Zlnterhaltungsvlatl des Vorwärts Nr. 30. Mittwoch� den 12. Februar. 1913 SOZ Gefcbicbte einer Bombe. Von Andreas S t r u g. „Sieh dai Hast Du Dich wieder aufs Studieren ge- warfen?" fragte Gryziak, indem er auf das Bücherbrett zeigte. „Du weißt, ich habe die Bildung immer geliebt. Das verstehst Du nicht, aber ich habe das Gymnasium absolviert! Dies« Bücher hier, die stehen nur für die„Genossen" da, die mich oft besuchen. Die revolutionäre russische Literatur habe ich von der Ochrana bekommen. Ich verleihe sie manchmal an die„Genossen"." „Was sind das für Leute?" „Komische Figuren. Diese Idioten bilden sich ein. daß sie die Welt umgestalten werden. Was für Grimassen! Welche Tugend! Und einer immer dümmer als der andere. Die tun gerade so viel in der Revolution, daß sie kluge Bücher über die Einrichtung der Welt lesen und ihre Tugend Pflegen. Darum greift man sie auch einen nach dem anderen mit der bloßen Hand an dieser Tugend, bevor einer noch irgendwas getan hat!„Prinzipien!" Im Grunde sind es Feiglinge. Dazu gehört eine ganz andere Sorte von Leuten. Solche tüchtige Burschen, wie sie bei uns sind, habe ich da nicht ge- funden." „Wie bist Du da hineingekommen? Vertraut man Dir? Fürchtest Du Dich nicht? Schon manchen haben die Leute von der Partei hingestreckt." „Aber Mensch! Mich hat doch ihr eigener Hauptmacher aus Moskau eingeführt. Ein großes Tier! 5Ä bin dort sicher bis ans Ende der Welt!" „Wie hast Du den bekommen? Womit?" „Er dient ebenfalls in der Ochrana und, stell' Dir bloß vor, schon seit neun Jahren! Das ist ein Kerl! Tausend Rubel im Monat, Reisekosten, Prämien— und, was die Hauptsache ist, dieses tägliche, stündliche Vergnügen an der schweren menschlichen Dummheit!" „Ja, es muß amüsant sein!— Hast Du nicht auch Be- Ziehungen zu der kiPSi. hier in Warschau? Ich hätte ein Geschäft..." � „ Ja, siehst Du, das sind heikle Dinge. Ich hatte dort früher Bekannte und fürchte, daß man mich erkennt. Sie würden mir meine Geschäfte verderben. Denn dort weiß man von verschiedenen meiner kleinen Affären. Was wolltest Du?" „Ich habe einen Brief von einem Kampfgenossen, der morgen gehenkt wird." „Gib her, laß uns lesen! Das muß lustig sein, was so ein Ritter an die Nachkommen schreibt." „Nein, es ist ein ganz gewöhnlicher, ehrlicher, dummer Bauer. Ich habe ihm übrigens versprochen, den Brief nicht zu lesen." „Liegt Dir so viel daran, daß der Brief ankommt?" „Einerlei, ob mir daran gelegen ist oder nicht. Ich pflege zu halten, was ich verspreche. Und habe ich jemand Prügel zugesagt, so kann er bestimmt darauf rechnen." „Was hast Du hier im Bündel?" „Zwei Würste. Der arme Kerl gab sie mir gern. Er selbst hätte keine Zeit mehr gefunden, sie zu essen." „Sicher so eine Landwurst mit Knoblauch und Pfeffer, daß es einem im Bauch wohl tut. Gryziak, lieber Freund, sei nett und gib mir eine. Ich lechze nach einer trockenen Landwurst!" „Da hast Du! Du könntest mir dafür diese Maschine hier schenken. Ich bin nicht gewohnt, mit leeren Händen herumzugehen..." „Bedaure. Ich kann nicht. Eine treffliche Waffe übrigens!" „So gib mir wenigstens fünfundzwanzig Rubel, denn ich muß sofort eine Waffe haben. Und auf Wiedersehen!" „Ich hab's nicht! Kauf' Dir für das andere!" „Na, weißt Du..." „Ich habe noch etwas, aber es ist Parteigeld. Nachher fordern sie es, und das könnte mich kompromittieren." „Her damit!" „Zwanzig! Mehr kann ich nicht! Für das Geld be- kommst Du bei Kapton schon eine gute Waffe mit Magazin und Ladung." „Handelt der alte Kapton noch immer mit Waffen? Und noch am gleichen Ort?" „Ja. Im selben Haus. Franziskanergasse." „Auf Wiedersehen!— Daß mir das Geld in einem Monat bereit liegt!" „Schon gut. Daß Du mir aber auch kommst! Nimm Dich in acht, mein Junge, jetzt ist es schwierig. Andere Zeiten!" „Mir wird es immer leicht sein..." Als er hinausging, traf er auf der Treppe mit einem jungen hellhaarigen Menschen zusammen, der mit Mühe zwei Körbe schleppte. Er blieb stehen, um ihn vorbeizulassen. Der Unbekannte blickte ihn mit einem guten offenen Blick an und lächelte freundlich. „Grüß Gott, Iwan Arkadietvitsch!" begrüßte ihn der Schwarze.„Wie gut, daß Sie kommen! Sie sind sicher hungrig vom weiten Weg, wie immer, und ich habe da gerade eine feine polnische Wurst! Es gibt einen guten Imbiß!— Auf Wiedersehen, lieber Junge!" wandte er sich an Gryziak, und als der neue Gast schon in der Tür war mit seinen Körben, zwinkerte der schwarze Gryziak zu und schnitt nach Bubenart eine Grimasse hinter dem eintretenden Genossen, als wollte er sagen: Da hast Du das Hornvieh!� Gryziak stürzte sich in die Franziskanergasse, und in einem der riesigen Häuser, irgendwo tief in geheimnisvollen Höfen, fand er seinen alten Lieferanten. Er wählte sich eine entsprechende Waffe aus, lud sie und begab sich in die Rich- tung der Stadt. Als er den Krasinskigarten passierte, stand plötzlich der freundlich« Blick des Genossen, wie er die schwere» Körbe mit der verbotenen Literatur die Treppe heraufschleppte, vor seinen Augen. Er lächelte und kehrt« um. Als er anklopfte, öffnete der Freund, den Mund noch voll Wurst, gerötet und belebt. Offenbar hatte er schon etwas hinter die Binde gegossen. Der Schwarze machte ein un- zufriedenes, verwundertes Gesicht. In dies verwunderte Gesicht fchoß Gryziak einmal und noch einmal und ging dann ruhig die Treppe hinunter. Er war befriedigt. „Schießt gut. Eine eingeschossene Waffel" dachte er, indem er sie unter den Hoscngurt steckte und die Jack« darüber fest zuknöpfte. Er ging über den Hof, trat auf die Straße und tauchte in der Menge unter. Jetzt erst fühlte er, daß er in Wirklichkeit frei war. Das bewegte Leben der Straße wehte ihn an. Der Lärm,� das Rollen der Wagen und Droschken betäubte ihn und erfüllte ihn mit Glück. Er hätte am liebsten gesungen, gelacht und viel geredet. Aber er hatte niemand. Da tat es ihm zum erstenmal um seine Kameraden leid. Jetzt erst fühlte er, daß si« nicht mehr waren. Die Eindrücke der letzten Tage hatten ihn betäubt. Vorgestern erst beim Morgengrauen hatte man sie hinausgeführt. Sie gingen tapfer, heiter, mit einer Zigarette zwischen den Lippen in den Tod. Sie gingen, und er wird sie nie � wiedersehen. Solche wie sie wird er nicht mehr haben— zwei solche Kerle wird er nicht mehr finden!... Sie waren ihrer drei, aber sie bildeten gleichsam einen Menschen. Jeder von ihnen hatte eine Eigenschaft, die für die ganze Kompagnie von größtem Nutzen war. Das„Schaf" war ein Athlet und verstand es, mit Bauern und Juden zu reden, der„Freier" konnte die Rolle eines Gebildeten spielen, kannte gründlich das Parteileben, verstand es, sich in einen eleganten Anzug zu schicken und mit der bourgeoisen Gesell- fchaft auf gleichem Fuß zu verkehren. Er war in allen Sätteln gerecht, ein hiibsck)er Kerl, und hätte ein reichliches Auskommen haben können allein von den Beiträgen für revolutionäre Zwecke, für Wahlen, für die Selbstverteidigung, für die nationale Demokratie, für patriotische Fonds und für neue Kirchenbauten. Er hatte seinerzeit alles mögliche durch- gemacht, war dabei doch nicht beguem geworden und hatte stets nach der Wahrlieit gestrebt. Als sie bei irgendeiner Ge- legenheit zu dritt sich trafen, wuchsen sie sofort zusammen« als hätten sie ihr Lebtag Nur aufeinander getvartet. Es war ihnen wohl in ihrem gemeinsamen Zusammenleben, das frei- lich kaum ein Jahr anhielt. Einst hatte Gryziak vor allem seine Einsamkeit geliebt und dies, daß er niemand aus der Welt brauchte. Doch jetzt, da er erkannt hatte, was wahre Freundschaft war. sehnte er sich nach seinen Leuten. Zwar sagte er sich, das sei schlimm. unvernünftig, aber er konnte die heftige Sehnsucht nicht be- herrschen. Diese Empfindung wunderte und quälte ihn, denn er hatte doch nie etwas Aehnliches erlebt. Ein heftiger Zorn auf die Menschen überkam ihn und besonders auf jene, die die Ursache für den Untergang seiner Freunde waren. Er wollte sich rächen. Doch an wem? Sollte er auf die Mitglieder des Kriegsgerichts schießen, deren Namen er kannte, an deren Gesichter er sich erinnerte, und die er leicht hätte finden können? Ebensogut konnte er sich an den Soldaten oder an den Heukern rächen! Ebensogut konnte er hinfahren und jene beiden Offiziersdamen er- schießen, welche die Kameraden erkannt und dadurch ins Ver- derben gestürzt halten. Ebensogut konnte man hinfahren, das kleine Judenstädtchen, wenn es etwa schon ausgebaut war, anzünden und die Juden totschlagen, die die erste Ursache für ihre Ergreifung waren... Um ihn herum waren viele Juden, kamen Patrouillen und Polizisten vorbei, begegneten sich Ofsiziere, Beamte mit Sternen auf d-eir Mützen;— man hätte sich da jemand aus- suchen können und die Rache für die Kameraden vollziehen! Aber mit dem gleichen Recht konnte man auch durchs Fenster auf den Kaufmann im Laden schießen, auf den reichen Herrn, der, breit im Sitz zurückgelehnt, vorbeifährt, oder auf die arme Frau, die Gebäck auf der Straße feilbietet, und die zu allem bereit ist, wenn sie nur täglich ihre Ware verkaufen kann, oder auf diesen dummen Kutscher, der sein ohnehin iiberangestrengtes Pferd unbarmherzig mißhandelt... Alle waren sie schuldig. Alles war schuld am Untergang der guten Kameraden. Entweder waren alle schuldig oder niemand— denn die ganze Welt hält miteinander die Stange gegen die Wahrheit. Ringsum umgab ihn nichts als mensch- liches Unrecht und die höllische Bosheit der Welt. Alles, worauf er blickte, war ihm feindlich. Jeder fremde Mensch war bereit, ihn in jedem Augenblick und mit dem besten Ge° wissen zu verderben: der Polizist, der vorübergehende Herr oder dieser sozialistische Arbeiter, dem er ebenfalls in seinen Plänen für die Umgestaltung der Welt irgendwie im Wege »st. Mit dem Unterschied, daß der Polizist ihn aufs Revier bringen und dann auis Gericht eskortieren wird, der fremde Herr wird ihn denunzieren und sich dann freuen, daß ein Verbrecher bestraft wird, der sozialistische Arbeiter wird ihn einfach in den Kopf schießen wie einen tollen Hund, weil er ihm bei seiner sozialistischen Revolution unbequem ist. Lauter Böses, überall Böses.,, fZorisctzung folgt.? Die GolclmiilcKel des Mttelmeeres. Bon Curt Bauer. Ein sizilianischcr Seemann sagte mir kürzlich, die Nordsee sei ein riesiger, gefährlicher Sumpf, an den er nie ohne kalte Schauer zurückdenken könne. Fehlt doch dem Südländer jeder Sinn für ine schSxxr erhabene Kraft, für die dunklen, trüben Farbensinfo- ■nien der nordischen Gewässer. Seine Augen sind zu sehr voir der leuchtenden Transparenz der Luft des Südens verwöhnt, eine Transparenz, die auch dem Ttirrhcnischcn Meere, besonders um Sizilien, in unvergleichlichem Maße eigen ist. Wie über einen weichen, azurblauen Teppich, lichtgrün gestreift und mit weißem, geringeltem Schaum gescheckt, schaukelt das Schiff durch die warmen Fluten, deren Wogen gleich Schlangenleibern emporschnellt und ihren hellglänzenden Gischt gegen den dunklen Himmel und die steilen Felsen schleudern. In der Nähe des Landes jedoch durchdringt der Blick das Meer wunderbar klar bis auf den Grund. Tann scheinen unten funkelnde Ströme von Gold, Silber und Edelsteinen einherzufließcn: kleine Kieselsteine sind es in Wirklichkeit, märchen- Haft verklärt von der magisch leuchtenden Transparenz der tyrrheni- scheu Seewellcn. Niemand ermüdet, die Augen in diesen lockend flüsternden Zaubcrspiegcl zu versenken. Scheint es doch, als müsse zedcr neu auftauchende Gold- oder Silberstrom irgendein glänzen- heS Wunder mit sich führen. Man lauscht und wartet darauf wie «in Träumer, der das Erwachen scheut. Während noch Himmel und Meer an dunkellcuchtcndcr Farben- Pracht wetteifern, schwebt am Horizont ein heller, scharfgezacktcr streifen empor: silberschimmergde Felsen von einem hellblauen Flor überzogen. Drohend ev, porgewölbte Vulkane, phantastisch ffl? Meer überhängende Berggruppen nehmen immer deutlichere, festere Gestalt an. Kaum wurde dem beivundernd Herannahenden de» lichte Streif als Land, helle Erde zwischen dunklem Meer und Himmel, erkenntlich, so zeigt sich dort, wo die von Norden kommen« den Wellen Sizilien bespülen, eine riesige, leicht ausgehöhlt« Muschelform, an hellem, goldigem Glänze alles andere über- strahlend: Palermo ist es, genannt Lance ck'aro, Goldmuschck, nach Konstantinopel die schönste Mecresstadt Europas, von semeg Bewohnern„le kelice",„Glückselige", geheißen. Ten leichten Bogen, mit dem das Meer sich in den Busen voit Palermo legt, wiederholen schärfer auf der anderen Seite hohe Bergpartien, die gewissermaßen die Rückenseite der fruchtbaren Lonca ck'aro bilden. Schwermütig recken sie ihr graues Felsgeröll empor, alle überragend der Monte Cuccio, von dessen rundem Vulkankegcl die meisten Unweiter über die Stadt zu ziehen pflegen. Obwohl sein inneres Feuer in historischen Zeiten nie ausbrach, be- trachtet ihn das Volk doch mit abergläubischer Furcht und glaubt fest an sein Wiedererwachen; denn deutlicher als Taten spricht seine drohende Haltung zu der leicht erregbaren Phantasie�dcr Palcrmi- taner. Hingegen gilt der Monte Pellcgrino als Spender alles Guten. Seine steilen Felsmassen hängen weit übcr�das Mccr hin» aus und auf ihnen weiden noch heute in großen Scharen� Ziegen- Herden, wie Hamilkar sie einst hierher führte. An den Festtagen beleben seine ansteigenden Wege zahllose Ausflügler; genießt man doch von ihm aus das schönste Panorama über Stadt und Hafen. Geisterhast gleiten die breiten, langen Bergesschatten über blumen- besäte Wiesen, durch die bald goldig gelbe, bald silbergraue Sonnen- streifen brechen. Naiur und Menschen wetteifern an farbiger Schönheit und anmutigem Wechsel. Wie aus lveitzcm Meeresschaum erbaut, glänzt unten in der Tiefe Palermo, von azurblauer See bespült. Ist es doch alles Muschelkalk, der das Material für di« Häuser Palermos lieferte. In blendenden Lichtreflexcn spielt die Sonne auf den platten Dachterrassen und auf den breiten Palmen- blättern. Diese vielen Palmen- und Kaktcenwälder geben der Stadt von ferne den Charakter in Starrheit versunkener Ruhe, aus der die pyramidenförmigen dunkelen Typressen, die herniederhängendcn Eukalyptuszwcige, die imposanten Gummibäume schwermütig emporragen. Im Frühling jedoch wird das alles mit einem dichten bunten Blumenregen Übergossen. Aus der Erde und aus altem Gemäuer schieße» über Nacht wilde und gepflegte Pflanzen hervor, ranken sich schnell zu den Gipfeln der Bäume empor und bedecken die Häuser so dicht, daß kaum noch die Fenster zu sehen ssnd. Die Zitronen- und Orangenwälder zeigen ihre üppige Fruchlhülle durch die in dichtem Uebermaß die neuen Blüten drängen. Dann steigt zu den Hängen des Pcllegrino ein intensiver süßer Blumen» duft hinan, der seltsam einschmeichelnd die Sinne umfängt und er- mattet, seliger Betäubung voll blickt das Auge bewundernd inl die Fruchtbarkeit der sizilianischen Erde, lauscht das Ohr dem ge- sühlvollcn Gesänge und den Saitenklängen, die ihm allerorts ent» gegcntönen. Weiter den Monte Pcllegrino aufwärts wirkt der Kontrast der Ocde um so stärker. Hell hebt sich der nackte Fels vom blauen Himmel ab und graue Einsamkeit umgibt den� Wanderer. Hoch oben jedoch, wo von schroff überhängender, in der Sonne leuch- lendcr Gebirgsmaffe der Blick nichts als das weite Meer und den unendlichen dunklen Himmel umfaßt, thront die Kapelle der S. Ro- salia, der Schutzheiligen von Palermo, zu der aus allen Kirchen ringsum Gebet und Glockenläutcn hcrauftönen. Nur einmal im Jahre dringen dichte Menschcnreigcn in diese Bergeinsamkeit, am Festtage der Heiligen. Während der ganzen Nacht überströmt dann ixir Monte Pellcgrino eine Ricsenprozession von Gläubigen und Neugierigen. Abertausende bunter Laternen bewegen sich auf und ab und leuchten weichin wie ein Lavastrom von dem erlösche- ncn Vulkane her. Die äußere Form der Conca d'oro indcsscn�wurdc vom Mccvs erst in neuen Zeiten gebildet. Früher war dcr Hafen von Palermo jenseits, westlich des Monte Pellcgrino. Noch heute erkennt man deutlich die tiefe Einbuchtung, in der sich der alte Golf bis nach dcr Stadt erstreckte. Später hoben dort vulkanische Einflüsse die Erde und warfen das Wasser zurück, während sie das Land diesseits des Monte Pellcgrino senkten, so daß die See jetzt hier in schönem, leichten Bogen Palermo begegnen konnte. Der heutige Hafen ist durch Stcimvälle in eine Außen- und eine Jnnenmole geteilt. In jener legen die großen, vom Ausland kommenden Dampfer und Segelschiffe an, in dieser die mehr dem Verkehr in Italien be- stimmten, also vor allem die Dampfer der Navigazione Jtaliana. Zwar läßt sich das Treiben auf dem Wasser mit dem bewegten Ver- kehr eines großen nordischen Hafens nicht annähernd vergleichen; um so bunter jedoch zeigt sich das Leben in jben längs des Hafens führenden Straßen. Bildet doch im hohen Süden das Meer den Hauptanziehungspunkt für die ganze Bevölkerung, die hier der an- haltenden Hitze zu entfliehen sucht. Gegen abend sammelt sich an der Meercspasseggiata eine ungeheuere Menschenmenge«n, vom eleganten Lebemann bis zum schmutzigen, in Lumpen gehüllten Bettler. Vornehme Equipagen halten am Ufer, Hunderte von Droschken, deren Passagiere langsam auf- und abwandeln. Männer, Frauen und Kinder: alles wartet, bis dcr erste erfrischende Wind das Wasser trifft. Etwas abseits am Strande gruppieren sich hie und da Volkshaufen, um den in ganz Sizilien so beliebten Ean- tastorie. Mit theatralischem Pathos, heftigen Bewegungen und ge-- »önMcni Vorirage weiß tt unermüdlich alle Legenden vorzusingen und dadurch die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer stundenlang zu fesseln. Es sind alle jene altnormannischen Tagen, die ein Zufall der Geschichte hierher verpflanzt hat und die das tragische Schicksal und die Liebesepisoden gewaltiger nordischer Könige, ausgeschmückt mit südländischer Glut, verkünden. An der dem Schiffsverkehr ab- gelegenen Passeggiata indessen locht der herrlich blühende, riesige Volkspark, wo an den Sommerabenden Konzerte stattfinden und bei feenhafter Illumination sich ganz Palermo durcheinander tummelt. Im Hafen der Jnnenmole herrscht um diese Zeit ebenfalls das regste Treiben. Zumal sich der Post- und Personenverkehr nach dem Fest lande über Neapel viel schneller und angenehmer gestaltet als mit der Eisenbahn. Stundenlang, bevor der Tampfer nach Neapel abgeht, gibt es ein lebhaftes Hin und Her von Reisenden, Abschiednehmenden und Zuschauern, die noch schnell einen Brief befördern wollen. Bisweilen wird der Trubel durch ein Schiff mit Auswanderern nach Amerika erhöht. Der nie fehlende Leiermann läßt mit seinem Zither-Organino die Abfahrenden die letzten sizi- iianischen Klänge hören. Und das gefühlvolle Völkchen ergeht sich voll lärmender Trauer in seinen unendlich langgezogenen Klage- tönen, die den Davongehenden wehmütig ihre Namen nachrufen, bis die grohe Meeresstille jene menschlichen, fast unmenschlichen Laute verschlingt. Inzwischen ist vor dem Eingange zum Hafen die Holzstatue der Madonna mit zwölf großen Kerzen beleuchtet wor- den, vor der das ein- und ausströmende Volk schweigend den Hut lüftet. Wiederum naht selbst diesem geweihten Platze der Leier- mann, der von seinem Rundgange mit gefüllten Taschen heim- kehrend, die dankbare Devotion vor der Mutter Gottes durch eine Extraeinlage kundgeben zu müssen glaubt, indem er ihr feierlich die„Lustige Witwe" aufspielt! Weit ins offene Meer hinaus in- dessen zieht sich das steinige Bollwerk des Außenhafens mit einem kleinen Wald von Segelschiffmasten und fremden Flaggen. Es ver- ursacht stets ein anheimelndes Gefühl, in dieser fremden Natur- schönheit die deutschen Schiffe herannahen zu sehen. Seit kurzem unterhalt der Norddeutsche Lloyd regelmäßigen und bequemen Ver- kehr in den italienischen Häfen, bisweilen begrüßt man auch einen Frachtdampfcr der Sloman-Linie und gelegentlich sogar einen mächtigen Seeriesen der Hamburg-Amerika-Linie, der aus weiter Ferne kommend, einige Tage im Hafen von Palermo löscht. Gern überschreitet alsdann der Deutsche die Dogana, um ein Weilchen auf heimischen Brettern zu stehen und was noch angenehmer er- scheint,— einige gute Zigarren zu ergattern und aus italienischem Boden zu schmuggeln, dessen eigener Tabak ja leider schlecht genug ist. Wie ganz Palermo, so steht besonders auch der Hafen unter dem Schutze der Santa Rosalia. An ihrem Feste sollen nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere ihren Segen empfangen; weit und breit ziehen dann in unendlichen Scharen die Ziegen- Herden, geführt von den malerisch gekleideten Hirten, in den Hafen von Palermo. Der großartige Anblick dieser malerischen Scharen dürfte selbst den erpichtesten Vcgetarianer erfreuen; wie ein leben- digcr weiher Strom zwischen dunklem Himmel und dunklem Meere kommen sie in unendlichem Zuge herbei, begleitet von Schalmeien- klängen der Hirten und abertausend kleinen Glöckchcn. Unvergeßlich schön und erhaben verklären die linden weichen Sommcrabende den Hafen von Palermo. Die sonst so hell leuchten- den Berge umhüllt ein intensives Dunkelblau mit lilafarbenen Streiflichtern, alles dunkler noch als das Meer, während über Erde und Wasser der Himmel einen geradezu blendenden Glanz wirft, einen Glanz, der die Umrisse der Gegenstände und Menschen wie mit Spiegcllicht umflimmert. Dann eilen die armen Fischer, die des Tages Hitze zur Untätigkeit zwang, aufs Meer hinaus. Ihre alten arabischen Volksweisen klingen schwermütig in die Dämme- rung. Auch das flache Wasser des Strandes belebt sich mit Männern, die, obwohl bekleidet, oft bis an die Brust im Meere waten, um Secsterne, Polypen usw. zu fischen. Ihre Lampen ent- hüllen den abseits Lauschenden den Grund des klaren Wassers so tagesklar, daß man selbst nicht müde wird, die glänzenden Stein- chen und schöngeformten Gewächse zu beobachten. Endlich ver- zaubert der auftauchende Mond das ganze Meisterwerk der Schöpfung. I�aturpriHciiIcbaftUcKe öeberfiebt. (Schluß.) Wenn kbir Las menschliche Leben betrachten, so finden wir überall unter den Menschen, welcher Raffe, welchem Volke wir auch unseren Blick zuwenden, das Bestreben, sich zu größeren oder kleine- rcn, festeren oder freieren Gemeinschaften zusammenzuschließen, und ebenso finden wir auch bei fast allen Tierklaffen gewisse soziale Instinkte entwickelt. Ter Philosoph Natorup sagt einmal: Der völlig isolierte Mensch, das Individuum ist nur eine Fiktion, eine Abstraktion; und er hat recht mit diesem Ausspruch. Ja, man könnte seinen Satz noch erweitern und fast sagen, auch das völlig isolierte Tier ist eine Fiktion, denn abgesehen von wenigen Aus- nahmen finden wir auch im Tierreich überall, und wenn auch oft nur schwach ausgebildet, Spuren von Geselligkeit._ Ja, selbst bei den niedersten einzelligen Lebewesen lassen siK solche sozialen Spyrcn nachweisest. Zahlreiche einzellige Lebclvesen schließen sich zu dauernden Kolonien oder wenigstens zu vorübergehenden Freß- gemeinschaftcn zusammen. Auch bei den vielzelligen Tieren finden wir bereits auf der niedersten Stufe, bei den Schwämmen und Nesseltieren, Koloniebildung. Das schönste Beispiel hierfür bieten die Korallen. Sie zeigen auch am besten, welch ungeheure Leistungen gemeinsame Arbeit zu vollbringen vermag, danken doch große Inseln, Riffe und weit- läufige Atolle allein der Tätigkeit zahlloser kleiner Korallen- Polypen ihre Entstehung. Der erste Schritt zur Koloniebildung ist bereits bei einem der niedersten Neffelticre, unseren Süßwasserpolypen Hydra, getan. Wie alle höheren Tiere pflanzt sich auch der Süßwasser- polyp durch besondere Keimzellen fort, daneben besitzt er aber noch die Fähigkeit, gleich den meisten Pflanzen, seitlich an seinem Stamme Ableger oder Knospen zu treiben, die bis zu ihrer völligen Ausbildung zum fertigen Polypen mit dem Muttertiere verbunden bleiben, sich dann aber loslösen und ein selbständiges Leben führen. so daß wir wenigstens vorübergehend auch hier bereits einen kleinen Tierftock von zwei bis höchstens vier oder sechs Individuen vor uns haben. Jedenfalls mutz diese Vereinigung den Tieren Vorteil gebracht haben, denn bei den meisten höheren Vertretern dieser Klasse finden wir, diese dort nur vorübergehende Bereinigung zu einer dauern- den Einrichtung geworden. Als Beispiel einer ausgedehnten Koionicbildung mag unsere Edelkoralle dienen. Meist sind es vielfach verzweigte, bald kleinere, bald größere Stäbchen, die durch ihre prächtige rote Für- bung einen schönen Anblick gewähren. An jeden« der zahlreichen Zweige des Stockes sehen wir die kleinen Korallcnpolypcn hervor- gucken, aber bei der geringsten Störung ziehen sie sich blitzschnell in das Innere zstrück. Wie entsteht nun aber der Korallenstock? In ganz ähnlicher Weise wie bei unseren Sützwasserpolypen durch ungeschlechtliche Vermehrung, und zwar durch seitliche Knospung. Da hier jedoch die so entstehenden Individuen für ihr ganzes Leben vereint bleiben und da die Korallenkolonien sehr erhebliche Diinensioncn annehmen, so muß der fertige Stock noch besonders gestützt werden, da er sonst einfach zusainmenfallen würde. E� geschieht dieses durch Aus- schcidung eines festen Gerüstes von kohlensaurem Kalk im Innern, das den ganzen Stock bis in seine feinsten Verzweigungen durch- zieht und stützt, wie das Knochenskelett unsern eigenen Körper. Dieses Kalkskelett ist der Teil einer Edelkoralle, der zu Schmuck- gegenständen verarbeitet wird. Die einzelnen Baumeister einer solchen Korallcnkolonie sind nun nichts ctiva von einander getrennt und nur räumlich auf den gleichen Stock angewiesen, sondern der Jnncnraum ihres Körpers steht mit den sämtlichen anderen Bürgern dieses priinitiven Tier- staates durch ein Röhrensystein in Verbindung und die Nahrung, die ein Tier aufnimmt, kommt gleichzeitig sämtlichen Einwohnern zugute. Wir sehen hier also bereits gemeinsame Arbeit und Eintreten des einen Bürgers für das Ganze, aber zu einer wirklichen Arbeitseinteilung ist es noch nicht gekommen. Doch auch dieses finden wir bei nahen Verwandten derselben Ticrklasse verwirklicht. Vor allen Dingen ist bei diesen den einzelnen Polypen die Fähigkeit, Ge- schlechtsprodukte zu erzeugen, verloren gegangen, sie können sich ausschließlich durch seitliche Knospung vermehren. Run entstehen aber durch die Knospung nicht nur, wie bei den Korallen, immer wieder neue Polypen, sondern daneben komint es auch zur Aus- bildung sehr abweichend gebauter Geschlechtsticrc, Medu- se n oder Quallen genannt, deren wichtigste Aufgabe darin besteht, Eier und Samen zu produzieren. Entweder bleiben die Medusen nun auch vollständig u>«d dauernd mit den« Stock ver- einigt, oder aber, was das Häufigere ist, sie lösen sich, wenn sie erwachsen sind, von« Stocke los und begeben sich auf die Wander- schaft in die Weite, überall ihre Gcschlechtsproduktc absetzend und so für die Verbreitung der Art wirkend. Ueberall in der Ost- ui«d Nordsee und namentlich im Mittel- mcer trifft»«an auf große Scharen solcher Medusen oder Quallen. Namentlich bei««, Baden machen sie sich häufig durch Erzeugung eines stark brennenden Schmerzes recht unangenehm bemerkbar. So schön nämlich diese Tiere sind, so heimtückisch sind sie auch. Wie wir in einer früheren„Uebersicht" bereits erwähnt haben, sii«d sowohl Polypen wie Medusen init einer gefährlichen Waffe, den sogenannten Nesselkapscln ausgerüstet, lie sie bei allen anderen Tieren gefürchtet inachen. Die weitgehendste Arbeitsteilung finden wir bei den Röhre n- q u a l l e n oder Siphonophoren durchgeführt, Tieren von einer unbeschreiblichen Farben- und Formcnschönheit. die bei sonnigem, ruhigem Wetter oft in großer Anzahl an der Oberfläche des Meeres dahintrcibcn. Wer würde wohl in diesen so einheitlich aussehenden Organis- men Tierstaate verinuten. Und doch enb'pricht jedes dieser Tiere nicht etwa einer einzelnen Qualle oder einem Polypen, sondern eher einem ganzen individucnreichcn Korallcnstock. Jedes einzelne scheinbare Organ, das an der Tiphonophore zu sehen ist. ist ein besonderes selbständiges Tier, das in diesen« Musterhaushalt eine ganz bestimmte Arbeitsleistung übernommen und sich zweck- entsprechend umgewandelt hat. Und zwar sind eiiiige Organe aus modifizierten Polypen, andere aus umgeänderten Medusen hervor- gegangen. Bei diesen Tieren ist wirklich das Ideal einer Kahren Gemeinschaft verwirklicht:„Einer für alle und alle für einen". Hier gibt es keine höheren oder niederen Stände, die miteinander in Rivalität stehen, sondern jeder bestrebt sich, nur nach seine« Fähig- ketten das Beste für die Gesamtheit zu leisten. Haben wir vorher ein vielzelliges Tier, da es sich aus zahl- reichen Elementarorganismen zusammensetzt, als ein„Jndivi- duum zweiter Ordnung" bezeichnet, so müssen wir bei den Staatsquallen oder Siphonophoren gar von„Individuen dritter Ordnung" sprechen. In der Tat sind hier ja eine Anzahl„Individuen zweiter Ordnung" zu einem einheitlichen Organismus vereinigt. Eine derartige Staatsqualle darf man da- her nicht einem höheren, vielzelligen Tier, etwa einer Biene, gleich- setzen, sondern sie entspricht einem ganzen Bienenstock. Doch bei der Staatsqualle haben die einzelnen Bürger jede Selbständigkeit eingebüßt; einige fressen nur, sie sind zum Mund und Magen ge- worden; andere, zu langen mit Nessclbatterien besetzten Fäden aus- gezogen, dienen der Verteidigung; wieder andere find zu Schwimm- glocken, zu Deckplatten, zu@« schlecht soraa nen umgewandelt. So hat unter den einzelnen Angehörigen der Kolonie eine Arbeits- teilung Platz gegriffen, die man direkt mit der Einteilung unseres Körpers in einzelne Organe in Parallele stellen kann. Von den Staatenbildungen bei den höheren Tieren soll ein andermal ge- sprochen werden. Dr. T. kleines fernllcton* Literarisches. Otto Ludwig als Kritiker Schilleps. In deutscher Sprache ist niemals ein so heftiger Angriff gegen Scbiller und sein Drama gerichtet worden, wie der Otto Ludwigs, dessen hundertster Geburtstag in diesen Tagen festlick, begangen wird. Mit rücksichts- losem«acharffinn hat Ludwig in seinen„Dramatischen Studien" alle Schwächen der„idealistiiiben" Dichtung Schillers aufgedeckt und dafür immer wieder auf Shakespeare als den wirklichen Meister des Theaters hingewiesen. Besonders der. W a l l e n st e i n" war es, der den E nsiedler uuS Eisfeld zu. steter Kritik reizte.„Ich kenne keine poetische, namentlich keine dranianiche Gestalt", schreibt er einmal, „die in ihrem Entwürfe so zufällig, so krankhaft individuell, in ihrer Ausführung so unwahr wäre als Schillers Wallenstein. Keine aber auch, in welcher diese Unwahrheit und innere Haltlosig- keit mit größerem Geschick versteckt wäre!" Er wägt den Wallen- stein gegen Hamlet ab und findet ihn zu leicht:„Was man von dem historischen Wallenstein weiß, wäre in eines Shakespeares Hand zu einem grandiosen Bilde geworden. Der Schillerische, ein Zungen- Held, wie das deutsche Publikum sie gerne hat. spricht Dinge, die meist wundervoll schön find, wenn man sie sich von Schiller selbst gesprochen denkt, und die ihm nicht leicht ein anderer nachsprechen wird; das meiste aber davon ist in Wallenstcins Munde unwahr wie die ganze Gestalt." In derselben Polemik fällt ein tiefes Wort, das uns den ganzen Charakter Ludwigs enthüllt:„So schlecht die Wirklichkeit sein möge, es ist mehr wahre Poesie darin, als in der idealen Verklärung der Schwäche, als in einer idealen Schattenwelt." Achnliche Keulenschläge wie auf den„Wallenstein" sausen auch auf die„Maria Stuart" her- nieder.„Ucberall bewußte absichtliche Kunst, aber nicht bloß des Dichters, sondern auch der Personen; ein völliger Mangel an dra- malischer Unmittelbarkeit. Den Leuten ist mehr darum zu tun, ihre Rednerkunst zu zeigen und ihre persönliche Würde zur Darstellung zu bringen, als dem Dichter, uns Menschen zu zeigen. Da ist überall Draperie und Attitüde, aber nirgends eine Spur von un- belauschter Natur." Ludwig war sogar sarkastisch genug, Schiller mit— Scribe zu vergleichen:„Merkwürdig ist die Aehnlichkeit der Scribeschen historischen Lustspiele in der Technik mit der„Maria Stuart". Die Hauptsache ist, wie immer ein Intrigant den andern überlistet." Von der„Braut von Messina" heißt es in Ludwigs Studien, sie bestände ans„künstlich belebten Leichen"..„Mir war, als sähe ich dem Meere zu; die" endlose Schaukeln, nirgends ein Festes, machte mir zuletzt bei der Auf- fübrung die Empfindung, als wäre auch die Erde unter meinen Füßen nicht mehr fest." De» Abschluß de? Sckiller-Esiays bildet ein blutiger Hohn. Ludwig vergleicht Sophokles' Produktion mit einer schlanken Palme. Shakespeares mit einer knorrigen Eiche, aber Schillers Produktion mit einem— Christbaum! Schiller nahm nach seinem'Urteil aus Shakespeares oder der alten Griechen Garten Senker, entfernte die Wurzeln und pflanzte sie in den seinen.„Aus Ungeduld, daß der Baum so lange mit den Früchten zaudert, hängt er welche, von andern Bäumen genommen, daran; um die gesunde Röte der Frucht zu ersetzen und zu überbieten, vergoldet er sie.. Sprachtvissenschaftlichcs. Die alte st e Sprache Europas, wenn man von dem modernen Griechischen absieht und die ausgestorbenen Sprachen über- Haupt außer Betracht läßt, ist das Gälische in Irland. Die Gälen waren ein Volksstamm, der vor etwa tausend Jahren vor Christi Geburt nach der Grünen Insel kam. Sie gaben ihr den Namen Eire. und unter diesem wurde sie auch den Griechen etwa vier- hundert Jahre vor unserer Zeitrechnung bekannt. Wenigstens ein- Nerantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.•=- Druck u. Verlag: einhalb Jahrtausende bewahrten die Gälen. die ein Volk der großen keltischen Familie waren, in Irland ihre Unabhängigkeit unter eigenen Häuptlingen. Sie besaßen schon lange vor Einführung des Christentums ein Alphabet, das Ogum genannt wurde und aus einem System von graden Linien oder Punkten zu beiden Seiten einer Grundlinie bestand, also, wie ein moderner Sprachforscher sich ausgedrückt hat, wie eine Kreuzung zwischen dem Morsealphabet der Telegraphie und der Keil- ichrift aussah. Es wurde namentlich für Inschriften auf Denk- mälern benutzt und erhielt sich bis in das zehnte Jahr- hundert. Dann wurde es durch ein Alphabet von 17 Buchstaben ersetzt, das aus dem Lateinischen hergeleitet war, mit dem das Gäliscke überhaupt viele Beziehungen auftveist. Von den englischen Eroberern bat die gälische Sprache so wenig Rücksicht erfahren, daß es wie ein Wunder erscheint, daß sie sich auch nur in Resten hat er- hallen können. Sie hat sich dann nacb der großen Hungersnot in den Jahren 184S bis 1847 mit dem Strom der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten hinübergerettet, wo sie 30 Jahre später als eine berechtigte Sprache anerkannt wurde. Sie hat sogar eine besondere Förderung erfahren, so daß sie beute in 3000 von den vor- handenen 8000 der sogenannten Nationalschulen in den Vereinigten Staaten gelehrt wird, außerdem in einer großen Anzahl von Privat« schulen. Dadurch hat sich auch eine moderne gälische Literatur ent- wickelt. Dem amerikaniscden Einfluß also haben die Iren eS zu verdanken, wenn sie an der in diesem Jahre entstehenden neuen Nationaluniversität die gälische Sprache für die Aufnahme als eine Forderung haben bezeichnen dürfen. Nach der letzten Volkszählung wird das Gälische in Irland noch von fast 600 OVO Bewohnern als Muttersprache gesprochen, in Großbritannien und Amerika wahr- scheinlich von mehr als einer Million. Philosophisches. DaS Problem der Willensfreiheit. Die kaum übersehbare Zahl von Werken über das fast zu Tode abgehetzte Problem der Willensfreiheit vermehrt G. F. Lipps um ein neues sAus Natur und Geisteswelt. Bd. 383. Teubner, 1912. Preis 1,2ö M.). Art und Resultate der Darstellung des Züricher Psychologen werden auch den fesieln, für den der Widerspruch zwischen dem subjektiven Glauben freier Entscheidung und der objektiven Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit alles Handelns kein Problem mehr ist. Lipps ent- wickelt dialektisch den in der Geschichte der Philosophie mit stets größerer Schärfe hervortretenden genannten Widerspruch, ohne in eine langweilige rein historische Wiedergabe zu verfallen. Für Lipps löst sich das Problem durch die Unterscheidung des naiven und kritischen Verhaltens: der kritische Beobachter geht bis auf die letzten Bestimmungsgründe unseres Handelns zurück und findet dort keine Möglichkeit andersartiger Ent- scheidung, als sie tatsächlich getroffen wird. Da aber die letzten Gründe im einzelnen nicht erfaßbar sind, bleibt für die naive Be- trachwngswcise. die nur das jeweils Erfaßbare kennt, die Möglichkeit, daß anders gehandelt hätte werden können. Auf Grund dieser Ein- ficht entwickelt Lipps den schönen Gedanken: die Erkenntnis der Unfreiheit bietet„nicht die vielleicht sehr erwünschte Loslösung von den Folgen unserer Tat; nicht die vielleicht heiß ersehnte Möglichkeit eines neuen Anfangs, aber doch eine Erlösung, nämlich die Be- freiung von der Selbstanllage und von der vernichte»' en Vorstellung, daß all unser Tun und Lassen auch anders sich hätte gestalten können. Und diese Erlösung befreit uns zugleich von der Selbst- Herrlichkeit unseres Ich, das vermeintlich für sich besteht und von sich aus zu handeln glaubt. Sie führt uns zu der bescheidenen Einordnung in den Zusammenhang der Lebensgemeinschaft, der wir angehören, und in den Zusammenhang mit dem gesamten Weltgescheben." Eine Ergänzung für die psychologische Seite des Problems bietet Narziß Ach(„Ueber den Willen", 1. Heft der Untersuchungen zur Psychologie und Philosophie. Quelle und Meyer. 0,80 M.> Das Heft gibt in einer auch für Nicht-Psychologen verständlichen Form die Methode und Ergebnisse psychologischer Experimente über den Willen wieder. Ach sucht zwar die Freiheit der Entscheidung „innerhalb gewisser, allerdings sehr enger Grenzen" zu retten, aber gerade diese Ausführungen fußen nicht auf der für jede wissenschaftliche Behauptung von Ach selbst geforderten Erfahrung. Die Arbeit bietet vielmehr einen Beleg für die Möglichkeit, mit systematischen Untersuchungen auch in das komplizierte Getriebe seelischer Kausalität einzudringen. Nicht das Problem der Willensfreiheit allein behandelt A. R i ch e r t in seiner„Philosophie" sdas in 2. Auflage in Teubners Sammlung Aus Natur und Geisteswelt erscheint). Aber der Weg, aus dem er zur Bejahung der Willensfreiheit gelangt, wird erst charakterisiert durch die Behandlung der übrigen philosophischen Probleme. Statt des Bestrebens, die Tatsachen zu begreisen und Abstraktionen nur als gedankliche Abkürzungen von Talsachen zu be- bandeln, wird dem Metaphhsiker die Abstraktion selbst eine von der Wirklichkeit losgelöste Talsächlichkeit. Die philosopischen Probleme der Gegenwart kommen daher bei Richert viel zu kurz. Zur Ein- sührung weit besser geeignet sind die Büchlein der gleichen Teubnerschen Sammlung von Unold, Pctzold, Külpe, Busse, Berworn, Richter. Das Literaturverzeichnis inuß irreführen. Wichtige und leicht verständliche Werke des Empirismus und Posi- tiviSmus fehlen.__ E. M, vorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstgltPaulStngertCo.kBerlinLVsl.