Anterhaltungsblatt des Horivärts Sir. IS. DonnerStag� den 23. Januar. 1913 16] Gefliehte einer Bomb«. Von Andreas©trug. Die Massen der Nationen werden einander in die Arme sinken. Eine ungeahnte Brüderlichkeit wird die Gestalt der Welt verändern, und der Wolf wird weiden bei dem Schaf. Oder aber die Welt wird dastehen im Feuer der Vernichtung. Rot von Blut werden die Ströme fliesten. Und die uner- westlichen und unergründlichen Meere werden sich purpurn färben. Was einem lieber ist. Diese gehcstnnisvolle Kraft befahl auch dieser Greisin Zu leben, zu arbeiten und ihre Kinder zu versorgen. Sie achtete darauf, daß die Alte nicht einen Augenblick zur Ruhe kam am Tage und die Nächte nicht schlief, sie sorgte dafür, daß ihr Kopf nie zur Ruhe kam, und daß selbst ihre Träume voller Unglück waren. Sie verlieh ihr die geniale Fähigkeit, aus dem Mist noch, aus Resten und Fetzen, auf die nur jene, die Hungers sterben, gierig sind, einen Verdienst für sich auszu- graben. Sie war es, die ihr einredete, daß der Hunger etwas Natürliches sei, Lumpen Kleidung, daß man im Winter er- starren müsse vor Kälte und im Sommer in den Stuben hoch unter den Blechdächern ersticken. Daß ein jeder das Recht habe, sie auszunutzen, zu beleidigen... Sie endlich war es. die besser als der Pfarrer und der Polizei dafür sorgte, daß die alte Frau unter solchen Umständen ihre Ehrlichkeit be- wahrte— die Hand nicht nach fremdem Gut ausstreckte, nicht zu deutlich ihren Neid merken ließ und sich nicht allzu laut beklagte. So vollzog sich das Wunder, daß sie bis jetzt lebte. Die Kinder waren stets hungrig, stets krank, grün im Gesicht, von Blattern bedeckt, auf krummen Beinen und mit der naiven Frage in den geröteten Augen: Wozu ist wohl das alles?— Die Kinder lebten so lange sie konnten. Sie starben der Reihe nach, nach einen: Jahr, nach zweien. Die Mutter be- weinte sie und borgte sich das Geld zu ihrem Begräbnis. Nur Stasiek war zurückgeblieben, kränklich und schwach wie die andern. Bis in sein fünfzehntes Jahr war er klein und sprach wenig. Der Mutier gelang es durch Protektion, ihn in der Fabrik als Lehrling unterzubringen. Er war fleißig und verdiente drei Jahre nichts, essen aber mußte er. weil er arbeitete. Die Alte hatte kein Leben mehr in sich, blies schon auf dem letzten Loch und nährte sich nur noch ans jener über- natürlichen Kraftquelle, die schon rein aus deni Nichts zu quellen scheint, und die eine Widerlegung der Physiologie, der Theorie von der Energie, und noch vieler anderer feststehender Wahrheiten bildet. Sie hätte nämlich schon längst vor Er- schöpfung sterben und vorher noch vor erschöpfter Geduld ver- rückt werden müssen. Der Hygieniker hat das Recht, mit aller Strenge zu fragen: Wie wagst du e? gegen alle Wissen- schaft zu leben? Der Psychiater würde ihren normalen Verstand als eine Form des Wahnsinns bezeichnen, und der Spezialist, der die Zu- und Abflüsse der Energie mißt, würde, nachdem er aus der einen Seite die ungeheure Arbeitsleistung eines solchen Menschen berechnet und auf der anderen Seite die Anzahl der Kartoffeln, des Schwarzbrotes, der Tränen, Erniedrigungen und Qualen, mit denen sie genährt»ourde, zusammengezählt, erklären, daß die alte Cywik ein wissen- schaftliches Absurdum sei, und daß sie überhaupt nicht existiere. Es werden also noch für lange hinaus die Elemente, aus denen gewisse Erscheinungen oder sagen wir: das soziale Elend sich zusammensetzt, unaufgeklärt bleiben müssen, die... Doch das gehört nicht zur Sache. Denn wir wollen ja bier nicht in die verborgene Mystik des sozialen Lebens ein- dringen. * Es war eine Biichse aus Gußeisen in einem Futteral von gelbem Leder. Die alte Cywik, durch ihren Sohn eingeweiht, verwahrte sie bei einer alten Freundin, die dank mächtiger Beschützer seit zehn Jahren im Asyl für Krüppel, der Stiftung eist er Lodzer Firma, als Pensionärin lebte. Dort war sie sicher. Wer hätte auch auf die Greise und alten Frauen des Asyls Verdacht gelenkt, oder auf die barmherzigen Schwestern, die es verwalteten? Die Greisin hielt die Bombe am Kopfende des Bettes, unter dem Strohsack versteckt. Es ist nicht leicht zu verstehen, weshalb sie sich darauf einließ, einen so gefähr« lichen Gegenstand bei sich zu verwahren. Genug, sie nahm ihn und war stolz darauf. So stolz, daß sie vor ihren Nach- barn rechts und links damit prahlen mußte. Die Neuigkeit, die sich die Weiber in den Nächten zuflüsterten, ging von einer zur andern, gelangte auch in die männliche Abteilung, oder vielmehr zu den Greisen. Das ganze Gesinde wußte davon, die.Köchinnen,— alle. Dennoch blieb das Geheimnis unver- letzt Ulli) kam über den Umkreis des Asyls nicht hinaus. Es gab dort zwar keine überzeugten Revolutionäre, sondern nur zahnlose, kretinhafte alte Männer und Frauen, die vor Alter fast zerfielen. Aber in jenen Zeilen lagen die kkcime der Revolution in der Luft und fielen, wohin der Wind sie trug, die untadeligsten Leute ansteckend. Diese Epidemie dauerte übrigens nicht lange. Die alte Cywik war durchaus keine Sozialistin. Allzu- sehr hatten die Nöte des Lebens ihr zugesetzt, als daß sie ge- glaubt hätte, man könne Armut und Unrecht jemals auS der Welt schaffen. Der Sozialismus, den ihr Sohn Stasiek nach und nach aus der Fabrik nach Hanse brachte, bereitete ihr nur Furcht, denn sie wußte, daß man dafür ins Gefängnis kam. Doch hinderte sie ihren Sohn in nichts, ja half ihm sogar, wenn es nötig war. Erst als die Revolution ausbrach und Stasiek nach einem Streik eine bedeutende Gehaltserhöhung erhielt, als das ganze Volk von Lodz das Haupt erhob und seine eigene Kraft zu erkennen anfing, da erst faßte sie Glauben an ihren Sohn. Dennoch sehnte sie sich nach jenen drei Jahren warmen Glücks zurück. Dieses Glück hatte für sie an einem Sonnabend begonnen, als Stasiek sein erstes verdientes Geld nach Hause brachte. Die Alte brach in Weinen aus. Einen Rubel opferte sie für eine Messe, die sie mit Inbrunst anhörte, vor Freude weinend und in ununterbrochen geflüsterten Gebeten Gott ihre unendliche Dankbarkeit aussprechend. Sie flelste um Ver- zeihung für alle ihre Sünden, für ihre Klagen und Be- schwerden. für ihren Stolz, für ihren Wunsch nach vergäng- lichen Gütern, für ihren Neid ans die Satten und fiir alles, was ihr die Beichtväter vorhielten. Die Alte ruhte ans:— zum erstenmal tu ihrem Leben. Sie konnte es fast nicht glauben, und diese Ruhe quälte sie, setzte sie in Erstaunen und erfüllte sie zuweilen mit Schrecken. Der Sohn erlaubte ihr nicht, einen Verdienst zu suchen. Sie hatte also nichts zu tun. als das Essen zu bereiten, ein bißchen zu nähen und das Zimmer auszuräumen. Vor allem fehlten ihr die Sorgen. Es bedrückte sie, daß ihr Kopf frei davon war. Sie konnte es nicht fassen, daß alles da war. daß sie un- gezählte Stunden mit den Händen im Schoß dasitzen, und die Nächte durchschlafen durfte. Daß sie in der Kirche sitzen konnte, so lange es ihr gefiel. Besuche bei Freundinnen machen und fremdes Elend ansehen. Ihr Gewissen warf ihr diesen Ueberflnß vor und schreckte sie mit göttlichen Strafen. Ihr Vorgefühl verkündete ihr ein rasches Ende dieses Wohl- seins: es mußte ein Unglück kommen, eine Krankheit... Sie beklagte sich: „Ach zu gut! Viel zu gut!" Aber schließlich kann man sich an alles gewohnen. Dte Zeit verfloß und die Alte begann sich schon nach einer Schwiegertochter' umzusehen, aber keine schien ihr für ihren Sohn gut genug. Und er selbst schien keine Eile zu haben-7- er hatte nämlich viel anderes zu tun. Lange konnte die Alte nicht reckt verstehen, womit er sich befaßte, bis eines Tages einige Kameraden Stasiek abzuholen kamen. Und � auf einmal war es ihr. als blickte ihr das alte Leben wieder ins Auge. „Was treibst Du denn?" fragte sie. „DaS, was ich muß, Sie haben nicht den Kops für so was, liebe Mutter. Ich muß es wissen.". „Sie werden Dich fangen, foltern, nach Stbmen verschicken." r.«« ii V „Sie haben kernen Sozialismus gemacht. Mutter, und wurden noch schlimmer gefoltert als in Sibirten, rn dteser ""'alm Gottes willen! Was wollt Ihr Dummen wagenV „Alles. Entweder gehen wir zun» Teufel oder der Kapitalismus. Zahn fiir Zahn.— So ist es jetzt in der ganzen Welt, und es ist gut so." Sie versuchte, sein Herz zu erweichen. „Was soll denn aus mir werden? Ich kann nicht mehr arbeiten I Ich bin alt, verbraucht!" „Eben darum handelt es sich, dasj kein Mensch im Alter ohne Hilfe sein soll. Tas gilt es, und so wird es sein. Bis dahin müssen wir leiden. So haben auch Sie Geduld, Mutter. Meine«chuld ist es nicht. Es ist so in der Welt. Schuldig wäre ich nur dann, wenn ich untätig bliebe, nur an mich oder an Sie dächte. Wenn jeder Arbeiter nur ein guter Sohn wäre, dann würde die Welt nicht voni Fleck kommen. Tas mug man einsehen..." „Ach mein Kind, mein Sohn!" Es kam der Krieg und darauf die Revolution, die großen Streiks, die blutigen Demonstrationen. Aus dem tiefsten Schlamm von Elend und Unrecht wuchs ein geheimnisvolles Wesen hervor, die dunklen Tiefen belebten sich und begannen unerhörte Ereignisse, seltsame Dinge, große Taten und große Verbrechen aus die Oberfläche auszuspeien. Tag um Tag brachte neue Ueberraschungeu. Immer seltsamer veränderte sich die Gestalt des sozialen Lebens und die Forin der menschlichen Seele. Ter Arbeiter selbst wuiiderte sich darüber. Es wunderte sich der Feind, und es wunderten sich die Parteien, die doch angeblich das alles leiteten. Am helleil Tage, in vollster Oessentlichkeit er- eigneten sich Tinge, an die man nicht zu glauben wagte. Aber schon- einen Tag später hatte sie die Welt verdaut, ver- gessen, und ging vorwärts. Alles schien möglich, und alles schien notwendig. Die alte Welt erhob ihre Klagen bis zum Himmel. Es fürchteten sich die Mächtigen, und es wurden kühn, die niemals gewagt hatten. Alles stand aus dcni Kopf. Ordnung und Ruhe waren vernichtet. Recht, Sitte, Autorität zertreten. Die einen sagten, es sei das Ende der Welt, die andern, ein neuer Anfang. Niemand begriff etwas. Man wartete auf deir nächsten Tag. Die Publizisten wußten nicht, was sie schreiben sollten, die Führer der Nation, wessen sie gewärtig sein sollten. Es war gut, daß die Regierung ihre Macht einbüßte, und es war schlecht,— denn das Gesindel kanl obenauf. Es war gut, weil eine Aenderung notwendig war, und es war schlecht, denn die Veränderung konnte zu weit gehen. Gut waren die Arbeiterdemonstrationen, die Aufrufe gegen die Re- gierung, die Attentate,— schlimm waren die Streiks, die Teuerung, der unheimliche Niedergang von Handel und Gewerbe. Gut war, daß die Sozialisten der Regierung in den Arm fielen,— schlimm, daß die Regierung die maßgebenden Faktoren nicht berief, um das Land zu beruhigen. Gut waren die Unruhen,— schlimm, daß es keine Aussicht auf Ruhe gab. Herz und Sinne erwarteten alles Gute, die Augen aber saheii nur Böses. Damals geschah es, daß die besten Kräfte das Land verließen, um draußen den Erfolg von alledem abzuwarten. Die Führer der Seelen, die Pfleger der Ver- gangenheit, die Regenten der Zukunft einigrierten in langen bequenien Schlafwagen über die Grenze. Im Lande blieb die Anarchie zurück, die auf Tod und Leben gegen die Repressalien der Regierung kämpfte. Und von verschiedenen Punkten des Auslandes richteten sich auf- merksame Blicke nach dem Vaterlande, als fragten sie: wird Petersburg nun bald um Hilfe rufen?~ Und man teilte sich im stillen bereits in die zukünftigen Würden, in die Arbeit in» neuerstandeiten Vatcrlande. (Fortsetzung folgt.f 11 Hn die Scholle gebunden. Von G n st a f I a n s o n. In demselben Jahre al» Hans MortenSson eingesegnet war, sagte eines TagcS der Vater zu ihm und seiner etwas älteren Schwester: „Hier sind für jeden von Euch sechs Krontaler, mehr kann ich Euch nicht gebe». Morgen fahrt ihr nach der Stadt und sucht Euch cineit Dienst.-— Die Geschwister standen in der Küche und starrten mit ihren grauen, ausdruckslosen Augen die Eltern an, die auf dein hölzernen Sofa Mittagsruhe hielten. Die Mitteilung bereitete den Kindern kein« Neberraschung, denn erstens war bereits früher davon die Rede ? gewesen, und andererseits erinnerten sie sich, wie ihre älteren Brüder vor zwei Jahren unter ähnlichen Umständen das Elternbaus ver- ließen. Mit steifem Kopfnicken nahmen sie schweigend das Geld in Enipfang. „Das Ge'chäft ist zu klein, um mehr als vier hungrige Mäuler, wie Eure zu sütler»", fügte der Vater hinzu, dem vermutlich eine Erklärung notwendig dünkte. Abermals nickten die Geschwister, denn auch das war ihnen nichts neues. Jedes mit seinem Bündel in der Hand, verließen sie am fol- genden Morgen das elterliche Haus und zogen in die Welt binaus. Der Abschied war kurz und lrünenlos. Die Eltern waren bei der Frühjahrsarbeit, der älteste Bruder halte bereits zwei jüngere den- selben Weg ziehen sehen, und die kleinste Schwester begriff noch nicht. um was es sich handele. „Adieu, Tina 1" sagte die Mutter,„bleib' brav, daß man sich Deiner nicht zu schämen braucht." Das Mädchen murmelte etwas zwischen den Zähnen und war zur Tür hinaus. „Tu' Deine Pflicht, Hans!" ermahnte der Vater mit einem Anflug von Rührung. „Will's versuchen," entgegnete der Sohn, indem auch er sich beeilte, hinaus ins Freie, in den Sonnenschein zu komme». Senri« mentaliiät war ihm sreind. und es ärgerte ihn fast, daß man von einer so alllägtichen Sache Aufhebens machte. Er war nur stoh, von allem befreit zu sein, das ihm Zwang denchte. In seinem Gehirn regten sich weder Gedanken noch Wünsche, auch hegte er weder Flucht noch Hoffnungen, ebenso wenig wie er von einer glänzenden Zukunft träumte,' wie eS sonst Jünglinge zu wn pflegen. wenn sie ins Leben hinaustreten. Hans war ein untersetzicr, breitschultriger Bursch mit etwas zu langen Armen und einem Paar groben Arbeilsfäusten, in die er noch nicht hineingewachsen zu sein schien. Lächelte er auf seine täppische Art, zeigte er ein Gebiß, stark genug, um eiserne Rägcl zu zerbeißen. Die Geschwister gingen schweigend, ein jedes auf einer Seite der Landstraße. Viele hundertmal hatten sie dieselbe zurückgelegt und kannten jeden Stein an« Wege. Daß dieser sie fort von ihrer Heimal fiihrte. beunruhigte sie weiter nicht. An der Schiffsbrücke angelangt, warteten sie geduldig auf das Dampiboot, während sie gleichgültig und gedankenlos hinaus ins Meer starrten, an dessem Strande sie aufgewachsen waren. Sobald das Schiff angelegt hatte, gingen sie an Bord und- nahmen, ohne ein Wort zu verlieren, aui dem Zwischendeck Play. Der alte MortenSson war wegen seiner Worilargheit belannt, und den Kindern war sie in Fleisch und Blut übergegangen. Bei der Ankunft in Stockholm erkundigten sie sich nach einem Mietskontor, und da sie— wie man ihnen sagte— Glück hatten und keinerlei Ansprüche machten, erhielten sie sogleich Stellen, die Schwester als„Mädchen für alles", bei einer mit Kindern reichlich gesegneten Familie, der Bruder als Lausbursche bei einem Viktualien- bändler. Obne Lebewohl trennten sie sich und steuerten mit ruhigen, festen Schritten ihren verschiedenen Zielen zu.— Zwei Jahre später besuchte Hans eines Sonntags die Eltern auf der Intel. „Ra?" fragte der Bater. „O, ja," entgegnete der Sohn. Das genügte dem Vater, und damit war die Unterhaltung zu Ende. Wohl stellte die Mutter noch ein paar Fragen, worauf Hans antwortete: «Ich klage nicht." Sie war gleichfalls zufrieden gestellt, und Hanö ging in dm Stall hinaus, streichelte die drei Kühe, besichtigte die Schafe und warf einen Blick auf die Aecker. WaS er dachte, wenn er überhaupt Gedanken hegte, war nicht auf seinem Geficht zu lesen. Wie's recht und billig war, erhielt er zu esien, und als die Zeit der Rückkehr nahte, fragte er: „Und hier?" „Wie früher", entgegnete der Vater. Mehr verlangte Hans nicht zu wiffen, worauf er ging, wie er gekommen war. Es währte drei Jahre, bevor sich HanS wieder blicken ließ. Da die Eltern sahen, daß er gut gekleidet war und Zigarren rauchte, sparten sie sich überflüssige Fragen. Er seinerseits merkte, daß alles beim alten war und schwieg ebenfalls. Nachdem er sich gründlich in Stall und Scheune umgesehen hatte, nahm er Abschied. Der Bruder begleitete ihn zur Schiffsbrücke. Er schien etwa« auf dem Herzen zu haben, aber wie dem nun sein mochte, blieb es unausgesprochen. Als HanS da? nächste Mal die Insel besuchte, trug er Garde- uniform. „Hoho I" brach der Vater ans. „Ja, ja l" entgegnete der Sohn. „Kommt was dabei raus?" fragte die Mutter, nachdem die be- goimene Unterhaltung beendigt schien. „Essen und Wohnung." „Weiter nichts? »Muß man abwarten." Damtt war das Thema erledigt. Auch dieses Mal leistete ihm der Bruder auf dem Heimwege Gesellschaft und eS glückte ihm wirk- lich, das Zungenband zu lösen. „Na— tmb Jina?' begann er schücktern. HcinS flieg einen Fluch aus, daß es durch den Wald schallte. „Ja, siehst Du. die Stadt... ja. die Stadl,'* seufzte der Bruder resigniert, jedoch mit einem Anflug von Billerkeil. „Die ist gut genug, aber..." Da Hans schwieg, fiel der ältere nach einigem Zögern ein l „Das Land ist besser." „Gehauen wie gestochen," bemerkte Hans. „Soviel ist gewiß, daß Schwester Elna nicht dorthin kommt," versicherte der Bruder, indem er seine sehnige Faust ballte, als wolle er zubauen. „Klug." entschied Hans. Mit flüchtigem Kopfnicken, ohne Wort und Händedruck trennten sich die Brüder. Als Hans drei Jahre später wieder im Elternhaus stand, trug er keine Uniform. „So— o?" sagte der Vater gedehnt. „Ging zu langsam," erklärte Han-Z. Er hatte bereits bemerkt, daß es daheim ärmlicher denn je zu- vor aussah. „Krank?" fragte er. „Mutter und ich." entgegnete der Vater,„haben beide fast n ganzen Winter gelegen." Darüber war nichts zu sagen, weshalb Hans schwieg. Aber eS hatte den Anschein, als fühle er sich nicht so heimisch wie früher. EtwaS freu, der, etwas, das ihn peinigte, schien in der Lust zu liegen. Wie gewöhnlich ging er umher, streichelte die Kühe, unter- suchte die Gerätschaften und schüttelte bisweilen mißmutig den Kopf. Diesmal begleitete ihn der Bruder nicht zum Schiff, sondern blieb am Gehege stehen. „Schulden?" fragte Hans. Der andere nickte müde. Daß er seit dem letzten Besuch be- denklich gealtert war. war Hans nicht entgangen und er schüttelte abermals den Kopf. „Kann nicht helfen," waren seine letzten Worte, bevor er ging. Stumm blickte der Bruder zur Seite.— Im Herbst desselben Jahres wiederholte HanS seinen Besuch. AlS er bemerkte, daß die Schwäche der Eltern zugenommen halte, eine Kuh verkauft war und allerwegen Schmutz und Unordnung herrschte, schien er niedergeschlagen. .Berkehrt", murmelte er. zum Bruder gewandt, der ihm auf Schritt und Tritt folgte. Der nickte still. Er machte den Eindruck eineS geschlagenen Mannes, und Hans, der nicht begriff, was ihm fehlen könne, fühlte sich satt verletzt. „Viele Schulden?" fragte er nach einer Weile. „Die Zinsen allein fressen das Geschäft." „Wie viel?" Der ältere nannte eine Summe, worauf Hau? in Rachdenken versank. Nach einer langen Pause, während der er im Kops zu rechnen schien, spie er ärgerlich zur Seite und murmelte: „Kann nicht helfen." Das hatte der Bruder auch nicht erwartet, weshalb er keinerlei Euttäuschung zeigte. (Fortsetzung folgt.) Collis Conntb» (Zur Ausstellung in der Sezession.) Es ist ohne Zweifel interessant, das Lebenswerk eines Malers übersehen zu können; man wandert von Bild zu Bild und spürt, wie der Künstler wurde, woher er kam und wie cr sich entwickelte. Dabei kann eS mm geschehen, daß das so enthüllte Geheimnis den Ruhm, den der Maler bisher durch einzelne Werke sich erwarb, arg gefährdet: eS zeigen sich die Lücken, die Brüche, die Anlehnungen. Es ist fast die Regel, daß große Kollektivausstellungen das Urteil über einen Künstler ungünstig beeinflussen. jMan braucht nur nach der Akademie zu gehen und das Lebenswerk Albert Hertels anzu- sehen.) Es spricht entschieden für die Poien� und die Lualitäi EorinthS, daß die 228 Werke, die in den Räumen der Sezeipon beieinander hängen, die Persönlichkeit dieses Künstlers stärker als dieS je zuvor geschah, zur Erscheinung bringen. Gewiß, eS wird zuviel gezeigt, es hängen auch die Arbeiten der verschiedenen Jähre zu sehr durcheinander; es hätte eine vorsichtigere Auswahl ge- troffen werden können. Dennoch: wir erleben in dieser Corinth- auSstellung das Seltene, das auch das Zuviel einen Wert verbirgt. Tie Fülle, das Rastlose, eine hitzige Arbeitswut, das sind geradezu eutscheidende Merkmale für die Kunst dieses robusten Ostpreußen. der das Malen wie einen Kampf betreib!, als ein Herumschlagen mit der Natur und mit der Farbe. Dieser zügellose Lebensdrang ist vielleicht die eigentliche Ursache unserer Liebe zu Corinih, dessen Art im übrigen, wie diese Generalvorführuitg nur neu bestätigt, mit uns recht wenig zu tun hat. Corinth ist kein moderner Mensch, aber ein großer Maler. Corinth ist ein Spätling des Rubens, ein Fortsetzer des Blamen; wobei freilich nicht vergessen werden darf, daß Rubens bereits durch Daumier überwältigt wurde. Wie ein letztes, heroisches Zeugnis des Barock steht Corinth inmitten einer Welt, der cr nichts anderes zu geben vermag als das Tempo einer leidenschaftlichen Regsamkeit. Es find nicht unsere Sinne. aus denen diese Kunst strömt; es ist nicht unser Rhythmus. von dem dieser Künstler beherrscht wird. Aber: die Sinnlichkeit. die sich in diesen Bildern cirtladet, ist so überwältigend, und der Rhythmus, der sie durchpulst, ist so hochgespannt, daß wir sie fast als Dokument der Gegenwart hinnehmen. » Eines der ersten Bilder ist das„Komplott" von 188-t. Damals war Corinth Schüler von Löfftz; das Münchener Genre, Dunkelheit, durch Lichtefsekte theatralisiert. ist deutlich zu merken. Auch die „Picta" von 89 gehört noch ganz dem Atelier, in dem man sich die Szenen zurechtstellt. Dabei erinnert der stark verkürzte Körper des Christus an Trübncr. Im übrigen läßt sich in den Arbeiten dieser Anfangszeit Lcibl und Habermann nachweisen; daneben aber auch ein Blond, das von Paris, wo Corinth drei Jahre war» zu kommen scheint. Es sollte noch lange dauern, bis dieser Maler, der seine starke Begabuna nur hier und da, so durch das gesund und nüchtern gemachte Bildnis seines Vaters zeigte, sich selber fand. Vorläufig suchte cr noch mamherlei Anschluß. TaS Bild des Frühlings von 95 läßt sogar präraphaelitische Anklänge wirk- sam werden; und die„Geburt der Venus" kommt direkt von Böckliw. Aull» das Sclbstporträt mit dem Skelett erinnert unfehlbar an Böcklins Eigenbildnis mit dem siedelnden Tod. Wobei man viel- leicht sagen könnte, daß CorinthS Auffassung weniger sentimental ist und bereits etwas von der Derbheit seiner Fleischesphilosophie ahnen läßt. Tatsächlich sind es nur zwei Bilder dieser Periode, in denen der künftige Corinth sich halbwegs ankündct. Auf dem einen, den, stark unter Habermanns Einfluß stehenden„Hexen" sehen wir Akte in einer lachend derben Situation. Das anders zeigt uns das Innere eines Fleischerladens: das ist es. woran Corinth seine Bestimmung erkannte! Vorläufig freilich bleibt er noch tastend. Das Hauptmannporträt von 1900 ist redlich gemalt. aber erschreckend dünn; und auch die Selbstbildnisse sind trotz mancher frechen Eiusälle noch rech; trocken und unsicher. Erst das neue Jahrhundert brachte die Erlösung. 1902 erscheint das Mädchen, da.- an einem Rosalwnd den Stier nasführt. Einigermaßen ein kitschiges Tlicma; aber ein echter Corinth. Es will beachtet sein, daß diese Motive, die fleischlichen, leicht brutalisierten, nicht wenig dazu beitrugen, den Maler in Corinth zur Klarheit zu führen. Man mag getrost sagen, daß er um diese Zeit auch das Bildnis, das Stilleben und die Land- schast mit verjüngter Kraft zu malen begann; es bleibt doch dabei, daß Corinth am Akt und dessen Enthüllung den doppelten Kampf des Malers mii der Natur und mit der Farbe gewann. Wohl vermag er jetzt im Bildnis so komplizierten Kopien, wie denen des Musikers Ansorge, des Dichters Peter Hille, des Novellisten Keyserling"und des Kritikers Kerr gerecht zu werden; er weiß dabei sogar den zartesten psychologischen Zwischentöneni einen malerischen Ausdruck zu gewinnen. Aber die eigentliche Lust des Malens, die Leidenschaft des Schaffens, packt ihn doch erst, wenn es Fanfaren zu gestalten gilt, wi: das„Strumpfband", dielen Flammentanz deS seidenen Geräusches, oder die ganze Liste der Akte, die bald als Simson sich bäumen, bald als Bathseba fich rekeln oder als zivile Mutter von Kindern umilettert werden. Nun schwelgt er im Fleisch und weiß es leuchtender und elastischer zu machen als irgend wer vor ihm. Diese Akte find es vor allem, die uns zwingen. Corinth einen Fortsetzer deS Rubens zu nennen. llnd auch die großen Kompositionen, mit denen er sich jetzt herum- balgt, folgen den Spuren des barocken Herkules. Wie Rubens so wählt auch Corinth seine Themen aus den Abenteuern der olympischen Götter; nur, daß er darüber vergißt, wie gründlich schon Offenbach den Jupiter und die VcnuS geplündert hat. ES ist etwas Sterbliches in diesen Mythologien; so derb und so dreist- blutig sie sich auch gebärden, so gehören sie doch einer Akademie an, die in der antiken Kompositionsaufgabe einen besonderen Grad der Künstlerschaft sieht. Was alles freilich nicht hindert, daß äußerst amüsante Szenen ersonnen werden. So das„homerische -Gelächter", bei dem man wirklich alle Unsterblichen lachen hört. Nicht viel anders steht es um die biblischen Motive, die Corinth in diesen Zeiten seines Reifwerdeus zu malen beginnt. Auch da macht er eigentlich leinen Christus, wie ihn Dostojewski oder Tolstoi erfühlte; er halt sich mehr au Grünwald. Und so grausig seine biblischen Szenen auch aufzuschreien scheinen, so pietätlos sie auch zuweilen mit den Heiligen umspringen, letzte» Sinnes sind sie doch aus der Empsindungsart eines harmlos Glaubenden. eines fast altmodischen Purtianers geschöpft. Das macht sie uns ein wenig fremd; wir wissen nicht recht, ob diese Bilder nicht bereits früher einmal so gemalt worden sind. Mitunter möchte man beinahe fürchten, daß künftige Oleschichtsschreiber den Corinth gar nicht unserer Zeit zurechnen werden. Er ist nicht wie Lieber- mann der Vollender einer langen Entwickelunßsreihe, noch hat er irgend etwas gemein mit einem Revolutionär. Er steht auf einem längst«üi gezogenen Posten, allerdings prachtvoll gerüstet und umstrahlt. Corinth ist selber so ein schwarzer Florian, tvie er ihn gemalt hat. ein berstendes Ungewitter und doch ein Besiegter. Auch der Simson, den er 1912. nach einer Spanne schwerer Krankheit uraltc, könnte dem Künstler ein Symbol sein, dieser gesesselte, in ohnmächtiger Wut aufbrüllende, blutvesleckte Riese. So ist Corinth; cmschlosscn, ein Aeußerstes zu wagen, und doch verdammt, in den Fesseln einer überwundenen Art zu beharre», Datz er aber uns trotzdem so finnlich rtgreift und fast unseke Muskeln in Wallungen bringt, das bestätigt nur den Wialer, dessen Kraft und Qualität alles Zeitliche vergessen machen. _ Robert B x e u e r. Kleines feuilleton« Rubine für jedermann. Die Herstellung künstlicher Edelsteine knüpfte vor allem an den Rubin, dieses kostbarste aller Natur- Produkte, an. Das Problem erschien von vornherein nicht aus- sichtsloS, da man die Zusammensetzung deS Steines aus Tonerde und etwas Chromoxhd auf das genaueste kennt und durch die Er- folge der Chemie an solche Zusammensetzungen längst gewohnt war. Tatsächlich gelang es dem französischen Chemiker V c r n e u i l bereits im Jahre 1902, künstliche Rubine durch Anwendung sehr bolier Temperaturen auf chronihaltiges Tonerdepulver herzustellen, die aber praktisch deshalb keinen Wert besaßen, weil sie völlig undurchsichtig waren. Gerade die Eigenschaft, die der Liebhaber bezahlt, fehlte ihnen. Wie nun Großmann und Neuburger in ihrem neuen Werke über die synthetischen Edelsteine mitteilen, ließ sich seitdem dieser Uebelstand dadurch beheben, daß man seitdem die ftrisialli- sation des Steines sehr verlangsamte. Man läßt das Tonerde- Pulver in einem mit Sauerstoff gespeisten Gebläse bei 1800 bis 2000 Grad Hitze schmelzen und kann durch ein dem Apparat ein- gesetztes Fenster aus Kobaltglas unmittelbar beobachten, Wie sich die entstehenden feinsten Tröpfchen langsam vcrgrößcni. Ein Gebläse liefert in der Stunde etwa 10 Karat künstliche Rubine, die sich nach dem ZerNeinern. Polieren und Schleifen für das Publikum in keiner Hinsicht von den echten, natürlich gewachsenen Rubinen unterscheiden. Nur der subtilste Kenner wird an großen Steinen einen zarten Schimmer vermiyen. der in den natürlichen Rubinen. von mikroskopisch kleinen Einschlüssen herrührt. Kleine Steine aber kann selbst fachmännische Prüfung nicht von den natürlichen Rubinen unterscheiden, so daß dadurch in absehbarer Zeit der Wert des einst so wertvollen Rubinschmuckes für immer sinken wird. Wenn heute schon in Frankreich jährlich an fünf Millionen Karat Rubine erzeugt werden, wenn die nicht weniger rührige deutsche Edelsteinindustrie in Idar täglich an etwa 4000 Karat herstellt, muß bei dieser Uebcrschwemmung des Marktes der Rubin als LuxuSgegenstand der Reichen bald verschwinden. Die so Wechsel- volle und phantastische Geschichte der Edelsteine wird eines ihrer von Greueln. Blut und allen Niedrigkeiten des Lebens strotzenden Kapitel für immer abschließen müssen, für Millionen aber ist eine neue kleine Verschönerung deS Daseins durch die Wissenschaft ge- Wonnen: die Freude an dem schönen blutroten edlen Stein. Medizinische«. Die Ursachen der häufigen Halsentzün- düngen. Die Ernpfindlichkeit der Schleimhäute des Mundes und des Halses bedingt das häufige Auftreten von Entzündungen, die in der Regel zu einem gewissen Teil durch Ansteckung herbei- geführt werden. Im allgemeinen wird immer der Staub dafür verantwortlich gemacht, der freilich überhaupt als der schlimmste Feind der menschlichen Gesundheit zu betrachten ist, weil er stets auch ansteckende Keime enthält. Epidemische Halsleiden werden aber, wie in den letzten Jahren festgestellt Ivorden ist, auch durch Streptokokken verursacht, und zwar durch Vermittclung der Milch. Dadurch ist die weitere Frage entstanden, wie diese Bazillen in die Milch hineingelangen. Das könnte einmal schon durch die Kuh geschehen, außerdem aber und wahrscheinlicher durch die Behandlung des Menschen. Die Sache ist so lange der Aufmerksamkeit der Forscher entgangen, weil eine bestimmte Art des Streptokokkus, der sich stets im Körper und daher auch in den Milchlcitern der Kuh vorfindet, als ein normaler und unschädlicher Bestandteil der Milch betrachtet worden ist. auf dem zum großen Teil die Milch- sänregärung oder überhaupt da? Sauerwerden der Milch beruht. Infolgedessen hat man früher übersehen, daß auch der bedenkliche Bruder dieses Streptococcus lacticus, der sogenannte citererregende oder Streptococcus p�ogenes gleichfalls in der Milch sogar ge- sunder.Kühe mit gesunden Eutern vorhanden sein fanm Diese wichtige Tatsache hat Dr. Rosenow im Journal für Jnsektious- kraukheiten nachgewiesen. Der Zusammenhang zwischen dem Milch- genuß und der Verbreitung einer Halsentzündung ist in den letzten Monaten gelegentlich einer ziemlich ausgedehnten Epidemie dieser Art in Chicago festgestellt worden. Dabei ist nun freilich auch her- vorgetreten, daß die weitaus größte Zahl von Streptokokken erst später in die Milch gelangt, indem sie sich zuweilen in großen Mengen in den Separatoren und anderen Meiereigerätcn zu- samnienfinden. Versuchstiere, die Dr. Rosenow mit dem Rückstand aus den Klärgefäßen geimpft hatte, gingen ausnahmslos an Blut- Vergiftung durch Streptokokken zugrunde. Noch bedenklicher ist die von demselben Forscher gegebene Aufklärung, wonach die Strepto- kolken der Milch sich unter gewissen Umständen verwandeln und giftigere Eigenschaften annebmen Man steht hier an der Schwelle einer neuen Erkenntnis, die schon jetzt eine weitere Mahnung zur Vorsicht beim Genuß roher Milch bedeutet. Kann die Halsentzündung Blinddarm- e n t z ii n d n n g her o r r u f e n? Diese auf den ersten Blick überraschende Frage beschäftigt seit kurzem die Kreise der medizinischen Forschung in England und ist eine Folge der Experimente und Forschungen, die in jüngster Zeit im Krankenhause des Londoner Univerfith College unternommen wurden und deren Ergebnis in der britischen Aerztewelt berechtigtes Aussehen erregt. Schon fett einiger Zeit vertreten manche Mediziner eine Hypothese, nach der die Blinddarmentzündung durch einen Bazillus hervorgerufen werden soll, der mit wissenschaftlicher Sicher- heit bisher noch nicht festgestellt werden konnte. Eine Reihe von Experimenten haben dieser Theorie manche Stützen gegeben. Jetzt aber ist eS, wie die ärztliche Fachzeitschrist „Lancet" berichtet, im Londoner University College gelungen, einen Bazillus festzustellen, der imstande ist, bei Tieren Blinddarmentzündungen hervorzurufen. Dabei wurde aber beobachtet, daß der Patient, in dessen Organismus der Bazillus gefunden wurde, zugleich an einer leichten Halsentzündung litt und mit Ueberraschung wurde festgestellt, daß der gleiche Bazillus, den man als einen Er- reger der �ppouckioitis ansah, in der Mandclgegend deS betreffenden Patienten eine Kolonie begründet hatte.„Man weiß," so be- merkt hier der„Lancet".„daß empfindliche Kehlen eine will- kommene Eingangspforte für Mikroben aller Art find; im vorliegenden Falle wird es wahrscheinlich, daß Halsentzündungen in- direkt zu Blinddarmeiitzündungeii führen können und daß manche Fälle von Appendicitis als die mittelbare Folge einer Halsentzündung anzu- sehen sind....„Aber", so fügt das offizielle Organ der englischen Aerztewelt hinzu,„diese Beobachtung bietet keinen Grund zu be- sonderer Besorgnis: diese Feststellung mag dazu dienen, die Allge- meinheit da, an zu erinnern, von welcher Wichtigkeit eS ist. den Hals und die Mundhohle stets in eineni hygienisch einwandfreien Zu- stand zu erhalten. Vor allein bei Kindern find schadhaste Zähne und chronische Mandelentzündungen Vorläufer und Syniptome schwererer Störungen, denen beizeiten durch eine radikale Behandlung des Halses und der Mandeln vorgebeugt werden muß." Astronomische«. Schluß mit den MarSkanälent Die Beobachtungen von Antoniadi und Comas Sola, die die Marökanäle gelegentlich der letzten günstigen Erdnähe deö Mars in einzelne perlfchnur- artige Ketten von Flecken auflösten, finden auch durch die Be- obachtungen von A. S. Williams, Aitken und neuerdings durch die Arbeiten von Carl Wirtz am großen Refraktor der Straßburger Sternwarte Bestätigung. Die Existenz regulär verlaufender Linien ist damit endgültig widerlegt. Gerade die großen Jnstru- mente haben gezeigt, daß von gleichmäßigen Linien keine Rede sein kann, gerade sie zeigen die„Kanäle" recht wenig gut, so daß hoffentlich auch bald der Unfug verschwindet, der mit ihnen getrieben wird. Leider hat SchiaparelliS nicht glücklich gewählte Bezeichnung „Kanäle", die er selbst mit keiner Deutung in Zusammenhang bringen wollte, dazu beigetragen, falsche Vorstellungen zu erwecken und Spekulationen wirrer Köpfe geradezu begünstigt. ES wird aber noch lange dauern, bis alle diejenigen, die darüber zu faseln sich für befugt halten, von den neuen Erkenntnissen selbst Kenntnis zu nehmen geruhen werden. Die Marskanäie werden in der Phantasie vieler noch lange nicht verschwinden. Eine befriedigende Deutung der„Kanalerscheinungen" hat der Schwede Svante ArrheniuS gegeben; er sieht in ihnen Verwerfungstäler, die mit seichten Salztümpeln erfüllt sind. Au« dem Tierleben. Hören mit der Zunge. Daß das Gehör nicht allein oder wenigstens nicht immer unmittelbar durch das Obr geschieht, kann der Mensch selbst beobachten. Man hört auch durch die Schädeldccke. und nicht nur das. sondern sehr schwerhörige Personen können eine erstaunliche Verbesserung ihrer Wahrnehmungsfähigkeit für Schall- wellen herbeiführen, wenn sie einen Färber aus Hartgummi zwischen die Zähne nehmen. Diese Zusammenhänge bedürfen noch sehr der Auftlärung. aber man kann darauf verweisen, daß hockst wahrscheinlich zahlreiche Tiere durch die Zunge hören. Das ist natürlich so zu verstehen, daß die Zunge eine besonders hohe Empfindlichkeit besitzt, die sogar zur Wahrnehmung von Schallwellen ausreicht. Namentlich die Zunge der Schlange, die wegen ihrer eigentümlichen schmalen und in zwei Spitzen gegabelten Form zur abergläubischen Vorstellung, als ob das Reptil damit stechen könnte, Veranlassung gegeben hat. dient vermutlich als GehörSorgan. Die Ohren der Schlange können kaum etwas leisten, denn sie sind nur verkümmert vorhanden, tief in den Schädel eingebettet und haben keine Ocffnung nach außen. Früher nahm man infolgedessen an. daß die Schlangen ganz taub wären. Die Beobachtung hat jedoch im Gegenteil gelehrt, daß sie zuweilen recht scharf zu hören ver- mögen, und das geschieht eben durch die Zunge, deren Spitzen äußerst fein und empfindlich sind. Ihre Färbung ist sehr ver- schieden, meist aber schwarz. Sie liegt zu ihrem Schutz in einem fleischigen Futteral und kann durch eine winzige Oesfnung des Mauls vorgeschoben werden, ohne daß die Schlange ihre Kiefer zu öffnen braucht. Sobald die Aufmerksamkeit des Reptils erregt wird, streckt es die Zunge bor und hält sie ständig draußen mit einer zitternden schnellen Bewegung. Ohne Zweifel ist die Zunge ein Tastorgan, aber sie dient wahrscheinlich eben auch zur Untersuchung der Richtung und Stärke von Schallwellen, also zum Ersatz des Ohres._____ iverantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: vorwartsBuchdruckerei u.BerlagSanstalt PaulSingertCo., Berlin SVk,