AnttthalwngsSlatt des Dorivärts Nr. 39. Dienstag, den 25. Februar 1918 89] Gelcbicbte einer Bomb*. Von Andreas©trug. Figiszewski lachte laut auf und hieb auf die Pferde ein. „Du bist dumm! Ich habe ihnen betviefen, daß Du un- schuldig bist! Verstehst Du? Du bist doch unschuldig, nicht tvahr? Wozu hast Du bekannt? Du warft es ja gar nicht, der diesen Kielza von der Kampfgruppe verraten hat!" „Höre! Ich bitte Dich, sprich nicht so! Ich werde der- rückt. Und hetz nicht so! Erbarme Dich! Deim mein zer- schlagener Kopf springt mir.. Figiszewski lachte. „Sieh mal genau hin, Kimblak, dort in die Ferne. Siehst Du den Wald? Es sind noch etwa fünf Werst. Ich stelle mir das so vor: sie-sind inzwischen vorausgefahren und wollen mit Dir dort abrechnen. Damit es nicht zu nah bei der Fabrik ist. Kluge Biester das!... Du tust mir leid, Knoblak. Wer wird von nun an auf den Jahrmärkten vom General Kurowsky erzählen?— Und das war auch sehr bös von Dir, daß Du nnch so in die Tinte gebracht hast. Sie hätten ja, wem: sie klug gewesen wären, mit uns beiden ein Ende machen können. Dir geschieht recht, aber wie komm ich denn dazu? Paß auf. Du wirst der Strafe dafür nicht entgehen." „Laß mich absteigen! Ich will meiner Wege gehen. Allein wird mir wohler sein. Mich schmerzt der Kopf von dem Ge- rüttel.—• Haltet an! Figiszewski, lieber Freund, ich bitte Euch sehr!..." „Was? Hat Dich der Verstand durch das Loch verlassen, das sie Dir hineingeschlagen haben? Was küßt Du mir die Hände, Du Tiunmkopf? Ich bin kein Geistlicher!" „Ich bin Euch sehr dankbar, wie dem lieben Gott selbst.." „Laß, laß! Kein Grund!" „... Und ich habe solche Angst? Ach, ich habe Angst!" „Hab doch keine Angst! Tie Sache ist endgültig erledigt." „Es kann mir nicht in den Kopf, daß sie mich davon- kommen lassen.... Sie werden mich sicher verfolgen, aber mein Chef wird mich beschützen." „Wenn Dich nur Dein Chef bei der Verteidigung nicht hineinlegt!... Ich will Dir die Wahrheit sagen, wanim sie Dich lausen ließen. Es ist heute nämlich ein großer Feiertag bei ihnen, das Fest ihres größten Patrons, und an solchen Tagen ist ihnen befohlen, jedem �u vergeben." „Geht, macht Euch nicht lustig! Was ist heute für ein Patron?" „Der heilige Browning,— ein großes Kirchenfest bei den Sozialisten!" Knoblak verstummte. Sie fuhren noch eine halbe Stunde, und Figiszetvski hielt. Er sagte: „Hier ist die Grenze des Bezirks. Siehst Du den Pfahl?" „Ich sehe— doch was soll das?" „Nun, so steig aus." „Warum? Ich bin ganz zerschlagen, ich kann mich nicht rühren!" Knoblak hielt sich mit beiden Händen am Sitz fest und starrte mit wilden Augen in den Wald, wo sich etwas zu be- wegen schien. Plötzlich wicherte am Waldrande in einiger Entseniuag ein Pferd." „Rette mich, Bruder! Lieber! Rette mich, laß uns weiterfahren!" „Ach. Knoblak, wieviel besser wär's für Dich gewesen, ein ehrlicher Dieb bei den Bauern auf den Jahrmärkten zu bleiben, statt Dich in Politik zu mischen! Siehst Tu, die Politik ist eirre heikle Angelegenheit. Kriech hinunter, kriech, Bruder!— Wir sind zur Stelle. Von hier hast Du nur noch zwei Schritt in den Himmel. Auf Wiedersehen in einer besseren Welt! Ich habe durch Dich hundert Rubel verloren und unnötig den Kopf riskiert. Mach, daß Du fortkommst, Bruder! Ich hab's Dir doch gesagt, daß sie hier aus Dich warten. Was, hast Du gedacht. Du Esel, daß die Parteileute Dir so etwas schenken werden?" Figiszewski pfiff ein verabredetes Zeichen, und plötzlich tauchten schwarze Gestalten um den Wagen auf. Knoblak ver- machte kaum einmal zu schreien, denn sie stopften ihm einen Knebel in den Mund, warfen ihm einen Sack über den Kopf, zogen ihn vom Wagen herunter und schleiften ihn in den .finsteren Wald. Figiszewski hieb auf die Pferde ein und jagte davon, daß die Räder knarrten. So jagte er eine Stunde dahin, ohne die Pferde zu schonen, und schwor sich ein für allemal zu, die Partei zu meiden wie die schwarze Pest. Es half ihm jedoch nicht. Einige Tage später wurde er, sein Schwager, Simcha Ster und noch sechs andere Mitglieder der Organisation der„Fünf Tapferen" verhaftet. In einem Augenblick war der Nimbus der mächtigen Bande dahin. Alle waren erstaunt, daß sie so lange eine solche beispiellose Be- drückung ertragen hatten. Alle waren tief erfreut in ihren Herzen und lobten die rechtmäßige Behörde über den Klee, daß sie sich endlich zu einer Tat ermannt hatte. Nur einer, der Gutspächter Szuba, bedauerte die Banditew. Der Mär- tyrertod des bescheidenen, doch getreuen Dieners des Thrones bedeutete einen Wendepunkt in der Geschickste des Bezirks. Die lästige und demütigende Steuer hörte auf, der neue Chef der Landpolizei dirigierte im Einverständnis mit dem Kommandanten der bewaffneten Macht verschiedene Patrouillen durch den ganzen Bezirk— und jetzt erst ereigneten-sich in der Gegend häufig Plünderungen auf den Straßen und räuberische Ueberfälle auf die Höfe. *« * Als WeSzycki gegen Abend in Warschau ankam, stieg er bei seinem Onkel, einem kleinen Ladenbesitzer in der Altstadt, ab und erkundigte sich nach Neuigkeiten. Der Onkel, der mit feinen Rechnungen beschäftigt war, sprach nicht viel, doch meinte er, die Revolution sei zu Ende, und schien weder traurig noch erfreut darüber zu sein. „Es ist, wie es ist. Und wie es sein muß, so wird es sein. Da kann kein Mensch helfen und keine Partei. Alles in der Welt geht von selbst. Ich weiß nicht, Was ich Dir raten soll, mein Lieber. Am besten— Du amüsierst Dich ein bißchen hier, besuchst das Theater, den Zirkus, suchst Dir ein hiibsck>«s Mädchen und fährst nach Hause zurück, bevor Dir was zustößt. Wenn Du Dich zu lange hier zeigst, nimmt man Dich schließ- sich von der Straße..." „Ja, wofür denn? Mich kennt doch hier niemand!" „Wofür? Für nichts, einfach, weil Du so aussielsit!" „Was hört man bei Jozek? Wohnt er noch dort, wo er früher gewohnt hat?" „Er ist nach dem Rathaus übersiedelt und von dort hat er sich auf die Festung abgemeldet." „Aber wofür denn? Er hat dock? nie an etwas teil- genommen?" „Eben darum, weil er an nichts teilgenommen hat. Den einen verhaftet man, weil er zur Partei gehört, den anderen, weil er nicht zu ihr gehört. Das ist jetzt so Mode." „Und bei der Tante Robaczkowa ist alles wohlauf?" „Wohlauf schon, nur sitzt Karl in Pawiak und Wladimir in Brest." „Das sind Neuigkeiten! Solche Taugenichtse— und doch haben sie wohl im stillen etwas getan..." „Ja, was sie schon immer tatein Karlchen lief den Mädels nach und Wladimir spielte Karten. Jetzt kommt man auch dafür ins Kittchen." „Am Ende wird man auch Sie bald einstecken, Oheim, dafür, daß Sie Handel treiben!" „Vermutlich. Aber nach nicht jetzt. Jetzt sind die anderen Kaufleutc an der Reihe: die Seiseichändler, Seilhändler,— bei den Lebensmitteln sind sie noch nicht angelangt. Es hat alles seine Ordnung." Vom frühen Morgen an war Weszycki in der Stadt. Bereits um neun Uhr befand er sich in einem Laden in der Goldgasse, fragte nach„Herrn Kasimir" und sprach die ver- abredete Parole: ob die Frau Wojdalinska von ihrer Sommer- Wohnung schon zurück sei. Herr Kasimir, ein magerer kleiner Mann, sah ihn mit. matten Augen an, lächelte ircnisch und fragte: „Was soll das bodeuten?" „Sie sind doch„Herr Kasimir"?" „Ja, so heiße ich..." „Also, dann frage ich Sic, ob die Frau Wojdalinska vott ihrer Sommerwohnung schon zurück ist?" ,.Da3 haben S!e scboil einmal gesagf. kenne keine Frau Wojdalinska. Aber ich nehme an, daß sie von ihrer Soinmerwohnung schon zurück sein wird... Wir sind ja im ZWfirzl— Ja. was wollen Sie eigentlich?" „Bei Ihnen ist doch das Unterbureaul" „Untcrbnrean?— Was heißt das?" „Sie sind doch„Herr Kasimir"?" „Bin ich, zu allen Teufeln, aber seit siinf Monaten habe ich aufgehört, es zu sein. Tas ist alles, was ich sagen kann." „Wieso?" „Sol" „Lassen Sie die Scherze für später! Ich muß heute mibe- dingt jemand vom„Ausschuß" sehen." „Ich verstehe kein Wort und bitte, mich endlich in Frieden zu lassen." „Es scheint, daß sich hier etwas verändert hat, da?ie mir nicht glauben. Ich kann es verstehen, aber beriickiich- tigen Sie doch meine Lage: ich komme von weither ans der Provinz und in einer wichtigen Angelegenheit. In einer lehr wichtigen I Und habe keine Adresse..." „Ja, da kann ich nichts helfen. Ich verstehe kein Wort davon." „So nennen Sie mir doch irgend jemand!" „Begeben Sie sich gefälligst zu der Frau Wojdalinska. Ich versichere Sie, daß sie aus ihrer Sommerwohnung längst zurück ist." Weszqcki stand wütend und betroffen da. „Ja, wenn Sie bis zum Abend hier so stehen bleiben.. begann ruhig Herr Kasimir, aber Weszycki schlug schon mit einem Fluch die Türe hinter sich zu. lFortsetzung solgt.x k)amsterjagä im Winterlager. Von Alwin Rath. Quer durchs tierschneite Feld gehe ich über die hartgefrorenen Schollen von einem in vielen Geschlingcln sich gefallenden Feld- weg fort auf den Hinaking zu, das Gehöft, das mit seinen schwarz ragenden Pappelbesen vergeblich sich in die flache Mulde zu ducken sucht, die hier die weiten, im Sommer ganz von gelben Aehrennieeren rauschenden Becker bilden. Vorher gehtS an einem Teich vorbei, der durch die Schwärze feines Wassers im Sommer wie ein großer Tintentopf aussieht— mau verwundert sich fast, daß das Eis darauf nichts von der graulichen Tintenfarbe mitbekommen hat. Ein paar Rehe, die nach den, Wasser darunter dürsten, trappeln, als sie das Knistern der Zweige unter meinen Füßen herumäugen läßt, saumselig zur Seite, und stehen wie neugierige Ziegen fast greifbar nahe im Schneefeld. Beim Bauer will ich nur einen Igel abholen, um an der borstigen Schlafmütze den Winterschlaf ein wenig zu studieren, da einem die ab und zu ganz schätzenswerten Bücher doch selten so Interessantes erzählen, wie solch ein Borstenvieh selbst. Ich habe bei einem Schweineverkauf des Bauern in der Stadt den Herrn Swienigel versprochen bekommen:„Jh braucht mant ächterm Brunnen in det Loch int Lauw te packen, do treckt Jh de Fingers flott wieer rut, segg ik!" Im glatten Felde fallen mir zwei nicht sehr weit von einander liegende verschneite Hügel auf. Neben dem zunächst liegenden sehe ich einen Gang in die Erde führen, und ehe ich recht die Spuren davor beachtet habe, kommt mir gleich der Gedanke an Hamsterwohnungen, denn diese Räuber haben hier im Sommer das ihre dazu beige- tragen, dem Landmann seine Arbeit gründlich zu verbittern. Nun sehe ich die Spuren und staune, eS müssen jedenfalls ganz der- wegene, wahrscheinlich noch nicht zu alte Korndiebe sein, die sich hier, gar nicht so weit vom Hof, einlogiert haben. Die Sonne hat in den letzten Tagen so frühlingshaft geschienen, daß der Winter- schläfer in seinem Bau aufgewacht ist und mal aus- geschaut hat, ob der Bauer schon wieder das Korn für ,hn säe. ES ist nur eine Spur die iveit in Feld hinausführt der— Spitzbube ist also von seinem Spaziergang durch die warme Sonne noch nicht zurückgekehrt. Ich warte eine ziemliche Zeit ab- scitS hinter einem dicken Schlehcnbusch, an dem die Früchte jetzt das richtige Aroma bekommen haben. Ein Rabe auf einer kahlen Ulme am Teich schimpft, daß ich von seinem Tisch zehre, und nun lacht ein zweiter, der auf den Hügel an» Hamsterloch geflogen ist, mich aus. ES ist ein Lachen aus voller, wenn auch sehr rauher Kehle. Ich sehe endlich ein, daß der Schwarzrock recht hat, und trolle mich weiter zum Hof hinüber. Ten Brunnen kenn ich— aber dahinter hat einer schon im Schnee geUIchlt. Hoffentlich nicht Meister Reineke, der in des Winters Not, lvo alle Wasser vereist sind, tn die man so eine Borsienkugel von Igel rollen und zum Aus- einanderilappen bringen kann, sich mit anderen schmutzigeren Listen auch am wehrhaften Herrn Swienigel versucht. In der brühend heißen, niedrigen Stube hockt der Bauer am weiß gescheuerten Tisch und rechnet. Er ist keiner von den Bauern, gegen die Polenz wettert, die zu nichts kommen, weil sie nicht rechnen können. Aber seine Miene ist trotzdem, während er immerfort i>n Ueberlegen mit kraus verkniffenen Brauen auf die Bleistiftspitze leis« spuckt, nicht eitel Sonnenschein.„Hei löppt all in der Kücke rum", ruft er mir unwirsch, mit der Faust auf die verflixte Rechnung donnernd, entgegen, und gleich löst ein gastlich Lachen seine ärger« liche Rechenmine ab.„Dei Borstenlümmel was so steif aS ein Eis» klotz, wi dachten, hei wör mauSdoot." In der Küche war eben der Benjamin des Bauern dabei, die musikalische Wirkung deS Glockenklanges auf das Jgelgemüt zu studieren. Bei jedem Anschlagen der kleinen Napprigen Kuhglocke zuckte der ganze Stachelpelz, der neben dem Herd hockte und nur seine winzige Schioeinenase unruhig witternd, hervorstrcckte, wie nnter einem elektrischen Schlag zusammen; und als die Glocke seinen Ohren nahe kam, schüttelte er jedesmal sehr abweisend energisch mit den: Kopf. Der Bauer war nicht wenig erstaunt, als ich ihm erzählte, daß nur einige hundert Meter weg ein paar Hamster am Busch hausten l „Ssoooo" sagte er, da er es nicht recht begreifen konnte, daß ein Hamster so unverschämt nahe an den Hof herangebaut habe. Er wußte aber gleich ein Hausmittel für diese Krankheit:„Na, dem gießt wi en paar Eimer Water op'n Kopp in süine Bude, datt e drin versöppt."—„Aber wenn er nicht zu Haus ist, nutzt die Kalt« Wasserkur auch nichts I"—„Lott mi man maken I— Dei SaraS fall sick de Backentaschen nich mäh lange vullstoppen. Jh glöwwt nit, wat wi sör ne miSrable Kornernte makt hält." Der Bauer zog sich seine Pelzjocke über, ich hatte den Igel in einen kleinen Pappkarton bekommen, und dann trabten noch zwei Knechte und eine Magd mit, die an Schultertragcn zusammen sechs Eimer Wasser durchs verschneite Feld mittrugen. Vor der„Einfahrt" untersuchten wir die Fährte, er war noch nicht zurück. So warteten wir wieder hinter dem Schlehenbusch— ein Kriegsaufgebot von fünf Menschen, um einem einzigen Hamster den GarauS zu machen. Ab und zu hatte ich schon im weißen Feld etwas Braunes blinkern sehen, hatte aber nicht darauf geachtet, da ich es für das Schimmern einer aufgeschmolzenen Scholle hielt. Nun «ber machte der lehmfarbene Fleck plötzlich eine so lebhaste, ganz tierisch anmutende Bewegung, daß ich unwilllürltch scharf hinblickte— und da hockte unser Todeskandidat vielleicht 40 Meter von uns entfernt und pflegte seinen scheckigen Pelz in der Sonne. Die schneeweißen Vorderpfoten arbeiteten in sehr flinker Wäsche am Gesicht herum, an den weißen Backen und dem gelblichen glatten Schopf dieser ratlen- artigen Visage. Nun krümmte der Hamster sich blitzschnell zum Rücken herüber— das Rückgrat schien trotz des Winterschlafs schon wieder die alte Elastizität zu haben—, dort leckte er sich den recht struppig gewordenen Wanst ohne ersichtlichen Erfolg vergeblich, die Haare wären zu widerborstig geworden. „Hädd il mant mein' Schietzknüppel hier I" knurrte der Bauer unruhig. Er Ivar nicht wenig erstaunt, als ich nun. einer plötzlichen Eingebung in unbezwiuglichcr Neugier folgend, mich geduckt an den Hügel neben der Einfahrt heranschlich und dort meinen Pappkarton vor das Loch stellte. Als hätte der eitle, scheckige Friseur da im Schnee Witterung von dem Igel vor seinem Loch bekommen, machte er sich dald auf den Weg dahn. Fratz links ein Grashälmchen ab, das aus dein Schnee ragte, roch rechts an einem Mauseloch, kratzte ein wenig daran den Schnee auseinander, schnaufte und sah nun mit offen- barer Ueberraschung dieses Papphindernis plötzlich auf seineni Wege. Er ging rechts herum, schnüffelte in die Ritze des Deckels hinauf. Nun guckte er oben darauf, stellte die weißen Handschuhe mit einer gewissen Vorsicht an die Wand dieses nie gesehenen Dings, spitzte das linke Ohr nach unteiih lauschte, halb siirchtsam, halb interessiert in das pappene Innere. Einen angriffslustigen Knnrrton stieß er jetzt aus, da trommelten auch schon die Pfoten gegen die dünne Pappwand, kratzten und da nun gleich die Zähne mithalfen,> flogen bald die Pappfetzen rechts und links in den Schnee. Mit einer wilden Beserkerwut fuhr der wütige Angreifer beim Anblick des stachlichen Inhalts auf den Igel los, prallte aber im gleichen Moment schmerzlich berührt von diesem unangenehmen Gegner so heftig zurück, daß er sich rücklings in den Schnee warf und einmal überkugelte. Aber trotzdem war er mutig gleich wieder auf dem Kampfplatz oben auf dem Loch in der Papp- schachtel. Er riecht, faucht, schlägt mit der Pfote los, zieht sie aber mit dem gleichen Entsetzen jählings wieder an sich, beleckt sie und grunzt jämmerlich dazu. Als ob ein Hamster ein Dumm« köpf wäre I— Gleich springt er von der Schachtel, kippt sie mit an- gestemmtem Rücken auf die Seite, daß der Igel herauSrollt, saust im gleichen Moment darauf zu und laut oufquiekend wieder davon zurück. Eine Weile sitzt er nun vor diesem merkwürdigen Lebewesen, vor diesem allzu unangenehm berührenden Nadelpelz; betrachtet ihn mit einem wütigen Respekt, schleicht dann mit einer urkomisch Ivirkenden Furchtsamkeit in gewissem Abstand rings um daS teuflische Borstenvieh. Jetzt setzt er sich in Positur— wir sehen ihn schon, still auflachend, wieder ziirückfahreit— aber nein, spornstreichs flitzt er wie von der Tarantel gestochen in seine Einfahrt und bleibt verschwunden. Ich denke, der Igel hat ihm in seiner letzten Nothwehr ein Parfüm, das gerade nicht wie Kölnisches Wasser riecht, ans die Aase gespritzt. Aber auch das nicht. ES flattert etwas Meitzes, als fei ein schmaler Fetzen Echnee leVendkg geworden, vor der Einfahrt um den Igel herum.„Duiwel", flüstert der Bauer, freudig überrascht, ,'n graut Wieselt' DaS ist eS, so viel man noch erkennen kann, ehe eS nun auch schon hinter dem Hamster im Loch verschwindet— ein grofces Wiesel, ein Hermelin, wahrscheinlich durch den Kampf zwischen dem wehrhaften Herrn Swienigel und dem Heihsporn von Hamster auf diesen aufmerksam geworden I Nu, rinn l rinn I schreit der Bauer den Knechten zu. Ich will ihn überreden, mit der Taufe noch etwas zu warten, da das Hermelin den Hamster sicher heraustreiben werde und wir dann da? Schauspiel des Ringens dieser beiden an Körpergröße so ungleichen Gegner betrachten könnten. Aber schon sausen drei Eimer Wasser fast in einem Strahl in das Loch hinein. Eben wird der vierte angehoben— ich habe meinen Igel in einen leeren Eimer gerettet—, da kommt prustend der Hamster herausgefaucht. Er sieht so ganz entstellt aus wie eine Wasserratte, wenn sie plötzlich vom Ufer ins Wasser taucht und nun mit einem Male wie ein ver- hungertes Skelett ausschaut. Er schüttelt sich, die weißen Glaces «mporwerfend, mit Macht, aber schon stürzt der vierte und fünfte Eimer über ihn nieder. Ein Knecht will ihn mit dem geschwungenen Eimer erschlagen, da taucht auch naß und schlickernd das Hermelin aus' dem Loch. Hui fegt der feige Korndieb durch den Schnee. Aber kaum 16 Schritt weit hängt ihm schon etwas wie ein verknüllter Schneeball im Nacken. Herum wirft er fich auf die Erde und wälzt fich das Hermelin vom Pelz. Da springt's ibin von vorn geradewegs auf die Nase, die noch blutig ist von der Jgel'chrift. Aber die weißen Glacös, die itärker sind, streifen unter schmerzlichem Quieken des Gebissenen »en kleinen Weißen Teufel wieder ab. Wie eine Klette hängt der jedoch unabänderlich irgendwo im Pelz des Hamsters, der sich solch vöseS Renkonter auf seinein Winterspaziergang nickt hatte träumen lassen. Immerfort wälzen sie sich umeinander. Man unterscheidet die beiden Körper bei der unglaublichen Schnelligkeit dieses blitz- schnellen Umeinanderkreisens, bei dem es auf Tod und Leben geht, gar nicht mehr, zumal sich des Hamsters Fell auch mit Schnee gefüllt. Es ist nur noch ein weißes Schneestäuben, eine gewälzte Kugel, die knurrt, faucht, quiekt— und nun sitzen sie plötzlich wieder, sichtlich erschöpft, voreinander, fressen sich mit Blicken und ersticken vor Atemlosigkeit. Der Hamster hat ein mörderlich zerzaustes Fell, das an vielen Stellen rote Flecken trägt. Auch das Hermelin hat vorn an der Brust ein rotes Lätzchen, und nun sieht man auch, daß der Schnee ringsum gesprenkelt ist, als wären Vogelbeeren dort ausgestreut. Der Waffenstillstand währte nur einige Sekunden. Das Her- melin krallte sich wieder in stürmischem Ansprung wie ein zierlicher weißer Schnectiger auf die Nase deS geplagten Hamsters, der ver- geblich in den kurzen Sekunden der Ruhe seine Zähne gewetzt hatte. Eine kurze Zeit stäubte wieder die Schneekugel vor Miseren Augen— dann endlich blieb das zähe Hermelin Sieger. Aber es schien, als wir näher kamen, auch nicht weit davon, dem Hamster in die ewigen Jagdgründe zu folgen. Ein Knecht stülpte den Eimer über das gänzlich wehrlos auf der Seite im Schnee liegende Tierchen. Wir nahmen es mit. Es wurde zu Haus mit allen Lecker- bissen verhätschelt, damit es nur am Leben bliebe. Am vierten Tage lag es tot in dem Vogelkorb, in den wir's gesperrt hatten— im Weißen Pelz noch die rostig roten Flecken von den Wunden aus der Schlacht mit dem tapferen Hamster. I�eiie Cr2äk!ungsttteratur. Paul Scheerbart: Das große Licht.(Dr. Tally Rabinowitz, Verlag, Leipzig.) Dieses Buch grotesker Geschichten oder Gcschichtchen fühlt den Untertitel: Ein Münchhausen- Brevier. Es läßt den als Aufschneider des 13. Jahrhunderts berühmt gewordenen Freiherrn v. Münchhausen, dessen Lügenhistörchcn zum alten Volks- buch geworden, wieder auf Erden wandeln, vielmehr gar nicht ge- storben sein. Münchhausen, der dermaleinst auf abgeschossenen Kanonen» kugeln auf Erden herumreitende Abenteurerhcld ist seinem afrika- Nischen Sklavendienst, der ihn ein Jahrhundert lang den Europäern verbarg, entkommen und unterhält nun im Alter von 189 Jahren und nichr seine Gesellschaft noch immer mit den Ausgeburten seiner Phantasie. Wie, sollte der alte Münchhausen nicht doch gestorben und in Paul Scheerbart selbst wieder auf die Erde gekommen sein? Freilich, inzwischen hat sich auch Münchhausens Art verändert. Die Phantasien eines heutigen Münchhausen können nicht mehr die Harm- losen, hahnebüchenen Schnurren deS 18. Jahrhunderts sein. Der Münch- Hausen von heute hat„Weltblick" bekonimcn und so sind die Münch? Hausen-Scheerbartschen Phantasien des großenLichtes— dafür soll dieser wieder aufgelebte Künchhauseu gelten— auf den modernen Geist, auf die moderne Technik unserer Zeit eingestellt. Vom alten Münch- Hausen ist nur die barocke Form geblieben, der neue, der ko-smische Humor ist dazu gekommen. Dieser kosmische Humor, der bei Scheerbart in seinen kleinen Skizzen oft mit erstaunlicher Knappheit zugleich Glosse und Randbemerkung zu unseren unzulänglichen Da- seinSforincn war, ist hier in den Visiioncn und Phantastercieii leider von sehr mäßigem Witz. ScheerbartS inneres Wollen ist wohl, unserer übcrmästeten Kultur die unbegrenzten Möglichkeiten einer Ent- Wickelung entgegenzustellen, die sich mit geheimen, noch unentdeckten Naturkräften verbindet und«ine neue Aesihetil entdeckte, die auS der Natur, dem KoSmoS heraus wächst. Zu dieser„Scheerbart-Kultur* gehören Bigarrerien, witzige Verrenkungen deS Normalen, Tier- beseelung, Fratzenhaftes, Exzentrilhumor, der in milderer Form bei Peter Altenberg auftauch», in künstlerischer bei Gustav Meyrinck, deren Phantasie ja auch mit dem einen Fuß immer eineir Stützpunkt außerhalb der Wirklichkeit hat. Paul Scheerbart aber steht gleich mit beiden Führern außerhalb der Wirflichkeit. Damals, als um die 89 er Jahre die Revolution der Literatur anbrach, weckte der Bund der Phantasten mit Scheerbart an der Spitze Erwartungen. Indessen die kondensierten Grotesken Scheerbarts, die mit dem Uni« versum zu jonglieren versuchten, sich in die Astralsphäre verloren, Nilpferde als Helden nahmen, die Kometen tanzen ließen, im arabischen Kolorit westeuropäische Dummheiten der Lächerlichkeit überliefern wollten und doch eigentlich nie recht lachten und lachen machten, zerstörten die Nachdenklichkeit zumeist durch ihre krampf- hafte Manier, sodaß die ernste Seite in Scheerbarts Schaffen immer schwer bedroht war. Noch bis jetzt, da er seinen 69. Geburtstag feiern konnte, ohne großen Anhang. Der„Jndianervers", den er einst in die Festschrift zu Goethes 159. Geburtstag beisteuerte: „Murx den Europäer, murx ihn, murx ihn, murx ihn ab", ver» wirrte noch mehr das literarische Charakterbild Scheerbarts, dürfts aber auch jetzt noch im allgemeinen als Motto über seiner dichterischen Produktion stehen. Die Verachtung europäischen WesenS in seinem staatlich begründeten OrdnungsbürgerkatechiSmns und die Vorliebe für das orientalische Zauberland läßt sich durch jedes Wort spüren. Auch in dem Münchhausen-Brevier flieht der Autor die nüchterne Nützlichkeitsatmosphäre der europäischen Wirk» lichkeitswelt und schwelgt mit ausschweifender Phantasie im Gefilde märchenhafter Glasblumen, chinesischer Pcrlmutterstädte, in roman« tischen Zuknnftslanden mit Luftkellnern niw. Wie schon angedeutet, hat die Gestaltungskraft und der Humor Scheerbarts hier nickt aus» gereicht, um seine„Gesichte" in voller Wirkung auf den Leser zu übertragen. Aber wenn er z. B. seinen Münchhausen von den« Marionettentheater in Celebes erzählen läßt, wo die„kosmischen Postillione", die Kometen, im Weltcnraume herumsausten und dis Sternbilder der Nacht den Zuschauern von fernen Andromedancbeln erzählten— so hört der Leser mit dem„dritten Ohr" heraus, wag Scheerbart will und welches Große und Schöne er im Geist im Gegen» satz zu europäischer Schablonenknnst erschaut. Frank Norris: Das Epos des Weizens. Erster Teil: Der Oktopus. Zweiter Teil: Die Getreidebörse. Eine Geschichte aus Chikago. sDentsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin. Es gibt wohl kaum größere Gegensätze, als Scheerbart, der sich auf einen engen Komplcr konstruiert erträumter Utopien, ans eine„gläserne" Phantasiewelt beschränkt sdenn die Vorliebe ftlr gläserne Häuser, gläserne Gärten, gläserne Architektur, durch die das „große Licht" zu den Menschen dringen kann, ist syniptonratisch für Scheerbarts Gedankenzirkel), und Frank Norris, der alle nebuloscir Träumereien meidet und den engsten Anschluß an das Leben, an das Lebendige sucht. Der grandios angelegte Roman: Das EpoS des Weizens, ein flammender Hymnus aus die Fruchtbarkeit der Erde, auf die Arbeit, auf die scgenspendende Kraft der Felder, auf Amerikas Weizenbau,> wird zum sozialen Kulturgcmälde. Auch hier sind die alten Götzen deS Faimlienblattroinans zerschlagen, die neuen Symbole einer neuen Kultur aufgerichtet. Aber keine Sonderheilskunst, keine SonntagsphantaSmagoricn, sondern das rädersausende, werkschaffende Getriebe des Alltags, der Atem der Wirklichkeit, bluterfüllte Gestalten, in das Leben übergreifende Wirt- schaftliche Probleme zeigen ihr innerstes Wesen: der Pflug, der die braune Erde aufreißt, die um die Erde ringenden Farmer in ihrem Ackerbau, die Börse und die Börsenmänner Amerikas, die seine Bodencrzeugnisse umsetzen und den Weizen„cornern" wollen, aber schließlich vom Weizen selbst„gecornerl" werde». Frank NorriS hat die Industrie, die Wcizenindusirie für das Dichterische entdeckt. Im ersten Bande seines Epos zeigt er den erbitterten Kamps der kali- foruischen Weizenbauern mit dem Oktopus, dem Eisenbahntrust, der rücksichtslos in das blühende Reich des Pfluges schneidet und als fühllose Macht, als Herz von Eisen, den Ackerbauer ruiniert. Schildert, wie die Farmer sich verzweifelt wehren gegen das 11»» geheuer Eisenbahn, das ihren Grund und Boden frißt, und wie diese Helden unterliegen und für den Weizen sterben, der rings in Fruchtbarkeit schwillt. Von dichterischer Kraft ist besonders das Schlußbild, wo das grausame Werkzeug des OktopuS, Behrnianu, vom Weizen erstickt wird, der auS der Schiffsrinne un- aufhaltsam sich über ihn ausschüttet. Der Weizen' bleibt Rächer und Sieger im OktopuS, wie er im zweiten Band: Die Getreide» börse, Rächer und Sieger bleibt. Die Menschen werden vernichtet, vorläufig noch, wo die Polypenarme der Spekulation sich auf die Fruchtbarkeit der Erde legen, aber die Fruchtbarkeit selbst wächst, eine sprudelnde Quelle künftigen Glücks. Zeigte der erste Band geivissermaßen die Entstehung des Weizens, alle die Kämpfe um sein Reife» und seine Ernte, so zeigt der zweite Band den„ins Rollen" gekommenen Weizen, die Börsenmanöver mit der Frucht. Der Finanzmann Jadwin mit seinem Kapital operiert in aniert» kanischer Gewinnsucht, um die gesamte Weizenproduktion des Jahres in seine Hand zu bekomme». Seine Machinationen an de» Getreidebörse hallen daS Land in Atem und Existenzen zittern vor der Macht dieses gewaltigen Börsenmonarchen. Und neben diesen realen, von Schwung getragenen Schilderungen amerikanischen Lebens und Erlverbsgier geht die Geschichte einer«»glücklichen Ehe. Der reiche Jadwin gewinnt wohl Reichtum, verliert aber sein Weib. Di« feinfühlige Frau leidet unter dem gierigen Geschäftssinn des ManneS, bis das Unglück über Jadwin kommt und seine Spekulationen fehlschlagen. Seine Energie konnte ihm wohl Millionen erobern, aber nicht das Herz der Frau. Nun der Weizen in unerhörter Fruchtbarkeit wie die Wogen einer Flut über das Land schwoll, so dasi Jadwin seinen aufgestapelten und aufgekauften Vorrat nicht los werden konnte, die Fruchtbarkeit ihn also arm machte, gewann er eine schönere Frucht; gewann die Liebe seiner Frau wieder. Das alles ist von Frank Norris dramatisch bewegt, durwfiebert vom Pnlsschlag des Landes, dessen Geschichte der Autor widerspiegelt in ethischer Größe vor den Leser hinstellt. Mit jeder Zeile fühlen wir das Lebendige, das Anti- literarische. Ein Buch von schaffenden Kräften und Lebensmächten, der gewaltige Organismus Amerikas in seiner Welt der Bodenfruchtbarkeit umspannt, durchbraust vom Liede der Arbeit, aus- strahlend in jeder Zeile der sachlichen Schilderung das Fludiunr des modernen Geistes. Heinrich Stei nitzer: Die Tragödie des Ich. sEgon Fleischet u. Co., Berlin.) Ilmspannt das Werk Frank Rorris das umgestüm-hastende, vorwärtsdrängende, blühende Leben, so zieht sich der Verfaffer dieser vorliegenden Selbstzergliederung ganz in das Land der Seele zurück. Gottlob haben wir aber in dieser er- staunlich tiefschürfenden Analyse eines Einsamen nicht die phraseo- logische Sichbespiegelung pygmäischer Selbstanbcter. Heinrich Steinitzers Buch scheint dem Erlebnis, oder richtiger dem Erfühlten entquollen. Ich kenne kaum ein Buch, das erschütternder und trost- loser die Tragik des Einsamen schildert, jener inneren Vereinsamung, die im Ick wurzelt, in jenem ungewolltetr, deterministischen(unfrei- willigen! Ich. gegen daS der Wille vergebens ankämpft und das mit einer unheilvollen Erbschaft sich rettungslos gegen Glück und Frieden, gegen Menschcnnähe und innere Harmonie auf- bäumt. Diese unheilvolle Erbschaft ist, nüchtern ausgedrückt, die Naturanlage. DaS Ich, daS der„Einsame" von Geburt mitbekommen, vermag mit dem Leben nicht fertig zu lverden. Der Einsame hat Sehnsüchte, Wünsche, aber daS„Ich", dieses schwerblütige, mißtrauische, liebeleere Ich stellt sich den Wünschen, der Sehnsucht entgegen. Es ist nicht das, was man mit dem stolzen Namen Individualität bezeichnet, um derentwillen der Besitzer den Kopf hoch trägt und auf die Nicktindividualisten herabsieht, es ist ein feindliches Ich und ach, ein armes, armes Ich. Steinitzer breitet mit tiefem Kennerblick die Psyche eines solchen Einsamen vor uns aus, zeigt seine Wirrsale und sein Elend, um zuletzt zu dem Schluß zu kommen, daß deni Unglücklichen, der sich von der Tragödie des Ich durch freilvilligen Tod erlöst, die Kraft zur Liebe gefehlt. Wehe die nicht lieben können I Welche Komödie spielen sie sich vor, welchen Selbstbetrug, wie ächzend suchen sie Trost für die Leere ihres Herzens! Heimatlos geben sie umher und werden er- würgt vom Ich, das ein boshafter Gott als eine schauerliche Macht in ihr Inneres gelegt hat. Man muß die Seiten des Buches, die Thesen der Berziveiflung und des Kampfes, der Erkennwis und der Durchringung zur Liebe selbst nachlesen, um des VerfafferS gedankenschwerer Gestaltungskunst inne zu werden, mit der er ein Stück Menschheitslragik mit seherischer Kraft und psycho- logischem Tiefblick aufgerollt hat. Selma Lagerlös: Der Fuhrmann des Tode?. fVerlag Albert Langen, München.) Der Hauch der Legendenpoesie umwittert auch dieses neue Buch der nordischen Erzählerin. Tolstoischen Geistes ist das Lebenswerk Selma Lagcrlöfs. Die Ur- religion der Liebe predigen ihre Bücher, meist in der analytischen Form SteinitzerS. der unbarmherzig die Armut des Licbelosen zergliedert,— wie eine tröstliche Sage, an deren Ende das Gute in: Menschen gesiegt, rütteln ihre Mahnung»- und Bekehrungsgeschichten an die Herzen. Man spürt wie bei Tolstoi den starken Glauben an die Religion der Liebe und folgt der Berfafferin gern in ihr von dichterifcher Schönheit überstrahltes Reich der sittlichen Märchen. Wer mit dem letzten Schlag des alten Jahres stirbt, muß der„Fuhr- mann des Todes"»Verden, auf einem elenden Karren die Ge- siorbcnen abholen. David Holm, der verkommene Trinker sinkt in der NeujahrSnacht bei einem Zechgelage� tot nieder. Nun harrt seiner der schwere FuhrmannSdienst. Doch sein starrer Wille sträubt sich gegen dies-S Amt und so versieht der alte Fuhrmann des Todes einstweilen seinen Dienst weiter, nimmt aber aber David auf seinen schauerlichen Wegen gefesselt mit. Unsichtbar kommt so David zur sterbenden HeilSschwcster Ethit, die ihn geliebt, bört ihre Herzensbekcnntnisse wie die seines im Gefängnis mit dem Tode ringeuden Bruders, besten im Grunde reines Herz sich ihm er- schließt, tvird Zeuge der Verzweiflung seiner Frau, die er im Leben gequält und die sich und die Kinder in ihrem Gram über den ver- rohten Mann auS der Welt schaffen will. Da schmilzt die Rinde vom Verhärteten Herzen Davids, die Sehnsucht nach Bessening Iviihlt seine Seele aus und in diesem starken Drang kehrt die Seele in den Leichnam zurück. David ist das Leben wiedergeschenkt, da« er mm- mehr in Liebe und Hingabe an das Gute leben wird. Trotz Heils- armer und reichlichen Gebeten wirkt die ergreisende Erzählung in ihrer Schlichtheit nicht pietistisch-frömmelnd. Poetisch verklärt hat sie die mythische und mystische Kraft alter schöner Volkslegenden. Die Abenteuer des Prinzen Genji lGenji Monogatari), ein altjapanischer Roman der M n r a s a k i S h i l i b u. Deutsch von Maxm. Müller- I a b n s ch.(Verlag Langen, München.) Da? Land der zierlichen GeishaS und der Holzschnitte, Japan mit seinen blühenden Kirschbäumen und seinen äugen« geschlitzten Trippelfiguren hat unsere Kunst merkbar befruchtet. Mit seiner Kultur werden wir durch daS kleine Hofftäuleiu Murasahi Shikibu bekannt gemacht. Freilich ist es die alte Kultur, die die Dame vor tausend Jahren aufschrieb und es ist sehr»nteressailt, den Lebenslauf eine? japanischen Don Juans zu verfolgen. Die Leiden- sckaften nehmen fich aus. wie zierliche Nippes, olles freundlich lackiert, Lächeln und Tränen in Miniaturformat. Diese gesellschaftliche Ober« schichte, die sich um die Abenteuer des Prinzen Genji lagert, ist artislisch-maniriert, genußsüchtig, mit galanten Dingen spielend, ein ridjtiger Vorläufer unserer Aesthetengilde. So scheint auch ein Teil niilerer Kultur von Japan befruchtet. Oder man könnte beim Anblick eines Teils unserer europäischen Zerbrechlichkeitskultur mit Ben Akiba sagen: alles schon dageivesen. Man wird sich gern eine Weile in diese asiatisch-fremde Welt verlieren, die im bunten Kolorit Märchen von Tausend und eine Nacht schmetterlinghaft vorübergaukelt. _ J. Y. Kleines feuilleton- Verkehrswesen. Schlafwagen dritter Klasse. Seit dem Sommer vorigen Jahres verkehren zum ersten Male auf einer Eisenbahn Schlafwagen dritter Klasse. Es handelt sich dabei natürlich nicht um preußische, sondern um norwegische Staatseisenbahnen, die diese Wagen auf der zirka SSV Kilometer langen Hochgebirgsbahn zwischen Kristiania und Bergen verkehren lassen. Die Wagenart hat sich als sehr zweckmäßig erwiesen und wird auch stark benutzt. Die Wagen haben einen seitlichen Durchgang uird enthalten zwölf Ab- teile, in deren jedem drei Schlafplätze übereinander angeordnet sind. Am Tag dient die untere Schlafstelle als Sitzbank, die beiden anderen werden hochgeklappt. Während der Stacht erhalten die Schlafstellen richtiges Bettzeug mit reiner Bettwäsche. Ebenso ist für Waschgelegenheit in jedem Abteil gesorgt. Die Bahn Kri st iania— Bergen ist noch in verschiedenen anderen Beziehungen bemerkenswert. Während früher die Ver- Hindling zwischen Kristiania und Bergen, der zweitgrößten Stadt des Landes, ca. zweieinhalb Tage auf dem Seelvege beanspruchte, kann man jetzt den Weg in l-t Stunden zurücklegen. Die Strecke steigt bis ans eine Höhe von 1300 Metern über den» Meer und inuß eigenartige Schneeschutzvorrichtungen und Schneeschirme erhalten. Auf der 100 Kilometer langen baumlosen HochgebirgSstrecke sind 1ö Kilo« meter in Tunnels und Kilometer in Schneeschutzvorrichtungen geführt. Die Schnceschicht erreickst an nianchen Stellen eine Stärke von 16 bis 18 Metern, sodaß man Steinkonstruktionen verwenden mußte. Um die Aussicht nicht zu behindern, sind 1>/z Meter hohe Luken vor- gesehen, die im Frühjahr geöffnet und im Herbst geschlossen werden. Außer den festen Schnecschutzbrücken sind noch rund 7ö Kilometer lange Schneeschirme und 15 Kilometer lange bewegliche Schirme vorhanden. Trotz dieser Schutzmittel verschneit die Strecke im Winter derart, daß im ersten Jahre der Betrieb eingestellt werden mußte und erst im Winter 1908/9 der Betrieb aufrecht erhalten werden konnte. Zu diesem Zweck verwendet die Bahn drei große Schlcuderradschnecpflüge, die bis in den Mai hinein genügend Arbeit haben. Lt. Medizinisches. Trunksuchtsbehandlung durch Hypnose. S.ach Dr. v. Kapff in Berlin ist in der Hand des kundige» Arztes die Hypnose ein gutes Mittel, den Willen des Trinkers zu stärken, ihm Selbstvertrauen zu geben, die einzelnen lästigen Erscheinungen der Alkobolvergiftungen zu mildern»nid erträglich zu machen, ihn von der Sucht und dem Zwang zu befteien. Alkoholkranke sind meist leichter zu hypnotisieren, wenn einmal der Widerstand gebrochen ist und das Mißtrauen sich in Vertrauen umgewandelt bat. Ihre Beeinflußbarkeit ist meist größer als gewöhnlich, ihr Bewußtsein neigt zu träumerischen Däinmerzuftänden. Bei Lieboult sind unter 1011 allgemein Erkrankten nur 27 im» empfänglich für Hypnose geweseii. Dr. v. Kapff heilt jetzt meist in sechs Wochen bei wöchentlich zweimaliger Hypnose Alkoholtrinker, die er früher fast verloren hielt. Selbst bei Trinkerinnen, die in der Anstalt meist ein Jahr behalten werden, hat er in dieien, Zeit- raim, öfters schon Dauererfolge von bis jetzt nachweisbar mehreren Jahren erzielt. Rückfälle sind nicht ausgeschloffcn, doch mancher braucht gerade, u den Rückfall, um durch diese« Erleben endgültig zur Vernunft gezwungen zu werden. Außerdem ist die Hypnose im stände, den Rückfall rasch wieder zu heilen, wenn nur keine falsche Scham den Kranken zu lange zurückhält. Um Rück- fälle zu verhüten, mutz man auch die Angehörigen des Kranken und seine Umgebung zu beeinflussen suchen. Die meisten werden durch mißgünstigen oder boshaften Umgang rückfällig gemacht. Deshalb sind die Enthaltsamkeitsvereine als wichtige Stütze für den Wieder- genesenden zu empfehlen. Auch sogenannte OuartalStrinker lassen sich mit Dauererfolg durch Hypnose heilen. Viele, die so genannt werden, sind verkannte GelegenbeitStrinker, bei denen durch ein» maligen Alkoholgenuß die angeborene oder erworbene Alkohol« empsindlichkeit starke Reizlvirknngen erzeugt. Einem Alkoboltrinker, der noch gewisse Einsicht hat. dessen Organe sich noch nicht im letzten Stadium der Entartung befinden, kann noch geholfen loerden.__ Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck n. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSaustalt Paul Singer chEo., Berlin LW.