Anterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 63. Mittwoch den 26. März 1913 6] Das gelobte Land* Eine Erzählung aus dem Bornholmer Nordland vonMartinAndersenNexö. Ein Arbeiter hängt mit blauictuvarzem Gesicht über dem Spill des Krans und stemmt den Bauch mit aller Kraft gegen das Schwungrad, um einen Felsblock in der Schwebe zu halten, während die anderen Arbeiter den Stein auf den Wagen hinüberfchwenken. Zwei Leute gehen auf und ab und hämmern geduldig auf mehrere kleine Keile, die in einer Reihe aus dem nackten Rücken des Gesteins hervorstarren. Es sieht idiotisch aus, aber sie fahren fort, und von Zeit zu Zeit horchen sie am Felsen. Und schließlich, nach langer Zeit hört man einen langgezogenen Laut— wie von Tuch, das zer- rissen wird—, und ein Granitbarren löst sich von der Klippe. Oben an der südlichen Kante des Steinbruchs arbeiten Hans Kämpe und Janus Köller. Ihre Aufgabe ist es, Erde und Pflanzen vom Felsen wegzuräumen und die mehrere Fuß dicke Steinschicht abzuschälen, die von Sonne und Wetter zer- miirbt ist, so daß der frische Kern blotzliegt. Hanns sitzt mit * gespreizten Beinen da und dreht den großen Stahlbohrer, während Hans Kämpe den großen Hammer in gleichmäßigem Takte führt, ein Schlag bei jeder kleinen Drehung. Janus ist ein redseliges Männchen, dem der Mund nicht still steht; Hans Kämpe schweigt und starrt in die Ferne. „Du bist beut so schweigsam," sagt Janus in einer Pause, während er das Bohrloch ausspült.„Biel redst Du ja nie, aber heute bist Du wieder mal furchtbar wortkarg. Steht's etwa schlecht bei Dir zu Haus?" Hans Känipe antworlete nicht. Eine Weile bohrten sie schweigend weiter, dann hielt Hanns mit warnender Hand- bcweguug in seiner Arbeit inue. „Es geht heut so träge," sagte er mißvergnügt,„der Stein will den Bohrer nicht loslassen; es ist. als ob man in Teer arbeitete. Er muß»vetterkrank sein." Hans Kämpe schlug einen Splitter von der Klippe ab und zerbröckelte ihn zwischen den Fingern.„Ja, krank ist er, tvir bekommen einen Umschlag im Wetter." Er ergriff den Hammer und tat wieder seine Schläge. „Es ist auch bald an der Zeit," rief Janus, während er den Bohrer hin und her wand, es belebte ihn ordentlich, eine Antwort von seinem Gefährten zu bekommen.„Der Winter war schwer genug für uns— und Ihr wart wohl nicht besser dran?" „Nun haben wir auch noch Marie und ihr Kind zu der- sorgen," fuhr er sort, als er merkte, daß Hans ihm nicht ant- wortete.„Die Last wird durch das alles immer größer, und es ist nur ein Versorger da. Tu hast ja auch Dein Päckchen zu tragen! Ter Tod hätte Dir die Sorge um Deinen Alten recht gut abnehmen können, ivo er jetzt sowieso hier war. Mel Sinn hat das Ganze nicht— soweit wir arnien Leute es bc- urteilen können." Hans Känipe hört« plötzlich auf zu hämmern und sah den Gefährten bedrückt cm.„Ist hier denn jemand gestorben?" fragte er still. „Ja. der klein« Junge des armen Jakob. Jakob stand heut morgen, als ich vorbeiging, in der Tür. Hier ist keine Trauer, sagt« er, hier ist keine Trauer! Da, wo er nun hin- gegangen ist. hat er genug zu essen. Für einen Toten, er- widerte ich, ist wohl überall zu essen, wo er auch hinkommt. Keine Trauer... nein! Und dann stand er da mit seinen rotgeweinten Augen, und im Hause hörte ich die Frau klagen." Hans Kämpe schwieg und tat seine regelmäßigen Schläge. Sein Blick schweift« nicht mehr suchend hinaus in die. unge- wisse Ferne übers Meer; er hatte ihn jetzt ganz nach innen gekehrt;, eine dumpfe Ruhe war über ihn gekommen. Seine Gedanken beschrieben keine Kreise, sondern blieben hängen an dem, was er sah; in diesem Augenblick tat ihm der brave Janus leid, der zu nichts anderem taugte, als den Bohrer zu drelien und zu schwatzen. Seit zehn Jahren waren sie nun Arfreitsgefährten und waren innner gut miteinander aus- gekommen. „Du solltest versuchen, mit Lars zusammenzuarbeiten," sagte Hans Käinpe plötzlich. Ohne seinen Willen wurden die Gedanken zu Worten. Janus ließ beide Hände sinken.„Willst Du denn nicht länger Steinhauer sein? Oder bist Du unzufrieden mit Deinem alten Kameraden?" Acngstlich sah er zu ihm auf wie zu einem Versorger. „Ich denke, ich ziehe bald ins Ackerland hinunter," er- widerte Hans; es war keine Freude in seinen Worten. „Dann hast Du also in der Lotterie gewonnen! Und ich muß wohl gratulieren— wenn ich auch weiß, daß es mir nicht leicht fallen wird, ohne Dich fertig zu werden!" „Man hat mir einen kleinen Flecken Land da unten ver- sprochen," sagte Hans Kämpe leise. Sein Tonsall hatte etwas Abschtießendes: nun sollte nicht mehr über die Sack)« gesprocheil werden. Da schwieg Janus und behielt seine Verwunderung für sich; sie kam von Zeit zu Zeit nur darin zum Vorschein, daß er ein wenig mit sich selber schwatzte. Das Bohrloch hatte seine richtige Tiefe, und die beiden reinigten es und luden die Mine. Sie waren eben fertig, als der Aufseher unten vom Steinbruch her zum Mittagessen pfiff. „Ja, dann wollen wir wohl essen geben," sagte Janus. „Wir können ja dann hinaufsteigen und die Mine anzünden, bevor die anderen die Arbeit beginnen" Aber Hans Kämpe hatte keine Lust, zu den andern zu gehen.„Geh Tu nur," sagte er.„und warne die anderen, daß sie sich beiseite halten. Tann schieße ich sie ab, sobald ich ge- gessen habe." Einen Augenblick stand er da und starrte mit verschleier- tcn Augen vor sich hin; dann tastete er in seiner Westentasche herum und nahm einen Papierfetzrn heraus:„Du kommst ja heut abend beini Kaufmann vorbei. Könntest Du nicht für meine Frau die Sachen da einkaufen dann kann eins von den Kindern sie morgen mittag bei Euch abholen." Janus sab ihn verwundert an. Es war ungewöhnlich, daß hier jemand die ausgetretenen Wege überschritt. „Ich will nämlich hinunter und wegen des Stückchens Land mit dem Manne sprechen." fügte Hans erklärend hinzu. Und dann setzte er sich mit dem Rücken gegen den Fels und aß; der Ausdruck seiner Augen glich dem eines Blinden, die Unabwendbarkeit hatte sie mit einem Schleier überzogen. Während er kante, wanderten seine Gedanken auf allerlei gleichgültige» Dingen umher, versuchten, sich ernstlich irgend- wo festzusetzen, fielen aber wieder ab. Er empfand das als Erleichterung; in seinem Kopf waren qualvolle Spuren, auf denen die Gedanken wie ein angebundenes Pferd herum- getrabt waren, bis alles Frische verschwand und nur noch ein Ring von Morast übrig war. Als er gegessen und wie gewöhnlich Proviantkorb und Bierflasche unter einen Stein gestellt hatte, ließ er den Ruf zum Steinbruch hinabgehen und bekam Antwort:„Feuer los!" sorgfältig sah er alles noch einmal nach, probierte Ver- Packung und Zündschnur, suchte sich seine Deckung aus und zündete dann an. Ruhig arbeitete er sich nach der über- hängenden Klippe hinaus, unter der sie Deckung zu finden pflegten. Es war Zeit genug vorhanden, aber er nahm längere � Schritte als gewöhnlich. In seinem Innern bekämpften ein- ander zweierlei Gefühle: er wußte, daß nichts geschehen konnte, noch tiefer jedoch saß die Uebcrzcugung, daß etwas gesck>ehen würde. Ganz nahe vor der Deckungsstelle glitt sein Fuß auf den: Mooie aus, das den Felsen schleimig bedeckte.„Nun ist schon das Tauwetter da," dachte er, während er sich bückte, um den einen Holzschuh loszubekommen. Der war in einer Spalte stecken geblieben. Und Hans Kämpe wollte ihn nicht gern fahren lassen und auf Socken an seinen Zufluchtsort hüpfen. Endlich löste sich der Schuh, aber der Widerstand hatte etwas in ihm gelähmt. Er brauchte sich bloß noch auf den Felsen hinauszuichwingen und sich hinter die Deckung hin- untergleiten zu lassen, aber die Hände griffen schlecht zu und die Knie rutschten auf dem Moose aus. Das bestärkte ihn darin, was er die ganze Zeit über gewußt hatte; still hing er da und wartete aus Kräfte, sich hiniiberzuschwingen._„Nun kann es nicht mehr lange dauern," dachte er geduidig und wollte den Kops wenden. Ta kaitt die Kraft voir unten her um ihn emporLestiegen: '.veich und unüberwindlich griff sie nach ihm, schwang ihn über das Hindernis und warf ihn ins Heidekraut hinauf. Da lag er schwer zusammengebrochen, als Janus heraufkam.„Er ist schon den ganzen Tag so wunderlich gewesen," sagte Jamis. „Mich wollte er beiseite haben, ich durfte bei der Sprengung nicht zugegen sein. Und wie wunderlich hat er von dem Acker- land da unten gesprochen— ich glaube, er hat sein Unglück geahntl" Dann legten sie ihn auf eine Bahre und wanderten mit ihm über die Felsen ins Land. Hinter ihnen her zog der unsichtbare Chor der Wildenten und holte sie mit seinem großen, einfältigen Tröste ein:„O— ho ho! C— ho ho!" Es klang wie eine Welt von Weisheit durch die Einsamkeit hier oben. IV. Unten im Ackerland trieb der Pflugsunge'eine Pferde an:„Holla, wollt Fhr Euch wohl tniiimelnl Der Frühling ist uns auf den Fersen." Die Pferde gaben sich mit eifrigem Nicken an die Arbeit und holten die schwarze Erde an den Tag herauf, und von der See her kamen weiße Vögel geflogen und fielen auf das dampfende Pflugfeld ein. Jira, kral" Tie erste Krähe flog niit dein ersten Zweig zu den Eschen hin- über, wo es schoir schwarz von vorjährigeil Nestern war. Und der Bauer ging mit breiten Schritten über das Land, das schon warm und erwartungsvoll für jede Berührung war. „Für Essen und st leider! Für Steuern und Abgaben! Für etwas auf den Boden der Truhe, fürs Alter!" sagte er und warf bei jedem Satz eine Handvoll Saattörner ans. Tie Soiiilenwärme wanderte hinter ihm her wie ein reiches Lieb- kosen, und das Feld ergrünte, wo er gegangen>var. Aber hoch über alledem bewegte sich die Sonne selber dahin; sie leuchtete über dem ganzen Lande und verband in einem Bogen Meer und Meer. Sie streute belle Achter ans über die graue Bürde des Felsenlandes und ließ das Früh- lingswasser singend durch die Spalten rinnen. Oben vom „Knägt" her konnte man ihren lichten Weg verfolgen, von dem Augenblick air, wo sie im Osten dem Meere entstieg, bis zu ihrem Hinabtauchen in das Meer im Westen; dorthin trabten die Kleinen manchmal aus dem Tale herauf und starrten mit blinzelnden Augen in das strahlende Wunder der Welt. Zur Hütte hinab kam die Sonne nicht, auf dem Felsensaum saß der Tod und wartete geduldig und warf seinen Schatten über das Ganze. Die anderen bemerkten nur den Schatten, den er warf, aber Großvater konnte den grauen Mann selber sehen und mußte den Kindern erzählen, wie er aussah. Jeden Tag fragten sie, ob er immer noch dasitze; dann mußte der Zllte sich zum Giebel hintasten und sie hörten ihn reden. „Aus wen wartest Tu? Weim's der alte Die ist, der ist hier! Wenn iikl,t, so geh Deiner Wege! Geb, geh!" Aber der Tod rührte sich nicht, mit seinem Steinmund saß er da und wartete. (Fortsetzung folgt.) Sin Paria. Bon William Brom m e. ES ist in der Presse Titte geworden, der mehr oder weniger verdienstvollen Toten zu gedenken. Ich nehme mir die Freiheit, einmal diesen schönen Gebrauch auszudehnen auf einen jener un- gezählten Namenlosen, nach denen kein Hahn mehr kräht, wenn sie gestorben sind. Ich will sogar über einen aus der Gesellschaft Aus- gestoßenen sck.re.bcn, über einen verachteten Landstrcichcr, der in der Gosse zugrunde gegangen ist, der aber in anderen Bahnen viel- leicht ei» bedeutender Mensch geworden wäre. Es handelt sich um den Arbeiter Ernst Sckuckardt aus Gotha, der durch mißlickc Verhältnisse gezwungen wurde, den größten Teil seines Lebens unstär und flüchtig wie AhaSver, der ewige Jude, auf der Landstraße zu wandern. Tchuchardt mag vielen, die er auf seinen Fahrten angebettelt hat, als Parasit erschienen sein. Im Grunde genommen war er aber ein guter Mensch von ungewöhnlicher geistiger Begabung. AI? Verfasser der„sechs Monate Arbeitshaus", des in mehrfacher Auflage vorliegenden 33. Bandes der von Hans Ostwald heraus- gegebenen„Großstadtdokumente", ist Schuchardt auch literarisch hervorgetreten. Außerdem sind in der von Paul Göhre heraus- gegebenen„Lebensgeschicktc eines modernen Fabrikarbeiters" eine Anzahl Briefe Tchuchardts abgedruckt worden, die von der Kritik als das Seltsamste bezeichnet worden sind, was von Arbeitcrlitera- lur vorhanden ist. Tiefe Wertschätzung ist es denn auch, die mich veranlaßt, weiter unten einige Brieistellen med Sentenzen Sch.ichardtS zu veröffentliche». Ist auch der Lebensgang des Vcr- storbencn nicht ungewöhnlich, so beweisen doch diese Auszüge aus seinen an mich gerichteten Briefen, die meist im Fuselbunst der Pennen, zwischen bedauernswerten Leidensgefährten und der- kommenen Lumpenprolctariern, unter allerlei Lärm und GerSufch, geschrieben wurden, daß der Mann, der da zu uns spricht, immer- hin einiges Interesse verdient. Schuchardt>var eine Art Landstratzenphilosoph. Seine Lebens- bahn führte ihn bergab. Ter Alkohol schlug seine Krallen nach dein untcrernähricn, ncurasthcnischcn Mensche», daß er schließlich keinen Halr mehr fand, keine dauernde Beschäftigung mehr aus- zuüben, noch geordnete Verhältnisse zu ertragen vermochte. Trotz- dem war bis an sei» Lebensende die erste Sorge dieses„Vaga- bunden" die Entrichtung seiner Gewerkschafts- und Parteibeiträge. ..Ter Verband ist meine zweite Mutter", hat Ernst Schuchardt immer und immer!vi5dcr gesagt. Und agitiert hat er, wo er nur immer Gelegenheit dazu fand. Ucber seinen Lcbcnsgang hat er mir in einem Briefe folgendes berichtet: „Ich wurde am 2. Juni 1866 zu Gotha geboren. Von 1373 bis 1886 erhielt ick in der dortigen Volksschule meine„pädagogische" Ausbildung. Hierauf lernte ich als Schuhmacher und arbeitete nach der Lehrzeit noch drei Jahre in einer Schuhfabrik. Wegen schlechten Geschäftsganges verließ ich im Sommer 1886 diese Bude und ar- bcitcte bei den Maurern. Im Winter machte ich dann eine Kam- pagne in der Gothaer Zuckerfabrik mit. Hierauf arbeitete ich zwei Jahre als Formenträger und Bodenarbcitcr in einer Porzellan- fabrik. Im Frühjahr 1889 trieb es mich in die„Fremde". Ich kam nach Magdeburg, wo ich bei einem Bildhauer gleich die erste Woche Lohn einbüßen mußte, weil der gute Mann zahlungsunfähig war. Tie folgende Beschäftigung bei einem Stukkateur gab ich wegen� eines Streiks— des ersten, an dem ich teilnahm— auf, ging dann als Marmorpoliercr und erhielt im Winter Arbeit in der Buckauer Porzcllanfabrik, in der ich bis Ende März 1893 tätig gewesen bin. Am 14. April 1893 schüttelte ich den Staub des deutschen Heimat- landcs von meinen Pantoffeln und wanderte nach Amerika ans, wo ich fünf Jahre lang als Hausdiener und Tramp ein wahres Abenteurerleben gefühn habe.(Tie Erlebnisse in den Vereinigten Staaten von Amerika bat Schuchardt in einem Manuskript ge- schildert, das sich im Besitz von Hans Ostlvald-Zchlcndors befindet. Anm. d. V.) Arn 14. Mai 1898 winkte ich der Statue der Freiheit im New Dorkcr Hafen den letzten Abschicdsgruß zu. Pfingsten 1898 atmete ich zum ersten Male wieder Ozon in einem deutschen Tannenwald ein. Zunächst erhielt ich Beichäftigung in einer chemischen Fabrik bei Berlin, ging dann als Hausdiener nach Magdeburg, und einige Wochen später sing ich in der bekannten Zichorien- und Schoko- lndcnfabrit von Hauswald an zu arbeiten. Hier hielt ich es noch ein Jahr aus. Dann tippelte ich nach dem Ruhrgebiet. Es fiel mir aber nicht ein. als Kumpel in die Kohlengruben zu fahren. Ick wurde in dem Nickelwerk des berüchtigten Gerbard Terlinden als Polierer eingestellt, bis mir dort die fortwährende Reduzierung des Akkordlobncs zu bunt wurde. In der-Schalker Spicgelmanu- faktur war meines Bleibens auch nicht lange. Dort war ich aus dem Regen unter die Traufe gekommen. Ich fetzte mich deshalb auf„Schusters Rappen" und unternahm eine Fahrt nach Süd- dcutschland. Bis zum Februar 1991 rackerte ich ii�dcr Schmetzer- scheu Kindcrwagenfabrik zu Ansbach. Wegen Differenzen..haute ich dort den Sack" und wanderte nach Thüringen. Am 27. Fe- binar erhielt ich wieder Arbeit in der Wesselmann-Aktiengesell- schaft, einer Wcrkzcugmaschinenfabrik zu Gera, wo ich mit Dir zusammentrat. Bon da an kennst Du meine weiteren Erlebnisse aus den an Dich gerichteten Briefen. Mit der gewerkschaftlichen Organisation kam ich 1883 zum ersten Male in Berührung, als mich der jetzige Reichstagsabgcordnete Wilhelm Bock-Goiha in den Schuhmachcrverbaud aufnahm. Nach meiner Rückkehr aus Amerika trat ick— im Oktober 1898— in Magdeburg dem Fabrikarbeiter- verband bei, um am 4. Juni 1899 in den Mctallarbeitcrverband überzutreten, dem ich treu bleiben werde bis zum letzten Atemzug. Denn er hat viel, sehr viel an mir getan. Ter Partei gehöre ich seit März 1999 als zahlendes Mitglied an." Meine erste Begegnung mit Schuchardt fand— wie ans den Zeilen hervorgeht— in Gera statt. Wir arbeiteten etwa fünf Mo- nate zusammen. Eines Tages geriet er mit dem Obermeister in Wortwechsel. Dieser beauftragte Schuchardt, den Schleifstein abzu- drehen— wegen des dabei entstehenden Steinstaubes eine sehr ungesunde Beschäftigung— deren Ausführung Schuchardt mit der Begründung verweigerte, diitz er den Schleifstein nie benutze. Diese Widersetzlichkeit hatte seine Eittlassling zur Folge. Noch anc Abend jenes Tages packte Schuchardt seinen„Berliner", kaufte sich die Reclamauögabe von Goethes„Faust" und Heines..Harzrcise" als Chausscegrabenlektüre und tippelte am anderen Morgen loS. Sein Versprechen, mir regelmäßig zu schreibe», hat er ehrlich gc- halten. Fast acht Iabre lang bekam ich— mit Ausnahme der Zeit, die er im Arbeitshaus und äiefängisis verbracht hat; er verbüßte. soweit ich mich erinnere, nicht weniger alS 26 Bettclstrafen— fast jede Woche einen Brief oder eine Postkarte. Und ein- oder zwei- mal im Jahre schenkic Schuchardt mir die Ehre seines Besuches. Längere Zeit hat er während dieser acht Jahre nur i» Schweinfnrt und Berlin gearbeitet. Ein halbes Jahr verbrachte er im Arbeits- TjcuS Großsalze bei Schönebeck an der Elbe, nachdem man ihm in Magdeburg beim»Dalsen" erwischt hatte. Die Höllenpein der „Winde" hat den armen Kerl völlig auf den Hund gebracht. Seit seiner Entlassung von dort war er total nervös. Das zeigt auch die Schilderung seines Abganges von Großsalze. Er schreibt darüber: „Frei! Endlich war ich frei! Das erste war, diese Schmach hinuntcrzuspülen. Ich soif— den ersten �susel— den zweiten— den dritten und soff noch mehr. Dann grng ich die Straße nach Magdeburg. Einen Haß im Herzen gegen die verfluchte Polizei, einen Haß gegen die Menschheit und gegen mich selbst." Wieder unternahm er seine Wanderfahrten. Sein Weg führte ihn nach Bayern, Württemberg, Baden, die Rheinpfalz, Hessen, Thüringen, Sachsen und Oesterreich. In Wien kehrte er um und wandte sich nach München. Zn Berlin schrieb Schuchardt einen Teil seiner Erlebnisse nieder. Ter Metallarbeitcrvcrband, Hans Ostwald und der Frank- furter Professor Philipp Stein vom„Institut für Gemeinwohl" haben ihn während jener Zeit über Wasser gehalten. Es waren vielleicht die schönsten Tage seines Lebens. Doch auch sie konnte er nicht mehr aushalten. Er tvurdc durch die geistige Tätigkeit noch aufgeregter. Jahrelang batie er den Wunsch gehegt, in einem Gewerkschafts- lmuse als Hausdiener sein Leben zu fristen. In Tortmund wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Tic dortigen Genossen stellten ihn als selchen ein. Doch auch dieser Versuch schlug fehl. Nach einem Monat schon zog er von dannen. Im November 1909 erhielt ich in Lübeck Schuchardis letzten Besuch. Uni die Jahreswende kam noch eine Neujahrskarte aus Berlin. Das war sein letztes Lebenszeichen. Später hörte ich von Bekannten, daß sie ihn am 18. März noch auf dem Friedhofe der Märzgefallenen im Friedrichshain gesehen hatten. Seitdem blieb Schuchardt verschollen. Ich vermutete ihn in einer Irrenanstalt. Erst vor wenigen Tage» habe ich er- fahren, daß er am 3l. März 1919 gestorben ist. Wie er endete, ist mir. indes nicht bekannt geworden. Ob er hinter einem Zaun an der Vergiftung durch Methylalkohol seinen letzten Seufzer aus- hauchte, oder ob man seine Leiche aus dem Landwehrkanal tischte, wer weiß es? Nur so viel erfuhr ich, daß vom Mctallarbeitcrver- band 75 M. Sterbegeld ausgezahlt worden sind. Schuchardis Briefe an dieser Stelle zu veröffciulichcn, ist unmöglich. Sic würden ein Buch füllen. Ich muß niich auf einige Auszüge und Sentenzen beschränken. ♦ ... Ein Glück, daß ich das Fichtelgcbirge hinter mir habe. Nichts als verschneite Wege. Dazu Tauwetter. Meine Füße kommen mir vor wie ein in einer Kiste gefangener Walfisch. Seit drei Tagen laufe ich permanent im Wasser. Es ist zum Bcrzvveifeln. Alles Bruch, Talles u. Tomp.... ... In dieser herrlichen Gegend herrscht das größte Prole- tarierclend. Ten armen Leuten liest man die heilige Not von der Stirn ab. Für d i e paßt das ultramontane Kochrezept a la Hitze: Man kaufe einen Schinkenknochen und Potacken lKartoffelnl, das gibt eine Mahlzeit. Frühstück und Abendbrot denkt man sich. Die Miete wohnt man ab. Bier braucht der Arbeiter nicht zu trinken. Tie Ochsen saufen auch Wasser und werden groß und stark davon. Zigarren sind Luxus. Die Herren von der Braupfanne sind hier elend daran, und die Tabakarbeitcr müssen hier zugrunde gehen. Und da sagen die Moralphilosophen, es gibt keine Berelendungs- Iheorie. Nun dann gibt es eben eine Verelendungspraxis.... ... Das widerliche Gespenst der Existcnzlosigkeit grinst in diesem Winter in Leipzig ans allen Ecken und Enden. Scharenweise durchziehen Arbeitslose die Stadt. Dabei herrscht Hundekälte. Mir wird manchmal vor mir selbst übel. Nur mein Humor hält mich noch am Leben. Derjenige Mensch, der sich für schlechter hält als er ist, besitzt Selbsterkenntnis; der kann sich immer noch bessern. Bei mir wird das die höchste Zeit.„Wenn ich nicht alles versoffen lätte, brauchte ich nicht fechten zu gehen." Solche und ähnliche Redensarten hört man von den gcmietlichcn sächsischen Spießern. Die Arbeiter in Leipzig sind gut. Wer etwas von ihnen hat, gibt etwas. Wer nichts hat, kann nichts geben. Gestern gab mir eine Frau statt einen Pfennig ein Zehnmarkstück. Ich gab eS ihr zurück und erhielt als Lohn sieben Pfennige.... ... Mir ist das ganze Iammerleben hier in Schweinfurt ein riesiger Ekel. Arbeiten und kein Heim haben. Lieber verrecken. Man hat nur das Wirtsckaftslcben. Saufen— Saufen und noch- mals Saufen. Das ist aber auch alle». Ich babe eS satt. Die Arbeitsverhältnisse sind hier unter dem Hund. Tie verfluchte Akkordschinakelei hat mich ganz verrückt gemacht. Ich mache hier Schluß. DaS ist mein fester Vorsatz.... ... Der Tisch wackelt. Die Säge ist stumpf. Das Holz reißt sie mehr auseinander, als daß sie es schneidet. Ich muß höllisch aufpassen. An deni Racker hoben schon mehrere Kollegen ihre Knochen gelassen. Ich forderte den Vorarbeiter auf, die Säge zu schränken und feilen zu lassen. Der antwortete: Da wird die Säge kleiner, und der Mensch muh auch seine Plage haben, damit ihm das Sterben leichter wird. Schade, daß diese Kraft nur Zwischcnmcistcr ist.... ... In unserer Fabrik grassiert die Krätze. Kein Wunder, die Aborts sind seit 12 Iahren nicht gereinigt worden. Man scheint hier zu glauben, der Arbeiter sei ein Schwein. Todom und Go- -norrahl Und das ist eine Kreisstadt..., ... Mit der Kaninchenzuckt fängt das Gleich an. Tann brauchk man Hunde und Kotzen zur Volksernähruiim Und— Kartoffeln in der Früh, deZ Mittag» in der Brüh, de» Ibend» mit samt dein Kleid, Kartoffeln in alle Ewigkeit. Amen!... ... Ich hatte unterlassen, der Fabrikkrankenkasse(Ansbach» mitzuteilen, daß ich noch der Hamburger Tischlerkrankenkafse an« gehöre. Dafür hat sie mich mit 20 M. bestraft. Das schlägt dem Faß den Boden aus. Ich habe gekündigt und den Herren meine Meinung gesagt. Wenn ich Chef gewesen wäre, so hätte ich mich nobel gezeigt, dem Schuchardt 38,60 M. für 14 Tage Lohn auf den Tisch gelegt und den gemeingefährlichen Menschen zum Zucht- haus— pardon— Tempel hinausgeworfen. Dann hätte ich trotz meines schweren Talles gesagt: Alle Achtung, der Herr Chef ist ein charaktervoller Mensch. So aber ist er ein Egoist, der mich noch 14 Tage auspressen will. Ja, ja! Gescheite Leute sind das beste Konversationslexikon. Ohne Egoismus kann die Welt nicht exi- stieren. Auch das Soiidaritäisgefühl ist Egoismus. Dafür ein Beispiel: Du arbeitest in einer Fabrik für guten Lohn. Da wird Deinem Kollegen ein Abzug gemacht. Du wirst nicht betroffen. Was denkst Du da? Dein erster Gedanke wird sein: Meinem Kollegen wird der Lohn gekürzt. Was man ihm heute tut, trifft morgen mich. Als praktischer Mensch trittst Tu für Deinen Kol- legen ein, um Dich nicht selbst zu prellen. Ergo ist Solidarität auch ein Stück Egoismus.... �, ... Der Kapitalismus gleicht dem Schneeball, der sich von dem Gletscher loslöst, durch das Rollen zur Lawine wird, um schließlich alles im Tale und sich selbst zu vernickten.... ... Was ist ethische Kultur? Die Anerkennung, daß alle Individuen gleichberechtigt sind die Freuden dieser Erde zu teilet» und zu genießen.... ... Was ist ein Vagabund? Ein ausgestoßenes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, dem wirklich Arbeitsscheue nachsagen, der Lump will nicht arbeiten.... ... Was ist Wohltat? Wenn jemand das Letzte teilt und dann! selbst cntvehrt. Von Rechts wegen gibt es keine Wohltat. Wenn jedermann sein Recht, auf Existenz forderte, könnte von Wohltat keine Rede sein. Ich habe ein Recht zu leben und fordere all« Brveitsbrüder auf, dieses Recht zum Gesetz zu machen.... ... In der Schule wird gelehrt: Du sollst Vater und Mutter ehren, lind dann muß der Lehrer lagen: Sozialdemokraten find böse Menschen.... ... Gar mancher Millionär betet: Herr, erlöse uns von dem llcbell Der gute Mann scheint nicht daran zu denken, daß er selbst zu de» Uebeln gehört.... ... Wer war der größte Räuber im letzten Viertel des 10. Jahr- Hunderts? Morgan. Der Mann stahl in diesen Jahren mehr al» 1000 Millionen Dollar auf indirektem Wege.... ...• Tie Magerkeit des Plebejers ist der Gradmesser, an dem der Patrizier sein Kapital mißt.... ... Das allergrößte Uebel ist die Dummheit, und jeder Vev« nichtungskampf ist fast erfolglos, denn die Dummheit scheint un« sterblich zu sein.... ... Tie Profilrate läßt kein Mitleid mit den Menschen auf« komme».'... ... Das Geld, der Himmel und die Hölle auf Erden brichk selbst in den gemütvollsten Charakteren jedes menschliche Gefühl... ... Im Gothacr Schloßpark stand ein kleines Häuschen, in dem Ernst II. viele glückliche Stunde» mit einer Tochter des Volke» erlebte. Jetzt ist aus diesem Liebestempel eine Kapelle geworden. Es geht also auch manchem Haus wie den Menschen. Junge» Freudenmädchen, alte Betschwester... ... Die Hoffnung ist ein Seil, an dem sich mancher zu Tode zieht, viel langsamer als durch eine einfache Strangulation... ... Auf Alligatorenreue pfeife ich. Der Schuchardt hat Charakter... ... Jetzt habe ich 24 Kugelschleifmühlen zu bedienen. Alle 15 Minuten muß jede Mühle mit Schmirgclschlamm gefüllt wer- den, damit die Kugeln nicht trocken laufen. Der Oclmorast und Gestank ist nicht zu beschreiben. Ich schäme mich, meine Wäsche zur Waschfrau zu bringen. Die Arbeit ist so hastig, daß ich nervös bin �bis zur kleinen Zehenspitze. Dantes Hölle ist das reine Pararnes dagegen. Lieber den Todcsritt auf Schusters Rappen..« In anderen Briefen zeigte sich Schuchardt als guter Literatur« und Musikkenner. Der Raum ist jju beschränkt, um hier darauf weiter einzutzehcn. Vor allem schwärmte er für Richard Wagner. Ergreifend liest sich ein Brief, in dem Schuchardt schildert, wie er in Bayreuth vor dem Wagner Festspielhause steht, die Künstler und die Musikenthusiasten dreier Erdteile vorfahren sieht, während er— mit knurrendem Magen— sich auf einer Bank in ein« weihevolle Stimmung zu bringen sucht, ohne den„Parzival" hören: zu können. Auch Gedichte hat unser Freund gemacht. Aber jede?« mal verwünschte er die verfluchte Metrik, weil ihm das�„Ellcnmaß" nicht richtig geglückt war. In einem Briefe schrieb mir Schuchardt, er befürchte, seine Tage einstmals im Armenhausc besckließen zu müssen. Das Schicksal ist mitleidiger mit ihm gewesen. Er hat geendet, bevor er des öffentlichen Wohlfahrtspflege überantwortet werden mußte. Seit» Lebensweg war mit Disteln und Dornen bestreut. Mögen nun! Blumen auf feinem Grabe blüben. Lichtreklame* Auf dem Dache eines Hauses in der Straße ttuter den Linden zu Berlin kann man seit kurzem allabendlich höchst seltsame Er- scheinungen auftauchen sehen. AuS dem Dunkel heraus treten rasch hintereinander vier leuchtende Männer, von denen jeder eine Karre vor sich her schiebt. Langsam und sicher schreitend ziehen die feurigen Männer scharf am Dachsims entlang, biegen dann nnr die Ecke und entschwinden wieder im gänzlich Dunkeln, Die Gestalten tauchen gespenstisch auf und zerfließen ebenso gespenstisch wieder ins Nichts, die ganze Erscheinung ist höchst eigenartig und eindrucksvoll, Es gibt Schaustellungen in Varietäs und Zirkussen, die nicht mehr und �Glanzvolleres bieten, als diese Gratisvorführung unter freiem Himmel, Da? Ganze ist dabei nichts anderes als eine Reklame, eine Lichtannonce. Auf jeder der Karre», die die Männer vor sich her schieben, steht der Name einer Zigarette, auf die so die Aufmerksam- keit hingelenkt wird. Diese über das Dach marschierenden Karren- schieber stehen auf einer richtigen kleinen elektrischen Bahn, deren Wagen auf einem elliptischen Gleis fortwährend rund um das Dach herumfahren. Wenn die Wagen von der Simslinie her nach hinten fu um die Kurve biegen, erlöschen die Lampen, aus denen die Ge- talten gebildet sind, und diese sind dann gänzlich unsichtbar. An der nächste» Kurve tauchen sie dann um so glänzender wieder auf. Für die vielgestaltige Lichtreklame in den großen Städten sind sehr viele höchst interesiante Maschinen und Maschinchen konstruiert »vorden, Tie einfachste Form der veränderlichen Lichtreklame ist das Schild, das in bestiinmtcn Zwischenräumen erlischt und aufflammt. Es ist sehr beliebt; denn der Apparat, der für die Umschaltung be- nötigt wird, braucht so gut wie gar keinen Strom und der Gesamt- bedarf an elektrischer Energie ist darum geringer als bei ständig brennenden Schildern, Denn in den Perioden des Erloschenseins, die sich den Abend über zu einer recht stattlichen Zeit summieren, »vird kein Sirom verbraucht. Früher betrieb man diese Lichtbilder durch einen Elektro- »notor, dessen ununterbrochener Umlauf ständig Geld kostete. Heute hat man dafür eine beinahe selbsttätig ohne Kraftzufuhr ar- beitende Vorrichtung ersonnen, Sie besteht aus einein wagerechten Eisenstab, der in der Mitte drehbar befestigt und sich wie eine Kinder- wippe aus und ab bewegen kann. An der einen Seite der Wippe ist eine Feder befestigt, die im Ruhezustand den Eisenstab auf ihrer Seite herunterzieht. In diesem Falle macht er einen Kontalt und die Lampen auf dem zugehörigen Schild brennen. Auf der anderen Seite der Wippe steht ein Elektromagnet, der, wenn er erregt wird, die Kraft der Feder überwindet, und den Stab zu sich herunterzieht, wodurch der Kontakt unterbrochen wird und die Lampen erlöschen, ES ist also zum richtigen Funktionieren der Vorrichtung nötig, daß der Elektromagnet so lange Strom erhält, wie die Verdunkelung des Schildes dauern soll. Dies geschieht aus folgende ebenso ein- fache wie geistreiche Weise• Sobald die Feder den Stab herunter- gezogen hat, rieselt ans einem Gefäß, das auf diesen, Stab befestigt ist. Onccksilber langsam in ein anderes, das einen Konlaktstift ent- hält. Sobald das Niveau des Quecksilbers den Kontaktstift erreicht hat, erhält der Elektromagnet Strom, und der Stab legt sich um, Durch diese Veränderung der Lage tropft aber das Quecksilber von dem Kontaktstift langsam fort, und nach kurzer Zeit ist der Magnet wieder stromlos, Ivorauf die Feder nun ihrerseits das System von neuem»inlegt. Auch die Lichtbilder mit Farbenwechsel werden nach demselben System betrieben. Am beliebtesten von allen Lichtreklamen sind noch immer wohl die.Schattenbilder", jene Leuchtplakate, auf denen über eine an- scheinend ruhig brennende Lampenreihe gespensterhaft ein lautloser Schatten huscht. Das gleichmäßige Brennen dieser Lampen ist nur scheinbar, auch hier findet soruvährend ein Aus- und Einschalten statt. Durch eine elektromotorisch betriebene Vorrichtung werden kurz nacheinander immer je drei Lampen für geringe Zeit aus- geschaltet. Das menschliche Auge, das ja eine nur verhältnismäßig langsam arbeitende Maschine ist, vermag dem ruckweise» Fort- schreiten der von den nacheinander ausgeschalteten Lampen herrührenden Dunkelheit nicht zu folgen und empfindet den Schatten darum als ein sich köntinnierlich fortbewegendes �stivas. Durch die Dunkelheit mitten im strahlenden Licht erhält der Schatten außerdem eine gewifie Körperlichkeit, Die reifsten Blüten der Lichtreklame sind aber ohne Zweifel die Vorrichtungen, auf denen nicht fortwährend dasselbe Wort erscheint, sondern die gestatten, daß man ganz nach Wunsch jeden Satz und jede Anpreisung in glühenden Buchstaben auf ihnen erstrahlen lassen kann. Diese Schilder machen den Eindruck, als säße im Wodcnslübchen des Hauses, auf dessen Dach sie stehen, ein Arbeiter, der auf einer Art elektrischer Schreibmaschine, jedes- mal den gewünschten Lichtsatz zusammentippt. Doch auch hier ist die menschliche Hilfe nicht nottvcndig, auch dieser Apparat arbeitet ganz automatisch. Für jeden Buchstaben, der erscheinen soll, hat ein solches Schild ein Leuchtfeld mit 29 Glühlampen. Diese Lampen sind so an- geordnet, daß, wenn bestimmte von ihnen zum Leuchten gebracht werden, jedes Buchstobenbild sich formen läßt. Jede der 29 Lampen besitzt nun einen Einschalter, Alle diese 29 Schalter kiegen dicht nebeneinander am einer Platte, und jeder von ihnen bringt seine Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Lampe zum Aufglühen, wenn er niedergedrückt wird. Unmittelbar über der Schalterreihe befindet sich eine drehbare Walze, in die man eiserne Platten mit Erhöhungen und Vertiefungen, sogenannte Schablonen, eingesetzt hat. Die Walze wird durch einen Elektromotor ruckweise gedreht. Bei jedem Ruck drückt eine der in sie eingesetzten Eisenplatten auf die Schalter, Diejenigen der Schalter, auf die eine Erhöhung der Platte trifft, werden nieder- gedrückt und schalten ihre Lampen ein. Die anderen bleiben un- berührt und lassen ihre Glühbirnen dunkel, Die in die Walze gesetzten Schablonen hat man so ausgefeilt, daß jede von ihnen durch Niederdrücken bestimmter Schalter das Er- scheinen eines bestimmten Buchslabens in Leuchtschrift bewirkt. So- bald die Walze durch einen Ruck weitergeschoben wird, drückt die nächste Schablone auf die Schalter, und auf dem zugehörigen Schild erscheint ein anderer Buchstabe, Bei der Lichtreklame-Eisenbahn, die Unter den Linden fährt. sind viele dieser Schalterarten kombiniert in Tätigkeit, woraus mit die verblüffende Wirkung entsteht. Besonders raffiniert sind die Schaltungskombinationen auch auf dem Lcuchtplakat einer Sektfirma. das nacheinander durch aufleuchtende Glühlampen zeigt, wie aus der Flasche Sekt ins Glas rinnt, und wie aus dem gefüllten Glas dann die Schaumperlen prickelnd emporspringen. kleines f euiUeton. Physiologisches. W i e das Blut gerinnt. Da? Gerinnen des Blutes kann an jeder kleinen Verwundung beobachtet werden oder noch besser, lvenn man ein paar Tropfen des edelsten Safts für sich in eine Schale sammelt. Er trennt sich bald in zwei verschiedene Bestand- teile. Der eine ist rot, dicklich und fällt bald in Körnern zu Boden, der andere bleibt flüssig und besitzt eine mehr gelbliche Farbe. Jenen nennt man den Blutknchen, diesen mit einem Fremdwort das Sernni, Infolge dieses Vorganges tritt die Verstopfung einer Wunde ein und wird toeiterer Blutverlust verhindert. Die geronnenen Teile des Blutes bilden eine Art von Pfropfen, der die Wunde verschließt. Im einzelnen ist der Verlauf des Gerinnens ziemlich verwickelt. Es entsteht nämlich im Blut ein neuer Stoff, der im flüssigen Blut nicht vorhanden war, das sogenannte Fibrin oder, wie diese Bezeichnung sagt, ein Faserstoff, Er besteht denigemäß in sehr zarten Fasern oder Fädchen, die sich miteinander verwickeln und so durch ihr Gewicht nach unten sinken. Auch der Blutkuchen, der so entsteht, ist nicht einheitlich, sondern in ihm sind die roten von den weißen Blutkörperchen geschieden. Diese sind leichter nnd bleiben daher an der Oberfläche, vermischen sich dort mit dem Fibrin und bilden eine tveißliche Schicht, die den roten Blutfarbstoff zudeckt, DaS Blut der verschiedenen Tiere verhält sich aber in dieser Hinsicht nicht gleich, je nachdem es langsam oder schneller gerinnt. Der Vorgang läßt sich auch künstlich be- einflnssen, zum Beispiel durch Zusatz von Zucker oder alkalischen Stoffen oder auch durch den Einfluß von Kälte, die sämtlich das Gerinnen verzögern. Für manche Zwecke der Wissenschaft ist das besonders wichtig, tvcil eS die Möglichkeit gibt, die einzelnen Bestandteile des Blutes in tadelloser Sonderung zu gewinnen. Mau bearbeitet nämlich da? noch flüssige Blut mit künstlichen Schlägen durch eigene Apparate und trennt so das Serum von den Blutkörperchen und auch vom Fibrin, Auf diesem Wege ist das Studium de? Fibrins erst möglich geworden, AuS 1 Liter Blut erhält man etwa 2— 3 Gramm dieses Faserstoffes in trockenem Zustande, Die vielen sorgsamen Versuche, die mit dem Blut angestellt worden sind, haben ergeben, daß das Fibrin aus einer bestimmten Eiweißverbindung entsteht, die demzufolge den Namen Fibrinogen erhalten hat und einen regelmäßigen Bestandteil dcS normalen Blutes ausmacht. Nachdem das Blut geronnen ist, ist dieser Eiweißstoff bis auf den letzten Rest verschwunden, aber nicht gänzlich in Fibrin verwandelt, sondern zum Teil in einen anderen Stoff, der dem Serum einverleibt bleibt. Diese Trennung ist wahrscheinlich für das Gerinnen des Bluts überhaupt bedingend und beruht auf einem chemischen Vorgang, Auch mit dieser Er- kcnntnis aber ist da? Rätsel noch nicht �gelöst, sondern es entsteht die Frage, von welcher Ursache die merkwürdige Veränderung des Fibrinogen erregt wird, Diele haben die Forscher in einem Gär- stoff, einem Ferment, gesucht, so daß auch das Gerinnen de? Blutes ein Beispiel mehr für die ungeheure Verbreitung und Wichtigkeit der Gärungserscheinungen sein würde, und zwar scheinen dabei die weißen Blutkörperchen die Hauptrolle zu spielen. Außerdem ist nach den bisherigen Ermittelungen die Gegenwart eines Elements noch unerläßlich, nämlich des Kalks. Der Mensch braucht also Kalk nicht nur zum Aufbau seiner Knochen, sondern auch zur Aufnahme inS Blut, um diesem die unentbehrliche Fähigkeit de§ Gerinnens zu verleihen, VorwärtsBuchdruckerei u.Verlagsanstali Paul Singer LrCo,,BerlmSW.