Nnterhaltnngsblatt des vorwärts Nr. 46. Donnerstag, den 6. März 1913 46] Gcfchxcbtc einer Bombe. Von Andreas©trug. Wieder liegt sie auf dem Bett. Sie starrt lange auf den Menschen, der bei ihr sitzt. Dieser Mensch bewegt die Lippen und lächelt ihr zu. Sie bemüht sich sehr, zu wissen, wer er ist. Sie muh es wissen. Ach ja, sie muß. Sie mutz wissen, was er spricht, sie muß es hören. Und sie wiederholt sich mit dem Starrsinn eines Kindes: ich will hören, ich will hören... Dann lacht sie freudig auf: ich höre ja, ich höre alles— und dieser Mensch, das ist der Arzt! Die Menschen sind nicht nur, sondern jeder hat seinen besonderen Namen: auch der Doktor hat seinen Namen: Fenster? Wand? Diwan? Schnee? Ach ja, ich weiß— es ist der Arzt, und deshalb heißt er auch Arzt! Beruhigt wiederholt sie immerfort leise flüsternd: Arzt, Arzt, Arzt... Jetzt weiß sie es und wird es nicht vergessen. Der Arzt geht, und Kama blickt wieder durch ihr geliebtes Fenster. Sie erhob sich erstaunt und blickte aus den Kissen. Wie weiß ist die Welt! Wie weiß! Was ist demr geschehen? Sie l?ätte gewünscht, daß es anders wäre, datz es wäre wie gerade noch vor einem Augenblick, als hinter dem Fenster alles in Grün ertrank, als sich die großen saftigen duftenden Blätter und die schweren blaßrosa Blumen zu ihr neigten und herein- sahen. Eine große Sehnsucht nach etwas Unbekanntem ergriff sie: das waren doch wohl liebe Stimmen— doch wessen? Vielleicht tvar es nur ein Hauch, eine gewisse Wärme... � Nein— es war etwas anderes: etwas Lebendiges, Schönes, Duftendes. Das lebte, und man konnte sich ganze Stunden damit unterhalten. Hier aus dem Tischchen am Bett hat es über ihr gewacht... Es ging und kain wieder, jedesmal anders, jedesmal schöner. Jetzt ist es nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Kama blickt mit flehenden Augen auf die bekannte Stelle, auf das weiße leere Tischchen. „O komm! Sei hier bei mir! Ich bitte Dich so sehr! Ich bitte!..." Sie hat Tränen in den Augen. Man kränkt sie. Warum tut nian ibr weh? Kama wendet sich zur Wand und weint. Schweres Unrecht ist ihr widerfahren und ihr Schmerz ist grenzenlos. Ihre Tränen strömen— sie weint ganz still wie ein erschrecktes Kind, das man ungerecht bestraft und in diesem schrecklichen, fremden, öden Zimmer allein gelassen hat. In der Tür steht der alte Arzt und spricht lange zu ihr mit heiterer Stimme, freundlich lächelnd. Und wer ist hinter ihm? Hinter ihm?... Hinter seinen Schultern erscheint ein schreckliches Ge- spenst. Ein kalter Schauer schüttelt sie, sie kann kein Glied rühren. Sie hat keine Kraft, um Hilfe zu rufen, keine Kraft, die Augen zu schließen, um es nicht zu sehen... Sie blickt mit weit aufgerissenen irren Augen. Sie muß Hinsehen. Das Gespenst tritt über die Schwelle. Sie sieht nichts als seinen schrecklichen Blick— und kann sich von diesen Augen nicht losreißen. Kama sammelt alle Kräfte in sich. Sie versircht loszukommen, wie unter dem Druck eines gewaltigen Felsens, der unbarmherzig auf ihr lastet. Ihr ganzer Körper spannt sich, die Brust springt ihr fast vor Anstrengung— Ach, Aach! Ein unm-enschlicher, irrsinniger Schrei!— Sie steckt den Kops unter die Decke. Der weiße Arm schiebt sich heraus, um- faßt konvulsivisch das Kissen und drückt es mit aller Kraft ans Gesicht. Leo näherte sich dem Bett und legte auf ihre weißen nackten Füße den dicken Bund der Mimosenzweige. Dann entfernte er sich still auf den Zehen, ohne den Arzt anzusehen, der vortvurfsvoll auf ihn blickte. Auf Kamas Füßen lag die schöne feierliche Pracht der Mimosenzweige. Sie ruhten wie zu Füßen einer Märty- rerin, die, von den Menschen zu Tode gequält, nun für ewig erlöst war. Der starke berauschende Dust umhüllte wie ein Leichentuch ihren toten Körper. *» * Gegen Abend wurde Weszyckis Onkel unruhig. Und um Mitternacht war er sicher, daß ein Unglück geschehen war. Seine Betrübnis war groß. „Ich habe ihn hineingeritten. Das habe ich fein ge- macht!" wiederholte er sich unausgesetzt, während er in seinem Kämmerchen auf lind ab ging und auf jeden Klang des Glöck- chens am Tor horchte. Er legte sich zum Schlafen hin, aber er vermochte kein Auge zu schließen. Gegen Morgen erst schlief er ein. Schläge an die Ladentür weckten ihn. Der Alte sprang auf, und jetzt kam es ihm in den Sinn, daß man eine Haus- suchung erwarten konnte. Er fürchtete sie zwar nicht, aber airgenehm tvar es dock) auch nicht. Er erhob sich tapfer und öffnete die Tür auf die Gasse. Doch es war nur der Junge vom Bäcker, wie gewöhnlich um diese Stunde. Der Tag verging dem Alten unter düsteren Gedanken und bitteren SÄbstvorwürfen. Es kann sein, daß man ihn aus der Straße verhaftet hat, ohne jeden Grund, wie so viele, dachte er. Es kann auch sein, daß er irgendwo bei diesen Parteimenschen, zu welchen ich ihni den Weg gewiesen, ergriffen wurde. Jedenfalls— was kann ich dafür?— Doch diese richtige Ueberlegung koimte seine Ävrge nicht verscheuchen. Er liebte den Neffen sehr, noch inehr aber setzte ihm die Schani zu, daß seine Beziehiingeii und Bemühungen so schmählich versagt hatten. Den ganzen Tag versuchte er auf jede Weise zu jenem Genossen zu ge- langen, zu dem er den Neffen geschickt und dessen Adresse er unter solchen Schwierigkeiten bekommen hatte. Endlich erfuhr er, daß dieser Arbeiter in. der Nacht verhaftet worden war. Am Morgen des nächsten Tages erst las er in der Morgen- zeitiliig den Namen des Neffen in der langen Liste der Ver- hasteten, die ins Gefängnis des Rathauses eingebracht worden waren. Er dachte: Was läßt sick da machen?— So viele sind verhaftet worden— warum auch nicht er? Er ist weder ge- weiht, noch dagegen versichert. Verhastet— mag er sitzen! Ter Alte wählte unter seinen Ladenartikeln das beste, was er harte, aus, kaufte noch etwas dazu und füllte ein großes Körbchen für den Nefseii im Rathaus. � Er tat noch ein Kissen und eiiie Teck? dazu und sab schließlich das Gepäck des Neffen nach, lmi etwas Wäsche herauszuholen. Aber er fand in dem Korb weder Wäsche nach sonst welche Sachen. Der Korb war von oben bis unten mit Heu gefüllt. Der Alte wunderte sich und steckte die Hand durchs Heu. Aber er fand nichts als ein gelbes, mit einem Riemen umwickeltes Leder- etui. Das Etui war ziemlich schwer. Einen Augenblick fuhr es ihm durch den Sinn, daß es Geld sei— Gold. Vielleicht, dachte er, haben sie das irgendwo in ihrer Gegend erbeutet nn-d schicken eS der Partei? Er schloß die Tür zum Laden, zog den Vorhang vor das Fenster und sah nach. Im Etui saß, genau hineinpassend, eine massive eiserne Büchse. Ter Alte nahm sie heraus, wog sie in der Hand, schüttelte sie, drehte sie nach allen Seiten. Aber kein Geld erklang, sondern es kollerte leise etwas im Innern wie in einer verkorkten Flasche. Ter Decke! ließ sich nicht abschrauben, Die Büchse war dick mit vertrocknetem Fett beschmiert und drehte sich mir in der Hand, Als er sie so von allen Seiten betrachtete, schlug ein Gedanke wie ein Blitz in ihn ein. Erst ein schrecklicher Verdacht und gleich auch unerschütterliche Ge- wißheit. Ter Alte blieb vor Entsetzen versteinert. Er hatte Angst, sich von der Stelle zu rühren, hatte Angst, denjchrecktichen Gegenstand, dessen falte Berührung ihm einen ischaner ein- jagte, hinzulegen. So stand er lange, bis er jemand in den Laden eintreten hörte. Er nahm alle Kraft zusammen, be- zwang sich und legte die Büchse ins Hen in den Korb zurück. Von kaltem Schweiß Übergossen, stand er, besinnungslos vor sich hinstarrend und schwer atmend, hinter dem Ladentisch. „Was ist Ihnen? Sind Sie krank?" Schwarze Kreise drehten sich vor den Augen des Alten, und er konnte nicht gleich erkennen, wer vor ihm stand. Es war ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, bartlos, bleich, mit einem traurigen Blick in den schwarz umränderten Augen, Der zerknitterte Hut saß ihm tief in der Stirn, und der tveite Paletot, der nur über einen Arm angezogen tvar, war fest zugeknöpft. „Was haben Sie? Schüttelt Sie das Fieber? Oder haben Sie das groß« Los gewonnen?" „Dich, Hund, habe ich noch hier gebraucht! Mach, daß D» hinauskommst!.. Ter Bursche sah rhu erstaunt au, und sofort wurde sein Blick böse, frech und herausfordernd: „Nur lan'gsam, Alter I Nur nicht so hitzigl Tein Hund bin ich nicht, denn ich bin nicht Dein Sohn... Wenn Sie artig nrit mir umgehen, so werde auch ich artig sein._ Wenn Sie sich aber wie ein Bourgeois benehmen, so werde ich mit Dir ein Wörtchen reden, wie es sich mit einem Bourgeois gc- ziemt... Was ist geschehen? Reden Sie wie ein Mensch!" Dem Alten traten Tränen in die Aikgen. Mit der Un- Vorsichtigkeit eines Verzweifelnden entdeckte er dem Burschen das gefährliche Geheimnis. Vielleicht weil er gerade in diesem entsetzlichen Augenblick kam. Wäre in den Laden eine be- kannte Köchin, ein Kutscher oder wer immer, der erste beste von der Straße eingetreten, er hätte es auch gesagt. Er hatte völlig den Kopf verloren. Ter Bursche beherrschte sofort die Situation oder vielmehr den Ladenbesitzer selbst. Ter Alte tat alles, was man ihm befahl. Er bebte vor Angst und war unendlich erleichtert, als er sah, wie der Bursche die Bonibe in die Tasche seines Palelots gleiten ließ. Tief aufatmend machte er die Schublade auf und gab ihm fünf Rubel: holte vom Haken einen Schin- ken, ohne ihn abzuwiegen, gab ncch ein ganzes Viertel Tee dazu und füllte ihm die Taschen mit Zigaretten. Der Bursche hätte mit ihm iu diesem Augenblick anstellen können, was immer ihm nur eingefallen wäre: der Alte hätte einen Wechsel unterschrieben, hätte den ganzen Laden seinein Erlöser abge- treten, hätte ihn an Kindesstatt angenommen— bloß dafür, daß der Bursche diele schreckliche Sache mit sich nahm. Und er hätte noch viel mehr für ihn getan— wenn er nur schon rasch und so schnell als möglich sich entfernte und nie wieder- kehrte. Endlich blieb der Alte allein, faltete die Hände und erhob die Augen zur Decke. Ein heißer dankbarer Seufzer strömte aus dein Laden und verschwand in den himmlischen Räumen. Die Freude des Alten war unermeßlich und grenzte im ersten Augenblick an Wahnsinn. Tas dauerte ungefähr eine Stunde. Dann kehrte ihni die Besinnung zurück, und Ver- zweifluug ergriff ihn, als er sich klar machte, welche tödliche Dummheit er iu seiueni tödlichen Schreck begangen hatte. Er hatte sich einfach in die Sklaverei dieses mehr als unsicheren Menschen begeben, dieses halben Banditen, der joden Tag ein ganzer Räuber werden konnte! Er hatte da vielleicht mit einenr Provokateur von morgen angebunden, der ihn zu aller- erst anzeigen würde!— Er war und blieb diesem Menschen ohne Ehre und Glauben auf Gnade und Ungnade ausge- liefert! lFortlctzung folgt.) vas tote Von Henry Bordeaux. I. Ihr, die Ihr wohlausgcstattcte bequeme Häuser habt, in denen Ihr bleiben könnt, wenn Ihr krank seid. Euch behaglich ausstrecken dürft, um zu schlafen und selbst«rn zu sterben, wißt Ihr, wie es in den Häuser» der Armen aussieht? «chlccht erleuchtete Treppen führen höher und höher in die gar kein Ende nehmenden Stockwerke, und in den langen, schmalen Korridoren stößt man sich, wenn mau in sein Stübchen gelangen will. Spricht man von einer Wohnung, so bedeutet das eine Küche, groß wie ein Taschentuch, neben der ein Raum so groß wie zwei Taschentücher liegt und in dem es im Winter eisig kalt und im Sommer siedend heiß ist. Die Wohnung, in der ich arme Frau lebe, liegt irgendwo im Montmartre. Wozu sie Euch genau sagen? Es hat keine Gefahr, daß Ihr mich besuchen werdet. Eines Abends, als ich heimkehrte, glaubte ich, meine Stube niemals mehr erreichen zu können. Ich trug eine so schwere Last. Es war mein Kind, das so schwer wog, mein Kind, das zur Welt kommen sollte. Und der Vater war gestorben, und ich war allein. Als ich endlich im Bett lag, konnte ich mich nicht mehr bc- wegen. Mit der Faust schlug ich gegen die Wand, und die Wand ächzte. Meine Nachbarin hatte mich gehört. Es ist eine alte Frau, die nicht jeden Tag satt zu essen hat. Aber das tut nichts! Helfen die Armen sich untereinander nicht, wer sollte ihnen wohl helfen! Ja, die Reichen geben ihr Geld, aber Zeit haben sie nicht. Sie geben ihre Füße nicht, um hin- und herzugehen, die Treppen hinauf- und hinabzusteigen, zu laufen und zu eilen. Ihre Hände geben sie nicht zum halten und pflegen nicht damit, ihre Finger wissen nicht zu lindern, zu schmeicheln, zu beruhigen und zu heilen, aus ihrem Munde kommen keine Geschichten, die zerstreuen, keine gute» Worte, die stärken, besänftigen und erfrischen, aber bor allen Tingen geben die Reichen ihr Herz nicht. Meine Nachbarin half mein Kind zur Welt bringe».„Es ist ein Mädchen," hat sie mir zugerufen,„ein dickes, rundes, niedliches Kind." Ich sagte:„Meine Tochter Marie." Noch ganz zerrädert, zerschlagen und ermattet lag ich da. Aber als ich dieses warme Etwas neben mir fühlte, dieses warme Etwas, das Leben von meinem Leben war, glaubt mir, da habe ich vor Freude geweint. Doch bald hieß es, wieder an die Arbeit gehen. Ich bin Wäscherin. Weil die Armen schaffen müssen, können sie ihre Kleinen nicht bei sich behalten. Doch in allen Stadtvierteln gibt es Krippen. Dorthin bringt man die Säuglinge morgens, wenn man zur Arbeit geht, und abends, wenn man nach Hause geht, holt man sie wieder. Man ist nur nachts Mutter, und oft schläft man nicht ein. Ja, ganz sicher iind die Kleinen in den Krippen besser als zu Hause aufgehoben. Wie die Soldaten, ordentlich aufgereiht, stehen die weißen Bettchen nebeneinander. Mitten von der Decke hängt ein Hanswurst herunter und schneidet Fratzen. Von allen Bettchcn aus kann man ihn sehen und von allen Bettchen lächelt man ihm zu. In der ersten Zeit, wenn ich die Kleine nach Hause brachte, schrie, heulte und zappelte sie wie eine zu Höllenqualen verdammte Seele. Ich wußte nicht, was ihr fehlte. Sie verlangte nach dem großen Hanswurst. Da schlenkerte ich mit den Armen hin und ber, steckte die Zunge heraus, drehte den Kopf, als ob ich von einem Bindfaden bewegt würde. Da begann meine Tochter über ihren wiedergefundenen Hanswurst zu lachen. It. Mein Mädel wurde ein Jahr alt, zwei Jahre, drei Jahre, vier Jahre. Sic machte zuerst einen«chritt, dann noch einen und ihre kleinen Füße begannen zu trippeln. Zuerst sagte sie ein Wort, dann ein zweites und nachher so viel, so viel, daß man sie gar nicht unterbrechen konnte. Beginnen sie zu laufen, beginnen sie ihre kleinen Reden zu halten, geht einem das Herz auf. Man weiß nicht, bis wohin sie gehen werden, man versteht nicht, was sie sagen, aber die Brust schwillt vor Stolz— vor Stolz, vor Glück, vor Furcht. Aber mehr als alles andere, am rührendsten ist es, ihren Blick zu fühlen, der aus den weit geöffneten Augen kommt und sich ver- trauensvoll auf euch richtet, in dem sicheren Gefühl, daß ihr alles geben könnt. Da möchte man wirklich der liebe Gott, Erde und Himmel sein, um ihnen alles geben zu können. Und ist für ein Kind die Mutter nicht Gott? Besonders für ein Kind, das nur seine Mutter auf der Welt hat? Ich nahm sie mit mir in die Waschanstalt, keinen Augenblick verließ ich sie mehr. Sie war mein Glück, mein guter Engel, meine Tage, meine Nächte, mein Leben, mein alles. Sic wurde von den anderen Wäscherinnen verwöhnt, selbst von denen, die nichts taugten. Eines Abends, als toi£_ nach Hause gingen, fror sie. Am nächsten Tage hustete sie.„Sie muß ins Krankenhaus gebracht werden," ordnete der Armenarzt an. Sie mußte ins Krankenhaus, sie durfte nicht bei mir bleiben. Die Armen können nicht zu Hanse krank sein. Jeden Abend ging ich zu ihr, jeden Abend, wenn ich von der Arbeit kam. Im Kindcrkrankcnbaus darf man bis acht Uhr bleiben. Ich brachte ihr Spielzeug und Apfelsinen mit. Sie legte alles auf das Bett und kümmerte sich nicht weiter darum. Sie sprach fast nicht mehr.„Mama! Mama!" zweimal sagte sie es, wenn ich kam und ging. Aber ihre Blicke verließen mich nicht mehr. So lange ich bei ihr war, ruhten sie durchbohrend auf mir. Und allmählich nahmen die Augen in dem kleinen, weißen Gestchtchen den ganzen Platz ein. Wohl verstand ich, was diese Blicke, die mich so qualvoll be- trachteten, wollten. Ich bin nicht der liebe Gott; was sie verlangten, kennte ich ihnen nicht geben. Eines Abends sagte sie nicht: Mama, sie sagte gar nichts mehr, als ich eintrat. Ihre Blicke starrten auf mich, ich weiß nicht, ob sie mich sahen. Gerade ging der Arzt vorbei:„Herr Doktor, Herr Doktor, sehen Sie mein Kind doch an, haben Sie Mitleid!" Der Doktor neigte sich zu ihr herab.„Sie ist verloren, meine arme Frau. Sie überlebt die Nacht nicht mehr."„Also will ich diese Nacht hier bleiben."„Die Hausordnung gestattet es nicht, meine arme Frau, daß Sie bleiben."„Dann will ich sie mit nach Hause nehmen. Erlauben Sie mir das. Man trennt eine Mutler von ihrem sterbenden Kinde nicht." „Frau, Frau, es ist acht Uhr, Sie müssen das Krankenhaus verlassen," kündete der vorbeigehende Krankenwärter an.„Nehmen Sie sie mit," sagte der Doktor. Ich lieh es mir nicht zweimal sagen. Ich nahm das Kind in meine beiden Arme, schlug meinen Rock hoch und wickelte sie ein. Ich drückte sie fest an mich, um ihr Wärme, meine ganze Lebens- wärme zu geben. Aber als ich die Treppe hinuntergehe, höre ich einen stärkeren Atemzug. Ich bleibe stehen, ich horche. Noch ein Atemzug und dann nichts mehr. Ich sehe sie an, uird ich begreife. Es war so leicht zu verstehen. Sie war an meinem Herzen ge- storbcn. Aber das war noch nickt alles. Ich mußte aus dem Kranken- hause heraus, und das darf man nicht mit einer Toten. Nun hieß es, ruhig an dem Pförtner vorbeikommen:„Was tragen Sie denn da unter dem Rock? Ihr Kind? Ist sein�Brudcr krank? Sein Bruder oder seine Sckwcster? Schlimm. Sehen Sic nur zu, daß ihm nicht auch etwas passiert." Ich war mit der Kleinen draußen. Sie wog jetzt so schwer. Ein Kind von vier Jahren ist ein Gewicht, besonders wenn es nicht mehr lebt. Wie sollte ich es so weit, so weit bis zu dem Zimmer, in dem es geboren worden war, tragen?, Ich hatte nur einige Kupfermünzen bei mir. Auf der Straße ging ein Mann vor mir her. Er war sicher nicht reich, aber auch nicht arm. Er würde wohl ein halbvolles Portemonnaie in seiner Tasche haben.„Mein Herr, mein Herr, bleiben Sie einen Augenblick stehen." Cr blieb stehen und sah mich an.„Geben Sie mir zwei Frank, mein Herr." Er wich zurück, lachte und wollte weitergehen.„Ach, ich wollte Sic nicht anbetteln." „Wirklich nicht, Frauchen?"„Ich habe mein Kind auf dem Arm, es ist so schwer, weil es tot ist. Ich bitte Sie um Geld für einen Wagen, damit ich nach Hause komme." „Verzeihen Sie mir, arme Frau." Er bat mich um Verzeihung wegen des Gedankens, den er gehabt hatte und wohl haben konnte. Und er gab mir drei Frank. So konnte ich nach Hause kommen. Ich bin dieselbe Treppe hin- aufgestiegen wie damals, als das Kind zur Welt kam. Ich hatte mich damals auf jeder stufe beklagt, und ich sollte doch Leben geben. Aber wenn man ganz allein sein totes Kind im Arm hat, ist alles Blut, alle Kraft fort. (Berechtigte Ucbersetzung von N. Colli n.) Die Prüfungsangst. Unter den Nervcnfoltern der Lernschule steht als qualvollste und in ihren Folgewirkungen gefahrlichste d>e Prüfungsangst in erster Reibe. Burgcrftcin bezeichnet sie als eine Form der Ncur- asthenie,„welche auch bei fleißigen, wohlvorbcreitcten Prüflingen als eine gewöhnliche Erscheinung häufig auftritt"; ihr Auftreten kennzeichnet sich als ein Komplex von Erregungszuständen des Herzens, des Sprcchapparates, der Haut, der Hand- und Beinmecha- nismen usw., ausgelöst durch Unlustgefühle, die mit der Erwartung eines gefahrdrohenden Ereignisses zusammenhängen. Wie die meisten Affekte das körperliche Wohlbefinden in Mitleidenschaft ziehen, hat besonders die Examenangst starke Rückschläge auf die Gesundheit der Kinder zur Folge. In erhöhtem Maß« leiden unter ihr nervös« oder psychopathrsche Konstitutionen. Tr. P u l e r m a u n untersuchte 43 Schüler All bis 16 Jahre alt) der Realschule in Sos- uowitz in der exainenfreicn Zeit, vor und nach dem Examen und während der Examina selbst, wobei die Pulsfrequenz fesigeitellt und der Blutdruck gemessen wurde. Elf Schüler waren mit Lungen-, He rz- und Nervenkrankheiten erblich belastet. Bei'der Untersuchung während der Examcnzeit beklagten sich die Schüler hauptsächlich über Kopfschmerzen, Schwindelansälle, Stiche in der Seite, schnelle Ermüdung bei geistiger Arbeit, Nasenbluten, Zittern der Hände beim Schreiben, Schmerzen in'den Beinen, Herzklopfen— alles Symptome nervöser Angst. In der examcnfreicn Zeit war die ge- ringste Pulsfrequenz 68, die größte 120; der geringste Blutdruck 65 Millimeter, der größte I3ll. Bor dem Examen tvar der Puls schneller in 36 Fälle»>84 Proz.l um 4— 36 Schläge in der Minute, der Blutdruck in 37 Fällen(86 Proz.) um 2— 46 Millimeter erhöht. Unmittelbar nach dem Examen war der Puls bei 34 untersuchten Schülern, im Vergleich zur Pulsfrequenz vor dem Eramen, um 2 bis 40 Schläge langsamer, der Blutdruck um 2— 23 Millimeter niedriger. Bei den Schülern der höheren Klassen trat die Wirkung der Examina auf Puls und Blutdruck schärfer hervor. Dr. I g n a t i e f f fand durch Messungen des Körpergewichts bei Schülern eines Feld- messerinstituts in Moskau während der Examcnszeit, daß 79 Proz. der Schüler an Gewicht verloren und daß die Abnahme im Dunfc- schnitt bei jedem Schüler 1516 Gramm betrug. Er kommt zu deni Schlüsse, daß„unter den gegebenen Umständen die Examina in ihrer Wirkung auf den jugendlichen Organismus einer schweren Krankheit vergleichbar seien, die bedeutende Störungen der Ernährung und der Gewebe zur Folge hat und jedenfalls auch das- jcnige Organ niäbt unberührt läßt, welches während der Examina- tionsycriodc am angeiirengtesicn arbeitet, das Gehirn." Auch Dr. Kofi nz off, der an drei südrussischen höheren Knabenschulen eine große Beöbachtuugsreihe aufgestellt hat, ist zu dem Ergebnis gelangt, daß drei Vierte! aller Kinder während der Prüfungen an Gewicht verlieren und daß in den höheren Klassen, deren Schüler die Examina ernster nelnucn, die Gewichtsabnahme bei einer größeren Schülerzahl vorbanden war als in den niederen Jahr- gangen. Er wie Jguatieff halten die große Erregung, in die die Kinder durch die Prüfung versetzt werden, indem sie ihnen den Schlaf raubt, den Appetit beeinträchtigt und sich in Form von Furcht, allgemeiner Unruhe, gedrückter oder krankhaft gehobener Gesamtstimmung äußert, für höchst verhängnisvoll; sie werden in ldicsc», Urteile von Dr. Julien, der an einem bulgarischen Mädchcngyinnasium, und Dr. B o n o f f, der an Abiturienten in Sofia Untersuchungen angestellt, durchaus unterstützt. Dr. A n d r e a e schildert die Art, wie sich der Erregungszustand je nach der Individualität der Schüler äußert, indem er schreibt: „Aengitliche Gemüter leiden an einer permanenten Unruhe, die sie ihres Lebens nicht froh werden läßt. Auch die Eltern wissen davon zu erzählen, welche Schatten Schulaufgaben und Semestralarbeiten in das Familienleben hineinwerfen. Pbantasicvollc Naturen sehen bei jeder mißglückten Aufgabe das Gespenst des kommenden Examens; der pessimistisch angelegte Schüler malt sich sein Miß. geschick in den schwärzesten Farben." Kommt hierzu noch, daß«in so geängstigter und beunruhigter Schüler auch in der Familie keiner ruhigeren und nüchterneren Auffassung der Ding« begegnet, daß er vielmehr— was besonders in den mittleren und höheren Gesell« schaftsschichten eine häufig zu beobachtende Erscheinung ist— durch Schimpfen, Jammern, Vorwürfe und ungestümes Trängen immer erneut wieder angetrieben un!d aufgepeitscht wird, so ist es schließ« lich kein Wunder, wenn er in Verzweiflung verfällt und seinem— wie er meint— verpfuschten Dasein ein End« macht. Die S e l b st m o r d st a t i st i k beweist, daß in der Tat eine unverhältnismäßig große Anzahl von Schülern den Nervensoltern und-strapazen der Schulprüfungen nicht gewachsen ist. Eine von Guttstadt für die Jahre 1883— 88 vorgenommene Untersuchung der Schülcrsclbstmorde in Preußen ergab, daß von 62 Selbstmorden, von Schülern höherer Schulen verübt, nicht weniger als 1b(24 Prozcnti Examenfurcht, nicht bestandenes Examen, Nichtvcrsetzung als Motiv aufwiesen. Andere Statistiken beweise» dasselbe, so sehr auch die offiziellen und offiziösen Stellen bemüht sind, die Wirkung dieser Konstatierungen vor der Oeffentlichkeit zu verdunkeln oder zu milder». Die unleugbare Tatsache, daß alljährlich um die Öfter» zeit ein wahrer Hagel von Meldungen über Selbstmordaffären von Abiturienten und Examinanden aller Art auf den Zeitungsleser niedergeht, hat eine gewichtigere Stimme als die heuchlerische Eni- rüstuug der intellektuell Schuldigen, die als Vertreter eines von Grund aus verfehlten Schulsystems, dessen Grausamkeit und Sinn« loiigkcit zu bestreiten alle Ursache haben. Jenes Bild im„Simpli« cifsimus", das einen Vater zeichnete, der seinen Sohn dem Ghmva« sium zuführte, während der Tod, aus allen Fenitcrn grüßend, seine krallige Hand nach ihm ausstreckte, entsprach durchaus der in weite- fien Kreisen bestehenden Auffassung.„Eine Mordtat ist in Deutsch- land straffrei," lautete die bezeichnende Unterschrift,„wenn ein Vater feinen Sohn auf ein humanistisches Gymnasium gibt." Es ist eine starke Bewegung im Gange, die alle P r ü f u n- g c n— wie sie bisher zu Ostern und Michaelis abgehalten zu wer» den pflegen—, alle Zensurenerteilung, alle Rang- o r d n u n g und Platzvcrlcitung in den Schulen abgefchaift wissen will. Vereinzelt sind auch schon Versuche gemacht worden, auf Prüfungen Verzicht zu leisten; wie nicht anders zu erwarten war, mit befriedigendem Erfolge. Nur alte ausgepichte Schulfüchse, denen die Form zur Hauptsache, der Drill zum Lebensclement ge- worden ist, können darin einen Verlust für die Erziehung erblicken. Vernünftig denkende Erzieher, denen das Wohlbefinden und die Gesundheit der Kinder über das Schema und den Drillcrfolg der Schule geht, werden den Forlfall der Prüfungen wie der Zensuren als einen Schritt vorwärts auf dem Wege der N e i n i» g u n g und Befreiung von überflüssigem Ballast and ver- altciem Zopftum begrüßen, lind die Jugend, soweit sie das Glück bat, die Neuerung bereits zu genießen, wird aufatmen, wie von einer Oual und einem bösen Alp befreit. Der Körper soll und darf nicht die Unkosten der Bildung des Geistes tragen— das ist ein Gedanke, den schon Montaigne ausgesprochen bat. Seitdem find mehr als 300 Jahre verflossen.... O. I?. Kleines f euilleton» Chiuefischc Kinder. Man versteht ein Volk nicht, wenn man seine Kinder nicht kennt. In Wesen, Spiel und Lied der Kleinen spiegelt sich vielleicht am reinsten das intime Familienleben; die Welt der Frau empfängt aus diesem Kinderleben gleichsam ihre poetische Verklärung, ihre zarteste seelische Resonanz. Deshalb ge- währen uns einen ganz nenen Einblick in das chinesische HauS die Kinderlieder, die I. de Banzemont auf chinesischen Straßen und Spielplätzen gesammelt hat und in wortgetreuer Uebersetzung in einem Aufsatz der„Revue" wiedergibt. Die Wiegenlieder, die die Frauen singen, wiederholen die kleinen Mädchen für ihre Puppen. So singen sie:„Drei Blätter murmeln hu-lala. Schlaf, Kindchen, schlaf in Mutters Bett. Und will dich eine Mücke stechen, so schlag ich sie auf ihren Kops. Mein Kindchen schläft. Meine Blume ruht. Ich schau es an, Wie schlau sieht'S ans. Dieweil'S in meinen Armen ruht! Meine Blume ist die reizendste unter allen den reizenden Blumen." Kinder lieben Tiere, und so singen denn die kleinen Chinesen ebenso den Maikäfer und oaS Johanniswürmchen an wie unsere Kinder:„Johanniswürmchen. JohanniSwürchen, Steig nieder von dem Berge! Dein Vater und deine Mutter, die warten auf dich; fie haben Zucker mitgebracht, Zuckerkant und Fleisch. Komm schnell, sonst ißt alleS daS Kindchen: Maikäfer, Maikäfer, Fliege, fliege auf den Berg und nähr' dich von Tau, Schlaf auf einer Decke Und dann flieg weiter als mein guter kleiner Maikäfer." Der Fledermaus ist folgendes Liedchcn gewidmet:„Fledermaus, Fledermaus, mit deinen leichten Füßen, Begleite uns. DaS Mädchen hier, das ist die Braut, und ich, ich bin der Mann." Während lustige Reime von der Schnecke und dem Hänfling erzählen, wird der Kuh ein nachdenkliches Liedchen gesungen:„Eine alte traurige Kuh dachte. Während der Nordwind um ihren Stall heulte: Um eine Trommel zu bespannen, wird man mein Fell nehmen, Große Haarnadeln wird man aus meinen Knochen machen, Aus meinen kleinen Knochen wird man Würfel machen Und billiz wird man sie verkaufen; Aus meinen Sehnen macht man Peitschen Und mein Fleisch, das kocht man in einem großen Topf." Rätselraten ist eine Lieblingsbeschäftigung der chinesischen Kinder wie der unsrigen. Nur eins dieser anmutigen Rätsel sei an- geführt:»Es hat zwei Augen imd zwei Nasen, Aber von Geburt an hat es nicht geatmet. EZ kann zum Himmel aufsteigen, aber bleibt nicht auf der Erde." Gemeint ist ein chinesisches Lieblingsspielzeug, der Papierdrachen. Die kleinen Mädchen träumen in ihren Liedchen schon von den: künftigen Mann und von wundersamen Herrlichkeiten, die ihre Eitelkeit ihnen vorgaukelt.„18 Kamele bringen Kleider fiir dich", beginnt solch ein Lied und erzählt dann von dem langen Zug der Kostbarkeiten, die für die Kleine eingetroffen sind. Die Knaben ahmen dem Vater nach und singen von Jagd und Krieg:„Seht die Raben mit weißem Bauch! Mein Vater hat geschaffen und zehn find tot. Sind sie gebraten und gekocht, Dann gibt's nichts Besseres als das." Dann spielen die Kinder Arzt und singen:„Die Tochter meiner Frau ist krank geworden, Wir haben einen Arzt kommen lassen, damit er ihr waS eingibt. Ein Rezept hat er verordnet: Die Leber einer Mücke, das Herz eines Flohes, ein halbe« Dutzend Fliegenflllgel, Einen Tee daraus zu machen." Folgendermaßen singt der kleine Kuchen- Verkäufer:„Ter Blinde, der meine runden Kuchen, Geschmückt mit roten Punkten, verzehrt, der wird sehend. Sie heilen Taube und Krumme und sind nicht zu hart für die Zähne der alten Damen. Dem Kahlkopf, der sie ißt, dem wächst ein Zopf. Eßt meine Kuchen! Der Mann, der sie ißt, hat keine Angst mehr vor seiner Frau, lind die Frau, die sie ißt. arbeilet." Als lebhafte, schelmische, liebens- würdig neckende kleine Gesellschaft offenbaren sich die chinesischen Kinder in diesen Liedern, die zugleich von einem tiefen Familien- gefühl und von einer heiteren Naturiiebc erzählen. Sprachwissenschaftliches. Die grüne Gilde. Die Berufsjäger, die man gern al? die Grünen, Grünspechte, G r ü» r ö ck e oder als grüne Gilde bezeichnet, umschloß früher, namentlich seit dem 13. und lt. Jahrhundert, ein viel engeres Band als heutzutage. Der junge Jäijer mußte unter einem tüchtigen Lehrherrn, dem Lehrprinzen, drei Lehrjahre durchmachen, die sogenannte Behängezeit. Au seiner Ausbildimg gehörte auch die sichere Erlernung der Weidmanns- spräche, und auch die Jagdherren suchten nunmehr eine Ehre darin, weidgerecht zu reden(gerecht � recht). Wer s i ch verblesfte, das heißt unweidmännisch ausdrückte oder sich sonst nnweidmännisch benahm. der erhielt im Beisein der ganzen Jagdgesellschaf: die Pfunde: er mußte sich über das beste Stück der Strecke legen und erhielt von jedem mit dem Jagdmeffer drei Schläge auf das Gesäß Eine Fanfare leitete die Strafhandlung ein. imd eine andere schloß sie. Unter solche aber, die sich als gute Schützen bewährt hatten, besonders solche, die einen jagdbaren Hirsch erlegt hatten, wurden die Brüche verteilt d. h. grüne Baumzweige, die sie sich auf dem Hute be- festigten. Reich war die alte Zeit auch an allerlei Jagd- schreien: als solche bezeichnete man kurze Reime, mit denen die Teilnehmer einer Jagd zusammengerufen imd die Leithunde angefeuert wurden, und Weidsprüche, meist aus Frage und Antwort bestehende formelhafte Sprüche, die die Jäger zueinander sprachen oder auch an den Leithund richteten, und deren Kenntnis als Zeichen eines gelernten Jäger? galt. Heute ist nur noch die alte Grußforincl Weidmanns Heil!, der auch wohl noch ein Weidmanns Dank! cntgegeufchallt, am Leben geblieben. Die eigentlichen Berussjäger sind heute die Förster und Ober- förster. Daneben aber gibt es Jäger ans den verschiedensten Berufs- klaffen, die ober nicht mehr wie einst einen geschloffenen Stand bilden und unter denen sich auch viele finden, die man spöttisch als Sonntagsjäger, Jagdfexe u. ä. bezeichnet. Ein älterer Name für Jäger, die ihr Handwerk nicht verstehen, ist auch Bein- base, entstellt au« Bönhase, d. h. Bodenhase, ursprünglich eine Benennung fiir nicht zunftmäßige Schneider, die auf dem Boden (dem Speicher) arbeiten mußten, um vor den Nachstellungen der eifersüchtigen Zunftschneider gesichert z» sein. Leute, die um des bloßen Gewinnes tvillen die Jagd betreiben, für das Weid- werk im höheren Sinne aber nicht» übrig haben und sich um die dabei geltenden Regeln nicht kümmern, nennt man verächtlich Schießer, und wenn sie soweit darin gehen, daß sie etwa das Mutterwild in der Trag- und Setzzeit nicht schonen oder an- geschweißtes Wild, die Mühe der Nachsuche scheuend,„veraasen" lassen, so beehrt man sie mit den noch stärkeren Namen After- jäger, AaSjäger oder Schinder. Im geraden Gegensätze dazu steht der Heger, der seine Wildbahn, d. h. einen größeren, unter fester Aufsicht stehenden Jagdbezirk, weidgerecht behandelt; denn Hege ist der Inbegriff aller derjenigen Maßregeln, die man zur Pflege und zum Schutze einer solchen anwendet. Vom Menschen. Die Ahnenzahl des Mensche n. Die Frage nach der Ahnenzahl des Menschen ist— so lesen wir in der populär- medizinischen Monatsschrift„Hyg"— schon vielfach zum Gegenstand interessanter llitterstichnngen und Berechunngen gemacht worden, die verantw. Redakteur: Alfred Wirlcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: zu den unglaublichsten Ergebnissen geführt haben. Geht man bei den Berechnungen von der Zahl der Geschlechterfolgen aus, so kommen fabelhafte Ahnenreihen heraus. Jeder Mensch hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern, sechzehn Ururgroßektern — bald aber wächst die Rechnung ins Märchenhafte. In der zehnten Geschlechterfolge nach rückwärts hat jeder Mensch schon über 1000 Vorfahren, in der 16. Geschlechterfolge schon über 6S000 und bereits in der 20. Geschlechterfolge hat die Ahnenzahl aber schon eine Milliarde erreicht und die Zahl der Ahnen, die nur unsere Zeitgenoffen zur Zeit Karl des Großen gehabt haben müssen, würde die Zahl von acht Milliarden überschreiten. Wenn man nun noch ein Jahrtausend weiter zurückgreifen würde, so kommen Zahlen heraus, die in der Höhe überhaupt nur durch Sand- körner oder Wassertropfen dargestellt werden können. Diese schier bodenlose Unermeßlichkeit der Zahlen, die die theoretische Bevech- nung notwendigerweise ergeben muß, wird allerdings durch praktische Einschränkungen auf ein faßbares Maß zurückgeftihrt. Bei jenen Berechnungen hat man nur die Zahl der Ahnen eines einzigen Menschen ermittelt; jeder seiner Zeitgenossen hat aber den gleichen Anspruch auf dieselbe Zahl von Ahnen. Zwar ist zu be- denken, daß dieselbe Person in der Regel wiederholt erscheint, oder daß Geschwister sich darunter befinden. So scheidet aus der obersten Ahnenreihe aus der Zeit Karls des Großen schon eine Milliarde von Personen nus. Bei Heiraten zwischen Geschwister- lindern fällt schon ein Viertel der obersten Stammreihe weg. Durch jede Blutsverwandtschaft wird aus der obersten Reihe der Vorfahren eine gewisse Anzahl ausgeschaltet. So schmelzen die theoretisch aus- gerechneten Milliarden wieder zusammen, und man findet es dann nicht mehr so erstaunlich, daß eS die Menschheit auf der Erde gegen« wärtig nur auf eine Einwohnerzahl von etwa 1'/, Milliarden Menschen gebracht hat. Astronomisches. D i e E n t f e r ii u n g e n d e r F i x st e r n e. Es ist das un- sterbliche Verdienst des deutschen Astronomen Friedrich Wilhelm B e s s e l, zuerst die Entfernung eines Fixsterns nachgewiesen zu haben. Bis dahin war die Himmelskunde genötigt, all diese Himmelskörper als unendlich weit entfernt zu bezeichnen, da die Be- stimmung des Abstandes über die Fähigkeit der Beobachtung hinaus- ging. Wie diese Aufgabe zu lösen wäre, hatte man wohl schon früher erkannt. Da die Erde um die Sonne eine Bahn beschreibt, die einen längsten Durchmesser von rund 300 Millionen Kilometer besitzt, so konnte man wohl erwarten, daß diese Bewegung, die von der Erde innerhalb eine» Jahres vollendet wird, auch eine scheinbare Bewegung der Fixsterne zur Folge haben mußte, in ähnlicher Weise wie die Sonne scheinbar eine ganze Drehung um die Erde vollzieht, die ein Abbild der Erddrehung im entgegengesetzten Sinn darstellt. Wenn eine derartige Verschiebung der Fixsterne innerhalb des Jahres noch nie festgestellt worden war. so mußte daraus allerdings der Schluß ge- zogen werden, daß ihr Abstand von der Erde ungeheuer groß wäre, to daß alle Maße, die man aus dem Sonnensystem heranziehen könnte, dagegen winzig erscheinen müßten. Bessel fand aber an einem Fixstern im Bilde des Schwan», der die Bezeichnung 61 Cyani führt, tatsächlich eine solche Verschiebung, die freilich nur den dritten Teil einer Bogensekunde betrug. Daß er sie nachweisen konnte, trotzdem die astronomischen Instrumente seiner Zeit doch noch längst nicht die Vollkommenheit der heutigen be- saßen, ist fast unbegreiflich. Der englische Astronom Henderson, der bald darauf eine entsprechende Messung an dem großen Fixstern Alpha Centauri ausführte, hatte es immerhin wesentlich leichter, da er dessen Verschiebung als eine ganze Bogensekunde beobachtete. Allerdings hat er sogar noch einen Fehler gemacht, da sie sich spater nur als eine Dmviertelselunde herausstellte. Wie fein diese Messungen sein muffen, geht daraus hervor, daß man schon eines Fernrohrs von wenigstens 12 Zentimeter Oeffnung bedarf, um einen Doppelsiern als solchen zu erkennen, deffen Himmelskörper eine Bogensekunde von einander entfernt sind. Die Verschiebung oder, lvie der technische Ausdruck lautet, die Parallaxe eine» Fixsterns um eine Sekunde deutet an, daß ein solcher Stern 206 260 mal weiter von der Erde entfernt ist als die Sonne, und das würde einem Abstand von rund 3l Billionen Kilo- meteril gleichkommen, also einer Ziffer, die hinter der 31 noch zwölf Nullen aufweist. Da solche Zahlen umständlich zu schreiben sind, ist von der Himmelskunde zur Abgabe der Fixsternentfernung da? wahrhaft kühne Maß des Lichtjahres erdacht worden, das eine Strecke bezeichnet, die da« Licht erst in einem ganzen Jahr durch- länst, obgleich es doch in einer Sekunde über 200 000 Kilometer zurücklegt. Die Parallaxe von einer Sekunde würde gleich- bedentend mit 3','« Lichtjahren sein. Durch unmittelbare Be« obachtung mit den verfeinerten Instrumenten der neuesten Zeit, bei denen auch die Photographie benutzt wird, hat sich die Fähigkeit zur Ausführung solcher Messungen erheblich ge- steigert. Mit dem größten Fernrohr der Welt, das die Derkesstern- ivarte bei Chicago besitzt, läßt sich die jährliche Verschiebung von Fixsternen noch erkennen, die um 50 Lichtjahre entfernt sind. Jimer- halb diese« Abstandes befinden sich aber ivahrscheinlich nur etwa 1000 aller Sterne; da? gesamte übrige Firmament ist viel weiter entfernt, mancher dieser Weltkörper vielleicht bis zu Millionen von Lichtjahren.____ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagScmstaltPaul Singer LcTo..Berlin SW.