Hlnterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 49. Dienstag, den II. März. 1913 Gcfchicbtc einer Bombe, Von Andreas©trug. In einem alten Hause in der Nowinirskagasse unter dem Dach wohnte das Ehepaar, bei welchem Rewilak die letzten Wochen eine Schlafstelle inne hatte. In der geräumt- gen, doch niedrigen und dunklen Stube knurrte vom frühen Morgen bis in die spate Nacht die Nähmaschine. Thomas Batschka. ein alter schwindsüchtiger Mann, von dem Sitzen an der Maschine zusammengekrümmt, nähte zusammen mit seiner Frau Westen für ein Kleidergeschäft, und wenn sie vom Morgen bis in die Nacht— und in der Saison Tag und Nacht— arbeiteten, verdienten sie gerade noch zum Leben. Durch das schiefe Dachfenster sah man auf die Türme der Kathedrale, an den Wänden waren Heiligenbilder, und am Fenster hing jener Bauer mit dem Kanarienvogel, den der Dichter der Altstadt so genial bemerkt hatte. Doch fehlte im Hause des Ehepaares Batschka der patriarchalische Anstrich inneren Gleichgewichts und stiller Freude am Leben, welche die Figuren atmen, die jener Dichter hervorgezaubert hat. Vielleicht gab es das alles früher— aber die Revolution, die bis in die Wälle und Türme der Altstadt vorgedrungen war, hatte eS zerstört und für immer vernichtet. Freilich hingen noch die alten Heiligenbilder an der Wand, aber Thomas Batschka und seine Frau beteten schon lange zu anderen Göt- tern. Und nicht einmal diese halfen.... Die Revolution kam näher, geriet ins Laufen und fuhr mit Tosen, Gewitter und Sturm vorbei. Um diese Zeit war sie schon weit fort. Während des Sturmes hatte ein jeder etwa? verdient oder was wegbekommen. Für drei Tage ver- dient und, an da? Gute nicht gewöhnt, verlor einer das, waS hinzugekommen war mit dem, was er früher schon hatte. Ein anderer hatte etwa? mehr behalten als er verlor, einem Dritten� gelang es nicht, alleS abzunehmen, oder es kam zu- fällig nicht dazu. So war es verschieden unter den Menschen, auf jedem Gebiete anders. Bei den Schneidern, die zu Hause arbeiteten, war jedoch das alte Elend verblieben. Den Leuten wurde Appetit gemacht. Der arme Teufel wurde wild. ES wurde geschossen, Bomben wurden ge- schmisien, man machte Demonstrationen, hielt Reden in den Versammlungen, befahl zu streiken, sich zu halten. Batschka streikte, hielt sich— doch durchzuhalten wurde den armen Häuslern schwer. Es gab Aufruse, man wußte, was man fordern wollte, alle Schneider wollten dasselbe, berieten sich, hielten sich, ließen sich haufenweise ins Gefängnis stecken, verpfändeten sich, starben Hungers— aber der Kleiderhändler blieb ihnen über. ThomaS Batschka hatte in den Reihen verschiedener Parteien gekämpft. Er hatte seinerzeit Unabhängigkeit und die Konstituante für Warschau auf so vielen Volksversamm- lungen gefordert, daß er es schließlich gelernt hatte, selbst dieses schwierige Wort auszusprechen. Kam die Rede auf die Wahlen, so rief er: Fort mit der Schmachl Nieder mit der zarischen, schuftigen, kosakischen Dumal �— Doch überwanden diese Feldrufe den Kleiderhändler nicht. Der erste Streik war erfolglos, und das hatte offenbar die Partei ver- schuldet. Er ließ also mit den anderen Schneidern die Partei im Stich, verwarf den Terrorismus und sämtliche Kampf- ccktionen, forderte die allgemeine russische Republik und die Seldswerwaltung für Polen. An den Wahlen zur zweiten Duma nahm er wärmsten Anteil. Die Emissäre der fort- schrittlichen Demokratie nahmen ihm auf der Straße die Wahlaufrufe ob. und nach einer Stunde wurde er vor dem Walillokal von den Agitatoren der nationalen Partei tüchtig verprügelt, weshalb ihn auch die Polizei sofort verhaftete. Der neue Streik mißlang ebenfalls. Nicht besser erging es den schiedsrichterlichen Verhandlungen, welche von dem Pfarrer Oremus und dem Pfarrer Amen unter Anrufung des Patrons der Schneider und unter dem Protektorat der aller- heiligsten Jungfrau, der Königin von Polen, im Namen der Schneider, die von dem brudermörderischen Klassenkampf an- geblich genug hatten, geführt wurden. Alles hatten die Schneider schon versucht. Bis jeder Glaube und jede Lust in den Leuten erstorben waren. ES blieb nur das alte Elend und die Bitterkeit und der Wunschi nach Rache am Zarentum, am Kapital und an den Sozia- listen. Batschka erkannt«., daß das Zarentum noch viel zu stark war, um ungestraft mit ihn» anzubinden, daß das Kapital der Teufel selbst war, daß es keinen Gott gab. und daß die So- zialisten lauter Betrüger waren, die einen unschuldigen Men- schcn nur ins Elend bringen; die. wenn es ihnen nötig er- scheint, durch Tür und Fenster gekrochen kommen, am Genick zu Verschwörungen und Streiks schleppen, drohen, zu allem bereit sinf»,— wenn es aber ganz bös wird, dann ist niemand da! „Es soll sich nur einer bei mir zeigen!" grollte in den letzten Zeiten Batschka. „Mit dem Abwaschwasser werde ich ihn Hinausgießen,� schrie Frau Batschka dazu. Aber weder die Sozialisten noch die anderen Parteien fühlten sich durch diese Drohungen berührt, denn sie saßen alle hinter Schloß und Riegel, in völliger Sicherheit vor „der Rache des verführten Volkes". Die Leute versuchten auch durch Demut zu wirken, freilich nicht mit der wahren, die zwei Mütter nährt, sondern mit jener falschen, erzwungenen, hinter welcher sich eine wütende unchristliche Auflehnung verbirgt. Es demütigten sich die Schneider der Heiniarbeit, winselten, küßten ihren Herren die Füße. Herr Zolopowicz, der Eigentümer eines großen Bekler- dungsgeschästs für Herren, wußte aber sehr Wohl, daß dieS nicht die wahre Demut war, die durch alle Himmel dringt, und ließ sich nickst erweichen. „Siehst Du, mein lieber Batschka," sprach er,„man hätte eben nicht Revolution machen müssen! Man hätte sich nicht auf diese Dummheit einlassen sollen. Was habe ich gesprochen, gewarnt, gefleht, aber Ihr, einer wie der andere, habt es vorgezogen, auf jenen Juden zu hören, den die jüdischen Groß- Händler zum Verderben der polnischen Sache und der polni- schen Industrie ausgeschickt haben, j>tatt mich zu hören, Deinen Freund und Vater. Bist Du ein Christ, Herr Batschka?" „Ein Christ, Herr, gewiß. Der Mensch ist sündig, gnädiger Herr." „Auch ich bin ein Christ. Warum hast Du also nicht zü mir, nicht zur polnischen Sache gestanden?" „Jetzt bin ich für alle Ewigkeit bekehrt, gnädiger Herr. Aber ich schwöre bei Gott, und so wahr ich ein freies Polen herbeisehne, man kann bei diesen Preisen nicht existieren. So wahr ich mir alles Glück wünsche— man kann nicht. Es geht nicht, daß ein Mensch sich zu Tode plagt, nachts nicht schläft— das ist unmöglich. Ganz und gar unmöglich. Früher bekamen wir fiir eine Weste.. „Lieber Batschka, sprechen wir nicht von dem. was war. Früher war Ordnung, war ein Geschäft, war Kredit. Der Mensch war seines Lebens und seiner Habe sicher. Aber WaS ist jetzt? Ihr habt alles von unterst zu oberst gekehrt. Ihr habt die Industrie ruiniert, habt mich ruiniert. Und jetzt ver- langst Du denselben Preis für eine Weste? Ich kann nickst. Bist Du ein Christ?" „Ein Christ, gnädiger Herr." „Auch ich bin ein Christ, habe ein Herz und Erbarmen im Herzen. Doch was nicht möglich ist, ist nicht möglich. Willst Du, daß in Warschau lauter Juden mit fertigen An- zügen handeln? Nicht wahr. Du willst nicht? Schön. Dann kannst Du aber auch Deinen Landsmann nicht schinden. Ver- such's doch— geh zu den Juden. Vielleicht geht's Dir dort besser." Batschka ging zu den Juden. Aber auch das half nichts. Die Situation war bös. Herr Zolopowicz konnte nicht, aber Batschka konnte schon längst nicht mehr. Herr Zolopowicz war ein biederer Meister und konnte nicht, Baffchka war ein sehr fleißiger Schneider, aber nun ging es doch nicht mehr. Herr Zolopowicz hatte den einen unumstößlichen Gedanchen, einen mächtigen polnisch-katholischen Handel mit fertigen Kleidern zu schaffen, Batschka hatte ebenfalls eine ganz un- umstößliche, fundamentale Idee, nämlich: zu leben— auf welche Weise immer.— nur leben! Die Situation war schlvierig. Doch das Leben weiß sich überall zu helfen. Es satzrk über btc Leute dahin, stiftet eine aräUiD Verwirnnig, stellt alles ans den Kopf— aber schließlich schafft es Rat. So half sich auch das Leben in der schwierigen Schneider- sache. Die Schneider errieten endlich, woher ihre Ztiederlage stammte. Freilich kam diese Erkenntnis etwas spät, aber Verzweiflung und Hunger vermögen es schließlich, einen zur Vernunft zu bringen. Es wurden weise Stimmen laut, welche sagten: Diese Gebildeten, diese Parteien, diese feinen Herren haben uns einfach den Kopf verdreht. Der Arbeiter muß selbst über sich versiigen, nicht irgendein Zentralkomitee. Fort mit den Intelligenten! Diese Losung ertönte freilich zur Zeit, als es schon längst an Intelligenten fehlte. Und im Grunde war man auch des- halb so bös auf sie. Man wußte nämlich ohne sie nichts an- zufaugen, doch störte jetzt wenigstens niemand mehr. Es ent- wickelte sich ein mächtiger elementarer Schnciderstreik. Juden sowohl als Christen retteten sich, so gut sie konnten und taten alles, was nur möglich war. Man vernichtete Waren, prügelte die Meister ans den Straßen und in den Häusern, verfolgte die Streikbrecher auf die grausamste Weise— kurz, man führte einen unerhörten Terrorismns ein. Die Zeitungen waren voll von schauerlichen Geschichten, die wohlgesinnten Bürger hatten ihre Seelen voll Entsetzen, und das Gefängnis im Rathans war voller Schneider.... Unter anderem wurden auch in dem großen Kleider- Magazin des Herrn Zolopowicz alle Scheiben eingeschlagen. Das hatte eigenhändig Rewilak vollbracht, der jetzt den Schnei- dern half wie früher den Schustern. Batschka selbst hatte ihn hingeführt und stand auf der Straße gegenüber, mit Wonne auf den Schaden des Tyrannen blickend. Der arme Schwind- süchtige war schließlich außer sich geraten und unersättlich in seiner Rache. Seine Frau hatte Angst vor ihm und glaubte zuweilen, er sei verrückt geworden. Er hielt Reden, hetzte die Leute auf. ja, er ließ sich einmal sogar hinreißen, bei einem Streikbrecher Stoffe zu vernichten, freilich in Abwesenheit des Verbrechers. Doch der Streikbrecher hatte eine tüchtige Frau. Der Terrorist kehrte nach Hause zurück, verprügelt, durcheiNandergerüttelt, im Gesicht zerkratzt und vor Wut und Scham weinend. Er mußte sich ins Bett legen, zum Trost seiner Frau, welche eben wie ein Weib dachte: wenn wir gewinnen sollen, so wird das auch ohne ihm geschehen, und wenn er die schlimmste Zeit im Bett liegt, kommt er wenig- stcns nicht ins Gefängnis. lLortsctzung folgt. s Die Wcbin. Bon Leon Xanrof. Autorisierte Ucbcrsetzimg. Herr Biche sein woblbcleibter Fünfziger, legt den Federhalter fort, um die neue Köchin zu mustern): Also Sie kommen vom VermietungSkonior und heißen Madclcine? sDie Köchin nickt bejahend.) Nach dem Schreiben des Bureaus zu urteilen, müssen Sie ja eine wahre Perle sein!(Mit der aufgeblasenen Wichtigkeit eines Menschen, der„das Leben kennt" und sich nichts vormachen lötzt.) Was solche Auskünfte wert sind, weiß man ja I iMit einem groben Lochen.) Na, mir soll's egal sein, vorausgesetzt, daß Sie niich nicht zu sehr übers Ohr hauen I Die Köchin seine alte,, saubere Frau mit offenem Blick, aber gefurchter Stirn und gebeugtem Rücken, auf den die Last eines' langen, freudlosen Lebens zu drücken scheint): Was Ehrlictckeit an- langt, da hat mir noch keiner etwas vorwerfen können. sAIs Herr Biche ein etwas ungläubiges Gesicht macht.) Wenn der Herr mich erst kennen wird, wird der Herr schon sehen. Biche: Wenn Sie's selbst sagen I... Man schreibt mir, Sie feien eine perfekte Köchin. Gott, so etwas schreibt man ja immer! Die letzte Köchin, die man mir schickte nnd als ein wahres Genie der Kochkunst pricö, tat Pfeffer in den Vanillccrcme und Knoblauch an die Setzeier!