Nr. 46. Abomuments-Kedinzunze«: «bonneminis-Pret» pränumerando: «ierleljährl. 3L0 Mr., monatl. l.wMr. wöchenlltch 28 Pfg. frei In» Hau». ttinielne Nummer 5 Pfg. Sonntag«: Nummer mit Mulirterier Sonntag«» Beilage„Tie Neue Well" 10 Pfg. Post- «bonnement: 3/SO Marl pro Quartal. Singetragen In der Post-Zeltung»- Preisliste für lSOV unter Nr. 7971. Unter«reuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland z Marl pro Monat. erscheint täglich«Ilster Montag«. Vevlinev Volksbl�kk. 17. Jahrg. Die Insertion«-Gebühr beträgt für die sechSgespaNene Kolonel- ,eile oder deren Raum«0 Pfg.. für politische und gewerls chaslliche Berein«- und BersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Knielgeu" jedei Wort 5 Psg. (nur da« erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bi»« Uhr nachmittag» in derExpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi« 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bi» 8 Uhr vormittag» geöffnet. Fernsprecher:«mt l, vr. 1803. Telegramm-Adresse: „Sorialdemokrat vrrliit" Centrcrwrgan der sorialdemokratischen Partei Deutschlands. Redakkion: LM. 19. Beuth-Skrasxe 2. Sonnabend, den Ä4. Februar 1900. Expedition: SW. 19. Bentlz-Strasze 3. 1896- 1996. Von Herrn Professor S o m b a r t erhalten wir unter der obigen tleberschrift die folgende Zuschrift: Der„Vorwärts" untcrnimnit in dem Leitartikel seiner Nr. 39 vom 16. Februar d. I. einen Angriff gegen mich von solcher Schärfe. wie sie auch im politischen Leben nicht gerade häufig ist. Er kommt zu dem Ergebnis, daß meine wissenschaftlichen Leistungen, von denen er selbst manche im Laufe der Jahre nicht ohne Wohlwollctt gewürdigt hat, als die eines„systemlosen Sammel- und Flickgelchrten" jeglicher Autorität entbehren, dast aber mein Charakter, insonderheit meine Wahrheitsliebe höchst verdächtig seien, dicwcil ich des Ver- sttcheS einer bewußten Täuschung meiner Leser als überführt zu «rächten sei. Obwohl ich ans brieflichen Zuschriften und mündlichen Rück- sprachen, sowie ans der freundlichen Verteidigung Conrad Schmidts in Nummer 42 des„Vorwärts" zu meiner Genugthuung ersehe, daß das Urteil des„Vorwärts" in socialdemokratischeu Lireisen keines- tvcgs durchgängig geteilt wird, so halte ich doch ein Wort der lveitern Aufklärung, um irgend welches Mißverständnis von vornherein am Aufkommen zu verhindern, gerade jetzt am Platze, Ivo ich in einer der wichtigsten Tagesfragen in ausgesprochenen Gegensatz zu der Politik der socialdemokratischcn Partei getreten bin. Denn gerade jetzt muß mir daran gelegen sein, daß die socialistischen Kreise von meinem besten Willen gerade für die von ihnen vertretene Sache überzeugt bleiben. Sollte es denn nicht möglich sein, eine abweichende Meinung in ehrlichem, offenem Kampfe zu verfechten? Ist es denn gar nicht zu vermeiden, daß man den Gegner bekämpft indem man ihn beschimpft? So viel an mir liegt soll der Streit von jeder persönlichen Beiinischung frei bleiben und deshalb ist es mir darum �u thun, das Grundlose der persönlichen Verdächtigungen, wie sie der citierte Aufsatz des Vorwärts" enthält, '« aller Kürze nachzuweisen. Das e r st e, was mw schuld gegeben wird, ist dieses: daß ich in der Vorrede zur 3. Auflage meines SocialiSmus zu Unrecht be- hauptet hätte,„durchgreifende, sachliche Aendcrungen" nicht vor- genommen zu haben, sondern die Schrift„im Text im wesent- lichen gleichlautend" hinauSzusendcn. Die Streichung des vor- letzten Abschnitts im siebenten Kapitel sei aber eine wesentliche Aendcrung. Ich bin andrer Meinung und begründe diese wie folgt: Der Grundgedanke meines Buchs ist der, daß es sich in aller Geschichte stets um einen doppelten Gegensatz, den der„Gemeinschaften" unter riitander und der einzelnen Gruppen innerhalb der Gemeinschaften gegen einander, handelt, je nachdem die Gemeinschafts- oder Gruppeninteressen vorwiegen. Von diesem Gedanken eines stets doppelten Gegensatzes: eines socialen und eines nationalen nehme ich meinen Ausgangs- Punkt, zu ihm kehre ich am Ende meiner Ausführungen zurück. Inhalt der Schrift ist die Theorie der socialen Gegenlätze in der Gegeinvart; die nationalen hatte ich nur zu streifen. Ich that cS und thue eS in der Weife, daß ich ausdrücklich es für falsch erkläre, wenn das Proletariat aus dem begreiflichen impulsiven Anti- Nationalismus eine anti-nationale Theorie bilde; daß ich ausdrück- lich die jederzeit vorhandene Möglichkeit überwiegend nationaler Interessen behaupte:„Wann... die Gegensätze innerhalb der nationalen Gemeinschaft, die socialen, jene immer vorhandenen zwischen den Nationen überholen, wann diese jene, das wird man schwer auch nur für eine kurze Spanne Zeit mit Gewißheit voraus zu bestimmen wagen dürfen." s2. Aufl. S. 72, 3. Aufl. S. 94.)„Daß aber, so weit wir überhaupt zu blicken ver- mögen, die kraftvolle Vertretung nationaler Interessen niemals ganz entbehrlich werden lvird, das freilich muß auch dem Kurzsichtigen klar" lsein): 2. und 3. Aufl. a. a. O. gleichlautend;„und gerade wieder in unsrer Zeit klarer denn je geivorden sein"(Hinzufügung in der 3. Auflage).„Sobald aber ein äußerer(2. Aufl.„gemeinsamer") Feind den Bestand(2. Aufl.„Existenz") einer Gemeinschaft überhaupt bedroht, lvird diese sich immer wieder ihrer Gcmcinschaftsintcrcssen bewußt werden und sie verteidigen und unterdessen werden die Gegensätze im eigenen Innern in die zweite Reihe rücken. Also von einer grundsätzlichen(2. Aufl.„principtellen") Ablehnung des Ratio- nalismus kann, wie die Weltlage(2. Aufl. Wcltkonstcllation) heute ist. auch beini Proletariat keine Rede sein. Zur Erörterung(2. Aufl. Diskussion) wird nur immer der Kreis von verwandten Kultur- Nationen stehen, auf die man die anti-nationale Gesinnung nicht ausgedehnt sehen möchte. Wie sich solche nationalen Gruppen bilden werden, daS ist eine Frage, die zu entscheide» nitS hier nicht obliegt, wo ich nurdie grundsätzliche l2.Aufl. principielle) Seite auch des nationalen Problems hervorkehren wollte." Diese in der 2. und 3. Auflage bis auf die in s) angegebenen Abweichungen gleich- lautenden Sätze einhalten den wesentlichen Inhalt dieses Abschnitts. Für den Gedankengang völlig unwesentlich, ja schon in der 2. Auf- läge ausdrücklich für unwesentlich erklärt, war die beispielsweise, kon- jekturale Bildung einer möglichen Gegensätzlichkeit von Gemein- schaften: der zivischen westeuropäischen Völkern und Völkern des Ostens. Ich leitete sie in der 2. Auflage ein mit den Worten: „denn selbst dann, wenn in Westeuropa etwa sich die nationalen Gegensätze soweit gehoben denken ließen, daß..." anknüpfend an die herrschende Vorstellung des Proletariats von der Interessen- Solidarität der Nationen. Womit offenbar nocki gar kein positives Urteil über die behobene oder nicht behobene Jnteressen-Gegensätzlichkeit der westeuropäischen Nationen gesagt war. auch nicht mit dem Satze:«Es wird meiner Ueber- zengung nach der Augenblick kommen, wo die gesamte europäische Gesellschaft sich sagt: jetzt sind alle unsre Gegensätze belanglos gegenüber dem. was uns vom Feinde droht." Damit war nichts behauptet, als eine für den Moment gegebene oder mögliche Gegen- sätzlichkeit, die vorher oder nachher durch andre verdrängt werden könnte. Auch sollte es ja doch nur sich um eine Beispielheran- ziehuiig in jenem Zusammenhange handeln. Von einer Darlegung weltpolitischer Tendenzen, wie der Herr Verfasser meint, sollte gar keine Rede sein. Auf Grund dieser Erwägungen glaubte ich und glaube es heute Noch ebenso, mit Fug und Recht behaupten zu können, daß wesent- liche, d. h. den Gedankengang der Schrtft modifizierende Arndernngen in der neuen Auflage nicht gemacht seien. Auch daß ich den.gemeinsamen' Feind, der mich wegen der kürz daraus folgenden„Gemeinschaft" störte, in den„äußeren" verwandelte, kann ich als eine Wesensändening nicht ansehen. Im Gegenteil: der Ausdruck„äußere" paßt für meine Theorie g'.indsätzlich besser als„gemeinsamer". Das zweite, worüber der Verfasser des„Vorwärts'-Artikels sich ausläßt, ist die Frage: weshalb ich in der Vorrede zur dritten Anfluge eine ivcicntliche Tcxtvcränderung abgeleugnet habe, o b Iv o h l jene Streichung erfolgt sei. Wenn ihm dabei die An- deutung aus der Feder floß: ich hätte es gethan, um die Leser wissentlich zu täuschen, so erlaubt er mir wohl, daß ich ihm daraus die Antivort schuldig bleibe und ihn selber als das Opfer momentaner Uebereilung betrachte, selbst auf die Gefahr hin, daß er auch dies mein Verhalten ivieder„entsetzlich wohlwollend" finden sollte. Die Gründe, die mich thatsächlich veraulaßten, die gedachte Bemerkung zu machen, kennt ja der Leser jetzt. Bleibt der dritte Teil der Ausführungen des„Vorwärts" Artikels; was ich mit jener Streichung habe zum Ausdruck bringen wollen und weshalb ich sie vorgenommen habe. Der Verfasser unsre» Artikels deutet die Entstchuugsweise der beiden Standpunkte, wie sie in der zweiten und dritten Auflage zum Ausdruck konnnen, an: er meint, 1896 habe ich an die„gelbe" Gefahr geglaubt, weil im Jahre vorher Kaiser Wilhelm unter ein Knackfuß- sches Bild eine» entsprechenden Satz geschrieben habe und 1900 sei ich deutscher Vulgär-Chauviuist, weil im Jahre 1899 der Marine Plan Kaiser Wilhelms II. bekannt geworden sei. Diese Kausalcrklärung, scheint mir, zeichnet sich mehr durch Ein fachhcit als durch Wahrscheinlichkeit aus. Wer mich auch nur ein klein wenig kennt, wird sich eines Lächelns nicht habe erwehren können, als ihm hier die enge Verknüpfung meiner Ansichten mit den Mcinungs- und Willcusäutzerimgen Kaiser Wilhelms II. bekannt gegeben wurde, tlcbrigens sollte ich meinen; wenn man schon regicrungsfromm sich zu benehmen ein Interesse hat, dann sei eine so bescheidene Streichung doch immerhin nur ein unvollkommenes Verfahren. Sollte sie wirklich schon genügen, um mich, meinen „Socialismns" und was ich sonst„verbrochen" habe, an den maß- gebenden Stellen mundgerecht zu machen? Das wäre immerhin ein erfreuliches Symptom; aber ich glaube nicht recht daran. Siehe die„Post"! Also folgendes sind die Erwägungen, die mich zur Streichung jenes Absatzes veranlaßt haben: Zunächst das Enipflnden, daß es mit dem Inhalt jener Sätze nicht in Einklang zu bringen war, daß thatsächlich auf eine konkrete nationale Gruppierung eingegangen würde. ES sollte ja nur die principielle Seite der Frage erörtert werden: deshalb war jede Exemplifikation störend, zum mindesten überflüssig. Der Geist desicn, was mir vorschwebte, wird in der jetzigen Fassung reiner zum Ausdruck gebracht als in der früheren. Aber es waren doch auch sachliche Bedenken, die mir die Bc- seitigung jenes exemplifizierenden Hinweises nahe legten. Ter Gedanke eines gegen andringende östliche Feinde vereinigten Westeuropa war 1896' wenigstens nicht außer jedem Bereiche praktischer Möglichkeiten. Er war vielleicht nicht sehr klug, aber er war doch, wie die Dinge damals lagen, nicht geradezu dumm. Seitdem hat sich so viel ereignet, wie früher in manchen vier Jahr zehnten nicht, was zu einem völlig neuen Urteil über die Weltlage notwendig zwingt. Die Gefahr eines Angriffs von Osten her ist wesentlich ver- rinqert. Der Ausgang des zapanisch-chinesischcn Kriegs, die beginnende Aufteilung Chinas haben die völlige Unfähigkeit des chinesischen Volks zur Machtcntfaltnng erwiesen. Es scheint, als ob die Chinesen zu den rein passiven Völkerschaften, wie die Indianer ge hören, die niemals enistliche Gegner hoher Rassen werden können, wenigstens nicht im Kampf um'die nationale Geltung. Rußlands Politik hat sich aber ebenfalls erst in den letzten Jahren deutlichst »ach Osten gcivandt und hat jetzt offenbar als Angriffspunkt nicht mehr die deutsche oder auch nur ivestcurohäische Interessensphäre. Dagegen hat sich in dem Verhältnis der westeuropäiscktcn Nationen unter einander manches verändert in letzter Zeit, vor allem erscheint England nicht mehr gewillt, wenn eS dies jemals gewesen ist. mit den übrigen westeuropäischen Nationen sich solidarisch zu fühlen, sondern stellt sich in immer deutlicheren Gegensatz nament- lich zu Deutschland, aber auch zu Frankreich. Veranlaßt zu dieser Gegnerschaft ist eS dunb die politisch-kommerzielle Entwickclung des immer imperialistischer werdenden Nord amcrika lKtibanischcr Krieg!) und durch die einstweilen rein ökonomische Machterweiterung Deutschlands auf dem Weltmärkte und in den fremden Ländern, wo wir seine Kreise imnier mehr stören. Mag man also als Deutscher heute noch so viel Sympathien mit England und seiner Kultur haben— wie ich zum Beispiel— niog man die russiscke Unkultur und ihre Verbreitung nach Westeuropa noch so sehr vcrahscheucn— wie ich zum Beispiel— so wird man doch, wenn man nicht einfach vor den Thatsachen die Augen verschließen ivill. heute anerkennen müssen, daß, so bedauerlich es sein mag, England unser bedeutendster und gefährlichster Gegner ist. Nicht wir sind England feind, aber England uns.„Es macht e» mis unmöglich. es'zu lieben," wie Bismarck einmal gesagt hat. Das ist deutlich geworden erst in den letzten Jahren, mir wenigstens. Und darum balte ich jetzt ein Exemplifizieren auf ein vereinigtes Westeuropa für gänzlich deplaciert, was es vor vier Jahren noch nicht war. Daß ich nun deshalb„russenfreundlicher".„chauvinistischer" geworden sein soll, ist doch ganz gewiß ans dieser veränderten Beurteilung der Weltlage gar nicht zu folgern. Wie man das auS dem hinzugefügten Satz:„und gerade wieder in unsrer Zeit klarer denn je geworden sein" schließen will, verstehe ich nicht. Ich habe ja gerade jedes konkrete Beispiel nationaler Gegensätzlichkeit zu konstruieren ver- mieden und betone nur die allerdings wohl auch von keinem Social- demokraten aus der Welt zu schaffende Thatsache einer Verschärfung der nationalen Gegensätze und die dementsprechend wieder detttkicher gewordene Notwendigkeit nationaler Interessenvertretung. Wemi nun der Herr Verfasser des„Vorwärts"- Artikels meint: man könne ja nicht ivissen, wie ich in abermals vier Jahren ur- teile, so gebe ich ihm ohne weiteres die Richtigkeit dieser Be- haupwng zu. Sollten sich in dieser Zeit wiederum so ge- waltige Wandlungen in der Stellung der Nationen zu einander vollziehen wie in den vergangenen vier Jahren. so würde ich nicht anstehen. demgemäß mein Urteil über die Welt- läge zu modifizieren, wenn ich es auch nicht für wahrscheinlich halte, daß jene Voraussetzung eintrifft. Der Schluß des siebenten Kapitels meines SocialiSmus würde dann aber ebenso zu Recht bestehen, wie vor vier Jahren und ivie heute, da er ja nichts andres ivollte, als dem Gedanken Ausdruck geben,„daß eS zwei Gegensätze gewesen sind, sind und voraussichtlich auch sein werden, um die die Menschen- geschichte kreist: der sociale und der nationale, waS auch das Proletariat niemals vergessen darf". Wenn übrigens der Herr Verfasser meint, mit dreiunddreißig Jahren müßten die Ansichten eines Gelehrten ein für allemal feststehen. so kann ich ihm dies, auch von dem vorliegenden Fall � ab- gesehen, auf den es gar keinen Bezug hat. niemals in dieser Fassung zugeben. Wir Vertreter der Socialwijscuschaften haben vor allem die Pflicht, der thatsächlichcn Gestaltung der Dinge Rechnung zu tragen. lind es bedeutet eben eine Verknöcheruug der Wissenschaft, die der wahren Wissenschast Todfeind ist, wenn jemand alte Theoreme den veränderten Thatsachen zum Trotz aufrecht erhält. Ich aber hoffe mir die Fähigkeit zu beivahren, hinzuzulernen, so lange ich denken und thcoretisicren werde. Breslau, den 22. Februar 1900. Werner S o m b a r t. Unsre Antwort auf diesen Brief kann kurz sein. Die breite« Ausführungen Sombarts haben in keinem Punkte unsre Ansicht er- schüttert, daß er als Mariue-Agitator sich durch den Abschnitt über die politische Eiitwicklung Europas geniert fühlte— man könnte ihn ja in jeder Flottcnversammlung, wo der Herr Professor sich zeigt, verlesen, um seine Argumentation zu schlagen— und daß er ihn deshalb strich, während er in einer merkivürdigen Vergeßlichkeit in der Vorrede jede wesentliche Aendcrung ableugnete. Herr Sombart verteidigt sich so, Ivie jeder voraussehen mußte, daß er sich verteidigen würde. Er erklärt den Abschnitt für„un- wesentlich", beruft sich auf die beiden stehen gebliebenen Sätze, deren Tendenz ohne die vorrntsgegaitgene Illustration durch den„un- wesentlichen" Abschnitt niemand verstehen kann, und sucht durch das formale„Wenn" am Anfang des Abschnitts das unmittelbar darauf folgende Bekenntnis von 1896 abzuschwächen, daß er„über- zeugt" sei, es werde zu der im Wenn-Satz geschilderten Eni- Wicklung kommen. Außerdem entrüstet er sich ein wenig gegen die Ansicht, er verdanke seine Aenderung in den Anschauungen über die Weltlage Anregungen Wilhelms II., als ob es kränkend für einen preußischen Professor wäre, wenn»ran ihm nachsagt, er lasse sich durch die tiefere politische Einsicht seines Königs belehren; mindestens hat Wilhelm II. die Priorität in seiner weltpolitischen Auffassung vor der Sombarts. der vor dem 18. Oktober 1399 von seiner Wandlung öffentlich nichts hat verlauten lassen. Alles dies mußte Sombart geltend machen, aber er hätte es doch ein wenig geschickter sagen können. Wie er seine Verteidigung in vorstehendem führt, zerfällt sie in zwei schroff widersprechende Hälften: Im ersten Teil erklärt er. daß der gestrichene Absatz nicht wesentlich sei; im zweiten, der eine kleine Flottcnrcde darstellt, führt er ans, daß er den Absatz gestrichen habe, weil er durch die Er- eignisse seit 1896„ zu e i n c m völlig neuen Urteil über die Weltlage" notwendig gezwungen sei. Ziehen wir aus diesen beiden Sätzen nach den Regeln der Logik den notwendig zwingenden Schluß, so erhellt: Wenn Herr Professor Sombart zu einem völlig neuen Urteil über die Weltlage gelangt, so hält er selbst das für durchaus— un- wesentlich. Es sei fern von uns, diesem seinen überwältigenden, wenn auch überbcschcidcnen Bcrteidigungsargumcnt zu widersprechen' Wenn für einen Professor oder den Verteidiger einer Rcgicrimgs« vorläge sich die Kopf läge ändert, so berufen sie sich stets fälschlich auf eine Aenderung der Weltlage. Mit seiner Berufung auf da« Verhältnis zu England hat Sombart nun abermals ein bedauerliches Unglück. Der Zufall will, daß man mit größerem Recht beweisen könnte, das Verhältnis habe sich zwischen 1896 und 1900 umgekehrt entwickelt. wie Herr Sombart für seine Zwecke wünschen möchte. 1896 war das Jahr deS Jameson» Einfalls in Transvaal. Niemand zweifelte daran, daß es sich um einen englischen Eroberungsueriuch handelte. Der Kaiser schickte sein bekanntes Telegramm. Die Chauvinisten hüben und drüben hetzten um die Wette. In keinem Augenblick war das Verhältnis zwischen den westcuropäischcu Staaten so gespannt, so feindselig, wie gerade damals, zumal auch der frauzösisch-russischen Allianz in jenen Tagen noch größere Bedeutung beigemessen wurde als heute. England zeigte 1896 seine Eroberungsgelüste, mit Deutschland war es' verfeindet, von einer deutsch-sra'nzösischcn Annäherung war leine Rede— dennoch war 1396 Herr Sombart„über« zeugt", daß es zu einer westeuropäischen„nationalen" Gemein- ichaft kommen werde. Ganz anders 1900: Zwischen England und Deutschland herrscht tiefste Intimität, der heutige Transvaalkrieg ist nach den Vorgängen von 1896 keine Ucberraschung. Frankreich ist wieder„westeuropäischer" geworden. Jubelt nun der Herr Profeffor, — man würde das verstehen— daß man seiner Voraussage von 1896 bereits näher gekommen? O nein, jetzt ist für Herrn Sombart alles neu geworden. Jetzt hat seine llcberzcugnng von 1896 deu Todesstoß erhalten; er glaubt nicht mehr an die westeuropäische Einigkeit, weil sich die Thatsachen nämlich zu ihren Gunsten verändert haben. Herr Sonibart rechnet nach dem HexeneinmaleinS. Und nun noch ein ernsthaftes Wort zum Schluß. Wie Herr Sombart über Weltlage und Flotte denkt und sich mausert, das ist eigentlich eine recht„unwesentliche" Sache, an der die Social- demokratie kaum ein Interesse hat. Unser Artikel war nur ein nebensächliches Intermezzo im Flotteukampf. Dagegen hat Herr Sombart als Socialpolitikcr auch in unseren Kreisen einigen Ruf, weil ivir Nichtverwöhnten schon herzlich froh sind, wenn wir uns nicht mit den landläufigen Stupiditäten der Scharfmacher herumzuschlagen haben. Herr Sombart hat seine Mauserung auch auf diesem Gebiet— ivermullich gleichfalls ivegen der veränderten Weltlage — gründlich vollzogen. In seinem Buch über den„SocialiSmus zc." hielt Sombart die sociale Bewegung in ihren Grnndzügcn für«notwendig", „so wie sie ist": mit ihrem Ziel, dem socialistischen Ideal und dem Mittel, dem Klassenkampf.„Politik und Gewerkschaften" schienen ihm„wie das rechte und linke das Bein, auf denen das Proletariat marschiert". Wer nun aber seine 1899cr Vorträge über die Gewerk- schaften liest, wie sie in kurzem Auszug die„Sociale Praxis" und ausführlicher ein Teil der Gcwerkschaftspresse veröffentlicht hat. der sieht, daß Herr Sombart die Gewerkschaftsbewegung verteidigt, weil er sich einbildet, in ihr ein Mittel zu haben, de» politischen Kampf zu hemmen, der großen socialen Bewegung ihr Ziel, das socialistische Ideal, und ihr Mittel, den Klassenkampf, zu ent- listen. Sein wirtschaftliches Ideal ist für den Sombart von 1900 die— Tarifgemein schuft, und sein politisches Ideal die parlamen, tachch« Elnfluvla�igkeit de§ Proletariats, wie in England. wo— nach Sonibart— die Arbeiter in den Katzbalgereien der .beiden bürgerlichen Parteien dctS Zünglein an der Wage bilden In diesen Vorträgen schreckt Sombart,' wie wir schon nachwiesen, vor keiner inirichtigen Bchonptung zurück, um die Arbciwrschaft. indem er sie auf die Gciverlschastcn verweist, der Socialdemokratic zu «usremden; es sind nicht durchaus lautere Mittel, deren sich Sombart zn diesem Bchnfe bedient—, um mit bestem„Willen" der Sache der Arbeiter zu nütze». Ter Flottcnagitator und der Socialpolitiker Sombart bilden keincir Gegensatz mehr. Der Weltpolikikcr bat sich' gleichermaßen gemausert wie der Socialist. Das Nationale'und daS Sociale hat sich in einem verwaschene» JudiistrieliberaliSums Bassermauujchcr Färbung gesunden. Der ganze Unterschied zwischen den Scharfmachern und den „glatten Schmeichlern" besteht nur darin: Jcue wollen uns mit dein Knüptzel totschlagen, diese ivollc» uns von innen heraus er- weichen und cntlrnsten. Nnsrc Feinde sind beide, und der ehrlichere Nt uns der liebere. Herr Sombart ist uns nicht lieb. . Wir bedauern, daß die Socialdcmokratic auf Herrn Professor «ombart endgültig verzichten mußt er ist für uns nicht mehr, wenn er es je gcivescn. der unhesangene wissenschastliche Beobachter der tocialcn Bewegung,, er ist heute nur noch Parteimann aus gcgneri- schein Lager._ DoliLisksze Arbovfichk. Berlin. Veit 2l!. Februar. Der Reichstag setzte am Freitag die zweite Beratung des Militäretats fort. Das Haus war sehr schlecht besetzt. dagegen am Bundesratstische zahlreiche- höhere Offiziere im Gefolge des SlticgSmunftci'S; die Debatte behandelte eintönig allerlei gc ringere Fragen, die bereits in der Budgetkommission besprochen worden waren. Zunächst kamen aus dem Ccntrnm einige kirchliche Beschwerden. Herr Gröber beklagte, daß polnische Soldaten bei der Beichte unter Aufsicht von Unteroffizieren gehalten wurden, ob sie auch in deutscher Sprache beichteten. Herr Gröber— so berechtigt seine Klage ist— hatte Wohl vergessen, daß sein Freund Lingcns den Unteroffizier einst als Stellvertreter Gottes auf Erden eingeschätzt hatte. Ter 82jährige Herr L-üigc ns, der Geheiinkänimcrcr des Papstes— genannt der heilige Joseph—' trat alsbald ebenfalls auf de» Plan und hielt feine übliche Rede gegen die noch immer nicht beseitigte Entheiligung der Sonn- und Feiertage in der Armee, sowie gegen andre kirchliche Mißstände in der Heeresverwaltung. Herr Singen» nahm auch die Duclldebatte vom vorigen Tage nochmals auf und erzielte die tröstliche Antwort de» Kriegs- m i n i st e r s. daß allerdings die Duelle anfhörcn würden, wenn die göttlichen Gebote von allen Menschen gehalten würden. Ter Kriegsministcr gestand damit zn. daß die Militärbehörden selbst, die Ehrengerichte zulassen und Duellanten mit äußerster Milde beurteilen, den göttlichen Geboten zuwiderhandeln. Nach den Berfrommungsfragen kamen militärische Lohn- und Titelfragen an die Reihe. Die Abgeordneten der bürgcr- licheu Parteien, welche ungeduldig davonlaufen, wenn die Socialdemokraten im Namen großer Arbeiterbenife Beschwerde führen, sie traten mit vielem Eifer und in langen Reden für die Wünsche der Roßärzte. der Militär Kapellmeister, der Militär-Apotheker ein. Es lohnt sich nicht, darüber im ein- zelncn zu berichten. Unser Genosse Hoch besprach die der- langsamte Pcrgülnng für die Flurschädignugen, die im großen Manöver 1898 in den Bezirken bei Hanau entstanden waren. Sonnabend: Resttitel des Reichsamts des Innern und Fortsetzung de» Militär-Etats.— Freiherr v. Rhcinbabcn als Gurgelspringer. Der neue Minister des Innern entpuppt sich, je mehr er Parka- mentarisch hervortritt, als der starke Manu, der, cntgegcu der Warnung des Kollegen PosadowSky, die r-nst verspürt, der Social- demokralie an die Gurgel zu springe». Er tobt sich ergiebig an der vorübergehenden Erscheinmig aus. Was einem Bismarck, einem Puttkamer, einem Koller und all' seinen ander» Vorgängern bis herab zum Freiherr» v. d. Recke nicht gtknngcil ist, das glaubt der neue Herr spielend erreichen zu töiinc». Er>vill die Socialdcmokratie 'sobald als möglich mir Stumpf und Stiel ausrotten. Bereits bei der Beratung des Etats des Ministeriums des Innern har Freiherr v. R h e i n b a b e n Anklänge an die Gewaltpolirik des starken Mannes verraten, indem er die Beamte»— dem Gesetz zum Trotz— aufforderte, die Socialdemokraten als minderen Rechts zu behandeln. Aber damit giebt sich der hnmuclstiirmcnde Minister nicht zufrieden, er sucht seinen Ehrgeiz darin, an erster Stelle im Kampf gegen den Umsturz zn stehen. Das beste Mittel hierfür scheint ihm die Verdrängung der Socialdcmokratic aus den P a r l a m e n t e N- zu sein. Vorläufig begnügt er sich damit, sie aus den S t a d t p a r l a m c n t e n zu vertreiben, Ivo sie kraft des Wahlsthiu»rechts nirgends in der ihnen gebührenden Stärke vertreten sein können, und als Mittel hicrz» dient ihm die K o m nvn n a l w a h l- Vorlage. Schon in der Begründung dieser Borlage hat er ans die große Gefahre hingewiesen. die den Gemeinden-ans dem Anwachsen der Socialdcmokratie droht, und das. was er dort mir flüchtig andentctc, hat er am Freitag bei der ersten Beratung dieser Vorlage im A b g e o r d n c t e N h a u s c äusfiihrlich ergänzt. Zwar behauptet Herr v. Rhcinbaben, daß es der Regierung nur darauf anlvmmc, die durch die Wahlreform des Jahres l891 herbeigeführte Verschiebung in der Zusammen- sctznng der Wählcrabteilimgcn auszugleichen und daß ihr parteipolitische Rücksichten völlig fernliegen. Aber das hindert ihn nicht. zu untersuchen. ob etwa durch dos in dem Entwurf vorgesehene DnrchsckmittSprincip der Einflnst der Socialdcmokratie in de« Gemeinde» gestärkt werden könne, und eindringlichst die socialdcmoiralischc Gefahr zu schildern. Als Belveis dafür, wie sich die Socialdcmokratie im Kopfe dieses Regiernngsvcrtreters darstellt, geben wir die betreffende Stelle seiner Rede im Wortlaut wieder: „Wir leben in cindr Zeit, wo manche Elemente die alten Grundlagen unsreK bürgerlichen Lebens ins Schwanken zu bringen suchen, in einer Zeit, ivo die Social dein okratie es aus ihre Fahne geschrieben hat. sich der kommunalen Vertretung z n b e m ä cht i g e». Diesem Bestreben entgegen zu trete», ist' Pflicht der Staatsregierung wie der Gemeinden. Wir haben dabei zu n n l e r s ch c i d c» zwischen der großen Menge der Verführten in der Social- d e m o k r a t i o und den Verführern. Die große Menge der Verführten, die zwar ihre Stimmen für die Socialdemolrane abgeben, aber im Grunde ihres Herzens doch noch nicht zerfallen sind mit den Einrichtungen nnsres bürgerlichen Lebens, die sollen wir suchen, ans den Boden des 3i e ch t s z u r n ck z n- bringen. Schon jetzt haben c» viele erkannt, daß sie von der Socialdcmokratic doch nur Steine statt Brot beloinmen. Die Kommunen sollen sich daher nicht wankend machen lasten in ihrem warmherzigen Eintreten für die arbeitenden Klassen. Wen» die Bürger ihre Pflicht thun, wenn sie den Arbeitern voran- leuchten durch eine christliche Lebensfiihrimg. dann werden auch die Arbeiter bald einsehen, daß sie ihr Wohl nicht fördern im Kampfe gegen die bürgerlichen Älassen, sondern im Zn- sammcnarbeiten mit ihnen. Die Gemeinde» können in dieser Beziehung biet thim, indem sie die ganzen steuerlichen Verhältnisse ausgestalten, in der Betbätignng weiterer Fürsorge ans dem Gebiet des WohnnngswcscnS wie überhaupt für die Bedürfnisse des kleinen Mannes. Der preußische Staat und das Deutsche Reich ist seinen Pflichten auf diesem Gebiet stets treu geblieben. Die Hohcuzollcrn-Köuige sind immer Könige der Geusen gewesen, sie haben zn- allen.Zeiten ihre Für- sorge eingesetzt von der Aufhebung der Erbuntcrthänigkcit an bis zn den Großthatcn Kaiser Wilhelm l. Und so wie es gewesen ist, wird es bleiben: auch die Zukunft wird es lehren, daß die verbündeten Regierungen und die preußische Staatsregierung in ihrer ivohlihätigcn und warmherzigen Fürsorge für den Ar- bester weiter gehen. Dann werden schließlim, wenn eS vielleicht vorerst auck nicht cingestanden wird, die Arbeiter einsehen, daß es für sie keinen Wert hat.. dem nachzujageu, was die Socialdcmokratie ihnen vorsviegelt, sondern daß ihre Jntercsicn am besten gewahrt w.crdcn im Zusammenarbeiten mit den bürgerlichen Klassen. Damit sich aber die Entwicklung so vollzieht, ist es unerläßlich, von den Verführten die Verführer zu trennen und die gcwcrbsmäffige» Hetzer und Streber nicht zu vermehrtem Einfluß gelangen zu lasten. Das würde aber geschehen, wenn wir die dritte Klasse in die Hände der Söeialdcmokratie übergehen ließen. Es i st zwar richtig, daß an den kam:n n- n a l e n Arbeiten auch einige S o c i a l d e m o k r a t e n der c r st c n»t a t e g o r i e m i t g e w i r l t h a b e n, d i e s i ch durch sachliche und nicht durch p a r l e i p o l i t i i eb e Gesichtspunkte leiten ließen, aber ebenso richtig ist es. daß, wenn erst die Streber und Hetzer da» Heft in die Hand bekommen. wen» sie ganze Wählcrllasien erobern, daß dann an die Stelle der Förderimg der kommunalen Jntcressen die Förderung des Partei- Zntercsscs treten würde. lSchr richtig! rechts.) Ich brauche nur zu erinnern an das Beispiel der socialdemokratischc» QrtS-Kraukenkassc». wo die Fürsorge für die Arbeiter ganz nebensächlich ist und Ivo als Hauptsache gilt die strafie Organisation und die angemessene Placierung von griverbckmästigcn Hetzern, auch wenn es noch fo zweifelhafte Elemente find. Das ist ganz die Weise der Stumm, 5lardorn. Arendt und Konsorten! Ter national-sociale Vetter nennt da» einen ,.b e- g a b t c n Reaktionär", d. h. einen„Staatsmann", der seine volitischc Weisheit ganz offenbar ans den Stnmnischen Abwässern, welche die „P o st" berieseln, gesogen hat. Nicht»nintercssant ist es zu beobachten, wie die bürgerlichen Parteien solche«starken Worte" verwerten. Je nachdem sie von einer Vorlage mit betroffen werden oder nicht, geben sie sich den An- schein, als glaubten sie an die Wahrheit derartiger Ergüsse. Bei der Komnuinalwahl-Aorlage nun liegt es so. daß das Ceinrum in seinem Besitzstand bedroht, die Rationallibcralcn aber gefördert werden. Kein Wunder alio. daß der EiNtrumSredner Abg. Dr. Bache m— ganz im Gegensatz zn seiner belannten ZukioiflsftaatS-Rede im Reichstage— offen erklärte, er erblicke selbst in der An S- licscrung der gesamten dritten Wählerabtcilnng an die Socialdemolraiie keine Gefahr, während ein nationalliberalcr Heißsporn, der Abg. van der Borght. bekannt .durch seine Versuche, den Kadaver der Znchthaiisvorlagc zu neuem Leben zu erwecken, dem Minister zu Hilfe kam und sich folgender- maßen äußerte: „Wenn Sie so thun, als ob das Eindringen der Socialdcmo- kratie in die Stadtparlamciite keine Gefahr habe, so vergessen Sie vor allen Dingen eins, nämlich daß hierdurch den Socialdcmo- kratcn das beste Mittel in die Hand gegeben wird, die städtische Bcvälkermig fortwährend in llnrnhc zn erhalten. Sic kann in breiten Schichten den Eindruck erzeugen, als ob die sämtlichen übrigen Stadtvätcr von dem Interesse der Bevölkerung nichts wissen wollen. Wir würden dann in den Gemeinden dasselbe erleben, was wir z. B. im Reichstag bei allen socialpoliti scheu Debatten erleben. Man soll diese Sachen nicht zu leicht nehmen. Daß man sie so leicht nimmt, ist«ine Art faseinierendcr Wirkung des Reichstagö-Wahlrcchis. das schon manches Unheil angerichtet hat. Für den Reichstag ist es gegeben und soll nicht beseitigt werden, aber es ist doch ein großer Unterschied, ob wir ivirklich Veranlassung haben, aus andern Gebieten ähnliche Ziistände anzustreben, ob es angebracht ist. für die Stadtverwaliuiig. in der daSPriueip von Leistung und Gegenleistung aufrecht erhalten werden muß. ein solches Wahlrecht einzusühren." Evcm'o ivieS auch Freiherr v. Z c d l i tz ik.), der, seitdem er durch die Schuld de»„Vorwärts" keine feste Anstellung mehr hat. seine ganze freie Zeit dazu benutzt, sich als Ccharsmachcr weiter z« bilden, auf die„ernste Gefahr" hin, die in ciiicc etwaigen Stärkung der Socialdcmokratie besteht. plecht, charakteristisch war das Verhalten der frei- sinnigen B o I k» p a r t e i. Im vorigen Jahr Hai der Führer dieser Partei, Abg. 3i i ch i e r. in eigner Person zn der Vorlage gesprocheil nnd sich dabei ausdrücklich als Gegner des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts in der Gemeinde bezeichnet. Heute sprachen seine FraktiouSkollegcn W i u t c r m c n c r rnid Kreitling, ohne daß aus ihren Reden zn ericnncu gewesen iväre, ob sie ans dem Richterschcn Etandpmitt stehen: immerhin sprach sich Herr Wintermeyer für das geheime Wahlrecht ariS rind Herr Kreitling ertamne sogar den wohlthäligcn Ein- fliiß der Socialdemokraten auf Gcmeindc-Augelegenheitei!. Die Konservativen. von denen das Schicksal der Vorlage abhängt. wissen»och nicht recht, wie sie sich dazu stellen. ob sie es mit dem Ccntrnm oder mit den Nationallibcralen halten sollen. Jedenfalls erklärten sie sich, um jede» Verdacht freiheitlicher Reginigen im Keime zu ersticken, entschieden als Anhänger des Drei- kl a fsc n- W a h l s y st e in S. Ein großer Teil der Debatte wurde durch einen Zivi» zwischen Nationalliberalen und dem Zentrum ansgesülit. der dadurch hervor- gerufen wurde, daß der Abg. Bache m offen eingestand, seine Freunde wollten mit dieser Vorlage Parteipblitik treiben. Natürlich thun das die Nationalliberalen auch, aber sie hüten sich, ein solches EingeftmiduiS zu machen._ Lstasiatische Flottcnwümchc. In dem zu Shanghai erscheinenden„ O st a s i a t i s ch e» Lloyd", der den Untertitel„Nachrichten ans Kiautschon" führt, ist unter obiger Spitzmarie ein Artikel erschienen, der so recht schlagend zeigt, daß die gegenwärtige Milliardenfordcrnng für die Kriegsflotte loimi die nächste» Wünsche der nie zu befriedigenden Ziüstnngspolitil zu Wafi'er erfüllt. Der„Ostasiatische Lloyd" ist ein nüchternes Kauf- mannsblatt, welches seit bereits Jahren erscheint und c» bisher immer sehr gut verstanden hat. den Wünschen des in Ost- asicn festgelegten Kapitals bei der Regierung Gehör zu verschaffen. Die„Flottcnwünsche" des Blattes verdienen deshalb weiteste Beachtung. Den ostnsiatischcn Kapitalisten genügt die Tirpitz- Vorlage gar nicht, sie haben schon jetzt Forderungen, die weit über den Rahmen des vorliegenden Gesetzes hinausgehen Und waS verlangen sie durch ihr Sprachrohr, den „Lloyd"? Nachdem derselbe durch eine Znsammenstellmig der Streit- kräfte der Großmächte sich bemüht hat zu zeigen, daß die fünf geschützten Kreuzer Teutschlands in Ostafien nicht genügen, fährt er ort:„Die notwendige Stärke des deutschen Geschwaders ergicbt sich au» der obigen Zusammenstellung von selbst. 2 Linien- jchisie, 3 Panzerkreuzer, ti geschützte Kreuzer, 10 Höchste- Torpedoboote ist das, was wir unter den augenblick- lichcn Verhältnissen hier in Oftasien brauchen." Hier- mit sind jedoch die Wünsche des„Lloyd" nicht erschöpft, er jährt vielmehr fort:„Spätestens bis zum Jahre 1901 müssen wir hier draußen eine Flotte haben von 4 Linien- chiffen, 3 Panzerkreuzern. 10 geschützten Kreuzern, nnd 1ö Hochsee-Torpedobooteu. Dazu kommen lediglich i'ir den Fiedeusdicust 5 bis K Kanonenbo ote vom Typ „Iltis".... Daß wir, nachdem Chinliung. Wuhu, Kiukiaug, Hankou, Jchang, Chuniing und ein Dutzend andrer Städte am Dangtje in den Kreis der deutschen Schiffahrt gezogen sein werden, dem Beispiel England» folgen und besondere ganz flach gehende Fluß-Kanouenboote habcitz müssen, ist so s e l b st V e r st ä n d l i ch, daß wir es nicht nochmals zu erwähnen biauchcn..-. Zum Schluß sei hier noch eines Punkts gedacht, der.nnt der Stärke der deutschen Flotte un- mittelbar zusmnmciihängt: da» ist die B c s e st i g u n g der K i a u t s ch o u b n ch t. Ein unbcststigtcS Kiautschon ist wert- los... Mit der Anlage der Küstenbefestignugen darf nicht zu lange mehr g e iv a r t e t werde n. Sie müssen fertig sein, cbc sich die Eisenbahn- und Haseubanten der Vollendung nähern." Zum Schluß wird dann die osiasiatiichc Frage mit der der Südsce verknüpft und gesondert gefordert:„Ilm den Ansprüchen. die deutsche Besitzungen und Handeloinreresstn in der Südsce an die Marine stellen,. gerecht zu werden, bedarf es- unsrcs Erachten» zweier geschützter Kreuzer: sowst' fünf bis sechs Kanonenbooten vom„Jltis"-Tl>p, die sich im Falle eines Kriegs mit dem ostasiatischen Geschwader zn vereinigen hätten." Diese„ostasiatischen Flqttcuwiinsche" gehen uns ein ungefähres Bild davon, ivie viele hundert« Millionen un» der„Platz an der Sonne" noch'kosten wird, wenn die'Volksvertretung die gegen- wältige„Wcllflotte" bewilligt und der Regierung Mut macht zu weiteren Forderungen für die Wasserpalilik.— ***#*' Deutsches Meich. Kanal und Flotte. In der Erörterung des Kanolhandels haben wir von Anfang an die Meinung vertrelen, die Konservativen seien gar nicht gegen den Kanal, sie wünschten den Entwurf nur bis zu den neuen Handelsverträgen zu vertagen, um ihn als Kompciffationsobjckt gegenüber der Regierung in der Hand zu behalten. Jetzt wird von konservativer Seite zum erstenmal offen zu- gegeben, daß man diesen Zweck in der That verfolgt. Die „Deutsche Tageszeitung" äußert sich allerdings noch in dein alten Flmikcrstil, man dürfe ein so lvichtigcs Werk nicht über- hasten: „Wie man es fertig gebracht haben sollte, die so außerordentlich schwierigen Vorarbeiten' für die umfangreiche und umfasstude Vor- läge jetzt schon im allgemeinen zu erledigen, ist uns ein Rätsel. Doch darüber brauchen wir uns jetzl den Kops der Regierung»ich: zu zerbrechen. Wenn die Regierung der Flottcnvorlage Schwierigkeiten machen und in der Sache selbst sich eine neue Skiedcrlage hole» will, so mag sie die Kanalborlage überhasten. Will sie beide» nicht, so hat sie die Pflicht, sie gründlich vorzu- bereiten und nicht zu überstürzen." Diese Warnung vor der Ileberhaslung klingt im Zusammenhang mit der Flottenvorlogc ganz besonders komisch. Schon der vorjährig» Kanalenlwnrs ivar von der Regierung mit einer anerkennenswerter Gründlichkeit und Sorgfältigkcit ausgearbeitet und. motiviert worden wie kaum jemals ein andre» Gesetz. Dennoch warnt man vor Ucbcrhasnnig dieses technischen Werk»- in demselben Augenblick, wt dieselben Konservativen sich anschicken, die ganz liederlich und oberflächlich hingezauberte Flottcnvorlage Hals über Kopf zu lw» willigen, und dies, obwohl— nach offizieller Behauptung- der Flöttcuplän der„bedentungsvollstc Gesetzentwurf ist, der seit der Äruice- Organisation einer deutschen Volksvertretung vorgc- legen hat"..: Die.. P o sl" giebt deu» auch da» Gerede von dem Nichtiiber- hasten ain und erklärt kurz und bündig: „Mit einer Verschiebung der Kanalvorla�e bis zur nächsten Session würde ober der Rcichspolitik auch keineswegs völlig gc- dient sein. Den Aiifordcriingen, wirksamer Durchführung der wichtigen, der Rcichspolitik aus handelspolitischem Gebiete gestellte» Anfgabcn würde es vielmehr allein entsprechen, wenn auf eine weitere Erörterung der Kauolvorlage im Landtage bis nach dem Jahre l9<>Z verzichtet würde." Da haben wir endlich die offene Bestätignng unsrcr Ans» sassimg: Erst gut agrarische Handelsverträge,' dann Kanal. Wir glauben, daß die Junker mit dieser Taktik der Barzahlung auch siegen werden. Ganz ander? miste braven, schlauen Liberalen. Sie bewilligen jetzt Millionen für die Flotte, um den Handel zu schützen und werden sich dann hernach vergebens gegen die handelsfeindliche Haiidclspolitir wehreu. Sie weisen die Regstrimg nicht darani hin. daß es den Anforderungen der Durchsnhrimg einer gedeihlichen Handelspolitik allein entsprechen würde, aus die weitere Erörterung des Marineplans bis nach dem Jahr 1903 zu verzichten. Sie sind dafür aber auch— im Gegensatz zum Junkertum— die Ewig- Blamierten. Auch der Kanqlentlvurf ivurde ja auf das Interesse nationaler Wehrhastigkcit wesentlich begründet'. Gleichwohl fordern die nationalen Junker geruhig die Vertagmig des uationälen Werks bis nach 1903! Ilcbrigcns versichert die„Rordd. Allgem. Ztg." heute offiziös gegenüber der Nachricht, daß die Kanalvorlage zu Guifften des Flott cugcsctzcö zurückgestellt werden soll,>„daß die mehrfach l ii n d g e g e b e ii e Stellung der Staatsregierung zur Kanalvorlage sich in keiner Weise geändert hat. Die Entscheidung über den genauen Zeistmnkt der Eiiibringuiig der Vörlage kann selbst- verständlich erst nach vollständiger Fertigstellung aller an- gekündigten E i n z e l v o r l a g e n getroffen werden". Das klingt gar unbestimmt. Die �.mehrfach kundgegebcnt Stellung" bezieht sich ans die Vorlage in dieser Session. Hohen- lohcs Versprechen und das Wort des Kaisers verpflichten si-y siir diese Session!—_ Eine Freie Flottenkommisfion soll sicki im Reichstage anS Mitgliedern der verstbiedenen Parteien gebildet haben, um ein lieber- eniloinmen herbeizuführen in der Flotienfrage, namentlich in der Frage der Kostendeckung. Die katholische„Märkische PolkSzeitung" ncmit die Meldung von der Bildung einer sesleii„Freien Kommission" falsch oder mindestens den Ereignissen sehr stark vorauseilend. Aber die„Verständigung" ist jedenfalls- auf dem Marsche.— Hochmut kommt vor dem Umsall beim Eentrum! Bei der Geiicralversammlung des lathotischeu Manne rvereius in Deggendorf kam geistlicher Rat Leonhard auch ans die Flottenfroge zu sprechen. Er führte u. a. aus: „Man müsse sich aus die Aimahme der Flottenvorlage gefaßt machen. Auch in C e» t r u in s l r e i s c n herrsche die Ansicht vpr, daß eine Bennehrung der Flotte eine Rotivendigkeit sei." Und wie hat man vorher gezetert I— Die portofreie Landratsagitation für konservative Parteiblätter im Kreist Ragnit kam nochmals zur Gerichts- Verhandlung vor dem Laudgericht zu Tilsit. Die„Tilsitcr Allg. Ztg." war ebenso wie unser Königsberger Partei- Opgan angcllagl wegen Beleidigung des Landrats Gras LambSdorf und de» Kreis-Schiilinspektors v. Bültes us. E» traten dabei noch einige reäit interessante Details zu Tage. In der Zeugenvernehmung sagt Herr V u I t c j u s im wesentlichen aus, er habe mit dem Landrat ein Gespräch gehabt über eine von der Regierung in Gnm- binnen, Abteilung für Kirchen- und«chulwesen, ergangene Per- sügnug, Ivclche die Aufsorder ung enthalte, für Le r- drei i niig guter Schriste», wie der„Prcuß. Volks- f r e u n d", das„Berliner Soimtagsblatt''. Kalender ic, schleunigst zu sorgen. Da ihm sZeugen) lein Personal zur Verfügung stehe, habe er sich an den Landrat gewandt und dieser sich bereit er- klärt, die Versendung von EirMarcn an die Lehrer übernehmen zn wollem Der Zeuge Landrqt Graf La mb S d o r f spricht sich über die Entsiehnng des sraglichen Cirrnlars an die Lehrer dahin aus. er habe »üt Herrn v. ÄultejnS Rücksprache genommen und er(Zeuge) habe sich erboten, das Cipkular(ctlva W Exemplare) in seinem Bureau per- vielfältigen und von dort miL versenden ZU lassen. Dort seien aber ttichi staatlich angestellte, sondern Beamte beschäftigt, die er auS seiner Daschc bezahle.'L9aS die Grenze der Portofreiheit an- belange, 10 sei c S schwer, diese genau zu trennen. Es können leicht Versehen, Irrtümer vorkommen. Er habe die Ver- .stignng der Regierung als eine amtliche erachtet und daher die Eirkulare an die Lehrer frankiert. Er(Zeuge) Ivirkc für Ziele eines Klotten-vereins, er sammle für ein Bismarck- den k m a l. die Unterscheidung, ums amtlich und nicht amtlich, sei schwer. Teils auf Befragen des Borsistenden, Landgcrichtsdirektors-Duast, teils der Verteidigung bekundete Zeuge Graf LambSdorf. sich ansanglich weigernd, vom Vorsitzenden aber vcranlastt. noch folgendes: dast die tktoft e n der unentgeltlichen Verbreitung des„ P r e u st i s ch e Ii V 0 l l s s r c u n d" zum Teil durch Samm- luugcu des Landrats, zum Teil durch Beiträge des Ritterguts- bejitzers Herrn Muck. Vorsitzenden des konservativen Vereins in Roguit, aufgebracht feien. Der angeklagte Redactenr wurde wegen des Vorwurfs der Porto- hinterzichnng freigesprochen. Das Gericht erklärte: Gras LambS- darf und der Kretsschuliiispektor v. Bultcjus scheinen die Verfügung der Regierung n i ch t r i ch t i g a u f g e f a st t zu haben. In dem vertraulichen Schreiben der Regierung werde gesagt, die Kreis- schulinspcktorcn möchten persönlich, mündlich, in Kon- screnzen usw. für Verbreitung guter Lektüre wirken; von s ch r i f t- l i ch e r Agitation sei keine Rede. Das interessanteste Ergebnis dieses Prozesses ist die Feststellung der Thatsachc. dast von der Höhcrc» RcgicruugSbchördc eine bcsoudcrc Verfügung ergangen ist. geuiäst welcher die llntcr- dchörden für tonscrvativc Partei- uud Hcstblättcr Agitation betreibe» solle». Ob mündlich oder schriftlich, ist dabei eine unter» geordnete Frage.— Hülle im„Reichsbotcu". Nachdem zu Gunstein der Flotten- vorläge und unter der Wirkung des Wortes von der vorübergehenden Erscheinung eine Zeit lang die Scharfmachcrei gegen die Social- dcmokcatie geschwiegen, bricht jetzt die ganze Meute wieder kläffend hervor, weil man eingesehen. dast man auch durch Wasfcragitation die Socialdeinokratie nicht aus der Welt zu reden vermag. Der„RcichSbote" hat sich anscheinciid sogar des Pastor Hülle bewährte Kraft gesichert. Nachdem er— a la„Krcnz-Zeitung"— ausgeführt, dast die Soldatcuimsthandliingen eigentlich die Folge der focialdcmokratischcn Weltanschauung seien, bemerkt der fromme Mann: ..Es ist in der That ein starkes Stück, wenn Leute. welche die Prostitution, die doch jetzt immer noch von der öffent- licheu Meinung als unsittlich bekämpft und verachtet wird, a» die Stelle der Ehe setze» wolle», gegen die Prostitution in der bc- stehenden Gesellschaft losziehe», ohne schamrot zii Iverden und es noch fertig bringeii, die sittlich Entrüsteten zu spielen!" Die„Leute" find nicht etwa die Harmlosen, die Unsittlichen aus dem Lande, die Gegnepder Arbeitgeber-Paragraphen in der lex Hcinze, sondern die— S 0 c i a l d c m 0 l r a t e n. Diese„christlich-sittlichc Wahrheit" kann nur—»m mit dem „Rcichsboten" zu reden— dem„legitimen Munde" des Pastor Hülle entströmt sein. Wir können, uns wenigstens nicht denken, dast es noch einen andern Pastor gicbt, der mit dieser naturwüchsigen Phantasie- kraft politische Gegner verleumdet.— Kirche uud Kaiser. Die Eidesleistung des Erzbischofs Dr. Simar im Berliner Schlosse ivird auf Wunsch des Kaisers von William Pape in eiuem grohen Oelgemälde dargestellt iverden. Es wird der Moment veranschaulicht werden, in ivclchcm Dr. Simar knieend de», Kaiser, den Treueid leistete. Soll das ein Gegenstück zu den Kanossa-Bildern werden?— München. 21. Februar. Abgeordnetenkammer. Zur Bcratilug steht der Etat der Post- und Telegraphen- Verwaltung, welcher in Einnahme und Ausgabe mit 36 655 726 M. und einer Zicinciuuahinc von 3 361 221 M. abschließt. Wie im Reich werden vom 1. April ab die fünf bestehenden Privat- Posten vom Fiskus übernommen, das Gewicht für einfache Briefe von 15 auf 20 Gramm erhöht, die Bestellgebühren für Zeitungen nach dem für das Reich.beschlossene» Sätzen normiert, die Telephon- gebühren nach der Gcsprächszahl abgestuft, bezw. den Abonnenten die Wahl zwischen einer Pauschale im Höchstbclrage von 150 M. und einer Grundgebühr Nebst Gesprächsgebühr aiihcimgcstcllt. Unsre Abgeordneten fordern ei» eignes Bcrkehrsnliiiisterimn, mit . einem Fachmann an der Spitze. weitergehende Herab- setzling der Telephongebühren. Lerbilligung und Verbesserung des Postwescns, namentlich''Ausdehnung des Nachbarvcrkchrs. Besonders treten die socialdemokratischen Abgeordneten für die Besserstellung des Diciistpersonals ein, das in 2g Petitionen iim GehaltSaufbesserimg, Entlastung im Dienst. Wohmmgsgeld- Zuschuß-c. nachsucht. Räch den Ausführungen des Ministers ist ein eignes V e r k e h r s in i n i st e r i u in in Äussicht genommen, die Avancenientsverhältnissc des Personals sollen verbessert, die Sonn- tagS-Arbeit thiiulichst eingeschränkt und die llrlaubszeit nach dem Vorbild der Reichspost geregelt werden: der Wohnungsnot soll durch Zuschüsse an Bangenosseiischafte» entgegengewirkt werden. Zu den angeregten VerkchrSverbefscrungcn äußerte sich der Minister sehr vorsichtig, beim Telephon sind Nebenanschlüsse auf eignem Grund- stück— wie sie die ReichS-Postverwaltung plant— nicht in Aus- ficht genommen, weil dadurch die Hauptleitungen zu sehr belastet werden könnten.— Fabrikinspektion i» Bayern. München, 22. Februar.(Eig. Bcr.) Zur F a b r i k i n s p e k t i 0 n in Bayern ist eine Entschließung des Ministeriums des Innern ergangen, der wir folgendes entnehmen: Unter allen Verhältnissen sollen in sämtlichen Aufsichtsbezirken mindestens die Hälfte der Fabriken und der über fünf Arbeiter regelmäßig beschäftigenden Betriebe jährlich der Revision unterstellt werden. Dje- Orts.- Polizeibehörden sind streng anzuhalten, die Thätigkeit der Anfsichtsbeamten zu nnterstiitzen. Bc- triebe. in welchen grobe Mißstände vorgefunden wurden oder Mißstände, die auf lässiger Beobachtung der gesetzlichen Vorschriften beruhen, sind öfter im Fahre zu revidieren. Der mangelhaften Reinlichkeit in Handwerksbetrieben, den Mißständen in Schlnistätten, ist besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden und sind die Distrikts- Polizeibehörden zu geeignetem Vorgehen zu veranlassen. Die Handwerkskammern sind anzuweisen. der Lehrlingshaltung und Lehrliiigsausbildüng ihre Aufsicht zuzuwenden. Die Bildung von Handwerker- Genossenschaften soll möglichst ge- fördert, sie sollen auf die Vorzüge des maschinellen Bc- triebs hingewiesen)vcrdcii. Die Thätigkett der weiblichen Hilfskräfte soll sich vorzugsweise den mit Arbeiterinnen besetzten Betrieben zu- wenden und ans die Erforschung der in der Hailsindustrie und im Hausierhandel beschäftigten Frauen und Kinder erstrecken. Die Bestrebungen, für die in der Beklcidimgs- Industrie beschäftigten Heimarbeiter entsprechende Werkstätten seitens der Unternehmer zu errichten. sind thiiulichst zu unterstützen. die Aussichtsbeamten haben ihren Einfluß in dieser Richtung geltend zu macheii. Außerdem wird die Aufmerksamkeit des Aufsichtspersonals auf Anlage und Kontrolle von Aufzügen gc- lenkt und auf die mit der Ueberwachung von Fabritanlage» betrauten Personen, welchen inindestciis einige dicnstfteie Sonntage im Jahre zu sichern sind und schließlich werden für das laufende Jahr Specialerhebungen über das Maurcrgcwerbe angeordnet. Socialreform im Grostherzogtum Heften. Man schreibt uns aus Hessen: Ein erfreulicher Fortschritt auf dem Wege social- politischer Gleichberechtigung scheint sich im Großherzogtum Hessen zu vollziehen. Wie bereits tclcgraphisch gemeldet, bringt das Regierungsblatt vom 20. Februar eine Verordnung, durch welche die Bildung einer bcsoudcrcu„ M i» i st c r i a l a b t e i I u n g für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe" vorgesehen wird. Als außerordeutliebe Mitglieder sind je ein Vertreter des Handelskammcrtages, der Eentralstelle für Gewerbe und der Hand- Werkerkammer vorgesehen, welche bei wichtigeren Fragen zuzuziehen sind. Dann heißt es weiter:„Betreffen diese Frage» die Vcryältuisse der gewerbliche» Arbeiter(Titel VII der G e w e r b e- O r d 11 u n g), so wird dic Ministerialabtciluug zu der Beratung oder Bearbeitung auch Personen ans dem Kreise der Arbeitnehmer zuziehen." Damit ist eine Forderung erfüllt, die von misern Vertretern im Landtag wiederholt gestellt worden ist, und die den ersten Schritt auf dem Wege zur Einrichtung einer Arbeitcrkammer bedeutet. Der wichtigste Pimlt bleibt freilich in der Verordnung unberührt, die Frage nämlich, wer die zur Mitarbeit in der Mimsterialabteilinig hcraiizuziehciiden Arbeiter auszuwählen hat. Wie verlautet, beabsichtigt die Regierung die Wahl der betreffenden Vertreter durch die G c w c r b e g e r i ch t s- B e i s i tz c r vor- nehmen zu lassen. Das entspricht zwar auch noch nicht dem, was im Jntercsfe vollster Gleichberechtigung der Arbeiterorganisationen mit den Organisationen des Handels-, Handwerker- und Bauern- standes zu verlangen ist, es wäre aber immerhin eine brauchbare Grundlage, auf der ein erster Versuch aufgebaut werden könnte. Wir wollen hoffen, daß die Regierung sich ans jeden Fall bereit findet, der Arbeiterschaft selbst die freie Auswahl ihrer Vertrauens- männer zu Überlassen. Nur dann kann bei der ganzen Sache etwas für die Arbeiterschaft wirklich Wertvolles heraiiskommcn.— Es Uiird forigcschosscu. Aus Elsaß- Lothringen schreibt man nnS: Abermals erregt eine folgenschwere Schießerei eines Gendarmen, diesmal gegenüber einem wehrlosen 15 jährigen Menschen, im Lande peinliches Niiffehc». Der im ge- nannten Alter stehende Arbeiter Röder von Großmoyeuvre bei Metz war am 1. September v. I. aus der Besserungsanstalt in Hagenau, Ivo er einige Zeit zwangsweise untergebracht gewesen war, entwichen, hatte sich über die Grenze nach Frankreich begeben und dort bei einem Bauer Dienste genomincn. Anfang Januar d. I. ließ ihn sein Vater nach Großmoyeuvre zurückkommen, und seither arbeitete der junge Mann als fleißiger Arbeiter im Roinbachcr Stahlwerk. Durch Nachbarslente der Röderschcn Familie erfuhr jedoch der in Großmoyeuvre stationierte G e n d a r m den Aufenthalt des Sohns. Er erschien dcshalli amAbcnd des verflossenen Soiiiiabcnd gegen 0 Uhr in der Wohnung Röders und nahm den jungen Mann. der bereits im Bett lag. mit der Erklärung fest, daß er ihn wieder nach Hagenau in die BesseruiiaSaiiftalt einliefern werde. Der Birriche wurde an den Hände» gcfeffclt und abgeführt. Auf der Straße machte er jedoch, unterstützt von seiner Mutter, einen Fluchtversuch. Während nun der Beamte die Frau mit dem Säbel abwehrte, gelang es dem Verhafteten, über eine Wiese zu entfliehen. Der Gendarm gab darauf z w e i R e v 0 l v e r s ch ü s s e auf ihn ab, von- denen der eine ihm eine Verletzung am Oberschenkel beibrachte!, und vcrmockile infolgedessen den Flüchtling wieder zu ergreife». Dieser suchte sich aber wieder loszureißen, und bei dem hierbei ciitstehenden Handgemenge gerieten beide in einen der Straße entlang fließenden Bach. Hier gab der Gendarm, wie ei» Bericht des lothringischen Regie- rimgsblatts„Metzer Ztg." feststellt, einen dritten Revolver- schuß auf'den jimgeil Rniin ab, der ihn ins Kreuz traf. Dann brachte der Beamte den S ch w c r b e r l e tz t e n in den Polizci-Arrcst, wo der Kantonalarzt die Kugel aus dem Körper des Getroffenen herausschnitt. Später wurde Röder nach dem Hospital des Roinbachcr Hüttenwerkes übergeführt. So weit der Thatbestaiid des Aufsehen erregenden Vorfalles, über den selbst die Imnmftomme„Straßburger Post" cntriiftct eine genaue Nntersuchniig verlangt. Das Blatt stellt ausdrücklich fest, daß keinerlei Vcranlaffimg vorlag, den jungen Mann, der seit seiner Entfernung ans der BcffcnliigSaiistalt ordentlich gelebt und fleißig gearbeitet hat. nächtlicher Weile aus dem Bette zu holen, während er ruhig schlief, ihn zu fesseln und ohne Aufschub nach Hagenau ziirückziibriiigen. Aucki sei eS wohl nicht notwendig gewesen, auf einen fliehenden Knaben zu schießen und ihn nachher noch in der angegebenen Weise schwer zu verletzen. Eilbcstcllung von Ortsbriefcn. Bisher bestand der Zustand. daß bei Sendnngeii an Empfänger, die im Ortsbcstcll bezirk des Ans- gabc-Postamts wohnen, die Eilbcstellimg ausgeschlossen war. Die Zulaffuiig der Eilbestelluiig jm Ortsbcstellbczirk der Aufgabe- Postanstalt ist nunmehr vom Staatssekretär deL Reichs- Postamts verfügt worden.—_ Chronik der MajestätSbelcidiguugS Prozesse. Vor der Strafkammer des Landgerichts Metz hatte sich kürzlich der 22jährige Bergmann Heinrich P e t r y von Großmoyeuvre wegen Majestätsbelcidigniig und Bedrohung zu verantworte». Am 15. und 17. Januar d. I. hatte er bei der Arbeit nicht wiederzugebende Aeußcruiigcu über den Kaiser gcthan und einen Grubenbeamten, der ihn zu fleißigerem Arbeiten anhielt, mit dem Messer bedroht. Der Angeklagte behauptet, in beiden Fällen im Zustand starker Trunken- h e i t und hochgradiger Erregung gehandelt zu haben. Das Urteil ließ diesen Einwand jedoch nicht gelten, erklärte Petry vielmehr der Majestätsbelcidigniig in beiden Fällen für schuldig und lautete dieser- halb sowie wegen der Bedrohung ans eine Gesamtgefängiiisstrafe von neun Monate n. Der ebenfalls in Metz vor etwa 14 Tagen unter der Beschuldigung einer Majestätsbeleidigimg verhaftete Zuschneider Willwerth müßte wieder auf freien Fuß gesetzt werden, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die gegen ihn eingereichte Deiiiiuziation auf böswilliger V e r l e u m d u u g beruhte. Gegen den Angeber ist gerichtlich ein- geschritten worden. A»s Iserlohn meldet man, daß dort ein eine Flottcnver- sammlung tiberwachender Polizeibeamtcr in dem von ihm erstatteten amtlichen Bericht zwei Vertreter der Presse deiumzierte, beim Kaiserhoch sitzen geblieben zu sein. Alsdann wurde die Untersuchimg wegen Majeslätsbeleidigung eingeleitet, wobei sich herausstellte, daß beide Personen bei der Ausbringung des Kaiser- Hochs überhaupt nicht mehr anwesend waren. Da dennoch der Beamte bei seiner Behauptung bleibt, sehen die Vertreter der Presse laut „ÄreiSanzeiger" sich veranlaßt, gegen den Beamten'Anklage wegen falscher AnschülVigiiNg zü erheben. Ausland. Oestreith- Ungar». Die Regierungserklärung wird in der Presse im allgemeinen wohlivollend aufgenommen. Cb die C z e ch e u ihre Drohung der alsbaldigen Obstruktion wahr- machen werden, bleibt abzuwarten. Die Führer der Rechten haben sich von den jimgczechischen Slbgeordnetcn klare und bündige Auskunft darüber erbeten, ob die Czeschen auch der Erledigung der sogenannten Staatsnotwendigkeiten Obstruktion entgegen- setzen wollen, wobei die Rechte nicht Mitthun würde. In der Diskussion, die am Donnerstag bereits begann, erklärte Schramnicl, die Socialdemotraten könnten der gegen- wärtigeu Regierungsvorlage untcr keinen Umständen zustimmo». Redner klagt über die unerträglichen Lastendes Militarismus, durch welchen der kulturelle Fortschritt gehemmt werde. Die Ver- Handlung über diesen Gegenstand wird dann abgebrochen und das Haus beginnt die Debatte über die Dringlichkeitsanträgc betr. den Ans- stand in den Kohleubergwerkc». Der Borsitzende bemerkt, er>wolle sämtliche den Ansstand in den Köhlenbergwerken betreffende Dring- lichkcitsanträge gleichzeitig zur Verhandlung bringen. Der Social- denwkrat Verkauf begründet seincii Driiiglichkcitsautrag. Er schildert die Ursachen des Ausstaiids, klagt über die Behandlung der Arbeiter seitens einzelner Grubenbesitzer und spricht für die Ein- führung des Achtstundentags. In der Freitagssitzung beantragte der Czcche S t r a n s I y, das Haus möge in namentlicher Abstimmung' darüber entscheide», ob nicht vor Wiederaufnahme der Beratung der auf der Tagesordnung stehenden Rekrntenkontinge nts-Vorlage die Dringlich- keitsanträge über den K 0 h l c 11 a r'b e i t e r- S t r e i k verhandelt iverden sollen. Das Hans lehnt diesen Antrag mit 139 gegen 85 Stimmen ab. Die neue Geuieiudewahl-Lrdnuug für Wie», über die wir unsre Leser in der Sonntagsnuimncr unterrichtet habe», wurde im u i c d e r ö st r e i ch i s ch e 11' L a 11 d l q g verhandelt. Ter Landtag nahm in seiner Freitagsitzmig die ersten 18 Paragraphen des neuen GeiiicindcstatulS für Wien an, worauf die«itzimg unterbrochen wurde.— *** Wien, 23. Februar. Die O b st r 11 k t i 0 n s v e r s u ch e fanden in der heutigen Reichsrats- Sitzung von keiner Seite Unterstützung. Der ReichSrat setzte die Debatte über das Rckriitcngesctz fort. Di« Deutschiiationale», besonders Wolf, behaupteten, der Kriegsminister habe den Engländern 2000 Pferdeiättel aus dem Brüimer Moiitur- depot zur Bersiigung gestellt; daß dies sowie den englischen. Pferde- kauf der Kaiser dulde, sei miritterlich. Für die Beleidigung des Kaisers erhielt Wolf einen Ordnungsrnf. Schweiz. Basel» 22. Februar.(Eig. Bcr.)„Das Gesetz ist tot. es l'e b e die A r b e i t s l 0 s e n- B e r s i rb e r 11 n g!" Unter dieser Ileberschrift veröffentlichte unser unermüdlicher»nd imeiitniutigter Genosse Wullschlcger am Tage nach der Verwerfung der ZlrbeitSloscn- Versicherung im„Basler Vorwärts" einen Artikel, in dein er die Motive. ans denen die bunt zusammengewürfelte Schar der Gegner die Vorlage verwarf, kritisch beleuchtete und sodann mit- teilte, daß er sofort dem Präsidium des. Großen Rats(Landtags) folgenden Antrag eingereicht h'abe:„Der Ncgierungsrqt wird eingeladen, zu priisen und. behördlich darüber Bericht zu erstatten: 1. Ob von Staatswegcn ein Fonds zur Unterstützung unverschuldet arbeitsloser Bürger und Einwohner, des Kantons au- zulegen, und, abgesehen von etwaigen Schciikimgcii uiid Vermächtnissen, durch fährliche Einlagen des Staates zu änffncii(vermehren) sei. Wenn ja: 2. Wie hoch die jährliche Einlage des Staats in diesen Fonds zu bemciie» sei. 3. Nach welcheirGrimdsätzen der Fonds verwaltet und verwendet werden sollte, wobei insbesondere zu erwägen wäre, ob und unter welchen Bedingungen an Ö e r 11 f l i che Vereine oder Verbände von Arbeitern n ir d?( n g e st e l I t e n. die sich mit der Arbcitslosen-Versicherimg befassen ivolleii, oder zugleich an berufliche Arbeiter- und Angestellten- Vereine(beziv. Verbände), die gemeinsam die ArbeitSloscn-Berficherung betreiben wollen, Beiträge verabfolgt werden könnten." Belgien. Brüssel» 20. Februar.(Eigener Bericht.) Die politische Situation des Landes wird durch die hcramiahcnden Wahlen bestimmt: die Parteien rüsten sich zum Kampf. Leider sind die Ver- suche, alle Parteien der Opposition gegen die Klerikalen zu einigen, in den Provinzen Flandern und Limburg durch die«chuld der Liberalen gescheitert. Die Socialisten.. Radikalen imd Christlich- Deino traten(Dacnsisteu) waren für den Zusammenschluß, die Uimach- gicbigkcit der Doktrinären verhinderte ihn. Wie sehr das den ÄilSgang der Wahlen bceiiiflusscn wird, geht daraus hervor, daß in 13 Kreisen das Zusammengehen aller Oppositionsparteien not- wendig ist. um je cincii Sitz den Klerikalen entreißen zu können. Der Kongreß der s 0 c i a I i st i s ch e n Kooperativ- Genossenschaften, der dieser Tage in B r ü fiel tagte, hat beschlossen, eine Fcdcration der Kooperaliv-Gcnosscnschaften zu begründen. Alle anwesenden Vertreter erklärten für ihre Geuosien- schasten den Beitritt. Als Organ des VirndeS wird„L'aveuir social" (Die sociale Zukunft) bestimmt. Die Radikalen Belgiens haben sich auf ihrem soeben in Brüssel stattgehabten Kongreß für dös allgemeine' Wahlrecht aus- gesprochen.— Frankreich. Vor dem StaatsgcrichtShof hielt der Staatsanwalt am Donnerstag sein Plaidoyer und beantragte die Verurteilung Haberts. Nach dem Staatsanwalt hielt der Verteidiger Anwalr Ehcnii sein Plaidoyer. in dem er die Freisprechung Haberts verlangte. Darauf wurde die Sitzimg geschlossen. Pariö» 23. Februar. Der Staatsgerichtshof erklärte mit 72 gegen 48 Stimmen und biex Enthaltniigen Marcel Hubert für schuldig. Das Strafmaß ist noch nicht bekannt. Der Gerichtshof berät sodann in geheimer Sitzung über die Festsetzung des Strafmaßes. Nach Wiederaufnahme der öffentlichen Sitzung verliest der Präsident den Beschluß des Gerichtshofes, demzufolge Havert mit 75 gegen 51 Stimmen zu fünfjähriger Ver- bannuug verurteilt wird. Die Sitzimg lvitd sodann aufgehoben. PariS» 23. Februar. Der„Jiitransigeant". veröffentlicht ein verttanliches Rundschreiben des MarincininisterS, in welchem dieser unter Hinweis aus die Angelegenheit.des kompromittierten Beamten des Mariiieminifteruims Philipp erklärt, daß er von nun an gegen diejenigen Beamten, welche irgend eine Stelle, bei gefchöftlicheu Uiiternchmungen innehaben, mit strengen D i s c i p I in a est rase» vorgehen werde. Italic». Rom» 22. Februar. Der„Avanti" kündigt an. daß die äußerst« Linke am Sonnabend die Obstruktion wieder aufnehmen werde, da die Freiheit bedroht sei. Sliuerita. Deutsch-aincrikanischcr Handelsvertrag. Washington, 22. Februar. Die deutschen die Landwirtschaft betrcffcudeu Ab- änderungS-Vorschläge zu dem geplanten amerikanisch- deutschen Handelsvertrag machen den Entwurf als Grundlage der Rcciprocität unannehmbar. Obgleich noch kein formeller Beschluß gefaßt ist, werden die Vereinigten Staaten wahrscheinlich erklären, dieser Ent- wnrf sei nicht a c c c p t a b e l, und daher ablehnen, in Unter- Handlungen zur Vereinbarung ciiics Reciprocitals-Vcrtrages ein- zutreten.__ Der Streik der Bergarbeiter. AuS den östreichische» Gebieten liegen neue Meldungen nicht vor, eine Aenderimg des Streiks ist nach keiner Seite eingetreten. Soweit eS den Streikenden möglich ist, Versammlungen cinzii- berufen. zeigen diese einen massenhaften Bestich. Aber nirgends macht sich eine Stimmung geltend, die der bediiigimgsloscn Beilegung des Streiks das Wort redet. Man ist einig in dem Verlangen, den Kamps fortzusetzen. Ans Sachsen werden infolge des Kohlenniangels fortgesetzt weitere BetriebSeinschränkimgen gemeldet. Bürgerliche Blätter melden einen Rückgang dcS Streiks und die Bctriebsdirektioiicn geben an, daß sie den Ausstand für beendet erklären. Dem steht aber die Thatsachc entgegen, daß der amtliche Bericht meldet, daß im Zwickauer Revier 4000 Bergleute abgelegt seien. Das siiid Streikende, gegen die sich die Aktion richtet und niemand wird glauben, daß die 4000 Arbeiter durch andre ersetzt sind. Dazu kommt, daß fast ausschließlich Arbeiter unter Tag am Streik beteiligt sind, also diejenige Arbeiterkategorie. die am wichtigsten im Bergbau ist. Die Arbeiter hatten, wie bereits mitgeteilt, neue Ver- haudlimgen angebahnt und zu gleicher Zeit ihre Forderungen herab- gesetzt. Sic verlangten:\ 1. Verkürzung der Schichtzeit; a) Verbot aller Ucberschichten. möglichste Beseitigung aller Sonntagsarbeit. 2. Zulage im Schicht- und Gedingelohn für alle Arbeiter; Festsetzung eines Mindestlohus. 3. Abschaffung der getrennten Gedinge. 4. Mafr «gelungen wegen Beteiligung an der Lohnbewegung oder Zugehörig� keit zur Organisation dürfen nicht erfolgen. 5." Festlegung aller gc troffenen Abmachungen in den Arbeitsordnungen. Auch diese Forderungen, wie überhaupt jede Verhandlung, sind don dem Verein für bergbauliche Interessen in Lugau-Oelsnitz ab- gelehnt worden. Die Unternehmer wollen keine Verständigung, sie vertrauen auf ihre Macht und die der Behörde. Die Arbeiter sind n« diesem Kampf ans ihre eigne Kraft angewiesen. Aus Halle wird uns geschrieben: Wie vorauszusehen war, hat infolge der ablehnenden Haltung der Unternehmer der Streik eine größere Ausdehnung genommen Eine mittags in Dölau stattgehabte, von 400--500 Bergleuten besuchte Versammlung beschloß, keine Verhandlungen mit dem Unter- uehmertiml wieder einzuleiten. Der Streik hat sich heute auf da Mansfelder Gebiet— den Scclreis— mehr ausgebreitet. Zum Sonntag sind für Teutschenthal im Scekrcis zwei' Versammlungen embernfen und am Montag wird der Ausstand dort allgemeiner werden. Die Bergleute sind gewillt, ihre Sache mit aller Energie zu betreiben. Wie schon gemeldet, ist der Streik im Bezirk Zeitz-Wcisicnfels am Donnerstag früh ausgebrochen. Auf mehreren Gruben, die eine Tagschicht von 150 Arbeitern haben, sind 133 Mann in den Ausstand getreten. Am Abend fuhren auch die Nachtschichten dieser Gruben nicht an, doch blieben hier einige Leute mehr zurück. Gleichfalls trat am Abend die Grube„Groitzschen" bei Zeitz mit 40 Mann Nacht- schichtlcrn in Streik, hier blieben 20, Mann stehen. Am Freitag früh erwartet man wcitern Ausstand auf andern Gruben, auch aus dem Hohen- »lölsener Bezirk. Eine übervoll besuchte Versammlung in Tcuchern — in der Pokorny referierte— beschloß, nochmals die Direktoren zu einer Verhandlung nach Zeitz zu laden und hierzu die Bergräte Schröker-Halle und Cchanz-Zeitz um ihre Vennittelung anzugehen. Diese Verhandlung soll Sonntag stattfinden. Schlägt sie fehl, oder fällt sie rcsnltatlos aus, dann treten auch die Gruben um Tcuchern und Trebnitz am Montag in den Ausstand. Zum Streik der Berliner Möbeltischler Der Stand der Bewegung hat sich nur wenig verändert. Einige kleinere Werkstellcn haben die Bewilligungen' zurückgezogen, in 19 Werkstellen mit 87 Tischlern sind die Arbeiter ausgesperrt. Im Streik befinden sich llllX) Tischler. Gegen 100 Unverheiratet sind gestern abgereist. Die Freie Vereinigung der Holzindustriellen setzt ihre Be mühungen fort, eine Aussperrung sämtlicher Holzarbeiter herbei zuführen. Es scheint, als ob die Macher der Freien Vereinigung durch die Aussperrung nicht nur die Arbeiterorganisation, sondern auch Hunderte von Kleinmeistern treffen wollen, Und wenn die Kleinmeister glauben, durch Bewilligung der Arbeiter forderungen schweren Schaden zu erfahren, so mögen sie sich vor- sehen vor den Liebenswürdigkeiten der Großindustriellen. Von dort droht ihnen das Verderben, deren Hilfe kann ihnen die Vernichtung bringen. Die Herren Millionäre unter den Holzindustriellen wünschen Zustände wie in der Metallindustrie; merkwürdig, daß die Tischler mcistcr so kurzsichtig sind und dies nichtscinsehen, sondern in ihrer Ab Neigung gegen die Gesellen lassen sie sich zu Maßnahmen drängen, die in letzter Linie gegen sie selbst ausschlagen müssen. Auch die Fräserei besitzer wollen den Holzindustriellen Vorspanndicnste leisten zum Niederhalten ihrer Arbeiter. Mehr gezwungen als freiwillig haben sie beschlossen, ihre Betriebe stehen zu lassen. Wenn die Herren in ihrem Machtdünkcl sich nur nicht verrechnen! Am Freitag hielten die streikende» Tischler eine öffentliche Versammlung bei Keller in der Koppenstraße ab. Der Saal war lange vor Beginn der Versammlung überfüllt und wurde deshalb Polizeilich abgesperrt, so daß Hunderte vor dem Eingang warteten, Wie der Referent Maß berichtete, ist die Situation im allgemeinen unverändert. Die Mehrzahl der Meister sträubt sich immer noch, die Forderungen anzuerkennen, aber die Kampfeslust der Streikenden wächst von Tag zu Tagl Obgleich die Abreise der ledigen Kollegen noch nicht von der Ortsvcrwaltung beschlossen worden ist, haben sich schon viele Unverheiratete bereit erklärt. Berlin sofort zu verlassen, damit den Zurückbleibenden der Kampf um so leichter werde.— Die Stimmung der Versammlung war eine begeisterte, und machte sich bei allen eine zuversichtliche und siegessichere Haltung bemerkbar. Die Freie Vereinigung der Holzindustriellen entfaltete ihre Propaganda am Freitagnachmittag in einer Versammlung der Tischlermeister, die von 400—500 Personen besucht war. Die Leiter der Freien Vereinigung bemühten sich nach Kräften, die Tischler meister zum energischen Widerstand gegen die.»»berechtigten Forde- rungen" der Gesellen scharf zu machen. Die Arbeitgeber— so hieß es— haben jetzt die Organisation des Holz arbciter-Verbandcs nachgeahmt, sie seien deshalb wiedcrstands fähiger ivie früher, und'unter der Führung der Freien Vereinigung würden sie in der Lage sein, die Forderungen der Gesellen zurück- zuweisen. Weiter wurde mitgeteilt, daß sich von den 110 am Ort befindlichen Fräsereien 78 bereit erklärt hätten, ihre Betriebe sofort zu schließen, damit die Tischlermeister, welche bewilligt haben, keine Maschinenarbeit bekommen. In hochgespannter Erwartung nehmen die Herren an, daß wenigstens 90 Fräsereibesitzcr sich ihrer Bc wegung angeschloffen haben. Am Montag sollen die Holz- Händler dahin bearbeitet werden, den Tischlermeistern, die nicht auf feiten der Freien Bereinigung stehen, kein Holz mehr zu liefern. Die Freie Vereinigung will dafür sorgen, daß den Tischlern, die Zahlungen an die Holzhändlcr zu leisten haben, die Schuld prolongiert wird. Das könnte sehr leicht bis auf Nimmerwiedersehen geschehen. Ferner sollen die verschiedenen Branchcnvereine der Tischlermeister mobil gemacht werden.— Die Herren von der Freien Vereinigung versicherten zwar, daß sie eine genaue Kontrolle über die Tischlereien ausüben, aber wie viele be willigt oder nicht bewilligt haben, davon wurde nichts gesagt. Man machte einige Firmen namhaft, welche die Forderungen der Gesellen bewilligt haben und sich trotz aller Anstrengungen der Agitatoren von der Freien Vereinigung nicht auf deren Seite stellen wollen. Diesen Finnen wurde der Boykott und die tiefste Verachtung an- gedroht. Man sprach die Hoffnung aus, daß in nächster Woche alle Räder snämlich der Fräsereien) stillstehen würden, aber diesmal nicht, weil es der starke Arm der Arbeiter, sondern weil es die Untenrehmer im Kampf gegen die Arbeiter so wollen. Die Stellung der Bildhauer zum Streik wurde am Donners- tag in einer gut besuchten Versammlung beraten. Bis heute sind in 28 Betrieben 84 Mann ausgesperrt bezw. 9 davon sind im Streik getreten. 4 Mann sind anderweitig in Arbeit gebracht, so daß gegenwärtig 30 Mann aus 28 Betrieben ausständig sind. Die Agitationskommission hat den Beschluß gefaßt: Ucberall da, wo die Tischler die Arbeit niedergelegt, haben die Bildhauer weiterzuarbeiten. Nur wo die Bildhauer einen Druck zu Gunsten der Tffchler ausüben können, ist die Arbeit niederzulegen. Jedoch ist jeder einzelne Fall vorher der Agitationskommission der Bildhauer zu unterbreiten. Das Bureau befindet sich Kopnickerstr. 62, Restaurant Spielberg. Tischler Binde, Vertreter der streikenden Möbeltischler, giebt seiner Freude über den gefaßten Beschluß kund. Auch die Tischler hatten diesen Beschluß gefaßt, um dieselben den Bildhauern zur Annahme zu empfehlen. Nach längerer Diskussion wurden folgende Anträge einstimmig angenommen: 1. Jeder arbeitende Bildhauer zahlt für die infolge des Tischler- streiks ausgesperrten Kollegen einen Extrabeitrag von 50 Pfennig per Woche, ivelcher auf Listen der Agitationskommission ein- gezogen wird. Die Sammlung beginnt mit Sonnabend, den 24. Februar. 2. Die ausgesperrten Bildhauer beim gegenwärtigen Tischler- streit sind als Streikende zu betrachten und demzufolge zu unter- stützen. Die Unterstützung geschieht in folgender Weise: Verheiratete Kind 1 M. Zuschlag. Unverheiratete 12,50 M. Beschluß der Agitationkommission ange- pro Woche 15 M., pro pro Woche. Ebenso wird der nommen. Die Aussperrung der Maschwenarbcitcr ist bereits perfekt geworden. Fast alle Fraisereibcsitzer, auch die, welche nicht auf Kundenarbeit angewiesen sind, die Leistenfabrikanten haben schon gestern, je nachdem Kündigungsfrist einzuhalten ist oder nicht, ihre Arbeiter entweder sofort entlassen oder gekündigt. Die Tischler in Rixdorf nahmen am Donnerstag gleichfalls Stellung zur Lohnbewegung. Einstimmig erklärten sich die Ver- sammelten mit dem Vorgehen der Berliner Tischler einverstanden, sprachen ihre Solidarität mit ihnen aus und bestimmten, pro Mann und Woche eine Mark in eine» Streikfonds zu steuern, um die Folgen der bisherigen Lauheit gegen Lohnfragen auf diese Weise zu verbeffcrn. Die Firma Barkevicz hat bereits die neuen Forderungen anerkannt, bei 21 andren Firmen sind die Forderungen gestellt und bei zweien sind die Arbeiter im Ausstand. Da. entgegen den Behauptungen der Unternehmer, die Arbeit im allgemeinen eine dringende ist und keineswegs von einer lieber- Produktion gesprochen werden kann, auch Unterstützungsmittel vor- Händen sind, so hoffen die Arbeiter auf einen baldigen Sieg. Der Termin zur Stellung der Forderungen soll in einer nächsten Ver- sammlung beschlossen werden. Am Sonntag werden die Tischler in Adlershof Stellung zu der Lohnbewegung nehmen. Die Versammlung findet im Lokal' von Schmauscr statt._ Ans der FrAurnbcnrognng. Unter den proletarischen Frauen der nordöstlichen Provinzen macht die Agitation, wie aus einem Bericht der„Gleichheit" zu er- sehen, recht erfreuliche Fortschritte. Die Genossin Zictz hat in diesen Gegenden eine größere Anzahl öffentlicher Versammlungen abgehalten und dabei die Beobachtung machen können, daß die Frauen stets einen großen Teil der Vcrsammlungsbcsucher stellten. In Elbing und Königsberg beteiligten sich auch Genossinnen recht lebhaft an der Diskussion. Im Vergleich zum Stande der allgemeinen Arbeiter bewegung, so berichtet Genossin Zieh, ist in diesen Gegenden die Frauenbewegung recht Iveit vorgeschritten. Fast an allen Orten sind iveibliche Vertrauenspersonen vorhanden, die ihre ganze Kraft ein- setzen und zum Teil mit außerordentlichem Geschick die Bewegung leiten und erweitern. Praktische Frauenbeschäftiguug. Im Danziger Hafen werden, wie die„Gleichheit" berichtet, Frauen zum Laden und Löschen von Schiffen verwendet, neuerdings sogar von Kohlenschiffen, eine Arbeit, die besonders anstrengend ist. Natürlich werden die Frauen als Lohndrückerinnen gegen die Männer ausgespielt. Eine Anzahl männ- licher Hafenarbeiter sind entlassen und durch Frauen ersetzt ivorden. Erste« wurden pro Tag mit 3 M. entlohnt, die eingestellten Ar- beitcrinnen erhalten dagegen nur 1,80 M. und müssen dafür das gleiche leisten wie die Arbeiter. Merkwürdig, daß kein Professor findet, daß die Frau für solche Beschäftigung ungeeignet sei. GemevKMzAftlirszes. Berlin inid Umgegend. Der Streik der Kleber lTapezicrcr) dauert fort. Die Werk- statt von Kalmbach, Potsdamerstr. 89, ist für Polsterer und Kleber gesperrt. Ferner sind für Kleber folgende Firmen gesperrt: Seiffcrt, Anöbacherstr. 19; WappenhanS, Bayreutherstr. 28; Szaase, Steglitzer- 'traße 8. Die Lohnkommission. Deutsches Reich. Achtung, Textilarbeiter! Die Firma Leonhard Sprik u. Co. in Berlin, Spittelmarkt 6/7, hat vor kurzem Rundstuhl-Arbeiterinnen nach Lübbe» gesucht. Für Arbeitsuchende sei bemerkt, daß hier am 20. Februar sämtliche Rundstuhl-Arbeiterinnen ausgesperrt wurden. weil sie sich gegen die vielen Ueberstunden auflehnten. Nach längeren Unterhandlungen wurde die Aussperrung zurückgenommen, doch mußten die Arbeiter' einen Revers unterschreiben, daß sie sich nicht weigern wollen, auf Verlangen des Fabrikanten jeder Zeit Ueber- 'tiinden zu machen. Die Arbeiterinnen forderten nun, daß. nachdem sie vier WochenIhinter einander Ueberstunden gearbeitet haben, ihnen n den folgenden vier Wochen regelrechte Arbeitszeit gewährt werden 'ollte. Auch das lehnte der Fabrikant ab. Wenn die Arbeiter in Lübben erst den Wert einer Organisation erkannt haben, werden sie -ich auch eine vernünftige Arbeitszeit verschaffen, aber alle Rund- tuhlarbeitcr und Arbeiterinnen werden daraus sehen, daß es gut ist, den Zuzug nach Lübben fernzuhalten. Der Centralvorstand des Textilarbeiter-Berbandes. Schwarze jListen im Wnrmrrvier.H IDie vor und während des Streiks gcmatzregelten Bergleute bekommen selbst auf den be- nachbarten belgischen Gruben keine Arbeit, trotzdem„christliche Blätter vor Freude darüber, daß die Bergleute aus bitterer Not wieder zu Kreuze krochen, versicherten, auch die Gemaßregelten würden wieder eingestellt Wörden. Ein belgiischer Beamter zeigte den um Arbeit Nachfragenden sehr zuvorkommend die„schwarze Liste", auf welcher ihre Namen prangten, und bedauerte, sie mit ihren Abgangs« zcugniffen. welche zum Teil auf Kontraktbnich lauten, nicht annehmen zu können._ Im südafrikanischen Krieg ist noch keine Entscheidung gefallen, eine solche wenigstens ist in Europa nicht bekannt. Cronjes Armee scheint sich mit Helden- mütiger Tapferkeit immer noch zu halten und hat sich vielleicht. ofern ihr rechtzeitig Hilfe geschickt werden konnte, den umklammern- den Armen der englischen Ucbermacht entwunden. ES ist jetzt in England ein ausführlicher Bericht über den Kampf mit den Truppen Cronjes eingegangen. Daraus geht hervor, daß am Sonntag abend die Umzingelung der Boeren vollendet Ivar. Während die Hochländer-Brigade am Sonntag über kaches Gelände vorrückte, war sie einem furchtbaren Gewchrfeuer ausgesetzt. Die Leute mußten den ganzen Tag über liegend kämpfen und furchtbaren Durst aushalten. Das Feuer hörte mit Einbruch der Rächt auf, da beide Teile durch den mörderischen Kampf erschöpft waren. Deserteure erklärten, die Boeren seien in Cronje gedrungen. sich zu ergeben. In der Nacht auf Montag legten die Boeren Verschanzungen an. Der nächste Morgen fand den Feind noch in derselben Stellung. Das Bombardement, welches dann mit Unterbrechungen fortgesetzt wurde, ruhte eine Zeitlang. Berittene Infanterie mit Artillerie rückte inzwischen vor und nahm unter heftigem feindlichen Feuern die feindliche Stellung auf einem Kopje. Früh am Tage hatte Cronje einen Waffenstillstand nachgesucht, welchen Kitchcncr nur im Fall« bedingungsloser Ergebung des Feindes ge- währen wollte. Später traf ein andrer Bote ein mit der Meldung, daß Cronje geneigt sei, sich zu ergeben. Kitchener begab sich hierauf nach dem feindlichen Lager, bevor er jedoch dort eintraf, erhielt er die Meldung, daß eS sich um ein Mißver- tändnis handele und daß Cronje bis zum Tode kämpfen ivolle. Kitchener kehrte hierauf in das englische Lager zurück und ordnete die Wiederaufnahme der Beschießung des Feindes an. Am Dienstag richtete die Artillerie, darunter Schiffsgeschütze und Haubitzen, ein furchtbares gemeinsames Feuer bei 1000 Yards Schuß- weite auf die feindlichen Laufgräben. Der Bericht bemerkt zum Schluß, es liege etwas Tragisches in dem trotzigen Widerstand, den Cronje ohne Hoffnung auf Erfolg leiste und der zur Bewunderung herausfordere, doch werde das nutzlose Hinopfern seiner tapferen Leute allgemein verurteilt. Ladyftuith scheinen die Boeren doch halten zu wollen. Dein„Reuterschen Bureau" wird aus dein Boeren-Hauptlager vor Lady« s m i t h vom 21. d. M. gemeldet: Montag und Dienstag wurde den ganzen Tag über heftig gekämpft. Heute früh begann der Kampf von neuem und dauert noch fort. Die Offiziere der Boeren hoffen die Engländer aus ihren Stellungen vertreiben zu können. In der Nacht versuchte eine englische Truppenabteilung den Tugela zu über- schreiten, wurde aber zurückgeschlagen. Die Verluste der Boeren waren gering. Von Ladysinith her werden die Stellungen der Boeren an dem Punkt beschossen, wo der Klipfluß in die Berge fließt. Der „Long Tom" antwortet mit gutem Erfolg. Aus dem englischen Lager von C o l e n s o wird am Donnerstag gemeldet, die britischen Truppe» nahmen Fort Whlie auf dem Nordufer des Tugela ein. Der Uebergang der Truppen auf einer Pontonbrücke stieß auf keinen nennenswerten Widerstand. Ein Telegramm der„Times" ans Chievcley erklärt, eS sei nur eine kleine Abteilung berittener Infanterie während des Uebergangs über den Tugela von den Boeren zurückgeworfen worden. Das klingt alles noch etwas mysteriös. Die Bullerschen Sieges- depeschen sind ja bekanntlich mit großer Vorsicht zu genießen. »» * Englische Wünsche. Wie die Engländer die Boeren zu behandeln gedenken— wen» sie sie haben, verraten die„Times". Wir werden, schreibt das Blatt. Ausnahme-Mastvegelu gegen die Boereu-Republiken an- wenden, wie die D e u t s ch e n es gegenüber den Reichslanden thaten. Wir haben keine so geringe Meinung von uns oder von unsrer Civilisation, daß wir zweifelten, daß wir das, was die Preußen in Westfalen und auf dem linken Rhcinufer nach der französischen Okkupation am Beginn des vorigen Jahrhunderts und die Deutschen in ausgedehnten» Maße in Elsaß-Lothringen durchführten, nicht auch in angemessener Weise im Oranje-Freistaat und in Transvaal durchführen und daß»vir Furcht vor derartiger Eimvirkung haben»verde». Wir»verde» es thun mit der gleichen Entschlossenheit und vielleicht mit größerer Geduld. Es ist nicht geiuig für uns, daß»vir das Land der Boeren erobern;»vir»verde»»»cht eher zufrieden sciir, als bis sie loyale britische Bürger find. Also die beiden Republiken sollen schlankiveg annektiert und ihr selbständiges staatliches Dasein soll ausgelöscht»Verden. Grund genug für die Boereir, sich»nit Zähne» und Nägeln zu wehren. Wir verzeichnen noch die folgenden Meldungen über die Lage Cronjes, die aber alle nicht über den Dienstag hinausreichen. Das„Reutersche Bureau" meldet vom 20. d. M. von P a a r d e« b e r g Drift: Cronjes großartiger Nachttnarsch von Maggers- fönten», obgleich im Beginn erfolgreich,»vird doch,»vie es nunmehr de»» Anschein hat, wahrscheinlich uitheilvoll werden. Tie Hauptmacht der Boeren ist in eine»» von der britischen Artillerie de- herrschten Versteck im Bett des Modder River ein- geschlossen. Die Vorgänge am Sonntag geben Zeugnis von der mutige» Haltung des aut dem Rückzug befindlichen Feindes, der, obgleich ermüdet und erschöpft, sich dennoch tapfer zeigte. „Daily Ncivs" meldet»veitcr aus Moddcr-River voin 2l. Februar: Das Lager Cronjes befindet sich auf der nörd- lichcn Seite der Koodoösberg Drift. Zuerst hielt er auch die Hügel am südlichen Ufer besetzt, doch wurden seine Truppe» aus den meisten derselben am Sonnabend vertrieben. Am Sonntag kam General French mit Kavallerie an, am Montag»vurde die Ein- schließung vervollständigt. Am Montagnachmittag ersuchte dann Eroiffe um Waffcnstillständ. Die Kanonade dauerte Dienstagmorgcn noch fort. Bom mittleren Kriegsschauplatz »vird jetzt ebenfalls ein Zurückgehen der Boeren gemeldet. Aus Kapstadt»vird vom Donnerstag telegraphiert: Die britischen Truppen iin Norden der K a p k o l o n i e treiben nach und nach die Boeren zurück. Mooifontein,»vclchcs an der nach Colesberg führenden Straße gelegen ist,»vurde von einer von Arundcl abgesandten britischen Truppenabteilung besetzt. Da General Brabant von Dordrecht aus vorrückt, gehen die Boeren im Bezirk von Hörschel wieder über den Oranje- Fluß nach dem Frei- staat zurück. stz Letzte Meldungen. London, 23. Februar. Ein hier eingetroffenes Telegramm be» richtet, die Boeren unter Cronje hätten sich Lord Roberts in Stärke von 800« Mann ergeben. Die Engländer sollen im Boerenlager 20 Kanonen und viele Lcbeirsmittel vorgefunden haben. Zwei andere Telegramme vom gleichen Tage bestätigen diese Meldung aber in keiner Weise. London, 23. Februar. Ein Telegramm aus Loren?o Marqnez berichtet, daß trotz aller verbreiteten Gerüchte ans englischer Quelle Cronjes Kolonne den sie verfolgenden Generalen French ui»d Kitchener erfolgreichen Widerstand leistet und daß ihr Rückzug auf Bloein- 'ontein»och keinesivegs gescheitert sei. Ei» Telegramm aus Boerenquellen berichtet, daß 6000 Boeren von Ladysmith nach Bloemfontein abgegangen sind. Die Regierung des Freistaats ist von Bloemfontein nach Wynburg verlegt worden. Wetzte Mach richten und Depeschen« Wien, 23. Februar. Minister v. Rheiiibabcn: Herr Abg. Bachem iagtc, die Vorlage ivollc den Zustand von 1891 wicderbersiellen. Darüvcr hat jedoch im vorigciiJahre Einmütigkeit geherrscht, cS socken oie Ungerechtigkeiten ausgeglichen werde», die die Steirerrriorm m dem Wahlrecht im Gefolge gehabt hat. Dem Mittelstand, der im Wahlrecht verkürzt worden ist, soll das Wahl- recht wiedergegeoeu werden. Herr Abg. Bachem schätzt die Gefahren der Socialdciiw.'ratie getülger ei», wie ich. Ich halte mich für ver- pflichtet, a»ck schon für die Zukunft zu sorgen. Schon jetzt sitzen in 42 Städten und 305 Landgemeinden Soeialdemokraten in der Gemeindeverwaltuiig. Das inuß doch bedenklich stinmicn. Ich bin aber durchaus bereit, in der Kommission mit mir reden zu lassen. Abg. Frhr. von Zedlitz(fk.): Dem Mittclstalide muß sein volles Recht zu teil werden, ee muß die zweite nnd dritte Klasse beherrschen. Die plntokratische Verschiebung infolge der Steuerreform innß beseitigt werden. Freilich darf dem. der durch die Steuerreform erhöhte Lasten zu trage» hat, das Wahlrecht nicht so verkürzt werden, daß er nun ivicder stark beeinträchtigt ivird. Was nun die Borlage anlangt, so glaube ich, sie befindet sich im wesentlichen auf der richtige» Linie, da sie die Ziiftäiidc vor 189l wiederherstellen ivill. Die Socialdcmokrntie darf nicht in der Gemeinde zur Herrschaft gelangen, das würde eine ernste Gefahr bilden und Herr Dr. Bachem unterschätzt die Gefahr. Wir wissen, wie cs die Socialdemokratie versteht, sich überall einzunisten. Wenn die Gemeinden falsch ver- fahre», dann können die ÜlufsichtSdehörden einschreiten. Ja es ist ihre verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, ihr Ansfichtsrrcht z» iidcn. öl* es denn aber nötig, alles,>vns die Sclbstvcrivaltnngskörper thnn und nicht thnn dürfen, ins Gesetz hincinznschreibcn? Abg. Winternicycr sfts. Bp.): Auch meine Freunde sehen die Frage des Genieinde-Wahlrechts nicht als eine Viachtfrage an. Wir lriinschen aber vor allem eine geheime Wahl und bedanern cs, dah der Gesetzentivur eine Aenderung nach dieser Richtung nicht cuthält. Die Vorlage verdient»i6)t den Namen einer wirklichen Reform. Daß das Geincinde-Wahtrecht plutokratischer geworden ist, steht auszer Frage. Aber diesen Charakter wird die jetzige Vorlage nicht verwischen. Mindestens t(1 Prozent der Wähler sollten in der ersten Klasse, »lindestens M Prozent der Wähler sollten in der zivcitc» Klasse sein. Die erste Klasse wird von der Vorlage gar nicht berührt. Gerade das ist aber bedauerlich. In der ersten Klasse wählt oft nur eine einzige Person einen Gcmcindcvectreter z in Höchst a. M.» Ivo früher SO Wähler erster Klasse ivarcn, wählt jetzt nur ein einziger Wähler die ganze erste Klasse, die Höchster Aktiengesellschaft. Der Minister hat die Gefahr der Socialdeinolratie hier so schwarz gemalt. Es mag ja bedauerlich sein, daß ein so großer Teil nnsrcs Volks soeialdemokratische» Anschauungen huldigt. Aber es geht doch nicht an, deshalb einfach einen so grostrn Teil des Volks des Wahlrechts zu berauben. Ich halte die Bc- kämpfmig für viel leichter möglich, wen» man mit den Socialdcmokratcn zusammenarbeitet.' iSehr richtig! links.) Haben sich denn iit den Gemeinden, wo Socialdcmokratcn sitzen, schon irgendwo traurige Folgen gezeitigt? Mir ist von solchen Folgen nichts bekannt geworden. Der Herr Minister verwahrte sich gegen den Vorwurf politischer Einseitigkeit. Kann es eine größere politische Einseitigkeit geben, als ivcnir man eine große politische Partei gänzlich vom Wahlrecht ausschließen will? Die Vorlage lvird der Socialdcuiokratie nichts schade», anck) Ministerreden ivic die heutige des Herr» von Nhcinbabe» iöiiucn ihr nur förderlich) sein. tVcifall links.) Abg. v. Eyncrn(uatl.).- Ich kann nicht fiiiden, daß durch die Vorlage die Socialdcmo- kratie geschädigt wird. Ich glaube vielmehr, die Socialdeinolratie würde unter Geltung der Vorlage leichter als bisher in die Gcmciiidc- Vertretungen koniincii. Herr Bachem hat hier rund heraus erklärt, er wolle ei» Geinciiidewahlrecht, das feinen politischcn Partci- bcstrebuiigeu günstig ist. Das ist ei» Grad von Unvorsichtigkeit, de» ich ihm nicht zngetrant hätte. sHeitcrkcit.) Wir wollen ei» objektives Wahlrecht, das Partcibcstrebniigcn aus der Avnilnnne fernhält. Abg. Ehlers jfrs. Vg.): (rin Urteil wird sich erst daiin fällen lassen, wenn man weiß, ob die Konservativen mit dem Cciitrniil oder mit den National- liberalen das Gesetz machen wollen. lHeitcrkeit.) Die diesmalige Borloge verdient noch weniger die Bczcichiiiiug einer Reform als die vorjährige. Die Bedeiitnng der Vorlage wird viel- fach überschätzt die vorjährige war doch bedeutungsvoller. Gegen die ortsstatiitarischc Regelmig habe ich die ernsteste«! Bc- denken. Man drängt damit die Gcmciiidc geradezu darauf hin, die Wahlen nach parteipolitischen Gcsicbispimltc» z» treffen. Ich kann «nir denken, daß nia» das Dnrchjchnittoprincip oder die Zivölfteliing znlaffcn will. Wie man aber außerdem noch dos Diirchschiiittsbrineip mit de», den Durchschnitt bis zur Hälfte desselben übersteigeiideu Betrag zulasse«!«rill, das verstehe ich überhaupt nicht. Abg. Fuchs sC.): polemisiert gegen den Abg. v. Eynern. Gerade bei den National- liberalen herrsche die größte Intoleranz, bei ihiicii heißt die Parole: Der letzte Schwarzlittel nmß anS der Kaminer hinaus.(Heiterkeit.) Abg. Kreitling(Frs. Bp.); Ich konstatiere, daß Einmütigkoit darüber herrscht, daß das Drciklasscu-Wahlsystcm so schleckt ist, daß es rcfonmert werde» soll. Schade»iir, daß die Reform so tvinzig nusgesalleii ist. Die Vorlage ist ciiie. völlig«inzu» eichende Sibschlagszahlnng. Ter Minister ivill von eincin stärkeren Eindringen der Socialdcmo- tratie i» die Kominniien nichts wissen. Er loeiß offenbar nicht, daß die Thätigkcit soeialdrmotratischer Gruieiiidevertreter durchaits frnchtbruigcnd sich gestaltet hat, nameiillich in den Kommissionen. Zudem ist ja die Aussichtsbehörde stets i» der Vage, den Elat zu ioiilrollicreu und Stadtvorordueteii- Beschlüsse zu beaiistandc». J>i Berlin ciitstelcii in den letzte» Jahren von l-tlZ lläs Wähler» böt oder 0.24 Proz. auf die erste, 2.4l Proz. auf die zweite und k>7.3S Proz. auf die dritte Wählcrllasse. lHört, hört! links.) Diese Zahlen sprechen für sich selbst. Dazu kommt, daß ei» großer Teil wegen des Wahlmodus sei» Wahlrecht gar nicht aiiSübeu kann. Eine Deiiiokratistcrinig ist nicht zu befürchte». In Berlin n«hleii heule, die 1094 M. Steuern zahlen, deren Name»nit C bcginnl. i» der 2. Klaffe, deren Raine aber»iit D beginnt, in der 3. Klaffe. Dieser Zustand kann nicht ncitcr dauern. cbeiisowciiig ivie cS niöglich ist. die Bcstiminnng des Obcr-Vcrivaltiingsgcrichts, wonach nicht beliebig viel Abslimmniigsbezirke eingerichtet werden können, unhaltbar ist. sBcisall links.) Minister v. Rhci»«baben: Ter Herr Vorredner irrt sich, wen» er glaubt, daß die Regierung von der«Schlechtigkeit dcS Treiklancii-WahlipftemS überzeugt ist, da- gegen erkennt sie den Uebclstaud, der siir die großen Städte in der Entscheidmig des ObervcrivaltungsgericklS über die A b st i m m u n g§- bezirke liegt, an imd lvird Abhilfe za schaffen suchen in cincr ?! o v e l l c z u r S t ä d t c o r d ii n n g. ?ll'g. von der Vorght(uatl.) polemisiert gegen den Abg. FuchS. Die katholische Intoleranz sei doch über allen Ziveifcl erhaben. Tic Ilcde dcS Herrn v. Hchde- brand sei ihm sympathischer gcivcseil als die dcS Herrn Bachem. DaS Centrnm scheine sich in den Konservativen Bundesgenosse» fticheii zn wollen, hoffentlich mißglücke ihm dies Bestreben. Abg. Jrmer(dt.) koiistaiiert dem Abg. Kreitlich gegenüber, daß die konservative Partei das Dreiklasieu-Wahlsysteni l observieren wolle. hlach mehr persönlichen Bemerkungen wird die Diskussion gc- schlössen. Di« Borlage lvird einer K o m Mission von 21 Mitgliedern überwiesen. Slächstc Sitzung Montag 11 Uhr. sBesteiieriiiig der Warenhänscr.) Ztavtamonksttisches. Unfallvcrsicherungs Kominisston. In der Sitzung gm Freitag lvnrden zuerst die Verhandlungen über das Kapital-Decknngsvcr fahren fortgesetzt. Auch das Centrnm sprach sich in demselben Sinne ans, wie gestern die andren bürgerlichen Parteien. Es erkannte daö Kapital- DeckungSvcrsahrcn als das vom theoretischen Staiidpiinkt richtigste a», erklärte jedoch die sofortige Diirchführinig desselben als unmöglich. Infolgedessen zog der Abg. Schmidt seinen Antrag betreffend die Ersetzung des jetzigen Umlageversahrens durch das Knpital-Tcckiiiigsverfahren zurück. Um jedoch dem durch den Autrag Schmidt erstrebten Ziel allmählich näher zu koininen, ivurde eine Erhöhung des Reservefonds beschlossen. Zu diesen, ZU) ecke «ucrdeu von min an zu dem gesetzlichen Reservefonds seine Zinse» und 2 Proz. seines jeiveiligeu Bestandes zugeschlagen. Hierauf wurde» die Beratungen über den Erlaß der Unfall- Verhntnngs-Porsrhristen ivicder aufgciionimc». Von de» Social- demokrate» ivurde betont, cs werde die im jetzigen Gesetz vor- gesehene Mitwirlung der Arbcitervcrtrctcr bei dein Erlaß der Unfall- vcrhntuligs-Vorschriften dadurch illusorisch gciiiacht, daß»ach der Bcratnng in der Porstandssitzniig, zu der die Arbeitervertreter zugezogen werden müssen, die Entwürfe an die Generalversammlung zur endgültigen Entscheidniig in Abwesenheit der Arbeitervertreter gelangen. Haben die Arbcitervcrtreter in der Beratung mit dem Vorstäud irgend eine Verbesserung erreicht, so wird diese in der Geiieralversanimlinig gestrichen, weil dort die Arbeitervcrtreter nicht ziigegeu sind und die nötige Begründung deshalb nicht geben köniieii. Dieser Zustand wurde auch vom Centrnm oks»nhaltbar anerkannt, während die Rcgicruiigsvcrtretcr daran gar nichts aus- zusetzen hatten, weil er ja dem Gesetze nicht widerspreche. Die S o cia l d em o kr a te n verlangen demgegenüber eine solche Regcliing, daß beim Erlaß der Unfall- Berhütnngö- Vorschriften die Arbeiter mit denselbeu Rechten mit- «virkr«« können, wie die Unternehmer. Ans diesem Grunde enipfchlcn sie den von ihnen vorgelegten Antrag, nach dein die Unsallverhütuiigsvorschriften erlassen lverden sollen von einer Körperschaft, die von einem un parteiischen Vorsitzenden und der gleichen Zahl von Vertretern der Arbeiter und Untcniehmcr besteht, Dieser Antrag lvird jedoch abgelehnt. Die bürgerliche Mehrheit der Konnnissioii will sick mil einigen lleinen Verbesserniigen begnügen. So soll die Verpflichtung zum Erlaß der Unfallverhütungs- Vorschrift etwas schärfer als bisher gefaßt werden. Früher besagte der betreffende Paragraph, die Genosicnschaften seien befugt zu dem Erlaß. Hierzu wurde eingefügt, sie sollen ans Verlangen des RcichS-Versicherniigsamts dazu verpflichtet sein. Ferner wurde die Strafe, die ivcgen Uebertretung der Uiifallverhiituiigs-Borschristeii scitens der Unteniehmer angedroht lverden kann, von 300 auf 1000 Mark erhöht. Der socialdcmokratischc Antrag dagegen, daß die Vorschriften der Genossenschaften sich auch ans den Schutz für lieben niid Gesundheit erstrecken dürfen, ivurde abgelehnt, Bor zivei Jahren war dies von der damaligen. Äommission trotz des Widerspruchs der Rcgierniig beschlossen worden. jetzt aber fiel ein Teil des Ceiitrnnis in». Dasselbe Schicksal hatte der iveitere social- dem akratische Antrag, daß ziim Erlaß von UiifallverhiUnngs- Vorschriften auch die Vorstände der Ortö-, Betriebs-, JniiuiigS- und freie» Hilfs-Kraiikciikassen berechtigt sein sollen. Trotzdem die Kranke»- kasscn an dem Schutz gegen BetriebSiuifälle aufs äußerste interessiert sind, lvalltcii die bürgerlichen Abgeordneten ihnen nicht dasselbe Recht gewähren, wie den B ernfsgeuosseirs chasten. Nächste Sitzung: Dienstag.' Mariue-Etat. In der B u d g e t k o in m i s s i o n des Reichstags ersuchte am Freitag vor' Eintritt i» die Tagcsordimng der Vorsitzende v. Knrdorsf die Kommission, ihm' zn gestalten, nainciis der Kommission dem auf dem Wege der Besscrnng befindlichen Ab- geordneten Dr. Lieber die Glückwünsche der Kommission zur Gc- »esiiiig zu übennitteln. Tic Kommission erteilte ciiistiiumig die Er- inächtiginig dazu. Hierauf ivurde die Bcraiuug des Marinc-Etats fortgesetzt. Staatssekretär Tirpit? gab. aukiiüpfend an die gestrige Erörterimg über die polizeiliche Kontrolle auf d e» 28 e r f t e n eine Erklärung dahin ab, das eine körperliche lliitersuchung beliebiger Per- soiicn nicht«»ehr stattfinde. ES wurden nur solche Leute körperlich unter- sucht, bei denen eine besondre Beranlassuiig vorliege.— Der SR e st des Ordiuariums wird sodann ohne wesentliche Debatte durchweg mlvcrändcrt nach den Ansätzen der Regierung genehmigt. — Es' falgt die Beratung der E i n n« a l i g'e n Ausgab e n. Der Referent Miillcr-Fuloa verweist darauf, daß die P r e i s c der Schiffe sich wesentlich erhöht hätten. Die Ursache liege in den gestiegenen Arbeitslöhnen und in den gestiegeneii Mnterialpreisein Bei Linienschiffen seien die Kosten per Schiff«nii 2 Hz Millionen, bei großen Kreuzern um 2 300 000 M., bei kleiiieii Kreuzeril um 590 000 SR. gestiegen. Trotzdem empfehle er die Bewilliguiig aller geforderten Neubauten. Abg. Singer wünscht nähere AnSkiliift und specielle Nackwcisung darüber, »m ivic viel sich die Löhne der Arbeiter ge- steigert haben. Ans alle Fälle bestreite er, daß die Erhöhung der Preise der Schiffe in ciiicm richtigen Verhältnis stehe zur Erhöhung der Arbeitslöhne. Abg. Müller- Saga» ifrs. Li'.) fragt an. lvarnm cS nicht gclilligen sei. mehr Firincil zur Licfcrniig der Vertikal-Panzerplatten heran- zuziehen. Bis jetzt befinden sich die Liefcrniigcn von Slickcl- stahl für Platten iii den Hälldcn von nur z>v c i G r o ß f i r ni e n — Krupp ii n d S t n m m—. welche den Preis hoch halten und große S n m m c n v c r d i e n e n. Staatssekretär Tirpitz: Andre Fabriken mache» Versucke, aber bis jetzt sei eine leistungsfähige Konkurrciiz für Lieferinig der Bertikal-Paiizer- plaitcn nicht gcichaffen, besonders ivcgen der dazu erforderlichen großen Anlagen. Zur Zeit gebe es aber keine andre Bezligsqiicllc für Panzer- platten als jene beiden Firmen. Die Arbeitslöhne ans den kaiserlichen Wersten seien im Durchschnitt der ganzen Werft»in 3 Hz Prozent gestiegen. Abg. Singer wünscht, daß die Marinevenvaltüng auch seitens der Privatwcrften Aus- kiiiist verlange über die evcntnellc Erhöhung der Arbeitslöhne. Aha. SchlvarN- Lübeck(Soc.) bezweifelt ans Grund eigner Untcr- suchuiig in den' Jahren 1897—99, daß ilciiiicnSwcrtc Erhöhungen der Löhne der cigeutlicheii Arbeiter eingetreten seien. Abg. Mnllcr-Fnlda verlvcist ans den großen Rntzen, welchen Rohstoff- und Halbfabrikat- Syndikate ans den gestiegene» Preisen ziehen. Daß die ge- wältige» Suinmeil für die Lieferung der Paiizeiplatten nur an zivei Finnen fallen müssen, sei sehr hedancrlich, ja sogar eine wirtschaftliche Gefahr. Die ersten 17 Titel lverden daraus bewilligt. Bei der Forde- rnag von 2474000 M. znin Bau emcrTorpcdoboots-Divifion fragt Abg. Richter, ob tvir Torpcdvjäger niid Iliiterseeboote anschaffen ivollen. Staatssekretär TirpiN ertlärt, daß. nach eingehenden Versilchc», diese Absicht bei uns nicht' bestehe. Bei der Fordemiig: zur Beschaffung von Munition, 1. Rate 3 000 000 M., weist Müller-Fnlda abermals darauf hin, daß nnfre Marine mit dcni Bezüge ihrer Mmiition auf die inländische Pnvatindnstric aiigciviescn sei. Aussicht daraus, daß die Marineberlvaltmig ihre Munition selbst fabriziere, sei für absehbare Zeit nicht vorhandeii. Staatssekretär TirpiN: Ter große Bedarf an Munition rühre daher, daß die Scknrllfenergcschntze große Massen von Geschossen verschießen. Im Gefechte bei Cavite im spaltisch-ainerikailischen Krieg hätten die Amerikaner ca. 5000 Schuß in zwei Stunde», in dem von Santiago 8000 Schuß in eiucr Stunde'nud 10 Minuten abgegeben.— Die weitere Beratung wird ans Diciistog vertagt. Kolonialer Totentanz. Dn einem Brief vom 20. Dezember 1890, den die„Sächsische Arbenerzeitlnig' veröffentlicht, schildert ein nach dein Bülowschen „Platz an der Sonne" verbannter Soldat die ftlrchtbarcn Zustände in Kiantschon. Ii« dem Brief heißt es: „llnsre Compagliie ist noch sehr gut weggekoinincii, ivir finlior nur 1 Feldwebel, 2 Gefreiten(Kapitulanten) und 1 See- soldaten verloren. Am»insten sind die Artillerie und die erste Compagnie davon getroffen. Man sollte mm doch meinen, lvciin so viel« Soldaten krank sind und sterben, haben die andern iveiiiger Dienst, damit die gesund bleiben. O iveit gefehlt, Ich will Dir nur die Berhältnisse unsrer Conipagnic schildern, in den aiidcrn«nit AnSilahme der dritte»«vor es nach schllmmer. Von uusren Lellten lagen SO— SS im Lazarett, 32 waren im Revier, weil im Lazarett kein Platz mehr ivar. Da waren zun« Exerzieren 12 llutcrofstzicrc und 17 manchmal auch 20 oder 24 Mann, dann waren cs aber schon sehr viel. Run kaimst Du Dir dciikeii, ö Manu, ein Uiitcrosflzier nnd der keine Leute kriegte Wurde den jüngeren Niltcroffizicrcii salS Stütze beigegeben,«ind «inn ging es los von«norgenS 7 Uhr bis 10 Uhr vormittags EinzeUuarsch. na gerade wie in der Rekrutcnzcit, DaS einer nicht sieht, das findet der andre, nnd bei einer TageSwänne von 3S bis 42 Grad Räonmur! Du ivarst Soldat«md weißt, was man leisten kann. Die Kerle fielen auch um lvie Fliegen, Jeden Tag wurden zwei, drei ins Lazarett geschafft. Trotzdem mußten die noch lräftigen, dem, gesmid ivar niemand mehr, feste exerzieren, damir, wie der Unteroffizier sich ansdrückte. die Kerls nicht vor Faulheit krank lverden. Nachmittags wurde dam« entweder ansinarschicrt oder wir kriegten Schaufel und Picke in die Hand, und nun ging es los, was haste ivaS kaunste,«lud immer unter Aufsicht von 2— 3 Uiiterosfiziercii. Offiziere sahen wir in der Compagnie überhaupt nicht. Der Liellteuant schlief bis 9 Ubr und der Hauptmann schläft bis 10 Uhr und wo ein Hauptmann sich nicht mn die Compagnie kümmert, sondern alles den Unter- osfizicren überläßt, ist es nicht weil her, denn die niachen was sie ivollen. Denn hier sind nicht Civilisten, die sich um Soldaten kllinmerii, wie in Deutschland. Ich werde Dir einen Zettel beilegen mit dem Datum der Gestorbenen. In diesem Sommer haben wir zweimal gegen Chinesen vorgehen müssen. Einmal ist es ohne Schuß beigelegt worden, und das zweite Mal haben die Chinesen uns zu einem kleine» Schützenfeucr gezwniigen. Wurde aber bald wieder beigelegt, denn jeder Schuß saß, imd die Ruhe ivar tuieder her- gestellt. Jetzt haben sich hier Räuberbailden eingenistet, welche alles rauben und plündern, was Wert hat. Wir mache» aber kurzen Prozeß, ivcm ein Mord ans deutschem Boden nachgewiesen lvird, ist dein Tode verfallen, der lvird standrechtlich er- schössen. Bis jetzt sind zwei erschossen worden von je 10 Soldaten. Der erste ist am 14. November erschossen worden, und 9 Kugeln saßen, der zlveite wurde gestern, am 19. Dezember, er- schössen und alle 10 hatten getroffen. Es werden noch nicht die letzten sein... Ich danke«neiiiem Herrgott Ivenii ich diese Hölle nicht inchr sehen brauche... Sende Dir die Ramen und das Datum der in diesem Jahre Verstorbeueil. vielleicht sind Dir einige Namen bekmint. 23. Juni Sprotte, Feldweb. 4. Comp. Ruhr. 2S.„ Roscman», Secsold. 1. Comp. Malariaficbcr. 9. Aug. Gröhlcr, Maat Artillerie. Ruhr. 2l.„ Abel, Matrose Artillerie. Darmthphus. 28.„ Tulischuhs, Maliofc Division. DarmtyPhuS. 6. Sept. Jung, Seesold. 2. Comp. Ruhr. 9.„ Herkenrath, Matr. Artill. DarrntyphuS. 20.„ Eikens... 27.„ Thomson, 28.„ Schräder, Gcfr. 4. Comp, Ruhr. 3. Oktbr. Hölter, Secsold. 1. Comp. DarrntyphuS. 0.„ Thics, Musiker Gcfr, 2. Comp. DarmtyPhuS. 9.„ Schweizer, Gcfr. 3. Comp. DarmtyPhuS. 11.„ Schröder, Secsold. 1. Comp. Ruhr. 1l.„ Rohwedder, Gesr. 1. Comp, DarmtyPhuS. 12.„ Schippmaiin, Secsold. 1. Comp. Stuhr. 11.„ Paxsnian», Wachtmeister Feldbattcric. Ruhr. 14.„ Hein, Matrose. Artillerie. Danntyphus. 22.„ Eisciihnt, Secsold. 4 Comp. Ruhr u. DarmtyPhuS. 24.„ Knüppel, Matrose Division. DarmtyPhuS. 20.„ Eichlcr. Matrose Artrlliric., 31.„ Dräsner. Scesold. 1. Comp. 1. Scov. Schulz, Feldiv. Matr. Art. DarmtyPhuS. 2.„ Schiff.„ 3. Comp. Ruhr. 5.„ Kalkbrenner, Matrose Artill. DanntyphuS. 0.„ Dccg, Sccsoldat, 1. Comp. 18.. Schäfer, Maat S. M. S. Deutschland. TarmtyphuS. 20, ,. Seefahrt. Matrose Feldbattcric, DarmtyPhuS, 2t.„ Teegc, Sccsoldat. 3. Comp. 21.„ Schviiciiiailii. Gcfr., Hornist, 3. Comp. DarmtyPhuS 20. ,. Klei», Seesoldat, 2. Comp. Danntyphns. 1. Dezbr. Schnell, Gefr. 4.„„ 4.„ Peters.„ 2.„ 11,„ Haiistein,„ 1.„ Tu wirst Dir Ivohl denken, daß wir hier nickt auf Rosen ge» betict sind. Es ist wahrhaftig kein Spaß, jeden Tag eineii lieben Kaiiieradcii zur Ruhe zn bringen. Und zum„Schutze" dieser„Höllen" soll das arbeitende Volt Milliarden hergeben!_ Sociales. Zur Handhabung der Gcivcrbc- Allfsicht hat das bayrische Miiiisteriiim des Innerii eine Aiiiveisuug gegeben, in der geivüiischt wird, daß unter allen Verhältiiissen in sämtlichen«ufstchtSbezirken nnildestens die Hälfte der Fabriken und der regelmäßig über fünf Arbeiter beschäftigeuden Betriebe alljährlich revidiert werden. Tann lvird ans besondere Beobachtung der Reinlichkeit in Haudiverks- betrieben und der Schlafstätten sowie der LehrlingsauSbilduilg hin- gewiesen. Weiter heißt es: Die Thätigkeit der weiblichen Hilfskräfte, die sich als eine befriedigende erwiesen hat, ist iieben der Revision der ganz oder vorziigslveise mit Arbeiterniiicn besetzten Betriebe auf die Erforschung der Verhältnisse in den weibliche Kräfte«md Kinder beschäftigenden Hansindustriezwcigen zu richten, sowie auf Er- hebmigen über dic�Verivendung von Kindern im Hausierhandel am Wohnorte zu erstrecken, lieber die Thätigkcit der weiblichen Hilfs- Iräfte ist im Jahresbericht eingehende Darlegung zu geben. Für das Jahr 1900 sind die Specialerhevmigcn über daS Maurergewerbe»ach Maßgabe der bei der Konfcreiiz gc- troffenen Vcreinbaruiigcn zu pflegen. DaS Ergebnis ist gesondert, Alifaiig des nächsten Jahres vorziilegen. Die nicht unerhebliche Zahl von Heimarbeitern, nainent« lich in der Bekleiduiigsiiidlistric. läßt es als sehr wülischeiisivert erscheinen, daß für diese Heiinarbeitcr seitens der Unteriichmer ent- sprechende Werkstätten zur Verfügung gestellt werden. Hierauf ge- richtete Bestrebungen sind thlmiichst zu nntcrstützcn und haben ins- besondere die Gciverbc-AnsfichtSbcainten ihren Einfluß nach dieser Richtilllg geltend zu machen. Etwaige Erfolge sind im Jahresbericht zu erwähncli.— Zur Wohnungsfrage in England. Dem Unterhausc ist eine Vorlage zugegangen, durch die die Lokalbehördcn emiächligt werden, Land außerhalb ihrer Weichbildgrenze zu erwerbei«, mn Wohlliingen für Arbeiter zu errichten. Bisher sind namentlich die Lokalbehörden Londons, wo die Wohnungsnot eine unheimliche Höhe erreicht hat, trotz aller Bemühnngen gänzlich außer stände gc» ivcscu. Wesentliches zur Bekämpfung dieser Not zu thnn. Die Bc- scitigulig des bisher bestchclidcn Verbots des Landeriverbs außer- halb des Weichbildes ivurde deshalb allseitig gefordert. Man hofft dadurch, ein Mittel gegen die Wohnuilgsnot zn gewimien. Zweifellose Arbeiterfreunde. In einer Bersammlung in Leipzig, die sich mit dem böhmischen BergarbeiterauSstaiidc be- schäftigte, trat auch der national-sociale Dr. Barge ans nnd bc- zeichnete die Forderungen der Bergarbeiter als berechtigt. Tie National-Socialen würden mit de» Socialdcmokraten Schulter an Schulter für die Ausständigen eintreten usiv. Nach dem „Korrespondent", dem Organ der Buchdrucker, soll darauf ein„Gc- iiost'e", ivie Herr Rexhäuser»ach bewährten Mustern zu schreiben liebt. diese„von zivcifelloscr Arbeiterfreuiidlichkeit zeugende Erklärung" als Köder bezeichnet habe», auf den die Arbeiter nicht anbeißen Würde». Dazu schreibt Herr Rexhäuser in der ihm eignen vornehmen Weise- unter der Spitzmarke„Erbärmlich": Das ist der echte demagogische und geschästssocialistisöhe Standpunkt der Leipziger Genosscnfnhrcr. Die Masse muß in jedem Angehörigen einer ander» Gesellschaftsklasse einen Heuchler oder Betrüger erblicken, selbst dann. Wenn die bürgerlichen Kreise ein hervorragendes Verstäiidnis für die Arbeiterintercssen bekunden. Wehe aber, ivemi die auf diese Weise veräcktlich beiseite gc- schobeuen besserdenkcilden Elemente des VnrgeAums in der Zn- kunft cS ablchncii, Arbeiterforderuiigen zu befürtvorteu. dann fällt das Leipziger Demagogentliin über jene Leute her und beschuldigt sie in öffentlichen Bersaminluiigcii. kein Herz für die bedrängte Lage der Arbeiter zn haben,?l>if diese Weise kommt der Gcschäftssocialist ans seine Rechnung und der Arbeiter sieht nur die„einzig reaklionäre Blasse!" Die„Hilfe", durch die ivir auf die Sache aufmerksam werden, druckt das ab und begleitet cS mit folgender WohlverhaltenSnote: Wir haben diesen Worten eines objektiv urteileudeli Arbeiter- und GeivertschaftLorgaiis nichts ivcitcr hinzuzusetzen, als daß die siir Leipzig acbrandmarktc„Erbärmlichkeit" auch anderwärts in der Socialdeinolratie uns schon eiitgcgeilgctrcten ist. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob in socialdemolratischen Arbcitcrversammlungeil gegenüber„vorurteilslos- und zweifellosen Arbeiterfreundcn" immer der richtige Ton angeschlagen wird. Aber wir würden die Arbeiterbewegung bedauern, wenn sie ihr Vorbild in einem Rexhänser sähe. Ein objektiv urteilendes Arbeiter- und Ge- werkschaftsorgan? Lbjekliv vielleicht gegen die Herren National- Socialen und sonstige zweifellose Arbeiterfreunde; mag sein. Sonst aber ist unS selten ein Arbeiterorgan begegnet, in' dem die un- anständigste, unverständigste Schimpferei und Verhetzung der Arbeiter untereinander solche Orgien feiert, wie in dem von Herrn Rexhänser geleiteten Blatte, dessen blinder Zorn sich gerade gegen diejenige Partei am ungezügeltsten austobt, die bisher allein durch Thaten bewiesen hat, dah sie die Interessen der Arbeiter vertritt, gegen die socialdemo- kratische. Wehe dem Socialdcmokratcn. der es wagt, einige Zweifel an der Richtigkeit der von Herrn Rexhäuscr beliebten Arbeitcr- führung zu äußern! Er kann sicher sein, wie ein räudiger Hund behandelt zu werden. Es gereicht der deutschen Arbeiterbewegung nur zum Vorteil, daß der„objektiv urteilende"„Correspondent" ein Unikum ist und wir hoffen, daß er es bleiben wird trotz der national- socialen Anerkennung für— um Rexhänscrsch zu sprechen— Geschäfts- Antisocialisten. Wie aber die„zweifellose Arbeiterfreundlichkeit" der Leipziger National-Socialcn einzuschätzen ist. dafür giebt folgende Mitteilung der ttgl.„Leipziger Ztg." einen Maßstab: Am Montagabend fand ans Veranlassung deS seiner Zeit aufgestellten Rcichstags-Wahlkomitees für die Leipziger Reichstags- Wahlkreise im großen Saale des Kaufmännischen Vereinshauses eine strcngvertranlichcVcrsamnUung hervorragend thätigerMitgliedcr der hiesigen Ordnungspartcien«Konservative, Nationalliverale, Deutsch-sociale Rcformpartei und National-Sociale) statt, die sehr zahlreichen Besuches sich erfreute. Der Vertreter unsrer Stadt im deutschen Reichstage. Prof. Dr. Haffe, entrollte in längerer Rede ein Bild der politischen Lage. In Anbetracht des UmstandeS, daß die Verhandlungen von vornherein als vertraulich bezeichnet wurden, ist von einem Bericht darüber abzusehen. Es kann jedoch niitgctcilt werden, daß für den Fall zukünftiger Kom- plikationcn ein geschlossenes Zusammengehen sämtlicher Leipziger Ordnungsparteicn gesichert erscheint. Das heißt also, daß die Leipziger National-Socialcn bereit sind, mit den niederträchtigsten Feinden der Arbeiter, den sächsischen Konservativen und Nationalliberalcir, gegen die socialdemokratische Arbeiterpartei ein Kartell zn schließen/ Was liegt da mehr im Interesse der Arbeiter: Verbeugungen vor solchen„zweifellosen" Arbeiterfreunden oder die mehr als berechtigte Mahnung zum Miß- trauen, auch wenn sie vielleicht einmal die zarten Nerven des erbärmlich anständigen Herrn Nexhäuser etwas verletzt?— Gevichks-Zettung. Was einem anständigen Mädchen in Berlin widerfahren kann. Der Kaufmann Werner war, wie wir seinerzeit berichtet haben, wegen Beleidigung von Beaniten der Sitten- Polizei unter Anklage gestellt worden, daS Schöffengericht hatte ihn jedoch freigesprochen. Da der Staatsanwalt gegen dieses Urteil Berufung einlegte, gelangte die Sache vor der 2. Strafkammer des Landgerichts l zur erneuten Prüfung/ Der Sachverhalt war folgender': Eines Nachts passierte der Angeklagte in Gesellschaft eines hiesigen Juristen die zu jener Zeit sehr belebte Fricdrichstraße; vor ihnen ging in durchaus unauffälliger Weise die unverehelichte F., ein völlig unbescholtenes junges Mädchen. daS seinen Bräutigam aus einem Geschäfte abholen Ivollte. Plötzlich sehen die beiden Herren, wie zlvci Männer an das Mädchen heran- traten, eS in ihre Mitte nahmen und lebhaft auf es einsprachen; sie hörten dann, wie das Mädchen zu den beiden Männern sagte: „Lassen Sie mich zufrieden, ich bin ein anständiges Mädchen". Die Männer faßten darauf das Müdlben unter den Ärm und zogen die sich heftig Sträubende mit Gewalt über den Fahrdamm. Der An- geklagte,' der die Männer für augetnmlcne Mitglieder des damals hier tagenden Geographenkongresses hielt, trat hinzu und verlangte die Freilassung des Mädchens, da ihm die Behandlung desselben unangemessen erschien. Die beiden Männer, die S i t t c n b e a m t e n H a h'n und B a u m a n n, wollen sich darauf sofort als Beamte legitimiert haben, der Angeklagte habe aber erwidert:„Euch Brüdern von der S i t t e n p o l i z e i in der Friedrichstraße werden wir schon das Handwerk legen". Der Angeklagte bestreitet das ganz entschieden: er habe gar nicht gewußt, daß er Sitten- bcanite vor sich habe; das Mädchen habe ihm leid gcthan, des- halb habe er sich hineingemischt und dabei allerdings gesagt:„Euch lverden wir schon das Handwerk legen." Erst nach diesen Worten hätten sich die Beamten als' solche durch Vorzeigung ihrer Marke legitimiert. Diese Darstellung des Angeklagten wurde durch die Beobachtung des ihn begleitenden Juristen unterstützt, während die beiden Beamten bei ihrer gegenteiligen Bekundung beharrten; zur Erklärung ihres Einschreitens behaupteten sie. sie hätten gesehen, wie die F. sich wiederholt umgesehen und Männer angesprochen hätte, was sie auch schon in früheren Nächten gethan habe, eine Bc- hauptnng, der die F. ganz entschieden widersprach; sie sei stets ruhig ihres Wegs gegangen. Der Angeklagte und die F. mußten damals mit den Bemntcn zur Wache gehen; hier mußte das. junge Mädchen bis zum Morgen bleiben, wurde dann nach d e m P o l i z e i p r ü s i d i u m gebracht und mutzte sich hier einer peinlichen ärzt- i i ch c n Untersuchung unterwerfen, dann erst tvurde eS entlassen.— Der Gerichtshof hielt für erwiesen, daß beide Acußerunge» gefallen seien, sowohl die von den Beamten bekundete, als auch die von dem Angeklagten zugegebene; er hob daher das erstinstanzliche Urteil auf und verurteilte den Angeklagten zu 50 M. Geldstrafe. Verkält sich der Fall so, wie hier von dem Gcrichtsberichtcrstattcr mitgeteilt worden, so ist ohne Zweifel von neuem eine Erörterung unsrer sittenpolizcilichcn Zustände in der Stadtvcrordneten-Verjamm- lung geboten. Eine merkwürdige Tchntzmaunsgeschichte. Wegen Urkunden- fälschung, Vergehens im Amte und Betrugs hatte sich der Schutz- mann Georg K r a u d e l t gestern vor der ersten Strafkammer des Landgerichts I. zu verantworten. Der jetzt aus dein Amte entlassene Angeklagte wurde während seiner Dienstzeit häufig damit beauftragt, von solchen Personen, die Polizeistrafen zn zahlen hattcu Geldstrafen verhaften. einzuziehen. Erfolgt bei oder sie im' Nichtzahlungsfalle zn dem Erscheinen des Schutzmanns der Nachweist> daß. die Strafe inzwischen bezahlt worden, ist. so wird von der Verhaftung Abstand genommen. Es ist im allgemeinen den Schutzleuten verboten, das ihnen von den Gemaßrcgelten übcrgebcne Geld selbst in Empfang zu nehmen, um eS der betreffenden Polizei- oder Gerichtskasse einzuzahlen, eS geschieht aber doch, und lvenn die Sache glatt abgewickelt wird, pflegt die Behörde über die Art der Einsendung Ermittelungen nicht anzustellen. Der Angeklagte hatte nun in zlvci Fällen Beträge ein« gezogen, die nickt pünktlich der Kasse zugegangen waren. Eine Händlerin hatte ihm 2 M. und 10 Pf. Porto, ein Droschkenkutscher. ll M. und 20 Pf. Porto gegeben. Da die Schutzleute sich selbst nicht als Absender des Geldes bezeichnen dürfen, so wird in der Regel ein Kaufmann oder eine andre Person in Anspruch genommen, die. das Geld unter Angabe des Aktenzeichens abzusenden hat. Der An-. geklagte will die 2 M. einem inzwischen verzogenen Schankwirt zur Äbsendmig übergeben haben und beschuldigt diesen der Unterschlagung. Im zweiten Fall habe er seine Schwester beanftragt, die 3 M. einzuzahlen, sie sei aber plötzlich krank geworden und ins Krankenhaus gekommen. Dadurch sei die Sache in Vergessenheit geraten. Der Angeklagte hat beide Posten nachträglich an die Kasse abgeführt. Auf dem einen der Postscheine soll er das Datum geändert haben, um die verspätete Absenduug zu vertuschen. Die Beweisaufnahme fiel nicht zu Ungunsten des Angeklagten aus. und der Verteidiger Rechtsanwalt Lconh. Friedmnnn, der die Freisprechung be- antragte. hob besonders hervor, daß dem Angeklagten jede strafbare Absicht ferngelegen habe. Der Gerichtshof trat diesen Ausführungen bei und fällte cm freisprechendes Urteil. Marktpreise von Berlin am SS. Februar 1000 nach Ermiltliiilgen des tgl. PolizechräsidiiunS. tS.30 U.W 13,90 15,- 14,10 13,30 4,- 7,20 40,- 45,— 70,- 7,- 1,00 1,20 Tonne 14. 13,80 13,- 14,20 13,40 12,00 3,08 4,50 25,— 25,- 30.- B- 1,20 1- von chweiucsleisch Kalbfleisch Hanmielsleisch Butter Eier Karpseu Aale sjander Hechle Barsche Schleie Blei« Krebse 1kg 60 Stück t Kg per Schock 1,60 1,70 1,00 2,60 5,- 2,20 2,80 2,50 2,- 1,60 2,80 1,40 12,- 1,10 i~ IP 1,20 1,40 I.- 1,~ 0,80 1,20 0,80 3,- »Meizen D.-Ltr. »)Roggeii„ Fiitter-Gerße„ Haser gut „'»ittel ,. gering Richistrvh Hen. 4') Erbse». 1-)Speisebohnen„ s-)Linsen Kartoffeln, iie»e Rindfleisch, Keule 1 kg do. Bauch„ > Enuitielt WW wirtschastskannuern— Notienmgsstelle— nud unigerechiiet vorn Polizei- präsidinm sür den Doppelceiitner. ß) Kleinhandelspreise. P r o d u k t e n>u a r k t vom 23. Februar. Auch heute war der Berkeht in Getreide sehr still, dck ans Amerika Feiertags halber die Anregung fehlte. Paris meldete behauptete Preise; trohdenl war die Tendenz des hiesigen Platzes matter, da das bedeutende Angebot aus dem Jnlande fort- dauert und ferner die argeiitiuilcheu Weizenausschiffimgen nachhaltiger zu- genommen haben»ud angeblich um 300 000 Quarters betrage». Die Um- iätze waren sehr tlcin. Vom Auslände ist nichls zn beziehen, da kein Rendiuient vorhaudcu. Bei vorherrschender Realisatiousluft war Weizen anfaugs 0,50, schließlich 1 M., Roggen bis 0,50 billiger zu Habel». Haser lag ruhig, unverändert, Rüböl ledlos. Am Spirituömarlt wurde» 15 000 Liter 70er loco mit 47,40 M. (-ft 0,10) gehandelt. der Eeutralstelle der Preuh. Land- Deutsclrci' Holzarbeiter-Verband. Sonntag, den 25. Februar, vormittags 10 Uhr: Ausserordentliche General-Versanunlung bei Keller, Koppcnstraste Nr. 29. Bericht über den Stand der Bewegung. Wahl der Delegierten zuul Bcrbandstag. Anträge. Die Versammlung wird pünktlich eröffnet. VevbslNdsbuÄz lrgttinrievk. Wie Ortsvcrw«Itung, Scltöneberg. Montag, den 26. Februar er., abcnds SVe Uhr: Ausserordentliche General-Versanunlung bei Obst. Grunewaldstraffe 110. Tages-Ordnung: 1. Der Streit der Berliner Möbeltischler. 2. Die Zlrbeitsniedcrlegimg in der Bautischlerei von Küster. 79/12_ Die Ortsvcrwaltang. Deutsch. Metallarbeiter-Verband Tern'altnngsHtclle Berlin. Sonntag. 25. Februar, vormittags 10 Uhr, im Friedrich- städtischen Kasino, Fricdrichstraße 236: Grdenti. Generalversammlung T a g e s- O r d n u n g: 1. Kaffeubericht, Bericht der Revisoren. Jahresbericht. 2., Neuwahlen zur Ortsvenvaltulig. 3. Berichterstattiiiig des Schiedsgerichts' in Sachen L i t f i n. 4. Stellungnahme zr»» 1. Mai. 5. An die Ottsvcrwaltmig gc- langte Antrage. MM- Ohne Mitgliedsbuch kein Zutritt!"ME Die Vertrauensleute sind vcrpstichtct, allen Mitgliedern die Mitglieds- biicher auszuhändigen. 111/5 Am 11. und 18. März, vormittag? 10 Uhr, findet in der„Urania" je «ine Vorstellung statt. Zur Aufsührnvg gelang': Von den Alpen bis zum Vesuv. Billets a 70 Pf. inkl. Garderobe sind bei den Kassierern sowie im Bureau, Annenstrafie 39, zu erhalten. Dienstag, den 27. Februar er., abends 8Vs Uhr: DM" Versammlung-WZ der Geld- n. Silherarbeiter nnd Berufsgen. im„Dresdener Garten", Dresdenerftr. 45. Tages-Ordnung: 1. Bortrag des Herrn Dr. Joel über: Wissenschaft uud Welt- Untergang. 2. Bericht der Liquidatwuskominifsioii 3. Bericht vom Ar- beitsnack)wci?. 4. Verschiedenes und Aufnahme neuer Mitglieder. Die Kolleginnen und Kollegen werden milcht, recht zahlreich zu erscheinen. Die Ortsverwnltnug;. Isiiide* Essenz wird in Tassen, Gläsern und anderen Gefässen verkauft, die in jedem Haushalt praktische Verwendung finden können. ! Neuer Abendkursus der „Elektra" Verband der Möbelpolierer. SM- Montag, den 26. Februar 1900:-MS Ausserordentliche General- Versammlung im„Märkischen Hof"(großer Saal), Adrniralstr. 18«. Tagesordnung: 1. Situationsberickt über unfern Streik. 2. Diskussion. 3. Bericht des Kollegen Curth über die Lohnbewegung der Dresdener Möbelpolierer. 4. Antrag betreffs Unterstützung der arbeitslosen Kollegen während der Dauer des Streiks. 5. Verschiedenes. Heute abend vo» 8 Uhr ab in sämtlichen Zahl- stellen: Ausgabe der Streikkarten«nd Entgegen- »ahme des Extrabeitrags laut Beschluß der letzten Generalversammlung. Sonnabend, den 3. März 1900: Grosser Wiener Masken-Ball in Kellers Fcstsäle», Koppenstraste Nr. 20. Billets sind bei sämtlichen beionnteu Kollegen zn haben. 145/12 Der Borstand. li. ttökcr, Adrniralstr. 19. Baustellen in Schöneberg mit iiiäßigerAnzahluiig, geuehinigter Zeichnung und Bangeld. Adressen unter G. 3 an die Expedition des„Vorwärts". 2418b kalbe, 44. Elsassevstr. 44. Behandlung aller Haut- n. Harnleiden ohne Berufsstörung. Sprechst. 9 morg. bis v abends, Sonntag n. Donnerstag 9—3. Bei Borzeiguug der Verbands- karten 10 Proz. 3454L* Ällitiing! VergOer. Mtinia! Montag, 26. Februar, abends 8 Uhr. in de» Arminhallen, Konsniandaiitenstr. 20: Oeffentliche Uersnmmlnng der im Vtrgelbergtnjerlie beslhiist. Arbeittr uub Arbeiteriuutu. Tages-Ordnung: 1. Bericht und StelluugMhme zu der Petition zur neuen Novelle deS Unfollvcrsicherungs-Gcsetzcs. 2. Verschiedenes. 225/4 Kollegen, Pflicht eines jeden ist es, in dieser Versammlung zu erscheinen. Ter Vertraueusiiiaiin der Bcrgoldcr BerliaS. FrUhstiicks-Suppen Gemilse» und Kraftsuppen Bouillon>Kapseln Suppen-Würze Stets vorrätig hei Otto Engel, NW., Jagowslr. 27 Achtung, Radfahrer! ausBaumschulettweg, Johaanisthal uftv. Sonntag, den 25. d. M., vormittags» Uhr, im Restaurant M i ch l e r, Baulnsckulciuvcg, Maricntkalcr- und Eniststraßen-Ecke: 11/3 Bchrtchuulf jibtt krüubuug tiues MsahreMreiuö mit Auichlu» an den Arbeiter-Radiahrer-Bnnd„Solidarität". liMWIIIIMIÜII!!IIinW!!>>! l IIIÜ........... II■III—Iii Hl..... IM J. Brünn �Bahnhof Börse) Hackescher Markt 4 Wegen llltthlttt meiner Geschäftsräume gelangen große Lager- bestände meiner 3401L* Teppich e! Oardinen! Steppdecken! Portieren! Tischzeug! Handtücher! Fertige Wäsche! »u(djt bikigeu Preiseu zum AnsverKauf!! Wernaus Festsäle, Schwedterstrasie Wo. 23 24. Dienstag, de» 27. Februar: Graftes Wurst- und WeUsteisch-Sffen. wozu«rgebenst einladet>VuIln» Wernau. jnfT- Die Sonnabende sind vom?lpril ab zu Frühjahrs- und Sommer- Festlichkeiten zu vergeben. Zum Menku! Gebrauchtes Kantholz, Bretter, Latten, Leiste n, Thürcn.�ciislcr, Dach pappe, Teer, billig. Kottbuser Damm 22. Rflhlc, 2529b H»3isKayser| Görlifter Bahnhof. Platz«. 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Krkdrich- WilhelmstädtischcS. Die Dame von Maxim und ihr Probekandidat. Anfang 8 Uhr. Ncichm. 4 Uhr: Kindervorstellung: Mar und Moritz. Metropol. Specialitätenvorstellung. Die verkehrte Welt. Anfang 8 Uhr. Apollo. Specialitäten- Vorfiellung. Im Reiche des Jndra. Anscnig TA Uhr. Palast. Specialitäten- Borstellnng. Ansang 7-/2 Ubr. Meichshallen. Stetiiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Passage- Pnuoptitum. Spcciali- tätcu�Bvrstelliuig. Urania. Judalidenstr. S7/ß2 Täglich abendÄ von ö— 10 Uhr: Sternwarte. Danbenftraftc 48/4S. Abends 8 Uhr:»Bon den Alpen zuui Vesuv". Im Hörsaal: Prof. Dr. Müller: »Luxusgegenständc und ihre Natur geschichte. (Wallnec-Theaters. Sonnabend n Schmitt. 3 Uhr Das Kätheben von Heilbronn. Grones histor. Rittcrschauspiel in 5 Akten von Heinrich von Kleist. S 0 tl n a b c n d, abends 8 Uhr: Der I�robepfeil. Lustspiel in 4 Akten von O. Bluulenthal. Sonntag, nachmittags 3 Uhr: 8. Vorstellung im Schiller-Eyclus: Wilhelm Teil. Sonntag, abends 8 Uhr: C'yprlenne. Montag, abends 8 Uhr: Der Probcpfell. Thalia-Theater. Tel. AintIVa 6440. Dresdenerstr. 72/73, Täglich: Ricsenlachcrfolg! Jttt Hitttmelhof. Thouias, Thielscher, Helmerdiug, Junkermann, Paulmüller. Anfang T/3 Uhr. Morgen und folgende Tägc: Im Himmelhof. W, Noacks Theater, Brunnensiraße lü. Heute, Sonnabend, den 24. Februar: Wegen Privatrcstlichkcit keine Vorstcllnng. Sonntag: Familie Buchholz. Crntvsl Theutov Direktion: soas poranorx. vi« klein« vmll««!. Operette in drei Alten von Richard Hmberger. Ansang TA Uhr: Morgen und folgende Tage: Die kleine Excellenz. Sonnlagnachmittag 3 Uhr zu halben Preisen: Der Vßgennerbnron. Operette von Job. Strauß. CarlWelss-Theater Gr. itzrankfurterstrafte 138. Nachm. 4 Uhr: Klnder-Voretellung. AncbenbrUdel. Kl. Preise: Galerie 10 Pf., IL Parkett und II. Rang 20 Pf., I. Parkett von der 17. Reibe nnd I. Rang 30 Pf., I. Parkett 50 Pf» Loge 60 Pf. Abends st Uhr: Die.?«»g«l nach dem Ciltiek. Palast-Theater früher Feen-Palast, Burgstr. 22. Nur noch wenige Tage das rieeenliafte Februar- Pro gram m. Kolossaler Lachersolg! 8>/z Uhr. 8l/z Uhr. Endlich allein. OttokarjLehmann: Dir. llich. WinMer Neu! Scenen Neu! vom Kriegsschauplatz in Transvaal. Anfang"i/. Uhr. Vorverkauf 11 bis 1 Uhr.«Heute nach dcr Vorstellung: Tanzkränzchen. Besucher der Vor- stellung haben Frei-Tanz. Sonnabend, den 3. März 1900 nach der Vorstellung:«rossen Bockbier Jnbel-Fest. Besucher d. Borstell. haben freien Zutr. Ui'snis Tanbenstrnsse 48/48. Im Düsatsr adooäs 8 Ilhr: „Von den Alpen zum Vesuv". Hörsaal: ProO. Dr. Mtiller;„Luxus- gegenstände und ihre Naturgeschichte." Invalidcnstr. 57/68: Tägl. Sternwarte. Nachmittags 5—10 Uhr. 'Passage-Panopticnni.' Geöffnet 9 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Neu! Die Neu! Katakomben der Kapuzinermöncbe zu Palermo. Fa I\et ml cn! I CASTANS PANOPTICÜM A'en! kVcn! 5icn Ein Riese der englischen Armee Sergeant Tb. Dalroy 8 m 30 cm hoch! Oberliayriselie Sänger und Schuhplattler• Geselleehaft. Sanssonei Kottbnserstr. 4 a. 1 Heute Sonnabend wegen Bereinsfestlichkeiten: Keine bioircc. Sonntag, den 25. Februar: UioMnaoQs Norddeutslhe Anger Präsident Krüger. Die Sangesbrüder. Dienstag, 27. Februar: Gr. Fastnachts-Ball. Belle'Ulianee-Tbeater. Heute und folg. Tage, abends 8 Uhr: Zum 1. Male; Die Reise M Amerikn. Sensationelles Volksstuck in 5 Akten mit Gesang von Ad. P hil ipp. Mniik von R. Ssinnhold u. A. Philipo. Vorverk. a. d. Tagesk. u.Vorverk.-Stell. Cipkus Schumann. Heute Sonnabend, abds. TV» Uhr: 14. Grand Soiree High Life. Gala-Programm und Romantisch- phantastische Handlung in 3 Abteilungen vom Hos- Ballett- meister A. Siems. Sonntag: 2 Vorstellungen. Nachm. 31', Uhr: Im Weihnachtsbazar. Nachm. 1 Kind frei. Abds. 7'/, Uhr: Dr. Faust. Relchshallen. Täglich: Sütcttlner Sänger Anfang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Entree 50 Pfennig. Vorverkauf 40 Pf. Fachverein der Holz- und Bretterträger Berlins nnd Fmgcgcnd. Hiermit zur Nachricht, daß unser Mitglied 84/3 Johann Gandeira am 22. früh verstorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25., nachmittags 4 Uhr, von der Leichenhalle des neuen Michael- Kirchhofs(durch Rirdorf), Marien- dorier Weg, aus ftatt. Um rege Beteiliflung bittet Der Poriiaiid. Wnil-token- h. Tterbe- Klljse her Zimmerer. Den Mitgliedern zur Nachricht, daß unser Mitglied[259/3 Gustav Qwaitzscli am 20. d. M. freiwillig aus dem Lebe» geschieden ist. Die Beerdigung findet Sonnabend, den 24. d. M., nach- mittags um 3 Uhr. von der Leichen- halle, des EmmausiKirckihoss aus statt. Um rege Beteiligmig bittet Der Torstand. CentrMrhMherzmmm DtiitsAllnds. Z a h I st e l l e Berlin. Ten Mitgliedern zur Nachricht, daß unser langjähriges Mitglied Gustav öweiteti am 20. d. M. freiwillig aus dem Leben geschieden ist.[254/5 Die Beerdigung findet beute nach- mittag 3 Uhr von der Leichenhalle des Emmaus-Kirchhass in Rirdorf, Hermannstrahe, nns statt. Um rege Beteiligung ersucht Der Torstand. A. Stippekohls Restimmt lLöpenick, Schönerlinderstr. 5, � Arbeiter- Verkehrslokal. Für gute Speisen u. Getränke ist bestens gesorgt. Apollo-Thester. Um 9 Uhr abends: Im Belebe des Indra. Eine Fahrt durch die Indischen Wundergdrten. Um V28 Uhr: Im Fagette. Schwestern Serini. Dell Oro. SW Acqnumarlnoir»."KW Hill u. Hu». Dlamantlne. Ephraim Thompson. Dagmar Hamen etc. etc. etc. Der Kosmograph, neueste Aufnahmen aus dem Transvaalkriege. Anfang lAS Uhr. Vorverkauf im Theater von 10 bis 1 Uhr, sowie im Invalidendank n. Künstlerdank. Metropol-Theater Behrenstrasse 55 57. Sonnalieiid, den 24. Februar: Grosses Kösliner Hof Kttslinerstr. 8. Seiten Sonntag: Vall. Karnevals-Fest und letzter Raskenball. 1000 Mark in bar als tschönboitspreis. Blumensclilacht! K Konfektwerfen! Näheres die grossen Plakate. Berlin, den 23. Febr. 1900. Hierdurch die traurige Nach- richt, daß unser lieber Sohn Willy beute früh nach kurzem aber schwerem Leiden an der Diphtheritiö verstorben ist. Die Beerdigung findet Sonn- tag, den 25. Februar, nachmittags 4 Uhr, auf dem Be- gräbnisplatz der Freireligiösen Gemeinde, Papvel- Allee, statt. Die tiefbetrübtene$„DMW" Atlltlltl ptebldtt s-m-bkiid. 2� Mmr 19«». Vom ZV e l t»n tt r K t. Die geplante preußische Warenhaus-Umsatzsteuer— Bericht über Handel und Industrie von Berlin im Jahre 1899.— Deutschlands Außenhandel im letzten Jahr.— Oestrcich-Ungarns Außenhandel 1899. Die geplante preußische Warcnhaus-Umsatzsteucr. Der .Vorwärts" hat schon in dem Leitartikel seiner Nummer 40 den preußischen Gesetzentwurf betr. die Warenhaussteuer einer kurzen Kritik unterzogen und die hauptsächlichsten Bedenken gegen diese neueste gesetzgeberische Leistung geltend gemacht, während ein weiterer Artikel in Nummer 43 spccicll ans die Gefahren hinweist, die den Konsunn vereinen ans der Borlage drohen. Eine nochmalige Charakterisierung des eigentümlichen Vorgehens der Regierung, die noch im vorige» Jahre sich principiell gegen die Umsatzsteuer erklärte und ein, allerdings nicht minder seltsames Gemisch von Branchen-, Filial-, Raum- und Per- sonalsteuer vorschlug, und die sich nun durch die Mittelstandsrettuugs- Agitation so leicht zum Gegenteil hat bekehren lassen, hieße demnach nur alte„Kamellen" nochmals anflvärmcn. Uebcr die Thalsache, daß die Höhe des Umsatzes eines Geschäfts weder ein Gradmesser für die Rentabilität des Unternehmens noch für seinen Konkurrenz- druck abgicbt, ist sich ja jeder Mensch klar, der überhaupt etwas von geschäftlichen Dingen versteht, und auch die Regierung selbst befindet sich darüber, wie die Vcrlegcnheits-Wendungcn und-Windungen der Begründung erweisen. nicht in Zweifel. Wohl aber dürfte die Er- örterung nicht überflüssig sein, wie die in der Vorlage beliebte Unter fchcidnng von vier Warengruppen und die Art der vorgeschlagene» Besteuerung die größeren Detailgeschäfte trifft und wie iveit sie geeignet erscheint, der sich in der Zunahme der Warenhäuser äußernden BctriebSkonzcntration EinHall zu thun. Hierfür einige Beispiele aus dem Geschäftslebcn, die besser die Eache erläutern, als lange theoretische AuSeinaiidersetznngen. Wie bekannt giebt es sehr viele Geschäfte, die neben Küchen- und Gartengeräten auch Kurzwaren, Spielwaren, Jagdutcnsilicn, vielleicht auch Sportartikel, Fahrräder sc. führen. Nach dem Entwurf gehören solche Geschäfte, obgleich niemand behaupten wird, daß sich der Verknnf von Kochgeschirren mit dem Verkauf eiserner Werkzeuge, Spiclwaaren:c. nicht verträgt, zu de» Warenhäusern und haben, wenn ihr Umsatz 500 000 M. erreicht, eine jährliche Extrastener von 7500 M. zu bezahlen, denn die vorgenannten Waren gehören nach der Unterscheidung des Entwurfs verschiedenen Warengruppen an. Zwar heißt es dann zum Schlüsse des§ 5 wieder:„Jngleichcn wird, wenn sich der Handel mit Waren der einen Gruppe nach Herkommen und Gebrauch auch ans Waren andrer Gruppen erstreckt, welche mit erstcren zugleich feilgeboten zn werden Pflegen— wie bei Hadplnngen nnt Eisen- und Stahlwaren, Gummi waren u. dergl.— nur Handel mit einer Warcngruppe angenommen/ Aber was besagt der Ausdruck„nach Herkommen und G e- b r a u ch." Entspricht das Feilhalten von Gartenstühlen und Koch töpfen»eben Spielwaren, Revolvern, Fischcreigeräten, Fahrrädern. Nähmaschinen usw. dem.Gebrauch und Herkommen" oder nicht? Die Frage wird von verschiedenen Sachverständigen und in verschiedenen Gegenden völlig verschieden beantwortet werden. Von vornherein sind damit Jnterprctationskunststücken, Chikanen seitens der Gemeindebehörden nnd der auf diese cimvirkcnden Klein- handclskrcise, sowie einer verschiedenen Handhabung des Gesetzes Thür und Thor geöffnet. Und das angezogene Beispiel bildet keineswegs eine Ausnahme; so sind z. B. in manchen Gegenden die sogenannten englische» Hcrrenartikel-Magazine, die neben Kleidungsstücke», Wäsche zc. auch Schirme. Spazicrstöcke, Jagdntcnsilicn, Sattlcrwarc» usw. feilhalten. gar nicht selten: ebenso auch nicht die Möbelmagazine, die zugleich auch Betten, Gaskronen, Petroleumlampe», Klaviere, Gemälde, Kunst», Luxus- und Galanteriewaren führen. Alle derartigen Geschäfte unterstehe», soweit ihr Ilmsatz 500 000 M. übersteigt, unbedingt dem geplanten Gesetz. Was wird die Folge sein? Nur ill den wenigsten Fällen werden solche Geschäfte das' Feilhalten be stimurtcr bisher von ihnen geführter Artikel aufgeben. Meist werden sie dazu überhaupt nicht in der Lage sein, und zivar um so weniger. je größer schon vorher ihr Umsatz in diesen Artikeln war. Große Lagervorräte lassen sich so leicht nicht abstoßen, und außerdem haben diese Geschäfte zum Teil ihre bestimmte feste Kundschaft, die gewohnt ist, die verjchicdciien Artikel bei ihnen zu suchen und zu finden. In der Mehrzahl der Fälle Iverdeu einfach die größeren Geschäfte die Steuer zahlen; aber sie werden noch ein übriges thun, sie werden, um den Ausfall an Gewinn wieder einzubringen, sich noch ncne Artikclznlcgcn, noch neue„Abteilungen" einrichten. Die Folge ist: weitere Betriebs- konzentration: Zrwückdrängung des kleineren nnd mittleren Detail- Handels. Es wird sich in andrer Art wiederholen, was wir nach Erlaß des famosen Margarinegcsctzcs erlebt haben, durch das die unteren Bcvölkeruiigsschichten gezwungen werden sollten. Naturbnttcr zu kaufen. Nur ein kleiner Teil der Verkäufer hat sich durch die Bestimmungen über das Feilhalten von Margarine dazu bewegen lassen, letztere nicht mehr zu führen; mcisi haben Bnlterhändler, Fettwaren- Händler. Krämer usiv. sich in ihre» Läden oder auf ihren Dielen kleine Verschlage machen lassen, in denen sie doch noch, nach wie vor, Margarine' feilhalten. Vielfach aber, und das besonders in ärmeren Stadtteilen, haben die Händler nicht den Verkauf der Margarine, sondern den der Natnr- bntlcr nnfgegeben. zumal sivas das Publikum allerdings nicht weiß) der Verdienst an Margarine prozentual weit höher ist, als an gntcr Butter. Dazu kommt, daß seit der Vertreibung der Margarine ans den feineren Delikatessen- nnd Butterhandlnugen, sie desto größeren Eingang in Schlächter-, Mehl-, Gcmüsegcschätte gesunden hat. So hat gerade die gesetzliche Erschwermig des Margarincverkaufs die Verbreitung dieses Produkts begünstigt. Achnlichc Wirkungen wird auch die WarcnhauSsteucr ausüben, falls die Regierungsvorlage Gesetzeskraft erlangt. Schwerlich wird irgend ein heute rentierendes größeres Warcuhaus-Unternchme» dann seinen Geschäftsbetrieb einstellen, und ebensowenig werden neue Gründlingen dort unterbleibe», wo sonst die Bedingungen für die Existenz solcher Geschäfte vorhanden sind. Die Warenhäuser werden nur suchen, durch noch weitere Ausdehnung ihres KundschaftSkreises, durch Vereinfachung des inneren Betriebes, Verringerung der Siegte- kosten, größere Anspannung des Personals die Extra-ÄuS- gaben zu decken. Das Endergebnis heißt weitere Kon- zentratio», stärkere Entfesselung' jener verheerende» Ron- lurrenz, die Zola schon vor 20 Jahren in seinem Roman „Am bonheur des dames" geschildert hat. An der Entivickclung der Pariser Ricscnbazare läßt sich deutlich verfolgen, wohin derartige Versuche führen, die Konzeittratioustcndcuzcn unsrer modernen Wirtschast ausheben zu wollen. In Frankreich hat man schon 1880 mit der Besteuerung der Warenhäuser begonnen. Es wurden verschiedene Wareugrnppen geschaffen und bestimmt, daß jede Gruppe nur gegen Avgabe einer VerkaufSgebühr von 100 Frank gehandelt werden dürfe; außerdem wurde eine sich nach der Höhe der GeschäftSmicte richtende MietSstcuer und eine Personalsteuer von 25 Frank pro Kopf der An- gestellten eingeführt. Da der Erfolg ausblieb, tvnrde 1388 die Personalsteuer für Bazare, die 200 bis 1000 An- gestellte beschäftigten, verdoppelt, für Geschäfte mit über 1000 An- gestellten verdreifacht, und schließlich wurde im Jahre 1803 eine Surtaxe eingeführt, die dreimal höher war, als die bisherige Gc- werbcstener. Aber alle diese Steucrerhöhungen, durch die seit 1880 die Abgaben der großen Pariser Ricsenmagazine vervierfacht nnd verfünffacht worden sind, haben, wie die stetige Vergrößerung der letzteren beweist, nichts genützt; sie haben nur dazu geführt, daß diese Magazine im Kampf um ihre Existenz immer systeniatischer und kaufmännisch-berechnender die Konkiwrenz der Klein- und Mittel- betriebe niedergerungen haben. Außerdem aber trifft die Vorlage zwei Reihen von Geschäften gar nicht, die, ivenn nun einmal der Konkurrenzdruck auf die Klein- nnd Mittelbetriebe als Kriterium der Gcmeinschädlichkeit gelten soll, dein Handelsgewerbe nicht minder schädlich sind, als die Waren- Häuser, nämlich die überall hin ihre Kataloge und ProbensortimcntS versendenden großen Specialgeschäfte a la Gcrson nnd Hertzog, und zweitens jene sich um eine Einkaufscentrake gruppierenden Massen- Filialgeschäfte a la Emden in Hamburg. Die erstere Art deshalb iticht, weil sie nur eine Warengatwng führt, die zweite nicht, Iveil jede Filiale anders firmiert, und' nur wenige der einzelnen Filialen einen Umsatz von über 500 000 Mark haben dürften. Der Betrieb der letztgenannten Firma. die über 200 Filialen in ganz Deutschland' unterhält— bekannt unter dem Titel„Hamburger Engros-Lager"— ist folgender: Die Centrale in Hamburg giebt die Waren den Filialinhabern in Kommission(d. h. sie stattet diese mit einem Lager aus, behält sich aber das Eigentumsrecht an den Waren vor) unter der von den Filialinhabern eingegangenen Verpflichtung, bestimmte Waren- gattungeu nur von ihr zu beziehen, bestimmte Preise einzuhalten, zlt gewissen Zeiten Rechnung abzulegen usiv. Unter Umständen leistet die Hamburger Centrale auch noch einen Beitrag zur Ladeneinrichtung, zn Geschäftsumbauten nnd dergl. Im wirtschaftlichen Sinne sind also alle diese Geschäfte nur Filialen, im rechtlichen jedoch selbständige Unternehmungen, da die Leiter der einzelnen Geschäfte deren Firmenträger sind. Aber dieser letztere Umstand ändert sicherlicki nichts an dem' Umfang des Betriebs, noch an seiner Konkurrenzfähigkeit, die Hamburger Centrale hat es infolge ihrer Maffeneinkänfe völlig in der Hand, in einzelnen Artikeln die Konknrrcnz zn unterbieten oder auch bestimmte Artikel zu mono- polisicrcn, so daß sie nur in ihren Filialen zn bekommen sind. Ucberhaupt ist die Bestimmung, daß der Jahresumsatz einschließ- lich desjenigen der„Zweigniederlassungen, Filialen, V e r k a u f s st ä t t e n" berechnet werden soll, leicht zu umgehen. Der Leiter der Filiale braucht nur als Besitzer ins Handelsregister eingetragen zu werde», d. h. die Filiale braucht nur unter andrer Firma zu segeln. Irgendwelche Gefahr für den eigentlichen In- Haber ist damit nicht verknüpft; er kann sich durch Verträge und Reverse schützen. Niemand kann ihm auch verwehren, Gesellschafter seiner eignen Filialen zusein und sich als solcher den vollsten geschäftlichen Einfluß auf sie zu sichern. Die Warenhäuser sind natürliche Produkte unsrer WirtschaftS- entwicklung. Alle derartigen kuriosen Versuche, wie der im vor- liegenden Warenhaussteuer-Entwurf unternommene, diese Entwicklung zn hemmen, werden sich als nutzlose Experimente erweisen. Die Entstehung weiterer Riesenbazare und Ausdehnung der schon bc- stehenden halten sie nicht auf; ihr Erfolg kann nur sein, dem Konkurrenzkampf einen noch heftigeren Charakter zu geben und An- laß zu bieten zu allerlei kleinlichen Chikanen. zu polizeilichen Maß- nahmen und Jntcrpretationsknnstcii. Bericht über Handel und Industrie von Berlin im Jahre 1899. Die Acltcsten der Kaufmannschaft von Berlin haben dies- mal bei Erstattung ihres Jahresberichts einen andern Weg eingeschlagen, wie in früheren Jahren. Da bisher infolge des späten Eingangs mancher Specialbcrichtc der Jahresbericht gewöhnlich erst im Juli er- scheinen konnte, ist diesmal der Bericht geteilt worden. Der vorliegende erste Teil giebt mir einen kurzen allgemeinen Ueberblick über den Gang von Handel nnd Industrie im Jahre 1800, ohne größeres statistisches Material. Der zweite Teil mit den ausführlichen Specialberichten nnd statistischen Nachweisen soll erst im Mai oder Juni erscheinen. Durch diesen Charakter des ersten Teils des Berichts verbietet sich von selbst eine eingehende Besprechung: sie muß bleiben, bis der zweite Teil nnt abschließenden statistischen Angaben vorliegt. Einige Urteile über die Gesaintgeschäftslage verdienen aber unbedingt Bc- achtnng.„Das letzte' Jahr des Jahrhunderts", heißt es in den„Grundziigen". Seite 1 des Berichts,„hat nun allen Beobachtungen nach seine Vorgänger in allgemeiner gc- schäftlicher Prosperität noch um ein Beträchtliches über- troffen, es stellt den Gipfel der anfsteigcndcn Linie der fünf Jahre dar. nnd es hat seinem Nachfolger so viele günstige Momente, so viele Arbcitsanfträge hinterlassen, daß man mindestens vor einem schroffen Abfallen der Linie sich auch noch im Jahre IOOO gesichert glauben darf." Aber wenn auch vorerst, d. h. in allernächster Zeit, nach Ansicht der Acltcsten noch keine Krise zu besorgen ist, so'halten sie doch einen späteren Rückschlag für fast nnvermcidlich und richten deshalb Seite 23 folgende Mahnung an ihr Publikum: „Handel und Industrie weisen noch keine sichtbaren Zeichen eines Rückganges auf; die glänzende Lage der Montnn-Jndustrie, aus welcher'vielfach gefolgert tvird. daß die Konjunktur ihren Höhepunkt noch nicht überschritten habe, ist allerdings kein Beweis hierfür, weil der Bedarf au Eisen und Kohle natürlich erst nachläßt. wenn die diese Produkte benötigenden Jndnstricn bereits weniger beschäftigt sind. Welche Ansicht von der Zukunft der Effektenmärkte man aber auch haben mag, immer ist im Auge zu behalten, daß auf jede Hochkonjunktur schließlich eine Zeit des N i'e d e r g a ii g e s folgt. Das in Jndnstriewerten Gelder anlegende Publikum' tvird sich daher die Frage vorzulegen haben, ob die Papiere, die es zu erwerben beabsichtigt, zu Kursen käuflich sind, die auch in weniger günstigen Zeiten als berechtigt betrachtet werden können." lind Seite 27 heißt es:„Wenn auch die Berichte über die glänzende Lage unsrer Industrie und namentlich des Kohlen- und EiseugcwerbcS die Besorgnisse betreffs Gestaltung der Geldverhält nisse immer wieder in den Hintergnmd drängten und die Kurse steigende Richtung einschlugen, so erzengte doch die thatsächliche Ent- Wicklung der Verhältnisse auf dem Geldmärkte Perioden, in denen die Spekulation und die weniger leistiingsfähigen. vom Bankkredit abhängigen Wcrtpapierbesiyer sich zu Rcalisatioiicn veranlaßt sahen, und daher die Kurse stillstanden oder selbst zurückgingen. Auch wurden die Käufer von Jiidnstricwerten zur Vorsicht dadurch gemahnt, daß bei irgend welchem erheblicheren Kurs- rückgange viele Jndustriewcrte nur mit großen Äursopfern zu ver- kaufen waren, oder daß Käufer(infolge der Beseitigung des Zeit- gcschäfts) ganz mangelten." Interessant ist, daß im Bericht der Acltesten, entgegen den froh- bewegten Jubclklängen andrer Handelskamnier-Bcrichtc. z. B. des hamburgische». unsre neueste» Kolonialerwcrbungen recht nüchtern registriert werden. Auch eine Bezugnahme auf die Flotten- vcimchrungs-Projckte ist unterblieben bis auf folgende vieldeutige halbvcrsteckte Zustimmungserklärung: „Unverkennbar ist gerade um die Jahrhundertwende die cnropäischc Kultur auf einem großen wirtschaftlichen Erobcrungszugc über den Erdball begriffen. Wir hoffen, daß auch unser Volk sich einen reichen Anteil an dem Ergebnis sichern, und daß es darin von seiner Regierung durch eine weise Handelspolitik und wenn nötig auch durch Entfaltung vonMacht Mitteln gefördert werde. Deshalb halten wir es auch für wünschenswert, daß die Seemacht des Deutschen Reichs sorgfältig im Einklang mit ihren wachsenden Aufgaben ge- halten>v e r d e." Deutschlands Austeuhandel im dcrgangcncn Jahr. Im kürzlich erschienenen Dezembcrheft der vom Statistischen Amt heraus- gegebenen„Monatlichen Nachweise" des deutschen Außenhandel- Verkehrs liegt jetzt die amtliche Ucbersicht über die deutsche Ein- und Ausfuhr des letzten Jahres vor. Die Wcrtziffern der Aufstellung haben allerdings noch keine absolute Gültigkeit, da sie größtenteils nach den Durchschnittszahlen des Vorjahrs(1303) berechnet, also die in manchen Artikeln eingetretenen Preissteigerungen während des Jahres 1800 noch nicht in Anschlag gebracht sind, immerhin genügen sie voll- ständig zur Beurteilung der Entivicklungstcndenz unsrcs Handels im abgelaufenen Jahr. Wie in den letzten Jahren weist auch für 1800 der Special- Handel wieder eine Steigerung auf, doch nicht in gleichem Maße. wie in den letzten 5 Jahren. Die Zunahme beläuft sich gegen 1303 dem Werte nach nur auf 197,3 Millionen Mark, während sie in 1808 sich auf 799,3. in 1897 auf 349 Millionen Mark stellte. Sie betrug nämlich: Einfuhr Ausfuhr 1305... 4246,1 3424,1 1806... 4558,0 3753,8 1807... 4864,6 3786,2 8650,8„„ 1808... 5430,7 4010,6 0450,3„. 1809... 5495,9 4151,7 9647,6.„ Die Einfuhr zeigt, soweit die Hanptwarengruppen in Betrachl kommen, für die letzten drei Jahre folgende Veränderungen: Gesamt 7670,2 Mill. Mark 8311.3„ Baumwolle und Baumwollwaren Droguen, Farben, Apothekerwaren Eisen lind Eisenwaren.... Erden. Erze, edle Metalle.,. Getreide......... Häute und Felle...... Holz und andre Schnitzstoffe.. Instrumente, Maschinen, Fahrzonge Kupfer und Knpferwarcn... Kurze Waren......, Leder und Lederwaren.»,. Leinengarn, Leinwand.... Material-, Spczerei-, Konditor- Waren........ Ocle und Fette....... Seide und Seidenwaren... Steinkohlen, Coaks ec..... Tiere und tierische Produkte.. Vieh.......... Wolle und Wollcnwaren.., Am stärksten ist demnach die Einfuhr von Wolle und Wollen- waren gestiegen, um über 54 Millionen Mark. Auch der Seiden- Import hat um 10l/a Millionen Mark zugenommen(gegen 1897 um 27 Mill. Mark); dagegen ist die Einfuhr von Baumwolle und Baum- wollcnwaren noch weiter im Werte zurückgegangen. Bemerkenswert ist die enorme Steigerung des Imports von Eisen- und Eisenwaren um 32 Millionen Mark: eine Erhöhung von über 47 Prozent. Die A n s f ii h r in den wichtigsten Warcngrnppcn stellte sich für die Jahre 1897/90 folgendermaßen: 1800 1898 1307 (in 1000 Mark) 253 655 231 886 230 105 330 053 365 141 319 454 110 429 30 057 114 250 217 790 53 076 107 370 03 060 126 478 148 117 135 323 874 843 95 015 158 778 206 202 50 661 311614 31224 Baumwolle nnd Baumwollwaren..» Drogncrie-, Apotheker- und Farbwarcn. Eisen und Eisenwaren....... Erden, Erze, edle Metalle..... Getreide............ Glas und GlaSwaren....... Holz und andre Schintzftoffe.... Jnstriimentc, Maschinen. Fahrzeuge.. Kautschuk und Guttapercha..... Kleider. Wäsche und Putzwaren,.. Kupfer und Kupfcrwaren...... Kurzwaren........... Leder und Lederwaren...... Littcrar. und Kilnstgegeiistäiidc.... Material- und Spezerciwarcn.... Papier- und Pappwaren...... Seide und Seidenwarcn 168840 Steinkohlen, Coaks zc....... 206 889 Thomvarcn.......... 63 776 Wolle und Wollcnwaren...... 814907 Zink nnd Zinkwaren....... 31 727 370 773 400 808 228 143 123 590 41086 117160 246 800 72 377 116 780 107 258 134 876 162 676 130 207 358 831 08 215 320 010 327 705 211031 105 036 43 516 III 313 187 000 )36 818 128 070 85 662 132 270 144 390 126 787 303 302 04 901 136 503 174 254 50 053 326 463 28 249 Wie die Ucbersicht zeigt, hat fast in allen Gruppen eine Zu- nähme der Ausfuhr staltgesunden. Eine Abnahme weisen nur die „Material- und Spczereiwaren", sowie die„Erden, Erze und Metalle" auf. Der Rückgang der letztgenannten Warengrnppen muß jedoch eher als eine erfreuliche Erscheinung gelten, denn er beweist, daß die deutsche Metallindustrie, besonders die Eisenindustrie, immer größere Mengen dieser Artikel verbraucht. So günstig sich das Resultat im ganzen stellt, läßt sich doch nicht verkennen, daß es hinter den Abschliiß-Ergebnissen der vorher- gehenden Jahre zurückbleibt, und zwar ist cS speciell das letzte Quartal des Jahres 1890, das am wenigsten den Erwartungen ent- sprochen hat. Während sonst gewöhnlich das letzte Vierteljahr gerade die größte Steigerung bringt, hat diesmal der Aussiihrhandcl in den Monaten Oktober/Dezember nur sehr wenig zugenoinmen, schon am 1. Oktober betrug der Mehrumsatz gegenüber dem der drei ersten Quartale 1893== 193 Millionen Mark. Oestreich-Uugarns Austcuhandel im Jahre 1899. Auch für den Außenhandel der östrcichischen Monarchie liegt jetzt die statistische Aufstellung vor. Die Handelsbilanz stellt sich relativ noch günstiger, wie jene Dentschkands, der Gesamt-Außenhandel stieg um 01,3 Millionen Gulden. Verglichen mit dem Jahr 1803 ergeben sich ftir Ein- und Ausfuhr folgende Ziffern: 1808 1899 Einfuhr 810,8 700,3 l u s f u h r 807.6 028,4 Gesamt 1627,4 Mill. Gulden 1718.7 ,. Demnach ist die Einfuhr im letzten Jahr um 29,6 Millionen Gulden znrückgcgaiigen. die Ausfuhr dagegen um 120,8 Million Gulden gestiegen. Zum größte» Teil entfällt diese Steigerung auf die Ausfuhr von Rohprodukten, doch weisen auch die Halb- und Fcrtigfabrikate eine beträchtliche Zunahme auf: Rohstoffe.. Halbfabrikate Ganzfabrikate 1808 343,8 121,2 342,3 1899 404,4 Mill. 138,6„ 385,4. Gulden Am stärksten hat die Ausfuhr und Schlachtvieh zugenommen. von Zucker, Holz. Obst, Getreide a. C. Der Bergarbeiterstreik in» sächsischen Landtag. Abgeordneten eingebrachte am Donnerstag in der Die von de» socialdemolratischcn Creik- Interpellation stand zweiten Kammer des Landtags zur Beratung. Das lebhafte Interesse, waS in allen Kreisen der Bevölkerung für die Sache im allgemeinen vorhanden ist, kam durch eine äußerst starte Besetzung sämtlicher Zribiilicii zum Ausdruck. Die Interpellation hatte folgenden Wortlaut: „Was gedenkt die Staatsregicrnng angesichts der durch den K o h l e�i m a n ge l und die. durch' den' Bcrgarbciterstreik im. Zwickaner und Oclsnitz-Lngarier Kohlenrevier hervorgerusenen schwierigen Sitnalioneu im Lande zu thun?— Wie stcät sich die Regierung zu dem Bcrgarbciterstreik und dem Verbot von B e r g a r b e i t e r- B e r s a in m l n n g e n, sowie Verfügung der Polizeistunde im Bcrgrevicr Zwickau-Land anläßlich des Streiks? Abg. Fraß dorf, der tags vorher sich persönlich im Streik- gebiet informiert hatte, begründete die Interpellation. Unser Ge »osse stellte alle die unerhörten Maßregeln der Behörden, V c r s ain m l u n g s v erb o t e. Vcrhängung der Polizeistunde, Verbot des St rcikpo steilst eh ens/ Vcrlnstigcrkkärunq der Pensiouskaszcu- A.n s p r ii che der Streikenden. Ä u s- >v e is NN gsv e rfii gun g usw. in das rechte Licht. Da? alles. obwohl nicht die geringste Störung der Ordnung vorgekommen sei. Der M i n> st erb.M c tz s ch habe durch seine Amvescnhcit im Strcikgebict, statt den Versuch der Beilegung zu machen, die Sache nur verschärft, indem er zwar mit den Behörden und den U n t c r n c h m c r n verhandelte, die Arbeiter aber nicht zuzog, biclmchr den„Arbeitswilligen größtmöglichsten Schutz zugesagt habe.. Den Ilntcr- iiehniern fiel es nun natürlich erst recht nicht ein, mit den Streikenden zu uiiterhandeln, oder gar zu bewilligen, weil sie wisse», daß Hintor ihnen die Macht der Regierung steht. Die Beteiligte», yor allem, die Arbeiter, halten die Hchsiumg..daß die Regierung Vemisttelungsvcrsnche machen werde, und sie sind der Uederzengllng. w e»» das geschehen wäre, der Streik viel leicht heute schwn beendet sei.«Lachen rechts.) Das schlimmste, ivas je in Sachsen geschehen, sei die generelle Ans- we is n n g s v e r s ü g u n g.. Die srcmdc», onsländischcn Arbeiter, die man sonst bei � jeder Gelegenheit als Lohndrücker ins Land herciuhölt, fallen, ans. einmal„lästig", wenn sie sich solidarisch mit. ihren hciilüschcn Arbcitsbrndcrn erklären Redner verlangt zu lvisscii, ans welche gesetzliche Be- st i m m n n g c ii alle diese.Maßnahmen gcgruiidcr werden sollen. Sie sind zweifellos n i ch t ohne den Willen d c S!v! i n i st e r s erfolgt, denn keine Ilntcrbchördc' wlrd' sich crkaübcn. so cinschncidendc Anordnungen zu treffe», wenn sie' der Zrtsiiünnnng der Regierung nicht sicher ist. Die Arbeiter stiikd minderen Rechts er- klärt wordc n,,' und wir haben ihre Interessen zu vcrlrctciß so lange wir noch hier sind. Minister von Mctzsch' beantwortete die Interpellation: T er Streik der sächsischen'Bergarbeiter hat keinen direkten materiellen Hintergrund.''Diese Arbeiter bcffuden siib nicht in so' g r o ß c r Ro t l a g e. daß sie zum Streik greisen niüßtcn. Dieser ist vielmehr systematisch in die friedlichen Kreise der Bergarbeiter vvn aüßcii hinemgeträgen worden. Dcr Streik ist einzig und allein das Ergebnis social- demokratischer Agitali'on. Rur um die Solidarität mit den böhmischen Bergarbeitern zii bekunden, haben die socialdcmo- kratischeu Waiidcrprcdigcr und Agitatoren die Arbeiter in d.cn Streik gelockt, indem stö ihnen sichere materielle Vorteile in Aussicht stellten. Ter Minister will das aus a m t- I i ch eii Vers am m l n n g s- Berichten wissen. Ter Streik zeitige die bcdcntlichstcn Mißstände in dcr Industrie, durch welche in erster Linie die Arbeiter getroffen würden, die die Sociatdcmokratie ja immer in Schutz nebmcn wolle. Nicht die Regierung dürfe so gefragt werden, wie es im ersten Teil der Ilster- pcllation steht, sondern die Socialdemotratic. welche den Streit ver- schuldet. Er. der Minister, habe bei seiner Anweienhcit im Ttrcik- gcbict keinerlei Pgrlei genommen. Mit de» Arbeitern zu bc- raten habe keine Beraulassung vorgelegen, ja sich von selbst verboten, weil zur Beilegung des Streiks nicht dcr gesetzmäßige Weg eingeschlagen worden sei. iZnitiativc der Arbciteransschüsic ec.) Den wcilauö möglichsten.Schnh der Arbeitswillige» an- zuordnen habe es gerade in diesem Fall für besonders nötig gehalten, was mir im Jijtcrcsix der A u f r c ch t e r h a l t u u g des K o a l i t i o n S r e ch t.s gxschchen sei. Wesentliebe Aus- ichreitunge» feie» zwar.njchj vorgekommen, doch habe die Möglichkeit dazu bei fo großen Mgffen von Arbeitern vorgelegen Teshatv wären v o r b e-u g c ji de Maßregeln am Platze gc- wesen. Uebcr das V c s g ni m l n n g s v c r b o t werde die instanzinäßige Behörde in den. nächsten Tagen auf die ein- gelegte Beschwerde ciil,chci)>c». Im allgemeinen könnten wohl «ituationcil cinlrctcn, die solche Pcrbose von Versammlungen von voruhercili rechtfertigen, ob paq in. d�m Faste fo gewesen sei. könne d a h i n g c st e l l t b l c i b e g.. Daß das S l r c i k p o st c n fl e h e n in jedem Fall und allgemein»"ljjssig fei. darüber sei ihm nichts bclainit, wohl aber, daß. nqch preußischen O be r- V er waltun gsgcrichts-Ilrtxiien da? Strcikpostenstehen ver- bot e» werde» tonne. Das plccht.. P o ki z.c i st n n d e zu verhängen. habe jede Behörde. Tic An�tycisiingCi Verfügung sei bereits diirch die Ärci'hanptuiannsckiast anfgshybch« worden, er habe diese Maß reget auch nicht sii r gc i�e ch tf er t i g t gehalten. Ter Minister schloß scinx AuAfühzungcn itzit ciycin Hinweis aus„diese Kraftprobe" der Svcialdeniokratic. Die Arbeiter, welche letzterer Hcersolge leisten, sollten doch endlich umkehren usw. Daraus folgte die Besprechung der Interpellation. Die Redner der tonservotiven und iiaiionalliveralen Partei billigten das Verhalten der Regicrnng vollständig. F r ä ß d o r f antwortete dein Minister in treffender Widerlegung.' Die Sitzung bildete den„größten Tag" im bisherigen Verlauf dcr Landtagssession. ** ' Mag mm dcr Streik im sächsischen Bcrgrevicr wie iunner ans- gehe», die sächsische Regierung hat den erneuten Beweis ihrer extrem renklionärcnGesiiinyng tadellos erbracht. Vorsi'indfliittichc Aiischaulnigcn über Ursachen und Entstehen de» Streiks verbinden sich mit der Politik der gewaltsamen Repression. als des socialen Allheilmittels. Die Bergarbeiter haben keine Veranlassung zum Ausstand, sie würden ihn auch nicht beginnen, wenn nicht die socialdemokratischen Ver- führer sie verleitet hätten. Thatsächlich aber hatten diese social- demokratischen Verführer vom Streik abgeraten und erst, da die Arbeiter eine ihnen zur Verbesserung ihres Lohnes günstig scheinende Gelegenheit ansznnntzcn verlangten, haben sie ihre Hilfe nicht ver- sagt. Und Beraiilaffung zun» Streik war schon deshalb genügend gegeben, da die Forderungen dcr Arbeiter im Zwickaucr Kohlen- rcvier so wenig nnbcschcidcn waren, daß sie in andern Teilen Sachsens und s e l b st a u s den königlichen Gruben im P l a u e n s ch c u Grunde längst erfüllt sind. W a n n dürfte ivohl nach Ansicht des sächsischen■Ministers des Innern einmal berechtigter Anlaß zu einem Streit gegeben sein? Das Strcikrccht, sagt er, taste die sächsische Regierung nicht an: aber jeder Streik, dcr ansbriast, wird als unberechtigt erklärt und soll mit der Keule der Macht incdergeschlagcn werden. Das Recht ist da, aber niemand darf es jemals benutzen. Ter Beifall, den cdic„Kreuz-Zeitung" bereits der sächsischen Regierung zollt, ist gerechter Lohn. Tie Maßnahmen der sächsischen Regicmmt. erwecken Fiende mir bei den Parteien, welche jede freie, Bewegung, jede selbständige Regung des Volks erstickt und die agrarisch-iudiistliekapitalistische Herrschast uiicingeschränkt anfenichtct wünschen. Dagegen wird das Verhalten der sächsischen Regiernng bei allen Parteien, die' das gleiche Recht für alle noch' nicht., völlig preisgeben wollen, lebhaftesten Widerspruch erfahren und die Notwendigkeit von neuem«weisen, daff die reichsgcsctzlich den Arbeitern gewähr- leisteten Rechte sicher gestellt werde» niüffc» gegen reaktionäre Umgehungsnnternchmnngen in den Einzelstaate».— Davker-Nachvithten. Die Protcstversammlnugen gegen die Flottenvorlagc» die noch allenthalben abgehalten werden, zeigen die Abneigung dcS arbeitenden Volks gegen die Weltmachtspolitik in unzweideutiger Weise. Heute liegen Nachrichte» vor aus Augsburg, woselbst eine Protestresolution ohne Widerspruch angenommen wurde. Ebenso war es in Hnldeshenn; dort waren zwar verschiedene Flottcnfremide anwesend, scheuten sich jedoch, � das Wort zu ergreifen, oder auch mir gegen die Resolution stimmen. In Harburg waren an einem Tage zwei Protestvcrsmnm- lnngen, in Bergedorf eine und in Lüneburg eine. Vereinzelte Flottcnftcnndc, die hier auftraten, erzielten keinerlei Wirkung. AuS der Wahlbewcgung im Kreise Calbe AschcrSlebcn. In den Kreisblättern wird'folgender Aufruf erlassen: „Wir ersuchen sämtliche Mitglieder dcr nationalen Mittel- Parteien, alle ihnen bekannt werdenden Drohungen. Verrufs e'rklärungcu ee.. die von irgend welchem Soeialdemolratcn au einen Wähler ergehen, sofort einem der Vertrauens- mäm'ier, welche den Wahlaufruf unterzeichnet haben, mit- zuteilen. Wir werden es bei dieser Wähl nicht wieder still- schivcüfend geschehen lassen, daß Milchhändlcr, Kauslcntc, Bäcker, Fleischer und sonstige Gewerbetreibende oder Arbeiter durch niedrige Machinationen abgehalten werden, ihrer politischen Ucbcrzcugnng zu folgen. Wir werden die Feinde dcr Socialdcinokratic nicht nur gegen diese zu schützen wissen, sondern ihnen aiich volle Gcnngthuung nach jeder Richtung hin verschaffen." Mit kläglicheren Mitteln ist wohl noch nie ein Wahlkampf gc- führt worden, wie dieser von den Ordnungsinänncrn geführt wird. Gcmeindcwahleu. In Großzschachwitz bei Dresden mußte infolge Verstärkung des Geineindcrais eine Nachwahl vorgenommen werden, wobei der socialdernokratischc Kandidat gewählt wurde.- Wegen RcligionsVcrgchcu wurde in München die Nr. 4 des „Süddeutschen. Poftillon" konfiscicrt. Tie Nummer ist Giordano Bruno gewidmet und bringt u. a. die Reproduktion einiger alter, gegen Papst- und Pfaffcntnin gerichteter Karikaturen von Lukas Kranach und dem Holländer Jakob Gole. Darin werden die Sünden des Blatts gefunden. ES ist kennzeichnend für die Zeiten dcr lex Hciiizc, daß' sie strafbar findet, was die Zeiten dcr heiligen Inquisition passiert hat, Partciprcsse. Ein Parieiblall für Augsburg wird, wie dcr Vorsitzende dcS dortigen socialdemokratischen Vereins in einer Versammlung mitteilte, am 1. April hcransgcgcbcn werden. Ein Justizopfcr. Dcr„Wiener Arbeiterzeitung" wird unterm 21. Februar aus Pilsen geschrieben: Genosse Josef Paccs ist einer der Märtyrer der östrcichischen Arbeiterbewegung. Noch nicht dreißigjährig, wurde er am 12. Februar 1885 in Lubokci bei Rcickcnbcig verhaftet. Sein„Ver- brechen" war. eine geheime Druckerei zur Herstellung von Propagandaschriften errichtet zu haben. Am 22. November 1885 wurde er vom Prager LandcSgericht wegen Hochverrats zu sechzehn Jahren schweren Kerkers verurteilt: von seinen Mirangellagten erhielt der jüngst verstorbene Christof Czeruy fünfzehn. Johann Rcnipcs zehn Jahre schweren Kerkers. Von seiner Strafe mußte Paccs in dcr Strafanstalt Bory bei Pilsen neun Jahre und eine» Monat in Einzelhast verbüßen. Der siirchtbarcn Pein einer solchen»träfe koinne sein Nervensystem ans die Dauer nicht Widerstand leisten. Joses Paccs zeigte immer deutlichere Zeichen von Verfolgungswahn. Er bildete sich ein, man habe vor, ihn vor Beendigung seiner Hast, die am 13. Juli d. I. ablausen sollte, zu vergiften. In diesem Sinne richtete er ans dem Gefängnis eine Reihe von Briefen an die Genossen Ärcjci, Hybesch und Vcatnn. in denen er crtlärte. mit dem Leven abgeschlossen zu haben. Von seiner furchtbaren Wahn- Vorstellung' getrieben, vcsckiloff der.Unglückliche, einen seiner ver- iiicintlichcn Verfolger nniznbringen. Er versertigte ans einem Siock und einem Schustcrkiieip eine Stichwaffe und überfiel damit am 20. September v. I. den Gesangeneuanssoher Heß, als dieser seine Zelle betrat. Die Wunde war ziemlich schwer. Troßdcm alle Umstände der Thai darauf hiuwiose». daß Paccs lein Verbrecher, sondern ein Geistcslraiikcr sei. dcr statt in � eine Strafanstalt in eine Heilanstalt gehöre, erhob die StaatSaiiwalrschast die Anklage wegen Mordversuchs, über die beule die Verhandlung vor dein Pilscncr Schwurgerichte siatliond. PaceS hielt zu seiner Rechtfertigung eine zweieinhalbstündige Rede, in dcr sich die lebendige Schilderung wirklich erlittener Kerker- quaken mit den Phautasicn eines Wahnsinnigen in er- schütternder Weise mischte. Paccs erzählte, man habe ihm das Eisen, das Wasser, ja sogar die Lust vergiftet und dazu sogar einen ans dem Ausland stammenden Stoff verwendet. Die Thal habe er begangen, um vor Gericht zu koinnien und alle gegen ihn gerichteten Pläne zu„ciithiillen". Der Vertvundele habe ihm leid gethan, er habe aber kein andres Mittel gehabt, sein Leben zu schützen. TaS Gericht hat den wahnsinnigen Mann wirklich verurteilt. Zwar verneinten die Geschivornen die erste Frage(Versuch des Mordes) einstimmig, sie bejahten dagegen einhellig die Eventnal- frage. Joses Paces wurde wegen schwerer lörpcrlicher Beschädigung zu drei Jahren schweren Kerkers, verschärft mit Tnnlelarrest und Fasten am Jahrestag dcr Thal, verurteilt. Dieter Ausgang muß schmerzliche Teilnahme und nicht minder VerwllNderung hervorrufen. In civilisiertcn Ländern bestraft man Geisteskranke' nicht, sondern pflegt sie Die neue Haft Paces' Be- deutet aber obcndrcin eine ernste Gefahr für die Personen, die mit ibm im Gefängnis in Berührung kommen werden. Glaubt man etwa, ihn durch die Gerichtsverhandlung geheilt zu haben? Es hat bei dieser einige Augenblicke gegeben, die gar ichr geeignet waren, seinen Wahn' zu stärken. Für die öftreichischcn Arbeiter ist Josef Paces ein Unglücklicher, den sie um so tiefer veklagen, als es ihm nicht vergönnt gewesen ist, klaren Geistes die Fortschritte jenes Gc- daukeus zu sehen, für den er so schwer geduldet hat. Slmmmmsles. AuS dcr Magiftratssitzung vom Freitag. Nachdem die tadtvcrordnctcn-Vcrsammlnng das Projekt zur Errichtung einer städtischen I r r e n a n st a l t ans dem Ricsclgnte Buch am Toiuicrstag genehmigt hat. hat das MagistratSkolleginm den end- gültigc» Plan für vier im Projekte vorgesehene Pslegehäuser gcnehmigt, um so mit dem Lau der Anstalt valdmöglichst beginnen u können. Tie Kosten zur Ausführimg dieses Specialplons sind ans 2 295 000 M. veranschlagt. Zur Aufnahme des BanbnreanS wird die Errichtung eines eigenen Gebäudes beabsichtigt mid sind hierfür die Kosten'ans 174 358 M. berechnet. Das Magistratskovegium hat beschlossen, dein Stadtverordneten- Beschlüsse vorn 22. Juni 1899, betreffend die Errichtung eines täd tischen Amts zur Untersuchtiug von Nahrung 6- und G c n il ßm i t t c lu sowie Gcbranchsgcgenstäiidc» beizutreten und wird dcr Versammlung eine dahingehende Vorlage zugehen lassen. •Ii, der gestrigen Magistratssitzniig wurden die Beratungen über die N e ii o r g a u i s a t i o n der Armenpflege fortgesetzt Nach einem einleitenden Vortrag des Stadtrats Müiistcrbcrg über die Voraussetzungen einer Dccciitralisation ans dem Gebiet der Armen- pflege wurde über" die verschiedenen Richtungen dieser Art ver- handelt. Uokales. � Achtung, Moabit! Die Parteigenossen werden ersucht, bei einer Flngblätt-Verteilnng im 44. Koinininial- Wahlbezirk morgen, Sonntag, vormittags 8 lihr, mitzuhelfen. Sammelpunkt bei J o h. Pfarr, Putlitzstr. 10._ Wo die Statistik versagt. Der Verein BerlinerKauflcute und I n d ust r i e II et hat gestern den zweiten Teil seines Jahresberichts für 1899 heran-- gegeben. Dieser Teil enthält 124 Specialbcrichte über den Geschäfts- gaiig dcr wichtigeren Handels- und Industriezweige während des verflossenen Jahres. Der 303 Druckseiten umfassende Band birgt eine Fülle auf steißiger Arbeit aufgcbaiitcu Materials, dessen Wert namentlich in statistischer Hinsicht nicht gering anzuschlagen sein lvird. Selbstverständlich kommt überall dcr reine Unternehmer- st a n d p unkt zur Geltung, und daher ist vor'allem an den wenigen Stellen, wo die Behandlung von A r b c i t er fr a g c n hervortritt. auch nur dcr Versuch einer objektiven Würdigung der im Lauf des letzten JahrS hervorgetretenen A r b e i t c r f o r d e r u n g c n ausgeschlossen. DaS ist vorn menschlichen Stondpunkt ans begreiflich und ginge an sich noch an. besonders charakteristisch aber ist die Erscheinung, daß bei der A r b c i t e r f ra g e plötzlich wie ans Kommando die sonst so fleißig angewandte Statistik itt dcr Versenkung verschwindet und an deren Stelle die Phrase placiert wird. Als Beleg hierfür greifen wir auf gut Glück den Teil heraus, dcr sich mit der Lage der Arbeiter in dcr M c t a l l i n d u st r i e be� schäftigt. Tarin wird zunächst der überwältigend gute Geschäftstiang hervorgehoben und gesagt, daß bezüglich des Ilmfangs der erteilten Aufträge die gehegten Hoffnungen fast noch üvertroffen worden seien. Weiter' heißt es dann, daß die starke Arbeitsanspanrning. die sich in Neberstniidcn und Nachtschichten gellend machte, bis Schluß deS Jahres 1899 fortdauerte. Mit Befriedigung wird ferner konstatiert. daß trotz dcS fabelhaft guten Geichäftsganges im Herbst vorige» Jahres die Fordcnnigc» der streikenden Arbeiter in den Metall- gicßcreicn. die ans Einführung des neunstündigen Arbeits- tags unter Beibehaltung der bisherigen Löhne hinausgingen, a b- gelehnt werden konnten. Dann folgt Seite 183 folgende Be- hanptnng: „Der Durchschnitts verdienst dcr Metallarbetter ist im letzten Jahre gestiegen. Aus dem Umstand, daß außerdem in den Metallgießereien und Metallwarensabriken ausgebrochenen Streik nenncnswertc Störungen der Arbcitsvcrhälttiis nicht vor- kamen, ist wohl zu entnehmen, daß die Arbeiter mit ihrem Ver- dienst zufrieden waren. Die Rachfrage nach Arbeitern war groß, es wurde ihr aber, wenigstens was die Anzahl betrifft, von der Arbeitsnachwcisstclle dcS Verbandes Berliner Metallindustriellcr stets genügt.".„ Mit Ansnahinc dcr letzten Behauptung dürften wohl alle übrigen in den Kreisen dcr in Betracht loimnenden Arbeiterschaft aus Wider st and stoßen und die Frage gerechtfertigt erscheinen tasten. warum denn so erfreuliche Dinge, wie dcr Mehrvcrdieust dcr Ar- beitcr. nichr durch Zahlen belegt werden. Oft genug hat die O eg a u i s a t i o n s l e i t u n g dcr Berliner Metallarbeiter' lonftatiert. daß auch in dcr besten Geschäftszeit so- wohl die Räume des von den Arbeitern crrichreten Nachweises., wie auch die des berüchtigten Instituts dcr Unternehmer überfüllt waren. Oft genug ist gegenüber de» beschönigenden Behauptungen über den guten Verdienst und die Zufriedeicheit der Arbeiter, die nur von Agitatoren verhetzt würden, von.zuständiger»eite und zwar aus Grund nmfasscndcr st a t i st i s ch c r Daten daraus hingewiesen worden, daß ein etwas höherer Verdienst nur durch Ueber- st u ii d e n und N a ck, t s ch i ch l e n. also durch gewissenlosen Raub- b-air an derArbcitslcasl erzielt werde und. daß meist das trotz allem hohe A rbe itera ngeb ot in dcr Metallindustrie einer Auf- bcjscriing der oft beschämend niedrigen Löhne entgegen stehe. Durch die Blume müssen diese Thalsachcn ja auch im llyter- nchmerbericht zugegeben werden. Aber das darf eben nur geschehen in hübscher Verichleicriuig. die den Arbeiter beinahe als ein von kapitalistischen Segnungen erdrücktes Geschöpf erscheinen läßt. So bildet denn auch dcr neue Bericht des Vereins Berliner Äaustcilte und Jndnftricller einen Beleg für die Thatsachc. daß vom Unrcrnchmertnm die doch sonst nach Gebühr bewertete»tcitistit gern in die Versenkung gestoßen und durch hübsche Worte ersetzt wird sobald auf die Lage dcr Arbcitcrichaft die Rede kommt. Das spricht sticht gerade für ei» gutes Gewissen beim Unter- nchmcrtuui._ Tie Moabiter Stichmahl und die Micterpartci. Herr Damaschke bringt in dem ncnesten Heft der von ihm hciaiisgcgcbcneii„Deutschen BolkSstimme", des offiziellen Organs des«Bundes deutscher Bodenreformer", eine Schildermig des Moabiter WahlkampfcS, in welchem er am 14. Februar als Kandidat dcr Mietcrpartei unterlegen ist. Zu dcr Frage, ob in dcr am 9. März stattfindenden Stichwahl dcr Büracrparteiler Wolf gegen den Arbeiterlandidaten nnserii Genossen Glocke zu unter- stützen sei, crttärt Damaschke, daß Herrn Wolfs Stellung in der B o d c n f r a g c„durchaus genüge, um die Unter- st ii tz u» g eines solchen Mannes für jeden Boden» r c so r ni er einfach u n m ö g l i ch zu mache n". Diese Erklärung enthält eine auffällige Lücke. Daß Damaschke als B o d e n r e f o r m e r sich gar nicht anders zu Wolf stellen dürfe, das habe» wir schon mit Tage nach der Hauptwahl aus- tiaprochcn. Wen» er jetzt den Bodcnreformcrn unter seinen Wähleiii ciiipffehlt. nicht für Wolf einzutreten, so wolle» wir hoffe», daß seine bodcnreforiucrischcii Wähler es ebenso für ihre Pflicht halte» werden, diesen Rat zu befolgen, wie Damaschke es für seine Pflicht gehalten hat. ihn zu geben. Doch Herr D. hol ja nicht bloß die Sttninieii von Bodenreformern bekomineii. Als Kandidat einer „Mieterpartei", nicht als Kandidat des„Bundes deutscher Bodenreformer", ist er i» den Wahllanipfgezogen. Er wird selber nicht bc- hanpten wollen, daß sämttiche Anhänger dcr Mieterpartei bereit» von seilten bodenreformttischcn Ideen durchdrungen seien. Die meisten sind, ohne von dem Wesen der Bodeiircsorm eine Ahnung zu haben, nur deshalb zu ihm gekommen, weil er ihnen billige Wohnungen versprach. Wanmi fchwcigt nun Herr Damaschke in seiner Erklärung von dcr M i e t e r p a r t e i? Halt er es nicht für seine Pflicht, auch den R i ch t- B o d e n r e f o r in c r n iiiitcr scinca Wählern einen Rat zn geben? Es ist möglich, daß Herr D. diesen einen andern Rat geben würde, als den Bodcnreformcrn: möglich, daß et feine ans allen Richtnnge» zusainmcngetrommcltcn Anhänger jetzt, nachdem er für sich selber nichts hat erreichen könne», wieder nach allen Nichtnngen auseinander lausen lassbst will. Aber auch dann müßte er es für seine Pflicht halten, sich offen darüber zu erllären. In der an« Donnerstag von socialdeniokratischer Seite veran» stalteten K o rn in u n a l iv ä b l e r- V e r s a m in I u n g bei Ahl ens, dcr ersten nach dcr Hauptwahl. erregte es Berionndenuig, daß Herr Damaschke, der vor dem 14. Februar so fleißig die Versaimnlungc» aller ihn, gegenüberstehenden Parteien besucht und so eifrig auf die Wähler eingeredet hatte, mm mit cincii« Male v ö l l i g u n s i ch t b ar blieb. Es heißt, daß erst am letzten Abend vor der s-tichwahl eine Versaiiimluiig dcr Mieterpartei stattfinden soll. in der Damaschke'» Wähler Stellung nehmen wollen. Ist da« nicht ei» bißchen spät. Herr Damaschke? Ist es nicht viel z» spät, als daß�Sic dann noch einen nennenswerte» Einfluß aus Ihre Wählerschast außnben köimten? Am Ende steckt hinter diesem Beschluß irgendein Drückeberger. dcr verhindern möchte, daß Herrn Da»iaichke4> Rat an seine n> ck t- bodcnrcformerischcn Wähler noch vor der Stichwahl zu eingehend diskutiert werden kann......... Inzwischen werden unsre Moabitcr Genossen ihrerseits bemüht fein, in möglichst weiten Kreisen dcr Wählerschaft des 44. Bezirks die lleberzeugiing zum Durchbrnch ZU bringen, daß für einen Mann mit so völlig un socialem Empfinden, wie den Kandidaten der Biirgerpartci, Herrn Bäckermeister Wolf, in der Berliner S t a d t v e r o r d n e t e n- V e r s a m m I u n g k e i n Platz sein darf, Tic Berliner Geburtenziffer wird in dem neuesten Jahrgang de- ,. Statistischen Jahrbuchs der Stadt Berlin" für den Zeitran'm von 1816— 1807 mitgeteilt. In der Bewegung der Geburtenziffer in' diesen 82 Jahren werden' d r e'i Perioden unterschieden. Die erste reicht von 1816— 1862. Die Zahl der Geborenen war in dieser Periode fast nie unter 32 pro 1000 der Bevölkerung— nur im Teuerungsjahr 1847 und im Revolutionsjahr 1848 war sie mit 31,00 bezw. 31,70 pro 1060 noch niedriger— und niemals über 39 pro 1000 der Bevölkerung. In der zweiten Periode, die von 1363—1882 reicht,>var die Geburten- ziffcr fast ausnahmslos höher als 30 pro 1000 der Bevölkerung — nur im KriegSjahr 1871 sank sie bis auf 36,42 pro 1000. Den höchsten Stand erreichte sie in den Jahren 187ö und 1876 mit 46,15 bezw. 47,10 pro 1000. Bon da an sank sie rasch und ununterbrochen, so daß sie am Ende der zweiten Periode, im Jahre 1882; nur noch auf 30,30 pro 1000 stand. Im Verlaufe der dritten Periode sank die Geburtenziffer tveitcr. Bon 18 03 an war sie bereits niedriger als im Jahre 1848, das bis dahin mit seinen 31,70 pro 1000 das ungünstigste gewesen war. und im Jahre 1807 stand sie nur noch auf 20,46 pro 1000. Jnzlvischcn ist, ivie sich aus den vorläufigen Erinittelungcn für 1808 und 1800 ergiebt. noch ein iv e i t e r c r Rückgang eingetreten.— Die Abnahme der Geburten tritt übrigens noch viel schärfer hervor, wenn die Zahl der ehelich G e b o r n e n mit der Zahl der Ehefrauen verglichen wird. Die ehelich Gebornen waren 1876 240.3 pro 1000 Eheftaiien, aber 1807 nur noch 136,3 pro 1000 Ehefrauen. JrUr die Zulassung von Franc« zur Universität Berlin hat sich jetzt eine bestimmte Praxis eingeführt, die soeben mit Zu- stimmuug von Rektor und Senat formuliert worden, ist. Es bedarf, wie man weiß, der Erlaubnis des Rektors, die in jedem Semester nachzusuchen ist. Festgestellt ist nun, welche Zeugnisse über die Vorbildung bis- auf weiteres als genügend angesehen werden. Bei In länderrnn cn gilr als ausreichend: Entweder 1. das Zeugnis der Reife mindestens für die Obersekunda eines deutschen Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Obcr-Rcalfchnlc; oder 2. das Zeugnis über die bestandene Lehrcrinuen-Prüfuug: oder 3. das Zeugnis über' die erfolgreiche Absolvicrnng einer höheren Mädchenschule in Verbiiidung mit guten Zeugnissen staatlicher Kunst- Institute; oder 4. Zeugnisse über hervorragende Leistungen als Schriftstellerin oder Künstlerin. Die Neuverpachtung der Flcischkochaustalt und Schmelz- knche des städtischen Schlachthofes soll bekanntlich am 1. April d. I. erfolgen;. die drei Meistbietenden haben, wie die„Allgemeine Flcijchcr-Zcitmig" berichtet, je ein Gebot von 270 000 Mark ab- gegeben, die drei nächsten je ein solches von 226 000 Rk. und ein siebenter Bewerber hat 110 000 M. geboten. Der Zuschlag ist noch nicht erteilt. Probefahrtcu mit einem elektrischen Omnibus für die i» Betrieb zu fetzende Lime Anhalter Bahnhof— Stcttincr Bahnhof haben in den letzten Tagen stattgcstmdcn und einen guten Erfolg gehabt. Ter veryältitisMcitzig lcichtgcbante Wagen erwies sich als leicht lenkbar»nd konnte ohne. Schwierigkeiten auch kurze Kurven nehmen. Sobald alle für den Betrieb erforderlichen Wagen fertig find, was in kurzer Zeit der Fall sein dürfte, wird diese erfte'clcktrische OnniibnSlinte eröffnet werden. Große Aufträge tu Hcrren-Koufcktionsartikcl» zur Lief« rung nach Transvaal find in den letzten Tagen hiesigen Herren- konfektiollS-EngroSsirmen erteilt worden. Aufgeber dieser Bestellungen ist ein Hamburger Exporthaus. ES find, wie der„Konfektionär" meldet, circa 42 000 Anzüge und.Mäntel, meistens aus Lodenstoff'cn, bestellt worden, welche bis zum 12. März ausgeliefert werden muffen. Diese Ansträge wurden früher immer in England unter- gebracht. Ter ReichSglölkuer Gehlfc» soll. wie eine Gerichts- korreffiondenz meldet, im Moabit« UiitcrsuchimgSgefätmniS fast ganz erblindet fein, fodaß eine Operation für notwendig gehalten wird. Tie Nummer 8 der anarchistischen Zeitschrift„Reucö Leben" ist gestern wegen des Leitartikels„An die Arbeiter" lon- f i s c i e r t worden; den Rcdactenr des Blattes, H. G o fi in a n u. hat die Polizei verhaftet. Gestern morgen O'.e Ilhr beschlagnahmten uniformierte Schutzleute die noch in der Expedition vor- gefundenen Exemplare: um die Mittagsstunde fand durch Beamte der politischen Polizei vergebliche H a u S s n ch u n g nach dein Manuskript des für strafwürdig angesehenen Artikels statt. Aufsehen erregt das Verschwinden eines hiesigen Baumeisters F., der seiner Zeit verschiedene' Nenbautcn in den Zelten aufgeführt, grosse Ländercien in FriedrichSberg und Lichtenberg besitzt und für einen reichen Mann gilt. Vor längerer Zeit wurde er wegen Wechsel- schiebnng angeklagt, konnte sich aber von dem Verdacht reinigen. In jüngster Zeit ist gegen ihn von neuem der Verdacht der Wechsel- fäkschNng zu'Tags getreten.' ._ Bcrschwundcn ist seit cinigen Tagen der 31 Jahre alte Konditor Jäkel ans der Müllcrstrasze 178. Jäkel, der ein gutgehendes Ge- schäft hatte und Witwer war/ heiratete vor enicm Jahr'zum zweiten- male. Vor kurzem erklärte er seiner jungen Frau, dajz er nach Darmstadt zu Verwandten reisen müsse. Als er nicht wieder kam. lieh die Frau den Geldschrank gewaltsam öffnen. Der Schrank war leer. Jäkel hatte nicht nur die aus der Mitgift seiner zweiten Frau stammenden 10 000 Mark, die in Papieren angelegt waren, sondern auch das für den Geschäftsbetrieb erforderliche Kapital in Höhe von ca. 10 000 M. mid ein Sparkaficnbnch über 300 M.. welches einer Verkäuferin des I. gehörte, mitgenommen. Die sofort angestellten Nächforschnngcn ergaben, dah I. sich mir drei Tage in Darmsladt aufgehalten und dann weiter gereist ist. Wohin er sich von dort begeben, konnte nicht ermittelt werden. Ter„verlorene und wiedergefunden«/� Milliouärssohn. Wiederergriffen winde der 13 jährige Sohn Otto des Millionärs Lenz ans einem Berliner Vororte, der, wie wir kürzlich meldeten. nach Empfang eines größeren Lvttericgewinns sein Lehrinstiint in Moabit heimlich verlaffon hatte. Der kleine„Millionär" batte in- zwischen ein flottes Leben geführt und war häustgcr Gast in Restaurationen niit weiblicher Bedienung. Gestern' wurde der Flüchtige von zivci Kriminalbcomten in der Marchstrahe zu Ehar- lottcubnrg angetroffen und festgenommen. Die von dem Vater des jungen Mannes für feine Erinittclnng ausgesetzte Velohnnng von 300 M. wird mm den beiden Beamtet« in Eharlottcnbnrg zufallen. Ei» rcichgcfülltcs Hchlerncst konnte infolge angestrengter Beobachümge» der Kriminalpolizei am Freitagmittag von Beamten der Inspektion B nnsgeiiommcn werden. Es befand sich zur allgc- meinen llcberrafchnng in einem imscheinbaren Obsttcller der Friedrichsträhe. also in der vornehmsten und verkehrsreichsten Gegend Berlins. In der Nacht zum Freitag wurden in der Krausensträhe zivei bekannte Kolliöiebe verfolgt, die vorher bei der That in der Schützenstrahe abgefaßt waren, denen man aber die Beute— zwei Ballen Tuche— belaffen hatte, damit sie der Kriminalpolizei den Weg zum Hehler selbst zeige» sollte». Beide Ziichthänsler und mit dem Handivcrk genau vertraut, ginge» nicht gleich in die Falle, sondern zogen mit ihrem Bündel in weitem Kreise umher. Bald sah man sie am Moritzplatz, Vald vor dem Hallcschen Thor, dann lvieder in der Königgrätzcrsträhe und zivifchendlirch in verschiedenen Wirtshäusern. HS war eine schwierige Aufgabe für die drei Beamten, während der fast vierstündigen Beobachtung unbemerkt zu bleibe». Endlich '.glaubten sich die Verbrecher Zicher und schlichen einzeln in das Haus Friedrichstrahe 32. das der Obsthändler Joseph Lütt gen s um 4 Uhr morgens ichqn wieder, geöffnet hatte, weil er Lbstwaren ein- 'brachte... Die Beamten sahen- ruhig zu. wie die Diebe mit ihrer Last in den liefen.geller hinabstiegen und nahmen sie erst spater ans der Straße fest, ohne daß cs der Obsthändler gewahr wurde, ließen auch diesen in der Frühstunde unbehelligt. Das Lager des Hehlers erwies sich viel reichhaltiger an DicbSgut, als an Obst. Nicht bloß die Seidenstoffe aus dem Einbruch in der Leipzigerstrahe, fondern auch Tuchballen, Ikebcrgardmeu, Wäsche, Dekatursachcn usw. waren mit großem Geschick zum Teil in Kisten unter Kartoffeln, zum Teil in Obstkisten versteckt. Liittgens wanderte mit- saust. seiner. Lebensgefährtin und einem Hansdiencr in Untersuchungshaft. Später wurde auch noch die Privatwohiiung durch- sucht, Ivo gleichfalls eine Menge gestohlenen Guts in und unter Betten, in Bezügen und Schränken entdeckt werden konnte. Das Hchlergut war so umfangreich, dah cs in mehreren Droschken nach dem Alexander- platz befördert werden»iiißte. Durch eine» Absturz ist am Freitagnachmiitag um 4 Uhr der 26 Fahre alte Arbeit« Wilhelm Met'tke ans der Tilsiterstr. 80 schwer verunglückt. Er war auf dem Neubau des Gerichtsgebäudes in der Neuen Friedrichstrahe hoch oben auf einer Leiter, um Materialien hinauf zu schaffen. In Höhe des dritten Stocks trat er fehl und stürzte jäh hinab. Mit Arm und Beinbrüchen wurde er in einem Lnckjchcn Wagen nach dem Krankenhaus am Friedrichs- Hain gebracht. Der Schlächterwagen. Sehr schwer verletzt wurde durch Ueberfahren von einem Schlächtcrwagcn die 20 Jahre alte Tochter Martha der Packmeister Witteschen Eheleute ans der Angnststr. 64. Das junge Mädchen ivollte gestern morgen INN 1014 Uhr an der Ecke der Friedrich- und Taubcnftrahe über den Fahrdamm hinweg- schreiten, als das im Trab ankommende Gefäbrt es umwarf und so unglücklich überfuhr, dah ihm die Räder über Kopf und Leib gingen. In bedenklichem Znstand wurde Martha Witte init einem Unfall- Wagen nach einem Krankenhaus gebracht, Ivo sie bewußtlos eintraf. Die Sterblichkeit im Januar dieses Jahres war in Berlin so hoch wie seil langem nicht in demselben Monat. Räch den statistischen Anfzeichnnngen starben 2843 Personen, das find fast 200 mehr als in« Jaiinar 1800 und über 400 mehr als ini Januar 1808. Zahlreicher als in den Vorjahren waren unter den Todcsnriachen besonders die Erkrankungen der Atmiingsorgane. An der Spitze standen Lungenschwindsucht(einschließlich Lungenleidcn und Abzehrung) mit 413 Fällen(Vorjahr 374) und Lmigenciitzündimg mit 252 Fällen(Vorjahr 214). Ilngeivöhnlich koch war die Sterblich- keil auch bei Kcuchhiiften mit 88 Fällen(Vorjahr 53) und bei Scharlach mit 67 Fällen(Borjahr 34). An Influenza starben im Januar 47 Personen(Borjahr 20). Eine Ausstelluiift von Flug und Rassetauben veranstaltet der durch seine tiüheren Leistungen bctaiintc Beritner Flugtaubest- verein„Osten" vom 24.— 26. Februar in den Festräumen des Herrn M. Gold, Berlin, Große Jrankfurierstr. 133. KiestliiigS Berkekrsplau der fudlurstlichen Borortr von Berlin ist zum Preilc von 1 M in neuer Auslage erschienen. In der neuen Auflage erfolgte Etiittagmig des völlig geanderten Schvncberger Bebanungs- plons zwischen Eharlottenburg und SiidringbaKli, des in den Potsdamer Ringboimhos einmündenden neuen Geleises der Anhalter Bahn mit der neuen.Haltestelle General Papestraße, des neuen Botanischen Gartens und Kreis-Ärankcnhanles bei Dahlem usw. Theater. Im Deutschen Theater geht am heutigen Sonnabend Max Halbes neues Drama„Das tausendjährige Reich" mit folgender Be- sctzung der Hauptrollen zum erstenmal in Scene: Fritz von Biberstein: OScor Sauer; Pastor Nilolai: Ed. von Win! erstem; DrewsS: Emanucl Reicher; Frau DrewsS: Else Lehmann; Leite, beider Tochter: Lotti Sarrow; Krebs: Hanns Fischer; Hinz: Georg Engels; Gersteitberger: Hermann Nissen: Mein Paul Pauli; Womkc:'Adolf Kurth; Petersen: Paul Schwaiger; Grenz: Max Reinhardt; Joergen: Friedrich Kanßler; Piersch: Bruno Z teuer; Zimmermaiiii: Richard Vallentm; Müller: Kurt Junker; Bogt: Bruno Köhler.— Im C e n t r a l- T ft c a t c r wird nächste Woche wieder..Die Puppe" aufgesiihrt werden.— Im Apollo- Theater näher» sich die Ailfführungcn der AitsstatNingsoperette„Im Reiche des Jndra" dem ersten Jubiläum.— Im Passagc-Theatcr tritt mit' dem l. März wieder ein vollständiger Progrommwcchsel ein. Als Hanptanztehiingskrast für de» März dürfte der unverbrennbarc indische Falier Ereoovani Kalakutta gelten. Die ncucrössneten Katakomben von Palermo sind in den ersten jüns Tagen von rund 7000 Personen besucht worden. Die Treptow-Sternwarte hat die neue Einrichtung getrosten, ihren Besuchern Gelegeulicit zur Auifindung der Sternbilder zu geben. Nach dem Vortrag des Direktors A r ch e» h ö l d über„Die Oriemierung am Himmel", der Sonntagnachmittag 5 Uhr stattfindet, werden praktische Nebungen in der Auffindung der Sternbilder abgehalten.— Das Thema für den 7 Uhr- Vortrag lautet:„Die Bewohnbarkeit der Welten". Mit dem RiescNresroktör wird bis zum Wiedcreriäicuien des Mondes nachmittags die Sonne und Venus beobachtet, abends der Orionnebel. Aus den Nnchbium'te». Steglitz. Zur Agitation für die bevorstehenden Gemeindewahlen findet am nächsten Dienstag um 8 Uhr eine öffentliche Ver- faminliing bei Schellhaaje, Ahornstr. 13». statt, in ivelchcr die socialöemokratischcn Kandidaten Genossen Rapp und Mohr ihr Pro- gramm entwickeln werden. Die Versammlung des Arbcitcr-BildnngS- Vereins fällt ans.— Die Verbreitung der G c m c i n e w a h l- Flugblätter findet Sonntag. früh 8 Uhr siatt. Die Genossen des ersten BerzirkS werden ersucht, sich pünktlich bei Schellhaase einzufinden. Im zweiten Bezirk ist der Sammelpunkt Kaiserhallcn und Märlsteinstr. 1. früher Geil. Die Stadtverordneten. Versammlung in. Nixdorf nahm vor- gestern Stellung zu dem Vorschlage des Magistrats, eine Anleihe von drei Millionen Mark aufzunehmen, womit die in den nächsten 3 Jahren zu erfüllenden einmaligen Gcineindebedürfnisse gedeckt werden sollen. Es werden u. a. gebraucht zum Neubau des Amtsgerichtsgebändes als zweite Rare 373 000 M.. zur Erweiterung der städtischen Krankenanstalt 73 000 M., zur Ausführung von Straßen'- Pflasterungen 136 000 M.. zur Deckung der Kosten für das neue Kirchhofsgebäude am Mariendorfer Weg 303 000 M., zum Bau dos Realschulgebändes(letzte Rate) 360 000 M., zum N.üshmisanban 225 000 M., zur Erweiterung der Gasanstalt 300000 M., zism Bau einer Straßcnreiuiginigsanstalt in Verbindung mit einem erweiterten Fcnerwehrdepot 100000 M.. zum Neubau von Schnlgebändcn 004 000 M. Die Lebenspersichenings-Baiik in Gotha, die das Geld hergeben will, fordert l*/* Proz. Zinsen. Nach der mündlichen BegriindWg des ersten Bürgermeisters ist jetzt nirgends Geld billiger zu bekommen. Man wolle deshalb von der beabsichtigte» 10 Millionen- Anleihe Abstand nehmen. Stadtv. R e tz e r a u wünscht, daß der Bau der projektierten Gasanstalt nicht zu lange hinausgeschoben werde. Ferner sei bedenklich, daß die Schaffung eines zweiten Druckrohrs für die Kanalisation verschoben sei, auch müsse an den Bau einer Krankenanstalt gedacht werden. Bürgermeister B o d d t n sticht die Bedenken unfres Parteigenossen zu zerstreiten; es sei nicht angebracht, sich jetzt mit einer größeren Anleihe auf den hohen Zinsfuß von il/4 Proz. festzulegen. Nack längerer Debatte wurde die Vorlage des M a g i st r a t S. a n g e n o m in c n und beschlossen. hei Ge- nehmigutlg' der Anleihe durch die Regierung den»enlichen Beschluß. zur Erwetterung der Gasanstalt ans der städtischen Sparkaffe ein Darlehn von 200 000 M.' aufzunehmen, unausgeführt zu lassen, da der Betrag in der Dreimillioneii-Ailleihe enthalten ist. Einem Borschlage des Magistrats gemäß wird die Tiefbau- Deputation als V e r k c h r S- D e p n t a t i o n konstituiert. Die Stadtverordueten-Vcrsammlung erklärte sich weiter damit einverstanden, daß die Entwürfe des Magistrats zu einem Orts- tatiit, durch welches die Aiistell.uugS Verhältnisse der in der städtischen Verivaltung beschäftigten Personen zu regeln sind, der „Kommission zur Prüfung der neuen Berwaltnngs-E'mrichtungen" zur Borberatung überwiesen werden. Dieselbe Kommission, der auch drei Soeialdemokratxn angehören, soll auch ein Regulativ über die Besoldung und ein solches, Dienftreise-Entschädignng betreffend, vorberaten. Aus Rixdorf. Polizeilich beschlagnahmt wurde die Leiche des 51 Jahr alten Tischlers August P.: aus der Urbanstraße 70. P. wurde gestern morgen in seiner Laube am Lohmühlenweg erhängt aus- gefunden. Ein schweres Gemütsleiden soll ihn in den Tod getrieben haben.— In Haft genommen wurde hier der Schneider Ferdinand Korth. Korih hat an einem der letzten Abende den Restaurateur Ernst Schulz in der Prinz Handjerystmße 10 in seinem eignen Lokal überfallen und ihm ein Portemonnaie mit 43 Mark- Inhalt ent- wendet.— Eine eigne Sterbekasse' haben sich jetzt die hiesigen M a g i st r a t s b e a m t e n und Gemeindelehrer begründet. Man hofft, daß die Stadtgemcinde das Unternehmen finanziell unter- stützen werde. Die»cueStraßcubahuliuicVcilin— Schöneberg— Wilmots- darf— Schmargendorf, welche die westliche Vorortbahn-Gesellschaft einrichten wird, soll am 1. April ds. Js.. eröffnet werden. Sie soll elektrisch betrieben werden und vo» der Eichhorn- bezw. Linkstraße aus durch die Flottwell-, Dennclvitz-, Bülow- und Mansteinstraße zum Wannsee- Bahnhof„Großgörschenstraß«", dann in Schöneberg durch die Kaiser Friedrichstraße über die Hauptstraße hinweg und durch die Grunewaldstraße nach Wilmersdorf, hier durch die Berliner- straße und endlich hinaus nach Schmargendorf führen. Govirfiks-Äeitmrg« Auf abschüssiger Vahu bcsilldet sich der frühere Schutz» mann Otto Reinicke, der gestern: dem Schöffengericht ans der Untersuchungshaft vorgeführt wurde. Reinicke ist feit dem 1. Januar d. I.'seiner dienstlichen Stellung enthoben lvorde». Er hat feil dieser Zeil verschiedene Schwindeleien und auch einen Dieb- stahl begangen. Dem Wirt, bei denn er wohiste, ent- ivendete er einen Anzug. Dann Mb- er sich in dem Revier, in dem er angestellt gewesen, immer noch als Schutzmann aus und begründete sein Erscheinen im bürgerlichen Anzüge damit, daß er Kriminalbeamter gelyorden sei. Bei dem Barbier, den er zu besuchen pflegte, lieh er sich, fünf Mark. Auch einem Schankwirt gegenüber gab er sich als Kriminalbeamter ans und ver- langte von ihm sechs Mark Darlehn unter der Drohung, daß er ihn zur Anzeige bringen würde, wo er nur Gelegenheit dazu finde. D« Staatsanwalt sah in diesem Fall eine Erpressung und wollte die Sache deshalb an die Strafkammer verweisen, der Gerichtshof«- blickte darin aber nur einen Betrug.und. verurteilte den An- geklagten wegen sämtlicher Strafthaien zu ein« Gefängnisstrafe von zwei Monaten. Ein Skaudalprozest, in dem ei» katholischer Ordens- Priester die Hauptrolle spielt, hat vorgestern vor dem Schöffen- gcricht in M ü n ch e n seinen Anfang gepomme». Es handelt sich »in eine Privat-BeleidigungsUage. die der italienische Ordenspriest« Dr. Peter Natal! gegen den Schriftsteller Maximilian Gerard angestrengt hat. Gcrard hat den Priester, der in München eine Kongregation für ambulante Krankenpflege begründet hatte, in einem Schreiben der schwersten Verfehlungen gegen die Sittlich- keil geziehen. Thatsächlich ist Natali vor einiger Zeit wegen Ver- brechenS wider die Sittlichkeit, Abtreibung der, Leibesfrucht und Ver- gchens des Betrugs in Uiitcrsuckuiig gezogen, mangels ausreichender Beweise jedoch wieder außer Verfolgung gesetzt worden. In der unter Ausschluß� der Oeffcntlickkeit geführten VerHand- lnng bekundete zunächst die Schuhmqshers-Ehefran.Straudinger, daß sie öfters verbotenen Verkehr niit dem Priester gepflogen habe. Ein- mal sei ihr durch ei» Medikament die Leibesfrucht abgetrieben worden: 1888 habe sie einem Mädchen das Leben geschenkt, dessen Vater Natali sei. Es sind im ganzen etwa 40 Zeugen geladen. Zum Polizeikampf gegen die Streikposten. Der letzte Mciallschleifcr-Streik hat den streikenden Arbeitern-wieder eine große Anzahl von Strafmandaten wegen Streikposten st e Heus eingetragen. Der Schleifer Klopfch erhob dagegen Widerspruch und beantragte richterliche Entscheidung. In der Hanptverhandlung am 22. d. M. stellte sich nun heraus, daß der Schutzmann den Klopsch zum Weitergehen mit den Worten aufgefordert hat:„Wenn Sie h i er S tr'e i k p o st e n stehen, ersuche ich- Sie weiter- zugehn." Der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsainvalt Dr. Heineman», beantragte die F r e i s p r e ch u n g. da eine bedingte Anffordernng nicht ausreiche: Einer solchen branchre der Angeklagte in der That nicht Folge zu leisten. Der Gerichts- Hof schloß'sich diesen Ausführungen an und erkannte auf Frei'- s p r e ch u n g.___ Vevs« ttnnl u ttgen. Eine Kommtmalwähler-Versammlung, einberufen vom social« demokratischen Wahlkomitee, tagte am Donnerstag im Saale der Ahrensschcii Brauerei Moabit, in der der Reichstags-Abgeordnete P f a n ii k n ch über die bevorstehende Stichwahl im 44. Kommunal- Wahlbezirk referierte. Der Redner wendete sich insbesondere gegen die„parteilose" Bürgerpartei, deren angebliche Mittelstandsrctterei er einer treffende» Kritik unterzog und gegenüber deren belanglosen Vcriprcchlingcn er die bisherige Thäligkcit und Erfolge sowie die weiteren Bestrebungen der Socialdemokratic eingehend beleuchtete. Mit der Anffordernng, am 0. März geschloffen für die Social- dcmokratie cinzntreten, um unsrem Genossen Th. Glocke zum Siege zu verhelfen, schloß der Redner den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag. Nach einer-kurzen DiSlnsston im Sinne des Referats, an der sich auch der Kandidat nnsrer Partei Glocke beteiligte und in der zur regen Agitation aufgefordert wurde, erfolgte Schluß der Bersamnrtung mit einem kräftigen Hoch auf die Social- demokratie. Am Sonntag wird ein Ftiigblntt verbreitet werden und ist eine zahlreiche Teilnahme der Parteigenossen recht erwünscht. Am 6. März findet im Saale der ArenSschen Brauerei eine Konimunak- wähler-VersammIung statt, in der ReichStagS-Äbgeordncter P. Singer das Referat halte» wird. Die Ra t ip n a l- S aei a l e n, die sich vor der letzten Wahl an allen Versainmlnngcn beteiligt habe» imo die diesmal durch Abwesenheit glänzten', werden, wie mitgeteilt wurde, am 8. März eine Bcrsaimnlnng abhalten, um über ihre Stellungnahme bei der Stichwahl zu beschließen. Der socialdeniokratische Wahlverein für den 3. Wahl- krciS hielt am Dienstag im Schultheiß in der Neuen Jakobstraßs eine giitbefiichte Versammlung ab. Genosse Fpitz czab zunächst ve- kannt', daß die Streitigkeiten zivischen einzelnen Parteigenossen des Kreises zur Zufriedenheit beider Teile beigelegt worden seien. (Bravo.) Dann hielt ReichStags-Abgeorduet« W. B l o s einen inkcrcfiantcn Vortrag über:'„Die Slaatshinst Bismarcks". Redner zeigte, lvie der angeblich größte.Stgatsmanil des 10. Jahr- Hunderts nn Laufe seiner langen politischen und siaatsmännischen Wirksamkeit so manche Wandlung durchgemacht habe. Als er 1847 ans dem vereinigten Landtage Preußens hervortrat, da fci er ded vollblütige Repräsentant des alten nrprenßischen Jnnkcrtnms ge- Wesen, jenes Jnnkeriinns, das nicht Preußen in Pentschland, sondern Deutschland in Preußen aufgehen sehen wollte. Seine Er-folge in der Politik verdanke er einer Art politischer Psychologie.- die er sich als Gesandter, Botschafter ec. bei� ausländischen Regierungen erworben habe. Er habe eS gut verstanden, de» Gegner ins Unrecht zu setzen und dadurch für sich und seine Pläne Stimmung zu machen. Jedes zweckdienliche Mittel sei ihm bei; Verfolgung sein« Ziele recht gewesen. So habe Bismarck in den 60er Jahren die Arbeiter gegen die Bourgeoisie mobil zil machen gesucht und dmm entgegen seinem früheren feudalen Standpunkt das aflgememe Wahl- recht im Rordbund eingeführt, indem er einen gclvijicn Liberalismus zur Schau getragen habe. Auch die Emser Depesche in seiner Fassung sei ein Kind dieser Staatskuiist. D« Rcjercut ging noch ans das Socialistengesetz, die VersichennigSgeictzgebnng und ans den Ilmschlvmig in der Wirtschaftspolitik, der die Liebesgaben brachte, ei». Er kam zu dem Schluß, daß ein neuer Bismarck, der jetzt oft genannte „starke Mann", wie ihn die Agrarier nsid sonstigen Reaktionäre sich wünschten, die Hoffnungen der Herren nicht erfüllen könnte/ Die Entwicklung der Technik' und der Bcrkeh'rSinitt'el mache ans Dcutsch- laüd immer mehr einen Industriestaat: inid werde so manches Ueber- dleibscl ans feudaler Zeit zum Stürzen bringen.(Lebhafter Bei- fall.)—— Der Vorsitzende ersucht die Mitglieder, in Zukunft mög- lichst früh zu. den Versammlungen zu erscheinen, da man sie fortan gegen ViO Uhr eröffnen wolle. Die HaudelShilfSarbeiter vomLokalverband hatten für Dienstag eftte Versammlung einberufen, die von etwa 500 Frauen und Männern besucht war. Rcichstags-Abgeordnetcr Agster referierte über die UnfallversicherungS-Novclle unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse der Handelshilfsarbeiter und verwandten! Berufsgcuossen Im besondern forderte er für alle als Handelshilfsarbeiter Beschäftigten die Ausdehnung der Versichcrungspflicht. In diesem Sinn entschied sich auch die Versammlung. Sodann wurde der Bericht über die Angeleczew heit mit der Finna A. W e r t h e i m erstattet. Bereits in einer früheren Versammlung waren Beschwerden über die Firma Wertheim zur Besprechung gelangt und zur Untersuchung derselben eine drei- gliedrige Kommission gewählt worden. Rein hatte namens dieser Konimission Herrn Wertheim um Berücksichtigung dieser Beschwerden ersucht, darauf aber eine abschlägige Antwort erhalten. Die Eni- lassung einiger Hausdiener wurde von der Firma damit begründet, daß die Entlassenen zum Schaden der Firma thätig waren. Als Rein vorstellig wurde, wurde ihm erklärt, daß er sofort die Geschäftsräume verlassen solle, weil man mit ihm nichts zu ver- handeln habe, da er ein„Hetzer" sei. Gleich darauf ivurde von der Firma ein sehr umfangreiches„Rnndschrciben" an sämtliche Hausdiener im Geschäft verteilt, in dem die Firma ver- sucht, alle Angriffe und Vorwürfe als unberechtigt zurückzuweisen. Zwei Redner bestätigten die von Rein gemachten Angaben über un- gerechte Behandlung, ungenügende Bezahlung von Ueberstunden zc. sowie allzu hohe Strafgelder. Es könne dabei wohl zugegeben werden, daß diese Ungerechtigkeiten zumeist von Angestellten der Finna, ohne Wissen und Wollen des Herrn Wertheim verübt würden. Mehrere Hausdiener sowie ein Herr Z a n d e r von Wertheim ver- suchten in längeren Ausführungen die Vorwürfe gegen die Firma zu entkräften, wobei sie von einem Mitglieds des Vereins der Haus diener unterstiitzt wurden. Straube und Rein widerlegten unter lebhafter Zustimmung die Angriffe gegen ihre Darstellung. Gegen etwa 40 Stimmen gelangte schließlich eine Resolution zur' Annahme in dem Sinne, daß die Versammlung nicht vom Gegenteil der wider die Firma gerichteten Angriffe überzeugt ist. Die Kommission wurde beauftragt, weitere Schritte in der Angelegenheit zu ver- anlassen. Die Kleber(Tapezierer) nahmen am Donnerstag in einer öffentlichen Versammlung, die sie in der Juselstr. 10 abhielten, den Bericht über den Stand ihrer Lohnbewegung ent gegen. Straffer berichtete, daß seit dem Montag bereits wieder zwölf Arbeitgeber bewilligt hätten. Die Forderungen seien jetzt in 8ö Wcrkstcllen bewilligt, während sie in III Werkstellen geltend gemacht worden seien. Das Resultat sei derart, wie man es kaum besser wünschen könne. Von Tag zu Tag liefen Bewilligungen ein. Von 400 Kollegen, die sich beteiligten. arbeiteten 240 zu de» neuen Bedingungen, es seien also davon' nur noch ein Drittel im Ausstande. Bedauerlicheriveise hätte» sich 40 Kleber, die mit in den Streik getreten sind, nicht mehr bei der Kontrolle gemeldet. Gegen 100 Kleber hätten sich dem Streik nicht angeschlossen, es sei aber zu erwarten, daß sie sich zum großen Teil noch dem Streik anschließen. Von wesent licher Bedeutung sei. daß sich hauptsächlich die Kollege» aus den besseren Werkstätten am Streik beteiligt' hätten und nieistens schon zu den neuen Bedingungen arbeiteten. Redner rügt das Verhalten des Nnternehmers' Seifert der Lohn tommission gegenüber. Herr Seifert habe die Lohnkommission zum Zweck einer Verhandlung in eine Kellnerinnenkncipe bestellt. Die Kommission sei auch erschienen, habe aber gleich erklärt, sich n u r auf ernste Unterhandlungen einzulassen. Dann habe der gute Mann seine streikenden«lrbeiler aufgesucht und ihnen erzählt. sie hätte» eine nette Kommission, denn die triebe sich ja in Weiber- kneipen umher. . Die Kommission schlage vor. den Streik noch die nächste Woche hindurch lvie bisher fortbestehen zu lassen. Neuerdings hätten sich die Kollegen bei Hoffmann in der Köpenickcrstraße entschlossen, die Forderungen zu erheben und eventuell in den Ausstand zu treten. Es wurde festgestellt, daß die Polsterarbeiter, die vorübergehend Älebe-Arbeitcn ausführen müssen, ebenfalls die Anerkennung des Tarifs zu verlangen hätten. Die Versammlung beschloß einstimmig, daß der Streik wie bisher fortzusetzen sei. Die Bürsten- nnd Pinsclmacher beschäftigten sich am IS. Fe- bruar in einer stark besuchten Versammlung mit der Stellungnahme zur Lohnbewegung. Empfohlen wurden von dem Referenten folgende Forderungen: I. Verkürzung der Arbeitszeit auf 64 Stunden pro Woche und eine prozentuale Lohnerhöhung. II. Minimal-Arbeitsverdienst von 21 M. für jeden Durchschnittsarbeitcr. III. Die Accordarbcit ist in den Betrieben abzuschaffen, Ivo ein ungeregeltes Arbeits- Verhältnis vorhanden ist, das heißt wo die Geselle» gezwungen sind, pernianent verschiedene Arbeiten an einem Tage in Angriff nehmen müssen, und somit den betreffenden Gesellen ein derartiger Lohnausfall wird, daß auch mit einer erheblichen pro- zeutuale» Erhöhung der Minimallohn von 21 M. uicht erreicht würde. IV. Den Lohnarbeitern ist cS freigestellt, außer der Wer- kürzung der Arbeitszeit eine prozentuale Lohnerhöhung über den Minimalsatz von 21 M. zu fordern. V. Der Minimallohn für Extra- arbeiten beträgt 40 Pf. pro Stunde. VI. Abschaffung der Heber stunden. 3« der Diskussion stimmte man diesen Vorschlägen zu und sollen dieselben der Innung unterbreitet werden. Bis zum 1. März er- wartet man die Antwort zurück. Die Parkettbodenleger besprachen am 18. d. M. ihren neuen Tarif. Die Diskussion war eine lebhafte, daß man nur bis zur Position 7 des Tarifs gelangte und dann die Beratungen auf all- gcntcinen Wunsch auf acht Tage vertagte. Eine gut besuchte B-rsammlung des Verbands der Schneider nnd Schneiderinnen tagte am Dienstag in den Annin- hallen. Ritter referierte in eingehender Weise über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in der Her'ren-Maß- wie in der Kostüm- brauche und tadelte namentlich die Gleichgültigkeit der Kostümarbeiter und-Arbeiterinnen. Redner empfiehlt dann am Schluß seiner Aus- führuugcn den schon in voriger Versammlung bekannt gegebenen Lohutarif für die genannten Branchen. Eine lange Diskussion über den verlesenen Tarif entspinnt sich, indem alle Redner für Annahme des Tarifs eintraten, der sodann mit allen gegen vier Stimmen zur Annahme gelangte. zum Anschluß an die Organisation aufgefordert. In diesem Sinne gelangte eine Resolution zur Annahme. Der Verein der Zimmerer bewilligte in seiner Mitglieder- Versammlung am 18. Februar 600 M. zur Unterstützung für die östreichischen Kohlenarbeiter. Auf der Tagesordnung stand ein Vor trag des Herrn Dr. Joöl über„Wissenschaft und Weltuntergang Dem Vortrag folgte eine rege Fragestellung, der der Vortragende ausreichende Beantwortung zu teil werden ließ. Der Fachverein der Holz- und Brettertriiger hatte am 18. d. M. eine Versammlung anberaumt, in der eine Reihe interner Vereinsangelegenheiten erörtert wurden. Unter anderm wurde be schloffen, 300 M. aus der Vereinskasse dem Streikfonds zu über weisen. Die Putzer Berlins und der Vororte, die am Diens tag eine stark besuchte Versammlung abhielten, beschlossen nach einem ausführlichen Referat des Putzers A. D ä h n e eine Resolution, in der sie sich mit der vom Berliner Arbeitervertreter-Verein an den Reichstag zur Abänderung der Unfallversicherungs-Gesetze gerichteten Petition einverstanden erklären, die darin gemachten Vorschläge als das Minimum erachten, was für die Verletzten resp. deren Äuge- hörige gefordert werden müsse und in der der Reichstag ersucht wird, die Vorschläge zu prüfen und seine Zustimmung zu erteilen. Der Centralverband deutscher Maurer hielt am Mittwoch für alle zum Streikgebiet Berlin und Umgegend gehörenden Zahl stellen eine Versammlung im Konzerthaus Sanssouci ab, in der G. Wagner über die ärztlichen Ehrengerichte nnd die Kranken kassen referierte und hierbei insbesondere die Naturheilkunde im Gegensatz zu der medizinischen Heilmethode eingehend erörterte. Eine Diskussion über den mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde nicht beliebt. Nach kurzer Debatte stimmte die Ver sammlung einem Antrag zu, wonach die Sammlungen zum Streit sonds vom nächsten Sonnabend wieder beginnen. Die Arbeitslosen sind von dem Beitrag befreit, müssen sich aber in den letzten drei Tagen der Woche zur Kontrolle melden. Das Streikgebiet erstreckt sich von nun ab auch auf die Orte Wilhelmineuhof, Nieder- und Ober- Schöne weide. Einstimmig wurde beschlossen, dem Centralvorstaud des Verbandes aus dem Streikfonds 1000 M. zur weiteren Unterstützung der ausständigen Bergarbeiter in Oestreich zu überiveisen. Sodann wurde das Verhalten der Accordmaurer einer herben Kritik unter zogen und spcciell auf die sehr miuderivertige Arbeit hingewiesen, die im allgemeinen von diesen Maurern hergestellt wird. Die Beamten des städttsche» Vieh- und Schlachthofs peti tiouieren seit Jahren um Aufbesserung ihrer Gehälter, ohne aber bisher auf ihre Eingaben nur eine Antwort erhalten zu haben. Sie beschlossen daher in einer am Mittlvoch in der Gerniania-Braucrei tagenden Versammlung, eine neue Petition an den Magistrat nnd die Stadtverordneten-Versammlung abzusenden, in der um eine anderweitige Regelung der Gehaltsverhältuisse gebeten wird. In der Begründung wird darauf hingewiesen, daß die Gehälter dieser Beamtenkategorie trotz der gesteigerten Lebensbedürfnisse in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen sind, obgleich andrerseits die Beamten der übrigen städtischen Werke mit Gehaltszulagen bedacht wurden. Auch weisen die Petenten darauf hin daß sowohl der Oberbürgermeister Kirschner lvie der Kämmerer Maaß im vorigen Jahr gelegentlich der Ueberweisung von Teueruugs zulaaen an städtische Beamte ausdrücklich erklärt hätten, daß im nächsten Jahr die Augestellten des Schlacht- und Viehhofs mit Gehaltsaufbesserungen bedacht werden sollten.— In der Versammlung wurde lebhast über das schroffe Auftreten des Decernenten Herrn Stadttats Hübeuer geklagt. Letzterer soll wiederholt einzelne Angestellte, die persönlich bei ihm um eine Gehaltszulage vorstellig wurden, kurz mit den Worten abgefertigt haben:„Was wollen Sic, wollen Sie Ihre Entlassung gleich mitnehmen, oder soll ich sie Ihnen in die Wohnung schicken?" Ueber die Gründung von Konsumgenossenschaften wurde in einer für Mittwoch im Stadtteil Moabit einberufenen Volks versamnilung von Freunden und Anhängern des Genosseuschafts Wesens diskutiert. Herr Dr. M unding referierte über die praktische Bedeutung der Konsumgenosienschastcn. Seine Ausführungen gipfelten Ivcsentlich' darin, daß die Gründung der Genossenschaften aus idealen und praktischen Gründen, das heißt zur Erziehung und praktischen Bethätiguug der Massen sowie Berbilligung der Lebenshaltung zu besonderem Hinweis auf die großen auch gestützt auf das Urteil Lassalles. Schluß seiner mit lebhaftem Beifall sich den bestehenden Genossenschaften Neugründungen abzusehen. Versammlung fast nur aus erfolgen hat. Unter Erfolge in England, cinpfahl Redner zum aufgenommenen Rede, anzuschließen und möglichst von Daß die etiva 300 Personen zählende Die Graveure und Ciseleure nahmen am Dienstag den Be- richt ihres Vertrauensmanns entgegen. Danach wurden vom Juni 18SS bis jetzt 342,86 M. eingenommen und 113,73 M. ausgegeben. Der Bestand von 223,12 M. wurde der Filiale des Verbands der Gra- veure überwiesen. Hierauf hielt der Reichstags-Abgeordnete Zub eil einen eingehenden Vortrag über das Alters- und JnvaliditätSgesetz in seiner neuen Form. Er legte die Vorteile des neuen Gesetzes dar, die vor allein dem energischen Vorgehen der Arbeitervertrcter im Reichstag zu danken seiei! und wies darauf hin, von welcher Wich- tigkeit es sei, wenn sich die Arbeiter genau über das Gesetz unter- richten. Das sei mindestens ebenso ivertvoll, wie ein Bemühen um die Vorgänge in den Krankenkaffcn. Leider aber interessierten sich die Arbeiter noch ivenig um die Dinge, die ihnen in der Not über das Schlimmste hinweghelfen sollten. Ter Ccntralverbaud der Elektromonteure uud Berufs- genossen hatte am 17. Februar eine stark besuchte Mitglieder- Versammlung beider Sektionen anberaumt. Der Referent, das Mit- glicd Abraham, sprach in interessanter Weise über die Taktik in den Gewerkschaften. Sodann beschäftigte man sich mit Vereinsangelegen- heitcn. Da die Versammlung mit dem jetzigen Arbeitsnachweis nicht zufrieden war. wurde beschlossen, den späteren gemeiuschaftlichen Arbeitsnachweis im Gewerkschastshaus zu benutzen. Die Lackierer erörterten in einer Versammlung am 18. d. M. im Anschluß an eine» Vortrag des Genossen M e tz n e r die Frage der Organisation. Bekannt wurde, daß einige unorganisierte Arbeiter Freunden des�Genossenschaftswesens bestand, ergab sich sehr bald aus der recht lebhaften Besprechung, an der mit Ausnahme eines Gegners fast nur Mitglieder der verschiedenen in Berlin usiv. be 'tchcnden Spar- und Konsumvereine teilnahmen. Unter viel 'achcn gegenseitigen Vorwürfen über die beste Art der Aus gesialtun'g der verschiedenen Vereine empfahl G r a s h o l d den Beitritt zum Konsumverein Norden. Ein Parteifreund verwies auf die günstigen Erfolge, welche die Radfahrergenossenschaft in letzter Zeit gemächt habe.' Rechtsanwalt Steinschneider verstand es, die Besprechung auf eine gewisse Höhe zu bringen, indem er die juristischen, ivirtschaftlichcn' und allgemein theoretischen Fragen mit Sachkenntnis erörterte. Nach seiner Auffassung sei in der Social demokratie die Gegnersckrnft in ein wohlwollendes Urteil über die Genossensckiaften umgeschlagen, wie eS namentlich die Verhandlungen über das Genoffcnschastsw'esen auf dem Parteitag zu Hannover be- wiesen hätten. Abgesehen von Bernstein haben sich außer den An hängern innerhalb der Pattei auch ÄautSkh uud Bebel entgegen� kommend gezeigt. Nachdem noch einige Redner ihre Vereine empfohlen, erfolgte Schluß der Versammlung. Die Vergoldcr hielten am IS. Februar eine gutbesuchte Ver sammliiiig ab, in der die Delegierten zur Generalversammlung ge wählt wurden. Es sind dies die Mitglieder Langner, Oehlert. Hed mann und Krüger, zu Ersatzdelegierten wurden Stahmann und Wer muth bestimmt. Unter Verschiedenem wurden die Verhältnisse bei der Firma Probst kritisiert. Behauptet ivurde unter anderm, daß dort jugendliche Arbeiter bis abends v Uhr beschäfttgt werden. Die an Holzbearbeitungs-Maschinen beschäftigte» Arbeiter erklärten sich in der Versammlung am 22. d. M. mit der Petition des Arbeitervertreter- Vereins betreffend die Novelle zur Unfall- Versicherung einverstanden. Nach dem Bericht des Vertrauensmanns tvurde beschlossen, de» vorhandenen Fonds dem Verband zu über- weisen und den Posten selbst aufzuheben. Die Befugnisse dcS Vertrauensmanns übernimmt der Borstand des Verbandes. Erkner. Am 18. Februar fand im Kurhause zu Erkner die Monatsversammlung des Arbeiter-Bildungsvercins statt, die einen recht zahlreiche» Besuch aufwies und einen glänzenden Verlauf nahm. Genosse Merkowsky hielt eine von den polnischen Genossen mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede in polnischer Sprache, die er dann in ihren Grnndzügen in deutscher Sprache wiedergab. Zur Debatte sprachen polnisch Golibrocki und deutsch' Karl Müller. Busch, Zcrnicke. Beschinsky und Clemowicz. Besonders scharf wurden die Verhältnisse auf der hiesigen chemischen Fabrik gegeißelt, sowie sehr lebhaft das Verhalte» der Gemeindevertretung kritisiert. Der Antrag Karl Müllers, die„Gazetta Robotnicza" von Vereins wegen zu halten. wurde dcbattelos angenommen. Alsdann hielt Genvste Müller eine kurze Rede dem Gedächtnisse Giordano Brunos, die ebenfalls sym- pathische Aufnahme fand. Britz. In einer am 13. Februar abgehaltenen Kommunal- wählcr-Versammlung gab unser Parteigenosse Dorn eine Ueber- ficht über seine Thätigkeit in der hiesigen Gemeindevertretung. In der Diskussion wurden die höchst mangelhafte Straßenreinigung uud ungenügende Beleuchtung kritisiert. Da sich nun bei der bevor- stehenden Ergänzungswahl zur dritten Klasse der bürgerliche Misch- eine Lohnbewegung planen, die ohne Anhören der Organisation ins! masch dahin geeinigt hat, um in der Arbeiterschaft Stimmen zu Werk gesetzt werden sollte. Dem wurde allgemein widersprochen und l fangen, den als pattiotisch bekannten Arbeiter Grothe als Kandidaten aufzustellen, so sollten die Parteigenossen um so eifriger bemüht sein, für die Wahl unsreS bisherigen Vertteters, des Genossen K. Dorn, der wieder als Kandidat aufgestellt wurde, einzutreten. Ober-Schöneweide. Am IS. d. M. tagte hier eine Versamm« lung, in der Reichstags-Abgeordneter Fritz Zubeil über die bevor- stehende Gemeindewahl sprach. Wie groß das Interesse an der Wahl in der Gemeinde ist, davon legte der überfüllte Saal Zeugnis ab. Da auch hier die Polizeistunde für Arbeiterversammlungen auf 10 Uhr beschränkt ist, mußte dietTagesordnung kurz erledigt werden. In seinem IVfftiindigen Vortrag besprach Redner die Forderungen unsres Parteiprogramms auf kommunalem Gebiet. Besonders ein- gehend behandelte Redner die Schulfrage, wie auch die Armen- und Waisenpflege, wofür ihm reichlicher Beifall zu teil wurde. In der darauf folgenden Diskussion»ahm ein Herr Silhmüller als Vorsitzender des Bürgervereins das Wort. Er erklärte, er könne nichts gegen die Ausführungen dcS Referenten einwenden; doch wenn der Vertreter der Arbeiter die aufgestellten Forderungen durchsetzen könnte, so würde er ihm selbst die Stimme geben. Diese Auffassung geißelte John in treffender Weise und zeigte, welches unwahre Benehmen die Herren im Bürgerverein be- lieben. Er forderte die Anwesciiden auf, dafür zu sorgen, daß ein Vertreter der Arbeiter in die Gemeindevertretung gewählt wird. Als Kandidat wurde John aufgestellt. Central- Kranken- nnd Sterbekaffe der Tischler. Die OrtSver- waltungen Berlin und Umgegend versammeln sich am Souiitagnachmittag 4l/2 Uhr im Englischen Garten. freireligiöse Gemeinde. Sonntag, den 25. Fekruar, vorm. 8V2 Uhr, im oberen Saal des„Englischen Gartens", Alexanderstrake 27o, Versammlung.„Freireligiöse Vorlesung". Uul 101/, Uhr vormittags ebendaselbst Vortrag des Frl. Ida Altmann: Weltanschauung uud Jugend- bildung.„l. Die christlich- theologische Erziehung". Gäste, Damen und Herren, sehr willkommen.— Montag, den 26. Februar, abends 8>/« Uhr, pünktlich ebendaselbst,„Beschließende Versammlung". Kasienbotenwahl u. a. m. Weiße Quittung legitimiert. VevmiflhkeSö Der Thcatcrdirektor gestern morgen in seiner ranz v. Jauner in Wien hat sich ohnung inr Karl- T h eater er- schössen. Ueber die Ursachen des Selbstmords wird dem„Berl. Tagbl." berichtet: Die Familie behauptet, daß Jauner aehim leidend gewesen uud daß sein Leiden durch russische Gastspielreisen bis zur Paralyse gesteigert worden sei. Zugleich muß allerdings zugegeben werden, daß Jauner in letzter Zeit seinen' Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnte; er spekulierte unglücklich an der Börse. Endlich heißts auch, sein finanzieller Associs, der türkische Großhändler Isidor Russo, wollte sich zurückziehen und jede weitere Unterstützung vertveigern, waS um so schlimmer war, als die neueste Operette Rhodope" keinen Erfolg hatte. Jauner erschoß sich mit dem- selben Revolver, den 1884 sein Bruder Lukas zum Selbstmord benutzt hatte. Lukas Jauner griff seiner Zeit zur Pistole, weil er in schmutzigen Börseuangelegenheiten verwickelt lvar. Franz v. Jauner war be- kanntlich Direktor des Ringthcaters, dessen furchtbare Brand- katastrophe vom Jahre 1881 heute noch in lebhafter Erinnerung ist. Der bekannte Maler und„Apostel" Diefenbach hatte sich. wie seiner Zeit mitgeteilt worden, gezwungen gesehen, seinen Konkurs anzumelden. Die Konkursmasse bestand hauptsächlich aus Bildern und Zeichnungen von Diefenbach uud seinen Schülern Fidus und Paul von Spann. Ein Teil der Bilder kam freihändig in Wien zum Verkauf und erzielte ganz ansehnliche Preise, das meiste ivurde dann öffentlich versteigert mit kläglichem Erfolg. Manche Arbeiten wurden mit 4. 6 Kronen bezahlt. Der auf 10 000(östreichische) Kronen eingeschätzte Cyklus„?er aspera ad astra" erhielt. nur ein Gebot von 800 Kronen, und die ganze Auktion brachte überhaupt nur 3640 Kronen ein, während im freihändigen Berkauf etwa 14000 Krone» erzielt wurden. I» Flensburg brach auf der Schiffswerft eine Planke der Stellage eines im Bau befindliche» Schiffes. Sieben auf der Planke stehende Arbeiter stürzten in die Tiefe. Einer war auf der Stelle tot, einer ist schiver, zwei andre sind leichter verletzt. Die übrigen kamen ohne Verletzungen davon. AuS Dover wird berichtet. daß ein deutscher Dampfer mit Passagieren auf den Goodwin-Sandbänken gestrandet ist. Schlepp- dampfcr sind abgegangen, um die Lage des Schiffes zu unter- suchen._ Briefkasten der Redaktion. Di« juristische Sprechstunde findet Montag. Dienstag un» Freitag von 6—8 Uhr abend» statt. 102. T P. D. Uns unbekannt. P. F. Ivo. Der Eiffelturm ist 300 Meter hoch. A. M. 28. Uns unbekannt. Fragen Sie an bei Herrn Seifert, Mitglied des Reichstags, Berlin. Reichstagsgebäude am Königsplatz. Gilgamcsch. Ihre Anfrage wird in diesen Tagen soweit als möglich in einem Lokalartikel beantwortet werden. BSallmanu. Ja. Ldeusc. Unser Parteigenoffe Ludwig Schröder hat 2'A Jahre im Zuchthausc zu Werden zugebracht und ist am 2. April 1898 entlaffen worden. M. St. 38. Nach den am 1. Februar 1899 abgeänderten Beftim- iiiuiigcil sind die Gebühren für Hebammen folgendermaßen festgestellt worden: �ür eine einfache Entbindung 4—10 M., für eine verzögerte(Tag und acht) 6—15, für eine Zwillingöcntbindung 6—15, für eine Tagwache 1,50 bis 3, für eine Nachtwache 3—4, tür eine Tag- und Nachtwache 4—6, für einen Besuch am Tage 0,50, für einen solchen in der Nacht 1-2, für Rats- crteilung iu der Wohnung der Hebamme 0,50—2 M. Die angegebenen niedrigsten Sätze gelten für wenig bemittelte Familien.— In den Preß- versolgungen unter dem Septemberkurs 1895 wurden mehrere Redacteure des„Vorwärts" zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und zwar spielte in der Verhandlung auch die Kamclinfchrist eine Rolle. Testament 66. Ein holographisches(eigenhändig geschriebenes) Testa> ment kann sowohl ein Einzelner wie Ehegatte» errichten. In Ihrem Fall müßten Sie in Jhnnn Testament Ihre Frau und Ihre Kinder einsetzen. Ihre Frau thäte an: besten, wenn Ihre Verhältnisse so bleiben, nach Ihrem Tode auf die Erbschaft zu verzichten. Es empftehlt sich für Sie kein Wechsel- fettiges Testament. Es ist i» ihrem Falle besser, daß Sie und Ihre Frau gesondert ein Testament, etwa wie folgt, machten: 1. Sie:„Zu meinen Erben ernenne ich: meine Ehefrau mid meine Kinder(Namen). Ich bemerke, daß das vorhandene Vermögen, sämtliche folgende Möbel(anführen) und die Stnnnpfsirickerci nicht nur, sondern meiner Ehefrau gehören. N., den 1. März 1900. Unterschnft."(Diese muß unter dem Testament, also auch unter dem Datum stehen.) 2. Ihre Frau:„Zu meinen Erben ernenne ich meinen Ehemann und meine Kinder. Mein Ehemann soll bis an fein Lebensende im ungestörten Besitz, Nutznießung und Verwaltung meines Ziachlasses bleiben. Meine Kinder sollen erst nach seinem Tode zur Teilung schreiten. Wer von meinen Kinder» mit dieser Beschränkung seines Erbteils nicht eiuverstailden ist, wird auf den Pflichteil gesetzt. Wohoott, Datum und dann darunter: Namen." Die Testamente müffen, um gültig zu sein, vollinhaltlich selbst ge-(oder abge-)schricben sein. Das Testament kann auf jeglicher Art Papier geschrieben werden. Stempel- papier ist nicht erforderlich._ rsitternngsüberslcht vom 23. Februar 1900. morgen» 8 Nhr. Stationen Swiiieindc Hamburg i Zerit» Wiesbaden München Wie» 753ISSW 758'SSW 759'SW 760 S 763 jW 763 Still Weiter 2 bedeckt 1 Nebel 2bedeckt Ibedeckt 2 wolkig -Htb.bed »s d» S» 4 3 5 3 -2 Siaiionen Haparanda Petersburg Eork Aberdeen Paris ÜB P P 752Still 758® SO 744SW 757'SSW Witter «äs: 1 1* «t. -bedeckt 3 bedeckt 6wolkig 3 Regen _ 0 -3 10 10 «Setter'Prognose für Sonnabend, den 23. Februar 1000. Mild, jedoch vorherrschend wolkig mit leichte» Regensälleu und mäßigen üdwefttichen Winden. Berliner Wetterbureau. Leraulwortlicher Redacteur: Paul John in Berlin. Für den Inseratenteil verantwortlich: Tb. Glocke iu Berlstt. Druck uud Verlag vvu Max Babing m Berlin.