung eine elektrische Glühbirne. Bis vor kurzem aber waren die Fackeln immer noch offen brennende Flammen. Das hat nun durch eine Erfindung des Maschineric-DirektorS der Königlichen Theater in Berlin, Brandt, auch aufgel?ört. Die Fackeln sini, jetzt kaschierte Röhren, m denen eine kräftige Glühbirne und ein kleiner Ekktroveiltilator nebst einem Akkumulator stecken. Am oberen Rand der Röhre sind spitz zulaufende Seidenbänder in roter und «Iber Farbe angebracht. Wenn man den Einfchalteknopf drückt, so läuft der Ventilator er und läßt die Seidenbänder durch den ent stellen den Luftzug hin und her zucken. Sie werden ferner von dvr Lampe grell beleuchtet, so daß sie vollkommen den Eindruck eines flackernden Feuers erwecken. Große Brände werden nack derselben Methode durch starken Wind und beleuchtete Seidenzungen dargestellt. Der Oualm Werantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: wird durch Wasserdampf in gleichfalls stets ungefährlicher Weife hervorgebracht. Die Versenkungen fahren von unten her mit Hilfe großer hydraulischer Prefien auf. Diese Plattformen sind oft mehrere Meter lang und vermögen riesige Aufbauten aus der Unterwelt emporzuzmrbcrn. Dann gibt es noch die Flugwerke, mit oenen Personen über die Bübne stiegen können, die Blitz-, Donner- und Schußmaschinen, die Rund- und.stuppelhorizontc als trefflichen Ersatz der früheren in häßlicher Weise senkrecht her- unterbängenden..Himmel'-Fetzen, die Windmaschine und vieles ändere. Bei einer großen Aufführung sind also heute wirklich ..Prospekte und Maschinen" in allereifrigster Bewegung. illK. Kleines Feuilleton. Aus der Natur. Haushohe Meereswellen. Wenn eine Landratte, die sich einmal aufs Wasser begeben bat, von haushohen Meereswellen erzählt, so ist dieser Ausdruck meist nicht ernst zu nehmen, obgleich er insofern schon vorsichtig gewählt ist. als eS ja Häuser von sehr verschiedener Höhe gibt. Selbstverständlich hat man sich bemüht, die Höhe der MeereSwellcn genauer zu bestimmen, und ist zu dem Er- gebnis gelangt, daß Wellen von mehr als 10 Meter Höhe schon zu den Seltenheiten zu rechnen sind. Die ungcwöbn- lich heftigen Stürme, die um die Zeit des Jahreswechsels im nördliwen Atlantischen Ozean und im Kanal geherrscht und selbst großen Schiffen erheblichen Schaden zugefügt haben, lenken die Auf- inerkiamkeit wieder auf die Frage, welche Höhe die Meeresivelle im Höchstfall erreichen kann. Der erste Offizier des großen Ueberseedampfers„Narrung", der beim letzten Sturm eine schwere Havarie erlitt, schätzte die Höhe der Welle, die den größten Teil der Zerstörung veruriachte, auf 70 Fuß oder rund 21 Meter. Wahrscheinlich ist auch diese Angabe, obgleich sie von einem erfahrenen Seemann stammt, etwas zu hoch gegriffen. In den Lehrbüchern der Meereskunde werden Höhen von 16 bis 13 Meter als äußerste Ziffern angegeben. Die Wochen- fchrift„Nature" stellt einige Angaben über die höchsten Mecrcs- wellen zusammen,«diniral Fitzroh berichtet in einem Werh daß er in der Nähe der Bucht von Biskaya selbst Wellen gesehen habe, die nicht unter 18 Meter Höhe haben konnten und setzt allerdings hinzu, daß er nie zuvor eine solche See gesehen habe, weder am Kap Horn noch am Kap der Guten Hoffnung. Mit der neuesten Schätzung stimmt der Kapitän Kiddle vom Dampfer „Celtic" überein, der für einige Wellen im mittleren Atlantischen Ozean durch zuverlässige Mesiungen gleichfalls eine Höhe von 2t Meter bestimmt haben will. Admiral Wharton, der frühere Hydrogravb der englischen Marine, hält 15— 18 Meter für da» wahr- scheinlichste Maximum, obgleich er ganz ausnahmsweise Wogen bis zu 27 Meter Höhe anerkennen will. Meteorologisches. Eisregen. Im Winter tritt der in anderen Jahreszeiten unerhörte Fall ein, daß die Lust mit der Erhebung vom Erdboden an Wärme zunimmt. Im Sommer k»m nur die Schicht unmittel- bar über dem Erdboden zur Nachtzeit sich stärker abkühlen, wenn der Himmel besonders klar und infolgedessen die Ausstrahlung der Wärme von der Erde auch stark ist. Darauf beruht dann der Rieder- schlag des TaueS. Sonst aber wird die Lust gewöhnlich nach oben hin immer kälter. Man nennt daher den im"Winter eintretenden Ausnahmefall auch die Temperaturumkehr. Sie kann sehr beträcht- liche Abweichungen von der Regel bedingen. An einem Wintertage beispielsweise, an dem in der Umgebung von Berlin am Boden eine Temperatur von— 15 Grad herrschte, stellte ein mittels Flugdrachen gehobenes Thermometer in 500 Meter Höhe knapp — 2 Grad und in 800 Meier sogar eine Temperatur von 3 Grad über dem Gefrierpunkt fest. Auf solchen Temperawrverbältnissen beruht auch die Erfchemung, der Eisregen. In den Höhen der Atmosphäre, wo die Verdichtung der Wolken erfolgt, bildet sich Regen, der aber beim Niederfallen gefrieren muß, weil er in Luft- schichten gerät, deren Temperatur weit unter dem Nullpunkt liegt. In Mitteleuropa find derartige Eisregen ziemlich selten, recht häufig dagegen in den Neuenglandstoaten Amerikas. Der Niederschlag kann noch als Regen zum Boden gelangen, wenn die Temperatur bis zu—12 Grad gesunken ist, muß aber natürlich so- fort gefrieren, wenn er auf die Erde selbst auftrifft. Nicht selten überzieht sich der Boden mit allen daraus befindlichen Gegenständen mit einer Eisschicht von Zolldicke, und bei einem Eis- regen, der einmal drei Tage lang über Boston niederging, erreichte der Sispanzer sogar eine Dicke von drei Zoll oder 7'/s Zentimeter und war erst vier Tage nach dem Aulhören des mit heftigen Stürmen verbundenen Regen« verschwunden. Ein Drachenaufftieg vom Blauen Hügel bei Boston hat gelehrt, daß solche Eisregen da? Vorhanden- sein emer verhältnismäßig warmen Schicht in größerer Höhe voraus- setzt. Bei diesem Versuch Iviirden die Hilssdrachen, die zur Hebung des Hauptdrachens in gewissen Abständen an der Leine befestigt werden, so stark mit Eis bedeckt, daß sie den Drachen herunter- zogen._'_ LorwärtSBuchdruckereiu.LertagöanjtaUPaulSingerckCo.xBerlinSU»