Anterhaltungsblatl des Horwürts Nr 40. Mittwoch� den 26. Februar. 1913 Gefchichtc einer Sombe. Von Andreas Strug. Herr Kasimir stand noch lange hinter dem Ladentisch, don gerechtem Zorn durchbebt. Wegen dieses dummen länd- lichen Unterbureaus hatte der Laden drei und die Wohnung vier Revisionen überstehen müssen. Zweimal hatte man ihn aufs Rathaus gebracht, und jedesmal kostete ihn die Be- freiung fünfzig Rubel in bar und ebensoviel in Waren. Noch lange nach der Krisis, nach dem Auseinanderbruch der Partei, wurde er nach beiden Seiten gezerrt, daß ihm der Kopf platzte. Seit einem halben Jahr waren fast alle Parteikunden wie die Schatten in all« Winde zerstoben, ohne die Schulden in seinem Laden zu bezahlen. Immer öfter und frecher meldeten sich die Spitzel,— und jetzt erscheint diese ehrliche Haut aus der Provinz und weist nicht einmal, dast der„Ausschust" noch im Januar verhaftet worden ist, und dast durch die Krisis in der Partei und durch die Dezi- nrierung alles kopfheister gegangen ist!— Seitdem waren drei neue„Unterbureaus" ausgehoben, und der kommt nun daher mit seiner Frau Wojdalinska, als hätte sich nichts ver- ändert! Angenehmer Mitbürger! Etwas verspätet mit seinem wichtigen Geschäft! Was konnte es denn jetzt noch für wichtige Angelegenheiten geben?— Mihgeschick! Unglück! Schlich!— Könnte man nur rasch vergessen, dast etwas war! Herr Kasimir vertiefte sich in die Erwägung, ob dieser verspätete Genosse am Ende nicht etwa gar ein Spitzel war. Er sah zwar anständig aus, aber auch die Spione sahen an- ständig aus. „Fräulein Sophie," rief er seiner Gehilfin zu, die sich im Hinterziminer befand,„was denken Sie über den Mann, der eben hier war?" „Das war sicher einer der Unserigen... Man hätte ihm beistehen müssen." „Was kann ich ihm helfen? Seit sechs Wochen war kein Mensch mehr bei uns. Ich weist nichts und will von nichts wissen." „Man hätte ihn vielleicht hu Stepkowski schicken sollen!" „Ja, weist ich denn, wohin er gehört? Weist ich, ob Stepkowskis nicht schon verhaftet sind? Entweder sie werfen ihn zur Türe hinaus, wenn er nicht zu ihnen gehört, oder ich reite sie hinein, wenn es ein Spitzel ist, oder endlich, ich ver- derbe ihn selbst, wenn jene verhaftet sind und in der WoH- nung eine Fall« ist.— Der Teufel soll's holen! Was kann ich dafür, dast er sich verspätet hat?" „Wenn er klug ist, wird er sich selber helfen!" „Er sagt, er kennt niemand. Es tut mir ja leid, aber ich habe meine Pflicht getan. Wenn jeder so vorsichtig wäre wie ich, würden nicht so viele hereinfallen..." Der Eintritt eines Herrn mit einem kleinen Mädchen unterbrach das Gespräch. Herr Kasimir legte ihm Waren vor, redete ihm zu und unterhielt ihn. Nach einer Weile trat wieder ein Mann ein und wurde von Fräulein Sophie be- dient. Nach kurzer Zeit bezahlten die Kunden und gingen. „Nun, was sagen Sie? Schöne Zeiten, was? Es scheint, dast man mich bald wieder einstecken wird. Haben Sie sich die beiden genau angesehen?" „Ganz gewöhnliche Leute." „Spitzel, der eine und der andere!" „Was fällt Ihnen ein?" „Der bei mir gab vor, kaufen zu wollen, während das Töchterchen immerzu in das Zimmer hineinsah. Sie ging sogar hinter den Ladenttsch. um bequemer hineinzublicken." „Das ist doch nicht auffallend. Wie eben ein Kind im Geschäft!" „Ja, wie das Kind eines Spitzels! Jetzt fangen sie gar an, die Kinder mitzubringen, um noch unbefangener und bequemer spionieren zu können. Das erregt ja gar keinen Verdacht. Sie selbst lachen und sagen: ein Spitzel mit einem Kind!— Und dahinter steckt eine verfluchte List!" Fräulein Sophie lachte. „Den, den Sie bedient haben," fuhr er fort,„kenne ich bestimmt. Er war schon einmal hier und fragte nach dem Bureau— ich erinnere mich genau, es war im November.. ES war ein Provokateur, der nur zum Schein gekauft hat, Er wustte selbst nicht, was er wollte, hat sich immerzu um- gesehen. Erst sollten es Knöpfe sein, und dann kaufte er eine Krawatte. Die Kerle hat mir jetzt dieser„Bruder aus der Provinz" auf den Hals gehetzt. Ein angenehmer Mitbürger!" Fräulein Sophie zuckte die Achseln und befastte sich schweigend mit ihrer Arbeit. Sie überlegte, wo sie eins Stellung suchen sollte, wenn der Chef völlig verrückt wird. Nach einer Weile trat Herr Kasimir zu ihr und sprach flüsternd: „Sehen Sie den, der wie ein Bote aussieht? Er steht schon wieder drüben auf der Straße. Ich habe ihn gleich erkannt!— Geben Sie acht, Fräulein Sophie, heute holen Sie mich wieder! Gerade vor Ostern— es ist mein Ruin! Aus ist's, fertig! Jetzt kaufe ich mich nimmer los! Sie stecken mich in die Festung, und dort werde ich sterben! Heute nacht werden sie kommen!..." „Gehen Sie lieber etwas spazieren, erholen Sie sich.. „Spazieren?— Wenn mich alle Spitzel kennen?— Wenn mich alle Provokateure kennen? Nein, besser ich lasse! nnch hier verhafte». Wenn sie einen von der Straße nehmen, setzt es auch noch Prügel." „Vielleicht gehen Sie zur Ochrana und sprechen mit den Leuten! Geben Sie ihnen fiinfzig Rubel, und Sie haben eine Zeitlang Ruhe.— Mag der Schuft kommen und sich Waren dafür aussuchen. Dabei verdienen Sie immer noch vierzig vom Hundert." „So? Damit ich für einen Spitzel gehalten werde?— i Damit mir einer von den Kampfgenossen, die jetzt los- gekoppelt in den Straßen herumlaufen, eine Kugel in den Kopf jagt! Was ist denn jetzt noch sicher auf dieser Welt? Entsetzlich!... Ach, was für Zeiten, was für Zeiten! Ich werde noch ganz verrückt, Fräulein Sophie!" Fräulein Sophie gab ihm betrübt im stillen recht. Indessen ging Weszycki durch die Stadt auf der Suche nach seiner Partei. Er rechnete mit dem Zufall, daß er viel- leicht einen von den wenigen Bekannten, die er hatte, auf der Straße treffen würde. Doch er traf nur an verschiedenen Stellen der Stadt kleine Haufen von Menschen, die unter Bedeckung nach dein Rathaus gebracht wurden. Sah zu, wie die Leute auf der Straße revidiert wurden. Einmal sah er, wie zwei anständig gekleidete Herren einen dritten ebenso an-' ständig gekleideten plötzlich und ohne jeden Anlast unter die Arme nahmen und in eine Drchchke schleppten. Zweimal stellte ihn eine Polizeipatrouillc und Prüfte seinen Paß. End- lich begab er sich ans Ende der Stadt in eine Fabrik, wo er• früher während der„Freiheitstage"»eine Versammlung besucht hatte.— Vielleicht erkennt mich dort jemand, dachte er. Doch der Portier liest ihn nicht ein. Weszycki erinnerte sich seiner von jener Versammlung noch ganz genau. Damals hatte er jeden, der wollte, eingelassen und gleichsam die Honneurs des Hauses gemacht. „Ich habe ein sehr wichtiges Geschäft! Ich komme von weither gefahren... Ich kenne Sie genau, Genosse, er- inner» Sie sich an die Versammlung, die hier war! Ich selbst habe damals gesprochen. Es waren auch mit uns die Genossen Sokol, Michas, Wojciech, die Genossin Lucia, Lucyna..." „Ich bin weder Ihr Genosse, noch kenne ich überhaupt jemand von der Partei. Ja, hier waren viele Versamm- lungen, aber das hat nun längst ein Ende. Gott sei Dank! Hier in der Fabrik werden Sie niemand finden!— Hier wird gearbeitet, hier gibt es niemand von der Partei!" „Wie denn? Die ganze Fabrik war damals doch unser!" „War, war! Was war damals nicht alles!... Es kommandierte, wer gerade wollte. Aber jetzt ist wieder Ord- nung. Ich kann Ihnen nicht helfen..." „So zeigen Sie mir doch wenigstens jemand vom Fabrik- komitce. Mehr will ich ja gar nicht. Ich lasse Ihnen hier hundert Rubel als Pfand,— zum Beweis, daß ich kein Spitzel bin. So helfen Sie mir doch, Mensch!" „Stecken Sie Ihr Geld ein!— Wie sagten Sie,—> Fabrikkomitoe?" „Ja, da? die Fabrik leitet!"> „Gehen Sie durch den Hof, gleich hinterm Kesselhaus 15S finden Tie die Aufschrist..Kontor". Tort ist der Tircktor und die Beamten. Tort ist die Leitung." Weszycki ging bis zum Mittag vor der Fabrik herum. Als die Sirene ertönte, und die Arbeiter durch das Tor hinauszuströmen begannen, mischtr er sich unter sie, sah sich uni und horchte. Doch die Arbeiter beeilten sich, und er er- .haschte kein Wort, das darauf hätte schließen lassen, daß sie zur Partei gehörten. Er inachte sich endlich aufs Geratewohl an einen heran, erzählte ihm, was ihn bekümmerte, und sprach offen, damit der andere gleich sehe, daß er ein Zu- gehöriger und Anständiger war. »Ja,, sehen Sie," meinte der Arbeiter,„ich habe nie einer Partei angehört, aber ich kann wohl sagen, ich kenne der- fchiedene. Und Sie, was sind Sie?" „ULK." „Wie das?" „Nun, einfach." „Ja, aber von welcher U?8.?" „Von der bekannten. Von der polnischen Parteil" „Schon gut. Doch es gibt eine linke und eine rechte. Wieso wissen Sie das nicht?" Weszycki verstand nicht. „Was sind Sie für ein Parteimitglied, wenn Sie das uicht wissen." „Ich verstehe kein Wort." „Nun, so geben Sie acht. Es gab eine Krisis, das heißt, es sind jetzt zwei Parteien entstanden, die einander noch schlimmer bekämpfen, als früher die ITK. die SDK.... Die alte Partei aber eristiert nicht mehr." „Existiert nicht mehr?" „Schon länger als vier Monate. Ich will Sie nicht der- letzen, aber das sieht ja aus, als wären Sie nie bei einer Partei gewesen, wenn Sie das nicht wissen I" lForUetzuiig folgt.) Kegrabnisfe. Von Alfons Petzold. I. Eine schwere, riesige Trauerfahne schlägt in trägein Ge- Wimpel gegen Fenster und gclbgraubrüchiges Mauerwerk des großen Zinshauses.' Aus der Straße drängt sich eine schwarzgekleidete, trauerum- florte Menschenmenge um das mit nachtdunklem Tuch drapierte Haustor. In der hohen Wölbung der Toreinfahrt, darin sonst Kinder mit den fröhlich klappernden Murmeln spielen, schwimmt in einer Atmosphäre von Weihrauch, Kerzendunst und Treibhausblumen- schwüle wie ein silbernes Schiff mit dem ebenholzenen� Kruzifix als Mastbaum und den seidenen Kranzschleifen als Segel ein m �nächtiger Sarg. Gin Gewoge von Blumenkränzen umgibt mit seiner wachs-- gleichen Wintcrpracht sein fußende. Sechzehn feierlich-düfter brennende Windlichter umsäumen ihn. Brausende Glockentöne dringen durch jedes Wandgefüge und Dachgcramme, kündend dem verstecktesten Gelaß: „Ein reicher Mann des Bezirks wird begraben!" Und die klatschmäuligc Neugier stürzt aus den Häusern und pflanzt sich ent.ang der Straße auf. Und Haß, Netd, üble Nachrede kriechen gleich eklen Schlangen dem Leichenzug voraus. Grell und mißtönend fliegen die Worte des Vorbeters in die Geräusche des Wehklagens, die ihnen wie ein höhnisches Echo nachhallen. Die drei Priester an der Tete des Zuges, in ihre schweren goldbrokatencn Festiieider gehüllt, schleichen unter dem starken Strahle der Nachmittagssonne gelangweilt und voll übler Laune dahin. In keinem Auge der vielen Leidtragenden, die dem Sarge folgen, brennt eine Träne. Die Frauen strecken die Hälse nach ihren Spiegelbildern in den Auslagescheiben, an denen sie im Schreiten vsrbeikommen, aus und mustern sich gegenseitig mit schiefen Blicken. In den Reihen der Männer stöhnt einer unter der Last seines nettes auf:„Herrgott, Hab ich einen Durst!" Manch zustimmender Blick trifft den Dicken. _ Durch das Tor des Friedhofes zwängt sich der lange Zug, wie eine träge, bollgefressene Riesenschlange. Die Sargwinden knarren— irgendwer hält eine Leichenrede — die drei Priester sprechen hastig ihr„Reguicscst in pace" auf den gruftwärts schaukelnden Sarg hinab. Kaum, daß die erste Schaufel Erde in das Gruftdunkel hinab- rieselt, drängt sich schon alles zum Friedhof hinaus, über die Straße in das Restaurant und läßt dort wenige Minuten später bei Bier und Wein den reichen Toten leben. II. Ist auch einer gestorben. dreißig Schwerkranken. Tic Totcnkammer, in der sein Leichnam aufgebahrt liegt, ist so licht und luftarm wie die Werkstättc, in der j;r sich den Keim zu seiner Todeskrankheit geholt. Eine blakende Stearinkerze blin- zeit scheu über das schmutzige, geflickte Bahrtuch hin, das den rissigen, braungcstrichencn, weichhölzcrnen Armensarg bedeckt. Tie dünnstimmige Armeseesenglocke zeigt verdrossen die Stunde der Beerdigung an. Der schnell herbeigeeilte Anstalts. geistliche macht ein lässiges Kreuzzeichen über den Sarg, murmelt einige unverständliche Worte und trabt schleunig in seine Be- hausung, zu seinem Iausenkafsee zurück. Zwei Männer schieben den Sarg in den schwarzen Kasten- wagen; der Kutscher schnalzt und hü-hot, fort gehts zum Friedhof hinaus. Tort wartet schon ein enges Plätzchen in einem Schacht- grab auf die„Armenleich", die tragen zwei Friedhofsarbeiter mit aufgestreckten Hemdsärmeln und die Pfeifen zwischen den Lippen durch das Grün der Gräber. Zwei Freunde des Töten und ein Mädel, das bitterlich in seine Sonntagsschürze weint, folgen dem Sarg. Einer der Ar» beiter steigt in den schon mit einigen Särgen angefüllten Schacht— „Ho ruck", der Neuangekommene hat seine Ruhstatt gefunden. Keine Gebete, die laut und aufdringlich in das blühende Fliedcrgebüsch fallen, keine Reden— Nur leise, zaghaft weint es wie die Stimme eines armen Kindes, hinter der schwarzklothencn Schürze hervor:„Pfüat di Gott, psiiat di Gott!" Als die drei Leidtragenden, jeder nach seiner Weise, Abschied genommen haben von dem Freunde, Kameraden und Lehens- genossen, gehen sie still nach Hause. Nach Hause in die kleine Kammer, die der Tote mit seinem Mädel bewohnte. Der Stube einziges Fenster blickt über Felder und Gärten in der Richtung zum Friedhof hinüber. Allmählich verdämmert der sonnige Tag Die drei sitzen am Fenster und schauen in den kommenden Abend. Lange schauen sie.... Da sagte der eine der Freunde: „Der arme, arme Teufl!" Nach einer Weile der andere: „Na, er hats überstandn, auf uns warts no!"� Und wieder nach einer Pause, ganz, ganz leise das Mädel: „Und so viel lieb hat er mich ghabt. Pfüat di Gott, Toni, Pfüat— vi— Gott!" Zur Osterfrage. Von Prof. Wilhelm F o e r st e r(Berlin). Tie mit der übergroßen Veränderlichkeit des Osterdatums verbundenen Ucbelstände werden bei dem diesjährigen Osterfest wieder einmal besonders drückend empfunden. Die etwas mehr als einen ganzen Monat erreichenden Schwan. kungen dieses Datums im Sonnenjahr könnten so einfach auf etwas weniger als eine Woche eingeschränkt werden, wenn man es end- lich aufgibt, den Anschluß der Festzeiten an das Sonnenjahr mit dem Anschluß an die Wiederkehr von Vollmondnächten zu ver- binden, welche letzteren von den ältesten Zeiten her und in den heißen Ländern als besonders günstig erachtet wurden für Wände- rungen, insbesondere für die Wanderungen zu gemeinsamen Festen und Heiligtümern. Einen tieferen Sinn kann aber die an sich stets ernst zu nehmende Tradition auf diesem Gebiet des Gemein- schaftslebens nicht beanspruchen, und es scheint daher auch den kirchlichen Mächten unbedenklich, jene uralte, aber�jetzt bcdeutungs- los gewordene Fessregel durch eine lediglich dem Sonnenjahr anzu- passende zu ersetzen. Man hatte demnach begonnen, sich in den weitesten Kreisen der nach dem Gregorianischen Kalender rechnenden Kulturländer, mit vorläufiger Zustimmung der kirchlichen Autoritäten, dahin zu einigen, daß von einem bestimmten Jahre ab der erste Sonn» tag nach dem 4. April als der Ostersonntag gelten solle. Dies würde beispielsweise in den nächsten fünfzehn Jahren von 1915 ab für das Datum des Ostersonntagcs folgende Reihen ergeben: 1915 April 11. 1920 April 11. 1925 April 5. 1916 April 9. 1921 April 10. 1826 April 11. 1917 April 8. 1922 April 9. 1927 April 10. 1918 April 7.. 1923 April 8. 1928 April 8. 1919 April 6. 1924 April 0.■ 1929 April 7. Zur Vergleichung möge hier für die fünf Jahre von 1913 bis 1917 die Reihe der Ostersonntage nach der jetzt geltenden Regel angefügt werden: 1913 März 23.... 15 Tage früher als im Vorjahre > 1914 April 12.... 20„ später», 1915 April 4.... 8. früher„. 1916 April 23.... 19„ später,»» 1917 April 8.... 16. früher.«„ In dieser letzteren Reihe kommt schon innerhalb von fünf Jahren ein Datumsunterschied des Osterfestes von 31 Tagen vor» »vogegen in der vorhergehenden Reihe nach der neuen Formel die größte Verschiedenheit des Osterdatums nicht mehr als sechs Tage betragen könnte. Man hat aber sogleich noch mehr erreichen wollen, nämlich «in ganz unveränderliches Datum fjir das Osterfest ohne Aufgebung der Stellung des Osterfestes in der Folge der Wochen- tage. Es lag nahe, die hierzu erforderliche Aufgebung der unter- brechungslosen Folge der Wochentage zu verbinden mit einer neuen und gleichmäßigen Verteilung der Tagesanzahl des ganzen Sonnenjahres auf die zwölf Monate. Das Problem dieser weitergehenden Kalenderrcform, dem schon die erste französische Republik durch dei Annahme des altägyptischen Sonnenkalendcrs, mit gänzlicher Unabhängigmachung von der Woche und von dem Monde, eine Lösung zu geben versucht hatte, findet jetzt natürlich viele verschiedene Bearbeitungen. Bei der Beurteilung der Zweckmäßigkeit solcher mehr oder minder tief in die Lebensgewohnheiien eingreifenden Reformen entsteht nun die überaus schwierige Erwägung, ob die für gewisse bestehende Einrichtungen vorgeschlagenen Verbesserungen in abseh- barer Zeit imstande sein werden, die unvermeidlichen Schwierig- leiten und Gegenwirkungen, die das Gewohnte dem Neuen ent- gegensetzt, erfolgreich zu überwinden. Für den oben dargelegten einfachen Vorschlag einer sehr er- heblichen Verminderung der Veränderlichkeit des Osterdatums darf dies mit voller Zuverficht bejaht werden. Die nach Einführung jener neuen Osterregel noch verbleibenden Schwankungen des Da- tums der Festzeiten sind eigentlich nur noch sozusagen„Schön- heitssehler". Anders sieht es aus mit denjenigen weitergehenden Kalenderreformen, die von dem in London abgehaltenen inter- nationalen Kongreß der Handelstage auch empfohlen worden find. So klug und sinnreich diese Vorschläge, deren nähere Erörterung hier zu weit führen würde, auch bedacht sind, so muß man doch sagen, daß sie dem Gewohnheitsleben gegenwärtig noch zu starke Aenderungen zumuten, und daß sie andererseits für die künftige, rechnerisch bequemste Gestaltung eines dem ganzen Erdenleben gemeinsamen geschäftlichen Weltkalenders mit gemeinsamen Be- Zeichnungen usw. auch noch nicht genügend durchdacht sind. Es erscheint sehr woh> möglich, daß es künftig einen solchen Weltkalender geschäftlicher Art geben wird, neben dem die alten traditionellen Kalender, nur von ihren veralteten Einrichtungen befreit, im intimeren Leben der von der Vergangenheit her näher verbundenen Gemeinschaften weiter bestehen könnten, wie es z. B. im Orient die islamitischen Mondkalender neben dem gcschäft- lichcn Sonnenkalender tun. Wir dürfen jedenfalls hoffen, daß die kirchlichen Institutionen — denn diese find in der Osterfestfrage die traditionell entscheiden- den, und nicht die Regierungen— schon von den nächsten Jahren ab uns durch die Verkiindung der obigen vereinfachten Osterformel von den immer erheblicher gewordenen wirtschaftlichen Uebelständcn der alten Osterrechnung erlösen werden, und daß dann auch der Osten Europas'sich diese'' einleuchtend verbesserten Kalender- gemeinschaft gern anschließen wird. ßazUUnträcfcr. Je mehr die öffentliche Gesundheitspflege sich mit der Bekämpfung der Infektionskrankheiten beschäftigt hat, desto häufiger hat sich der «mwandfreie Befund ergeben, daß Menschen, die selbst gar keine Symptome der Infektionskrankheit, etwa deS Typhus oder der Diphtherie, zeigen, die Krankheitserreger weiter verschleppen. Man bezeichnet sie als Bazillenträge r. Sie beherbergen in ihrem Körper, in der Mundhöhle, dem Darm, der Niere, die schädlichen Parasiten, ohne selbst im mindesten einen kranken Eindruck zu machen. Gerade weil sie sich vollkommen gesund fühlen, verschleppen sie die Krankheit viel eher als andere, die einen schwerkranken Eindruck machen und mit allen Vorsichtsmaßregeln der modernen Seuchenbekämpfung vom freien Verkehr zurückgehalten werden. Erst kürzlich hat die plötzliche Häufung von Typhusfällen in einem Bataillon des Hanauer Eisenbahnregiments die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. In kurzer Zeit sind mehr als 200 Leute desselben Bataillons an Typhus erlrankt, während bei den übrigen Bewohnern von Hanau eine Zunahme der Krankheit nicht festgestellt wurde. Es lag auf der Hand, daß die ouf einen so begrenzten Bezirk beschränkte Infektion durch eine ganz besondere Ursache veranlaßt sein mußte. Durch Trinkwasser oder durch Milch konnte die Krankheit nicht verbreitet sein, da in diesem Falle auch andere Menschen aus Hanau an Typhus hätten erkranken müssen. Der Infektionsherd müsse demnach im Innern deS Bataillons« Betriebe* selbst liegen. Das hat die eingehende bakteriologische Untersuchung denn auch bestätigt. Es stellte sich heraus, daß eine in der Mannschaftsküche beschäftigte Kartoffelschälfrau, die vor zwölf Jahren Typhus überstanden hatte, die Infektionsquelle der ungeheuer um sich greifenden Krankheit lieferte. Die harmlose Frau war die verhängnisvolle Bazillenträgerin, dabei selbst vollkommen gesund. Sie war bei derZubereitung von Kartoffelsalat tätig gewesen, den die Mannschaften des betreffenden Bataillon? ge- Nossen hatten. Damit erklärte sich einwandfrei, warum nur diese Mannschaften, nicht auch andere, die mit ihnen zusammeukamen, von der Epidemie betroffen waren. Durch die Bazillenträgerin waren die Typhuskeimc auf die gekochten Kartoffeln beim Schälen über- tragen, hatten sich hier, da die Kartoffel einen ausgezeichneten Nähr- boden für Typhusbazillen bildet, ungeheuer vermehrt und von da am gleichen Tage den Weg in den Darmkanal der Mannschaften gefunden. Der TyphuS ist hier nicht epidemisch über eine ganze Stadt, über einen ganzen Bezirk verbreitet gewesen, sondern vielmehr auf einen einzigen Herd beschränkt geblieben, auf die Kaserne des Eisen- bahn-Regiments. Man spricht in solchen Fällen besser von einer endemischen Verbreitung der Krankheit. Aehnliche Beobachtungen sind in früherer und neuerer Zeit sehr häusig gemacht. Aber erst seitdem man weiß, daß Menschen jahrelang in ihrem Körper Typhusbazillen großzüchten und auf die eine oder andere Weise auf Gesunde übertragen können, ist daS rätselhaste Auftreten dieser endemischen Tyvhusinfektionen voll ge« klärt. Auch die Tatsache, daß in bestimmten Wohnstätten, den be- rüchtigten„Typbushäusern", immer neue Bewohner an TyphuS erkranken, ist fast immer durch die Ermittelung derartiger Dauer- aussKeider restlos geklärt worden. Der Hanauer Fall ist ein klassisches Beispiel für die Ursache einer derartigen TyphuSendemie. Wir müssen daraus die erforderlichen Konsequenzen ziehen. Es ist erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit bekannt, daß der Typhus unter Umständen einen so chronischen Charakter zeigen kann. Wir kenne» den TyphuS alle unter dem Bilde einer mit hohem Fieber verlaufenden, ganz akuten Jnfektions- krankheit. Daran ändern auch die neuen bakteriologischen Fest- stellungen nichts. Räch drei� vier oder fünf Wochen ist die akute Krankheit meist von den«chntzvorrichtungen deS Körpers über- wunden; zuweilen kann sie sich auch etwas länger hinziehen. Jetzt wissen wir aber, daß nicht immer mit dem Verschwinden der sub- jektiven Krankheitssymptome auch die Erreger der Krankheit, die Typbusbazillen, endgültig beseitigt find. In der Mehr- zahl der Fälle freilich trifft auch das zu, hört die Ausscheidung von Typhuskeimen auf. In einigen aber, nach neuere» statistischen Angaben in b Fällen von 100 bleibt eine chronische In- fektion mit Typhusbazillcn bestehen, dauert die Ausscheidung der Keime noch monate- und jahrelang fort. Diese Dauerausscheider oder Bazillenträger bilden eine ständige Gefahr für ihre Umgebung. Da sie sich selbst völlig gesund fühlen, geht es auch nicht an, sie aus Jahre ihrer Freibeil zu berauben, sie in einem Krankenhause oder einer geschlossenen Anstalt unter- zubringen. Denn sie sind ja eigentlich selbst, nicht mehr krank, sie haben die Infektion glücklich überstanden und der- fügen in ihrem Körper über genügende Schutzstoffe zur Un- schädlichmachung der pathogenen tkranlheitserregenden) TyphuS- bazillcn, die sie noch beherbergen. Aber andere Menschey, die gegen Typhus nicht geschützt, nicht auf natürliche Weise immunisiert sind, können jederzeit durch die Bazillenträger infiziert werden. Die Keime, die dem Bazillenträger selbst unschädlich find, werden wieder höchst virulent lgütigj, wenn sie auf einen neuen Nährboden, auf einen neuen Wirt übertragen werden. DaS kennen wir von zahllosen anderen Bakterien auch. Die Gonokokken, die Erreger des so ungemein verbreiteten Harnröhrentripper, ver- lieren gleichfalls im Laufe der Zeit ihre Virulenz, ihre Giftigkeit, für den Wirtsorganismus. Kommen sie— und das geschieht sehr häufig— in den Körper eines neuen Menschen, so erlangen sie schon nach ivenigen Tagen ihre frühere Virulenz wieder und erzeugen die charakteristischen Symptome der Gonokokkeninfektion. Eine andere Krankheit, die nicht selten durch Bazillenträger ver- breitet wird, ist die Diphtherie. In der Regel verschwinden die Diphtheriebazillen aus dem Munde und Rachen des Erkrankten nach vier bis sechs Wochen, zlitveilen schon früher. Da die Keime charakteristische Wuchsformen haben, läßt sich das bakteriologisch mit großer Sicherheit feststellen. In vereinzelten Fällen bleiben die Diptheriebazillen aber noch monatelang nachweisbar. Der be- treffende Mensch fühlt sich dabei völlig gesund, hat kaum noch irgendwelche Beschwerden, da er durch die Schutzeinrichtungen deS Körpers immun, unempfindlich gegen das Diphtheriegift geworden ist. Wir brauchen nicht zu betonen, daß auch er eine ständige Ge- fahr für seine Umgebung bildet, um so mehr als die Diptherie nicht selten durch Anhusten Gesunder von kranken bezw. bazillen- sührenden Menschen übertragen wird. Ans diese Weise haben sich Aerzte häufig bei der Untersuchung Diphtheriekranker infiziert. Immerhin liegen die Verhältnisse bei der Diphtherie nicht so verwickelt wie beim TyphuS, da die Diphtheriekranken nach dem Stande der beutigen Untersuchungen die Keime nicht so lange mit sich herumschleppen, wie es nachweislich die Dauerausscheider der Typhusbazillen tun können. Räch einigen Monaten sind ge- wöhnlich die infektionsfähigen Diphtheriebazillen aus der Mundhöhle verschwunden. So lange kann man die Kinder, die ja in der überwiegenden Mehrzahl von der diphtherische» Erkrankung heimgesucht werden, gut von anderen isoliere», ent- weder im Krankenhaus oder in der Wohnung, kann sie vom Schul- besuch fernhalten und ähnliche Schutzvorkehrungen treffen. DaS läßt sich aber nicht für die Typhusbazillenträger durchführen. Beispiels- weise kann die Frau, die in Hanau die Typhusepidemie oder-endemie verursacht hat auf Grund einer Erkrankung, die sie vor zwölf Jahren überstanden, unmöglich aus Jahre ins Krankenhaus gesteckt werden. DaS würde ihr und allen Personen, denen«S ähnlich ergeht, am allerwenigsten Pasten. Da die anderen Menschen aber vor solchen Infektionsquellen geschützt sein wollen, ist es tatsächlich äußerst schwierig, ohne Verletzung der persönlichen Freiheit den richtigen AuS- weg zu finden. Zunächst ist e» erforderlich, an daS soziale Gewissen der- artiger Bazillenträger zu appellieren, ihnen bewußt zu machen, daß sie durch leichtsinnigen Umgang unsägliches Leid über andere Menschen bringen können. Tatsächlich sind ig Hanau schon eine ganze Reihe von Soldaten der Typhusinfektion erlegen. Aeußerste Sauberkeit zum mindesten, womöglich ausreichende DesinfektionSinaßregeln sollten alle Menschen, die als Dauerausscheider bekannt find, unter schuldiger Rücksichtnahme auf ihre Mitmenschen beobachten. Außerdem erfordert cS die soziale Hygiene, daß sie zur Herstellung und Zubereitung von Nahrungsmitteln im Gewerbebetriebe und im Hause nicht zugelasien werden. Wenn darunter die Erwerbsfäbigkeit der Bazillenträger leidet, so muß ihnen vom Staat im Interesse der öffentlichen Ge- snndheitspflege eine entsprechende Entschädigung gewährt werden. Auf welche Weise übertragen die Dauerausscheider nun die Keime auf andere Menschen? Diese Frage ist sebr berechtigt, da, wie wir wissen, die Typhusbazillen mit dem Harn und dem Kot nach außen entleert locrden, also mit Produkten, die wir im allgemeinen nicht in die Mundhöhle geiunder Mitmenschen zu bringen pflegen. Immer- hin bleiben bei der Harn- und Kotentleerung Partikelchen der Abfall- rodukte an den Fingern hänge», um so mehr bei Vernachlässigung er notwendigen Sauberkeitsmaßuabmen. Bedenken wir nun, daß in einem Kubikzentimeter<1 ccrn) Harn 150 Millionen Typhuskeime nachgewiesen wurden, daß der Kot zuweilen eine Reinkultur der schäd« lichen Parasiten darstellt, so wird es verständlich, daß schon durch ein geringfügiges Partikelchen von Harn oder Kot, daS mit den Fingern in ein Nahrungsmittel, in Trinkwasser oder ein anderes Vehikel gelangt, eine ausgedehnte Typhusepidemie hervorgerufen werden kann, zumal die Bazillen sich auch außerhalb des mensch- lichen KörperS auf geeigneten Nährmaterialien rapide vermehren. Warum der Typhus in einem Fall schnell ausgeheilt wird, im anderen, wenn auch ohne Beichiverden für den Träger, monate- und jahrelang als chronische Infektion bestehen bleibt, ist nicht leicht zu entscheiden. Die Statistik lehrt, daß Frauen viel öfter als Männer Bazillenträger sind i auf einen männlichen kommen vier weibliche Bazillenträger. Man hat das mit den häufigen Gallcnsteinleiden der Frauen in Zusammenhang gebracht. Sicher erwiesen ist, daß die chronische Ausscheidung von TyputSbazillen durch den Darm stet« auf einer Infektion der Gallenblase und der Gallengänge beruht, die fortgesetzte Ausscheidung mit dem Harn hingegen aus einer Verschleppung der Typduskcime in da« Nierengewebe. Aus diesen Drüsen gelangen die Bazillen immer wieder mit den natür- lichen Entleerungen noch außen. Auf eine besondere Art von Bazillenträgern müssen wir zum Schluß noch hinweisen. Wir haben bisher nur von solchen ae- sprochen, die früher selbst einmal erkrankt waren und von dieser Infektion her die Keime noch mit sich herumschleppen. Nun gibt eS nachgewiesenermaßen aber auch Individuen, die pathogene Bakterien beherbergen, ohne selbst dadurch irgendwie beeinträchtigt oder gar t eftig erkrankt zu sein. Menschen, die nie sichtbare Zeichen von syphuS gehabt haben, aber doch Bazillen führen, find selten. Viel häufiger sind schon derartige Vermittler al« Diphtherieüberträger. Namentlich Erwachsene, die selbst für Diphtherie wenig empfänglich sind, übertragen die lkrankdeitserreger, die sie von kranken Kindern mitbringen, auf andere, die noch nicht immun find. DaS gleiche gilt für die epidemische G e n i ck st a r r e. die auch durch gesund ge- bliebene Ileberträger der schädlichen Bakterien, der Meningokokken, verbreitet wird, wiederum namentlich, aber nicht ausfchließlich auf empfängliche Kinder. Etwas Aehnliches gilt schließlich auch für die spinale Kinderlähmung, die zuerst in Schweden epidemisch aufgetreten, heute schon über den ganzen Kontinent verbreitet ist. Auch diese Erkrankung, deren Erreger man noch nicht hat feststellen können, wird oft durch Bazillenträger verschleppt.