Nnlerhallungsblatt des Nr. 25. Mittlvoch den 5. Februar. 1913 25] Gcfcbicbte einer Bomb*. Von AndreasStrug. Gin kleiner-Rest nur tvar vom Gedächtnis der<3e-- storbcnen übrig geblieben. Im Halbdunkel stand das Frag- ment des Kreuzes wie ein Sinnbild ewigen, nicht gutgemachten Unrechts. Tief in der Wildnis begraben, fern von Menschen, lag die blutige Kränkung. Sie war geflohen von den Menschen und wollte in ihrer tiefen Versunkenheit nichts mehr als die ewige Einsamkeit der Ruhe. Sie schlief den ewigen Schlaf und schien im Rauschen der Blätter nur um eins zu flehen: Laß uns im Frieden, lebender nachkommender Mensch! Komm nicht hierher, denn wir haben endlich Ruhe gefunden. Der Feind hat uns erschlagen. Unsere Sache ist verspielt, und unsere Brüder haben uns vergessen. So viele Jahre ist es her... Geh fort und vergiß! Marek erwachte aus seinem wesenlosen letargischen Sinnen. Er setzte den Hut auf. trat in die Sonne, in das Licht, in die Wärme des Lebens. Die Trauer des Grabes hatte ihn nicht angesteckt. Er neidete jenen Gefallenen nur die weiten Fluren und den großen, offenen Kampf in großen Haufen. Und dies, daß sie in der Schlacht mit der Waffe in der Hand gefallen waren. Er stand da und sah von der Höhe auf das weite hügelige Land. Alles, was in ihm lebendig und vernünftig war, erwachte. Und noch einmal lächelte ihm die Freude: lächelte ihm das Herz über diesen Bauer Orawiec, ider dort auf der Straße ihn erwartete und ihn stets wieder an den Kampf gemahnte. Und er dachte und sprach es aus: Nur das hat Euch gefehlt in Eurem Schicksal!... Dieser Bauer. Nichts anderes als er! Er sprach die Worte, wie ein liebender Sohn zum Schatten des abgeschiedenen Vaters spricht. Ein heißer Tag kündigte sich an. Die Farben spielten in der Sonne, die Umrisse entfernter Dinge zitterten in der heißen Luft. Die Grillen schienen außer sich vor Freudigkeit und sprangen ihm in ganzen Haufen vor den Füßen herum. Man hörte das Locken der Wachteln, es lärmten die Elstern, die um etwas zu kämpfen schienen. Schön stand in ihrer üppigen Pracht die Fülle der wilden Blumen. Und Marek wußte jetzt ein für allemal, daß seine letzte Stunde heiter und ruhig sein wird. Er wußte, daß trotz aller Schönheit des Lebens sein Tod etwas ebenso Einfaches, ebenso Notwendiges war wie dieser bescheidene weiße Schmetterling auf dem Hintergrund des blauen Himmels. * Am frühen Morgen des nächsten Tages begannen sich die eingeweihten Bauern an dem verabredeten Platz zu ver- sammeln. Sie kamen verschiedene Wege: durch Feldrain und verborgene Steige kamen sie von weither, und ver- schwanden im Walde. Auf einer kleinen Lichtung, auf der nur-ein Haufen frischgesammelten Heus lag, warteten bereits Marek und Orawiec. Man begrüßte sich. Alle liebten Marek sehr, und ein jeder der Reihe nach sprach ihm, fast mit den gleichen Worten und so gut er es verstand, seine Freude darüber aus, daß„der ältere Genosse sich gerettet hatte und lebt— Gott gebe noch recht lange!" Marek drückte harte Fäuste und be- grüßte gerührt die alten Bekannten. Man unterhielt sich eine Weile, und als Orawiec verkündigte, daß alle Berufenen beisammen seien, setzten sich die Bauern in den Schatten aufs Gras, und Marek trat heraus und sprach. „Ich freue mich, Euch alle lebendig, gesund und zur Arbeit bereit zu sehen.' Ich freue mich, daß hier bei Euch alles in Ordnung ist, daß keine Lumperei und kein Eigen- Wille vorgekommen ist. Die erste soldatische Tugend ist, dem Anführer zu gehorchen. Nicht mir und auch nicht dem Ge- nossen Orawiec habt Ihr gehorcht, sondern der ganzen Re- Volution und dem arbeitenden Volk, das uns zu Euch. geschickt hat. Das ist gut. Ihr seid unzufrieden, daß es für die Kampfaruppc zu- nächst keine Arbeit gibt. Auch das ist gut, daß der Soldat den Kampf will. Anders, wenn es ihm einfallen sollte, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Da aber dergleichen nicht geschah, so ist es gut. Mancher von Euch fragt sich: wozu ist diese Kampfg' nosscnschaft da, wenn befohlen wird, still zu sitzen, nur zu lernen und zu. schweigen— und nichts zu tun, als was jeder gewöhnliche Mensch in der Partei tut? Denn manchem scheint es, er sei etwas Besonderes, wenn er der Kampfgenossenfchaft beigetreten ist. Der mag sich mäßigen, denn in feinem Kopf ist es nicht in Ordnung. In gewöhnlichen Zeiten seid Ihr verpflichtet, die ersten bei der alltäglichen ruhigen Arbeit zu fein, fei es beim Streik, sei es, um die Halunken aus der Gemeinde auszuräuchern, sei es in der Versammlung. Und wenn der Befehl kommen wird, zu den Waffen zu greifen, dann werdet Ihr gehen. Ich habe Euch schon so viele Male auseinandergesetzt, was die Kampf- gcnoss-enschaft ist, wozu und zu welchem Zweck, was und wann sie soll � und Ihr erinnert Euch dessen nicht mehr! Man muß sich schämen, daß man ein und dasselbe immer und immer wiederholen muß wie vor Kindern. Schade um den Mund und um die Zeit! An Stelle dessen, was ich Euch Neues zu sagen hätte, muß ich immer die alten Predigten wiederholen..." Er sprach lange. Er sprach klar, kraftvoll, einfach, um aufzuklären und zu belehren. So oft schon hatte er das gleiche gesproa>en, hier und anderswo, daß es ihn langweilte, wenn er begann. Da er aber einen Haufen aufmerksam und ge- sammelt horchender, tapferer, bereiter Leute vor sich hatte, wurde er lebhaft und warm. „Meine Sache ist es nicht. Euch von der Duma zu er- zählen, von der Politik und von den ländlichen Streiks. Ihr habt die Zeitung lest sie: dazu sind auch die Genossen von der ländlichen Organisation da. Diese fragt. Meine Sache ist, daß Ihr schießen lernt, eine Mine legen, rasch zur Stelle sein, wo man Euer bedarf, das Nötige tun und verschwinden, leise wie die Katzen. Und gegebenenfalls den Kopf zu ris- kieren, ohne Bedauern und ohne Angst. Also, Genossen, jetzt werde ich Euch eine große und wichtige Neuigkeit mitteilen. Und aus dem, was ich von Euch und von Orawiec hörte, schließe ich. daß sie Euch angenehm sein wird. Eine große Arbeit wartet Eurer hier. Eine nicht ge- wohnliche und sehr wichtige Arbeit. Man kann sagen, daß unsere Kampfgruppe dergleichen noch nicht unternommen hat, weil es ihr an Kräften fehlte. Jetzt kann man es, also wird es geschehen. Ich werde Euch nicht sagen, wo, was, wie und wann. Denn das ist nicht unsere Art. Es genüge Euch zu wissen, daß jeden Tag, vielleicht schon in einer Woche, jemand von den Unserigcn oder ich selbst oder ein anderer, wenn ich nicht mehr sein sollte, mit dem Befehl hierherkommen wird: dann müßt Ihr, ohne auch nur eine Stunde zu verlieren, beginnen. Alle, bis zum letzten, haben in Bereitschaft sich zu halten. Es wird vielleicht nötig fein, weit zu fahren, vielleicht einen Haufen von Menschen hier unterzubringen, zu unterstützen— vielleicht ergibt es sich auch, daß man Gefangene befreien wird müssen... Es kann mißlingen. Und dann werdet Ihr es alle mit dem Leben bezahlen. Es kann, wenn Ihr Euch brav haltet, gelingen. Und dann wird es nur Freude geben und gar keine Trauer. Ich bin nicht der liebe Gott, um das voraus- zuwissen. Aber was ich wissen muß, ist: daß Ihr mit Ueber- legung auf die Frage antwortet: werdet Ihr bereit sein? Werdet Ihr blind gehorchen, wie es gerade kommt?— Wer nicht bereit ist, mag heute die Waffe abliefern, und er soll kein böses Wort hören." „Wir sind bereit." „Wollt Ihr alle gehen?" „Uns braucht mau nicht zu fragen. Nur zu befehlen.— Dazu sind wir da." „Wir haben genug von dem Warten." Orawiec erhob sich vom Grase und sprach: „Du, älterer Gcnosie, und auch Ihr, Genossen! Ich will jetzt wegen der Aufnahme neuer Leute in den Bund etwas sagen. Wir sind hier achtundzwanzig von den Aelteren, und nicht weit von hier am Walde warten noch dreizehn, die zu uns wollen. Es ist nötig,' daß hier von allen gesagt wird, was einer irgend von ihnen weiß. Sie sind ausgesucht und ge- wählt, durchgesiebt wie das Korn in der Mühle. Alles wohl- geraten. Denn Verdorbenes brauchen wir nicht. Abec — 93- ksmioch muß über iedeu noch, einmal abgestimmt werden, und was einer zu sagen hat, mag er sagen..." Nach einer stunde ungefähr führte Orawiec feierlich ein Häuflein Bauern auf d-? Lichtung. Sie kamen neugierig mit vorgestreckten Köpfen und leuchtenden Augen näher, als hätten sie erwartet, etwas sehr Ungewöhnliches zu erblicken. Es waren tüchtige Burschen, jung, doch nicht allzu jung, in verschiedener Kleidung, doch alle in Stiefeln, in sauberen Hemden und gewaschen wie am Sonntag. Die Kampfgenossen hatten sich in zwei Reihen aufge- stellt. Am Flügel stand ein Mann mit der Fahne, neben ihm Marek. Alle außer ihm hatten die Waffen entblößt. Die Neuen stellten sich getrennt auf und grüßten auf Oratviecs Befehl die Fahne durch Hutabnehmen. Marek trat in die Mitte der Lichtung, sah scharf auf die Neuen und begann: „Was Ihr jetzt tut, bedeutet einen wichtigen Augenblick in Eurem Leben. Denn von nun an ist jeder von Euch in die heiligste Verpflichtung getreten, in den würdigen und schweren Dienst des ganzen Volkes. Ihr dienet Euch selbst, denn Ihr seid das Volk! Wenn Ihr fallet, so geschieht das für Eure Sache. Denn Ihr seid das Volk. Fallen aber kann man leicht bei uns. Und als Belohnung gibt es nichts als das reine Geivissen erfüllter Pflicht. Güter werdet Ihr nicht er- werben, außer der Ehre, daß Ihr Leben und Gesundheit für die Sache der Befreiung hingebt. Wir haben einen großen, schweren, blutigen Kampf be- gönnen. In den Dörfern und in den Städten. Die Herren, die Geistlichen, die Kaufleute, Fabrikanten, alles, was reich und niächtig ist und von der menschlichen Arbeit lebt, alle sind von diesem Kampf zurückgetreten, und bei der Sache allein geblieben sind wir: Arbeiter und Bauern. Wie haben einen Bund auf Tod und Leben geschlossen, wir haben einander die Hände gereicht, und es muß geschehen, was wir wollen." � �„Wir Kampfgenossen kommen ins erste Feuer. Wir sind die vordersten bei der schwierigsten Arbeit. Uns ist es zu- gefallen, den großen Krieg vorzubereiten und zu beschleunigen, welcher uns ehrliche Freiheit erobern soll, Erleichterung für das arbeitende Volk in Stadt und Land. Unser Blut wird fließen und muß fließen, anders wird der Feind nicht weichen. Es wird viel Elend und Unglück geben, aber fo ist das Recht des Krieges. Ohne dies wird es keinen Sieg, wird es kein Glück gebend (Fortsetzung folgt.D prahtxfcbc JV�oraltbcologlc. Von Peter Scher. Ein Herr Aeorg N. Piepte fuhr in den ersten Tagen dieses Monats vom Görlitzer Bahnhof in Berlin über Görlitz-Zittau ins Böhmische, um einen Freund zu besuchen. Der Freund hatte Herrn Piepte geschrieben: Vergiß nicht, deutsche Zigarren und leichten Tabak mitzubringen. Die österreichische Sorte kannst Du nicht vertragen. Herr Piepte hatte diesem Rate entsprechend Zigarren und Tabak in reichlicher Fülle mitgenommen. Als der ehrliche Mensch, der er war, hatte- er diesen Vorrat in seinem Koffer obenauf placiert. Da die Geschichte nun einmal verzollt werden mußte, sollte sie der Beamte auch gleich parat finden. Viel- leicht würde er sich, durch soviel Ehrlichkeit gerührt, bewegen lassen, von einem weiteren Durchwüblen des Koffers, der nichts «erzollbares enthielt. Abstand zu nehmen. So hatte Herr Piepte argumentiert, ohne mit jenen mystischen Zusammenbängcn zu rechnen, die ehedem sogar einen Striudberg verniochten, an Mächte zu glauben, deren Fingerzeigen sich die Einsicht der Sterblichen platterdings nicht «ntziehen könne. Der ahnungslose junge Mensch kaufte sich in Görlitz die Abend- zeitung und halte das Blatt kaum aufgeschlagen, als sein Blick sich � wie magnetisch angezogen auf einen Artikel heftete, in den, von einer Ördensverleihung an den Würz- vurger Theologieprofessor Franz Adam Göpfert die Rede war. Herr Piepke behauptete später, er habe zunächst über sich selbst lachen müssen. Was zum Henker, habe er bei sich gesagt, geht mich Franz «dam Göpfert und sein Orden an I Gleichwohl habe er doch das merkwürdig-mystische Gefühl nicht los werden können, daß da etwas Besonderes dahinter stecke. Und richtig I Am Schluß des Artikels war— um dem Leser plausibel zu machen, für welche Leistung Herr Göpfert den Orden erhalten hat— ein Satz ans seinem Haupt- werke, der„Moraltheologie", zitiert. Dieser Satz schlug wie ein Blitz in Herrn Piepkes Gemüt. Er soll darum auch hier folgen: „Dagegen kann man eS nicht als ungerechtes lwenn auch nn« erlaubtes) Mittel ansehen, wenn jemand, um der Steuer oder dem Zoll zu entgehen, Mangel an Zeit vorschützt, ernstlich be- horchtet oder beschwört, er habe nichts Steuerpflichtiges, oder wenn er auf Fragen sagt, man habe nichts zu deklarieren; es liegt auch keine Ungerechtigkeit vor, wenn der Steuerbeamte die fehlende Summe ersetzen müßte; denn das hat er seiner eigenen Nachlässigkeit und Leichtgläubigkeit zuzuschreiben." Der Reisende las den Satz dreimal durch. Er starrte eine Weile vor sich hin, dann kniff er sich in den Arm und flshlte Schmerz— er war also bei Bewußtsein. Hier war seine Hand mit der Zeitung— dort der Koffer— kein Zweifel: er war wach l Nach einer Weile llärte sich seine bestürzte Miene.»So, so"— murmelte er—,„dafür hat er also vom Staat den Orden gekriegt I Na, da wäre man ja schön dumm, wenn man nicht..." Das Ende des Satzes, ging in dem Getöse unter, das die Hantierung mit dem Koffer verursachte. Als Herr Pieple den Deckel wieder zuschlug, hegte er keine Besorgnis mehr, die Zigarren zu beschädigen. Er war infolgedessen sehr vergnügt.— An der Grenze kam der Zollbeamte ins Coups:.Nichts zu verzollen— Tabak— Zigarren?" „Absolut nichts I" rief Herr Piepke. Er rief es aber mit solcher UeberzeugungSkraft, daß der Beamte stutzte und befahl, den Koffer zu öffnen. Herr Piepke schloß mit zitternden Händen auf. Der Beamte scharrte ein bißchen zwischen Kleidern und Wäsche herum und förderte mit geübtem Griff Zigarren und Tabak ans Licht. „Aha!" sagte der Zöllner. „Weg dal" schrie der Sünder. „Schmuggler!" zischte der Beamte. „Flegel!" kreischte Herr Piepke in besinnungsloser Wut. „Bcamtenbeleidigung auch noch!" donnerte der Zöllner und schleppte den Reisenden vor den Oberzöllner. „Wiffen Sie nicht, daß Schmuggeln ein Verbrechen ist?" schnarchte der Vorsteher. „Unsinn," schrie Herr Piepke schäumend,„moralisch ist er— theologisch ist er— eine religiöse Handlung ist eil" „Lästerung I" tobte der Unterbeamte. „Er ist irrsinnig!" der Oberbeamte. Das Protokoll wurde aufgenommen. „Natürlich Protestant!" bemerkte der eine Beamte mit» Genugtuung. „Und aus Berlin," setzte der andere hinzu. Das Protokoll legte Herrn Piepke Zollhinterziehung und Beamtenbeleidigung zur Last. „Bon der Lästerung habe ich nichts erwähnt, um Sie nicht ganz unglücklich zu machen, junger Mensch," sagte der Vorsteher väterlich. „Im übrigen haben Sie laut Gesetz den elffachen Wert des hinter» zogcnen Zolls zu deponieren. Herr Piepke deponierte, bestleg den nächsten Zug und langte mit erheblicher Verspätung bei seinem Freunde an. Noch am selben Abend schrieb er folgende Zeilen: Herrn Franz Adam Göpfert, Theologieprofessor und Ritter pp. in Würzburg. Sehr geehrter Herr Professor! Ich erlaube mir, Ihr wertes Konto„Moraltheologie"(Abteilung Zollhinterziehung. Bd. II S. 270) mit 88 M. zu belasten. Gestatten Sie mir die ergebene Anfrage, ob ich befugt bin, auch den zurzeit noch ideellen Wert der in logischer Konsequenz unterlaufenen Be- amtcnbeleidigung auf das nämliche Konto zu buchen. Sollten Sie damit einverstanden sein, so wäre ich nicht abgeneigt, bei nächster Gelegenheit auch probeweise eine Steuerhinterziehung auf moraltheologischer Grundlage zu versuchen. Mit vorzüglicher Hochachtung Georg N. Piepke, stuck, rnorsltdeol. l�inäerspracbe unci Gcdicbt- fpracbe. Von Karl Röttger. Wir haben da gleich eine Reihe Probleme. Das Problem „Kind", das Problem„Sprache",„Gedichte",„Erwachsener" usw. Man wird an sie einzeln heran gehen müssen, ehe man übers Ganze einen Blick bekommt... Das ist ja bislang immer so unheilvoll gewesen, daß diese Dinge dem Geistigen von heute meistens gar keine Probleme mehr waren, sondern Selbstverständlichkeiten, über die er nicht nachzudenken brauchte. Da war die Pädagogik, da war die Lehrerschaft, die im Sinne dieser Pädagogik unterrichtete, da waren die Schulbücher,— und nun, Kind, lerne und lebe dich allmählich gefälligst ein in unser Erwachsen- sein, wie in unsere(sogenannte) Nationalliteratur, in unseren — ach ja,— geistigen Besitzstand.— Ja. schade nur. daß solche Dinge auf die Dauer immer gar nicht so selbstverständlich erscheinen für die unruhigen Geister, die immer suchen, nachprüfen, ob auch im Geistigen alles in Ordnung sei. Was wir jahrelang, was die Menschheit jahrhundertelang glaubte, als wahr, als gut ansah, das wandelt sich unter reifer werdendem �Blick, wird überlebt, un- brauchbar. Der geistige Besitzstand unterliegt einer dauernden Revision. In der Pädagogik ist der erlösende Zweifel seit Jahren wirksam. Waren doch die sogenannten pädagogischen„Wahrheiten" allmählich To erstarrt, so regelhast geworden, datz man suhlte, es eilt, best wir unS davon befreien, ehe noch mehr junge Seelen davon zerquetscht werden. Die biSberige pädagogische Anschauung hat trotz allem, trotz Montaigne. Rousseau. Pestalozzi, im Kind eine Art Tier ge- sehen, etwas Dummes, da» wir, die Erwachsenen, zu uns„empor ziehen müstten*. Dagegen hatte Jesus schon die höhere Anschauung vom Kind, da er dag Kindsein als Vorbild der Erwachsenen hin- stellte. Wir find heute daran, diese Anschauung auszubauen, sie im einzelnen zu verdeutlichen, indem wir das Kind nicht zu uns empor zu ziehen trachten, sondern seinen in ihm liegenden Bedingungen gemäß es wachsen lassen und nur dafür sorgen, daß es seinen geistigen Hunger stillen kann— nicht mit geistiger Kost, die zu bestimmten Tendenzen und Zwecken ausgesucht ist, sondern die sich allein nach den seelischen Wachstumsbedinglingen und- m ö g- lichkeiten des Kindes richtet. Nun die Sprache. Eine wesentliche frühere Meinung war: die Sprache sei ein Geschenk Gottes an den Menschen, ihn» gegeben in Ansehung seiner Not, da er sonst hilflos geloesen sei. Eine andere Auffassung war die der Erfindung. Der Mensch hätte sich die Sprache „erfunden", so wie er sich in der Wildnis, in der Ungeinütlichkeit des ersten Seins andere Dinge erfunden hätte, Dinge des Ge- brauchs, der Bequemlichkeit. Auch diese Auffassung ist auf die Dauer unhaltbar. Denn sie setzt ein Denken und einen Geist voraus, wie er vor der Sprache noch nicht da sein konnte. Nach all' unserer Erfahrung steht die Sprache in engster Beziehung und Wechselwirkung zum Denken. Es ist innigster Kontakt da und man kann sagen, daß ohne dauernde Sprachentwickelung, Sprachwandlung auch eine geistige Entwickelung kaum möglich ist. Diesen An- schauungcn hat der Sprachforscher und-Philosoph Steinthal in seiner„Einleitung in die Psychologie und Sprachwissenschaft" die dritte Anschauung gegenübergestellt: daß die Sprache von Anfang an in der Tendenz im Menschen gelegen hat und gleichzeitig mit oll' seinen Fähigkeiten gewachsen ist. Gemeinhin steht ja nun der heulige Gebildete dem Kind gegenüber so da, daß er ohne weiteres annimmt, das Kind lernt Sprache durch Nachahmung. Aber selbst, wenn man annähme, daß das so wäre, so müßte man zurück- gehend in den Jahrhunderten und Jahrtausenden der Geschichte einmal zu Menschen kommen, die Sprache nicht durch Stach- ahmung lernten, weil vor ihnen noch keine Menschen waren, voir denen sie hätten lernen können.— Also kurz und gut, die Sprache wächst im Menschen, wie alles andere an ihm wächst, falls man ihm die Wachstumsbedingungen nicht abschneidet. Und wirkliche Wiffen- schast und Forschung würde es sein, wenn man zu erkennen suchte. w i e das zugeht. Steinthal war ein solcher Forscher im besten Sinne. Und er hat manches zu dem Problem sagen können. Um zu einem möglichst klaren Bild über das Entstehen der Sprache zu kommen, ging er nicht in eine nebelhafte Urzeit zurück, von der er wußte, daß er sie niemals genau rekonstruieren könnte, sondern er suchte den Urmenschen unserer Tage auf: das Kind. Was er da ge- fundcn hat, steht in dem genannten Buch. Auf ähnlichem Boden steht Berthold Otto, der allerdings von der pädagogische» Seite herkam, und fand: daß Kinder in den verschiedene» Jahren ganz verschiedene„Mundarten" sprächen, und daß es darum für den psychologisch gebildeten und inter- essierten Pädagogen wichtig sei, hierüber orientiert zu sein, um dadurch das ttutcrrichtswerk zu erleichtern. Das ist nun keineswegs so dumm, wie anfängliche Gegner der Ansicht glauben machen wollten. Denn es handelt sich nicht im mindesten um ein Aufhalten der Sprachentwickelung, sondern um eine pädagogische Möglichkeit der Verständigung zwischen Erwachsenen und Kind. Es ist eine ganz bekannte Tatsache, daß die Mehrzahl unserer Bücher in den Schulen in einer Sprache geschrieben sind, die für das Kind absolut unzugän'glich ist, so daß in den Schulen meist noch weiter nichts geschrieben wird, als Nomenklatur,— d. h. eine Holz- Hackerische V e r- und B e arbeitung von Sprache und Erklärung von Gelesenem, weil die Sprache eben dem Kinde fremd ist. Daß dabei die Ausbildung der Geisteskräfte des Kindes leiden muß, ist klar. Denn die meiste Zeit wird damit verbracht, die Sprach� der Schulbücher dem Kinde in den Lehrstunden zu verdeutlichen, soweit das möglich ist.— Notgedrungen kommt dabei auch das zu kurz, was an eigenem im Kinde ohne weiteres drin liegt, sein Fühlen, seine Seele, seine Sehnsucht nach den Erkenntnissen, die ihm zunächst ein« mal am nächsten liegen. Nicht dadurch, daß man deni 5kind eine ihm im Grunde fremde Sprache(der Erwachsenen) vorhält, kommt das Kind weiter in der Sprache, sondern, indem man es jeweils d a S aussprechen läßt, was es geistig seelisch beschäftigt— aus- sprechen läßt in seiner Sprache. Die Beweise sind da. Kinder können außerordentlich eigenwüchsig, schön, treffend erzählen. Wer jemals die Schulanfänger unterrichtet hat, weiß das. Sie stecken so voll von Lebe», haben so wundervolle Augen, die beobachten, schaue» und staunen können, und haben eine so offene Seele, eine so der- trauenSselige Hingabe, wenn man ihnen gestattet, mit all dem her- aus zu rücken, was sie beschäftigt. Und wo ist all das nach ein paar Jahren Unterricht geblieben? Ja. wo? Tie Anschauung, Kindersprache sei verhunzte Erwachscneusprache ist Ivohl heute endgültig abgetan. Die Anschauung, Kindersprache sei häßlich, schwindet auch immer mehr, je mehr man sich mit der Sprache des Kindes befaßt. Sonnt ist die Bahn frei gemacht, für Anerkennung deS kindlichen Ausdrucks in der Schule— mündlich und schriftlich.— Die Anerkennung ist freilich vielerorts erst theoretisch nur vorhanden. Und vor allem in de» Büchern, die man Kindern gibt, sowohl in den Schulbüchern, wie auch in de» meisten Jugendschriftcn. steht noch das furchtbarste Schriftdeutsch. Als das Buch vom Arbeiter Karl Fischer erschien, hat die Presse vor allem die Wucht und Macht seiner Sprache hervorgehoben. Das ist schon richtig. Man hätte nur auch das Prinzipielle daran sehen sollen, daß nämlich der Verfasser eine solche machtvolle Sprache schrieb, weil er nicht durch eine Schriftsprache verbildet war. Ich bin geradezu der Ansicht, daß mancher berühmte Schriftsteller sich vor der Sprache des Arbeiters Fischer einfach verkriechen sollte: eine solche suggestive Kraft geht von ihr aus. eine Kraft, die eine mit Bedacht gebaute und gestaltete und Kunstsprache niemals bekommen kann. Otto zur Linde ist einer der ersten gewesen, die dies tief erkannt haben; er prägte den Ausdruck von der„echten'" Sprache, und was er damit meinte, war eine Sprache, die nicht nach Vorbildern