Nnterhalwngsblatt des Horwärts Nr. 20. Mittwoch den 29. Januar. 1913 20Z 6erdnchtc einer Kombe. Von AndreasStrug. „Jawohl, Dzika cinundncunzig! Ganz richtig; Höre, Schablon, kein Wort darüber! Laß uns doch einmal wie Menschen miteinander plaudern!" „Gut, gut... Man kann ja zuweilen vergessen. Na also... Und Dir ist es ja bald geglückt! Sie hätten Dich gehenkt— und fertig. Es war ja auch eine brave, tüchtige Leistung..." In Gedanken fügte er hinzu: Bloß, daß man mit solchen Kunststücken nicht Revolution macht! Und er fuhr fort- „Und wie fühlst Du Dich jetzt?" „So, so. Man muß sich daran gewöhnen." „Ich meine umgekehrt, man muß es sich abgewöhnen. Du wirst höllisch gesucht. Besser wäre es für Dich, Du würdest für einige Zeit auf Reisen gehen, ein bißchen über die Grenze." „Nein, ich habe keine Lust." „Vernünftiger wäre es schon!... Aber mit der Vernunft bist Du schon immer auf dem Kriegsfuß gestanden.' „Glücklicherweise.. „Erinnerst Du Dich noch an unser Attentat auf den Ver- rückten. Du warst der erste, der die Kartoffel schmiß..." „Aber Du trafst zuerst. Ich weiß noch. Direkt in die Fratze." „Zuweilew denke ich noch an diesen Kerl. Was war das für eine Figur!... Es war eine gewisse Größe in ihm..." „Ach was! Verrückt!" „Er wurde verrückt, weil er den Auftrag hatte, sein Leben lang Extcmporalia zu korrigieren. Er hat uns großartige Dinge gesagt, aber niemand hörte. Man machte sich über ihn lustig." „Und er- rächte sich dafür wie ein Irrsinniger mit„Ge- nügend" und„Ganz ungenügend"!" „Der Steißklopfer quält den Pennäler und dieser ihn! So hat man es uns gelehrt." „Ja. aber jetzt!..." „Siehst Du— begann Schablon— die neuen Schulen." Aber er brach ab, um ein brenzliges Thema zu vermeiden. Sie unterhielten sich scheinbar ungezwungen, aber in Wirklichkeit nahmen sie sich sehr zusammen und fühlten, daß jeder Augenblick sie auf einen heiklen Punkt führen konnte. Und da solche Stoffe sehr zahlreich waren, so war es wahrhaft anstrengend, sie zu vermeiden. Am meisten bedrückte sie jener erste dumme Augenblick. Man konnte es wohl vermeiden, davon zu sprechen, aber es war unmöglich, daran nicht zu denken. Beide hatten sie große Lust, aufrichtig zu sein. Sie hatten sich einst sehr gern gehabt und liebten sich auch jetzt noch. Siechätten sich gerne ausgesprochen, auch trieb sie die Neugierde, zu erfahren, wie das„bei ihnen" sei, wie der andere über gewisse Angelegenheiten denke, und wie er, un- streitig ein anständiger Mensch, solche„Schweinereien" er- trage— freilich lagen die Geschichten schon etwas zurück, wurden jedoch durch neue„Skandale".„Gemeinheiten" und andere Ungeheuerlichkeiten immer wieder aufgefrischt. In jenen Zeiten kannten sich die Gegner fast alle. Man traf sich in den Versammlungen, und jeder hatte seinen bestimmten Ruf. Von Marek sagte man: zwar ein aber einer von den Möglicheren, und von Schablon sagte man bei der anderen Partei: scheint ein anständiger Bursch, wenn auch ein LDIv. Endlich faßte sich Marek zuerst ein Herz. Er brach das Gespräch ab, und nachdem er eine Weile geschwiegen, begann «r folgendermaßen: „So sag mir doch aufrichtig, Schablon, und geradeheraus, hat man je gehört, daß erwachsene Menschen, alte Freunde, die einander achten... nein, das ist märchenhaft dumm, so dumm, daß man nicht weiß, wo man ansangen soll! Wie Haben wir uns begrüßt! Wie reden wir miteinander, zu allen Teufeln!" „Dazu hat auch das Leben einen gewissen moehm videnäi ausgebildet, daß man solche Begegnungen vermeidet. Man läßt sich nicht miteinander ein, und genug. Allerdings bin ich mir noch nie so dumm vorgekommen, wie heute—, ich habe freilich auch privat noch mit keinem von den Evern gesprochen." „So wie ich. Aber ist das vernünftig? Das ist eben das Ungeheuerliche!" „Im revolutionären Leben gibt es mehr solcher Unge» hcuerlichkeitcn, und noch schlimmere. Man muß das herunterschlucken." „Man schluckt natürlich, aber zuweilen möchte man doch auch etwas verstehen!— Uebrigens hat das Leben selbst diesen Deinen mockus videndi zunichte gemacht. Die Leute treffen in den Gefängnissen zusammen und müssen lange nebenein- ander aushalten, Tag um Tag..." Sie kamen schwer vom Fleck. Sie schwiegen lange und sahen sich nur zuweilen an. „Glaubst Du das alles wirklich, was Eure Leute über uns schreiben— und Du weiß sehr gut, was sie schreiben— Ich meine nicht vom Programm, nicht von der„organischen Verkörperung",„Nachgiebigkeit", dem„Kriechen vor Ruß- land"... sondern..." „Ja, ja. sondern vom Sozialpatriotismus, von der Aristokrätzigkeit, von der Räubertaktik, vom Verrat der Ar- beitersache..." „Lassen wir das!" „Lassen wir's!" Die Erregung wuchs. Es gelang ihnen nicht, die immer wieder aussteigende Bitterkeit zu unterdrücken. Der Wunsch, einander die Wahrheit zu sagen, war unwiderstehlich. „Man sagt bei Euch, wir— das seien„lauter Juden" (ich bin ja zufällig getauft und nicht beschnitten), lauter Juden, die nicht polnisch fühlen..." „Und ihr haltet uns für Nationalisten, für welche der Sozialismus nur ein Vorwand ist, über welchen sie lachen, wenn sie unter sich sind..." „Lassen wir's!..." „Ich sage Dir, Schablon, daß das eine scheußliche Täuschung ist. Wie eine verabredete Komödie! Die Leute sind versessen darauf, sie zu spielen, und spielen sie, daß alle Teufel darüber lachen..." „Ja. ja. Es ist viel Lächerliches dran, aber im Grunde. was können wir dafür? Das Leben hat uns und diese unsere Seltsamkeiten so geschaffen!" „Ich hasse diese Art von Problemstellung! Der Mensch, der weiß, was er will, beherrscht das Leben, lenkt es..." „Ja, bis zu einem gewissen Grade und nicht sehr, erheblich. Die Umstände sind entscheidend. Predige, was Du willst, be- weise allen, daß sie sich irren— trotzdem gibt es keine Ver- ständigung, wenn es nicht sein kann." „Ich will ja gar keine Verständigung. Mögen die Par- teien sich die Köpfe abreißen! Mögen sie sich totschlagen! Aber Komödie sollen sie nicht spielen. Sollen nicht so tun, als hielten sie einander für Schurken, fiir Diebe, fiir Betrüger." „Uebertreibung!..." „Ja, aber das ist der Ton unserer Polemiken in den Zeitungen, in den Versammlungen, immer und überall. WaS ist das für ein verabredeter, schändlicher Stil! Warum glauben die Leute daran? Warum schütteln sie es nicht von sich ab wie ekles Gewürm? Ich persönlich glaube nicht, daß ihr Schufte seid. Und Du? Glaubst Du es von uns?" „Dumme Frage! Offenbar doch nicht!" „Aber dieser Euer Arbeiter in Lodz, der unseren Streik- delegierten erschossen hat. er hat's geglaubt! Und da er es glaubte, hatte er ein Recht, zu töten. Er war ein primitiver Mensch von barbarischer EinfachHnt." „Erstens war das ein Mensch, der nicht zu unserer Or- ganisation gehört, irgendeiner aus der Masse.. „Doch, es war ein LDK.! Und zum Trost will ich Dib bekennen, was ihr vielleicht gar nicht wißt, daß einer von den nnsrigcn auch einen KI>K. getötet hat. Auch der glaubte das. Das ist die mörderische Konsequenz..... Schufte" schlägt man eben tot. Sei getrost! Eö kommt noch mehr der- gleichen..." „Falsch! Die einfachen Arbeiter leben miteinander natürlich und menschlich. Nur wir...". „Stimmt nicht! Es ist der unmittelbare ehrliche Haß Alfgehetzter Menschen.. „So red doch erst vsir den Deinen! Wir Hetzen niemand! Was für Ausdrücke!.. „Bei Euch mangelts auch nicht an verschiedenen Aus- drücken. Ich kann mich gut erinnern.. „Auch ich! Auch ich! Wenn Du willst, werde ich etwas «itieren.. „Natürlich. Es ist bei Euch obligat, alle Intrigen, Kunststückchen und Angriffe von Olims Zeiten her auswendig zu wissen! Eine etwas obskure Bildung, wahrhaftig!" Sie waren an eine böse Stelle geraten. Es lag ein Un- stern über ihrer Unterhaltung. Sie konnten sich nicht mehr mäßigen. Marek vergaß, was er erst vor einer Weile ge- sprachen hatte. Der Haß zitterte in ihm. Auf Schablons Gesicht lag Hohn und kalte Wut. Seine Augen sprachen: Komm nur heran... Es lastete- auf ihnen, und am schwersten war das, daß gerade diese Dinge sie voneinander trennen mußten,— Menschen, die soviel Gemeinsames, soviel liebe Erinnerungen� und soviel warme sehnsüchtige Freundschaft füreinander hatten. Keiner wollte den andern überzeugen oder ändern. Jetzt bei dem zufälligen Zusammentreffen nach vielen Jahren wünschten die Herzen einen Erguß— ein aufrichtiges Gespräch von allem Vergangenen in der ersten schönen Jugend. Marek erinnerte sich an seine geheimsten schamhaften Be- kenntnisse vor dem Freund, zur Zeit, als sein Leid alles Maß überstiegen hatte. Er hatte ihm seine unendliche, Übermensch- liche, unglückliche Liebe bekannt, ihm von den göttlichen Reizen des Fräulein Anulja erzählt, sein Leid gebeichtet und geweint. Der Kamerad hatte ihn voll Hochachtung für die seelische Pein getröstet� hatte das Geheimnis bewahrt und, gleichsam zum Trost, seinerseits das Bekenntnis abgelegt,— daß auch er sehr unglücklich sei. Er nannte, ganz rot vor Scham, Kasjas Namen und bekannte alles. Er— dieser kalte, ernsthafte, stille Schablonl Von nun an hatten sie gememsame Schick- sale. Zusammen gingen sie in die Stadt, um die beiden Mädchen zu treffen, denn auch sie waren unzertrennlich. Marek las dem Freunde seine Verse auf die Geliebte vor, und Schablon als Entgelt ihm die tragischen Blätter seines Tagebuchs. Bis sie, nach vielen geheimen Unterredungen, nach langen Ueberlegungen. als das Leid keine Grenzen mehr hatte— denn zum Ueberfluß blieben wegen dieser Liebe alle beide in der fünften Klasse sitzen— beschlossen, das tragische Leben tragisch zu enden und sich gemeinsam zu ertränken. Diese Angelegenheit berieten sie ruhig, ernst, wie Männer. Eines Tages brachte Schablon zu einer solchen Sitzung '(sie fand unter den Linden an den gewundenen Ufern des Baches statt), begeistert ein kleines, mit blauer Tinte hekto- «raphiertes Heft mit und tat geheimnisvoll kund: „Die ganze Nacht habe ich gelesen. Laß es uns noch ein- mal lesen, bevor wir aus der Welt gehen! Das sind groß- artige, unerhörte Dinge. Und wir wußten von alledem nichts l" (Fortsetzung folgt-I bt, Hn die Scholle gebunden. Von GustafJanson. Ohne recht zu begreifen, was er eigentlich meine, wa? Karin mit dieser Erklärung zufrieden. Hans Mortenssons bestimmte Art und Weise jagte alle Zweifel in die Flucht, und wenn sich die Angst vor einer ungewissen Zukunft an seiner Seite in ihr regen wollte, wurde sie von seiner ruhigen Sicherheit eingelullt. Sie lauschte aufmerksam den Worten dieses Fremdlings, dessen Dasein sie vor wenigen Tagen nicht geahnt hatte, der aber mit einem Mal völlig chr Herz gewann. Sie empfand für ihn die Liebe eines treuen Haustiers zu seinem Herrn und schmiegte sich zutraulich an ihn. Hans Mortensson hielt sie fest in seinem Arm. „Nun gilt's anzupacken," erklärte er. als ob alles, was sie «inander zu sagen lstitten. in diesen Worten enthalten sei. Karin nickte zustimmend. Ihr ganzes Leben hindurch hatte s,e nichts anderes getan als geschleppt und geschafft, auch war es fujx nie eingefallen, dah bic Zukunft etwas anberes bringen würbe. Der Mann neben ihr war froh, daß alles, was er sagte, nur Wjrcti Beifall fand, anstatt Wider, pruch und Fragen zu begegnen, wie er erwartet hatte. In seiner Herzensfreude kniff er das Madchen herzhaft in die Seite, um ihr einen wirklichen Beweis Feiner Zuneigung zu geben. „JesseS, haben wir Zeit zu Dummheiten, wir.. „Jetzt merk' ich, daß wir zusammen passen," sagte er zufrieden, ..wir haben wahrhaftig an anderes zu denken, als an Tand und Possen." Beide schwiegen eine Weile und überließen sich ihren Gedanken an die Zukunft. Da aber keine! von ihnen Anlage zum Grübelq hatte, gaben sie's bald wieder auf und begannen zu plaudern. Wie ein schüchterner Schulknabe berichtete Hans Morien sscn, seine Schicksale mit abgerissenen Worten und unvollendeten Sätzen, da er häufig den Faden verlor und sich in seinen Erinnerunge» verirrte. Aber seine zähe Ausdauer zwang ihn zu vollenden, was er sich vorgenommen hatte, auch sagte ihm sein sicherer Instinkt, daß es sonst wohl nie geschehen würde. Neben ihm im Grase lag ein Weib, das ihm lieb war, sein Blut rollte schneller durch seine Ädern als gewöhnlich, jeder Nerv in seinem gestählten Körper war ange- spannt, denn jetzt stand ihm sein Ziel klarer denn je' bor Augen. Er glich nicht mehr dem früheren Hans Mortensson und das empfand er selbst. Er schilderte seine ersten Jahre in Stockholm, als er einen Tag nach dem anderen einen schwer beladencn Karren durch die Straßen ziehen und Sommer wie Winter die Nächte auf einem zugigen Heuboden zubringen mußte. Die Pferde im Stall hatten es besser, was ihm ganz gerecht erschien, denn sie kosteten Geld, während Bauernjungen jeden Tag seil waren. Als Knecht Hatto er weniger auszustehen, aber es wurde auch mehr von ihm gefordert. Als er allmählich einsah, daß er auf dem ihm vom Zufall ange- wiesenen Weg nicht weiter komme, ließ er sich werben und wurd« Gardist. Aber auch diese Wahl befriedigte ihn nicht. Eine dunkle Sehnsucht nach etwas, von dem er träumte und nach dem er strebte, ohne es jedoch nennen zu können, hatte sich seiner bemächtigt. Als Arbeiter ging es ihm gut; wenngleich sein Sehnen eher zu- als abnahm. Bevor er zur Insel heimkehrte, hatte er viele Jah�e hin- durch auf der Strecke gearbeitet. Bei oer Erinnerung an jene Jahre leuchteten seine kleinen Augen und seine Hand preßte Karin fester an sich. In Einöden, die kaum je ein menschlicher Fuß be- treten hatte, war er als Pionier vorgedrungen. Unter seiner Axt waren die stolzesten Tannen gefallen und mit seinem Brecheisen hatte er den harten Felsen aus vieltausendjährigem Schlummer geweckt. Er gehörte zu denen, die Wege durch Wildnisse bahnten und hatte unbewußt in erster Reihe unter den unbekannten Pio- nieren der Kultur gestanden, die bis dahin getrennte Länderftrecken zusammenknüpften. Stets hatte er den Platz inr vordersten Glied behauptet, denn cs ergötzte ihn die Natur in ihrer ursprünglichen Herbheit zu sehen und später zu vergleichen, was gewesen mit dem, was unter den eignen und den Händen seiner Kameraden entstanden war. Wenn dann die Kiesschicht gelegt und und die Schienen auf den Schwellen festgehämmert waren, freute sich Hans Mortensson. Ein herrlicher Weg war durch Wälder und über Berge gepflügt, und er selbst war einer der besten Pflüger gewesen. Wo die Kameraden zu zweien um eine Arbeit waren, führte er sie allein aus. Es war ihm ein« Lust, seine Kräfte zu zeigen, und oft nahm er unter jeden Arm einen Stamm, oder trug auf der Schulter eine Schiene zur Bahn. So wurde er Vordermann. Als solcher hielt er eiserne Disziplin unter den wilden Gesellen, und gehorchten sie nicht seinem Befehl, setzte es Prügel. Draußen in der Wildnis galt es nicht zu sdstvanken, und Hans Mortensson schlug hart und ohne Bedenken, aber auch ohne Jähzorn. Seine kalte Ruhe und kräftige Faust bändigten viele und schlugen einige zu Krüppeln, aber die anderen lernten zu gehorchen. Er schwieg eine Weile' und starrte zu den Wolken hinauf, bis ihn ein aufmunternder Rippenstoß von Karin an die Fortsetzung mahnte. An Zahlungstagcn wurde getrunken und dann ging's selten ohne Messerstiche ab, er selbst trug noch eine Narbe davon. Auch berichtete er von einem Bären, der eines Nachts im Herbst in die Reisighütte des Lagers brach. „Um Gotteswillen, Hans, ein Bär.. unterbrach ihn Karin, die ihn mit entsetzter Miene betrachtete. ..Was weiter", entgegnete er gelassen. Einer der Kameraden stieß ihm sein Brecheisen in den Rachen und er selbst spaltete mit der Axt den Kopf des Bären. So gut wie in den darauffolgenden Wochen hatten sie's nie zuvor gehabt. Jeden Tag gab's Bären- fleisch, an Kohlen geröstet, und einer der Ingenieure-.kaufte das Fell. Hätten nur mehrere dieser Bestien ihnen Besuche abgestattet, aber selbst die Bären schienen Respekt vor Hans Mortensson und seinen Genossen zu haben. Inzwischen hatte er in jenem Sommcv mit einem bestimmten Plan vor Augen zu sparen angefangen, und an demselben Tag, als die Bahn fertig war. wußte er, was er wollte. Ein Traum, der ihn in die Heimat zurückversetzte, erschien! ihm als ein Fingerzeig. Er verlangte seinen aufgesparten Lohn und trat die Rückreise nach der Insel an. Hier schwieg Hans Mortensson und blickte Karin fragend an. Sie verstand die Aufforderung und begann verlegen ihre ein- fache Erzählung._ Sie war die Tochter eines Häuslers auf dem Festlande. �,ie Kinderschar war zahlreich und Karin mußte, noch ein halbes Kind, in Dienst gehen.... Das war alles, was sie zu beichten hatte. '„Je weniger, je besser", meinte Hans, und Karin war ihm! dankbar, daß er sie nicht ihrer ebenso kurzen wie einfachen Ge- schichte wegen zum besten habe. „Jetzt wollen wir uns umsehen, denn morgen fangen wir im Ernst an." Tarauf verfolgten sie den Weg, der zu Hans MortenssonZ Gcburlsstätte führte. An dem alten, morschen Gehege blieben sis stehen und blickten zu dem höchstens zehn Schritt entfernten Wohn- Hause hinauf. Keiner tum beiden sagte ein Dort, statt dessen sprachen die Augen. Der Besitzer, der sie vom Fenster aus bemerkt hatte, trat aus dem Haus, augenscheinlich ärgerlich, Hans Mortensson wiederzu- sehen. Er murmelte etwas von Landstreichern und Gesindel, hütete sich jedoch es laut zu äussern. Hans Mortensson lachte verächtlich und schnitt eine Grimasse, worauf der Bauer aufgebracht wieder ins Haus zurückkehrte, dessen Tür er dröhnend zuschlug. „Vergeh er nicht, was ich ihm gesagt Hab"', rief ihm Hans Mortensson nach. „Man soll's im guten versuchen, bevor man mit harter Hand zupackt", erklärte er auf Karins fragenden Blick. Nach einer Weile schlugen sie den Weg nach dem Innern der Insel ein und verfolgten den krummen Pfad durch den Wald bis Hagen, auf dessen Eingangs- tür sie zusteuerten. Hans hielt immer noch das Mädchen um- schlungen, das sich ohne Einwendungen und Fragen willig führen lieh. Petersson, der Besitzer von Hagen, begegnete ihm auf der Treppe. Er sowohl als auch sein Sohn waren ihrer Trunksucht wegen gekannt und gemieden, weshalb sie der unerwartete Besuch doppelt verwunderte. „Hch," begann er, indem er boshaft nach dem Besucher hin- schielte,„suchst Du mich?" Der nickte nur. Er wusste, mit wem er's zu tun hatte und handelte demgemäh. „Setz Dich, Karin!" sagte er phlegmatisch� während er selbst Platz nahm.„Setz Dich, Petersson, dann können wir reden." Der Angeredete blickte scheel den Besucher an. Endlich platzte ex heraus: „Danke schön! Uebrigens ist's meine Bank, wenn Du's noch Nicht weiht." „Eine gute Bank, so viel ich sehen kann. Setz er sich." Ein hässliches bösartiges Lachen antwortete ihm. Hans Mortensson lieh sich jedoch nicht im geringsten stören. „Ich bin hier, um von Geschäften zu reden", begann er. „Sonntags mache ich keine Geschäfte." Ohne eine Miene zu verändern stand Mortensson auf. „Hat Zeit bis morgen", sagte er nur. „Um so besser", meinte Petersson. „Adieu auch!" Damit legte er wieder den Arm um Karins Leib und ging mit kurzem Kopfnicken. Ohne sich umzusehen schritt er über den Hof und begab sich auf den Weg. „Hör!" rief ihm plötzlich Petersson nach. „Morgen", entgegnete Hans und ging weiter. „Die Art muh kurz gehalten werden", flüsterte er Karin zu, die nichts von allem begriff, aber von diesem Tage an ihrem Hans unerschütterliches Vertrauen sckcnkte. Die beiden, die ihr Schicksal miteinander verknüpft hatten, traten gemächlich den Rückweg an. Im Schuppen, wo sich Hans Mortenssons Eigentum befand, ward eine hurtige Inventur vor- genommen und aus einer Kiste ein dunkle Flasche geholt und bei- seite gestellt. „Auf'n Handel!" erklärte Hans, dessen Rede wiederum kurz angebunden war, seitdem er sich nach seiner Meinung für eine lange Zeit ausgesprochen hatte. Karin lachte verständnisvoll. Ihr Mittagsessen bestand aus amerikanischem Speck und einem alten Kommissbrot. Während des Essens beobachtete er Karins Minen, ob sie etwa Verwunderung oder Widerwillen gegen die ihr gebotene Kost zeige. Da er nichts von allem bemerkte, nickte er zufrieden. „Wir werden's schon ausrichten, wir beide," sagte er mit einem Klang der Stimme, den Karin bisher nicht vernommen hatte. Als sie in froher Ueberraschung zu ihm aufblickte, klopfte er schmeichelnd ihren Rücken,' gerade wie der glückliche Besitzer eines starken und guten Lasttiers dasselbe bisweilen nach gut verrichteter Tagesarbeit liebkost. Stolz und gerührt trocknete sie ihr Auge. Obgleich Karin einige, wenngleich schwache Einwendungen vcr- suchte, brachten beide die Nacht in der Waldhütte zu. Dort gab sie sich gedankenlos, aber ohne Rückhalt dem Mann hin, dessen un- erschütterliche Ruhe über alle ihre Bedenken siegte. In der Frühe des folgenden Morgens stand Hans Mortensson auf Peterssons Treppe. Als der verscklafen und übelgelaunt her- austrat und mürrisch fragte, was zum Teufel er wolle, präsentierte Hans die Literflasche. Sofort klärte sich die Miene des Bauern auf und sein Benehmen wurde höflicher. „Bring Gläser!" befahl Hans, der die folgende Unterhandlung zu leiten entschlossen war. Sobald die Gläser gebracht wurden, wies er sie mit geringschätzigem Achselzucken zurück:„Fingerhüte! Hast Du nicht grössere?" (Fortsetzung folgt.) Ein poUtileKer Charakter. (Zu I. G. S e u m e s 150. Geburtstag. 29. Iamtnr 1913.) Die politischen Charaktere, die seinen besten Stolz bildeten in seiner besseren Vergangenheit, sind heute nicht mehr beliebt beim Bürgertum. Ts hat nun schon seit zwei Generationen auch politisch sein Heil in Kompromisse und Handelsgeschäft« gesetzt. Da» hat sein Verständnis für diese Männer, die weder mit sich noch mit Prinzipien Handel treiben konnten, nickt erleuchtet. Sie sind ihm unbequeme Mahner, Nietz'chesch gesprochen, doch in anderem Sinne, ein Gelächter und eine Scham. Es gedenkt ihrer am besten,— indem es sie vergisst. Die Aufgabe, die Erinnerung ihre? Seins und ihrer Taten wachzuhalten, ist längst in anoere Hände übergegangen. DaS Proletariat, das ihren Kampf weiter führt, steht auch als Hüter an ihrer Urne. Die Werke I. G. Seumes, die nur noch in wenigen Einzel« drucken zu haben waren, in einer gut ausgewählten Sammlung den Massen wieder zugänglich gemacht zu haben, ist das nicht geringe Verdienst Wilhelm Hausensteins.(Leipziger Buchdruckerei-A.-G. 560 Seiten. 3,50 M.) Diesem Seume, einem Altersgenossen Schillers, dessen Lebensjahre er um ein geringes übertraf, wurde alles zu Politik.„Ich glaube," sagte er in einer seiner Vorreden,„jedes gute Buch müsse näher oder ent- fernter politisch sein. Ein Bück, das dieses nicht ist, ist seh« überflüssig oder gar schlecht." So gab es in der Lyrik Politik, in der Idylle Politik, Politik in der Reiseschilderung wie in der Selbstbiographie oder in der philosophischen Reflexion, politisch war sein einziger dramatischer Versuch und wurde ihm sogar die über alles geliebte klassische Philologie. Seume war kein„deutscher Phantast," wie die Reaktion sich zum bequemen Gebrauch den Radikalismus zurecht gemacht hat: er war ein durchaus praktischer Mensch mit dem klarsten Blick ins Leben, genügsam bis zur Askese» ein Mann, der jeder Lage seiner bunt verworrenen Existenz gewachsen war, der sich ebensogut in der aufgezungenen englischen Uniform— er war von jenem edelcn hessiichen Fürsten mit Hunderten von Leidensgefährten nach Amerika verschachert worden—, als Gemeiner unter der preußischen Fuchtel wie als Offizier in russischen Diensten zurecht zu finden mutzte. Bei seiner männlichen Vorliebe für körperliche Leistung mag er sich manchmal im Lager so wohl gefühlt haben wie später nicht als ehrsamer Magister (Dozent) und Korrektor in Leipzig. Wie er, eines mühsam kämpfenden und in der harten Fronarbeit sich zu Grunde rackernden Kleinbauern Sohn, dem Volke entstammte, hat er sich allzeit am liebsten zu ihm gehalten, und nie die Berührung mit ihm verloren. SeumeS berühmte Fussreisen, durch eilt tiefes Bedürfnis, sich einmal dem ihn bedrängenden Bücherwesen zu entziehen, veranlasst, haben nicht zum wenigsten auch dielen Zweck deS scharfäugigen Betrachters aller mensch» lichen und politischen Zustände erfüllt.„Sowie man im Wagen sitzt, hatZman sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt". Wie fern ihm aber allessabstrokte Gelehrtentum, das in seinen vier Wänden selig wird, zu allen Zeiten lag, beweist der folgende Ausspruch aus seinem letzten Lebensjahr:„Würden die Zeitverhältnissa einem Bürger heutzutage Gelegenbeit geben, auf ehrenvolle Art praktische politische Arbeit zutun, so bätte ich mich wahrlich nicht dazu verstehen können, mich mit Lesen und Schreiben zu begnügen". Seine ganze Schriftstellerei ist ihm also nur Ausdruck einer zentralen politischen Idee. Seine Lyrik, in ihrem hochgestimmteir Pathos Elemente der Schillerscken Jugenddichtung weiterbildend, richtet sich gegen das Pasckatum der deutschen Kleinsürsten und gegen die Land und Volk ruinierenden soziale» und politischen Privilegren des deutschen Adels. Auch seine übrigen Schriften, bis herab zu einer lateinischen Einleitung zu einer Dissertation über den Plutarch, stehen ganz im Dienst solcher Zwecke: Seume war vielleicht der konsequen» teste Demokrat unter den deutschen Literaten seiner Zeit. Er war ein guter Hasser, der sich nicht durch gesellschaftliche» Entgegenkommen bestechen lieh.„Wer die Privilegien tötete, wäre der Weltheiland", lautet einer seiner politischen Aphorismen, und über die deutsche Geschichte resümiert er, warnend das Beispiel der durch die Raffgier der polnischen Junker vernichteten„Adelsrepublik" zitierend: „Bei uns zerstörten die Freiheiten die Freiheit, die Gerechtigkeiten die Gerechtigkeit." Aber er sieht auch, und hier vereinigt sich seine militärische Liebhaberei mit seinen» politischen Sinn, dass von Grund auf gebaut werden inuss, soll das HauS wirklich erneuert werden. „Wo man anfängt, den Krieger von dem Bürger zu trennen, ist die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit schon halb verloren." Zkur durch solche Neuordnung wird der Deutiche auch seine Nationallaster, ihm von der Geschichte eingepflanzt, ablegen, gegen die Seume nicht genug wettern kann: Denun und Geduld:„Demut— Mut zu dienen. Demut ist der erste Schritt zur Niederträchtigkeit." Dieser Schriftsteller, der eine Art Nationalpädagog war in einer Zeit, wo die Nation nur erst ein theoretisches Problem war, steht natürlich ganz im Bann der individualistischen Ideen der Aus- klärungSzeit. Auch er will den einzelnen ändern, um so die Gesamt- heit zu reformieren. Aber dunkel ahnr er doch die Grenzen dieses Individualismus, ohne ihn schon prinzipiell kritisieren zu können, wenn er etwa sagt:„Wo ein einziger Mann den Staat erhalten kann, ist der Stank in seiner Fäulnis kaum der Erhaltung wert." Während sich die denrschen Intellektuellen fast ausnahmslos von der anfangs freudig bcgrühten Revolution abgeivandt hatten, wurde Seume nicht wankend in seinen Ideen. Ja, in folgenden Worten scheint fast eine Maxime der Revolution formuliert zu sein:„Alles würde in der Welt am besten mit Negativen gehen. Die Weg- schaffiing des Schlimmen wird schon das Gute bringen." Auch hierin zeigt sich jener feste Glaube an die Demokratie, der alle seine Schriften beseelte. Wenn aus seinein Werk tl's aus seinem.Lebe«, Bei all« stoisch heiteren Seelenruhe, eine gewisse Ver- achtung des Lebens deutlich wird, so hatte sie Wohl die Hoffnungslosigkeit tun Grunde, sein Ideal verwirk- licht zu sehen unter einer Generation, die eS weder mit dem Verstände, noch mit dem Gefühl begriff. Käme er heute in unsere verwandelte Welt, so würde er wohl bald erkennen, daff die verhakten„Privilegien' noch immer nicht verschwunden find, daß sie wohl die Form gewechselt haben, der Inhalt aber der gleiche geblieben ist. Auch heute könnte er seine Definition des wahren Patrioten aufrecht erhaltet»: der Edelste sei der, der das meiste für das Vaterland tut und dar. wenigste dafür genießt— und er würde diesen Patriotismus dort lebendig finde,!, wo er allein zu suchen ist: im Proletariat. Die Hausensteinsche Seume-AuSgabe erneuert in uns nicht nur da? Gedächtnis eines vorbildlichen Charakters, sie führt uns auch in eine Eiitwickelungsperiode des deutschen Bürgertums ein, die von dieser Seite her selten betrachtet wird. Ein Fremdwortverzeichnis erleichtert das Verständnis des etwas magisterhaften Seumeschen Stils. Dies könnte sogar noch etwas ausführlicher sein. Ohne Sacherklärung wird z. B. nicht allgemein verstanden werden, was für eine Bedeutung die Lektüre des„Siegwart' hatte, was damit gesagt ist, daß der Herr Oberst„zu seiner Zeit zu Rinteln mächtig renommiert habe' usw. Die einleitende Biographie ist eine ganz vortreffliche Arbeit, die als Literaturbild und als kulturgeschichtliche Studie weit über ihren unmittelbaren Zweck hinaus Wert und Bedeutung hat. O. Witt» er. kleines feinüeton. Vor hundert Jahren. Die mehr als lOv Jahre alten englischen Zeitungen veröffentlichen täglich oder wöchentlich Mitteilungen, die in ihren Spalten vor einem Jahrhundert erschienen. Da gibt eS ergötzlich« Geschichten, die uns schmeicheln und in unS den Glauben bestärken, daß wir es doch herrlich weit gebracht haben. Doch häufig genug trifft man Berichte, die ganz klar dartun. daß sich an den menschlichen Schwächen nicht viel verändert hat. Man sehe sich nur den Artikel aus dem„Observer' vom 12. Januar 1813 an, der von einem Pastor William Dach aus Lustleigh in Devonihire handelt. Dieser ehrenwerte Herr wollte sich gern gedruckt sehen, fand aber keinen Gönner, der ihm behilflich sein wollte. So machte er sich denn an die Arbeit, baute seine eigene Druckerpresse und druckte mit alten Lettern. die stets gerade für zwei Seiten reichten, sein eigenes Werk. Die Arbeit dauerte ununterbrochen von 1795 bis 1807, da waren alle 20 Bände fertig. Und wie hieß das Meisterwerk, mit der Pastor Davy in jenem revolutionären Zeitalter beschäftigt war?„Ein System der Theologie in einer Reihe Predigten über die ersten Einrichtungen der Religion— über das Wesen und die Attribute Gottes— über einige der wichtigsten Glaubensartikel der christlichen Religion in Verbindung damit— und über die verschiedenen Tugenden und Laster der Menschheit; mit gelegentlichen Gesprächen. Eine Samm- lung der besten Gedanken der gebildeten Schriftsteller und hervor- ragenden GolteSgehrlen. der alten wie der modernen, über die näm- lichen Themata, ordentlich zusammengefügt und verbessert; besonders geeignet für den Gebrauch der führenden Familien und der Studenten der Theologie, für Kirchen und für das Wohl der Menschheit im allgemeinen." War das eine Arbeit! Und was ist aus dem Koloß, der nach der Ansicht des Verfasiers neben Shakespeare und Milton stehen müßte, ge- worden? Vielleicht liegt noch ein Band in dem Kasten eines der zahlreichen Händler im Charing Croß Road, die mit antiquarischen Büchern handeln— in dem großen Kasten, an dem geschrieben steht:„Drei Bände für einen Penny I' Wie die Journalisten die Zensur umgingen, erläutert eine Notiz aus dem„Drakard'S Paper' vom Januar 1813. Die Zeitung wollte den sittlich verkommenen Regenten schildern und fing die Sache so an.„Der Char, kter eines Fürsten.. Die Natur hatte ihn «her ichwach als bösartig gestaltet. Manchmal entfaltete er hoch- herzige Empfindungen, die vielleicht zu eckuen Tugenden hätten reifen können; er war jedoch, obwohl dem Namen nach der Herr, in Wirklichkeit der Sklave, einer Freunde und Begleiter, die all- mählich sein Gemüt verdarben. Unter geschickter Ausnutzung seiner sinnlichen Begierden deivegten sie ihn, alle Blaß- regeln, die sie wünschwn, anzunehmen. Freilich zeichnete er. sich aus, aber nur in der Geckenhaftigkeit seiner Kleidung »ind in seinen Ausschweifungen. Er überließ die Zügel der Re- gierung seiner Umgebung und schätzte au seiner Herrschergewalt nur die grenzenlose Zügellosigkeit in der Befriedigung seiner niedrigen Begierden. Während der Druck schwerer Zeiten seine Untertanen zur Verzweiflung trieb, lag er, dem Luxus frönend, in seinem Palast, anstatt sich energisch den öffentlichen Gestern ften zuzuwenden, um womöglich den Friede, und damit den Wohlstand wiederherzu- stellen und die Empörung wirksam in Gehorsam zu verwandeln." „Der Fürst, dessen Charakter in dem obigen Artikel gezeichnet ist', bemerkt die Redaktion ausdrücklich,„ist Commodus, einer der späteren römischen Kaiser, und die Angaben, die wir über ihn ge- macht haben, werden in Gibbon« Geschichte bestätigt."_ Iverantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck ru Verlag: Das hinderte natürlich nicht, daß alle Engländer nach dem Lesen der Schilderung gleich ausriefen:„Das ist uns« Prinz- regent I" Naturwissenschaftliches. Greisenalter und Tod in der Bakterienwelt. Die Frage, ob die niedersten Organismen die Erscheinungen des Alterns und des Tode? kennen, ist in der Biologie noch keineswegs geklärt. Es gibt hervorragende Biologen, die für die niedersten Organismen eine Art Unsterblichkeit in Anspruch nehmen. Diese ein- zelligen Organisn, en vermehren sich durch Zweiteilung, die in der Regel zwei- bis fünfmal innerhalb 24 Stunden erfolgt. Somit bildet jede spätere Generation eine unmittelbare Fortsetzung der vorhergehenden, und eine beliebig lange Kette solcher von einer Zelle abstammenden Generationen kann mit Recht als ein einziger Riesen- organismus angesehen werden. Solange die Zweiteilung ungeschwächt vor sich gebt, ist dieser Organismus in der Tat unsterblich. Run ist aber die ungeschwächte Fortsetzung der Fortpflanzung an eine Bedingung geknüpft. Nach einigen Hunderten von Gene- rationen werden die Organismen, nach den bisherigen Beobachtungen wenigstens, altersschwach. Um sie wieder zu beleben, muß man ihnen die Gelegenheil geben, sich mit anderen Organismen, die je- doch nicht von derselben elterlichen Zelle abstammen dürfen, zu der- einige». Dann kann der Kreislauf wieder beginnen, sonst tritt in Bälde der Tod ein. Wie bisher angenommen, beginnen die Alters- erscheinungen nach Ablauf von etwa zweihundert Generationen, und der Tod tritt nach Ablauf von weiteren hundert Generationen ein. Daß diese Annahme jedoch etwas voreilig war, will ein englischer Biologe, L. L. Woodruff, auf Grund seiner Versuche, über die er in einer englischen Fachzeitschrift berichtet, gezeigt haben, Im Mai 1907 isolierte er ein Bakterienexemplar t?arameeium aurolia) in fünf Tropfen von Heuaufguß, und als nach zwei aufeinander folgenden Teilungen vier Individuen davon vor- banden waren, wendete er auch bei diesen dasselbe Jsolienmgs- verfahren an. Bon diesem Momente an, d. h. im Laufe von über fünf Jahren, hat der Forscher jeden Tag die Nachkommenschaft dieser vier Slammindividuen nach demselben Verfahren behandelt, d. h, jede Möglichkeit der Verschmelzung mit anderen Individuen war vollkommen auSgeschloffen, Im Mai 1312 zählte er bereit? 3029 Generationen, von denen die letzte ebenso lebensfähig war wie ihr Vorfahr vor fünf Jahren. Der Forscher glaubt bewiesen zu haben, daß das Altern und der Tod keine notwendigen Begleit- erscheinungen des Lebens seien und daß die lebende Substanz viel- mehr befähigt sei, sich bei paffenden Bedingungen ins Unbegrenzte auszudehnen. Daß der Ausdruck„unbegrenzt" kein übertriebener ist, beweist übrigens folgende Ueberlegung. Hätte man die 3023 Generationen bei ungehinderter Forlpflanzung beisammen erhalten können, so wären eS insgesamt nicht weniger als in runder Zahl 36 mit 310 Nullen Individuen gewesen. Eine solche Masse wäre wirklich im- stände, eine kosmisckie Revolution hervorzurufen, denn man müßte 3 mit 878 Nullen Wellkörper von der Größe unseres Planeten zu- sammentun, um eine Masse von derselben Größe erreichen zu können. Geologisches. Eine Landvrücke zwischen Europa und Amerika. In den langen Zeiträumen der Erdgeschichte hat die Verbreitung des Meeres bedeutende Schwankungen und Verlegungen erfahren. Insbesondere ist es zweifellos, daß vor verhältnismäßig kurzer Zeit, allerdings vor vielen Jahrtausenden, wahrscheinlich bevor irgend ein Mensch auf der Erde lebte, eine Landverbindung zwischen Europa und Nordaftika auf der einen Seite und Amerika auf der anderen Seite bestand. Dieser Schluß ist bisher hauptsächlich aus der Ver- wandtichast der europäischen und nordamerikanischen Wirbeltiere gezogen worden. Auch der alte Plato sprach wenigstens von einer Insel Atlantis, die einen großen Teil des heutigen Atlantischen Ozeans ausgefüllt haben soll. Die neueren geologischen Forschungen haben andere Gründe zur Befestigung dieser Amiahmen gebracht, auf die Dr. Termier in einer Zusammen- kunft des Ozeanographischen Instituts zusammenfassend hingewiesen hat. Zu den auffälligsten dieser Tatsachen gehört die Beobachtung, die bei Gelegenheit der Ausbesserung eines Kabels, das von Brest nach Kap Cod an der nordamerikamschen Küste führt, gemacht wurde. Die Bruchstelle des Kabels lag etwa 500 Meilen nördlich von den Azoren, wo das Meer eine mittlere Tiefe von 3000 Metern besitzt. Die Arbeit gestaltete sich ungewöhnlich schwierig, und es erforderte mehrere Tage, bis das gerissene Kabel aufgenommen werden konnte. Dabei wurde festgestellt, daß der Meeresboden in diesem Bereich große Unterschiede von hohen Gipfeln, steilen Abfällen und tiefen Gräben aufweist. Noch merkwürdiger aber war der Befund, daß der Meeresboden dort aus einer völlig glasartigen basaltischen Lava besteht. Da ein derartiges Gestein nach den bisherigen Forschungen mir bei sehr schneller Erkaltung der Lava entstehen kann, so müßte es damals an der Oberfläche ausgeguollen sein, nicht aber unter dem Druck einer Wassermasse von 3000 Meter Höhe. Auch die großen Tiefen» unterschiede verweisen auf die gleiche Annahme, da sich die Lava unter starkem Druck mehr flächenhaft ausgebreitet haben würde. Deshalb muß damals ein Festland dort gewesen sein, entweder als Insel oder als Landbrücke zwischen Europa und Nordamerika._ PorwärlsBuchdruckeret u.Verlagsanstalt Paul S'ngeräcCo,, Berlin S W.