Attterhaltungsblatt des Torwarts Nr. 66. Donnerstag, den 20. März I9IS 4] Das gelobte Land. Ein« Erzählung aus dein Bornholmer Nordland von M a r t i n A n d e r s e n N e x ö. ..Sprich nicht dadon." sagt« die Frau milder...tvemi wir auf den Steinen unser tätlich Brot finden, kann's der zehnte Mann tvobl auch. Möbe bloß die Sonne sich ein bißchen sehen lasseid aber traurig und sauer ist's immer." Sie seufzte tief. ..In dieser Zeit läßt die Sonne sich nie sehen," sagte der Alte...Da sckwint sie für die Untcrirdischeii." ..Wem, sie nur nicht ga»z mngckonunen ist." meinte die Frau mutlos.„Seit Wechnaditen haben wir keine Sonne am Hin, Niel getrabt." Die beiden Kleinen lauschten und sahen einander an— die Sonn« rvar fortgeblieben I Mäuschenstill saßen sie in der Ecke unter der Schlafbank, dicht beisammen und warteten darauf, daß die Mutter hinausgehen und den Hering zu Tisch braten würde', nähreich er auf der einen Seite briet, lief sie immer zur Quelle, um einen Euner Wasser zu holen. Dam, hörten sie sie gehen und schliipsten hinaus. Sie klamtnen den steilen Pfad über die Felsen hinauf, vo» wo man durch den Schornstein kleine Steine bis in den Kochtopf binuiiter- werfe,, konnte, und trabten weiter in den Wald hinein. Sie lwtten sich bei den Händen gefaßt und wollten nach der Sonne suchen. II. Der Steiuhaner Hans Kämpe tvar wie innner steif und hatte Reißen in allen Glichen,, als er sich in, Winterdunkel von der Hütte über den Klippensauu, fortarbeitete. im, seinen Tag„rit der meileiUveiteu Wanderung zur Arbeitsstelle zu beginnen. Jahrelange Mattigkeit saß ihn, im Körper und leistete bei jeder Bewegiuig schuwrzlichen Widerstaivd, die Ge- lenke waren empfindlich und wie verkapselt, die Nachtruhe hatte in den verschlissenen Lagern Schorf angesetzt. Er ächzte mit geduldigem Knurren, tvähreied die erstarrten Glieder sich wieder lösten, und vollführte die Bewegungen ganz, um desto schiwller die Steifheit zu überwinden. Der Pfad, den er selber i!,td seine Bäter in die unwegsame Felsenböschung getreten hatten, war völlig zugeiveht' der Waiwerer konnte die er- starrten Beine nicht aus den, Schnee einporhcfren: so schob er ihn bor sich her, so daß er auf beiden Seiten nach obow kam. Er dachte daran, wie seine Frau inid die Kinder hier wohl durchkommen würden, und setzte die Füße reckt tief, um so viel Schnee wie niögiich mitzunehmen. Aller fünf bis sechs Schritt ballte sich die Masse zusammen und stand wie ein« Mauer vor ihm: aber er ließ nicht nach. Bedächtig fuhr er fort, sich seinen Weg zu bahnen: di« Kraft und Ausdauer eines Pferdes lag in feinen kurzen Betvegungen. Olvni auf den Klippen machte er Halt, um zu der- schnaufen,„ich wandte wie gewöhnlich sein ernstes, k ummer- belade»eS Gesicht ins Winterdunkel nach der Richdmig des Ackerlandes hin. Tort drüben lagen sie noch im Schlummer oder besargten im warmen Stalle das Meli—„ich inzwischen arbeitete die Erde sür sie unterm Schnee! Er konnte hier und da in der Finsternis nur einzelne Lichter schimmern sehen: trotzdem blieb er stehen und starrte hinüber— ganz versunken imd sckgver atmend, als schliefe er noch, bis das Tchneewasser ihn, in die Holzschuhe zu laufen anfing. Dann reckte er sich auf. klopfte so gut es ging, den Schnee von den Leinwandhose» ab und trat die Wanderung in den Tannenwald an. Dunkel lastete die Winteriwcht auf den Dingen mit der grauen, todesähnlichen Schwere, die einem rauhen Tage vor- Vergeht Er war in Schweiß geraten, und die Glieder hatten sich bei den, strengen Aufstieg gelöst, das Ankämpfen gegen de» Schnee hatte die Mattigkeit vortrieben.„Wie wunderlich hier alles ist," dachte er.„Selbst die Ruhe, die zu anderen Menschen wie ein guter Freund konnnt, bringt hier nur Böses mit sich! Der Stein ist verflucht." Mit gleichmäßigen, schivereu Schritten ging er vorwärts: de» Stock betvegt« er ein wenig vor sich her, um nicht gegen die Bäume zu pralle». „Warum sich Gedanken machen über da», was nickt ander» sein kann," überlegte er und tvarf den Kopf zurück, als könnte er sich von diesen Grübeleien freiinachen. die sich in der letzten Zeit in eine», fort aus derselben Stell« bewegte». Wenn er erst bei der Arbeit war, dann ließ er alle Gedanke» in ihr ausgehen, ließ sich eintullen in ihren monotonen Gesang „ich auf dein Rückwege an, Abend ging er oft im Halbschlaf dahin. Daiu, lag das Ganze bloß über ihm wie ein Druck, der sich i» feinem Wesen und seinen Handlungen offenbarte, der ihn aber selbst in Ruhe ließ. Am Morgen jedoch brach e9 über ihn berein. der dumpfe Laut miter den Tannen rief es ihm ins Gesicht: Wie konnte man sich von dem Flucke hefieie» und vo» diesem gierigen Felsen wegkommen, der kann, da» armselige tägliche Brot lieferte als Ersatz für alles das, das er forderte? Wie? Immer dieselbe, dröhnende Frage drinne» im Kopf... und keine Antwort. Hans Kämpe wußte, daß Gott dem armen Mann zwei Gebote gegeben batte damals, als er ibn ans die Erde stellte: daß er schnften und sich nicht in die Dinge hineinmischen solltet Er hatte denn auch immer ei» Sckmldgefiihl. toenn er so daber- ging und nackchachte: er meinte, auf verbotenen Wegen zu waisdel«. Mit Bezug auf das erste Gebot tvar sein Gnvisfe» rein, er fürchtete sich nicht davor, feine Kräfte zu gebrandsei,. An Tausenden von Tagen hatte er sich abgerackert, blind und unverdrossen wie eine Maschine, all seine Stärke in jeden neuen Tag gelegt— und gesehen, wie der alles spurlos ber- zehrt« und wie der nächste auf»acktein Grunde begann. Wi« ein gutmütiges Riesentier lwtt? er sich mit einem liebe vmaß von Kräften, wie dos Gebot es verlangte, in das Joch gelegt, im blinden Vertrauen auf die Gereckitigkeit. Wer sich au- strengte und seine Pflicht und mehr noch tat. mußte früher oder später sein« Entschädig»»� bekomm«!,! Wie, das macht« er sich nicht klar, aber in ihm lebte des Armen an, klare Hoff- nung auf das Glück, das in irgendeiner unbegreiflich«» Ge- statt konrinen würde. Sein« Geduld schien ohne Grenzen. Durch lang« Jahre hindurch tvar sie Tag sür Tag auf die Probe gestellt worden. Wenn er nach getaner Arbeit sich müde von dem Joch freimachte und mit einsättiger Freude auf ein»„geheures Tage- werk zurückblickte, tag doch nichts hinter ihi»: der Tag hatte sich selber verschlungen und nichts übrig gelassen: in der Furche, die Hans Kämpes Kräfte durch den Felsen zogen, saß der Hiinger und wich nicht vom Platze. Ilnsichtbare Hände nahmen alles tveg. tvas Hans Kämpe schuf, und daS Elend blieb an seinem Heim hänge» mit dem Wahrzeichen der Nacht. Es war, tvie es nni, einmal sein sollte, und jeden neuen Morgen begann Hans vo» srischcni. Aber dam, kam ein Tag genau wie die zebnlaiisend anderen, mit demselben duldsamen Fleiß und demselben Aus- gang. Es war ganz und gar nichts Besonderes an dem Tag. es tvar mir so. als ob ein Stück Torf zuviel auf die Fuhre gelegt würde, so daß die Ladung zusanrmenstürzte: man stutzt umvillkürtich und meint, dieses Stück müßte eine eigentiim- tiche Schwere gehabt haben. Haus Kämpe sah sich um und empfand die Bodenlosigkeit— tvie eine Leere der Seele, einen Maugel. Und da tvar's vorbei mit feiner toten Ruhe, in seinein Hirn hatte der Nebel angefangen zu wandern und fuhr fort, hermnzuwirbeln. bis sich ein Kern darin bildet«, ein Warmn. „Der Fels ist schuld, er ist verflucht." anttvortete er sich schließlich selbst, und nnt der Antwort schien er mit seinem Riesenscheitel eine Schicht wegzub rechen. Stock nie hatte er eine Frage ans Dasein gestellt und selber die Antwort nber- iwiinneu.„Wie ist das möglich." überlegte er tvcitor,„daß da unten auf den, Ackerlaich jede Arbeit, die ein Mann tut. ficht- bar daliegt ,nid ihm vo» Jahr zu Jahr Nutzen bringt, wäh- rend sich hier in den Felsen alleS selber verzehrt, sobald es geschaffen ist? Ja. der Fels ist verflucht." Es dauerte viele Tage lang, bis es in seiueui.Kopse richtig seststaiid. aber auf einmal fügte er seiner Gcdankeii reihe ein neues Glied zu:„Ich muß versuche», auf das Ackerland hin- unterzukommen."- Das war eine Herausfordevimg ans Schicksal, er hatte seinen stumpfen Glauben an das So oder So des Glücks auf- gdgeben und selber seine Ansprüche ans Dasein geformt. Nun UOt das Glück aerad« auf dies» bestimmte Art kommen, und Kam war er gmöttgt, selber zuzupacken und«» aus den rechten vog zu leiten I AufS Gsmtewotzl ließ er feine unbeholfenen Gedanken in den Raum hinaus, wo sie herrenlos umher- flatterten und verwirrt und elend, schwindlig vor Leere, wieder heimkehrten. Am Sonntagmorgen, wo er fönst lange liegen blieb und von der Arbeit der Woche ausruhte, kanl es über ihn und trieb ihn aus dem Bett. Er ging auf den 5wägt hinauf und stand dort oben und starrt« auf das fruchtbare Land; seine fchwie- Itaeii Hände krümmten sich vor Verlangen, in der Ackererde Wühlen z,l können. Er hatte in sich die Forderung nach Spannung und Wachstum in Verbindung mit der Arbeit, das Werk seiner Hände sollte Frucht tragen, mit seinen eigenen Augen wollte er den Ertrag seines Fleißes sehen, wie die Leute da unten im Lande und sich daran sättigen. Dann griff er ins Leere nach allerhand Auswegen, und in seiuex Hilflosigkeit stürzte er nach Hause, nahm das Werk- »eng zur Hand und machte sich daran, auf der Felsenseite, wo sein Vater vor ihm gewesen war, herumzurode», wegzu- ipreugeil und Bäume beiseite zu räumen. Aber er verstand selbst nicht den Zweck all dieser Arbeit und gab sie aus und begann etwas anderes, das gleichfalls nicht zum Ziel führte. In seinem Suchen war er ruhelos wie ein eingesperrtes Tier und fand die Ursache seiner Einsperrung in den wunder- Hchsten Umständen; oft wurde er wütend ans Frau und Kinder wid meinte, sie seien es, die ihm den Weg versperrten. Das Leben der Seinen daheim tvar ihm ganz fremd: am Morgen, wenn er ging, hatte es noch nicht angefangen, und am Abend, wenn er nach Hause kam, hatte es schon seinen Abschluß ge- künden— die Kleinen waren iin Bett, und die Großen hielten sich fern. Er bekam die Kinder nur zu sehen, lvenn eines von ihnen so schlimm getvesen war, daß der Vater selber Prügel austeilen mußte. Etwas Gutes vereinte ihn nicht mit ihnen, und er konnte gar nicht verstehen, wie sie eigentlich den Tag verbrachten— er war im Zweifel darüber, ob sie nicht doch aus seine Kosten ei» flottes Leben führten. Am Sonntag war er todmüde und unzugänglich. Eni- Weder schlief er tagsüber oder ging schon früh morgens fort. Frau und Kinder sahen ihn weggehe», ohne ihn groß zu ent- behren, sie hatten gelernt, sich ohne ihn einzurichten. Wenn er sein Haus verließ, verfolgte er so etwas wie eine bestimmte Absicht: wenn er dann aber auf die Felsen kam, dann wußte er nicht, was er mit sich anfangen sollte; die Gewohnheit führte ihn an feine Arbeitsstelle hin. Dort stand er dann den halben Tag, konnte nicht vom Fleck kommen und gosfte auf die verhaßten Steine hinab. Am Abend ging er endlich nach Hanse und bald auch zu Bett, falls er nicht Kameraden traf und mit ihnen den Krug aussuchte. Von selbst ging er nicht »ahm. lFortsehung folgt.; 2] ßaldarniiB beim Kommiß. Von Oskar W o h r l e. Bis ins Revier hatte ich zlvanzig Minuten zu gehen. Obwohl ich mich kaum mehr auf den Füßen halten konnte, mußte ich beim Ausfegen helfen und Spuckiiäpfe leeren. Gegen elf Uhr kam de» Arzt und veranlaßtc mcine Ucberführung ins Garnisonlazarett. Ez wurde GeleiikrheuniatismuS festgestellt. Im Lazarett selber herrschte peinliche Sauberkeit, das Essen war reichlich und gut und die Behandlung seitens der Aerzte human. Auch mein Bataillonsarzt war während Kaiser» Geburts- tag krank. Ich verzichtete gern auf das große Festessen mit dem «achfolgcnden Kartoffelsalat; nun brauchte ich doch wenigstens »inen Parademarsch mitzumachen und hatte»leine Ruhe. Als es mir besser ging und ich aufstehen konnte, wurde ich jeden Tag elektrisiert. Das half, die Schmerzen ließen allmählich nach, so daß ich dem Sanitätspersonal bei allerlei kleinen Arbeiten und Verrichtungen zur Hand gehen konnte. Ein llnteroffizier war da, der es besonders gut mit mir meinte. Er brachte Bücher zum Lesen und spielte oft Dame und Schach mit mir. Einmal nahm er mich auch in den Operationssaal mit, wo ich mir die Jnstru- mente und Einrichtungen ansehen konnte. Mein Bettnachbar>var »in Badenser, ein BürgermeisterSsohn. Er lag an den Nachwehen etner Lungen, und Rippenfellentzünduna danieder. Zwei Woche» Vor mir kam er heran» und durfte einen Monat in llrlaub. Später Urt« ich,«r Haide steh kurz nach seiner Rückkehr zum Regiment er- schössen. Warum, fei unbekannt. Ich tröstete niich mit dem alten Goldatcnsang: Die Gedanken sein» frei, Kein Mensch kann sie wissen, Kein Jäger erschießen Mit Pulver oder Blei, Di«««danken fein» frei. E» war Februar, al» ich gesund geschrieben und aus dem Lazarett entlassen wurde. Ein Gefreiter meiner Batterie holte mich ab. Kaum war ich in der 5tasern« und hatte mein Drillich- zeug angezogen, stürmte schon ein Unteroffizier auf mich zu und hieß mich den Hausflur schrubben. Ich sagte ruhig, daß uh erst vor kurzem schweren Gelenkrheumatismus gehabt hätte und deshalb nicht mit Wasser arbeiten dürfe. Er aber schnauzte, Gelenkrheu- matismus hin, Gelenkrheumatismus her, ich hätte in den fünf Wochen genug gefaulenzt und könne Arbeit vertragen. Natürlich, ich wollte mich nur drücken. Ich bat ihn, mir doch eine andere Arbeit zuzuweisen. Da brüllte er, ob ich ihm Vorschriften machen wolle. WaS mir eigentlich einfalle? Er nähme alles auf sich. aber de» Gang müsse ich schrubben, er gäbe mir direkten Befehl.... Also schleppte ich Leitungswasser herbei und schrubbte den Gang. Was ich vorausgesehen hatte, traf ein. Am nächstfolgenden Morgen waren meine Kniee so geschwollen, daß ich nur mit Mühe gehen konnte und mich wieder krank melden mußte. Diesmal zogen mich die Aerzte etliche Tage im Revier herum, ehe sie mich von neuem dem Lazarett überwiesen. Hier verblieb ich weitere drei Wochen, ohne oaß sich mein Zustand erheblich besserte. Nun wurde mir vier Wochen Erholungsurlaub bewilligt, die auch anschlugen. Mit guteni Grunde, denn ich»ahm zu Hause häufige Schivitzbäder, die mich bald wieder herstellten. In dieser Zeit war mein Bataillon zur Uebung für anderthalb Monate nach einem Sperrfort in der Nähe der französischen Grenze komman-- diert worden. Dort meldete ich mich nach Ablauf meines Urlaubs und das alte Elend ging von neuem los. O, wenn nur den Exerziermarsch der Teufel geholt hätte! Nicht nur ich wünschte es, sicherlich auch die Mehrzahl meiner Kameraden. Was nützte eigentlich dieses Aufschlagen der Füße auf den Boden? Gar nichts, in, Gegenteil, mehr als einer wurde fußkranl davon. Auf späteren Ausmärschen habe ich die Erfahrung gemacht, daß gerade die besten„Marschierer"— d. h. diejenigen. die ihre Knochen am besten durchdrücken können und daher deS Hauptmanns Augentrost und Herzensfreude sind— am ehesten schlapp werden und versagen. Was nützt ein Soldat, der tadellose „Griffe klopfen" kann, aber keine Ausdauer und Zähigkeit im Marschieren hat? Was nottut, sind keine Parademenschen, sonder,, Soldaten, die ihren Mann stellen, wenn's daraus ankommt. Doch gab's im Fort auch ungeheuer viel zu sehen. Vor allein die Panzerbatterien mit ihren schweren Geschützen, an denen wir ausgebildet wurden. Geschützexerzieren war meine Freude, be- sonders das Einrichten. Mehreremal wurde auch geschossen, freilich nur mit Manöverkartouschen. Die tönte,» aber so unheimlich laut, daß man kaum mehr sein eigenes Wort verstand. Der ganze Berg war befestigt. Das Fort hatte eigene Elektrizitätsanlagen und war mit den letzten Errungenschaften der Waffentechnik ausgestattet. ES steckte ungeheures Geld darin. Was nur die Geschütze allein gekostet haben»lochte», ungerechnet die vielen Panzertürme und die in den Magazinen aufgespeicherte Munition. Und doch war dieseS Fort nur eines von den vielen, die sich wie ein Gürtel an der Grenze als Schutz hinziehen.,.. Unter Aufenthalt im Fort wurde mit einer Nachtübung beschlossen. Etivas Schöneres, Männlicheres hatte ich noch nie ge- sehen. Ich hatte Nr. 3, sah im Panzerturm, lud und zog ab. wenn der Obergefreite eingerichtet hatte und der Telegraph das Zeichen gab. Wie das in die Täler hineinljallte und über die runden Bergkiippen hinüberstrich in die Nacht hinein. Zwei Scheinwerfer des Mittelforts suchten die Ferne ab und leuchteten in die Wald» gründe und über die roten Dächer der Taldörfer. Hie und dn blinkten Zielfeuer auf,«inen Augenblick nur, aber doch lange genug, um uns den Feind zu verraten. Wir vergaßen alle, daß es nur Manöver war. So heiß brannten unsere Augen, als sähen sie Wirklichkeit, als trüge jeder Feuerstrahl eine Granate hinaus. Um t Uhr morgens wurde die Uebung abgebrochen und wir bezogen zum letztenmal Bürgerquartier. Andern Tags marschierten wir die 34 Kilometer nach der Garniso» zurück. Ich wurde dem Gepäckwagen zugeteilt und hatte den Vorteil, daß ich keinen Tor» nister schleppen mußte. ES wurde weiter geschliffen. Wieder stand«ine Besichtigung vor der Tür und auS uns wurde herausgeholt, was nur drinsteckte. Wochenlang sah ich kein frohes Gesicht. Müde und verdrossen legten wir uns nachts auf die Strobsäcke, müde und verdrossen standen mir morgens auf. Der Feldwebel war ausgeheilt und hinkte durch die Kaserne, fand bald da etwas, bald dort. Es regnete Strafen wegen der geringsten Kleinigkeiten. Eines Sonntags mittag bekam ich„Feuerpikett", d. h. ich durfte die Kaserne nicht verlassen. Ich legte mich aufs Bett und schlief. Um vier Uhr nachmittags weckte mich mein Unterossizier, gab mir eine Blechkanne und sagte, ich möchte in der Küche fiir ,hii Kaffee holen. Als ich hinunter kam, war die Küche schon abge» schlössen. Da ich wußte, daß der Koch in der Stube der Stamm» Mannschaften war, klopfte ich dort an und fragte ums Eintreten. Nach dem Hineinruf öffnete ich die Türe und sagt« dem Koch, der an einem Tisch saß und Karten spielte, er mochte mir für meinen Unteroffizier Kaffee geben. Der Koch sagte:.Jetzt gibt's keinen mehr. Nach drei Uhr ist Schluß, der Simpel hätte Dich früher schicken sollen." Ich ging hinauf und botschaftet« dem Unteroffi- zier, daß es zum Kaffeeholen zu spät sei. Er schickte mich trotzdem nochmatt hinunter unb lieh ausrichten. wenn'S keinen gäbe, käme er selber, dann aber würd S rauchen. DaS richtet« ich dem Koch Wort für Wort au». Sr spielte ruhig weit«» und sagte bloß:»Du samt Deinem Unteroffizier kannst mich... gern haben." Ich wartete noch eine Weile; da er aber kein« Miene macht«, Kaffee zu holen, setzte ich meine Mütze auf, kehrte ihnen den Rücken und ging der Türe zu. Diese Gelegenheit benützte der Batterieschufter und warf mir einen Holzschemel in» Kreuz. Der traf mich so heftig. datz ein Stück Fleisch aufgerissen wurde und mir das warme Blut .cherunterranii. Ich kehrte mich sofort um, um zu schauen, wer den Schemel geworfen habe. Da sprang der Schuster aus mich zu und schrie:„Was, Du verdammter Hammel, Du hast nicht genug an einem Schemel, scheint'S willst Du noch einen zweiten inS Kreuz." Dabei packte er mich am Hals. Kaum hatte er mich angerührt, so gab ich ihm einen solchen Knietritt gegen den Bauch, datz er mich fahren lietz und schlug ihm die Kaffeekanne in blinder Wut so auf de» Schädel, datz er um Hilf« schrie. Die anderen Alten waren nicht faul. Kaum sahen sie, datz ich Meister wurde, holten sie ihre Klopfpeitschen und umringten mich. Dann packten sie m,ch von hinten an, rissen mir die Blechkanne aus der Hand und verschlugen mich. Es waren alle» grotze, kräftige Kerle und durchweg stärker und massiger als ich. Dennoch wehrte ich mich wie ein wildes Tier und hieb auch einige um. Wen» ich zuschlug, sah ich darauf, datz ich zwischen die Augen traf, das zeichnet« jeden; es gab die gefürchteten„blauen Brillen". Doch der Ueberzahl war ich nicht ge- wachsen. Ich fühlte, datz ich bald ausgeschöpft sei und erspähte einen günstigen Moment zum AuSreihen. Zuerst schrie ich so laut ich konnte, in der Hoffnung, datz sich ein Chargierter zeigen würde. Ver- geblich. Nur zwei Rekruten kamen herunter, wurden aber mit Schlägen hinaufgejagt. Der Gefreite vom Dienst, der eigentlich für Ruhe hätte sorgen sollen, hatte sich gleich zu Anfang der Schlägerei»>ors Tor gestellt, so datz er nachher mit reiner Seele sagen konnte, er habe nicht? gesehen und gehört. Unter meinen Widerparten war«in langer, seiger Kerl, der sich nicht an mich herantraute und mit einem stählernen Wischftock über der Anderen Köpfe hinweg nach mir schlug und mich so traf, datz mirs Blut ins Genick lief. Den mutzte ich mir kaufen. Ich stietz die weg, die an mir hingen, erwischte ihn und gab ihm mit aller Wucht einen Stotz, datz er ganz bleich wurde und stch setzte. Dann nahm ich noch einen Anlauf und zwängte mich zur Tür« hinaus. Mütze und Kaffeekanne lietz ich liegen. Ich war froh, datz ich noch lebte, und ging sofort zu meinem Unteroffizier. Der meinte, ich solle mir das nicht gefallen lassen und die ganze Geschichte melden. Ich sagte: das tue ich ohne. hin. Dann wusch ich mich ab und verband mich, so gut ich eben konnte. Am anderen Morgen macht« ich vollzähligen Futzdienft mit, obwohl ich mich kaum aufrecht halten konnte. Trotz meinem Elend mutzte ich doch lachen, als ich die.verschwollenen und verschundencn Gesichter etlicher Alt«n sah. Der Schuster war nicht dabei. Er hatte sich krank gemeldet. Nachmittag» um vter Uhr putzt« ich den vierten Anzug, setzte meinen Helm auf, ging zum Feldwebel in die Wohnung und sagte ihm, ich mächte d«» Herrn Hauptmann sprechen. Er entgegnete, ich solle bi» morgen früh warten und auf die Schreibstube kommen, wenn der Hauptmann da wäre. Ich tat ko. Der Hauptmann war vom Feldwebel bereit? unterrichtet und schrie, er hätte gute Lust, mich ins Lock zu stecken. Am Nachmittag mutzten ich und alle an der Schlägerei Beteiligten zum jüngsten Leutnant, der ein Protokoll aufnahm. Die Alten logen wie gedruckt, allem Anschein nach hatten sie sich miteinander verabredet. Zwei Tag« später lietz mich der Batteriechef rufen und fragte mich, ob ich Antrag auf gerichtliche Bestrafung stelle. Ich sagte, mir läge nichts daran, datz die Kerle fo und so fonjje«ingeschachtelt würden. Der Hauptgrund, warum ich dies« Geschichte gemeldet hätte, sei, datz«r einmal einen Einblick in Zustände gewinne, die einem das ganz« Holdatsein verleideten. Die Bataillonsbesichtigung verlief gut. Vorsorglicherwesse hatte mich der Hauptmann als Pferdchalter abkommandiert, um ntcht durch meinen Exerzievmarsch hineingelegt zu werden. Ich erkaltet« mich aber von dem vielen Herumstehen im Regen und uiutzte für einige Tage in» Revier überfiedeln, weil ich leichte? Fieber hatte. Hier ging der sehnlichste Wunsch meine» Feldwebel» in Erfüllung, ich lietz mich zu einem MSdstnu verleiten, der mir drei Tag« eintrug. Bei Vater Philipp war«» nicht schön. Drei Taae lang gab» nicht» als trockenen Kommih und reichlich lange Zeit und beim eraustreten grobe Wort«. Aber auch die schlechten Tage haben ein rtd«. 81» ich wieder in dt« Kaserne kam, hatte ich gerade noch Zeit, metn« Sachen zu packen und zu rüsten. Am Abend fuhr der Zug nach Wahn auf den Schtetzplatz, wo wir vier Wochen bleiben sollten. Mit klingender Musik zogen wir an den Bahnhok. wo wir ver- laden wurden. Well dl« Personenwagen nicht ausreichten, mutzten wir zum Teil mit Viehwagen vovlieb nehmen. Shxr einmal aus der ganzen langen Reise wurde Rast gemacht und Freibier aufae- stellt. Mittag» um zwölf Uhr waren wir an Ort und Stelle. Bi» »um Barackenlager hatten wir noch»in« halbe Stunde zu mar- schteren. Unterweg» hielt der Regimentskommandeur und wir »ruhten mit steifem Benick und durchgedrückten Knochen an ihm »orbeistelzen. E» ftel niemand aus gl» der Baldamu», der Mensch mU den Sodawasserknieen, der sein« ganz« Batterie blamierte. Der Hauptmann schnauft«... (Vchluß folgt.) Der f nedbof der Deportierten. Di».Mauer der Föderierten�, die auf dem Pdre Lachens« den weiten Wiesenplan begrenz«, auf dem dl« letzten Kämpfer de» Kommune von der versailler OrdnungS-SoldateSka erbarmungslos zusammengeschossen wurden, ist der Gegenstand pietätvollen Er- innernS geblieben. Jahr um Jahr legt da» Pariser Proletariat in den Maitagen dort seine Kränze nieder und die Stadtverwaltung hat dem trauernden Gedächtnis der Arbeiterschaft Rechnung gelragen, indem sie den Play vor der Mauer dauernd von der Anlage von Grabstätten ausnahm. Auch auf dem Pariser Friedhof von Moni« parnass« ist einem Kommuncngrab die dauernde Erhaltung gesichert. Es gibt aber noch einen anderen Kommunardenfriedhof, der ver- nachlässigt und jetzt von völliger Zerstörung bedroht ist. Er liegt auf der.Fichteninsel, einem zu Ncukaledonien gehörenden Eiland, das bis zum Jahr 1S11 als Deportationsort diente. tierher wurden nach der Niederwerfung des Pariser AusstandeS ausende gefangener RevolutionSsoldaten gebracht. I» de» Jahren von 1872 bis 188(1 haben 8426 Deportierte die Fichleninsel be- wohnt. Dazu kamen noch einige Familien, die ihrem Haupt folgten. Der französische Senator C o r n e t hat im Januarhefte de» „Revue Socialiste" die Geschichte diestzr Deportierten und ihrer Grabstätte erzählt. Die„einfache Deportation" ist eine politische Strafe, eine«Ver- bannung nach einer sranzösischen Besitzung" und kann nicht mit dem Bagno verwechselt werden. Der Gefangene hat Bewegungsfreiheit. ist zu keiner Arbeit angehalten, kann nach Belieben wohne» und sich Neiden und darf seine Familie nachkommen lassen. Für Deportierte, die in günstigen Vermögensverhältnissen sind, ist das Exil erträglich� nicht so sür den Armen— und zu diesen gehörte die grotze Mehr- zahl der Kommunarden. So kam«S, datz stch einige der Deportierten zu Hausdiensten bei gutsituierten Kameraden verdangen. Der grötzt« Teil aber lebte im Elend, ohne indes an Energie und Schaffens- freude einzubühen. Die Kommunarden haben die Insel in einen blühenden Zustand gebracht. Sie bauten Strotzen, Brücken, Wohn» Häuser, Wasseranlagen, Kanäle, pflanzten edle europäische Frucht« sorten und gewannen dem unfruchtbaren Boden soviel, als nu» möglich war, ab. Die„Intellektuellen" gründeten auch Zeitungen. um die Kameraden nicht in Melancholie und Hoffnungslosigkeit ver- fallen zu lassen. Dies Kulturwerk der Konimunarden, dieser von der kapitalistischen Pretzmeute aller Länder so geschmähten„modernen Barbaren" ist heut« gänzlich verschwunden. Undurchdringliches Dickicht bedeckt alle?, selbst den kleinen, in einem Talgrund verlorenen Friedhof, Ivo einig« Hunderte der Märtyrer liegen. Wer denkt noch der Leiden, Helden- taten und Tragödien, deren Schauplatz die Insel war? Da ist z. B. die Geschichte des Dr. R a S c o u l und seiner 17 GesäHrten. Dr. RaScoul hatte in Numea bleiben dürfen, wo seine ärztliche Kunst, die sich mit echter menschlicher Güte paarte, viele Dienst« leistete. Nach der Flucht RochesortS aber wurde ein strenges Regime eingeführt. RaScoul mutzte nach der Fichteniniel, seine Frau, dt« mit ihren Kindern aus Frankreich nachgekommen war. wurde brutal ausgewiesen. Sie ging nach Sidncy. Dr. RaScoul vermochte die Trennung nicht zu überwinden. Er beschlotz zu fliehen, mochte dabei auch der Tod droben. In einer Waldhöhle nahe am Meere zimmert« er mit 17 entschlossenen Gefährten eine Schaluppe. Nach einigen Monaten war sie fertig. In einer Aprilnacht des Jahres 1878 stach sie, mit genügendein Proviant für die Ucbersahrt nach Australien be- laden, in See und vermochte zwischen den Wachtschiffen unbemerkt hindurchzukommen. Unglücklicherweise aber stand den Schiffern, von denen einige mit der Seefahrt vertraut waren, keine Karte der Kllstengewässer zur Verfügung und so wurde das Boot an ein Korallenriff geworfen, wo es zerschellte. Von den achtzehn wurde nicht einer geborgen. Der Friedhof aber trägt einige Hundert Leichen. Cornct gibt die Liste bekannt, die von der Republik nie veröffentlicht worden ist. Für 1872 werden 7, für 1378 36. für 1874 43. für 1876 24. für 1878 42, sür 1877 8«. sür 1878 80. für 187« 16. für 1880 2 Tote verzeichnet— was für sechs Jahre(1872 und 1880 können ja nicht ganz zählen) 230 TodeSsälle auf 3246 Personen ausmacht, ein« sicherlich hohe Ziffer, da eS sich doch zumeist um jüngere Menschen handelt. Unter den Toten findet sich eine Anzahl Frauen. Bet einzelnen der Verstorbenen ist der Beruf angegeben: so finden loir zwei Literaten, einen pensionierten Zollbeamten,«inen dramatischen Künstler. Bei den übrigen aber fehlt die Berufsangabe, vermutlich find alle zumeist Proletarier. Als die Amnestie erlassen worden war, errichteten die nach rankreich Zurückkehrenden auf dem Friedhof eine Pliramide mit der nschrift:.Ihren im Exil verstorbenen Brüdern. Die Instand- Haltung deS Denkmals und der Gräber übertrugen sie einem De- portierten, der sich in Kaledonien ansässig machte, und übergaben ihm zu diesem Zweck 8600 Fr., die sie durch eine Sammlung auf- gebracht hatten. Leider lietz sich dieser, mehr ungeschickt als unehr- sich, in Spekulationen ein, worin er autzer seiner persönlichen Hab« auch den Fonds verlor. Der Fricthof verfiel nun sehr rasch. Nicht nur unter der Unbill der Zeit, fordern vor allem durch boshaft« und eigennützige Beschädigungen. Die Grabtaseln auS Zinn, die fast alle die Inschrift:„Hier liegt X., Republikaner, im Exil ge- storben. rinis oxilii mors*(„der Tod ist daS Ende des Exils") oder auch„Pirns laborum mors"(„der Tod ist daS Ende de» Mühen') trugen, wurden systematisch ge stöhle». 1809 wäre« nur noch vier Inschriften zu sehe».|t|}t vbechaupt eine einzige. Charakteristisch siir die Denkweise der Behörden ist die Tatsache, dah die offiziellen Dokumente der DcportationSverwaltung und die Statistiken der Marine die Deportierten, die keine Religion»« Zugehörigkeit angegeben hatten, also offenbar Freidenker waren, al» „idolfttros"; Götzendiener verzeichnet 1 Biel Schuld an diesem VandaliSmuS hatten die M i s s i o n a r e, die den eingeborenen Kanälen die Toten, auf deren Grab da? Kreuz fehlte, als.Teufelsknechte'' hinstellten. Natürlich machten sich die«analen kein Bedenken daraus, die Gräber zu plündern,«der auch Beamte der Republik lösten Grabtafeln für ihre Privat- sannnluugen ab. Indes gab e» auch Grabschändungen au» rein geschäftlichen Motiven. So hat ein Kantinenpächter der Straf« Verwaltung— nach der politischen Amnestie waren 8000 gemeine Berbrecher nach der Insel gebracht ivorden— zur Anlage eine» Herde? Grabzlegel verwendet, die er den Grüften der Depor- tierten entnahm. Der Ofen existiert noch heute. Der Friedhof aber ist nur noch an der halb in Schutt zerfallenen Pyramide zu er- kennen. Senator Cornet erklärt, e» sei die höchste Zeit, die Gedächtnis« stätte zu retten. Die Insel ist fast ganz verlosten. Sie wird dem Maristen-Orden zur Kolonisation übergeben werden— der An Ii« klerikaliSmuS ist ja für die Republik kein Ausfuhrartikel—, und so droht die Gefahr, dafc die letzten Spuren des Friedhof» verschwinden. Um sie zu erhalten, bedarf e» hauptsächlich der Ausrodung der üppigeir Vegetation und einer Umzäunung de» Platze». E» bleibt dann noch die Reparatur der Pyramide, die neben ein paar Grab« steinen und einer abgebrochenen Säule, die da» Grab eines jungen Ridcheil» bezeichnet, da» einzige llebcrbleibsei de» Friedhof» ist. Der ganze Geldaufwand würde«in paar hundert Frank betragen. Die Arbeit mühte allerdings Kanäle» vom Festlande übertragen werden, da die von den Mönchen fanatisierten Insulaner sie sicher ablehnen würden. Und noUveudig ist die Festsetzung strenger Strafen für Beschädigungen, um erneutem VandaliSmuS und klerikalem Fanatismus vorzubeugen. Vom Worte grün uncl clem Gründonnerstag. Bon Dr. I. S t a n j e k. Von allen unseren Farbenbezeichnungen spielt im Leben unserer Sprach« keine eine so hervorragende Rolle als der Aus- druck grün. Da» Wort, eine Ableitung von der germanischen Wurzel gro fwachsen. grünen), geht auf denselben Ursprung zurück wie da» Wort.Gras". Da» Wachsende ist das Grünende. So tonnte..grüil" auch die Bedeutiiiig von„frisch" annehmen. Bon frisch gefangenen, noch nicht gepökelten oder geräucherte» Heringen sprechen wir al» von„grünen" Heringe», der Baver bezeichnet junge» Bier al» grüne» Bier, und für den Hutmacher sind grüne Haare die Haare vo» frisch abgezogenen Fellen. Die Bedeutung von„grün" al» Farl-enbezeichnung ist in diesen Fällen vollständig verschwunden, wie auch iu dem bekannten Worte Goethe»:„G r ü n ist des Leven» goldener Baum". Schiller sagt:„Unsere Be- kauntschaft ist noch grün", und wir sprechen vo» grüne» Jungen oder von einen, Grünschnabel. Der grüne Zweig ist da» Symbol de» Kräftigen, Gedeihende«. In Goethe»„Sputchen" hcisti es:«ES ist traurig anzusehen, wie ei» austerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgi. ohne auf einen grünen Zweig zu komme». Trauriges Beispiel Bürger." Und in dem berühmten„Simplizissimus" de» Grimmelshausen steht an einer Stell.''„Räch diesem bedachte ich, wa» ich tun und wie ich meine Händet a»stelle>i wollte, damit ich wieder recht. grün würde." Den„grünen Zwe-g" haben wir wohl biblischem Einslust zu verdanken, heistt e» doch im Luca»-E»ai,gelium:„Denn so man - da» tut am grünen Holz. Iva» will am dürren werden? Unsere Borfahren erhoben dann Grün, die Farbe de» neu- erstehende» Frühlings, zur Farbe der Freude, der Hoffnung und der Liebe. Da» Wort„grün" nahm die Bedeutung von„lieb" an; „die grüne Seite" in dem bekannten BolkSliede„Mädel ruck. ruck. ruck" ist die lieb« Seite, die Herzseite de» Menschen. Und in Schütze»„Holsteinischem Idiotikon" lesen wir:„Die platt- galante Holsteinerin Pflegt den Herrn zun, Sitzen an ihrer Seite mit den Worten einzuladen:„Seiten se sik mqn an Mine gröne Sid. dar i» noch keen een verdcögll" Bisweilen tvird grün auch zur Bezeichnung des Getvöhnlichen, Alltäglichen.' Das Sprichwort:„Wer sich grün macht, den sresien die Ziegen" sagt. dast der Allzubescheidene eine schlechte Behandlung z» gewärtigen hat. Und der„grüne Tisch" ist bekanntlich jener oft mit grünein Tuch bezogene Tisch der Behörden, von dem mitunter sehr un- praktische Verfügungen ausgeben sollen. Aber diese Fälle, in denen da» Wort„grün" eine herabsetzende Bedeutung hat. bilden eine verschwindende Rinderzabt. Die Mannigfaltigkeit der Bedeutung des Worte? grün macht es verstäiidllch. dast dem Namen Gründonnerstag eine Fülle von Deutungen zuteil wurden. Die ineiste Wahrscheinlichkeit hat die Verknüpfung des„Gründonnerstag" mit einer Uebersetzung des lateinischen Namen» dieses Festes«lies virickinm{Tag der Grünen). Bera»!w. Redakteur: Alfred Wictepp, NeukvLn.— Druck u. Verlag: ' Diese Grünen(virides) waren die begnadig! en Büster, die nach der während der Fastenzeit vollbrachten öffentlichen Büste von ihren Vergehungen und Kirchenstrafen losgesprochen und al» Sündenlose wieder in die Gemeinsthast der Gläubigen aufgenommen wurden, um cm der am Gründonnerstag stattfindenden Abendmahlsfeiec teilnehmen zu können. Der Gründonnerstag führt auch beute noch in manchen Gegenden den Namen„Antlasttaa". Ablasttag. Büster stellten sich an dem durch die Einsetzung des Abendmahl» geheiligten Tage vor den Kirchentüren ei» und erhielten die erbetene Ver- zeihuiig. Ehchman sagt in seinem Voealnilarkim paedicautiutn: vom Jahre 1483:„viridis, ein grünender, der da on sunde ist, gnin." Die Feier de» Gründonnerstag» tvurde in der christ- lichen Kirche im Jahre 692 durch Papst Leo ll. angeordnet, der Fest- tag hiest zuerst die» eoenae domini. Fest de» Abendmahles; aber später trat an die Stelle dieser Bezeichnung der Name die» abso- lutioais, Tag der LoSsprechnng. Bei den Franzosen heistt der Gründonnerstag noch heute jendi saint oder jendi absolu, die Dänen nnd Schwede» nennen ihn den reinen oder reinigenden Donnerstag, und für die Engländer ist er der Sbcer Thursday, der lautere, klare, reine Donnerstag. Im Bolksmunde ist noch vielfach die Ansicht verbreitet, der Gründonnerstag verdanke seinen Namen der Sitte, an ihm die ersten grünen Kräuter de? Frühlings auf den Tisch zu bringen. Diese Sitte ist sehr alt: schon in RollenhagcnS„Frvschmäusekrieg" lesen wir:„Am grünen Donnerstag im M a i kocht eine Bäuerin ihren Brei, vo» neunerlei Kohlkränterlein, solt wider alle Krank- heit sein." Da» Wort Mai hat hier die allgemeine Bedeutung von Frühling. In verschiedene» Gegenden Westfalens stellt man am Gründonnerstag die sogenannte Negenstärke her. einen Trank, zu dessen Herstellung neun(negen) verschiedenen Frühlingskräuter ver« wandt werden. Grüne Kräuter am Gründonnerstag genossen, so sagt man vielfach, erhalten nicht»nr die Gesundheit, sondern be- wahren auch das ganze Jahr hindurch vor Geldmangel. Aber zweifellos ist der Name Gründonnerstag nickt aus dieser Sitte entstanden, sondern er hat umgekehrt wahrscheinlich im Laufe der Zeit die Sitte, an diesem Tage grüne Kräuter zu geniesten, hervor- gerufen. Das Volk will sich immer unter einen, Namen etwa» denken: ist ihm dieser nicht ohne weiteres klar, so wird irgendein Zusammenhang hergestellt, solange beispielsweise der Hollundec (der Baum der Hollal. nur diesen Namen führte, galt er nirgend» al» LiebeSbaum. Nu» wurde der Name in manchen Gegenden zu Holder verkürzt: sofort war durch den Anklang an„hold" die Berbiudung mit der Liebe gegeben: und der Holder wurde der Baum der Verlieblen. KUlned Feuilleton. Auch ropologisches. Eine gefleckte Negerfanlilie. Bei Tieren ist e» etwa» ganz Gewöhnliche», dast eine Kreuzung verschiedener Rassen Aende- r, ingen der Hautfarbe bei der Nachkommenschaft herbeiführt und dast sich diese auch durch Vererbung fortpflanzen lassen. Bei Menschen pflegt eine entsprechende Erscheinung nur insoweit einzutreten, al» die Hautfarbe im ganzen einen anderen Ton annimmt. Sehr selten dagegen ist da» Vorkommen einer gesteckte» Haut, und einzigartig steht der Fall da, dast eine solche Fleckung sich in einer Familie, die durch die Mischung von Reger- und europäischen, Blut hervorgegangen ist. durch mehrere Geschlechter vererbt hat. lieber diese Familie von gefleckten Negern ist jetzt«ine wissenschaftlich« Veröffentlichung im„American Raturalist" erschienen. Ihre Geschichte geht etwa 00 Jahre zurück. Angeblich sollen die Stammelter» der ge- fleckten Nachkommen beide Neger von normalem Vau gewesen sein, wa« wohl aber kaum zutreffen dürfte. Die Kinder zeigte» eine merkwürdige Veränderung der Hautfarbe an bestimmten Stellen. Schwarz war ein Streifen, der an« Kopfe begann und sich über die ganz« Länge des RunchfeS erstreckte, nach unten aber schmäler wurde und am Gesäst endete. Alle übrigen Körperteile waren schwarz und tveist gefleckt und zwar besäst die Haut an den weisteu Stellen über« Haupt Einerlei Farbstoff. Di« Grenzen von Schwarz und Welst bliebe« im Verlauf de» Wachstum» dieselben, wie sie bei der Geburt gewesen waren. Eine dieser gefleckten Negerinnen Heiratete und gebar 15 Kinder, von denen 8 wie die Mutter gefleckt waren. 7 normal schwarz. Von diesen 15 Mii« gliedern der zweiten Generation heirateten je 3 g«- fleckt« nnd 3 schtvarze. und zwar verbanden sie sich wieder mit eckten Negern. Die schwarzen Mütter hatten nur siebe» normale Kinder, die gefleckten dagegen zwei normal« und nenn gleichfalls gefleckte. Dieser Umstand ist besonders geeignet, da» Er- staune» der Vererb, mgssorscher zu erregen, da nack der bisherigen Annahme über die Gesetze der Vererbung nur die Hälfte der Grost- linder hätten gefleckt sein dürfen. Sollte sich der eigentümliche Typu» noch weiter fortpflauzen und würde eS dahin kommen, dast' sich zwei gefleckte Personen heirateten, die nicht zu nahe miteinander verwandt sind, so wäre e? denkbar, das; eine neue Rasse entstünde, die vielleicht eine weitere Ausbreitung finden könnte. Der Bericht klingt nach einem Aprilscherz, doch besitzt der„American Naturalist" den Ruf einer ernsten, wissenschaftlichen Zeitschrift._ Bortvärtö Buchdrucker« i u.VerlagSanstalt Paul Silber ScCo., Berlin SAk.