Anterhaltungsblatt des Horwärks Nr. 36. Donnerstag, den 20. Februar. 1913 86] Gefdrichte einer Bombe. Von Andreas©trug, „Und was hört man bei den Nachbarn? Zahlen sie regelmäßig? Was hört man in Mraczynce?" „Die gnädige Frau kränkelt, und der älteste Sohn sitzt noch immer im Gefängnis. Es soll schlecht um ihn stehen. Er wird gut davonkommen, wenn er zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt wird. Schade um ihn. Vorigen Monat sage ich zum Herrn: Gnädiger Herr, man könnte den jungen Herrn glatt loskaufen, entweder durch unsere Leute oder durch gewisse Juden in Warschau. Ich würde mich gerne erkundigen, wie und wieso. Ich will mir nichts voraus- bezahlen lassen, alles erst später. Da hätten Sie sehen sollen, wie der alte Herr einen roten Kopf bekam und ordentlich zu toben anfing:„Ihr Räuber! Vom Altar nehmt Ihr, achtet weder Witwen noch Waisen," schrie er,„aber daß man auch mit solchen Dingen Schacher treiben könnte, das habe ich nicht erwartet!" Und schrie:„Hinaus, Judasse, ich kann Enren Geruch nicht ertragen!"— Nun sagen Sie selbst, woriiber hat man sich denn hier aufzuregen? Solche Sachen werden gemacht. Wie viele Leute von den Unsrigen haben wir glatt vom Feldgericht herausbekommen, und auch nicht wenig von den Politischen, die doch wahrhaftig das Geld nicht in Scheffeln haben. Aber der Besitzer von Mraczynce! Bei dem würden zwanzigtausend noch kein Loch machen. Er wird den Sohn zugrunde richten. Daß er mir nicht glaubt, meinet- wegen, das ist seine Verblendung. Aber, daß er nicht glaubt, man könne das Gericht kaufen, das ist schon ganz unsinnig! Er hat viel zu viel Hochachtung vor diesen Dieben. Das wundert mich. Er wird den Sohn zugrunde richten, ganz sicher..." Vielleicht werden ihn seine Parteigenossen herausholen, wie sie es mit jenen damals gemacht hab�n? Was? Das war doch ein feines Stück?" „Ja, das war auf unsere Weise gemacht. Ich bitte Sie, gnädiger Herr, wenn diese Sozialisten nicht über unsereinen die Nase rümpfen würden, die ganze Revolution würde ganz anders gehe»! Wer weiß, wir hätten jetzt schon Polen wieder!" „Das kann wohl sein. Aber inir ist es schon ohne ein solches Polen lieber. Dann wärest Dn am Ende Gouverneur bei uns, Figiszewski?" „Die Wahrheit gesagt, gnädiger Herr, ist der jetzige auch nicht schlechter als ich. Nur, daß ich selbst das Geld oder die Abgaben hole, und zu ihm kommt der Adel und macht noch eine tiefe Verbeugung, daß er's nimmt. Und er nimmt nicht zehn Rubel, sondern tausend." „Er nimmt auch hundert. Das ist ein gar nicht übler Mensch. Aber es ist Zeit, daß auch Ihr Euch ein wenig mäßigt. Schlechte Zeiten! Geld bekommt Ihr heute von mir nicht. Nehmt doch von denen, die auf ihrem eigenen Grund und Boden sitzen, oder laßt meinettvegen den Herrn Grafen bezahlen, der von mir die Pacht bekomint. Ich kann Euch einen Sack Korn und ein Viertel Erbsen geben. Mehr nicht. Schlagt mich tot, zündet an, mir ist alles eins!" Die Kerle lachten wohlwollend. „Wir würden gar nichts von Ihnen nehmen, denn der gnädige Herr ist ein gar zu seltener Mensch. Aber über uns selbst ist eine Aufsicht.„Sie" schenken uns nichts." Der Pächter lachte mit, denn er wußte, daß es diese„sie" überhaupt nicht gab, und sagte: „Nun, so bezahlt„ihnen" für mich ans Freundschaft." „Das täten wir gerne, aber würden Sie es von uns an- nehmen, gnädiger Herr?" „Ach, Ihr Schufte, Ihr werdet bös enden! Ersprießlicher wäre es schon für Euch, Pferde zu stehlen wie früher, jeden- falls sicherer. Also aufgepaßt! Drei Rubel! Und jetzt kommt in die Scheune, Ihr verfluchten Teufclsknechte!" „Was soll man machen? Mit Ihnen, gnädiger Herr, hat man nicht das Herz, zu handeln. Wir danken auch schön für die Gastfreundschaft und für die guten Worte." Den Gedanken und die Organisation der„Fünf Tapfe- reu" hatte vor zwei Jahren der letzte aus dem Zusammen- bruch der Partei Davongekommene, Israel Minski, der seine Familie in Schlnmowce hatte, von Bialystok nach Schla- mowce gebracht. Zerschlagen, in der Folter bös zugerichtet, war er auf förmlich wunderbare Weise dem Feldgericht ent� kommen und hatte sich halbtot ins Städtchen geschleppt. Er lebte nicht mehr lange, doch gelang es ihm vor seinem Tode, für seine Idee einige Individuen zu gewinnen. Aber offen- bar hatten die Soldatenkolben den durchdringeirden Verstand des gefährlichen Anarchisten etwas beschädigt, wenn er seine Lehre solchen Händen anvertraute. Er selbst nämlich, sowie die zur blutigen Berühmtheit gelangte Partei der„Fünf Tapferen" waren vom Geschlecht der Tiger,— was jetzt folgte, waren schon mehr Ratten. Er hatte nur einigen Dieben dazu verholfen, sich zu einer Organisation zu vereinigen, während früher jeder auf eigene Faust wirkte. Israel Minski starb im tiefsten Elend, in Gedanken an die alten erschossenen Kaineraden und in Träumen von den Taten der wieder- geborenen Partei. Er hinterließ eine solidarische Bande von gemeinen. Buschkleppern, welche den alten jüdischen Namen zwar beibehielt, sich jedoch von den andern damals im Lande grassierenden vielen Banditenhaufen in nichts unterschied, als etwa durch mehr Gewandtheit und Kraft. Die„Fünf Tapferen", das waren jetzt etiva zwanzig Diebe, jüdische und polnische, welche in musterhafter Ein- lracht und ohne irgendwelche Rassengegensätze an der finanziellen Ausbeutung der verworrenen Zustände arbeiteten. Diese Situation hatte sich ordentlich normalisiert. Man hatte sich an sie gewöhnt, und der Wohlstand der Firma der „Fünf Tapferen" sowie der des Chefs der Landpolizei wuchs schnell an. In der Gegend herrschte Ruhe und Ordnung, und der Bürger konnte für seinen— man muß zugeben— bescheideneu Beitrag seines Lebens und seiner Habe sicher sein. Handel und Industrie des Städtchen erlitten keinen Abbruch, und die Verwaltung benahm sich taktvoll... Kiirz. alles wäre ganz gut gegangen, hätten sich nicht in diese bereits befestigten Verhältnisse Elemente gemischt, die mit den wirk- lichen Bedürfnissen des Landes nichts Gemeinsames habe». die fremd sind unseren Schmerzen und Hoffnungen, explosiv und unerfreulich und aufs tiefste materialisiert. Die ver- darben alles— eben sie,—„diejenigen, welche", deren einzige Aufgabe es scheint, alles zu verderben, alles zu verhöhnen, die Vergangenheit zu beschmutzen, die herrlichste» Träume von der Zukunft zu vergiften und den Augenblick mit Blut und Schmach zu erfüllen. Das verwilde.'te Proletariat, ge- fiihrt von zügellosen Fanatikern, und so weiter und so weiter. Simche Ster, von den Eingeweihten der„Brückenauf- scher" genannt, war von Beruf eigentlich Uhrmacher, führte aber außerdem weitläufige Geschäfte mit dem Chef der Land- Polizei, mit dem Landkommissar, und hatte lveder Sinn noch Zeit. Uhren zu reparieren. Es tat es für ihn ein armer Vetter, ein bleicher, schwindsüchtiger Mensch, den man vom frühen Morgen bis in die Nacht im Fenster sitzen sehen konnte, mit der Lupe im Auge, über die Arbeit gebeugt. Eines Tages schrieb Simche folgenden Brief: Teurer„Richter"! Gesundheit und Wohlergehen! Dies wünscht Dir Dein alter treuer Freund„Brückcnaufseher" und alle unsere„Fünf Tapferen", von denen ein jeder fünf- unddreißig andere wert ist. Ich tat, wie Dn befahlst, lind alles ist bereits in Ordnung. Ich freue mich, daß Du bei gutem Humor bist und so witzig zu scherzen verstehst. Du bietest für die Zuführung der Ware fünfundzwanzig Rubel! Das ist ein Stück Geld! Aber Geschäft bleibt Geschäft. Es findet sich nämlich ein Liebhabe',, der inir hundert Rubel dafür gibt, und er gibt sie deshalb, weil es für ihn so viel wert ist. Für uns ist das noch wohlfeil, denn es hat viele Kosten gemacht und noch mehr Gefahr und Schererei. Aber, muß ich Dir, alter Freund, auseinandersetzen, daß hundert immer mehr ist als fünfundzwanzig? Dabei ist?s mir unangenehm. Dir mitzuteilen, d'.ß Du es auch nicht für hundert haben kannst, denn die Sache ist bereits abgeschlossen. Du weißt selbst, daß die Ware heikel ist und daß man sie nicht zu lange auf Lager halten kann. Und unsere Liebhaber, das sind Leute, mit denen es besser ist, Abmachungen z« halten und jedes Geschäft rasch zum Abschluß zu bringen, denn sonst nehmen sie sich es selbst, und für unsere Angelegenheiten könnten daraus große Beunruhigungen entstehen. Sollte Dir das mißfallen, teurer Freund„Nichter", so erinnere Dich freundlichst an unseren Jungen(wir nannten ihn den „Hasen"), der Dir fünfzig ttubel zur Ausbewahrung geschickt hat, als er in die Verbannung ging, mit der Bitte, ihm das Geld zu schicken, wenn er geflüchtet ist. Du kannst ja nichts dafür, daß der„Hase" unterwegs starb, aber auch ich bin nicht schuld, daß dies Geld, das Du mir geschickt hast, unterwegs verloren gegangen ist, wahrscheinlich damals, als Jene auf der Station Lasek die Post geraubt hatten. Du, lieber Freund„Richter", brauchst>a nur auf die Post init der Emp- fangsbestätigung zu gehen, so bekommst Du das Geld an- standslos zurück. Dafür brauchst Tu mir auch das Geld nicht mehr zu schicken, denn ich werde der armeir Mutter des „Hasen" hundert Rubel für Ware abrechnen. Ich grüße Dich und Deine tapferen Bur'chen von der„Hand der Gerechtig- keit"— möge sie blühen und gedeihen! Dein„Brücken- ausfeher"." Das Geschäft, von dem hier die Rede war, führte Figiszewski. Die Sache war heikel und das Terrain unsicher, denn niemand von den„Fünf Tapferen" hatte jemals mit den Leuten von der Partei zu tun gehabt. Deshalb nahm er einen guten Bekannten, einen gewissen Llnoblak, zu Hilfe, der freilich in die Bande nichl aufgenommen wurde, aber ihr sreiwillig gewisse Dienste leistete, für welche er gtllcgentlich eine Kleinigkeit bekam. Es war dies ein Geflügel- und Ekrhändler— das heißt, das war feine soziale Position, aber in der Bande wußte man, daß sie nichts als ein Vor- wand war. In Wirklichkeit war Knoblak ein Dieb, der auf eigene Faust und hauptsächlich auf Jahrmärkten und Kirchen- festen operierte, wenn viele Ba»ernfuhren ohne Aufsicht da- standen. Er war vor ungefähr zwei Jahren irgenwoher aus der Welt in die Gegend hereingeschneit, und man konnte es ihm ansehen, daß er sich ordentlich herumgestoszen und durch- gerieben hatte. Er spielte den Politiker, agitierte bei den Wahlen auf eigene Faust, besuchte alle Versammlungen und konnte bis zum Umfallen über politische Materien schwaben. Er wußte, wo irgendeine Partei bestand, welche besser, welche schlechter sei, und verdrehte den Bauern auf den Jahrmärkten den Kopsi indem er Reden hielt über Polen, über„diese fremdländischen Ausbeuter", über„dies unschuldige Blut", über den Japanischen Krieg, über den General„Kurowsky", der immer bereit sei, und pslegte mit den Worten zu schließen: „Es wird schon gut werde-r E? wird schon gehen. Fürchtet Euch nicht, Ihr guten Leute. Nur noch ein wenig dies, nur noch ein wenig das.." Dazu machte er bedeutringsvolle Zeichen und Grimassen, stellte sich, als wenn er zielte, machte drohende Bewegungen, worauf er sich, als seine Zeit kam. aus dem Haufen stahl, der ihn umgab und mit ausgerissenen Mäulern zuhörte, und die Geschichte an einer anderen Stelle aufs neue begann,— gewöhnlich zwischen den Fuhrwerken, wobei er meist selbst auf einen Wagen stieg, wenn sich ein größerer Hausen angesammelt hatte. Indessen stahlen seine Frau und zwei halbwüchsige Briidcr von den Fuhren, was sie konnten, fast immer unter den Augen der gespannt zuhören- den Bauern. (Lortsetzung folgt.1 11 Der Hrzt. Eine Erzählung von Sigmun Rein(Kristiania). Schon lange vor Beginn der Sprechstunde stellten sich die Patienten ein und ließen sich hier und dort auf die braunen Leder- stüble des Wartezimmers nieder. Aber nur wenige waren rubig genug, um sich dem Behagen, das die guten Stüble gewährten, hin- zugeben, und bloß einer oder zwei fühllen sich so heimisch, daß sie nach den Zeitungen oder Zeitschriften, die auf dem Tische lagen, griffen. Alle Gesichter— auch die der Lesenden— belebte der gleiche Gedanke. Die Tür des Ordinationszimmers ging auf und aller Augen richteten sich auf sie. Doktor Aariis blasses, schwarz umrahmtes Gesicht erschien in der Türöffnung und man hörte sein einförmiges: „Bitte sehr". Ein roifleckigeS Weib fuhr auf, sah ringsum nach den anderen, dann wackelte sie pustend der Tür zu. Nun war über die Anwesenden eine neue Unruhe gekommen, die zwei Lesenden legten die Blätter fort. Und als die Türe des Wartezimmers sich öffnete und wieder ein Patient eintrat, richteten sich aller Augen aus und weiten sich nicht eher fort, als bis er sich hinter einer Zeitschrift verborgen hatte. Das rotfleckige Weib trat heraus und Nummer zwei trat ein. Dann erschien er wieder, und Nummer drei trat ein. Und regel- mäßig und ruckweise ging der Strom weiter. Das waren nicht mehr die gleichen Menschen, die in daS Ordinationszimmer traten und dann herauskamen. Sie hatten etwas verloren und etwas erhalten. Sie hatten die Furchen über den Augen und um den Mund und das Zucken der Finger verloren. Und halten Glanz in den Blicken und Ruhe in den Bewegungen gewonnen. Was sie bedrückte, war beim Arzt geblieben. Er ver- wahrte es und sie waren befreit.--- Die Ordinationsstunde war schon verstrichen, aber noch saß eine im Wartezimmer und harrte. Dann kam auch sie zurück und atmete befreit auf. Aber noch befreiter atmete Doktor Aarli auf, als er hinter ihr den Türriegel vorschob. Er trat an das Fenster und riß beide Flügel weit auf, ging dann in das Ordinationszimmer, ließ sich mit gespreizten Beinen auf das Ledersofa nieder, wölbte die Arme über dem Kopf und gähnte so, daß es ihn bis zu den Zehen behaglich durchströmte. Dann krümmte und streckte er die Finger und mit allen Muskeln erschlaffend sank er in das Nirwana. Eine halbe Stunde später erhob er sich und entnahm dem Schreibtische ein Paket gehefteter Papiere. Er blätterte in diesen, legte sie dann vor sich hin und stellte sich, gestützt auf die Stuhl- lehne, bei dem Stuhle auf. Er räusperte sich, neigte den Kopf zur Seite und sagte laut: „Meine Damen und Herren! Ich möchte mir erlauben, Ihnen die von mir angewendete Methode zu unterbreiten.... Ja, das geht gut. Aber vielleicht ein bißchen lauter. Denn der Saal ist groß. Also etwas lauter: Meine Damen und Herren. Ich möchte mir erlauben, Ihnen die von mir... Aber da krümmte er sich zu- sammen und preßte beide Hände gegen die Brust. Die gelblichblaße Haut wurde noch fahler und Schweißtropfen stiegen aus der Slirne auf. Er glitt zum Sofa hin, ließ sich dort nieder, rückte auf und nieder, die Zähne zusammengebiffen und die Hände während der ganzen Zeit fest auf die Brust gepreßt. Die Schmerzen hatten seit der Kur bedeutend zugenommen. Das sollten sie auch, aber es war nicht angenehm. Nun hatten sie auch den Höhepunkt erreicht. Nach ein par Tagen werden sie nach- zulasien beginnen und in einigen Wochen war er ganz befreit. So war der Verlauf der Kur. Er wird dadurch berühmt werden. Dr. Birger Aarlis elektrische Kur der Herzkrankheiten wird nach seinem Vortrage von heute abend in der ganzen medizinischen Welt diskutiert werden. Schade, daß man auf so etwas kein Patent nehmen kann. Der Anfall begann zu entschwinden und er lächelte beglückt. Wenn er nur heute abend von Schmerzen verschont wurde. ES wäre peinlich, einen solchen Anfall des Leidens zu bekommen, gerade in dem Augenblicke, da man dort steht und die selbst gefundene Kur dagegen beschreibt. Er vertauschte die ArbeilSjacke mit dem Straßenrock, fetzte den Zylinder auf, zog die Handschuhe an und ließ die Tür hinter sich zufallen. Die Frllhlingswinde umfächelten ihn. Er richtete sich auf und atmete tief. Wie wunderbar ist eS doch, jung zu sein k Er schob den Zylinder etwas höher, da drückte er nicht. Das sieht etwas flott jungenhaft aus, aber püh! Trifft man Bekannte, so kann man ihn rasch wieder in Ordnung bringen. tu wem sollte er zuerst gehen? äe Sigrid Jversen hat ihn am nötigsten. In der dritten Etage mußte er stehen bleiben und ausruhen, denn das Herz meldete sich derart, daß ihm Schweißtropfen auf- stiegen. Das waren schreckliche Treppen und die mußten für das arme Mädchen eine Qual sein. Er klopfte oben an die Tür des Mansardenzimmers, und ein schwaches„Herein!" folgte. Sie lag scharf aufhorchend in einem schmalen Eisenbett. Es' war nicht viel Platz zu etwas anderem in dem Kämmerchen. Aarli setzte sich nieder und nahm ihre Hand, wobei er gleich- zeitig ihren Puls fühlte. „Nun, wie geht's heute?" „Ich Hab' es so gut." „Das ist schön. Der Appetit?" Sich lächelte.—„Ja..." Auch er lächelte.—„DaS heißt, daß Sie nichts gegeffen haben?" „Ich habe eine Masse Mich getrunken." Er hatte schon lange vorher mir den Augen gemessen, wie viel der Flasche entnommen war— eine halbe Tasse. „Und die Brust? Wie steht'S mit der? „Ich fühle gar nichts I" „Und das Seitenstechen... plagt eS sehr?" „Nicht besonders." „Ich möchte gerne nachsehen." Unter der Haut der Wangen stieg etwas wie Farbe auf; sie wendete sich ab.„Ist eS notwendig?' fragte fle leise. „Ja. es ist notwendig. Ist es noch immer gleich unangenehm?" „Es ist so. Aber ich will versuchen, nicht daran zu denken." Er untersuchte die Hüften. Die Wunden heilen nicht, sagte er zu sich, daS Gewebe ist wie tot. „Jetzt müssen Sie dazu sehen, daß Sie noch heute die Milch- flasche ganz leeren. Und wenn Sie auch die Suppe, die Ihre Wirtin Ihnen bereitet, essen wollten, so bekommen Sie einen großen Stern in meinem Klassenbuch." In ihre Augen traten Tränen. .Sie find so gut zu mir. Doktor. Weshalb find Sie das? Ich weiß, daß Sie auch für meine Miete aufkommen." Er wehrte mit der Hand ab. „Das hat gar nichts zu bedeuten, das ist gar nichts..' Sie sah dorthin, wo das andere grosse Möbel, das der Raum barg, stand, die Nähmaschine. .Sie gehört mir. Ich Hab' im Februar die letzte Rate auf fie bezahlt. Die sollen Sie nehmen und damit... alles bezahlen... dann... später. Ich glaub', es wird ausreichen." .So, aber darüber jetzt kein Wort mehr. Sie dürfen mir an derlei Sachen nicht einmal denken. Wenn wir gesund geworden und wieder auf den Beinen sind, dann wollen wir darüber reden." Ein wehmütiges Lächeln glitt für einen Augenblick über ihre Lippen und ihre Augen schlössen fich. Aber dann schlug fie sie jähe wieder auf und sah ihn an. .Wo ist das Kleine?"„Es... sie ist begraben." .Werd' ich das Grab sehen können, wenn ich wieder gesund sein werde? Und Blumen darauf pflanzen?" „Aber, meine Liebe, sie— das Kind hat ja nie gelebt." „Es hat in mir gelebt." Sie wandte ihr Geficht fort, und Aarli sah sie weinen. Er verwünschte seine Klotzigkeit, wie er es nannte. „Das Grab soll instand gesetzt werden, Fräulein Sigrid. Die Grabstätte wird gut gestampft werden und ein Gitter und eine Namensplatte erhalten. Sollte sie nicht Lilly heißen?" „Ja. Klein-Lilly. Die niemals groß wird... Aber Sie sollen gar nichts machen, Doktor. Das wird nicht notwendig sein." »Nicht notwendig— was soll das heißen? Gleich morgen werde ich Bescheid geben." Sie sah ihn abermals an: .Das ist so wunderlich. Hier liege ich und habe ein Kind ge- boren, das nicht lebt, �zch habe Leben gegeben. Aber es lebt nicht. Und ich habe auch nie gelebt. Ich wär' schon dazu geeignet ge- Wesen, aber ich habe niemals gelebt. Die anderen sprachen stets davon. Aber ich bin dem nie begegnet, und eS kam niemals zu mir. Ich bin mit meiner Arbeit dagesessen und habe davon geträumt und glaubte mit dabei zu sein. Ich kümmerte mich nicht um das, um was fie fich kümmerten, und legte gar keinen Wert auf das, was fie sprachen und worüber sie lachten. Aber ich sehnte mich so, ich sehnte mich so danach, zu sein wie fie und mit ihnen zu lachen. Aber ich lernte das nie. Vielleicht war das auch deshalb, weil ich so arm war. Oh, wir waren immer so arm. Wir waren immer ärmer als die anderen, ich weiß nicht, wieso das kam. Der Vater rackerte sich ab, die Mutter rackerte sich ab und wir alle zusammen mußten probieren etwas zu verdienen, schon von ganz klein an. Aber wir waren so viele, vielleicht lag es auch daran. Da bin ich ihm begegnet. Und mir schien, daß ich jetzt mitten im Leben war. Aber als ich das Kind haben sollte, ging er fort. Das ist so wunderlich. Daß ich geboren werden und so viele Jahre gar uicht mit im Leben sein sollte, nur um einem zu be- gegnen, der davon ging, als mir ein Kind wurde— das auch nicht leben sollte. Oh, denken Sie nur, wenn es im Himmel nicht so ist, wie wir es glauben. Denken Sie— wenn dos nur eine Fort- seyung dieses Lebens wäre! Wenn ich auch oben nur immer« während sitzen und nähen sollte, und niemals mitleben sollte, niemals mit feiern würde, oh da will ich lieber schlafen, schlafen und niemals erwachen I" Die spitzen Knie streckten fich unter der Decke. „Niemand weiß, wie es dort drüben ist." sagte Aarli.„Aber eines ist sicher: wir werden alle, alle zur Ruhe kommen. Aber diese brauchen Sie auch jetzt." fügt er lächelnd hinzu.„Deshalb sollen Sie nicht mehr an dieie Dinge denken und ganz und gar nicht davon sprechen." Sie sah ihn an. „Werde ich sterben, wenn ich noch mehr rede?" „Es verschlimmert Ihren Zustand." Sie lächelte. (Fortsetzung folgt.) Seltsame StraKennamen. Von Dr. I. Stanjek. Eine in Berlin zum Besuche weilende junge Lübeckerin scheint dort auf das Herz eines jungen Mannes einigen Eindruck gemacht zu haben; denn dieser bat sie behufs späterer Korrespondenz um die Angabe ihrer Lübecker Adresse. Der Verehrer der jungen Dame fiel aus den Wolken, als er zur Antwort:„Lina Möller, Lübeck, Herzensgrubc 17" erhielt. Er meinte natürlich, das hübsche Mäd- chen habe sich mit ihm einen schlechten Scherz machen wollen, be- ruhigte fich aber bald, als ihm die Dame versicherte, daß es tat- sächlich eine Straße dieses Ramens in ihrer Heimatstadt gäbe. Man hat in vielen alten Städten Deutsckilands ganz merkwürdige Straßennamen, die durch Mißdeutung und Umdeutung der alten, später nicht mehr verstandenen Namen entstanden sind. Die Straßennamen von Lübeck, Hamburg, Nürnberg und von vielen der ältesten Städte Deutschlands bieten uns in dieser Beziehung manches hübsche und interessante Beispiel, Die Stadt Lübeck liegt auf einem langen Hügelrücken, auf dessen Höhe sich der Markt und der sogenannte Kuhberg befinden. Von diesen Plätzen führen rechts und links Straßen nach dem Hafen hinab, die zumesst Gruben be-tzen. Wir haben da eine Herzensgrube, deren frühere Bezeichnungen Httrtogengrove(nieder- deussch) und lossa ducis(lateinisch) uns zeigen, daß die Straße eigentlich Herzogsgrube heißen müßte. Die Engelsgrube hat mit Engeln nichts zu schaffen, aber mit Engländern, die dort Vorzugs- weise ihre Niederlassungen hatten, ebenso wie auf der Engelswifch, die in alten lateinischen Urkunden den Namen pratum anglicurn (englische Wiese) führte. Wenn heute in Lübeck diese enge an der Trave gelegene Gasse„Der Eügelswisch' genannt wird, so ersieht man daraus, daß die ursprüngliche Bedeutung der Gasse dem Ge- dächtnis der Zeit vollkommen entschwunden ist. In Hamburg führt eine Straße den merkwürdigen Namen Venusberg; man nimmt an, daß es sich hier um eine Entstellung aus Feensbarg(hochdeutsch: Feindsberg) handle und daß diese Be- Zeichnung auf die Belagerung der Stadt durch die Dänen im Jahre 1216 Bezug habe. Eine andere Hamburger Straße heißt Katt- repeln, dieselbe Bezeichnung begegnet uns als Straßenname auch in Braunschweig in der Form: Kattreppeln; es handelt fich hier um eine Verballhornung der an fich schon etwas merkwürdigen Strahenbezeichnung Kathedraltreppe. Der Name Malzgasse in Bern hat mit Malz nichts zu tun; er ist vielmehr abzuleiten von dem mittelhochdeutschen Eigenschaftsworte malai? oder malat(fran- zösisch malade), das die Bezeichnung von„aussätzig" hatte. Dort wurden also früher die Aussätzigen untergebracht. Denselben Ar- spraing hat wohl auch der in Köln vorkommende Name Malzbüchel (Büchel— Hügel). Den uns gleichfalls in Köln begegnenden Namen Kattenburg hat man als„Katzen bauch" gedeutet; nach dem Grimmschen Wörterbuch handelt es sich hier um einen Hügel, auf dem ,,Katzen", eine besondere Art von Geschützen, hergestellt wur- den. In Langensalza gibt es eine Rebellengasse; der schrecklich klingende Name führt seinen Ursprung auf den recht unschuldig aussehenden Namen Rebil zurück, den ein früherer Einwohner dieser Stadt führte. Das Klageior in derselben Stadt ist keines- Wegs ein„Tor der Klage"; St. Nikolaus war der Schutzpatron der Stadt; der Name Nikolaus wurde gekürzt in Klaus und daraus wurde die Form Klages gebildet, die der jetzt noch vielfach vor- kommende Familienname Klages zeigt. In Hannover gibt es einen Klagesmarkt. Nürnberg hat eine Ludergaffe, die auch Loitcrgaffe genannt wird; der Ursprung dieser Sttaßenbezeichnung ist in dem sehr harmlosen Worte Loder zu suchen, das einen Lodenmachcr, einen Tuchmacher bedeutet. Die recht schmale Breitengaffe in derselben Stadt verdankt ihren Namen demselben Gewerbe, dessen Ange- hörige auch Tuchbereiter genannt wurden. Der Hintermarkt in Breslau war ursprünglich ein Hühner- Markts im schlesischen Dialekt sagt man.Hührder" oder„Hiendel" für Hühner. In Aachen gibt es eine Trichtergasse; der Name ist gekürzt aus Mastrichtergosse; die Geiststraße in Münster hieß früher Geessstraße, weil sie nach der Geest hinausführt.(Geest ist der niederdeutsche Ausdruck für ein unfruchtbares trockenes Sand» land.) Die Bullengasse in Königsberg i. Pr. hieß früher Bullaten- gasse nach den Bullatenbrüdern, die dort vor der Reformation ihr Kloster hatten. In der Fichtestraße in Leipzig befindet fich ein Restaurant„Zur Fichte"; die Straße, die dem Philosophen Fichte zu Ehren genannt worden ist, wird im Volksmunde gewöhnlich Fichtenstraße genannt. In der Kantstraße in Leipzig gibt eS ein Restaurant„Zur scharfen Kante"; manche Leipziger scheinen also nicht zu wissen, daß der berühmte Philosoph Kant bei der Taufe dieser Straße Gevatter gestanden hat. Die dem Dichter Fontane zu Ehren genannte Fontane-Promenade im Süden Berlins heißt im Volksmunde die Fontäne-Promcnade und die Fontanestraße in Neukölln sogar Fontänenstrahe. Was ist der Ruhm? Eine Straße in Frankfurt a. M. heißt Gallusstraße; diejenigen Bewohner der Stadt, denen der Ursprung dieser Bezeichnung nicht bekannt ist, nehmen an, daß diese Straße so nach dem heiligen Gallus benannt worden sei. Der Heilige ist aber ganz unver- dientermaßcn zu dieser Ehre gekommen. Roch im Jahre 1847 hieß der offizielle Name dieser Straße nach dem Frankfurter Staatskalender Gallengassc; noch früher abir hieß fie offiziell Galgcngasse. Alle die Namen Gallustor, Gallenstraße. Gallenfeld, Gallenkamp usw., die man auch in manchen anderen Städten vor- findet, verdanken ihren Ursprung der Zusammensetzung mit dem Worte„Galgen". In Zeih hat das ehemalige Galgentor sogar seinen Namen in Kalktor verwandelt. Umgekehrt aber gibt es in den Gegenden Deutschlands, in denen früher Slawen wohnten, manches Galgenfeld und manchen Galgenberg, auf denen niemals ein Galgen gestanden hat. Hier handelt es sich um eine Um- deutschung des slawischen Wortes goly= kahl. In einigen Gegen- den wurde das Wort richtig ins Deutsche übersetzt, und so entstand der Name Kahlenberg, in anderen Gegenden aber wurde es fälsch- lich mit„Galgen" wiedergegeben. Den Galberg bei Gotha bezeich- net man ebenfalls als früheren Galgenberg; er ist ohue Zweifel ein Kahlenberg. Die Schuhflicker, die im Mittelalter neben den Schuhmachern eine besondere Zunft bildeten, nannte man„Altbüßcr". DaS Wort „Lückenbüßer" sowie die Redensart„Buße und Besserung" zeigen uns, daß das Wort„büßen" von Hause aus dieselbe Bedeutung hat wie das Wort„bessern". Im Buche Nehemia 4,7 heißt es:„Da dber(die Feinde) Hörsien, daß sie(die Juden)'... die Lücken an- gefangen hatten zu büßen, vurden sie sehr zornig". In Breslau gehen die Schuhbrücke und die Altbükerstraße parallel nebenein- ander. Die niederdeutsche Aerm von Altbüßer ist Olfzeboter oder Oldobüter, und so gab es in vielen Städten Niederdeutschlands eine Oldeböterftraße. Was wurde aber nicht alles aus dieser Straßen- bezeichnung bei der„Uebersetzung" inS Hochdeutsche gemacht? In Nostock ist eine Altebuttel- und Altcbettelmönchstraße, in Stralsund eine Altböttchersttaße und in Hildesheim eine Altepetristraße. In Magdeburg gab es bis vor einiger Zeit eine Kesselbeißerstraße, die früher den Namen Kcsselbüjerstraße geführt hatte. Man der- wechselte das niederdeutsche Wort bitten(bessern, flicken) mit biten '(beißen) und erhielt so eine Kesselbeißerstraße statt der Kesselflicker- straßc, wie die richtige Uebersetzung des Straßennamens hätte tauten müssen. Den Vogel schießt aber auf diesem Gebiete unstreitig der Name der Kieler Straße Sternendamm ab. Die Straß« ist in der Zeit angelegt worden, als Kiel noch unter dänischer Herrschaft stand. König Friedrich VI. von Dänemark hatte sie bauen lassen; zur Er- innerung daran wurde auf dem Platze, in den die Straße einmündet, «in Denkstein errichtet, der die lateiniscke Jnsebrift trägt: kncle- ricus VI. hanc viam sternendam curavit'(Friedrich VI. ließ diese Straßc anlegen). Aus dieser Inschrift hat man das Wort sternen- dam herausgenommen und daraus den Namen der Straße „Sternendamm" gebildet. Die Faulstraße in Kiel führte, wie der bekannte plattdeutsche Dichter Klaus Groth festgestellt hat, einst den niederdeutschen Namen Polstrat; ins Hochdeutsche übersetzt gab dieser Name die Form Pfuhlstraß«; die? wurde plattdeutsch durch Fulstrat wiedergegeben, und dieser Name erhielt dann bei einer nochmaligen Uebersetzung ins Hochdeutsche seine jetzig« Form„Faul- straße". Es könnten hier noch viele Fälle der Umdeutung angeführt werden. Geht man vollends über dieses cngbegrcnzte Gebiet hinaus und zieht die weiteren umfangreichen Gebiete der Namenwelt, die Bezeichnungen der Ortschaften, Länder, die Personennamen, die Namen der Gebrauchsgegenstände usw. in Betracht, so könnte man viele Tausende derartiger Mißverständnisse zusammenstellen, die dem Leser sicherlich viel Interessantes und Ueberraschendes bieten würden. Die angeführten Fälle genügen aber, um zu zeigen, daß die Menschen stets bestrebt sind, mit einem Namen für eine Sache auch eine bestimmte Vorst«»ung zu verbinden. Ist ihnen die Be- deutung eines Namens unklar, so suchen sie den in Betracht kommen. den Namen an irgend ein anderes bekanntes und ähnlich klingende? Wort anzuiehncn, und bald ist das Mißverständnis fertig. Will man also bei der Namengebung für eine neue Sache, für eine neue Straße und dergleichen derartigen Mißdeutungen aus dem Wege gehen, fo wähle man immer nur Namen, die allgemein verständlich sind und die zu Ilmdeutungen und Entstellungen keinen Anlaß geben können. kleines Feuilleton. Sport. Sport und Herz. In allernächster Zeit wird mitunter- stützung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissen- schaften im Anschluß an die zweite medizinische Klinik des Berliner EharitskrankenhauseS ein Institut errichtet werden, das sich mit der Erforschung der Wirkung sportmäßiger Uebungen auf den mensch- lichen Organismus vermittelst aller Hilfsmittel der modernen Forschungsmethodik beschäftigen soll. Aber nicht nur um die Wissen- schaft allein ist jener großzügige Plan entworfen, man erhofft auch praktische Ergebnisse in der Richtung der VolksgesundheitSpflege. Inzwischen wird aber auch anderwärts an demselben Problem ge- arbeitet. So hat jüngst Prof. Grober in Jena, wie er in der „Medizinischen Klinik" berichtet, Gelegenheit gehabt, die Teilnehmer an einem Gepäckmarsch über 31 Kilometer auf dem ebenen Gelände und nach der Leistung auf ihren Körperzustand zu untersuchen. Schon bei der ersten Untersuchung konnte einer Anzahl von Startenden vorausgesagt wrrden. daß ihr„ K r e i s l au f m o t o r" den an ihn gestellten Anforderungen nicht werde standhalten können. Dies waren keineswegs kranke Personen, allein der Herzbefund mahnte mit seinen Unregelmäßigkeiten des Herzschlages, seiner Ber« bretterung und seinen unreinen Tönen zur Vorsicht. In der Tat gelang es keinem der Gewarnten auch nur einen größeren Abschnitt des Weges zurückzulegen. Von 45 Teilnehmern erreichten 25 das Zivi, Aber nur fünf von diesen zeigten keinerlei Veränderungen ihrer Organe, wenn man von einer Pulsbeschleunigung absieht. Ein« zweite Gruppe wies eine Verbreiterung des HerzenS nach rechts als Ausdruck einer vorübergehenden Erweiterung auf. Auch die Ver- schieblichkeit der unteren Lungengrenze» hatte abgenommen, da die Lungen' infolge der großen Anforderungen überdehnt waren. Am zahlreichsten aber war dü- dritw Gruppe, bei der irpmerhin schon recht bedeutsame Verändcr�nger. sich feststellen ließen. D-s Herz wurde nach rechts erweitert gefunden, der Spitzenstoß nach links ver- schoben, der Puls klein, unregelmäßig und häufig, die Töne über den Klappen unrein oher(»gar durch Geräusche ersetzt, alles also Erscheinungen, die auf eine Schädigung der Funktion hinweisen. Verantw. Redakteur: Alfred Wietcpp, Neukölln. BesondeS geklagt wurde über Muskelschmerzeu und Krämpfe in den Beinen. Die Beanspruchung deS Organismus und die erreichte Leistung standen insofern nicht in einem Verhältnis, als die Sieger durchaus nicht in der besten Verfassung das Ziel erreichten. Erst der 4. und 6. Sieger konnte den„Verfassungspreis" erhalten, während die beiden ersten Veränderungen am Herzen zeigten. Sportlich gut schnitten bei dieser Veranstaltung die Vegetarier ab, aber nicht des- halb, weil sie Fleischkost vermieden hatten, sondern weil sie außer- ordentlich gut trainiert waren. Eine weitere interessante Feststellung war die, daß das Training, obgleich es anerkanntermaßen die Leistungsfähigkeit steigert, den Körper keineswegs an die erhöhten Ansprüche anpaßt. Mit der Untersuchung des HerzenS nach sportlichen Leistungen ist allerdings nur eine Seite des Kapitels„Sport und Organismus" berührt. Auch die Verhältnisse der Atmung, die Blutverteilung und der Stoffwechsel müssen in den Kreis der Untersuchungen eingezogen werden. Technisches. Neue Fortschritte in der Zeitübertragung durch Funkentelegraphie. Mitte Oktober tagte in Paris eine Jnter- nationale Zeitkonferenz, die von Abordnungen aus allen Kultur- staaten besucht war und sich mit der Aufgabe beschäftigte, eine ein- heitliche„Weltzeit" für die Erde zu schaffen. In de? bürgerlichen Presse war nicht viel über diesen Kongreß von Gelehrten zu finden, denn seine Verhandlungen waren bei weitem nicht so„interessant" wie die Ergüsse der„eigenen Berichterstatter" über die KriegSgreuel im Balkan.— Die Pariser Konferenz hatte Schwierigkeiten zu über- winden. Da war London, dessen Sternwarte zu Greenwich(sprich Grinnitsch) mit ihrem ebenso benannten Meridian bisher die Welt als eine Art Nullpunkt nicht bloß für die Einkreisung des Erdballs mit Meridianen, sondern in erheblichem Grade auch als Ausgangspunkt für die Zeiteinteilung beherrschte. Auch bei der mitteleuropäischen Einheit«- zeit nahm man darauf Rücksicht, indem sie so eingerichtet wurde, daß sie genau eine Stunde, gleich einem Längengrad, östlich von Greenwich abwich. Dann hatte man in Paris Besorgnisse, daß die große deutsche Station für Funkentelegraphie in Norddeich sich nicht würde fügen wollen. Aber der Wurf gelang. Frankreich verzichtete auf seinen Pariser Meridian zugunsten Englands hinsichtlich der Vorrangstellung des Meridians von Greenwich für die Längen- Messung. Dagegen stimmten England und Deutschland durch ihre Vertreter der Wahl von Paris als„Weltstadt der Zeit" zu. Alle in den Observatorien der ganzen Erde angestellten Untersuchungen. die sich auf die Bestimmung. Erhaltung und telegraphische Uebertragung der genauen Zeit beziehen, werden in Zukunft in Paris zentralisiert und dort verwertet werden. Außer dem Weltruhm von Paris ist es der Eiffelturm, der dieser Stadt diese eigene Stellung verschafft hat, ohwohl beim Bau dieses Turme« natürlich kein Mensch etwas von drahtloser Telegraphie wußte. Auf dem Eiffelturm ist längst eine Einrichtung für die Aussendung genauer Zeit durch Wellensignale getroffen, und diese Signale be- streichen schon jetzt einen riesigen Kreis mit dem Raoius von 6000 Kilometer I Man hat jedoch in Paris beschlossen, die ganze Erdoberfläche, so weit Menschen wohnen und Schiffe ihres Weges ziehen, in ein drahtlos bedientes Zeitnetz einzuspinnen. Die Stationen in Paris und Norddeich sind vorhanden; weitere werden zur Erreichung jenes Zieles errichtet werden in San Fernando(Brasilien), Ar- lington und SanFrancisco(beide in Nordamerika), Mogadiscio(Afrika), Manila(Philippinen), Tumbuktu und Massauah. Jede Station wird zu bestimmten Zeiten zweimal im Tage die Zeit in Wellenform dem Aether übergeben, und überall wo zu Schiff oder zu Lande ein Empfangsapparat vorhanden ist, wird das Signal automatisch auf- genommen werden. Es ist nun Sache der beteiligten Regierungen, das großartige Unternehmen nach den Beschlüssen auszuführen. Inzwischen ist man bei uns dabei, die deutsche Station in Norddeich für die genaue Zeitübertragung in Deutschland nutzbar zu machen. Die Station sendet regelmäßig mittags in bestimmter Folge Zeitsignale aus, die in erster Linie von den Empfangsapparaten auf den Schiffen aufgefangen zu werden bestimmt sind. Ein sehr lebhaftes Interesse an diesen Signalen lassen die Uhrmacher erkennen. Da der Staat sich die Benutzung der Luft vorbehalten hat, wenn auch nicht zum Luftschnappen, so doch als Wellenleiter (es ist übrigens nicht die Luft der eigentliche Leiter, denn die Leitung wird auch durch luftleere Räume nicht unterbrochen), so ist das nicht ganz einfach. Man ist ober in Berlin eifrig mit den Vorarbeiten zur Ueberwindung der entgegenstehenden Schwierigkeiten, zur Schaffung einfacher und billiger EmpfangSapparatc usw. beschäftigt. Jedenfalls dürften in absehbarer Zeit alle öffentlichen Zeit- anlagen wie auch die Uhrmacher drahtlose Zeitsignale in Empfang nehmen, und die Genauigkeit in den Zettangaben wird ungeahnte Fortschritte machen! Vor allem aber ist die drahtlose Zeitübertragung und die Vereinheitlichung der Welt« zeit als ein Mittel zur Verwirklichung der brüderlichen Zusammen- arbeit der gesamten Menschheit zu begrüßen. In diesem Sinne fprach der Führer der deutschen Delegation auf dem Pariser Kongreß, der Astronom Professor Wilhelm Foerster, und es ist ein erfreuliche« Zeichen, daß bei seinen Worten, wie damals ein Pariser Blatt schrieb, eine tiefe und edle Bewegung durch die au? allen Weltteilen in Paris versammelten Gelehrten ging._ L. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer ScTo., Berlin LVI,