AnterHaltlmgMatt des Horwärts Nr. 17. Freitag den 24. Januar 1913 17] Gercbichte einer Bombe» Von Andreas Strug. Indessen besiegte man in der Stadt Lodz die Scheiblers — und das Zarentum, ruinierte das Kapital und das Zaren- tum, hungerte sich selbst aus und das Zarentum, zerstörte die Bordelle und das Zarentum, beraubte man die Kronschenken und das Zarentum. Immer wieder stürzten die Massen der Arbeiter wie böse Buben, die Regierung herausfordernd, auf die Straße, und nach den Salven blieben auf dem Pflaster Leichen— Leichen— Leichen... Aber niemand fürchtete den Tod. Der Proletarier war wild geworden und stürzte sich blindlings in den Kampf. Alle gingen, auch Stasiek ging mit. Und die Mutter wehrte ihm nicht. Auch sie versank in das aufgeregte Meer: die Wellen rissen sie mit fort, wie einen Tropfen, und trugen sie hin, wohin sie alles trugen. Sie fürchtete nichts mehr, sie dachte nicht— es dachte für sie nur jener Sturmwind, der die wachen Träume des plötzlich er- wachten Volkes dahintrug. Stasiek besuchte die Demonstrationen und kam heil zurück. Er machte die Streiks mit. fuhr die Meister auf Karren aus den Fabriken, hetzte seine Kameraden auf, aber man warf ihn deshalb nicht aus der Fabrik hinaus. Er hatte von der Partei einen Revolver bekommen, den die Alte verbarg. Eines Sonntags, als sie auf dem Hofe Leute sich versammeln sah, trat sie hinaus, um zu sehen, was geschah. Alle hörten einem Redner zu, der von einer Erhöhung zu ihnen herabschrie. Als sie in ihm ihren Sohn erkannte, ergriff sie zum ersten- mal im Leben wahrer Mutterstolz. Es war Stasiek, ihr Sohn, der so gelehrt und ergreifend redete, und eine so große Masse Menschen hörte ihn mit Aufmerksamkeit an. Ihr leiblicher Sohn! Den sie. wie durch ein Wunder, in der harten Not eines ganzen Lebens ernährt und erzogen hatte! In jenem Augenblick verstand die Alte vieles, wenn auch nicht alles. Und seitdem hatte Stasiek keine bessere Helferin in seinen Angelegenheiten als die Mutter. Er machte mit ihr, was er wollte. Sie gehorchte ihm, als wäre sie nicht seine Mutter, sondern eine Partei- ..Gehilfin", wie man solche Handlanger damals nannte. Und als sie sich auflehnte, da war es bereits zu spät. Es geschah an einem ganz gewöhnlichen Wochentag... An diesem Tage, nach dem Essen, befahl ihr Stasiek, das Bewußte nach Hause zu bringen. Sie ging, beeilte sich und kam bald wieder. „Warum hast Du den neuen Anzug an, mein Kind?" „Ich soll an einen Ort, wo man anständig aussehen muß." „Und kommst bald zurück?— Gibs lieber mir? Ich trage es für Dich über die Straße. Und im Tor jenes Hauses werde ich's Dir abgeben. Mir Alten wird man nichts tun." „Das geht nicht, Mutter. Es ist verboten. Man darf niemand den Ort zeigen." „So gib acht. Kind, und sieh Dich um. Behüte Dich Gott und die heilige Mutter... Wie leicht kann man auf der Straße hereinfallen, ach, wie leicht! Kommst Du bald zurück?" Stasiek antwortete: Ja, er käme bald Doch die Alte be- merkte etwas in seinem Gesicht, das sie erstarren machte: sie blieb versteinert, und die Tränen flössen ihr in kleinen Bäck)- lein über die Wangen. Sitz sprach kein Wort und sah nur durch den Tränenstrom unausgesetzt auf ihren Sohn. „Stasiek!..." rief sie aus. Er wollte böse werden. Schon runzelte er die Stirn und wollte die Stimme erheben. Er wollte schimpfen, ihr etwas vorlügen und sich dann so rasch als möglich von den Alten losmachen. Aber da es ihm an Mut dazu fehlte, senkte er den Kopf, ergriff die Hand der Mutter und küßte sie. Und während er sie hielt, stotterte er: „Ach, das ist ja nichts! Was fällt Ihnen denn eist, Mutter! Ich komme bald wieder! Ganz gewiß. Hat man so was gehört? Solche Geschichten zu machen, wegen einer Dummheit! Und wenn ich nicht wiederkomme,»vird die Welt auch nicht untergehen. Ist es zum erstenmal, daß sie mich fangen können? Was ist denn gerade heute in Sie gefahren, Mutter?" So und ähnlich redete er daher. Die Alte schmiegte sich mit aller Gewalt an ihn. Mit aller Kraft. Und ließ nicht los. Stasiek versuchte sich loszumachen, aber es gelang ihm nicht. „Wie denn? Wollen wir bis zum Abend so stehen? Nehmen Sie doch Vernunft an, Mutter! Ich muß gehen, ich werde erwartet!" „Der Tod wartet auf Dich! Niemals sehe ich Dich wieder!" „Jeden Tag wartete der Tod auf mich, und ich lebe. Man verdient sich jetzt leicht den Tod in Lodz. Und ich lebel Und auch heute werde ich am Leben bleiben. Was soll die Komödie!" Die Alte kniete vor ihrem Sohn hin, umklammerte ihn und weinte fassungslos. Es schüttelte sie, daß der Junge sich kaum auf den Füßen halten konnte. „Geben Sie doch endlich Ruhe, Mutter— zu allen Teufeln! Wenn ich jetzt falle, gehen wir beide in die Lust. So lassen Sie mich doch wenigstens das Ding da aus der Tasche nehmen. Ich stelle es ans den Tisch, dann können wir ja reden. Aber nicht länger als fünf Minuten! Wenn die vorbei sind, dann reiße ich mich los und gehe. Und wenn ich über Sie treten müßte! Das ist doch schließlich kein Spaß?" Er machte sich frei, nahm die Büchse aus dem Etui, daS er unter seinem Ueberzieher am Riemen hängen hatte, und stellte sie aus den Tisch. „Jetzt lassen Sie uns sprechen, aber rasch! Was wollen Sie von mir, Mutter?" Sie sah den Sohn mit einem Blick an, daß alle Rauheit von ihm abfiel. Um sich zu beherrschen, stellte er sich noch wütender. Er begann auf die Alte zu schreien, was noch nie geschehen war. „Das ist doch zum Teufelholen. Wissen Sie nicht, waS Revolution ist? Warum soll ich denn eigentlich nicht gehen? Soll ein anderer für mich das machen? Ueberlegen Sie doch bloß, Mutter, wie dumm das ist! Was bin ich denn Be- sonderes? Schließlich muß man's ja verstehen!" Die Alte saß zusammengekrümmt auf der Erde und schluchzte, das Gesicht mit den Händen bedeckend. Stasiek redete mit aller Strenge auf sie ein. Plötzlich sprang die Alte auf, und schnell, hastig, in einem beleidigten Ton und wie höhnisch kam es von ihren Lippen: „Mein ganzes Leben habe ich mich geplagt. Eingetaucht war ich in das Elend wie im höllischen Pfuhl, von klcinauf, in Schmutz, in Schande. Du böses, unwürdiges Kind! Mit meinem Blut habe ich Dich genährt! Andere waren klüger. warfen ihre Kinder irgendwohin fort und machten sich ein leichtes Leben. Nur ich war dumm. Ja, ich war dumm. Und Du willst von Deiner alten Mutter so fortgehen? Ohne ein Wort? In den Tod? Das habe, ich erlebt, daß mich mein leibliches Kind in der Todesstunde betrügt! Du würdest so fortgehen wie ein Tier, ohne einen Gruß an die alte Mutter! Geh. geh mit Gott! Du bist mein Sohn nicht! Mein Sohn war anders. Dich brauche ich nicht." „Ach. Sie verstehen nichts? Sie reden Unsinn! Wenn ich alles vorher erzählen würde, wie sollte da etwas gelingen! Das ist bei uns nicht erlaubt. Was schimpfen Sie mich noch im letzten Augenblick? War ich ein schlechter Sohn? Sie werden es noch bedauern, Mutter..." „Ach ja, bedauern, mein Kind, ich werde es bedauern-. Aber wer wird mich bedauern? Ach, Stasiek! Ach, ihr Wunden Christi! Es wird Dich in Stücke reißen, zu Staub zermalmen, nicht einmal ein Grab wirst Du haben auf dieser Erde?". �. „Man schmeißt ans der Ferne, eS kann sein, daß imr nichts passiert! Vielleicht werde ich auch nur zum Schutz da sein... Ganz weit weg! Tort, wohin unsere Leute flüchten sollen, wenn alles vorbei ist..." „Ach, lüge nicht, mein Kind! Verspotte die alte Mutter nicht!" Ich seh's an Deinen Augen, was Du denkst! Du kommst nicht wieder, nein... Was soll aus mir werden?" „Die Partei wird die Mutter nicht vergessen. Was ge- schehcn muß. wird geschehen. Vielleicht komme ich zurück, vielleicht auch nicht. Lebt wohl, Mutter! Also, tvas ist da viel zu reden I Ach was! So viele sind zugrunde gegangen, warum denn ich nicht?... Und ich komme wieder. Ach was..." Er umarmte sie. Sie hielt ihn mit aller Kraft fest: «Gut, mein Sohn, gut! Eins nur habe ich Dumme Dir nicht gesagt, was ich gleich hätte sagen müssen: Gib's mir und führe mich zu dem Ort hin. Zeig mit dem Finger und lauf davon! Und ich werde werfen, auf wen mir gezeigt wird. Ich kann's! Auf mich achtet kein Spitzel. Zu solchen Arbeiten muß man die Alten schicken! Sollen die Alten werfen! Um die Jungen ist es doch zu schade. Schade für die Partei. Spreche ich nicht richtig? Jeder wird's mir zu- geben! Was, Stasiek?" Hier wurde die Alte schwach. Es sauste ihr in den Ohren, und sie blieb bewußtlos im Arm des Sohnes hängen. Stasiek legte sie aufs Bett, küßte ihr die Hand, warf noch einen Blick auf sie und nahm die Büchse vom Tisch. Auf der Schwelle blieb er noch einmal stehen, wandte sich um und ging. Unten klopfte er an die Türe einer Bekannten, steckte den Kopf durch und sprach: „Ach, seien Sie so gut und sehen Sie einen Augenblick zu meiner Mutter hinauf. Es ist ihr übel geworden. Ich habe eine sehr wichtige Parteiangelegenheit und kann mich keinen Augenblick länger aufhalten. Bitte, meine gute Frau Krause! Bleiben Sie nur eine Weile bei ihr. bis es vor- über ist!" Als er sah, wie die Frau die Treppe hinauflief, wandte er sich und ging in die Stadt. Drei Stunden später kam die Nachricht, Stasiek sei in einem Hause auf der Piotrkowska, bei einer Haussuchung nach Bomben verhaftet worden. Ob was gefunden wurde, wußte niemand. Doch sagten die einen, es sei ein Attentat auf den Militärgouverneur geplant gewesen, andere meinten, aus Poznanski„selbst", und daß Stasiek vor das Feldgericht komme. Und noch andere Gerüchte. Im ganzen Hause wurde die Mutter bedauert. Aber selbst ihre nächste Bekannte, die Frau Krause, weigerte sich, der Alten diese Neuigkeit hu überbringen. „Mag sie doch noch diese eine Nacht ruhig schlafen!" sprach sie.„Sie ist krank. Ich habe sie ins Bett gebracht. Zeit genug, wenn sie es morgen erfährt. Was ist es denn so eilig? Ach, du barmherziger Gott! Was geht hier vor in dieser Stadt Lodz!" Lange wartete die Alte auf die Rückkehr des Sohnes. Bis ihre Seele ermattete, und sie in einen tiefen Schlaf der- fiel. Weder die schreckliche Nachricht wird die zertrümmerte, verirrte Seele aus diesem Schlaf erwecken, auch nicht, wenn ein Wunder geschähe und der böse Sohn wiederkehren würde. lLortsetzung folgt.r 2] Hn die Scholle gebunden. Bon GustafJanson. Den ganzen Tag stöberte Hans in Ecken und Winkeln umher, durchmah die Felder und beflchtigte die geringste Kleinigkeit, als spekuliere er aus's GeHöst. Er zählte an den Fingern ab, und da es augenscheinlich nicht zu stimmen schien, schrieb er mit einem stumpsen Bleistift die Zahlen auf die Stalltür. Eine volle Stunde betrachtete er seine Krähentütze. ohne daß eine Muskel in seinem Antlitz zuckte oder eine Miene verriet, was in ihm vorging. Schließlich schüttelte er fich wie ein nasser Hund und sagte verdrossen: „Geht nicht." Dann trat er ins Hau?, um von den Eltern Abschied zu nehmen! Die Mutter lag zu Bett, und der Vater saß in einer Ecke und starrte, ohne etwas zi. sehen, vor sich hin. ES waren zwei müde Menschen. Nachdem HanS sie einige Augenblicke be- trachtet hatte, schüttelte er sich abermals und sagte endlich düster: „Ja, adieu auch!" Die beiden Allen blickten auf und nickten stumm zum Abschied. Zufällig waren die Geschwister nicht zugegen und HanS vergaß völlig nach ihnen zu fragen. Der Anblick der stillen und ab- gearbeiteten Eltern hatte ihm einen unauslöschlichen Eindruck hinter- lassen. Unterwegs stieß er wiederholentlich laute Flüche aus. Seine Augen schössen drohende Blitze und seine Fäuste ballten sich. Einige Leute, die er auf dem Wege traf, blieben stehen und blickten der untersetzten Gestalt nach, die mit langen Schritten vorwärts strebte und mitten durch alle, vom gestrigen Negen hinterlnssenen Pfützen trabte. Als« das nächste Ziel seiner Wanderung erreichte, waren seine Füße durchnäßt, ohne daß er'S merkte, in seinem Gehirn sproßte ein großer, herrlicher Gedanke, der zwar dort im voraus gekeimt hatte, aber wohl nie zum Wachstum gediehen wäre, hätten ihm nicht die Erfahrungen des heutigen TageS Lebenskraft der- liehen. Kein Laut entschlüpfte ihm, und keine Miene verriet, was in ihm vorging. Er preßte nur die Lippen fester aufeinander als ge- wöhnlich. Er schien sich zu einem Sprung vorzubereiten und jede Muskel anzuspannen, daß fie nicht nachgebe, wenn der rechte Augen- gekommen sei.— Eine lange Zeit verstrich, bis sich HanS Mortensson wieder auf der Insel blicken ließ. Als er endlich kam. war er ein Mann von vierzig Jahren, der bedächtiger auftrat als zuvor. Er blickte mit einer Miene umher, die schwer zu deuten war. Sie konnte drohend und trotzig genannt werden, war aber jedenfalls die eines durch das Leben gestählten Mannes mit zielbewußter Willenskraft. Neben ihn, wurden einige Kisten. Ackergeräte und einfache Möbel abgeladen. Fast zärtlich musterte er die Sachen und nickte jedem einzelnen Gegen- stand wie zum Willkommen zu. AIS das Schiff nach Backbord in den Strom glitt, lachte er den gewaltigen Wald und die kahlen Felsen an, indem er bei sich selbst murmelte: „Ja, nun bin ich wieder hier, woll'n seh'n, wie's geht." Sein erster Besuch galt dem Kausinann. „Jh du mein Himmel! Ich glaube gar,'S ist Mortensson I" brach Bolen aus, der selbst im Laden stand. Der Angeredete nickte und frug, ob er nicht über Nacht und vielleicht auch ein paar Tage seine Habseligkeiten im Schuppen unterbringen könne. Da der Krämer einen Kunden in dem Ankömmling witterte, willigte er ein und mit kurzem Dank lieh Hans einen Schubkarren, um sein Eigentum hinauszuschaffen. Im Lauf einer halben Stunde war alles unter Dach. „Das muß ich sagen... Kräfte hat er!" äußerte Bolön, der draußen aus der Treppe stand. Seine Bewunderung war aufrichtig, denn solche Lasten, wie Hans Mortensson sie die steile Anhöhe hin- aufkarrte, hätte kein anderer bewältigt. „Ist auch nötig," lautete die kurz angebundene Antwort, worauf HanS, um einen Gruß anzudeuten, au die Hutkrempe griff und sich auf den Weg nach dem Inneren der Insel machte. Sein Ziel war das Elternhaus, jedoch blieb er diesmal unten am Wege stehen. Er wußte, daß die Alten nicht mehr am Leben waren und daß der Bruder die Insel verlassen hatte und als Häusler in den inneren Schären sein Brot verdiente. Es war keine Ursache vorhanden, sich deshalb zu grämen und Hans Mortensson empfand auch keinen Kummer. Seine Eltern waren nicht zu beklagen, nun fie draußen auf dem Kirchhof friedlich schlummerten und nicht mehr über Hypotheken und Zinsen zu grübeln brauchten. Nicht so gut erging es dem Bruder. Er hatte ein armes Mädchen geheiratet, das Ge- höft mit der Schuldenlast geerbt und war, noch jung an Jahren, ein müder Mann. Etliche Male hatte er an Hans geschrieben und ihm seine Not geklagt. Die Frau war beständig krank, die Kinderschar zahlreich und Schicksalsschläge folgten nacheinander. Nichts glückte »hm, und als er. verzweifelnd, den Kampf aufgab, wurde das Ge- höft zwangsweise an den Meistbietenden verkauft. Das alles ging Hans im Kopf herum, als er unten an, Wege stand und das Haus, in dem er geboren war, betrachtete. Dabei empfand er weder Bitterkeit noch Wehmut. Zwar ungewohnt und langsam arbeitete sein Gehirn auf ein bestimmtes Ziel los. So stand er den ganzen Abend und starrte nach dem alten Heim. Während seiner Abwesenheit war nichts verändert worden. Im Dach des Hauses fehlten einige Ziegel und die losgebröckelten Steine im Schornstein waren noch nicht ersetzt. Die Scheune trug noch immer ihr kreuzlahmes Strohdach und der Schweinestall dahinter zeigte wie ehedem die Neigung zusammenzufallen. Der jetzige Eigentümer trat aus dem HauS, um zu sehen, was die unbewegliche Gestalt am Wege vorhatte. Die Frau folgte nach, und beide tauschten flüsternd ihre Vermutung auS. HanS Mortensson rührte sich nicht von der Stelle, sondern lächelte sttll vor sich hin. Er sah, wie schließlich der Bauer wieder ins Haus trat, auch hörte er, wie jener hinter sich die Tür sorgfältig verschloß. Darüber lachte Hans, wahrscheinlich würde er das nämliche getan haben. Erst als die Nacht hereinbrach, ging er seines Wegs und suchte eine alte Wald- scheune auf, deren er sich aus seiner Kindheit erinnerte. Am folgenden Morgen stand er in BolenS Laden und plauderte mit dem Krämer. Planlos, jedoch einer angeborenen Vorsicht folgend, fragte er nach allem möglichen, nur nicht nach dem, was er am liebsten gewußt hätte. Er brachte die Rede aus gemeinsame Bekannte, seine Eltern und Geschwister, sowie auf Personen, die nach der Insel gezogen waren oder dieselbe verlaffen hatten. Dabei überwand er seine natürliche Wortkargheit und zwang sich zu einer Redseligkeit, die ihm unerhörte Anstrengungen kostete. Bolen be- griff nicht, wo Hans hinauswollte, und trotz aller Schlauheit ver- mochte er nichts aus ihm herauszulocken. Als sie sich trennten, erheiterte ein kaum bemerkliches Lächeln Hans Mortenssons grobe Züge. Am Zaun blieb er stehen, indes seine Augen mit unver- bohlencr Bewunderung eistem jungen Mädchen folgten, das an einem Joch über den Schultern zwei mit Wasser gefüllte Eimer trug. Nie zuvor war ihm ein so kräftig gebautes Weib begegnet, mit einem Rücken, so brett wie der seinige, und ein paar Hüsten, die jedwede Last zu bewältigen geschaffen schienen. Zufrieden schnalzte er mit der Zc r-je und nickte im Takt mit ifai Gange der Dirne. Ihre Füße waren so groß wie die eines ManneS, und es freute ihn unbeschreiblich, ein Frauenzimmer mit derartigen Extremitäten ausgerüstet zu sehen. Abermals und lauter als zu- vor schnalzte er vergnügt. Aufmerksam geworden, wandte sich die Hünengestalt um, und Hans sah, daß sie nur ein Auge besaß. Einen Augenblick blieb sie stehen und betrachtete den Fremd- fing, dann sehte sie ruhig ihren Gang fort. Als sie ins Haus ge- treten war, nickte Hans und murmelte entzückt:„Donnerwetter!" Den ganzen Tag durchstreifte er die Insel, begrüßte alte Be- kannte und, als folge er einem genau überlegten Plan, stellte er allerwegen ungefähr dieselben Fragen. Mit unbeweglicher Miene horchte er gespannt auf die Antworten und bewahrte im Gedächtnis, was er zu wissen nötig fand; das übrige beachtete er weiter nicht. Nachmittags zog es ihn unwiderstehlich zum Gehöft des Kauf- manns, woselbst er sich mit seinen Habseligkeiten zu schaffen machte, indessen er fleißig seitwärts spähte. Zur Melkezeit schritt das Riesenmädchen über-den Hof und trat in den Stall. Bald darauf stand Hans Mortensson in der Tür und betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen die gebückt sitzende Gestalt. Sie merkte wohl, daß jemand in der Nähe sei, blickte aber nicht auf, was ihn innerlich freute, weshalb, wußte er eigentlich nicht. Als schließlich das Schweigen drückend wurde, überwand er seine Scheu und sagte: „Sie kann arbeiten, merke ich." „Ist auch nötig," lautete die kurze Antwort. Hans Mortensson lachte vergnügt, als hätte sie ihm eine Artig- keit gesagt. „Ja, ja.. bemerkte er nach einer Pause. „Ja, ja." äffte sie ihm nach. Eine Viertelstunde verging und Hans Mortensson stand immer noch in der Tür. Wie festgebannt hingen seine Blicke an den Fingern, die unermüdlich die strotzenden Euter der Kühe preßten, und der Gedanke, daß kein zweites Weib auf den Schären ähnliche Hände besitze, gewährte ihm augenscheinliche Befriedigung. Diese Hände mit der ihnen eigenen Kraft und Geschicklichkeit bezauberten ihn förmlich, so daß sich plötzlich das Verlangen in ihm regte, sie zu drücken. Aber Hans Mortensson dachte träge und handelte langsam, und sein Instinkt sagte ihm, daß hier keine Dummheiten am Platze seien, wenn es je Ernst werden solle— im Fall daß er wolle.... „Hm," räusperte er sich,„wollte er denn wirklich?" Diese Frage verlangte reifliche Ueberlegung, denn sie war wichtig. Daher warf er ihr ein trockenes„Guten Abend" über die Schulter zu und verließ den Stall. Am folgenden Tag besuchte er Djupnäs, hielt sich eine Weile bei den Brüdern Oestermann auf, die ihn freundlich empfingen und ihm ungefragt die erwünschten Aufschlüsse gaben. Obwohl er seiner Sache sicher zu sein glaubte, verweilte er dennoch eine gute Stunde bei Oeman und Andersson und stellte dort die nämlichen Fragen wie tags zuvor, die beide je nach ihrer Weise beantworteten. Als er sich verabschiedete, verriet keine Miene seines unbeweglichen Ant- litzes, was er im Sinne hatte. Gesenkten Hauptes setzte er seinen Weg fort, indem er nachgrübelte, bis ihm der Kopf von der un- gewohnten Anstrengung weh tat. Es galt schnell, aber ohne Ueber- eilung zu handeln. Abends stand er wieder in der Stalltür. „Wie heißt Sie?" fragte er, nachdem er eine gute Viertel- stunde die riesigen Hände der Magd bewundert hatte. „Geht's Ihn was an?" war die schnippische Antwort. „Eigentlich nicht... aber dennoch'.." Dabei lachte er vergnügt. „Karin, wenn Er's doch wissen will/ „So hieß auch meine Mutter." i Fortsetzung folgt.) Flugsport �lZ. In der Flugzeugindustrie ist mit einem so fieberhaften Tempo gearbeitet worden, daß wir schon im Jahre ll>12 hinsichtlich der Verbesserungen an den Flugzeugen einen unverkennbaren Stillstand wahrnehmen. Daß dies so rasch ging, wird uns nicbt verwundern, wenn wir bedenken, daß die Flugzeugindustrie, dies jüngste Kind der Technik, zu einer Zeit geboren worden ist, wo die Werkzeugmaschinen, die Technik der Materialbearbeitung, die Kenntnis und Erzeugung hochwertigen Materials aus der Stufe hoher Vollendung standen. Während einerseits kunstvolle Sckineidewerkzeuge, deren Bau den modernen Werkzeugmaschinen-Technikern keine sonderlichen Schwierig- leiten bereitete, es ermöglichten, das wichtige Organ des Flug- zeuges, den Propeller, in Formvollendung herzustellen, haben anderer- leits die Erzeuger hochwertiger Stahlsorten dem Flugzeugmotor- bauer ein ideales Material geliefert. Bei der Flugzeugindustrie zeigt es sich, daß nach verhältnismäßig kurzer Zeit ein Riesenfortschritt dadurch erzielt werden konnte, daß die Industrie ihre vereinten Kräfte in den Dienst der Sache stellt. So kam es, daß im Jahre 1012 das Flugzeug im Prinzip, sei es nun ein Eindecker oder ein Doppeldecker, schon eine EntwickclungSstuse er- reicht hatte, von der ab Verbesserungen sich nur noch aus einzelne Teile der Konstruktion beziehen. Dies bemerkte man schon im f ariser Salon und ebenso auf der„Ala" in Berlin, wo man in der auptsache nur Verfeinerungen der Konstruktion wahrnahm, nicht aber neu eingeschlagene Bahnen. Doppeldecker und Eindecker be» stehen friedlich nebeneinander und der Eindecker scheint trotz der vielen großen Vorzüge, die er dem Doppeldecker voraus hat. diesen nicht zu verdrängen. Eine Neuerscheinung deS Jahres 1912 sind entschieden die Wasserflugzeuge, die sowohl als Eindecker wie als Doppel- decker gebaut wurden und eine Abart von ihnen darstellen. Wir wollen zunächst die Verbesserungen an den gewöhnlichen Flugzeugen ins Auge fassen. Der Stahl in Gestalt des Stahlrohrs ist als Baumaterial für den Rumpf und die Flügelgerippe des Flug- zeuges hervorgetreten. Dieses Material hat allerdings den Nach- teil, daß bei einer Notlandung beschädigte Stahlrohrteile nicht so schnell und einfach ausgebessert werden können wie Holzteile. eS müßte denn ein kleiner leichter Schweißapparat erfunden werden. der auf dem Flugzeug mitgenommen werden könnte. Neben dem Stahlrohr hat sich das Holz als altbewährtes Material in Ehren gehalten. Neuerdings stellt man aus Holz speziell für die Bedürf» nisse der Flugzeugindustrie Robre, sogenannte Holzbandrohre, her, die außergewöhnlich große Festigkeit und Leichtigkeit befitzen und vor allem bei Bruchschäden sehr schnell repariert werden können. Um die Flugzeuge besser und schneller transportieren zu können, ist man bei Eindeckern bestrebt gewesen, die Befestigung der Flügel mit dem Rumpf derart zu gestalten, daß innerhalb weniger Minuten die Flügel abmontiert und flach an Back- bord und Steuerbord angelegt werden können, um daS Flugzeug bequem fortzuschaffen. Der Franzose Vendome hat einen Eindecker mit anklappbaren Flügeln konstruiert, um den schnellen Transport auf dem Erdboden zu ermöglichen. Der Doppeldecker ist, was Zu- sammenlegbarleil anbelangt, sehr viel schlechter dran als der Ein- decker, denn feine'beiden Tragdecken mit ihren Stützen und Ver- spannungen stellen ein geschlossenes Ganzes dar, welches man nicht so schnell und bequem auseinander nehmen kann. Hinsichtlich der Flügelform bewegen sich die Verbesserungen an der äußeren Form innerhalb kleiner Grenzen. Man kann jedoch wahrnehmen, daß die weitaus größte Anzahl von Flugzeugsabriken bestrebt ist, sowohl bei Ein- deckern wie bei Doppeldeckern sich der bekannten Taubenform zu nähern. Auch find Versuche mit in der Längsrichtung gekrümmten Flügeln Kilometer pro Stunde erzielte. Da die Flug- dauer von dem mitgenommenen Benzinquantum und seinem spar- samen Verbrauch fast ausiÄliehlicb abhängt, wäre eS sehr wichtig, wenn man in dieser Hinsicht auf KrafteriparniS bedacht ietn würde. Sierbei soll nicht unerwähnt bleiben, datz es im vorigen Jahre rville Wright gelang, sicb auf einem motorlosen Flugzeuge von einem Hügel aus in die Luft zu erheben und längere Zeit nach der Art der grotzen Vögel segelnd in ihr zu verweilen. Im Jahre 1312 hatte daS Flugzeug zum ersten Male Gelegen- heit. die Rolle zu spielen, die man ihm längst zugedacht hatte. Im iwlienisch-türkischen Kriege fand der Aeroplan sowohl als Kund- s ch a f t e r, wie auch als Angriffswaffe feine erste Verwendung. Am 31. Januar 1912 flog der Kapitän Montu mit Handbomben an Bord vom italienischen Lager aus nach dem 30 Kilometer entfernten feindlichen Lager, bombardierte es und kehrte unter einem Hagel von Geschossen wieder ins italienische Lager zurück, wobei der Apparat mehrfach getroffen wurde und der begle»tende Offizier eine Verwundung davontrug. Anscheinend flog der italienische Apparat verhältnismäßig niedrig. denn in tausend Meter Hohe ist eul Apparat durch Flintenkugeln nicht mehr zu be- schädigen. Die abgeworfenen Handbomben richteten zunächst eine große Panik an, doch scheint ihre Wirkung im übrigen nicht sedr groß gewesen zu sein. Daß daS Flugzeug ein Auskundschaftungs- mittel ersten Grades ist. ist selbstverstäudlich, da man von der Höhe aus die feindlichen Stellungen wie auf einer Landkarte im weiten Umfangkreise übersehen kann. AuS diesem Grunde hat man bei den letzten Manövern schon Versuche gemacht, Artillerie und Maschinen- gewehrc gewissermaßen einzugraben und oben einzudecken, so daß sie von der Höhe aus nicht fichlbar sind. Das vorige Jahr brachte eine Fülle von Vorschlägen zur Abwehr angreifender Flugzeuge, Lufttorpedos, Geschütze und Flinten, die samt und sonders nur den Zweck haben sollten, herannahende Flugzeuge unschädlich zu machen. Ganz Hervorragendes wurde hinsichtlich der Ueberland« f l u g e geleistet, und man braucht nur den Namen H i r t h zu nennen, der mir den Höchstleistungen Deutschlands auf dem Flug« zeuggebiet für immer verknüpft ist. Bekannt ist HirthS glänzender Flug von Berlin nach Wien in der Gesamtzeit von 7 Stunden 20 Minuten(der D-Zug Berlin- Wien braucht 12 Stunden). Aber nicht allein der Schnellzug ist im vorigen Jahre vom Flug- zeug überboten worden. Der Franzose Salmet flog von London nach Paris in 3 Stunden 12 Minuten und kanr stiiher an, als das bei seinem Abflug von London nach Paris.gesandte Telegramm, das den Abflug seinen Freunden mitteilen sollte! Der französische Flieger V e d r i n e, der inzwischen daS Mittelmeer überflogen hat, gehört auch zu den erfolgreichen Rekordbrechern des vergangenen Jahres und wenn man seine Leistungen und dieHirtbs betrachtet, so muß man ehrlich sagen, daß daß Flugzeug weil mehr gehalten hat, als was man sich vor Jahren von ihm zu versprechen wagte. Die schreckliche Zahl der Todesstürze, deren eigentliche Ursachen im Grunde memals enträtselt werden, haben allerdings auch im Jahre 1912 die Gemüter beunruhigt, und man kann der Flugzeug- industne den Vorwurf nicht ersparen, daß sie mehr auf rekord- brecherische Schnelligkeit und Steigfähigkeit der Maschinen bedacht war wie auf die Sicherheit. Diese liegt in der Erhaltung des Gleichgewichtes des fliegenden Flugzeuges gegenüber störenden äußeren Einflüssen, zu denen insbesondere die in der Luft vor- kommenden senkrecht aufsteigenden Windstöße gehören. In dieser Hinsicht muß man die Erich-Rumpler-Taube als Muster eines stabilen Apparates betrachten. Als Kontrast dazu sei der Bleriot- Eindecker genannt, dessen mangelhafte Flächenverspannung die Ur- fache von Katastrophen war und den französischen Kriegs minister veranlaßte, den französischen Fliegcroffizieren die Benutzung der Bleriot-Eindecker zu untersagen. Zum Schlüsse sei zweier Pioniere der Fliegekunst gedacht, die im Jahre 1912 den Tod fanden, jedoch nicht in der Ausübung ihrer Kunst, die sie so oft in Todesgefahr führte. Wilbur Wright, der als erster Mensch am 17. Dezember 1903 mit einem durch Maschinenkraft getriebenen Flugzeuge geflogen war. starb am 30. Mai 1912 nach kurzem Krankenlager am Typbus. Wilbur Wright wurde zu Anfang in bedauerlichster Weise verkannt, denn man konnte nicht glauben, daß ein einfacher Mechaniker, der in einem weltvergessenen Winkel Nordamerikas eine kleine Fahrradwerkstatr besaß, den uralten Traum der Menschheit verwirklichen sollte. Der zweite der Toten ist Hubert L a t h a m, der in Afrika auf der Büffeljagd auf schreckliche Weise sein junges Leben einbüßte. Der sonst so sichere Schütze verfehle einen Büffel und wurde von den: wütenden Tiere zerstampft. Seine herrlichen, durch ihre Eleganz auffallenden Flüge, sowie sein Ueberlandflug vom Tempelhofer Feld nach Johannisthal werden den Berlinern noch gut in der Erinnerung fein. Dieser Ueberlandflug Lathams war historisch der erste auf deutschem Boden._ Jng. H. I.- Gerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Fkleirns fcuillcton. Völkerkunde. Zivilisierte Indianer. Daß der Einzug der Zibili- sation bei den priinitiven Völkerschaften nicht notwendig zu deren Untergang zu führen braucht, zeigt drastisch der kulturelle Aufstieg, der bei den Indianern in Kanada gegenwärtig beobachtet wird. Insbesondere gilt das von dem Stamme der Massetts, die westlich von Britisch-Columbia auf den Oueen-Charlotte-Jnseln im Stillen Ozean leben. Sie stellen einen Zweig des Stammes der Haidah dar, die an der ganzen Küste des Stillen Ozeans wegen ihrer her- vorragenden Intelligenz sowie wegen der großen Schönheit ihrer alten Sagen und Legenden berühmt sind. Nach einer in der„Zeitschrifl für Sozialwissenschaft" erschienenen Notiz sind gegenwärtig die MassettS mit gutem Erfolge damit be» schäftigt, die Errungenschaften der Kultur der Weißen, soweit sie ihnen zuträglich sind, bei sich einzuführen. Sie haben für sich eine ähn« liche Gemeindeverfassung, wie sie das kanadische Gesetz festsetzt, ge- schaffen, und, um die Durchführung verschiedener Kulturaufgaben zu ermöglichen, ein Gemeindesteuersystem eingeführt. Sie haben dieses System nach dem Muster dcS Steuersystems der Stadt Vancouver eingerichtet. Die Erhebung der Steuern hat eS den Massetts ermöglicht. in ihrem Hauptstädtchen ein neues Rathaus zu erbauen, für Kais und Wersten Vorsorge zu treffen, eine Schule und eine Kirche zu errichten und sogar die elektrische Straßenbeleuchtung ein- zuführen. Auch in ihren weiteren Plänen sind die MaffettS von dem Bestreben geleitet, sich an den Verkehr der großen Welt möglichst all- ieitig anzuschließen. Ihre Gemeindevertretung steht in eifriger Ver- bindung mit der kanadischen Regierung und mit den Schifiahrls- gesellichaften, um eine Verbesserung der SchiffSverbmdung mit dem Festlande zu erzielen. Und ihr jüngster Plan ist auf die Gründung einer landwirtschaftlichen Versuchsstation gerichtet. Die kanadische Regierung ist verständig genug, diese Kulturbestrebungen der Massetts eifrig zu fördern. Und es ist nicht zu zweifeln, daß sie auf diese Weise mit ihren roten Staatsangehörigen bessere Erfahrungen machen wird als das mächtige Deutsche Reich mit seinen unterjochten Herero» stämmen und Kamennmegern. Physikalisches. Das Ohr als falscher Zeuge. Seit der großen Volks- tümlichkeit des Kinematographen ist es den meisten Menschen ver- ständlich geworden, wenn auch nicht immer ins Bewußtsein getreten, daß unser Auge kein verläßlicher Zeuge der Vorgänge ist. Es täuscht auf der Leinwand des Kinotheaters Bewegungen hervor, die in der Wirklichkeit nicht stattfinden. Getrennte Lichtreize verschmilzt es in einen Eindruck und die Lücken entgehen ihm vollkommen, tvenn sie nur rasch genug vorüberziehen. Völlig gedankenlos aber nimmt man ganz entsprechende Erschei- nungen in der Welt der Töne hin. Schon längst ist der Kinematograph de? Ohres verwirklicht und wird in jedem Augenblick hergestellt, in dem wir Musik hören. Die langgezogenen sanften Geigen- oder Flötentöne berühren unser Empfinden als ununterbrochener, wenn auch verschieden modulierter Ton, an unser Ohr aber gelangen sie stets als eine Reihe von Luftstößen, die ihren Ausgangspunkt bei den Musik- instrumenten immer an schwingenden Teilen sSaiten. Zunge der Orgel usw.) nehmen. Die einzelnen dieser Luststöße ermöglicht nnS die Schwerfälligkeit unseres Empfindungssystems— denn diese ist offenbar hierfür verantwortlich— nicht wahrzunehmen: so wie die einzelnen Aufnahmen des Kinos ineinander schwinden, wenn der Film in rascher Drehung projiziert wird, so ver- schmelzen auch die sehr rasch aufeinander folgenden SÄall- wellen in einen Ton. Erst wenn die Geschwindigkeit ihrer Reihen- folge unter 40 Einzeltöne in der Sekunde sinkt, werden sie uns als Kette hämmernder Laute einzeln wahrnehmbar. Jeder gewandte Klavierspieler verbringt hierfür mit seinen Läusen einen Beleg, denn er strebt ja mit seinem oft nervenzerreißenden Eifer nichts anderes an. als möglichst viele Anschläge in der Sekunde zu erzielen, um seine Läufe„perlend" in einen auf- oder absteigenden Ton ver- schwimmend auszuführen. Ein sehr einfaches Mittel, sich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen, bietet das Schwungrad der Maschinen. Im Augen- blick des Antreibe»? erkennt das Ohr noch die getrennten Schläge, die es der Luft versetzt, aber in dem Augenblick, wo es die Frequenz von 40 Schlägen in der Sekunde überschreitet, entsteht ein einheit- sicher tiefer Brummton. der mit zunehmender Geschwindigkeit der Umdrehungen noch ansteigt. Bis 4000 solcher Luftstöße empfindet unser Ohr als musikalischen, freilich schon längst in der dreimal gestrichenen Region schwebenden musikalischen Ton: was darüber hinausgeht, wird als mark- und beincrschütterndes unerträgliches Pfeifen empfunden. Die ganze Zauberwelt des Musikalischen tanzt ihren Reigen in den engen Grenzen zwischen 40 und 4000 Schwingungen in der Sekunde, und das Ohr leiht ihr als liebenswürdiger Lügner er- borgte Schöhnhcitcn und eine Reinheit, die in Wirklichkeit gar nicht existiert. vorworlsBuchdruckerei u.VerIagsaifftalt.PaulSinsertEo.,BerlmSVV.