Anlerhaltungsblatl des Horivärts Nr kl. DonnerStag� den 13. März 1913 kl) (3efdnd?te einer Bombe. Von Andreas©trug. (Schluß.) Batschka befand sich immer schlechter. Er lvar schwer krank und lag eine Woche im Fieber, ohne etwas von der Welt zn wissen. Als er wieder zu sick kam, fühlte er einen gewaltigen Zustrom von Leben und Shnst. Er sprach sehr laut, schimpfte mit der Frau, führte drohende Reden. Indessen mifelaug der Streik. Eine Masse Leute tvurde wieder verhaftet, und der Rest bettelte bei den Meistern um Arbeit, indem sie sich auf Gnade und Ungnade ergaben. Batschka verlangte nach der Arbeit zu essen, aber im Hanse war nichts da. „Ich habe gewartet, bis Du ausstehst, damit ich die Kissen iin die Pfandleihe bringen kann. Es wird für einige Tage reichen." „Und hast nichts getan?" „Was sollte ich tun? Dreimal war ich bei unserem Prin- zipal. Er bat mich jedesmal hinausgejagt. Für mich, sagte er. arbeiten jetzt nur neue Leute— ich habe genug Schererei mit Euch gehabt. Daß ihn die Pest.. „Und sonstwo?" „Ueberall wird man fortgejagt. Sie lachen einen nur auS. Die Welt geht unter." „Und bei den Juden warst Du?" „Ueberall dasselbe. Hängen wir uns auf, Thomas. Wir versetzen das Kissen, kaufen uns Schnaps, trinken jeder eine Flasche, und dann mag uns der Teufel.. „Du bist dumm! So ohne weiteres gehe ich nicht aus der Welt." „Wenn Du klüger bist— nun, so sieh doch zu!" Die Alte trug das Polster ins Versatzamt: Batschka blieb zurück und„dachte nacki". Er dachte auch darüber nach, wohin bloß Rewilak verschwunden sein mochte. Im Fieber fühlte er sich sehr kräftig, konnte aber kaum ein Bein bewegen. Er wusch sich, zog sich an, wobei er fortwährend vor sich hin brummte. Er ging eine Viertelstunde lang im Zimmer hin und her, blieb schwer auchustend stehen. Er stand lange da und blickte durchs Fenster auf die Türme der Kathedrale und auf die Dächer. In den Augen brannte das Fieber, und un- klare Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er wustte was er wollte, jedoch nicht, was er zu tun batte. Von Zeit zu Zeit wurde er schwach. Er sah aufs Bett und bekam Lust, sich wieder hinzulegen, sich nach der Wand zu drehen, sich die Decke über den Kopf zu ziehen, mochte dann geschehen, was wollte.... Aber er wußte, daß, sobald er sich wieder hinlegte, er nie mehr aufstehen würde. Er fürchtete den Tod. obwohl er ihn inbriinstig herbeisehnte. Dann stand er vor dem zer- schlagenen Spiegelchen und kämmte noch eiirinal seine grauen Strähnen. Darauf goß er dem Kanarienvogel etwas Wasser zu, kniete vor den Heiligenbildern, bekreuzigte sich und be- gann zu beten. Doch kaum war er zum Ave-Maria gelangt, als er sich erhob und das Fenster öffnete, denn die schlechte Luft preßte ihm die Brust zusammen. Er wußte, daß er noch etwas sehr Wichtiges zu tun hatte, das er nicht so sehr ver- gaß, vielmehr inimer wieder versckob. Aber erinnerte er sich, daß die Frau jeden Augenblick zurückkommen konnte, beeilte sich deshalb und verließ die Wohnung. Zusammengekrümmt, bleich wie ein Schatten, schleppte er sich durch die Gassen. Er�lieb oft stehen, lehnte sich an eine Mauer und ruhte, schwer atmend, ans. Einige Male packte ihn der Husten so arg, daß er fast die Seele aushauchte. Endlich gelangte er an seinen Bestimmungsort. Jnr Magazin des Herrn Zolopowicz wurden gerade neue Scheiben einge- fetzt. Die Glaser schleppten mit Mühe die großen Glastafeln herbei, und Leute standen da und gafften. Batschka öffnete vorsichtig die Tür. zog demütig die Mütze ab und blieb mit einen, flehenden Blick auf der Schwelle stehen. Der Prinzipal faß hinter seinem Kantortisch und schrieb. Die Gehilfen ver- suchten den Lästigen hinauszujagen, während Herr Zolopowicz von unten her einen Blick hinwarf, ohne sich im Schrei- ben zn unterbrechen. Batschka wehrte sich und bat in tiefster I, Demut um Verzeihung und um Arbeit. Endlich blickte der Prinzipal gutmütig auf und sagte: „Rein, lieber Batschka, jetzt issis genug. Ich habe EureS* gleichen schon so weit..." „Wir sterben vor Hunger, Herr..." „Was kann ich dafür? Geh zn den Sozialisten«nd laß Dir Arbeit geben. Geh, geh mit Gott!" Batschka stand da, als wollte er noch etwas sagen. Mair mußte ja unbedingt etwas sagen, und wären es auch nur drei Worte. Man mußte in diesem Augenblick etwas Passen- des ausrufen. Aber die Kiefer klappten ihm zusammen, lind eine große Schwäche erfaßte ihn vom Kops bis zu den Füßen. Rafch nahm er die Büchse aus der Tasche seines Paletots, stürzte zum Kontor, und ohne ein Wort zu sagen, schmetterte er die Bombe dem Prinzipal direkt vor die Füße. Herr Zolo- powicz fuhr mit den Händen in die Höhe, brüllte und stürzte von seinem hohen Stühlchen herab. Und Batschka, vor?ln- strengung und Aufregung bewußtlos, stürzte neben ihn hin und fiel in Ohnmacht. * » Die Geduld des toten Werkzeugs hatte sich erschöpft. Das hatten die achtlos lebenden Menschen nicht berechnet. Thomas Batschka kannte die Geschichte der Bombe nicht, wußte nichts von ihrer langen Wanderung. Bor Feuchtigkeit und Kälte schützte sie ihre dicke eiserne Schale. Vor Erschütterung bewahrte sie die menschliche Vor- ficht. Man versteckte sie, hütete sie, daß sie nickst in feindliche Hände gerate. Man tat alles was man konnte. Eins aber wußten und konnten die alles vermögenden Menschen nicht erraten und nicht wissen, nämlich: was da inr Innern geschah, in diesem geheimnisvollen Innern, wo der zerschmetternde Tod lauerte, wo auf einem wie ein Haar dünnen Faden tückisch die nngehenerlickre Explosion aufge- hängt war, damit sie jeden Augenblick drohe und zur be« stimmten Stunde vernichte, was dem Menschen auf seinem Wege ein Hindernis bereitete. Thomas Batscksta, der sich für das ganze benachteiligte Schneidervolk einsetzte, wußte nicht, daß er gleichsam nur mit einem schlvgchen Stein in der Hand gegen einen mächtigen Feind losgezogen war. Es wußte es auch nicht der fromme biedere Pole, der Herr und Meister Zolopowicz, als er ganz unnütz eine feierliche und teure Votivtafel zun. Dank für die wunderbare Errettung stiftete. Es war durchaus kein Wunder. Das geheimnisvolle Leben der Naturkräfte, das seine Bahn ging, bis es seine Auf- gäbe vollbrachte, hatte die Gewalt der Bombe gebrockt». Es gingen ihre Bahnen die menschlichen Schicksale, die Zeit ver- zehrend, die Seelen mordend, Leben vernichtend, Lebest schafsend. Es starb die Revolution, es starb die Kraft ist der Bombe. Die seelischen Kräfte waren erlahmt, die Waffe fiel aus der Hand. Das war es. Man brachte den zerschlagenen blutenden Thomas Batschka zur strengen Untersuchung auf die Ochrana. Man holte die Bombe in einem speziellen gepanzerten Fuhrwerk ab und brachte sie vorsichtig fort. In den Artilleriewerk- stätten auf Praga betrachteten sie die Sachverständigen, be- trachteten sie mit Neugierde die Offiziere. Alle hätten gern in das geheimnisvolle Innere hinein- geblickt. Es wurde lange hin und ber geraten, was zu tun sei, um sich auf die sicherste Weise von allem zu überzeugen. Wer kann wissen, was sie erwarteten! Wollten sie da? Geheimnis der Revolution herausstehlen und sich aneignen? Oder schien es ihnen, daß in dieser eisernen Schale ein un- gewöhnliches Rätsel eingeschlossen sei, alles übertreffend, was sie in diesen Zeiten errieten und was ihnen zu überwindeu gelungen war? Es wurde befohlen, die Bombe zu wiegen, zu messen, zu öffnen, auseinanderzunehmen und alles genau zu be- schreiben. Der Hanfe der Offiziere sah geringschätzig auf die„Schneider"arbeit, lachte, rauckste sorglos Zigaretten in der Nähe der Bombe, welche versagt liatte und nicht explodiert war. Das machte die militärischen Meister kühn. Man setzte die Bombe in einen Schraubstock und fing an. langsam den Deckel abzudrehen. Er widerstand sehr lange, bis nach vielen Anstrengungen die Schraube endlich nachzugeben begann. Der Teckel machte nur eine ganz geringe Drehung, und im gleichen Augenblick lieseu die Meisler, die beaufsichtigenden Spczia- listen und die neugierig zusehenden Ossiziere mit Geschrei Jus der Werkstatt. Sie drängten sich in der Türe und sielen einahe um. Ein schrecklicher, fressender Geruch erfüllte die Werkstatt >— mörderisch und unerträglich war dieser erste Atem der Höllenmaschine. Nach langen Beratungen und Ueberlegun- gen trieb der Offizier die entsetzten Leute aufs neue zur Arbeit an. Die Zartheit, mit der die erschreckten Soldaten jetzt mit dein unheimlichen Gerät umgingen, läßt sich mit nichts Der- gleichen. Mit Masken auf den Gesichtern, nasse Schwämme �im Munde, trugen sie die Bombe in den Händen, Schritt für schritt, ganz langsam durch Felder und Wieseir bis zur Weichsel hinab. Dort wurde sie am llfer niedergelegt, unter der Bewachung von vier Soldaten, die in einem breiten Viereck aufgestellt waren. Neugierig blickten darauf die Fischer aus der Stadt, die am llfer saßen, die Leiite blieben auf dem Wege stehe», und niemand wußte, was es zu be- deuten hatte. Endlich kam ein Fahrzeug mit Sapvenren, und die Ar- bcit begann. Man nahm einen langen und dicken, mit Kantschnk überzogenen Draht, umwickelte die Bombe, bc- festigte sie und ließ sie vorsichtig an einer langen Stange in eine tiefe Stelle des Flusses hinab. Man vertrieb die Fischer und zog das Fahrzeug hundert Schritt weit zurück. „Fertig?" „Fertig!" Der Soldat drückte auf einen Knopf. In diesem Augen- blick erhob sich über der Oberfläche des Flusses eine hohe Wassersäule. Das Wasser auf der weiten Fläche geriet in Aufruhr. Die aufgewühlten Wasserklumpen in der Tiefe stürzten nach oben, und eine große Welle ging über den Fluß. Aus dem Wasser ertönte ein drohender dumpfer Knall— hing über dem Fluß und widerhallte düster, schwer und lange an den hohen Wällen und Mauern der Zitadelle am gegen- überliegenden llfer. Er ertönte und verhallte— wie eine Kauonensalvc über das frische Grab eines Kämpfers, wie der letzte ferne Widerhall des Gewitters, das schon vorbei ist. Die Scheiben in den Fenstern des Gefängnisses er- klirrten von dem Knall.— und es erwachte ans seinen letzten Gedanken der Verurteilte und horchte lauge..., f>ans im Glück. Von C. B ll s sc.. Der alte Winiciki—„Wojczicch liu!" riefen die Jungens hinter ihm drein— hat nach einem mühseligen, langen und armen Leben ei» letztes Jahr gehabt, in dein»ach seiner Meinung alle Gottcscngel für ihn sauge» und Pfiffen. Ein Jahr, in dem er bc- kohiit wurde für alle Sorgen, Nöte und Entbehrungen des ganzen Daseins, so daß er selbst nach dem Himmel kein Verlangen mehr trug. Er war Fuhrmann gewesen in vieler Herren Diensten, Knecht, Straßenkehrer und weiß Gott, was noch alles. Er hatte gerade iinlner sein Essen gehabt und sein Biergcld— geblieben war ihm nie ein Pfennig. Als er deshalb alt wurde und keiner ihn mehr brauchen konnte, mußte sich der Ort seiner erbarmen, und auf diese Weise wurde er„Stadtpensionär". Ein Spital gab es nicht: zusammen mit einem andern alten Kerl wurde er an den Mindest- fordernden versteigert. Maurermeister Haase erhielt den Zuschlag. Er hatte auf seinem Hof eine Bude stehen, die kein Mensch mieten wollte, die also gerade für die Acrmston der Armen paßte. Auch die Verpflegung übernahm er. Viel mehr als Brot und Suppe kompe er allcrdigns für das Geld nicht liefern. Da hatte der alt« Winiecki—„Wojcziech hü!"— also mit feinem taperigen Genossen Michael Heise schon drei Jahre gewohnt. Michael war bereits etwas schwachsinnig. Er sprach nur noch wenig. Bloß wenn dreimal am Dag das Essen kain, lachte er vor sich hin. Selbst die dürstigste Wassersuppe begrüßte er mit diesem wohlgefällige» Lachen. Winiecki jedoch hatte seine Sinne noch ordentlich beisammen, und bei dem untätigen, grausliche» Leben wurde er ein erbitterter Nörgler. Vor sich hinkreiscnd schob er durch die Straßen, musterte fclle Menschen mit bösen und mißtrauischen Blicken und sog, da er nur selten ein erträgliches Stummelchen fand, fast immer an der kalten Pfeife. Es war sein größter Zorn und Gram, daß er niemals mehr ein bißchen Geld in der Hand hatte, um sich ein wenig Tabak für die Pfeife, einen lütten Schnaps zur Auf- frischung, einen Zipfel Wurst zum trockenen Brot kaufen zu kön- ncn. Aber man konnte füglich von der Stadt nicht verlangen, daß sie für solche Luxusbedürfnisse sorgie. Zwar hätte man nichts da- wider gehabt, wenn der Alte als Ortsarmer am dafür bestimmten Freitag gebettelt hätte. Doch es widerstrebte ihm, und er hätte mit feiner finsteren Miene und seinem ewigen Gebrumme auch sowieso nichts bekomme». So gab er sich erst gar keine Mühe, und die Stadt war sich darüber einig, daß er zu allem übrige«» auch noch ein undankbarer, störrigcr und seltsamer Patron sei. An einem Morgen vor Pfingsten>var„Wojcziech hü" nun. wieder stöhnend, keifend und fluchend ans den» harten Bett gc- krochen, wie er es an jeden» neuen Tage tat. Er ärgerte sich schon, wenn er das Licht sah und schiinpste gotteslästerlich, daß er die Stacht überlebt halte. Denn er»vutzte nicht, was er mit den vier- zehi» Stimden, die vor ihn» lagen, beginnen sollte. Außerdeu» kain jetzt bald die schliminfte Zeit des Jahres mit Schütze». festen, Jahr- Märkten und Volksbelustigungen. Da hatte er früher wohl ver- gniigt mitgemacht und fraß jetzt doppelten Grimm in sich hrnein, wenn er von weiten» Musik und Gejachtcr hörte. Ohne Geld hatte man da nichts zu suchen. So vsauchte er den»» den Schlafgc>»osscii Michael Heise, der selig in die Morgcnsuppe lachte, böse an, löffelte murrend seinen Teller aus und ging, mit Got» und der Weit zerfallen, ins Freie. Es war eil» schöner Dag, und nach einigen» ziellose» Umherstreifen landete der alte Wrniecke wie gewöhnlich am Schwcineinarkt. Hier setzte er sich aus einen der abgeplatteten Steine. Durch den eisernci» Ring, der in die Vorderseite des Steines ciiigelasscn war und der zum Anketten des aufgetriebenen Viehes diente, schob er seiiieu Stock, und dann saß cr maulend, niurrcnd, an der kalte»» Pfeife saugend in der Sonne. Da gestern Markt gewesen»var, sah der Platz heute noch zerivühlt und vertreten ans. Das»var ein Grund zu neuem Aerger,»na» konnte auf die Stadtverwaltung schimpfen und dadurch»viedcr eine halbe Stunde dieses ziel- und sinnlosen Lebcits totschlagen. Plötzlich nabm Wojcziech HÜJ die Pfeife aus dem Munde und sah nach links hinüber. Die Sonne war höher gestiegen; da blitzte etwas auf, ein strahlendes Fünkchcn, mitten aus Staub und Dreck. Zehn Minuten starrte cr daraufhin hin. Dann zog cr ächzend dcit Stock aus dem Ring, tqperte ein paar schritte Vorivärts und stocherte im Boden herum. Bis cr mit einem Male erschrak. Jesus Maria, was war das?, Halb in die Erde getreten, nur mit einem feinen Rand hervor- sehend, den die Sonne halte ausbtitzcn lassen, lag da etwas Goldenes, Blankes. Er hob rs aus, er besah es, er bcsühlte es— kein Zweifel: ein Zwanzigmarkstück! Einer der zum Markt gckommc- neu Händler oder Bauern mochte es gestern verloren haben. Die Knie begannen dem Alten zu zittern. Er lachte blöde, schüttelte den Kopf und ging zu seinem Stein zurück, das Goldstück krampfhaft in die Hand pressend. Es»var ihm, als hätte cr einen Schlag vor den» Schädel bekoininen, mit solcher Gewalt setzte das Neue, Unfaßbare ihm z». Alles drehte sich ihm im Kopfe. Doch dan», mit einem Male, sah er sich scheu um und humpelte mit äußerster Schnelligkeit davon, gerade als hätte er Furcht, der Ver- licrcr könnte plötzlich auftauchen und ihikt den Schatz abjagxn. Er mußte sich erst daran gewöhnen,»nußte überlegen, was nun gc- scheyen sollte; mutzte sich cineu Plan machen. Draußen auf den Wiesen, wo ihm nur die liebe Sonne zusah, prüfte er die Doppetkroue»och einmal genau und knotete sie dann in das rote Schnupftuch, auf dem der Dom zu Guescii abgebildet war. Ein paar Tage schleppte er sich iioch voll gebcimcr Unruhe umher, horchte; fuhr des Nachts auf und griff in die Tasche. Aber niemand schien etlvas verloren zu haben. Und da kam eine unsinnige Freude über den Alten, eine kindliche Seligkeit. Morgens, wenn cr aufwachte,»rollte cr wie gewöhnlich zu knurre» und z» schelten beginnen: doch kann» batte cr den Mund iinfgemacht, so siel ihm sein Schatz ein. Da schmunzelte cr und sprang fix»vir ein Junger aus de» Federn. Gar nicht schnell genug konnte er angezogen sein. Der Tag»var nicht mehr lang und langweilig»vie früher: Tausendfaches gab es zu besorge»» und zu über- legen. Zuerst:»vas konnte cr sich für das Geld an» besten kaufen? Er konnte zun» Schlächter gehen und ganze Schinken und Würste mit-»ach Hause bringen. Sein Gesicht verklärte sich bei dein Gedanke»», und cr schluckte das trockene Brot, als»väre es mit den zartesten und saftigste»» Scheiben belegt. Oder cr konnte die Zigarrcngcschäftc besuchen und sich ganze Rollen Tabak aufhäufen. Strahlend zog er bei diesen» Gedanke» a>» der kalte», Pfeife. Ldcr cr konnte Maische Ziegel beehren und sich die herrlichsten Schnäpse zu Geinüic führen— schon im Vorgeschmack drückte man selig die Augen zu. Gar nicht davon zu reden, daß man nun, als Ivohlhabcndcr Mann, Jahrmarkt und Schützenfest bcsucbe», daß man daran denken konnte, sich eine»» warmen Rock für oen Winter zu kaufen. WaS er auch sah, alles schien liur auf ihn z»»»varten, schien ihn zärtlich zu bedrängen: Nimm mich, kauf»»»ich! Wie ein Mil- iioiiär kam er sich vor. Und als Michael Heise sein»vundcrliches Lachen zur Begrüßung der Abendsuppe anschlug, schimpfe er nicht »vir sonst, sondern er lachte unlvillkürlich mit. Es klang noch rauh und unsicher, als hätte cr c? zu lange verlernt, aber sciiic»» Schlaf- kollegcu»vollie der Bissen iin Munde steckenbleibe»». „Wojczicch hü„ lachte!„Wojczicch hül knurrte und»nurrie nicht. Ueberhaupt: er wurde ein ganz neuer Mensch. Wieder gc- mütlich und vergnügt wie damals, als er ein junger Geselle gewesen war. Ewig hatte er etwas vor, hatte hundert Pläne und Ziele, sprach von wichtigen Gängen und Entscheidungen. Denn ehe er sein Geld anlegte— das letzte große Geld, das er vor seinem Tode wohl besitzen würde—, wollte er natürlich ganz besonders prüfen. Für das Goldstück hier mußte was Extra- feines herausspringen. Nichts war ihm eigentlich schön genug da- für. Aber er hatte ja auch Zeit, er konnte ja wählen. So ging er in die Geschäfte. Erst studierte er die Auslagen. Da hatte der Pan Eybhlski einen prachtvollen Tabak im Schau- tenster. Das wäre wasl Und er trat vom linken auf den rechten Fuß, rechnete und konnte sich nicht losreißen. „Na, Wojrziech," fragte der Zigarrcnhändler und trat vor die Tür,«gute Ware, was?' Man plauderte hin und und her, bis der alte Winiccki sich einen Ruck gab. „Wieviel Tabak, Pan CybylSki, krieg' ich von der Sorte da für zwanzig Mark?" Der andere schien nicht recht gehört zu haben. Wie? Was? äfür zwanzig Mark? Und er legte gutmütig lachend ein paar >iolleti übereinander.«Den ganzen pausen, Alterchen, und ein paar Zigarren gibts noch dazu!" Die Augen strahlten. Sehnsüchtig hingen sie an den Schätzen. In schweren Seelenkämpfen stand«Wojcziech hü" da. Er faßte schon nach dem verknoteten Goldstück. Aber man soll nichts übereilen.„Ich hol' mir das da vielleicht nächstens," sagte er würdevoll.„Wenn er gut schmeckt, könnte man sich's überlegen. Da wollte sicki der Pan Cybylsli totlachen.„Großartigl" schrie er,„nun seht doch bloß einer den Pensionär anl Belieben Euer Hochwohlgeboren eine Probe anzunehmen?" Und er steckte ihm noch immer lachend ein Stück Rolltabak und zwei Zigarren in die Tasche. Selig saß der Greis kurz darauf am Schwcinemarkt auf dem Stein und rauchte. Er rauchte nicht mehr kalt, er blies richtige schöne bläuliche Wolken in die Höhe. Immer, wenn ihm der Duft tn die Nase stieg, ging ein strahlender Schein über sein verwittertes Gesicht. Nun hatte er bei sparsamem Gebrauch für drei Tage Nauchvorrat... i, nun dachte er natürlich vorläufig gar nicht daran, sich für sein Geld Tabak zu kaufen! Das, was man nicht besaß, reizte immer am meisten. „Wenn wir hier'n Ende Wurst zu hätten, Heise," sagte er also abends, während er den Brotkanten bearbeitete,„das wäre'n feines Futter! Na, wollen mal sehn... wollen mal sehn!" Aber der Fleischermeister Hoppe, in dessen Laden er tags dar- auf trat, war ein Grobian oder tat wenigstens so...„Hier wird nischt gegeben," schrie er den alten Kerl an und stellte sich breit- bcinig in der weißen Schürze vor den Ladentisch. Da jedoch wurde Wojezicch wütend. Ob er denn gebettelt habe? Ob man so Kunden behandle? Noch dazu Kunden, von dcncnunan nicht wisse, ob sie nicht den halben Laden aufkaufen wollten! Psiakrew, das wäre ja noch schöner! „Nu, nu, mach man keine Zicken, Winiecki," entschuldigte sich der Meister.„Was willstc denn haben?" Es kam auch wirklich beinahe so weit, daß der Alte einen herrlichen Schinken gekaust hätte. Aber auch eine feste rote Wurst stach ihm in die Augen. „Ich will doch mal'n Hesse fragen, was er lieber ißt," sagte er zum Schluß und steckte das Schnupftuch wieder ein.„Die Wurst scheint ja gut zu sein, aber der Wyrimba drüben hat auch so'ne ähnliche im Schaufenster hängen." «Und da mcinste, die is besser?" schrie der in seiner Ehre gekränkte Schlächter.«Nu tu mir den einzigen Gefallen und geh rüber. Kauf se mal... hier, ich geb' Dir extra zwanzig Pfennig... und dann sieh mal, ob sie so fest ist wie meine." Damit schnitt er ei» Stück von der Wurst ab und hielt es ihm hin.„Ueber den Schinken können wir ja später sprechen!" Wie ein Fohlen jagte„Wojcziech hü" nach Hause. Dem Michael Heise lief bciin Lachen das Wasser aus dein Munde, als die beiden Wurstzipfel � zum Vorschein kamen. Es wurde mit Maßen und Sorgfalt geprobt, ohne daß man zu einer Ent- scheidnng kam. Jetzt, dachte der Alte, müßte man einen Magenwärmcr drauf- setzen... ein Schnäpschcn, das Feuer in sich hat. Ob es bei Moische Ziegel für zwanzig Mark am Ende ein ganzes Faß Korn- branntwein gab? Die Vorstellung berauschte ihn so, daß er zu singen anhub. Und gleich am nächsten Morgen war er bei Moische Ziegel. Ein ganzes Faß war teurer; Moische gab auch keine Kostproben, aber ein paar Fuhrleute, die sich die Flaschen füllen ließen, spendierten ein Gläschen zum Abgewöhnen. Gott im Himmel, wie gute Mcn- schcn lebten aus der Welt! Er hatte das bisher gar nicht empfunden! DaS Herz wurde ihm warm bor Dankbarkeit und Rührung. Allen Leuten hatte er Liebe erzeigen mögen. Und er ging durch die Straßen, lachte jeden an, grüßte. Er faß auf dein Stein am Schweincmarkt und blieb sitzen, auch wenn Viehmarkt war. Den» schließlich... ein hübsches, rundes Ferkel zu kaufen... da? wäre die schlechteste Idee noch lange nicht. Die Bauern baten ihn oft, wenn sie selbst in die Schenke gingen, auf das Vieh achtzugeben, und wenn sie wiederkamen, drückten sie ihm ein oder zwei Groschen in die Hand. Oder die Händler, erregt vom Pferdckauf, ließen sich ein Glas Bier von ihm'rüberholen, wöbet er natürlich für sich eins mitbringen mußte. Wenn kein Markttag war, prüfte er in den Geschäften Waren. Das eingewickelte Goldstück gab ihm Kraft und Sicherheit. Es machte ihn frei; es wirkte durch sein bloßes Dasein wie eine geheime Macht. Früher hätte er sich m die Läden überhaupt nicht hineingetraut: als Bettler hätte man ihn hinausjagen können. Heute konnte er auf den Tisch hauen und, wenn's drauf und dran kam, bezahlen. Wie ein Kap, talist ging er herum, wie ein Millionär fühlte er sich, der sich keinen Wunsch zu versagen brauchte. Allein bl Kneipen und Destillen zählte die Stadt, etwa M Zigarrengeschäfte und zehn Fleischer» lüden— ungerechnet die Kolonialwarenhandlungen und der» gleichen! Da man doch die Markt- und Feiertage abrechnen mußte, verging eine kleine Ewigkeit, ehe man da überall herum war! Auch die ganze Festwoche nach Pfingsten schob sich dazwischen; da war Lärin und Trubel und Fröhlichkeit auf allen Gassen. Mitten im stärksten �trom aber schwamm der alte Winiecki. Vor dem„billigen Mann" wollte er sich totlachen; vor dem Zirkus, vor dem der Clown Grimassen schnitt, stand er stundenlang; in die Menagerie nahm ibn ein Nachbar mit. Und weil er sich so freute, freuten sich auch die Menschen an ihm und sagten ihm guten Tag und guten Weg, luden ihn ein und machten mit ihm ein Witzchen. Ja, selbst m,t einem kleinen Räuschlein kam er eines Abends nach Hause, und niemals als Dreißig- und Vierzigjähriger hatte er sich so amüsiert wie jetzt als Siebziger. Als er einst wieder auf dem Stein saß, fiel ihn der schwere Gedanke an, daß dies alles an, Ende nicht mit rechten Dingen zugehe. In fast ehrfürchtiger Scheu betastete er das Goldstück. Seit er es in der Tasche halte, brauchte er keinen Pfennig auszu» geben, und wie von selbst strömte alles Gute ihm zu. DaS war keine gewöhnliche Doppelkrone: das war Heckgeld, das war ein Tischlein deck dich!, das war�cin unerschöpflicher schätz. Und in überströmender Dankbarkeit, vielleicht auch, um auf alle Fälle seine unsterbliche Seele zu salvicren, ging er jetzt öfters zur Kirche und warf hier und da einen Groschen, den er geschenkt erhalten hatte, wie eine Abgabe in die Opferbüchse. Als dies einmal Propst Majewski sah, wurde er von tiefer Rührung ergriffen. Vor der ganzcn Gemeinde pricZ iX, als er über das Scherslein der Witwe predigte, die Opfergabe des Armen und Alten; er nannte keinen Namen, aber jeder wußte, wer gemeint war. Und er ließ „Wojcziech hü" zu sich kommen, schenkte ihm warme Kleidung für den Winter, ordnete ein für allemal an. daß die Propsteiküche ihm allsonntäglich einen Topf guten Essens lieferte, und wollte auch noch mit dem Bürgermeister und mit wohltätigen Einwohnern reden. Es war beinahe zu viel. Es war märchenhaft. Wie in einem Traume schritt der Greis dahin. Er brauchte nicht mal die Hand auszustrecken, und er hatte schon alles, was er' nur wünschen konnte: gutes Essen und warme Kleidung, Tabak und Geld und alles mögliche. Das reine Schlaraffenleben führten sie in der Hof- bude des Maurermeisters. Michael Heise lachte den ganzen Tag. Gegen Ausgang dcS Winters erkältete sich der alte Winiecki und wurde nach einigen Tagen bettlägerig. Er hatte die beste Pflege, nichts ging ihm ab.� Selig lächelnd lag er da, in den ver» witterten Händen das rote Schnupftuch. Neunundsechzig Jahre voll Not und Mühe waren vergessen, wie n>lsgelöscht— leuchtend und herrlich dagegen stand das setzte Jahr vor ihm, und immer von neuem stammelte er:„Welch ein glückliches Leben habe ich geführt!" Sein Nachlaß fiel an die Stadt, und zu allgemeinem Er» staunen fand man im verknoteten Taschentuch auch das Zwanzigmarkstück. Es wurde der Gemeindekasse einverleibt, doch da es dort nur eins unter vielen war. verlor es wohl seine heimlichen Gaben und Kräfte. Wenigstens ist nichts davon bekannt geworden, daß es weiter„geheckt" hätte. Die Brziebung der erziehen (Ein Besuch im Institut I. I. Rousseau in Genf.) „Nichts zu suchen Ivar mein Sinn". Ich schlenderte planlos durch die Straßen de« schönen, ehemals so revolutionären Genf, als mein Blick zufällig auf ein interessantes HauS fiel, dessen Toreingang die Inschrift trug:„Kcole.los Sciences de l'Education, Institut J..7. Rousseau". Eine Schule der Erziehungswissen- schaften— so etwas schien mir ganz neu, weshalb ich, getreu meinem Grundsatze, an nichts Interessantem vorüberzugehen, ein- trat und um die Erlaubnis bat, die Schule zu besichtigen. Mit echt französischer Höflichkeit brachte mich der Pedell zu einem der Leiter der Schule, Monsieur Direktcur Prof. Dr. Claparöde, der mich bereitwilligst führte und meine Neugierde vollauf befriedigte. Und zwar, ohne daß er vorher nach„Name und Art". noch daß er gefragt, woher ich käm' der Fahrt— ihm genügte, daß mich der Name RousscanS„angelockt" hatte, vielleicht auch, daß ich gesagt, wie sehr wir Deutschen in Rousseau den Propheten der Freiheit und Verkünder der Menschenrechte ehren. Von Herrn Elaparöde erfuhr ich nun folgendes: Das Institut ist erst wenige Monate alt. ES wurde gegründet aus Anlaß der 200 jährigen Wiederkehr von RoujseauS Geburtstag uud in diesem Winter eröffnet. Ihr Hauptziveck ist: Die Erziehung der Erzieher. Nicht im Sinne der bisherigen Seminate oder Hochschulen, sondern getreu den Grundsätzen RousseouS mit seiner Bewnung der„Reform vom Kinde aus". Schon da« besagt, das; BnreaukratismuS und Orthodoxie, datz das ekle ftlachömännertum preutzisch-deutscher Seminare in diesen hellen Käumen der französischen Ausklärung keinen Platz hat. Die Lehrer selbst-und ihre Klagen über die bisherigen Mängel ihrer Porbildung haben den Anlatz zur Errichtung des Hauses ge« geben. Auf den Lehrerkonserenzen sei wiederholt gesagt worden: „Die Bolksschule macht zurzeit eine Krisis durch. Der scholastische Geist steht zum tvissenschastlichen und industriellen Fortschritt im Widerspruch. Man hat uaS das Lehren nicht gelehrt! Wir suchten und tasteten; du Vorbereitung der Lehrerschaft aber blieb ungenügend. Wieviel Erfahrungen machen wir auf Kosten der Kinder 1* Die tägliche Praxis derErüehung sei noch grvhtenteilS im Widerspruch mit den als richtig erkannten, auf der Experimental- Psychologie aufgebauten Grundsätze» usw. lind nun zählt mir zum Beweise mein liebenswürdiger Führer mit echt romanischer Lebhaftigkeit eine ganze Fülle von Beiipieten an: Geschichte und Geographie sind im Unterricht meist ein fruchtloses Anhäufen von Namen und Daten in dem müden und schwachen Gehirn der Kinder, die sie bald ver» gessen. Der Unterricht in der Muttersprache unterbricht durch das Einpaukcn der Grammatik im siebenten Jahre(in der Schweiz gehen die Kinder erst vom siebenten Jahre ab in die Schule r. a.) eine gesunde fortschreitende Entwiciclung, die den Sitz der Gehirn- operationen verschiebt und aus der sprachlichen Entfaltung, die die Natur selbst besorgte, ein buchmäsiiges Memorieren macht, das als widernatürliche und»nzeilgemäsie Unterbrechung der Vom Kinde ge- leistete» Geistesarbeit bezeichnet werden mutz. DoS gleiche gilt für den Zeichenunterricht, den man den, Kinde verleidet, indem man es Dinge zeichnen lätzt, die seiner natürlichen Lust widersprechen und seiner naiven Auffassung fremd sind. U. a. m. Mittels eines reichen Materials, das den Lernenden zur Ver- fügung gestellt wird, soll nun vor allem aus eine Schulung der eizieherischen Fähig leiten gesehen werden. Das Mitz- trauen vieler Lehrer gegen daS pädagogische Experiment soll be« hoben werden, denn die moderne Expcrimcntalpiychologie sei eine vessere, wissen, ujasilicherc Grundlage üU bis Behündlung der Pädagogik als ausschlietzlich philosophische Disziplin. Aber da- Experimentieren mutz gelernt sein.„Der Schüler unseres Instituts ioll vor dem Hochmut bewahrt bleiben, dem man in Lehrerkreisen o oft begegnet und der sich zu einer abergläubischen Verehrung der Wissenschaft anSwächst." Aber darüber hinaus will daS Institut viel mehr. ES will ein entrum der Propaganda sein.„Wir wollen," sagt Professor laparöde,„überhaupt in der Familie, in Handel und Industrie, im öffentlichen Leben dem Recht des KindeS zur Anerkennung verhelfen: Recht auf gesunde Nahrung, auf Reinlichkeit, auf Schlaf, auf Spiel, auf Gesundheit, auf die seiner körperlichen und geistigen Entwickelung unen-behrliche Freiheit. Eine Erziehungs- anstalt darf diese wichtigen, sozialen und Humanitären Fragen nicht outzer acht lassen. Wir müsse» Mittel nnd Wege finden, die öffcnt- liche Meinung zu überzeugen, sie durch Vorträge zu belehren, die Aufmerksamkeit der Behörden auf diese oder jene Matzregel zu lenken und ihnen bei der Erfüllung ihrer Aufgaben behilflich zu sein". Den» Recht des Kindes zur Anerkennimg zu verhelfen— diese schönen Worte tönten mir nach lange im Ohre. Im Geiste dachte ich an die Erzählung der Lehrer in Oswrcutzcn, Schlesien, Saarabicn und all der anderen Stätten des verbohrten Muckertums, wo Bureaukratie und Orthodoxie, die Todfeinde kraftvollen Lebens, das Regiment führen, Ivo in den Lehrzimmcrn die Rückständigkeit modert und daS Flachsmänncrtum stümpert, wo sich die Anniatzung der Fachgelehrten spreizt. Rein, in diesen Genfer Räumen— die übrigens allen Nationen offen stehen— spukt nicht der Geist der ur- alten Weltanschauung, auf diesen eleganten Korridoren klappert nicht der SchematiSnms mit dem Korporalstockc. in diesen Schulzimmcrn gähnt nicht die Oede und kahle Nacktheit der Kasernen, hier schwelt nicht durch das Gebäude die muffige Stickluft klösterlicher Frömmelei. Aber dafür werden aus diesem Hause tüchtige Erzieher(daS ist etwas mehr als Lehrer) hervor- gehen, die sich nicht erst mühselig durchringen mllffen zur Erkenntnis ihrer Aufgaben, die nicht aus dem Niveau der Halbbildung stehen bleiben, die nicht aufgewachsen sind in der widernatürlichen Mön- cherei des sklavischen Internats, wie es in Preutzen üblich ist. Wahrlich Diese Schule der Erziehung der Erzieher ist das schönste Denkmal. das dem Reformator und Revolutionär Rousseau aus Genf gesetzt werden konnte! Daneben ist dieses Institut eine Art JnforniationSbureau mit eigener Zeitung(zur Fragebeantwortung usw.). Bibliothek, Zeit- schriftensaal, Schulmuseum(a-igefüllt niit alten Schulbüchern aller Länder) usw. Es werden pädagogische und medizinische Sprech- ftunden abgehalten. Gutachten abgegeben für Behörden, Private, Vereine n. a. m. Nnd jeder, der will und etwas kann, wird als Schüler aufgenommen I Ohne Ausweis und Prüfung I Rur 18 Jahre mutz man alt sein„und ein Minimum von Allgemeinbildung aus- weisen können". Die Kollegiengelder betragen 28o Fr. pro Jahr. Als Schüler sind gedacht Stioenlen, Lehrer jeden Grades, Erzieher und Erzieherinnen, die ins Ausland wollenodervondort herkommen usw. Die Arbeit zerfällt, wie hierfür unsere Parteigenössischen Fachmänner hin- zugefügt sein mag, in Seminarübuugen, Experimente. Diskussionen, Berantw. Redakteur: Alfred Wielrpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Schulreisen, Vortragsserien von Spezialisten usw. Der NnterrichtS- Plan für 19l3 zerfällt z. B. in drei Gruppen: Kind, Unterricht, Er- ziehung. In der Gruppe Erziehung weist der Plan folgende? auf: Sittliche Erziehung(Natur, Nahrung, Spiel und Sport, Hand« arbeit, AesthetischeS, Koedukation, Selbsterziehung, Strafe, Bc- lohnung, Moralstunden, Bürgerkundc, sexuelle Erziehung usw); ferner: Psychische Energie; jugendliches Verbrechertum; Psycho- analyse; Geschichte und Philosophie der groben Erzieher; Eugenik; Soziologie und Schule, pädagogische Tagesfragen. Als Dozenten amtieren Professoren der Universitäten Genf, Lausanne und Neuchütel, die für besondere Fragen hervorragende Spezialisten hin» zuziehen. Schon diese kurzen Andeutungen beweisen, datz die Gründer dieser Schule wahr gemacht haben. Ivas der grotze Pestalozzi vor über IM Jahren gesagt hat:„Es ist notwendig, datz der öffentliche und allgemeine Schulwagen nicht blotz besser angezogen werden mutz. er mutz vielmehr umgekehrt und auf eine ganz neue St ratzegebracht werden!" R�.. Kleines feuilleton. Ter HeringSfang im Jahre 1S12. Es ist ein schlimmes Zu- sammcntrcffcn, datz gleichzeitig mit der Fleischteucrung im letzten Jahr auch eine starke Verminderung des Ertrage» der deutschen Heringsfifcherei eingetreten ist, die selbstverständlich auch eine Steigerung der Preise de? für die Volksernährung wichtigsten Fisches herbeigeführt hat. Während 1910 über 500 000 und 1911 immerhin 417 000 KantjeS gefangen wurden, gina deren Zahl im letzten Jahr auf nicht ganz 300 000 zurück, und dementsprechend die Zahl der in den Handel gebrachten Fässer von 382 000 auf 300 000. Wenn der Erlös der Heringsfischcrei nur von 10.9 auf 8,4 Millionen Mark gesunken ist, so bezeugt das eben die Erhöhung der Preise. Dabei ist noch in Anschlag zu bringen, datz die Benutzung von Motorschiffen in der Fischerei während der letzten beiden Jahre reißend zugenommen hat, so datz die Voraussetzungen für einen guten Fang sich verbessert haben. DaS Eindringen de? MotorS in die Seefischerei ist in noch viel höherem Matze bei den Dorsch- sängen im Gebiet der Lofoten zu beobachten gewesen. Erfreulich sind die Erfolge, die in den letzten Monaten mit dem Sprotten- fang in der Kieler Förde und in der Bucht von Eckernförde erzielt wurden. Vom 1. September bis Ende Januar sollen die Fänge in der Eckernförder Bucht nach der Schätzung von Fachleuten einen Wert von rund 1 Million Mark gehabt haben. In der Kieler Bucht hat der Ertrag namentlich im Januar zugenommen. Vielfach weisen die Schwärme von Möven und anderen Secvögeln, die den kleinen Fischen nachstellen, den Fischerbooten den Weg. UebrigenS hat sich auch in dieser Fischerei die Ucberlcgcnheit der Motorboote bewährt, die schneller zu arbeiten und bei jedem Wetter stand- zuhalten vermögen. Medizinisches. Die Chemie des Gehirns. Die Zaubermacht der Chemie versagt wenigstens vorläufig noch überall dort, wo es sich um die Aufklärung von Lebensvorgängen handelt. Wenn es auch seine Berechtigung haben mag, von dieser Wissenschaft selbst auf diesem schwierigsten Gebiet die größten Errungenschaften und schließ- lich vielleicht sogar die Erklärung des Lebens selbst zu erwarten, so ist sie gegenwärtig von diesem Ziel immer noch weit entfernt. Sie arbeitet aber mit dem größten Eifer in dieser Richtung und bringt fast täglich neue Leistungen hervor, die als erstaunliche Fortschritte geschätzt werden müssen. Auch die Medizin kann die Unterstützung der Chemie gar nicht mehr entbehren und bezieht von ihr Vorteile, die sie von anderer Seite nicht zu erwarten hätte. Ein Beispiel dafür anS der neuesten Zeit ist die Chemie des Gehirns. Früher war auf diesem Gebiet nicht viel zu erreichen gewesen, während man jetzt dazu gekommen ist, die Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung beim gesunden und beim kranken Gehirn zu studieren. Vorläufig ist man freilich noch nicht soweit, datz man die Beziehungen zwischen einer Erkrankung des Gehirns und seiner chemischen Veränderung angeben könnte, aber die Chemie des Nervensystems die sich mehr und mehr zu einem be- sonderen Forschungsgebiet anSwächst, wird da? Ideal dieser Erkennt- ins vielleicht bald erreichen. Zuerst hatte Dr. Waldemar Koch be- stimmte Abweichungen in ver Zusammensetzung des Gehirns bei der Geisteskrankheit nachgewiesen, die man als Frühwahnfin» (domentia praecox) bezeichnet, nnd nunmehr haben die beiden italienischen Forscher Earbone und Pighini in der biochemischen Zeitschrift auch bei Fällen fortschreitender Lähmung chemische Veränderungen des Gehirns festgestellt. Namentlich zeigte sich der Wassergehalt vermehrt und das Normalverhältnis der wichtigen Lipoide gestört. Besonder? auffällig scheint bei dieser Krankheit eine Abnahme gewisser Phosphorverbindungen zu sein, und es entsteht nach der Auffaffung der Forscher eine Art von fettiger Entartung de? Gehirns. Obgleich man sich hüten wird, voreilige Schlutzfolgeriingen aus diesen Ermittelungen zu ziehen, so stellen sie doch jedenfalls einen wichtigen Fortschritt in der chennschen Erforschung von Geisteskrankheiten dar._ Vorwärts Buchdrnckerei n. Verlagsanstalt Paul Singer LrCo..Berlin ZW.