AnlerhaltungMatt des Horwiirts Nr 44. Dienstag den 4. März 1913 � Gcfcbicbte einer Bombe. Von Andreas©trug. Durch die riesigen Fenster des Kaffeehauses sah Camille auf das Gewandhaus*), auf die Türme der Kathedrale, auf die Leute, die auf dem Ningplatz gingen, und sah vor sich gleichsam nur eine unermeßliche, mathematisch ebene, weiße Fläche. Kalt, öd... Das, worauf seine Augen blickten, schien ihm etwas längst Erlebtes, Ueberlebtes. Die Erinne- rung an irgendeine Vergangenheit irrte in seinem Kopf herum und verhinderte ihn, vernünftig an das zu denken, was ist. Als gäbe es auf der ganzen Welt nichts außer dieser öden, kalten Weite. Man konnte sein Leben damit verbringen, um bis an ihre Grenze zu gelangen, � diese weiße Welt hatte kein Ende. Kein Weg war auf ihr, nichts, was eine Richtung zeigte. Keine Spur eines Lebewesens. Alles tot und taub. Die stillen Gedanken lösen sich von der Seele ab, wie Seufzer. Sie ziehen in die Ferne, um für immer zu ver- schwinden. Sie huschen über die eisige Ebene wie Wölkchen von feinem Schneestaub. Schon bläst sie der gegenwärtige Augenblick, der vergeht, auseinander. Eine verzweifelte Frage steigt auf. Taub und tot. Sic wartet auf keine Ant- wort und verstummt inmitten der weißen Wüste. Unfaßliche Einsamkeit I Ein lvahnsinniger Schrecken ergreift die Seele. Preßt sie mit unbarmherzigen Windungen zusammen und hält sie fest. Zieht seinen Knoten enger und würgt. Man weiß nicht, wohin zu fliehen. Man weiß, es gibt kein Ziel. Dieser Raum verschlingt jede Anstrengung. Er hat keine Grenzen, ist ewig. Camille schüttelte mit einer gewöhnlichen menschlichen Bewegung die Fessel der lähmenden Erscheinung von sich. Er überlegte und prüfte suchend, woher sie wohl entstanden ivar. Diese weiße, unendliche, kalte, öde Ebene. Wann war sie? Eine eisige Steppe bedeckte den mächtigen wie ein Meer über seine Ufer getretenen Fluß des Nordens. Fern in den Nebeln verbargen sich die fernen Küsten. Wüst, eben, schauer- lich. Bedrückend, schrecklich, einsam... Doch nein. Es sind die unermeßlichen Schneefelder des Aletsch- gletfchers. Niedrig streichen über ihn die Nebel. In den Wolken sind nah und fern die Gipfel— ringsum nichts als Schnee ohne Ende. Der Glanz blendet die Augen. Die Oede, die schauerliche Stille schmerzt die Seele... Doch nein. Er lächelte seinem Geheimnis zu. Er hatte es schon er- raten. Es war der Tod. Sein Tod. Wie mußte man die große weiße Wüste lieben I Wie mußte man die toten Fluren der Ruhe, des Vergessens segnen! Für alle Ewigkeit, für das unendliche, überinenschliche Immer sind die blutigen Ereignisse, schrecklichen Bilder, die beschwer- lichen Gednnken dahin, und mit ihnen auch das eigene unend- liche Leid. Von all dem blieb nichts zurück. „Nie wird der menschliche Verstand das Nichts zu erfassen vermögen", dachte er.„Noch sieht die glückdursti�e Seele nicht das Unmaß ihrer Wonne. Doch schon ahnt sie die Wahr- heit des Todes und beugt sich anbetend vor ihren Wundern und Gnaden. * Durch den großen Saal schoben sich die Gäste, tönten Stimmen, Lachen, das Klirren von Glas und Geschirr. In einer Ecke saß eine Gruppe von Bekannten in lauter, lebhafter Unterhaltung. Er erkannte die Stimmen, erkannte die Ge- sichter, er erinnerte sich an alles, was er von diesen Menschen wußte. Aber wenn er auf sie sah, schien es ihm, daß dies ferne Bild erlebter Dinge unnütz aufgestiegen war und ihn daran hinderte, sich mit Inbrunst in dies eine zu vertiefen, was in diesem Augenblick einzig wirklich war: in diese ebene, weiße, unendlich ausgedehnte und ewig einsame Fläche einer anderen Welt. •) Berühmtes altes Gebäude in Krakau. Und aus jener so ganz anders gearteten realen Welt kam jetzt auf ihn sein alter Freund und Genosse zu, den er so lange nicht gesehen hatte: Leo. Camille erbebte und in seinen Aiigen flammten Funken aus. Er sah, wie Leo zwischen den Tischen sich durchdrängte, und wie er Schritt für Schritt sich näherte. Er hatte sich nicht verändert. Camille sah ihn gleichgültig an. Sie reichten sich schweigend die Hände. „Weißt Du, schon aus Höflichkeit gehörte es sich, daß Du wenigstens ein bißchen sogenannte Höflichkeit zeigst." Camille lächelte bleich. „Diese letzten zehn Monate haben Dich verändert," fuhr Leo fort und sah ihn freundlich an.„Ich habe davon gehört, aber ich möchte gern etwas Sicheres wissen. Du mußt mir alles von Dir erzählen." „Ich muß Dir nichts erzählen." „Es soll ja kein Zwang sein. Aber vielleicht willst Tu es selbst." „Ich will nicht." „Nun, dann werde ich von mir anfangen. Bist Du nicht neugierig zu wissen, was ich fast ein Jahr lang hinter dem Gitter machte? Wunderst Du Dich nicht, daß ich aus diesem Zusammenbruch entkam, wie jene kluge Ratte?" „Mir ist alles gleich. Aber ich mag nicht, daß Du Dich verstellst. Sprich, was Du willst, doch so, wie Du es ge- wöhnt bist." „Gut. Also e? sind schreckliche Zeiten für uns gekommen. Die Leute, die entkommen sind, sind ganz verwüstet. Ich habe mich umgesehen und weiß es. Doch habe ich dies in meiner Einsamkeit schon vorausgefüblt. Rechtzeitig habe ich ein Mittel auch für diese Zeiten überlegt, und jetzt habe ich eS. Mit diesem Plan müssen sich die Leute, die noch übrig ge- blieben sind, einverstanden erklären, denn er ist das einzig Vernünftige. Du weißt, daß ich immer Realist war, und daß ich selbst in den romantischen Zeiten vor kurzem ohne Träume ausgekommen bin... Interessiert es Dich nicht?" „Nein." „Verschiedene zugrunde gerichtete Leute haben es mir schon gesagt: mit Camille ist es aus. Ich mache Dich darauf aufmerksam, dast ich Dir das nicht erlauben werde. Rede Du, was Du willst, ich lverde Dir einen Rat geben. Lächle nicht ironisch, sondern hör zu und gib Dir Mühe, mich zu verstehen. Ich weiß alles über Dich. Ick seb« jeden Deiner Gedanken. Du hast durchaus kein Recht mich zu hassen. Du hast kein Reckt, mich für einen Feind zj halten. Du bist nicht verrückt, sondern ein vernünftiger Mensch. Ich kenne Dein Leiden. Eine Medizin habe ich nicht dagegen. Aber ich brauche Dich, und die Sache braucht Dich. Und darum wirst Du nicht von mir loskommen. Du wirst hören müssen, was ich sage. Hör mich an und schweig, wenn Du nicht sprechen kannst. Der Augenblick wird schon konimcn, daß Du sprichst. Du kannst dabei auch Grimassen schneiden— laß Dich nicht im geringsten stören." Camille sah sich wieder in seinem Weißen Lande rnn. Auf seinen Lippen erschien ein leichtes Lächeln und blieb dort. Und Leo sprach mit gedämpfter Stimme, indem er ihm dicht in die Augen sah. .. Die einen setzten mir auseinander, daß die Re- Volution zu Ende sei. Andere meinen, eS sei Verrat, es zu- zugeben. Mir ist das gleich. Wenn die Revolution ist. desto besser. Wenn sie aber durch Blutverlust erschlafft ist, und jene, die entkommen sind, vor allem an ihre eigene Rettung denken,— so ist es notwendig, alle Kräfte aufzubieten und wenigstens die wenigen in einen Haufen zu sammeln, die nicht die Waffen gestreckt haben." „Die Garde stirbt, aber ergibt sich nicht," murmelte Camille. „Ich freue mich, daß Du gesprochen hast. Aber es handelt sich mir hier durchaus nicht um Ehre. Ich schreibe keine Dramen mit Menschenblut. Das wäre nur ein stra- tegisches Manöver, oder, wie man es nennt, den„Feind be- schäftigen".— Mir ist es darum zu tun, zur rechten Zeit die seelische Beschaffenheit der Masse zu enthüllen. Man muß jene gewaltige tiefe und unschätzbare iimere Verwandlung. die in der Masse vorgegangen ist. vor dem Untergang retten. Denn wenn man öffentlich verkünden und dazu noch be- gründen wird, daß die„Vorstellung zu Ende ser"— dann wird alles wieder in den alten Schlaf verfallen. Man wird die Wunden lecken, die ganze Bewegung verfluchen und vor dein Feind kriechen. Es lebt aber noch der Wille und der Haß. Zwar fehlt der Glaube an den Sieg, aber der Wunsch nach Rache lebt. Noch hat sich die genieine Seele der Meng« mit dem alten Strick nicht ausgesöhnt. Noch ist der re- belliereude, geschlagene und gefesselte Sklave aufsässig. Aber was wird morgen sein?" „Das ist mir alles gleich..." „Gut, daß Du gesprochen hast. Jmiiicr besser. Siehst Tu, morgen schon kann die Krise kommen, können Erscheinungen der Messencrniedrigung austreten. Tann stürzt alles, was noch stehen geblieben ist, zusamnien, und es ist sehr viel noch stehen geblieben. Das Wertvollste ist gerettet: die Aufleh- uung. Das muß man um jeden Preis erhalten. Ties ist meine einzige Ausgabe für heute. Tie Seele der Masse bedarf der Hoffnung, der Anreizung. Tie Seele der Masse brennt nach Vergeltung. Ter Soziologe mag das naiv nennen denn es ist naiv. Aber die Massenseele ist ebenfalls naiv, und darauf beruht ihre Ursprünglichkeit und Größe. Wahr ist, daß wir mit diesem unseren schwachen,(es ist lächerlich zu sagen) sogenannten Terrorismus nichts Reelles ausrichten werden. Aber wir werden der Masse in ihrem düsteren Schick- sal einzelne Momente, em Aufblitzen gelegentlicher Befriedigung, Augenblicke der Illusion von Macht geben— wir werden ihnen wenigstens den Schatten einer Rache bieten. Das scheint wieder sehr naiv, aber meine Absicht ist nüchtern, durchdacht und unfehlbar. Mein Ziel ist gering: ist vielmehr nur ein Mittel zu etwas, das irgend wann eintreten soll, aber für jetzt, für dies entsetzliche Inzwischen genügt auch das. Mag geschehen, was geschehen muß. Vielleicht lebt die Revolution wieder auf. Vielleicht tritt ein Umschwung ein, vielleicht kommt es zu einem neuen Krieg mit Japan oder mit andern, indessen werden wir mit diesen ganz kleinen, möglichen Mittelchcn..." „Und däeses Mittelchen— ist ein neuer See von Blut mit einem Säulengang von Galgen ringsum.. tForlletzung folgt.) Inmitten welker prackt. Gedanken von Fritz Sänger. Garmisch(Oberbaycrn), Ende Februar. Eigentlich ist es auf dieser Erde gar nicht so kreuzdumm ein- gerichtet, wie es manchmal den Anschein hat. So gibt es neben vielen anderen ganz vernünftigen und schönen Dingen auch Arbeit, Ruhe und Erholung. Für die Erholung hat man sogar die raffi- niertesten Sachen erfunden. Man denke nur an die vielen Ab- stusungen von einem Sinfoniekonzcrt bis zur Drehorgel oder von der Promenade längs der staubigen Straße bis zum Skisport in den freien, lichtumflutctcn Höhen der Alpenwelt. Es ist wirklich fast alles da, was man sich wünschen kann, und schließlich ist keine Arbeit so hart, daß es dazu nicht ein Gegenstück der Freude und der gesunden Erholung gäbe, das ihr sehr wohl die Stange halten kann. Das Dumme in dieser sonst so schön eingerichteten Welt ist nur das eine, daß es Menschen gibt, die nur immer arbeiten müssen, und dann wieder andere, die sich nur immer ausruhen, und dann wieder andere, die sich nur immer, jahraus, jahrein, erholen. Daß es nicht zuträglich ist. nur immer zu arbeiten, dafür gehen leider nur zu viel Beweise unter der Sonne herum. Man sieht da junge Menschen, die mit allen guten Gaben der Natur ausgestattet waren, in wenig Jahren als zusammengesunkenes Fragezeichen herumgehen, Fragezeichen, die an die Ordner der Tinge in dieser Welt gerichtet sind. „Wo ist die ewige Gerechtigkeit?" so schreien sie, die blassen, die umrandeten Augen--—, wir alle kennen daS; ich will nicht länger dabei verweilen. Wie ich sagte, es gibt dann Leute, die sich immer, jahraus jahrein, ausruhen--. Wovon? Ja. das ist das Geheimnis eines jeden einzelnen; der eine ruht sich vom Essen aus, und sowie er damit fertig ist, hat er wieder Appetit; so kommt er sein ganzes Leben an nichts anderes; ein anderer ruht sich den ganzen Tag von den Mühen einer lustigen Nacht aus, und da das unter Um- lwndcn beschwerlich sein soll, so ist begreiflich, daß er sich darauf wieder eine lustige Nacht leisten will usw. Wie ihnen das bekommt? Den allermeisten nicht gut. Man sieht sie selten froh, sie setzen zwar eine Miene auf, als wenn sie der ganzen Welt überlegen wären, wenn aber irgendeine ernste Tatsache oder ein ernster Mensch aus dieser Welt, die sie nur von oben herab ansehen, an sie herantritt, so zeigt es sich bald, daß s i t unterliegen. Sie geben allein für den Arzt in einem Jahre mehr aus, als ihr ganzes Leben und Bewegen für diese Erde Sinn und Wert hat, vorausgesetzt, daß sich überhaupt etwas Derartiges herausdestillieren läßt. Diese Tatsache ist nichts Verwunderliches, Leben heißt Bewegung, und zwar kräftige, kernige Bewegung, nicht nur der Muskeln, sondern auch der Nervenzellen im Gehirn, und wo das fehlt, da ist das eigentliche Leben negiert und alle Surrogate können einen, wenn auch langsamen Zerfall nicht auf» halten. Nun gibt es solche, die sich ihr ganzes Leben lang erholen. Das scheint zunächst schon besser zu gehen als das Berufsausruhen, es liegt dies in der Natur des Erholens. Das Erholen ist eine B e- t ä t i g u n g, die den inneren Ausgleich im Menschen herstellen soll. Die Natur hat die Laune, eine gleichmäßige Anstrengung aller Kräfte und Fähigkeiten iin Menschen zu fordern. Die Kultur aber, die eine immer weitergehende Arbeitsteilung mit sich bringt, will sich dem nicht fügen, und so wurden für den geistig Arbeitenden der Sport, für den körperlich Tätigen die Konzerte und Theater usw. zur ausgleichenden Notwendigkeit. Natürlich wird der geistig Tätige auch rein aus inneren Glcichgewichtsgründen künstlerische Erholung wünschen, und andererseits werden viele Arbeiter, auch wenn sie sehr angespannt sind, ihren Sonntag nicht besser feiern können, als wenn sie eine gesunde, kräftigende Tour zu Rad oder zu Fuß machen. Leider ist nun aber die soziale Lage der Dinge derart, daß es eigentlich fast nirgends so herauskommt, wie es gemeint ist. Die geistigen Arbeiter im kaufmännischen oder Fabrikbureau sind selten so gestellt, daß sie ihre Ruhetage oder wenn es so weit ist, ihre Fcrienwoche in einem der weltbekannten Kurorte zubringen können. Die seelische Hygiene der Fabrik-, Berg- und Land» arbeiter ist aber noch gar nicht erfunden, man erkennt im allge- meinen überhaupt nicht an, daß ein gewöhnlicher Arbeiter das Recht auf einen seelischen, das heißt innerlichen Ausgleich seiner Persönlichkeit habe. Erstens braucht nach der landläufigen Ansicht der„gescheiten Leute" ein Arbeiter überhaupt keine Persönlichkeit zu sein, und zweitens ist ja für einen, der unbrauchbar geworden ist, sofort wieder ein Ersatz da. Das Erholen ist also Sache der berufenen Erholer. Die Berufsvergnügungsmenschen füllen die Weltkur- orte, und sie betrachten es als ganz selbstverständlich, daß alles Schöne in der Natur nur gerade für sie da ist. Für sie hat der liebe Gott das Alpenglühen erfunden, die Nachtigallen das Singen gelehrt, den Bergbach geschaffen, der in tausend Sprüngen ins Tal hinunter hüpft. Ja, wenn nicht alles trügt, so hat der liebe Gott die Alpen überhaupt nur eigentlich für die Leute ent- stehen lassen, die aus irgendeinem Grunde viel überflüssiges Geld und Zeit zum Fressen haben. Das sieht man am besten in der Schweiz, wo fast alle besonders schönen Punkte, soweit«S sich irgendwie machen lieh, abgesperrt sind, um nur denen reserviert zu bleiben, die sonst nichts in der Welt zu tun haben, als Schönheit zu genießen und ihrerseits selber die Natur und Welt mit ihrer werten Persönlichkeit zu beglücken. Wie man das fertig bringt, sich fortwährend zu erholen? Das scheint schon eher möglich, als das berufsmäßige sich Ausruhen, denn man kann sich ja bei den körperlichen llebungen, bei Sport und Spiel von den Vergnügungen des Geistes erholen und dann, wenn man müde ist, vom Rodeln zum Beispiel, sich geistige Erholung gestatten. So ginge das im ewigen Wechsellaus und es sähe bei aller Merkwürdigkeit immer noch halbwegs vernünftig aus. Es ist auch durchaus kein übles Bild, wenn man diese jüngeren Leute, Männlein und Weiblein, da sieht, wie sie mit glühenden Wangen den Rodel den Bery hinanziehen, mit vieler Mühe; denn die Bahnen, auch die künstlich angelegten, sind sehr steil und es geht lang, bis man oben ist, und dauert so kurze Zeit, bis der Schlitten wieder unten angesaust kommt. Und sie haben einen so frommen Eifer, man meint, eS ginge um die Welt, immer wieder hinauf, langsam schwerfällig, und immer wieder hinunter in einem ach so kurzen Sausewahn. Sie sind nicht nur eifrig dabei, sie sehen auch recht schön aus, ja weiß Gott, sie sehen so aus. als wenn sie auf einmal irgend etwas regelrecht Nützliches getan hätten, sie sehen aus, als wenn sie gearbeitet hätten oder eben arbeiten würden. Aber ich will ihnen doch nicht zu nahe treten, das würden sie als eine Beleidigung empfinden, und ich will ja bloß die Wahrheit sagen. Wenn man näher hinsieht, so gewahrt man doch: sie sehen doch nicht ganz so aus wie jemand, der etwas Gewöhnliches, das heißt etwas allgemein Nützliches, arbeitet. Be« sonders wenn man ihnen nachher im Kursal begegnet, sieht man das. Sie werden diesen müden Zug nicht los, diesen seltsamen Zug im Gesicht, den man auch in den Großstädten bei den Stamm- gästen der vornehmen Cafes alle Tage in hundert Variationen finden kann. Das Konzert, das sie am Abend besuchen, freut sie im Grunde ebenso wenig, wie sie im Grunde ihre TaaeSfrcuden freuen. Vor- nehme Damen gehen in Herrenkleidern, das heißt in Hosen, die allerdings nur eben für vornehme Damen gemacht und möglich sind, so, als wenn hier in den einfachen Bergdörfern der Karneval den ganzen Winter dauern würde. Die sogenannten Sportkostüme sind längst nicht mehr auf das rein praktische Bedürfnis zuge- schnitten, im Gegenteil, sie blühen in allen Farben und Formen und lassen die Größe des Geldbeutels, der sie gekauft hat. genau so zur Geltung bringen, wie das Ballkleid oder das Auto oder irgend» ein anderer Bedarfsartikel der großen Welt. Der Sport als Beruf in dem Sinne, wie er jetzt von so vielen gepflegt wird, ist etwas ebenso Widersinniges wie Be» -ufsfaulenzcn. Wer fich davon überzeugen will, der braucht nur an die Wintersportplätze zu gehen. Es ist an sich ein unglaublich gescheiter Gedanke, gerade zetzt im beginnenden Frühjahr, wo der Kampf zwischen Warm und Kalt, zwischen Winter und Frühling im Lande ausgcfochten wird. auf den freien Höhen zu verweilen, wo es noch herrlich Winter ist, und dann herunter in die Städte zu kommen, wenn der Früh- ling gerade seinen Einzug hält. Denn so interessant dieser Kampf auch ist, für die Zuschauer hat er viel unangenehme Begleit. erscheinungen. So ist es eine famose Erfindung der Neuzeit, auch in den deutschen Alpcndörfern den Fremdenverkehr das ganze Jahr zu kultivieren. Wenn man nun dahin kommt--„Fremde' sind da. Aber wo sind sie, die von der Arbeit müde, sich an der Bergsonne neue Freuden für die Arbeit und in der Bergluft neue Kraft für die Mühen, die ihrer warten, hole»? Der Sonntag bringt einen Strom solcher Menschen mit, aber mit dem Sonntag geht dieser Strom wieder in die Ebenen hinaus, und was die Wochentage in de» Berge» verbringt, das sind solche, die ewig Zeit haben, sich zu kräftigen und nie vo» ihrer Kraft einen vernünftigen Gebrauch machen. Die wenigen anderen, die da zu finden sind, treten wegen ihrer geringen Zahl so in den Hinter- grund, datz man sie kaum zu nennen braucht. Das sollte um- gekehrt sein: die reinen Freuden der Natur sollten viel mcbr als bisher denen zukommen, die ein natürliches Recht darauf haben. Der �aiibenKolomCt. Zur Geflügelzucht. Die Zuchtzcit hat begonnen. In den Geflugelzeitungc» und sonstigen Liebhaberblättern nehmen nun die Brutcierinseratc einen breiten Raum ein. Das Brutei, richtiger der Bruteierhandel, ist nämlich der Rettungsanker des Züchters. Während des ganzen Jahres hat er bei der abnormen Teuerung, die sich auch auf die Futtermittel erstreckt, ein nettes Stück Geld zugesetzt, und dodiirch ist der gefürchtete Verlust entstanden, den man vornehm Defizit nennt. Diesen Verlust soll nun der Bruteier bairdel weit machen. Da aber die Brutcierkäufer�nicht von selbst gelaufen kommen, wie etwa die Käufer frischer Semmeln zum Bäcker, so mutz man inserieren, und das kostet ein schönes Stück Geld. Kleine Inserate gehen unter hundert anderen verloren, die Bestellungen bleiben aus, wenn man nicht ganz billig anbietet und dabei noch auf hohe Ausstellungspreise verweisen kann. Die Preise schwanken zwischen 3 und 36 M. für ein Dutzend Hühnerbruleierl Trotz höchster Aus- ftellungspreise, die ich feit Jahren erzielte, habe ich immer die Erfahrring gemacht, datz die Jnseratkosten die gesamten Einnahmen für Bruteier reichlich auffressen. Aus dieser Erfahrung heraus rat« ich voin Bruteierhandel ab. Prietzke meint, er stebt sich am besten dabei, ivenu er die frischen Eier selbst ißt, und darin mutz ich ihm recht geben. Auch mit dem Ankauf von Bruteiern ist es eine eigene Sache. Auf den Ausstellungen sind die für seine Tiere, deren Anblick das Herz eines jeden Liebhabers höher schlagen lätzt, gesorderieu Preise für den einfachen Mensche», in dessen Geldbeutel dauernd Ebbe herrscht, u»erschwinglich. Da liegt mm nichts im her als der Ge- dank«, durch Kauf eines Dutzend Bruleier in den Besitz gleich schöner Exemplare zu gelangen. Mein überfliegt die Inserate, von denen jedes das Lob der Tiere und deren Erfolge in einer anderen Tonart singt, und bestellt schlietzlich a»fs geradeiwohl. So babe ich eS früher auch gemacht, aber fast regelmäßig war ich der Ge- leimte. ES gibt ja noch ehrliche Züchter, deren Tiere nicht nur auf anerkannten Ausstellungen von urteilsfähigen Richtern hoch prämiiert worden find, die diese PrciStierc auch noch besitzen und tatsächlich die von ihnen gelegten Eier auch verkaufen. In vielen Fällen sind aber die Tiere, deren Bruteirr angeboten werdeu, längst verkaust, oder auf irgend einer LokalscheNt prämiiert, auf der es an jeder Konkurrenz fehlte, oder aber der ehrenwerte Züchter hak sie allein gesetzt, um die von ihnen gelegten Eier für die eigene Weiterzucht zu verwenden und die(Sier anderer, minderwertiger Tiere für schweres Geld als Bruteier loszuschlagen. Ich hübe im Verlaufe von zehn Jahren nur aus meiner eigenen Zucht, niemals aber aus gekauften Bruteiern, auch nicht aus den teuer- ften, erste Preistiere gezogen. Zu berücksichtigen ist freilich, datz auch auS den besten Zuchten niemals mir erste Preistiere hervorgehen. Wäre dies der Fall, so würde eS ja kein Kunststück fein, auf allen Ausstellungen höehste Prämien und Verkaufspreise zn erzielen. Bei feinen Rassen ist immer ein erheblicher Ausfall zu verzeichnen, man mutz aber Kenner fein, um die minder- wertigen Sprößlinge rechtzeitig ausscheiden zu können. Wer Bruteier kaufen will, der wende sich zunächst an einen ehrenhaften Züchter. Man lasse fich, wie üblich, 73— 80 Proz. Befruchtung garantieren. Manchc Züchter bieten statt dieser Garantie von vornherein drei Ersatzeier für etwa unbefruchtete an, liefern also 13 statt 12. Mau soll eS(ich aber reiflich überlege», ehe mai» auf solches Angebot eingeht, denn es schließt jeden späteren Ersatzanspruch aus, selbst bann, wenn sich alle 15 Eier als nn-' befruchtet erweisen. Vorteilhaste Ausnahmen kommen vor. So kaufte ich im Vorjahre ein Dutzend Bruteier nebst drei Ersatzeiern» die fich sämtlich als befruchtet erwiesen und 14 gesunde Kücken brachten, die alle am Leben blieben. Im fünfzehnten Ei war da« Kücken kurz vor dem Schlüpfen abgestorben. Schlechte Brutergebnifse beruhen nicht immer auf mangelhafter Befruchtung, sondern häusig auf unvorsichtiger Behandlung d-urch d-e Post, auf schlechter Bedienung des Brutapparais oder auf Ilnzuverlässigkeit der Glucke. Man verlange vom Verkäufer Ber- Packung der Eier in kleinem Hcnkelkorb. Jedes Ei ist für diese Korbpackung zunächst in Seidenpapier und danach in feine Holz» wolle oder Cellulosewatte zu hüllen. Verpackung in sogenmmten Fächerkartons verbitte man iich, denn in solchen kommen die Eier nach meinen Erfahrungen«meist in brutuntauglichem Zustande a», namcntlich dann, wenn sie durch die Hände von Landbriefträgeru gehe», die gewöhnlich alle Pakete auf den Buckel packen und damit losziehen. Nach der Ankunft packt man die Bruteier, die nteist einen .Stempelaufdruck oder ein sonstiges Kennzeichen des Züchters tragen, vorsichtig aus, legt sie auf Sand oder Sägemehl und lätzt sie 24 Stunden in einem kühlen Räume ruhen; erst dann kommen sie in den Brutapparat oder unkcr die Glucke. Der Glucke bereitet man schon am Tage zuvor das Nest und fetzt sie zur Erprobung ihrer Zuverlässigkeit zunächst auf einig« gewöhnliche, oder auf Porzellaneicr. Diese Vorsieht ist geboten, denn störrische Glucken zertrete» oft die teuren Bruteier, lieber die gesetzte Glucke stülpt man eine» Korb, und zwar so lange, bis sie festsitzt. Am nächsten Tage läßt man sie mit zwei Händen vorsichtig vom Nest abheben, nimmt die versuchsweise untergelegten Eier fort, leg: die Bruteier unter und setzt die Glucke dann vorsichtig auf das Nest zurück. All dies hat in größter Ruhe zu geschehen. Einer Glucke legt man, je nach ihrer Größe und nach Größe der Eier deren 10—14 unter, einer Pute 10—14 der eigenen oder 16— 20 Hühnereier, einer jüngeren Gans 6— 10, einer alten bis 15 Gäiiseeier, einer Ente 13— 18. Man wird bald sthen, ob das Tier auch alle untergelegten Eier decken kann. Ist dies nicht der Fall, so nimmt man die überflüssigen fort, denn andernfalls werden sie von der Brüterin bald aus dem Neste herausgeworfen. Am 6.-7. Bruttage erfolgt das Spiegeln oder Schieren der Bruteier. Man nimmt den Brutbogel vom Nest und prüft jeds Ei mit dem sogen. Eierspiegel, oder einfach durch die hohle Haitd, in der man eS zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt und in verdunkeltem Raum gegen eine Lichtspalte hält. Erscheint nun das Ei dunkel gewölkt, so ist es befruchtet, erscheint es hell, wie ein frisches Ei. so ist es unbefruchtet. Die auszuscheidenden unbestuchlercn Eier können noch in der Küche Berwendung finden. Handelt es sich um gekaufte Bruleier, für deren Befruchtung der Verkäufer Garantie gekristet hat, so kocht man hart, um sie dann dem Verkäufer zum Nachweise der fehlenden Befruchtung«in- zusenden. Die B r ti t d a u e r beträgt für Hühnereier 21 Tage, für Enteneier 26—28, für Gänseeier 28— 30, für Puteneiner 28— 81. Es ist sehr ratsam, die Gelege am letzten Brukkage zu beobachten. Bekanntlich erzielt man nicht aus jedem befruchteten Ei ein Jung- vier. Oft sterben Keim oder Tier im Ei ab, im Brutapparat bei mangelhafter Bedienung, ungleichmäßiger Temperatur oder ungenügender Lüftung; unter der Glucke, wenn sie das Nest zu wenig oder zu lange verlätzt. In der ersten Brutzeit mutz die Glucke, je nach der Luftwärme, das Nest täglich einmal 10 bis 30 Minuten, gegen Schluß der Brutzeit noch etwas länger verlassen. Oft find die Eier so hartschalig, datz die Kücken die Schalen nicht sprengen können. Dies war namentlich im Vorjahre zu beobachten; die Tierchen erstickten im Ei. Damals sind mir mehrere Brüten verloren gegangen. Nur einmal konnte ich am letzten Bruttage einer Glucke auf meinem Grundstück anwesend sein. Ich nahm sie am Abend vom Nest, untersuchte die Eier und fand nur eins angepickt. Ich öffnete nun alle Eier, sie mit meinem Taschenmesser an der stumpfen Seite vorsichtig anstoßend, löste dann die ganze Scbale und förderte so aus jedem Ei ein ganz nasses, hilfloses Kücken, das ich der Mutter unterlegte. Der Erfolg ivar überraschend; alle.Kücken blieben am Leben und entwickelten sich tadellos, während sie da, wo ich nicht eingreifen konnte, zum größten Teil in den Eiern erstickten. Schlüpfen die Kücken nicht gleichzeitig, so mutz man die zuerst geschlüpften, nachdem sie unter der Glucke trocken geworden, fortnehmen, in einen sehr warmen Raum bringen und hier fürtcr» und tränken, sonst verfallen sie dem Hungertode. Sind alle Kücken geschlüpft, etwa schlechte Eier aus dem Neste entfernt, so gibt man der Glucke die zuerst ent- fernten Kücken wieder zurück. Kücken bleiben 12 Stunden unter der Glncke, bevor sie fressen. Enten solange, bis sie trocken sind; Gänse meist 24 Stunden. Kommen die Brüten zweier gleichartigen Bruttiere etwa gleichzeitig aus, so kann man die Jungtiere de? einen dem anderen untergeben, was aber abends in der Dunkelheit geschehen mutz, den» am Tag« würde die Pflegemutter die Frem�- linge sofort als solche erkennen und totbeißen. Ich hatte Glucken, die bis 40 Kücken ftihrten, wa» die Aufzucht wesentlich erleichtert Wer sich an den im Herbst stattfindenden Junggeflügelausstellungen beteiligen will, der mutz früh mit der Brut beginnen, Da in früher Jahreszeit Glucken zu den Seltenheiten gehören» so ist der Brutapparat ein notwendiges Hilfsmittel für Früh- brüten. Zum Brutapparat gehört aber auch ein heizbarer, aj- ' räumiger, trockener und heller Aufzuchtvaum für die Brut. tSo 176 ehi solcher fehlt, da gebe man der natürlichen Brut den Vorzug. Hühner der frühesten Brüten werden die besten Winterleger, die bei frühreifen Rassen meist im August mit Legen beginnen, zu einer Zeit also, zu der sich die alten Tiere in der Mauser befinden und mit Legen aufhören. Wer nicht immer auf der Parzelle anwesend sein kann, der setze die Glucke im April; die Klicken schlüpfen dann zu einer Zeit, gu der es sckion ziemlich Ivan» ist. und können, wenn vierzehn Tage alt. iin Arcien aufgezogen werden. DaS beste Aufzuchtfutter für Hühner ist in den ersten Wochen weiste Hirse mit feinkörnigem, trocken zu gebenden Kiickcnttaftfutter. daneben fein gewiegtes(Brün später Bruchreis und Weizen�(Äänse und Enten wachsen rasch au' «der Weide, bei reichlichein Grünfutter auf. Kid. Kleines Feuilleton. Völkerkunde. Die Lappen als Opfer dcS Kapitalisnius. Die Lappen, dieses älteste Urvolk Europa?, das noch vor 200 Jahren die ganze heute unter Finnland. Schweden und Norwegen aufgeteilte Lappmark ungestört bewohnte, fühlen sich in ihrer Existenz be- droht. Während in Norwegen ein Teil der im Küstengebiete lebenden Lappen, die sogenannten.Seelappen', dem' Fisch- fange obliege» und sich im Kample um? Dasein behaupten können, ist die groste Mehrzahl dieses Volke? noch immer der R c n n t i e r- zucht ergeben, und eine jahrtauscnde alte Tradition macht diese Berglappen für jede andere Beschäftigung fast»n- fähig. Diese Renntierzucht bedingt aber ein Nomadeuleben. denn die liiere, die fast ansschiieblich von der Renntier- flechte leben, streben im Winter, wenn der hartgefrorene Schnee diese Flechte nicht ausgraben läßt, rmwillkürlich nach der südlichen Lapp- mark, im Frühling und Sommer aber au? den wärmeren Gegenden nach dem nördlichen Norwegen. Ihr Selbsterhaltungstrieb respektiert dabei selbstverständlich keine Landesgrenzen. Wenn nach turzeni Tauwetter'charfcr Frost einsetzt und die schivedischen Weideplätze mit einer den Rennnerhiifen widerstehenden Eiskniste bedeckt sind, dann jagen diese Tiere in Herden zu Zehntausenden über die norwegische Grenze und nagen, vom Hunger gequält, die Rinden und Aestc der Jungbäume ab. Dafür verlangen die norwegischen Bauern Schadenersatz, den die Lappen kaum erschlvingen können. Diese Seile deZ wirtschaftlichen Kampfes der Lappen hat ein schwedischer Lappe Turi in dem überaus interessanten— deutsch bei Rütten n. Loening erschienen—»Buch des Lappen Johan Turi' zu schildern versucht. Was den grosten Wert dieses Buches bildet, ist seine vorzügliche Schilderung de« Lebens und der Sitten der Lappen, die hier zum erstcuinal eingehend bekannt werden. Aber für die Wirtschaft- liche Lage der Lappen ist dieses Buch kein zuverlässiger Führer, einfach deshalb, weil der Lappe Turi und seine literarische Beraterin, die dänische Malerin Emilie Demant, die schivedischen wirtschaftlichen Verhättnisie nicht überblicken konnte, der Gönner der beiden aber, der das Erscheinen des Buches cnnogllckite, kein Interesse haben konnte, diese Lücken auszufüllen. ES ist dies nämlich der Direktor der grasten Gellivare- Erzgruben im schwedischen Lappland Hjalmar Lundbohm, einer der bekanntesten Scharfmacher Schwedens. Deshalb ist in dem Buche auch keine An- deutung dafür zu finden, dost die schwedischen Renntierherden gar nicht gezwungen wären, so nahe der norwegischen Grenze die Winter- weide zu halten, wenn nicht die ganzen uncrmestlichen Waldungen und Wiesen de? Angermann- und JämtlandeS sdcm nördlichen (schlvedeni in den Händen einiger schwedischen Banken und grost- industrieller Gesellschaften wären, den Grostmagnaten der Holz- und Zellulofeinduslrie. Diese» Gebiet, fast so grost wie Prcusten, ist zu 80 Proz. in den Händen dieser Grostkatütalisten. die als „Waldfrefser" die schwedischen Lappen in immer unwirtlichere Gegenden. daS Hochgebirge längs der Grenze, drängen! Ist da? Finanzkapital in Schweden der Bedränger der Lappen, so ist es die privatkapitalistische Gesellschaft wieder in anderer Art für die norwegischen Berglappen. Diese haben ihre Winterweide- Plätze auf den Hochplateaus. Sind diese vereist oder ober im Frühjahr schon zu sehr der Sonne ausgesetzt, so streben die Rcnnlierherdcn in das Tal, wo die Aecker und Wälder der Bauern liegen. In dem letzten Jahrzehnt ist min da? nördliche Norwegen als Touristcnlaiid so überaus in Mode gekomme» und reiche Engländer, Deutsche und besonders Ungar» lasten sich oben nieder und pachten die Jagd über den Sommer, lim den Wildbestaiid dieser Wälder zu schonen, ver- bieten jetzt seil mehreren Jahren die norwegischen Bauern den Lappen, ihre Neiintierherden durch die Wälder zu führen, da diese angeblich das Wild vertreiben. So sind die Lappen mit ihren Herden entweder dem Verderben preisgegeben, oder aber sie wüsten sich oft übertriebenen Schadenersatz- ansprächen fügen, waS sie erst recht wirtschaftlich ruinier. Gegen diese seit einem Jahrzehnt sich einstellende schwere Gefahr haben jetzt die Berglappeu des ganzen norwegischen Lapplandcs in einer grasten von allen Stämmen besuchten Versammlung bei N a m s o ö protestiert, namentlich dagegen, dast die Wälder den llr< einwohnern für den unbedingt notwendigen Durchzug gesperrt werden, damit sich reiche Ausländer während einiger Wochen dem Jagdvergnllgeu hingeben können. Und es ist ein lehrreiches und interessantes Kapitel aus der privatkapitalistischen Gesellschaft: ein ganzes europäische« Volk wird dem Untergange zugeführt, weil die Grostiapitalisten sich bereichern oder vergnügen wollen. PhtisikalischeS. Der neue„Graetz'. Das allbekannte, bereits in 70 000 Exemplaren verbreitete Werk von Prof. Dr. L. Graetz: Die Elektrizität und ihre Anwendungen ist, erweitert und auf daö Niveau der neuesten Forschung gebracht, in der XVI. Auf- läge erschienen. Der stattliche Band umfastt nunmehr über 700 Seiten mit einigen Hunderten Abbildungen»nd wird von dem Verlage I. Engelhorns Nachf., Stuttgart, zum änsterst billigen Preise von 9 M. für da« schön gebundene Exemplar abgegeben. Das Werk, das seinem Titel in allen Punkten Ehre macht, da es wirklich von der theoretischen wie der praktischen Elektrizitätslehre alles sagt, was sich darüber in einer allgemein verständlichen Darstellung überhaupt sogen lästt, empfiehlt sich dank der uneingeschränkten Ancriennuiig, die c« seit langem geniestt, eigentlich von selber. Es genügt daher, auf die Neuerungen hinzuweisen, um die der rührige Berfaster die neueste Auflage seines Werkes bereichert hat. Eutsprechcnd der unaufhörlichen Revolutionierung der theoretischen Begriffe wie der praktischen Methoden, die sich auf dem Gebiete der Elektrizität tagaus tagein vollzieht, ist die Zahl dieser Neuerungen eine so beträchlliche, dost nur die wichtigsten von ihnen hier genannt werden können. Hierzu gehören: die neuen traHlungSartcn und die darauf gegründeten Theorien über den Bau der Elektrizität, die Gesetze der Licht- und Wärmestrahlung mit ihren Folgerungen auf die Oekonomie der Glühlampen, das Moore- licht, der neue Edisonakkumulator, die Elektrohängebahnen, das elektrische Pflügen und viele« andere mehr, sowohl ans dem theore- tischen Gebiete, wie auf dem der Anwendungen. So wird das schöne Werk ohne Zweifel seinen alten Freunden eine willkommene Gabe sein, zugleich aber auch neue Anhänger zu gewinnen wissen. Daß unter ihnen sich recht viele Arbeiter be- finden mögen, ist aufrichtig zu wünschen. Erfordert auch da» Studium des umfangreichen Gesamtwerkes recht hohe allgemeine Vorbildung, so sind doch andererseits einzelne eleklroiechnische«Fragen dariu mir so hoher Meisterschaft behandelt, dast jeder Arbeiter, be- sonders aber der in der elektrischen Industrie beschäfrigte, der Dar« stellung ohne groste Anstrengung folgen kann. DaS Werl sollte zu dem eisernen Bestand einer jeden Arbeiter- bibliothck gehören. V. Bd. Technisches. Des Taucher? Auto. Die neueste Bereicherung der Aus« rüstung des TiefseetoucherS stellt nach dem„Scientific American" ein Schlitten dar. der von einem Motorboot geschleppt wird, und auf dem der Taucher bequem von der Oberfläche de» Wassers in die Tief« und wieder zurück gleiten kaniz, da sich das Fahrzeug ebenso bequem seitwärts wie vertikal teuern lästt. Der Untersecschlitten ist bestimmt, den Mann rasch von einer S-t«lle zur anderen zu befördern und ihm so beim Suchen nach verlorenen Torpedos, bei der Auffindung und Sicherung von Unterseemiuen, bei der Handlpzdung der Torpedogeschütze oder bei der Feststellung der Lage gesunkener Schiffe die wert» vollsten Dienste zu leisten. Der Schlitten, zu dessen beiden Seiten mehrere in Stahlzhlindern eingeschlossene Druckluftbchälter angeordnet sind, wird mit Hilfe eines beweglichen KranS von dem Schiffe oder Motorboot, an dessen Bord sich der Taucher auf seinem Schlittensitz befindet, ins Wasser gelaffen. Solange die Luft- behälter gefüllt sind, schwimmt der Schlitten gus der Oberflüche des Wassers. Die Entladung von Lust auS dem Behälter und das Eindringen von Wasser bewirkt da» Sinken d«S Schlittens, der durch Betätigung des Höhensteuers ohne irgend«ine starke Er- chütterung ivieder an die Oberfläche geführt wird, wenn c» der Taucher nicht vorzieht, durch Einlassen von Druckluft, die das Wasser aus dem Behälter wieder beraustreibt, das Emporsteigen des Schlittens zu bewirken. Die Unterwasserfahrt geschieht mit Hilfe der Steuerung, und wenn der Taucher gröstere Tiefen auf- ücht. ist er genötigt, von der komprimierten Luft Gebrauch zu inachen. Der auf dem Rücken des Tauchers angebrachte Lufterzeu- ungsapparat enthält ein Telephon irnd steht durch ein langes iegsames Kabel mit dem Begleitschiff in Verbindung. Die Dauer der Unterseefahrt hängt von der Leistungsfähigkeit dcS Lufterneuerungsapparats ab. Die Wirksamkeit der Pottaschepatronen, die die von dem Taucher ausgeatmet« Kohlensäure aufsaugt, ist nach etwa drei Stunden erschöpft, nach deren Verlauf, ein Emporsteigen zur Oberfläche zum Zweck der Erneuerung der Patronen erforder- lich ist. Befürchtungen wegen de? Wasserdrucks sind selbst in grasten Tiefen gegenstandslos, da der hinter dem Sitz de» Tauchers auge- brachte Schutzpanzer ihn in ruhigem Wasser vollständig schirmt und auch gegen die ihn seitwärts treffenden Strömungen eine aus- reichende Sicherung bietet, da diese infolge der Bewegung des Schlittens hinter dem Panzer ihren Weg nehmen. Bei vollem Tageslicht erweist sich die Zuhilfenahme der künstlichen Beleuchtung erst in 40 Meter übersteigenden Tiefen nötig. »— v f1 meinen, IlUIimillUU L'UIJCVJCII, UUÖ UIC KUUlVCl, UCII MX» Ctjl Ml IV Ä/lVIVt m/VXjtVUFVt WV U_______ Beranfm. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag:VorwärtSBuchdruckerei u.VerlagSanftalt Paul Singer KCo., Berlin