Zwterhaltungsölatt des Nr. 32. Freitag den 14. Februar. 1913 321 CkfdncKte einer Bomb*. Von Andreas©trug. Außer dem„Räuber" blieb auf dem Platz Leiser Skala, Droschkenkutscher,„Vater von sieben Kindern, wohnhaft in der Nowolipagasse dreiundset�ig", ferner wurde schwer der- wundet„Felicia Cwikler, eine Rentiere aus Jedrzejow, welche vor kaum einer halben Stunde in Warschau eingetroffen war, das sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchte, und eben aus dem Hotel hinauskam, wo sie sich zum Zwecke der Besichtigung der Stadt aufhielt." So notierten das Ereignis die Abendblätter. Ueber Gryziak persönlich wurde noch hinzugefügt, daß er einer der gefährlichsten Räuber war, daß er,„wie man uns versichert", noch vor kurzem eine hervorragende Rolle in einer der radikalen Parteien gespielt hatte, welcher dafür die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben werden müßte usw. Der elegante Herr, auf den an der Ecke der Bielanski- straße geschossen worden war, war ein wohlhabender Bürger aus dem Lublinschen Gouvernement. Nach dem Bericht eines Abendblattes sollte er ein Opfer des terroristischen Streiks werden. Er selbst glaubte daran, indem er erzählte, er wäre so unvorsichtig gewesen, während des Landarbeiterstreiks im Frühling militärischen Schutz anzurufen. Er war nach Warschau gekommen in der Absicht, eine Woche mit einer gewissen Mlle. Andouillet ruhig zu verbringen, der er ein elegantes Quartier in der Chopingasie eingerichtet hatte. Aber nach einer schlaflos verbrachten Nacht und ohne die Nase aus dem Hotel zu zeigen, fuhr er am nächsten Morgen in einem geschlosienen Wagen auf die Bahn und flüchtete vor der Rache der Revolutionäre bis ins Ausland, wo er mehrere Monate verblieb. »* ü Doch nicht das wollen wir erzählen, denn unsere Ge- schichte hat ohnehin schon lange ihren Faden fallen lassen. Also— es war eine Büchse aus Gußeisen mit einem auf- geschraubten Deckel... Nichts weiter... Wie soll man diesen kleinen Gegenstand in der weiten Welt wiederfinden? Wie soll man durch das Dickicht der Menschen und der Ereignisse zu ihm zurückkehren? In jenen Zeiten sind im Wirbel des stürmischen Lebens ungleich größere Dinge zugrunde gegangen und spurlos ver- schwunden. Der Glaube, die Hoffnungen gingen unter... Vergebens suchten nach ihnen überall die begeisterten Menschen. Vergebens redeten sie sich und anderen ein, alles liefe wie es soll, nichts hätte sich verändert, daß„die Woge anwächst", wie sie sich ausdrückten, daß spätestens morgen Ereignisse eintreten können, die schließlich alles realisieren und vollenden würden, was die revolutionären Kräfte be- gönnen... Seit einigen Jahren wankte täglich das Zarentum. Täglich flogen von ihm die Trümmer auf die Köpfe der stürmenden Massen. Aber es stürzte doch nicht. Da geschah es, daß der eine und der andere den Rücken wandte und fort- Bing. Ein anderer sagte sich: Abwarten! Wollen sehen! Wieder ein anderer spuckte aus und fluchte: Man hat mich betrogen! Und wieder einer dachte philosophisch: Miß- geschick!— Die einen meinten, es würde zu viel gestreikt, sie andern meinten, leider zu wenig. Die einen sagten, es seien nicht genug Bomben und Brownings vorhanden, die andern meinten: Leider zuviel! Die einen riefen: Genug der Opfer! Und die anderen schrien zu gleicher Zeit: Tauchen wir nur ganz unter im Blut! Und über das Volksmeer kam die Stunde der Ebbe. Ver- geblich waren die Anstrengungen starker Menschen. Das Meer flutete zurück, ließ seine wütende Arbeit im Stich und blieb in seinen alten Grenzen. Einst kehrt es wieder— wenn die Stunde da ist, in einer neuen Generation. Indessen wurde es immer schlimmer. Die mächtigen Parteien brachen zusammen,— die Masten waren durch die unheimlichen Verhaftungen dezimiert, es fehlte an Helden. Der Tod hatte mächtig aufgeräumt. Die Menschen wurden in der Enge der Gefängnisse beinahe erdrückt,— in den Ar- beiterversammlungen wurde es dafür immer geräumiger, Jede Woche gingen Tausende Etappen zur Zwangsarbeit Ver» urteilter nach Sibirien, in die ferne Verbannung— und neue Kämpfer wurden inzwischen nicht geboren. Statt dessen ver- mehrten sich, wie das Gewürm auf dem Leichnam, Verrat und Flucht. Die erste Linie war zugrunde gegangen, die Reserven erschöpften sich. So stand es, und täglich wurde es schlimmer. Und täglich wurde es besser. Allmählich kehrte die Ruhe wieder und alles Alte, nach dem die Seele sich so sehr gesehnt hatte. Der Industrielle, der 5taufmann, der kleine Handw'rksmeister atmeten er- leichtert auf. In den Banken öffneten sich wied'er die schweren Pforten der eisernen Kassenschränke. Vorsichtig wagte sich unter den Leuten wieder etwas Bargeld hervor, und der wieder freigelassene Schwindel begann es mit vollem Munde zu fressen. Der Kredit befestigte sich. Die„Gesellschaft" begann langsam wieder nach Warschau zurückzukehren, und der Handel mit Luxusartikeln belebte sich wieder— ein Zeichen wahrer .Kultur! Ja. selbst der Generalgouverneur zeigte sich das eine und das andere Mal in den Straßen. Die Fenster der Bordelle erglänzten frontweise in neuem Licht. Es kündigte sich endlich ein frischer, fröhlicher Karneval an, zur Freude der Nähmamsells und der heiratsfähigen Töchter. Und wie Noah nach Abfluß der Sintflut blickte der an- rüchige Publizist durchs Fensterchen und prüfte das Wetter, ob man wieder„losgehen", ob man wieder auf die gute alte Weise fortfahren könne. -I- Um diese historische Stunde arbeitete im gleichen Elend wie immer der alte Simcha Habergrütz in seinem Loch. Er hatte schon von kleick auf so gearbeitet, und was immer die Uhr der Geschichte für Stückchen auch spielen mochte, er saß stets in seinem finsteren Loch und arbeitete gleichmäßig vom Morgengrauen bis in die Nacht, in aller Seelenruhe. Es gab Krieg— mochte es Krieg geben! Die Revolution hatte be- gönnen— auch das war nichts Besonderes. Dem Alten drohte der Krieg mit nichts, die Revolution konnte ihm weder schaden noch nützen. Einmal nur während der Streiks fehlte es ihm an Brot, von dem er sich vorwiegend nährte. Einmal war auch in seine Höhle ein erschrockener schreiender Mensch herein- gestürzt und hinter ihm her einige andere mit Revolvern. Simcha sah, wie sie ihn dann aus seinem Keller auf den Hof schleppten. Weder erschiitterte es ihn, noch schmerzte es ihn, daß irgendwelche Schweine ein anderes Schwein totschlugen. Nach seiner Vorstellung von den Dingen machten Schweine die Revolution, und ebensolche Schweine unterdrückten sie. Es gab ihrer von polnischer, jüdischer und russischer Ratio- nalität. Das wimmelte irgendwo in der Welt herum, wo es zugleich reiche Herren gab, saubere Straßen, grüne Bäume, Flüsse und Meere und jenes Amerika, wo sein Sohn und seine Tochter irgendwo spurlos verschwunden waren. Das war die eine Welt, und dann gab es noch die andere — seine Welt: ihn selbst. Simcha Habergrütz, seine Werkstatt und seine Pritsche. Hierher kamen gute Menschen, welche zer- rissene Stiefel hatten— sie kamen zu ihm, der auch ein guter Mensch war und ihnen die Stiefel flickte. Um sein Schicksal war der Alte unbesorgt. Denn an allem konnte es fehlen, nur nicht an zerrissenen Stiefeln. Er kannte seine Kundschaft, sprach jedoch fast gar nicht mit ihr, denn er wußte nicht wovon. Mit ihm aber sprach man nicht, weil der Alte taub war. Eines Tages ereignete sich bei der Arbeit, daß aus der Sohle eines reparierten Stiefels ein zusammengedrückter und beschmutzter Zettel herausiiel. Simcha faltete ihn aus- einander,— das Papier war beschrieben, doch mit polnischer Schrift. Er legte es beifeit?, und nachdem er den Stiefel gerichtet, tat er es wieder hinein und machte sich an eine andere Arbeit. Als die Kundschaft kam, welcher der Stiesel gehörte, machte er darauf aufmerksam. Es war ein ihm unbe- kannter magerer Knabe niit beißen, blitzenden Augen. Dieser nahm den Papierfetzen, bezahlte und ging. Unterwegs be- trachtete er ihn von allen Seiten, und das einzige, was ihm darauf verständlich war, waren die drei Buchstaben UUei., die zurzeit von allen verstanden wurden. Dies machte ihn nachdenklich, und er behielt den Zettel bei sich. Nach nicht geringen Mühen fand er endlich einen ver- trauenswürdigen Menschen, der polnisch lesen konnte. Er fand iljn tocit in der Grcmicznagcisse im Ruckg�bäude eines riesigen Speichers. Dort in dre Expedition, zwischen Kisten, im Gewimmel der Arbeit, erblickte er von ferne seinen Vetter Ajsik nnd wartete geduldig, bis die Dagesarbeit beendigt sein würde. Der Expeditor lief mit Papieren hin und her, verglich die Aufschristen auf den Kisten, schrie mit den Trägern und Kutschern, stürzte in sein Glasgehäuse und schrieb, stürzte wieder heraus und schrie wieder endlich als die letzten Kisten aufgeladen waren, näherte sich der Knabe und begrüßte artig seinen Vetter. „Was willst Du? Kommst Tu wieder um Geld? Ich gebe nichts mehr. Habt Ihr schon die ganzen drei Rubel verschwendet, die ich Euch vor zwei Monaten gegeben habe? Mach, daß Du fortkommst I" „Die Mutter läßt schön grüßen. Aber ich komme nicht um Geld. Ich möchte Dich bitten, daß Tu so gut bist, mir dieses Papier durchzulesen." „Ich habe keine Zeit für solche Dummheiten. Gib her!" Ajsik las und wunderte sich— dann erblaßte er, sah mit wilden Augen auf den Knaben, und indem er den Zettel in Armeslänge von sich hielt und die Augen nach der anderen Seite wandte, stieß er hervor, oder vielmehr vermochte er nur zu flüstern, bei jedem Worte vor Aufregung stotternd: „Schlechter Kerl! Du Räuber! Tu Galgenvogel! Ich kenne Dich nicht! Ich habe Dich nie gesehen! Ich kenne Deine Mutter nicht! Ich weiß nicht, wo Ihr wohnt, noch wie Ihr heißt! Möchte doch eine solche verbrecherische Familie ausgerottet werden! Daß mir keiner von Euch wieder unter die Augen kommt!" (Fortsetzung folgt.l Die Spinne. Von Paul Eitel. Ganz oben, an einein schmalen Mauervoriprung»nter der Decke hatte sie ihr Netz aufgeschlagen. Sie fiel mir gleich auf, als ich zum erstenmal des Nachts in die Backstube irar. Sie iah, zusantinen- gekauert in der Mitte ibres Neyes, auf mich herab, stumm und ernst — wie eine kleine Philosophin. Es war ein elendes Lock, eng, feucht und dunipf, in dem ich allein arbeitete. Die Wände waren stark zerbröckelt, kahl und grau, aus ihnen hatte sich bereits ein dicker Schimmel geb'ldet. Oben an der Decke klaffte ein breiler Ritz wie eine schwarze drohende Mündung, und dabei hing sie in der Mille so niedrig, datz es aussah, als wolle sie jeden Augenblick einstürzen. Zioei Teigmulden, der Länge nach an der Wand aufgestellt, nabmen über die Hälfte des schmalen Raumes ein, Ten Boden bedeckte eilt dicker, klebriger Schmutz, Fortwährend rann das Wasser von der Mauer herunter und tränkte den Mehlstaub am Boden auf. Es war kein Fenster in diesem Ranin. Nur hinten war ein schmales, rundes Loch an- gebracht, durch das ursprünglich wohl etwas frische Luft herein- strömen sollte. Und ehemals bedeckte dieses Loch auch ein Feuster. Da es aber einer meiner Vorgänger irgendwie entzweigeschlagen halte, so hatte der Meisler, die Unkosten scheuend, das Loch mit einem leeren Mehlsack wieder zugestopft. Nicht der kleinste Strabl Tageslicht drang herein? es war hier schwarz und finster, wie in einem dumpfen Grabgewölbe, und das Gas mutzte Tag und Nacht brennen. Es war hier langweilig. Bis ein Uhr nachts knetete ich meine Teige, dann arbeitete ich sie zu Brötchen auf. und um vier Ubr ging ich an den Ofen. Dann kam ein Schutz Brot von etwa vierzig Vierpfündern an die Reibe, und den Rest bildeten noch einmal Brölchen. Zum Schlutz hatte ich noch die Kuchenwaren zu besorgen, Es wurde Mittag ehe ich fertig wurde, und abends um zehn stak ich wieder in den beiden Teigmulden. So ging es Tag für Tag ununterbrochen, in ewig gleichförmiger Monotonie. Ich blickte oft hinauf zu dein Netz, in dem die Spinne satz, an- sangs gähnend und aus Langerweile, dann aber fing sie mich an zu interessieren. Sie hockte immer in derselben Stellung, gekrümmt, regungslos— fast wie erstarrt. Das Netz war von dem feinen weißen Mehlstaub überzogen, und sie sah darin anS wie ein kleiner. winziger, dunkler Punkt. Niemals rührte sie sich: wenigstens sah ich nie, datz sie auch nur einen Futz bewegr hätte. Sie bockte in der kleinsten Masche des rund wie eine Schietzscheibe gesponnenen Netzes. Wie lange mochte sie schon hungern I... ES waren genug Fliegen da, aber nie sah ich, datz sich eine zu ihr hinauf verirrt und in ihrem Netz sich gefangen härte. Die Fliegen schienen hier augerit>chlau und raffiniert zu sein, und manchmal bemerkte ich, wie die eine oder anderes» nächster Nähe um das Netz herumflog, gerade so, als ob sie die spinne, ihre Todfeindin, necken und ver- döhuen wollte. Die Spinne aber rührte sich übrigens nie. Sie blieb immer gleichgültig, zurückhaltend, und es halte fast den An- scheln, als ob sie das Treiben der Tiere verachtete. Eines Abends, als ich wieder in die Backstube trat und das Gas anzündete, entdeckte ich ein neues Spinngewebe, hinten wo sich die Teigteilmaschine befand, zwischen den beiden Teigmulden ein- gezwängt. Das Netz bedeckte gerade ein grotzeS Loch in der Mauer, >n der ein Ziegelstein fehlte. Ich war überrascht und blickte näher hin. Das Gewebe war halb ferrig gesponnen, und die Spinne, eine kleine, graue, ganz gewöhnliche Spinne, hielt einige Augenblicke still, wie plötzlich erschreckt von dem Licht, das weitz und hell wie ein Blitz aufflaminie. Sie schielte unruhig zu mir herüber, wie niitzlrauisch, dann begann sie weiter den Faden aus ihre» Leib zu ziehen, den sie flink und schnell mit den beiden Hinlersützen formte und mit den übrigen verknüpfte. Von Zeit zu Zeil hielt sie eine Weile inne, mit ihren langen, dünnen Beinen die Stärke des Fadens prüfend. An manchen hatte sie etwas auszusetzen und sie verstärkte ihn, indem sie ihn doppelt spann. Ich hatte mich ein wenig zurückgezogen, um sie nicht zu stören. aber sie schien von mir keine Notiz zu nehmen. Vielleicht hatte sie mich vergessen... Da mit einem Male begann sie wie rasend mit wildem Elfer um das Ney zu laufen, immer weiteie Kreise ziehend. Sie stürmte dahin, wie von Wut erfüllt, um plötzlich wieder ab- zubrechen und über das ganze Netz zu lausen, hin und wieder stehen bleibend und ihren kleinen Kopf mitzniutrg über einen Faden schüttelnd, der irgendivie ihr Mltzfallen erregr halte. Nach wenigen Minuten war sie fertig, sie lief nun noch einmal über daS ganze?kctz, da und dorr noch ein Stück anknüpfend. Dann zog sie sich nach dem einen Ende ihres neuen Gewebes zurück und ruhte sich aus. Sie schien von ihrer Arbeit in hohem Matze be- friedigt zu sein und hockte still niedergekauert da. die Fütze dicht um ihren Leib geschlungen. Ich machte einige Schritte und beugte meinen Kopf bis dicht zu ihrem Ney vor, um sie näher in Augenschein nehmen zu können. Sie war mittelgrotz. Der Körper war ganz rund wie eine Kugel, und winzig klein sah auf diesem Körper der Kops, nicht gröher wie ein Stecknadelkopf. Um ihre» Leib liefen drei schmale, feine Ringe, die sich schwarz von dein übrigen grauen, rauhen Körper abhoben. Ganz ernst sah sie mich aus ihren kleinen schwarzen Augen an nnd bewegte sich unruhig mit ihren Fützen. Mein Atem wehte sie an wie ein schwacher Hauch, und leise erzitterte davon daS Netz. Ader sie traute mir nicht ganz. Wie schnuppernd bewegte sie ihre beiden Fühler, die wie Zangen gebogen waren, in der Luft herum. Und langsam begann sie sich zurückzuziehen, immmer weiter, fast vorsichtig;— und plötzlich drehte sie sich um und rannte die Mauer hinauf bis zu dem alten Netz oben. Jetzt erst bemerkte ich, datz es die alte Spinne war. Sie schielte von da oben auf mich hinunter, gleichgültig— und wie es schien— sogar ein wenig verächtlich. Ich versuchte sie herunter zu locken. stieg aus die Teigmulde, klopfte an der Mauer und schnalzte mit der Zunge, ähnlich, als ob ich einen Hund oder Katze zu mir locken wollte. Endlich fiel mir etwas ein. Ich stieg wieder hinunter und suchte die Wände der Backstube nach Fliegen ab. Ich fand eine swöne, grotze, die sich in einer Mauerritze zurückgezogen hatte, und slblief, den Kopf zwischen ihre Vorderfühe geklemmt. Vorsichtig näherte ich miw ihr mit der offenen Hand und fuhr blitzschnell mit der Hand an der Wand herunter, sie ebenso schnell schlietzend. Es gelang inir, die Fliege zu fassen. Dann kletterte ich rasch wieder auf die Teigmulde, fahle� die Fliege behutsam an ihren beiden Flügeln und hing sie der Spinne an das Netz. Sie verfolgte meine Bewegungen niit grohen Bugen, ohne sich zu rühren. Als die Fliege an dem Gewebe zappelte, zog sie sich weiter zurück. Mir schien es, als ob sie mich böse aniah. Die Fliege war, unsanft von mir aus dem Schlaf gerüttelt, ganz verdutzt und versuchte sich loszumachen. Sie mutzte sich erst besinnen, wo sie war; ihre Bewegungen waren noch ganz matt und schläfrig. Eine Weile hielt sie inne. wie blöde mn sich sehend, als ob sie einen Schlag vor den Kops bekommen hätte. Da bemerkte sie die Spinne, die oben am äutzernen Ende zusammengekauert lag und aufmerksam, gespannt ihre Bewegungen verfolgte. Sie zuckte er- schreckt zusammen und nun kam Leben in sie. Ein zorniges Brummen ausslotzend, fing sie an, heftig mit den dünnen, haarigen Beinen zu zerren, die fest, wie angebunden an den feinen Fäden des Gewebes klebten. Aber je stärker sie daran ritz, desto tiefer ver- wickelte sie sich in dem Netz. Sie schüttelte den Kopf und schlug deftig mit ihren Flügeln um sich, wie in wildem, ohnmächtigem Grimme. Al'er allmählich erlahmten ihre Bewegungen und sie hielt einige Sekunden inne. um wieder neue Kraft zu sammeln. Dann fing sie wieder an zu reitzen und zu zerre», verzweifelt, mit rasender Wut; d:e Folge aber war. datz sie zuleyl die Bewegungsfreiheit ihrer Flügel einbützte. Sie hing jetzt da, in das Netz hineingerollt. Um ihren ganzen Körper liefen die dünnen Fäden, die so stark waren, datz sie wie Kelten»in ihre» Leib sich spannte». Der eine Flügel hing lose und ganz verdreht unter ibrem Leib;— sie batte ihn in dem verzweifelten Bemühen, sich zu befreien, halb ausgerissen und an der Wurzel um- geknickt. Sie blickte ganz verstört drein, ihr Summen wurde schwächer. Die Spinne hatte sich bisher ruhig verhalten und nur lauernd zu der Fliege hinübergespäht. Alö diese dann nun erschöpft innehielt, richtete sie sich auf und machte zögernd zwei, drei Schritte. Sie ichnüffelte unruhig in der Luft, als söge sie den Geruch des frischen Blutes ein. Dann kauerte sie wieder zusammen, kreuzte ihre Beine und duckte ihren Kopf zurück. Sie schien unentschlossen. Die Fliege Brummte stärker, als sie ihre Todfeindin herannahen sah, und fing wieder an in dem vergeblichen Bemühen, sich zu befreien. Sie siiefc wütend mit ihrem langen Rüsiel gegen die dünnen Fäden, ritz krampfhaft daran und streckte ihren Kopf vor, ähnlich wie ein er- boster Bock. Es war aber die letzte Kraftanstrengung. Der Kopf der Fliege war weit vorgestreckt auf dem dünnen Hals und hing schief, wie in einer Schlinge, die sich immer mehr um ihn zuzog. Sie ergab sich in ihr Schicksal und schielte hinauf zu der Spinne, die stoisch und ungerührt dreinblickte, in sattem Phlegma. Mich setzte das Gebaren der Spinne in große Verwunderung. Was hatte sie?... Ich konnte mir nicht erklären, weshalb sie die Fliege, die ich für sie ge- fangen, zu verschmähen schien. Mir begann die arme Fliege fast leid zu tun. Sie sah wirklich erbarmungswürdig aus. Sie war jetzt ganz verstummt, und traurig schlaff hingen ihre langen, dünnen Beine herunter. Unbarmherzig blickte die Spinne sie an, unbeweglich, geduckt verharrend, und ihre kleinen, schwarzen, starren Augen übten eine fast hypnotische Gewalt aus sie aus. Lange, drückende Sekunden vergingen. Ich hielt den Atem an und sah mit großem Interesse dieser stummen Tragödie zu. die ich herbeigeführt hatte. Langsam richtete sich die Spinne wieder ans und begann, mit ein wenig gesenktem Kops, näher heranzusidleitben. Es war wie das Spiel einer grausamen Katze mit der Maus. Sie rann plötzlich, mit einem Satz, auf sie los, fast fliegend, umkrallte sie hart mit ihren beiden Vorderzangcn, bohrte ihren spitzen Schnabel unter den Hals der Fliege und begann das Blut auS ihrer schönen, schwarzen, wie Ebenholz glänzenden Brust zu taugen, gierig, wild, in langen, durstigen Zügen. Die Fliege rührte sich kaum. Nur ihre beiden Borderfütze zuckten einmal auf, aber ganz leise und schwach— wie im letzten Todeskramps. Sie schien vorher schon gestorben zu sein— gestorben vor lauter Angst oder auch er- stickt von den feinen Fäden. Nach wenigen Augenblicken ließ die Spinne ab von ihrem Opfer, das jetzt schrecklich mager, verwelkt und ganz ausgetrocknet aussah. Dann begann sie um sie herumzulaufen und sie einzu- spinnen wie eine Puppe. Langsam ließ sie sich hierauf wieder in ihrem Winkel nieder, befriedigt und gesättigt. Ich kletterte ebenfalls von meiner Teigmulde. Es war bereits sehr spät geworden, und ich mutzte mich mit meinen Teigen beeilen, um noch rechtzeitig mit der Backwaare fertig zu werden. Ein paar- mal blickte ich hinauf, während ich mit den Armen im Mehle wühlte und sah nach der Spinne, die wieder regungslos wie früher da- hockte. Sie verfolgte interessiert alle meine Bewegungen und mir schien es beinahe, als hätte sie jetzt mehr Zutrauen zu mir. Nachdem ich die Teige der Reihe nach alle aus der Mulde gearbeitet hatte, mutzte ich eine halbe Stunde Pause machen, um die Teige angaren zu lassen. Ich atz gewöhnlich in dieser Zeit mein Abendbrot— zwei bis drei sehr dünn belegte Schmalzstullen, dazu trank ich einen schwarzen, sehr schwachen Kaffee, der wie Spülwasser schmeckte. Aber heute unterließ ich es, da ich keinen Appetit hatte, und mühte mich ab, nochmals eine Fliege für sie zu sangen. Ich erwischte mehrere. Die meisten entschlüpften mir wieder zwischen den Fingern, während ich die übrigen in meiner Hand zu Brei zerquetschte. Aergerlich und mißmutig gab ich mein Vorhaben wieder auf und kehrte zu den Teigen zurück, um sie aufzuarbeiten. Kaum wagte ich, zu ihr hinaufzusehen; ich suhlte etwas wie eine leite Beschämung, fühlte ihre Blicke, ohne sie anzusehen, boshaft, spöttisch auf mir ruben. Es war mir, als ob sie mich auslachte. Obne es mir einzugestehen, war ich sehr verlegen, und wütend nahm ich den Knüppelteig, kniff ihn in großen Stücken ab, wog sie und formte sie zu runden Ballen. (Schluß folgt.1 Hue der Kulturgefchichtc der 6he. Von Dr. Paul Landau. Die„Entstehung der Liebe" hat einmal Kurt Breystg um das Jahr 1150 n. Chr. ansetzen wollen und als erstes Dokument dieser neuen Kulturerscheinung den für die Gräfin Maria von Champagne geschriebenen Licbestraktat des Kaplans Andreas analysiert. Wollte man die„Entstehung unseres Ehrbegriffs" in ähnlicher Weise zeitlich bestimmen, so mutz man etwa sechs Jahrhunderte weiter in der Kulturgeschichte vorschreiten, denn erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfuhr daS Eheideal jene seeliiche Vertiefung, die der Geistliche deS Mittelalters für die Liebe gefordert hatte. Nicht Reichtum und äußere Glücksumstände sollten jfiir die Wahl der Frau entscheidend sein, sondern innere Neigung, wie es Andreas dereinst für die Wahl der Geliebten verlangt. Uns ist der Gedanke, daß zur rechten Ehe die Liebe gehört, zum mindesten als sittliche Forderung so völlig in Fleisch und Blut über- gegangen, daß wir den Begriff einer Ehe als reiner Geschästssache als etwas höchst Barbarisches, ja Unmoralisches halten. Dabei ver- geffen wir, wie jung dieser Begriff in der deutschen Sittengeschichte ist. vergessen, daß er erst in dem Zeitalter unserer klassischen Dichtung auSpebildet wurde und erst in der Romantik, vor wenig mehr als einem Jahrhundert, weitere Gesellschaftskreise erfüllte. Richardson, den man mit Recht den Entdecker der modernen Frauenseele genannt hat, beschäftigt sich noch höchst ernhost mit der Frage, ob denn die Liebe überhaupt zur Ehe er» forderlich sei. und daß er sie bejaht, wird von anderen Autoren lebhaft bestritten. Es sind höchst nüchterne Erwägungen, bei denen Rücksicht aus Stand und Vermögen allein entscheiden, die die Helden der Romane von Gellert, Hermes, Frau la Roche u. a. bei der Wahl einer Braut anstellen. Erst bei Wieland, wie in der englischen Parallelentwickelung bei Fielding und Sterne, fängt das Herz an, neben dem Verstand mitzusprechen, und den gewaltigen Umschwung des Gefühles bahnt erst Rousseau an, vollendet Goethe mit..Werther" und„Stella". Und der gleiche Umschwung des Enipfindens vollzieht sich viel langsamer in der Wirklichkeit. Gleichsam als äußerer Ausdruck der Tatsache, daß Liebe und Ehe nichts miteinander zu tun haben, steht in den fürstlichen Ehen des Absolutismus neben der Gemahlin als offizielle. ja unbedingt notwendige Erscheinung die Favoritin. Wenn ein Herrscher zufällig seine Frau liebt, wie der spätere Kaiser Karl von Oesterreich, dann zwingt ihn das Hofzeremoniell doch, eine„Maitrsssv en titre" zu wählen und„offiziell zu besuchen", und des Volkes Stimme spricht aus dem Wort jenes Bauern, der beim Einzug des Landesherrn mit seiner jungen Gemahlin ausrief: „Nun fehlt unserem lieben guten Fürsten nur noch eine schöne Mai- treffe I" Ihre Sanktion dazu erteilten Philosophie und Staatsrecht, wenn sie, wie selbst Leibniz und Thomasius, Polygamie und Neben- ehen nicht für unerlaubt erklärten. Die adligen Kreise eiferten dem hohen Vorbild nach und Ehepaare, die sich wirklich liebten, mußten dies bei Hofe sorgfältig verbergen, um nicht den„Fluch der Lächer- lichkeit" auf sich zu laden. Es war ein Zeitalter,„wo die eheliche Liebe nicht besonders stark ist", wie Graf Lehndorff einmal in seinem Tagebuch schreibt. Diese frivole Auffassung der Ehe war aber in den weiten bürgerlichen Kreisen deS Volkes durchaus nicht heimisch. Hier Herrschte frommet Ernst und ein starkes Bewußtsein von der Be- deutung dieses Schrittes; nur von Liebe war nicht die Rede. Der Pietismus, besonders Zinzendorf, sah in der ehelichen Gemeinschaft ein„Abbild und Vorbild der Vermählung Christi mit der Seele" und nährte die tiefen Bedenken gegen die Ehe, die nach LutHerS warmherziger Lobpreisung des Ehestandes unter den Frommen wieder erwacht waren. Jeder„sinnliche Affekt" ward ver- urteilt; wie Bruder und Schwester sollten die Gatten leben. Der erste Philosoph des Bürgertums Christian Wolf dagegen betonte die sittliche und staatliche Notwendig- keit und Wichtigkeit dieser Institution.� die„Menschenpflicht" jede? einzelnen, ein„hübiches Häuflein von Sprößlingen der Mäßig- keit" zum allgemeinen Wohle zu erziehen. Heiraten war daher ein löbliches und lehr nützliches Werk, ähnlich wie Steuerzahlen, und daS Geschäft der Vermittelung betrieben Regenten und Fürstinnen, vornehme Beamte und strenge Gelehrte mit gleichem Eiser. Man heiratete viel, doch nicht inehr als heute, so daß die heutigen Klagen über die wachsende Zahl der Junggesellen vor der Statistik nicht ge- rechtfertigt erscheinen. Starb einer der Ehegatten, so entschloß man sich bald wieder zur Heirat, denn„die Vernunft verlangte es". Da die Stimme des Herzens keine Entscheidung herbeiführt, so legt man sein Geschick vertrauensvoll in die Hände anderer. Per- sönlichkeiten, zu denen man mit besonderer Achtung ausblickt, wie Frau Gottsched oder Gellert, empfangen hunderte von Briefen, in denen fie um Ratschlag bei einem Antrag angegangen oder nach einem passenden Lebensgefährten gefragt werden. Gellert gibt für eine gute Ehe folgendes Rezept:„Man setze zwei verständige und gesittete Personen von beiden Geschlechtern, die einander kannten und liebten und auf das Geheiß ihrer Herzen, unter Einwilligung der Klugheit und auf den weisen Rat vernünftiger Eltern und Freunde, dies beilige und genaue Bündnis schließen." In den Romanen wird die Mesalliance immer wieder bc- handelt', � noch bei Rousseau trennen Standesrücksichtcn Julie von St. Preix und erst in �Goethes„Meister" über- windet die Liebe die gesellschaftlichen Schranken. Vermögen ist der Punkt, um den es sich bei jeder Brautwerbung vor allem handelt. und mit vielen Formalitäten wird der„Ehepakt", die so wichtige geschäftliche Seite der Sache, geschlossen. Gellert gibt einem Fräulein B.. das ihm anvertraut, sie sei nicht reich genug, um heiraten zu können, ohne weiteres zu, daß das Geld sehr wichtig sei, ist aber im Prinzip gegen Geldheiraten. Er tröstet fie damit, daß sie, wenn sie doch einen Mann finde, um ihrer Tugend willen geheiratet werde. Aus welchen Motiven heiratete man min? Typisch dafür sind die Betrachtungen, die der Historiker Pütter in seiner Selbst- biographie darüber anstellt:„Mittag- und Abendessen, wie es von Speisewirten zu haben war, entsprach gar nicht meinen Wünschen. Einsam zu esten, war gar nicht nach meinem Sinn. Andere häus- liche Beschäftigungen, Wäsche, Kaffee usw. waren für mich nnange- nehme Beschäftigungen." So suchte er sich eine Frau, und wie er, machten es viele andre geistig bedeutende Männer. Wenn ein frivoler Mensch wie der Professor Bahrdt aus jede gute Partie losgeht, die ihm ein Kollege vorschlägt, so ist daS verstand- sicher i aber ebenso handelten sittlich einwandfreie Gelehrte wie Achenwall und Michaelis; selbst Bürger, der LiebeSsänger, wollte vor allem Geld, und Georg Forster bestellte bei seinem Buch- Händler Spener neben anderen Dingen sich auch eine Frau. Gustav Freytag hat als das klassische Beispiel dieser nüchternen Ehe- schließungen die Heiratsgeschichte des großen Theologen Johann Salomo Semler angesührt, wie er dies selbst in seiner Lebens- beschreibung erzählt: Der arme Profesior ist mit einer„würdigen Freundin" versprochen, in»tugendhafter Ernsthaftigkeit'.»ES war aber dabei nichts von der Wonne oder grohen Freude, welche unsere neueren Zeitgenossen in so vielen Romanen poetisch malen und gar gefühlvoll darstellen!' In Kciurg wohnt er bei der verwitweten Doktorin Dröbner, und hier erhält er den sehnlichst erwünschten' Ruf nach der Universität«Udorf:»Endlich soll er lehren und wirken dürfen I Doch er hat kein Geld zur Reise; er hat Schulden bei seiner Wirtin, und nach langem, qualvollem Ringen erkennt er als einziges Mittel, die wohlhabende Tochter der Doktorin, die er bisher nicht beachtet, zu gewinnen! er»bequemt sich unter das all- gemeine einzige Gesetz der höchsten Regierung Gottes,' entsagt der stüheren Verlobten und heiratet die Dcmoiselle Dröbner. führt mit ihr eine lange, glückliche Ehe und preist ihre einzigen Tugenden nach ihrem Tode in einer rührenden Lobschrift. Ein ähnliches Bild sei aus einem anderen Lebenskreis nach- gezeichnet: Ein Herr v. Nützler ist mit einer Hofdame in Merse- bürg tierlobt und reist mit hochbepacktem Brautwagen durch Schnee und Nacht zur Hochzeit; er verirrt sich, wird von einem Pfarrer in Otzmünde aufgenommen und erfährt von dessen Mutter, daß die Hofdame eine schlechte und zänkische Person sei, von der ein unehe- licher Sohn im Dorfe erzogen werde. Der Appetit zu dieser Heirat vergeht ihm, aber wohin mit dem Brautstaat? Der Pfarrer rät ihm, zum Kanzler v. Ludewig nach Halle zu fahren, der zwei mann- bare Töchter habe. Da der Kanzler angesehen und reich ist, macht sich Nüßler auf den Weg, wird in der Familie freundlich aufgenommen und hält um eine Tochter an. Er liebt die zweite, aber er muß die älteste nehmen, da die andere schon fast verlobt ist. und siehe da— er wird sehr glücklich mit ihr. Dast die Dichter nicht idealistischer waren als die Gelehrten und Beamten, zeigt die Ehe Friedrich Hagedorns, der die weder junge, noch schöne, noch kluge Tochter eines angeblich reichen Schneiders heiratete, um aus seinen Schulden herauszukommen, aber schließlich nicht« bekam; zeigen die Heiraten eines Wieland, Weiße u. a. Die Motive der Mädchen waren meist Befehl der Eltern, Angst vor dem Sitzenbleiben. Wunsch nach Ber- sorgung, wie wir das'z. B. von Frau Reiöke wissen. So war das Ehe-Jdeal um die Mitte des 18. Jahrhunderts unendlich fern von dem unsrigen. Kant hat eS am klarsten formuliert, indem er fordert:»In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige moralische Persönlichkeit ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den Geschmack der Frau belebt und regiert wird.' Aber damals erhoben sich schon immer stärker die Mächte des Gefühls, die dies nüchtern tüchtige Gebäude einer bürgerlichen Ehe zu erschüttern drohten. Klopstocks schwärmerische Zärtlichkeit für seine Meto, LesfingS mannhaft stolzes, leidenschaftlich verhaltenes Ringen um Eva König boten Beispiele von gauz neu- artigen, ungeahnten Herzensbeziehuugen. Mozart schrieb an den strengen Vater, im Gedenken an sein mit irdischen Gütern nicht gesegnetes Konstanzerl:»So nach Geld möcht' ich nicht heiraten: ich will meine Frau glücklich machen, und nicht mein Glück durch sie machen.' Als„armer Mensch' hält er es für sein Recht,„eine Frau zu nehmen, die ich liebe und die mich liebt'. Damals hatte schon RousseauS„Reue Heloise' den Sieg des Herzens über den Verstand verkündet, aber während hier noch die Liebenden entsagen, stirbt Werther, weil er Lotte nicht erringen kann. Seine Liebe bedeutet ibm sein Leben. Und da die Liebe nun zum Mittelpunkt der ganzen Existenz geworden ist, wird sie auch zum Mittelpunkt der Ehe. Die Früb-Romantik vor allem Friedrich Schlegels und SchleiermacherS erklären Ehe ohne Liebe für null und nichtig und für Voraussetzung jeder echten Ehe ewige Liebe. kleines feiiületon. Geologisches. G. E. Graf, Entwickelungsgefchichte der Erde- (Bibliothek des WisienS. Verlag Buchhandlung Vorwärts, Berlin. Preis geb. 1 M.) Es ist eine recht glückliche und hoffentlich auch eine recht fnicht- bare Idee, die dem neuen Unternehmen deS Vorwärts-BerlageS zugrunde liegt. Die„Bibliothek des Wiffens' soll ganz für An- fänger bestimmt sein. Ihre Darstellungen sollen dem Leser mit den geringsten Vorkenntnissen verständlich sein und in ihm die Liebe zur Natur und die Lust zum weiteren Studium erwecken. Das erste Bändchen, das aus etwa 80 Seiten die EntwickelnngS- geschichte unseres Erdballs behandelt, entledigt sich dieser Aufgabe mit anerkennenswertem pädagogischen Geschick. Das Wichtigste, das Markante der Erscheinungen wird überall scharf hervorgehoben, die eigene Anschauung deS Lesers in ausgiebigem Maße zu Hilfe ge- rufen. Die geschickte Verteilung des Materials und die flotte Schreib- weise gestalten die Lektüre des Werkchens wirklich anziehend und leicht. Aber bei ollen diesen unbestreitbaren Borteilen sollen auch die Schattenseiten des Werkcheus nicht verschwiegen werden, schon aus den, Grunde nicht, weil, wie die weiteren Erscheinungen der Bibliothek von ihnen möglichst frei ivissen möchten. Wir meinen hier insbesondere jene naiv dogmatische DarstellungSweise, die sich im Werkchen breit macht und die auf dem Gebiete der Erdgeschichte weniger denn irgendwo angemessen ist. Gleich daS erste Kapitrl über das Innere der Erde mag als Beispiel dieneir. verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u» Verlag: Der Verfaffer trägt die Lehre über den glühenden Zustand deS Erdinnern als größte Selbstverständlichkeit von der Welt vor. Mit spielender Leichtigkeit und im Tone der Unfehlbarkeit werden hier Probleme entschieden, die bei dem heutigen Zustande unseres Wissens zu den geradezu unlösbaren gehören. Die Erde verhält sich astro« nomisch wie ein fester Körper und doch soll im Erdinnern eine Temperatur herrschen, bei der alle uns bekannten Körper, trotz des enormen Druckes, in gasförmigem Zustande sich befinden müssen. (NB, Die entgegengesetzte Bemerkung des Verfassers ist physikalisch unhaltbar.) Dieser Widerspruch ist bis heute noch ungelöst, trotz des großen Aufwandes von Theorien, an denen die hervorragendsten Gelehrten beteiligt sind. Nun wird allerdings nicht verlangt, daß alle diese Theorien oder auch nur die wichtigsten von ihnen in eine derart elementare Darstellung wie die von Graf aufgenommen werden. Aber die sachlichen Denkschwierigkeiten des Gegen- standeö muffen den Lesern doch unbedingt klar gemacht werden, sonst wird der ureigenste Zweck des Popularisierens verfehlt, der das Denken deS Lernenden aufwecken, aber nicht einlullen soll. Und diesem letzteren Ergebnis kommt die Darstellung von Graf leider sehr bedenklich nahe. Auch in den anderen Kapiteln des Büchlein? tritt derselbe Fehler, allerdings nicht so arg, zutage. Neben diesem Hauptfehler des Werkchens wären einige Verstöße deS VerfafferS gegen die Strenge der wiffenfchaftlichen Termino- logie(so z. B. der Gebrauch des Wortes„Wärme" statt„Teniperatur" und umgekehrt) zu rügen. Recht eigentümlich ist auch die Vorliebe des VerfafferS für Zahlenbeispiele, insbesondere wenn sie den ge- waltigen Maßstab der Borgänge veranschaulichen sollen. Nun ist an sich dagegen nichts zu sagen, wenn nur die schätzungsmäßige Natur aller solchen Zahlen klar ausgesprochen wird. Da« ist aber nicht der Fall. Unter diesen Umständen wäre eS wirklich Keffer, de« Guten etwas weniger zu tun; auf jeden Fall ist eS durchaus ratsam, solche phantastische Angaben wie die, daß»von der Sonne in jeder Sekunde 3800 Milliarden Pferdestärken auf die Erde gelangen', fallen zu lassen, wenn keine zuverlässigeren Zahlen zur Hand find. Die Ausstattung deS Buches ist in Anbetracht des mäßigen Preises durchaus zufriedenstellend, wenn man auch die Zeichnungen etwas deutlicher wünschen möchte. Sehr lobenswert ist das dem Buche angehängte kleine Wörter- buch der Kachausdrücke und ein kurzes Literaturverzeichnis. Unter den dort genannten größeren Werken wollen wir an dieser Stelle eins besonders hervorheben, da« vor kurzem in der zweiten Auflage erschienen ist und den Namen deS geologischen Lesebuches durchaus verdient. Es ist dies die Geologie Deutschlands von I. W a l t h e r(Verlag Quelle u. Meyer in Leipzig: Preis geh. 3,40, geb. 9,40 M.>. Dos schöne, reich illustrierte Werk ver- einigt in vorbildlicher Weise die Vorzüge der streng wiffenschaftlichen Behandlung des Materials mit denen einer breit an- gelegten anschaulichen Beschreibung. ES wird niemand die auS dem Bollen geschöpften Schilderungen deS VerfafferS lesen ohne reich- lichen Genuß und kräftige Förderung seines Wissens von den Kräften. die das deutsche Landlchaftsbild geschaffen haben. Besonders den Arbeiterbibliolheken sei daS Werk bestens empfohlen. V. Mr. Aus dem Tierlebe». Die Hauskatze in der Wildnis. In Australien hat man vor längerer Zeit zur Bekämpfung der Kaninchenplage Haus- katzen ausgesetzt. Im„Busch", wie in Australien allgemein der Wald heißt, verwilderten die Katzen schnell und trafen auch ihre eigene Wahl in der Art ihrer Ernährung. Sie stellten kleinen Säugetieren nach, ebenso Vögeln, Eidechsen und, wo sich die Ge- legenheit bot, fielen sie auch Lämmer an. Daneben gingen sie fleißig auf die Kaninchenjagd, aber es ist fraglich, ob sie das ihnen gesteckte Ziel, die Vertilgung der Kaninchen erreichen werden. Mauöbem will eS scheinen, als ob die„Kamickelwirtschaft" den Sieg davonträgt. In einigen Gegenden machen die Katzen besonders Jagd auf die Seevögel, zum großen Aerger der Schiffer, die die Eier der Secvögel zu ihren Nahrungsmitteln zählen. Anderswo haben die Katzen das einheimische Bodengeflügel und die Keinen Beutel- tiere so arg vermindert, daß man fürchtet, sie könnten einzelne Arten ganz ausrotten. Deswegen hotte man auf einigen Inseln Hunde gegen die Katzen losgelaffen. Die Hunde aber machten nebenbei auch eine gefährliche Jagd auf die Robben, so daß man die Hunde wieder abschießen mußte.— In der Freiheit gingen die Tiere immer ihre eigenen Wege und kehrten sich mcht daran, was der Mensch be- absichtigt hatte. Bei den Katzen, die mehrere Generationen hindurch verwildert waren, hat man beobachtet, daß sie ein ganz veränderte? AuS- sehen gewannen, und zwar ändert sich ihr Sussehen verschieden. je nach der Gegend, in der sie leben. Im allgemeinen werden sie stärker, größer und gefleckt, besonder? die Kater. In einigen Teilen von Queensland bekommen sie ein gestreiftes Fell und entwickeln eine starke Nackenkrause. Auf der Lord Howe Insel werden sie dunkel, grau gesprenkelt und sehr groß, bis zu neun Kilo- gramm schwer. Eine ähnliche Verwilderung ber Hauskatze hat man auch in Amerika manchmal beobachtet, zum Beispiel auf der unbewohnten Ziegcninsel(Goat Island) in der Bai von San Francisco._ vorwärtSBuchdruckerei u.VertagSanstaU Paul SmgertCo., Berlin SW.