Anterhattungsblatt des Horwärts Nr. 65. Freitag, den 4. Apnk. 1913 4z Oie Sauern von Steig. Roman Von Alfred Huggenberg er. Und an einem Sonntagabend konnte ich ihn selber in der Wirtsstube zur Jlge Vor allen Gästen prahlen hören: Ja, ,nan müsse nicht glauben, daß aus einem Bauernnest, wie die Steig, kein berühmter Mann hervorgehen könne. Man werde das erleben? Alle berühmten Männer hätten klein und niedrig anfangen müssen, wui! Solle einer mit ihm heim- kommen urch das Buch vom Kunstmaler Heinrich Strinde lesen, der für ein einziges Bild, nicht größer als eine Land.- karte, zweitausend, sage zweitausend Kronen gelöst habe, und den er selber in Wien ein Glas Bier habe trinken sehen?— Wenn ich auch gegen die Prahlereien des Schneiders En� von Anfang an eine starke Abneigung empfand,— die Idee ging ganz unvermerkt doch auf mich über und schlug Wurzeln. Nicht daß ich mich zu dem Glauben verstiegen hätte, die andern Knaben in meinem Alter könnten bei gleichem Fleiß und gleichem Eifer nicht ebensogut, wie ich, Störche, Hasen, Käfer und alles mögliche auf die Schiefer- tafel hinzeichnen. Das Wollen machte alles aus: und eben darin wollte ich alle, aber auch alle, hinter mir lassen. In diesem Vorsatz bestärkte mich vor allem die Geschichte des Malers Strinde, der sich selber unausgesetzt Vorwarf, er könne nicht besser zeichnen als jeder Holzhacker, der Kopf müsse die ganze Arbeit allein tun. Meine Neugier war nämlich längst Meister geworden: bei jeder günstigen Gelegenheit stahl ich mir das Malerbuch aus dem Modellkasten und las darin; es war meine Bibel und mein Vermächtnis. Im Anfang zawr war ich ein wenig enttäuscht, weil der Held auch gar zu lange mit Hunger, Entbehrungen und Mißerfolgen zu ringen hatte. Aber als er dann einen König malen durfte, ja als er für ein einziges Bild mehr bekam, als unser.Haus, der Stelzonhof, samt Hofstatt auf der Gant gegolten hatte, da fand ich es ganz am Platz, daß man einen solchen Mann mit einem steinernen Denkmal ehren mußte. Ich meinerseits wollte selbstverständlich weit rascher und müheloser ans Ziel gelangen. Zwar vergaß ich auf der Schulbank öder bei gefelligen Spielen meine ehrgeizigen Pläne ganz, oder wenn ich flüchtig daran dachte, so kam mir aus der Ferne alles nur wie ein blasser Tramu vor. Dieser Traum nahm aber sogleich wieder feste Gestalt an, wenn ich allein war und meinkni Gedanken nachhängen konnte. Und wenn ich mit meinem Malcrbuch im Wipfel des mächttgen Nuß- baumes faß, an den sich unser Häuschen gleichsam anlehnte, dann war ich Herr über ein großes sonniges Reich. Irgend- wo stand da ein Haus mit grünen Fensterläden und einer hellen Malersttibe darin, deren Wände ganz mit Bildern be- deckt waren. Das schönste, größte davon stellte das Dorf Steig dar mit den Aeckern rind Baumgärten ringsum; und es war kein Dach und kein Schornstein vergessen, auch nicht die vier Pappeln beim Steinernen Platz oder die kleine rote Wetterfahne auf dem Wirtschause zur Jlge.— Ich wäre in jener Zeit sehr glücklich� gewesen, wenn der Armenpfleger Stocker nicht hin und wieder seine schwere Hand auf mein Dasein gelegt hätte. Wenn ich an ihm vorbei mußte oder wenn ich ihn von weitem neben seinen Stieren einherttotten sah, so war es mir zumute, als sei ein großer dunkler Schatten auf meinen Lebensgarten gefallen. Und wenn der Stocker, was je und je geschah, von der Straße aus nach unserer Haustürc einbog, den Kopf etwas gesenkt und die Augen schräg vor sich hin auf den Boden gerichtet, dann flüchtete ich mich in die Küche, verbarg mich zwischen Türe und Küchenschrank und lauschte bänglich, was über mich be- schlössen wurde. Vor dem trockenen Ton seiner Stimme sanken meine Luftschlösser in sich zusanmien, mein herrliches Bild von der Steig verblich zum Schatten und schwand. Und statt des Malers im schwarzen. Sammetwams, der seine Do rfgen offen großartig mit Wein und Käse traktierte, saß ein gedrücktes Bauernknecht lein am Wirtstisch in der Jlge, das ein Glas Most zwischen seinen krummgewerkten Fingern hielt. Denn der Stocker war hart und unerbittlich, er nannte alles, was der Schneider Enz über meine Anlagen vorbrachte, Larifarizeug. Der Endzweck eines jeden seiner Besuche tvap der, etwas vom Kostgeld abzumarkten init der Drohung, man werde mich anderswo uutsrbriugeii, es seien Offerten genujj da. Zum Beispiel könnte er selber jetzt so einen kräftigen. Buben auf seinem Gewcrb ganz gut brauchen. Der Schneider wehrte sich und sperrte sich nach seiner Art, wobei er nnklugerweise immer wieder mein Talent und seine hohen Pläne ins Feld führte. Er konnte doch Wohl wissen, daß das beim Anneitpfleger Stocker nicht verfing. Wenn ihm dann das Wasser bis an den Hals ging, trat regelmäßig Frau Rike-Scholiette als tapfere Reserve aus der Nebenkanmier. Was denn auch so ein Büebli, das noch Tag für Tag zur Schule müsse, zu rechnen sei? Nichts, sauber nichts! Und dabei niöge ich essen, ja, das könne sie einem sagen, da wiirde sich einer noch verwundern! Wenn der Jakob i dicht so den Narren an mir gefressen hätte, so tväre längst gekündet worden. Denn man verdiene sowieso nicht das kalte Wasser au mir. Auf dieses war aber der Stocket' schon gefaßt. Die sitt- liche Eiitrüsttlng kam wie auf Kommando über ihn und er sagte mit Nachdruck, die armen Waifcukinder feien doch wohl nicht zum Verdienen da! Wenn sich einer einen Gotteslohn erwerben könne, so dürfe er das auch etwas rechnen. Ueber- lmupt, wenn mehr Religion wäre, fo brauchte man gar keine Armenpflege! Das Endresultat des Kampfes bedeutete jedesmal einen unbedingten Sieg derMiuderbeit. Der Armenpfleger Stocker baute nicht umsonst auf die„Idee" meines Pflegevaters. Wenn er erst gewußt hätte, daß dieser oft heimlich von der Base Käther kleine Zuschüsse zum Kostgeld bekam! Ich meinerseits atmete jedesmal ans. wenn der Kelch wieder an mir vorbei- gegangen war. Ich gab mir während der nächsten Tage alle Mühe, mich der etwas mürrischen Pflegemutter durch Zutragen von Holzscheitern und Wasser recht nützlich zu machen. Aus der pflichtmäßigen Bürde Leseholz, die ich an den schul- freien Stachmittagen einzubringen hatte, wurden mitunter zwei, bis alles zuletzt wieder im redjten Geleise war, und der Schneider Enz jedem seiner Kunden feierlich erklärte, er wolle trotz der großen Opfer, die er tatsächlich bringen müsse, unter allen Umständen an seinem Malerplan festhalten. Denn an meinem Talent könne kein Advokat und kein Armenpfleger rütteln. Wui! E r st c s K u n st w e r k. So gläubig wie Jakob Enz waren nun freilich nicht alle Leute auf der Steig, anck? meine Altarsgenosien nicht. Sie mochten zll Hauie den Schneider Wui und sein närrisches Wesen oft bekritteln hören. So rief mir Kinspergers Hans cininol vor allen Schulkindern nach, ich gebe so"wenig ein Maler, als ibr Stallknecht daheim. Ich habe ja letzthin nicht einmal die leichte Vorlage von der Wandtafel abzeichnen tonnen! Nur Käfer und Geißen bringe ich fertig. Der Mäck- Mäck-Schn eider, der Wui, könne prahlen so viel er wolle. Diese Spottnwrte bedeuteter, für mich eine arge Kran- kttng, ja es kamen Tage schweben Zweifels für mich, den selbst das erneute Studium des- Malerbuchcs nicht zu beseitigen vermochte. Wenn Hans recht hatte, wenn ich kein Maler werden konnte? Denn wirklich, in der Zeichenstunde war ich keiner von den ersten. Die einfältigsten Ornamente machten mir oft schwere Mühe. Spielend zeichnete ich das Wahr- zeichen deS Wirtshauses zur Jlge, den Aushängeschild mit den drei langgestielten Narzissen auf jeden Papierstreisen, der mir in die Hände kam. Aber eine einfache Schiilervorlage, die auf Steifpapier gedruckt vor uns am Zählrahmen hing und die zwei schneckenförmig ineinander verschlungene Linien darstellte, wäre imr beinahe zum Verhängnis geworden,. Als der Lehrer meinen Entwurf betrachtete, sagte er allen Ernstes: „Du, Gideon, wenns mit dir nicht bessert, mußt du im Zeichnen wieder mit der vierten Klasse machen." In diesem enttetzlichen Augenblick nahm ich mir vor, die Malerpläne gänzlich fahren zu lassen. Aber mein Pflegevater, dem ich mich in der höchsten Nok anvertraute, hatte wenig Mühe, mich wieder auf andere--Ge- danken zu bringen. Wer es den Schulmeistern recht machen könne, an dem sei schon für immer Hopfen und Malz der- loren. Und ein für allemal: mein Talent sei entdeckt, für das weitere»erde der Schneider Jakob Enz sorgen. Wut. Um mir auch bei den Schulkindern mein Ansehen wieder zurückzugewinnen, faßte ich uni jene Zeit den Getmnken ins Auge, die Kirche von Steig abzuzeichnen und zwar heimlich vom Rebberg aus, da niemand darum wissen durfte. Es gelang mir, von Jakob Meili einige alte Zeichmmgsblätter zu erhandeln, ich mußte ihm für jedes Stück fünf Aepfel geben, die ich der Frau Rikc zu diesem Zweck aus deni Vor- keller stahl. Die ersten Versuche mißlangen gänzlich: immer wenn ich auf einer seile anfing, blieb mir zu wenig Raum auf dem Bogen. Ich zerriß die verunglückten Blätter in kleine Fetzen und steckte diese heimlich ins Herdfeuer. Zuletzt besiegte meine Geduld aber doch alle Hindernisse. Nachdeni ich mich drei Sonntagnachmittage hindurch rechtschaffen gequält hatte, lag das Kunstwerk fertig vor mir da. Gewiß, wer die Kirche von Steig einnial gesehen, der nmßtc sie hier sogleich er- kennen. Zwar hatte ich den untern Teil des Turmes ab- sichliich etivas schlanker gemacht, als er in Wirklichkeit ist: die Leute von Trüb und Nehrbach Pflegen uns Steigern spott- weise vorzuhalten, wer um unseren Kirchturm herumgehen wolle, müsse für einen Tag Mundvorrat mitnehme», und weil die Maurer den Turm unten zu dick gemacht hätten, seien ihnen die Steine zu früh ausgegangen und sie hätten auf halber Höhe kleiner anfangen müssen. Viel Sorge und Arbeit hatte ich niit dein Dachwerk, denn es lvar mir mit dem besten Willen nicht gelungen, die Ziegelreihen zu zählen, so mußte ich mich mit der ungefähren Schätzung behelfen.» Dagegen waren an den hohen Bogen- fenstern die runden Butzenscheiben mit peinlicher Sorgfalt eingezeichnet, und in der offenen Schalluke konnte man richtig die größte der drei Glocken hängen sehen, sogar mit Gewichts- angabe. Nicht ohne künstlerisches Selbstgefühl schrieb ich meinen Namen auf die rechte Ecke des Blattes und betrachtete dann nies». Werk noch eine Zeit lang mit Befriedigung. Als ich mich umwandte, stand mein Pflegevater hinter nmr. Er langte über meine Achsel hinweg langsam nach der Zeichnung, die ich bis jetzt vor ihm verborgen gehalten hatte. Mit Kenner- miene musterte er sie lange, indem er das Blatt mit der einen Hand weit von sich weghielt, während er mit der andern mcchaiiiich die Brille herausholte und zurechtsetzte. Dabei kam ein großer Stolz auf sein verschrumpftes Angesicht, der sich zuletzt in einem einzigen gedehnten„Sool" Ausdruck ver- schaffte. Dann preßte er die Lippen gleich wieder zusammen. „Sso!" kam es nach einer Weile heftiger von seinen Lippen.„Nun haben wir's jal Gott grüß die Kunst! Land- schafter! Wer jetzt noch zweifelt, der kann in einem vier- spännigcn Landauer sitzen und bleibt doch ein Kamel!" Er riß die zerknitterte Schirmmütze von seiner Glatze herunter. „Hut ab! Du bist ein Maler!" Stach diesen Worten rannte er, das Blatt immer noch Vor sich her lialtend, die Stege hinunter und zuni Hause hinaus. Ich folgte ihm in großer Besorgnis, denn ich hatte Angst, er könnte zn Falle kommen, weil er ein wenig Wein im Kopf hatte. Dabei dachte ich freilich mehr an die Zeichnung als an den Schneider. Aber auf der Straße wandte er sich gegen mich um und sagte bestimmt:„Halt da! Das ist nicht für Dich! Geh in die Stube für einstweilen!" l Fortsetzung folgt.) Die große, weiße Stille. Novelle aus dem GoldgräberlcSen ir. Klondyke von Jack London (Schluß.) Endlich konnte Kid die klägliche Masse auf den Schnee betten, die eben noch ein Mensch lvar. Allein es!vnr noch etwas Schlim- mcrcs als der Schmerz des Kameraden— diese stumme Herzens- angst in dem Antlitz der jungen Frau, und der fragende Blick, in dem sich Furcht und Hoffnung mischten. Sic Wechselten kaum ein Wort. In den verödeten Regionen erlernen die Menschen schon rühzeitig, wie überflüssig das Reden und wie wertvoll das Hau- cln ist. Bei einer Temperatur von 25 Grad unter Null kann ein Mensch nicht lange im Schnee liegen, ohne zu sterben. Daher auch wurden die Riemen, mit denen die Ladung der Schlitten fest- aeschnallt War, in aller Hast durchgeschnitten, und nachdem man ihn in Pelze eingehüllt, wurde der Verletzte auf ein Bett aus Zweigen vor ein großes Feuer gelegt, das mit dem Holz des Baumes unterhalten wurde, der den Unglücklichen getroffen. Hinter ihm und so viel man konnte, auch über ihm wurde eine Schutz- wand gespannt— ein Stück grobes Leinen, das die Wärmestrahlen aufhielt und sie auf den Kranken zurückivarf. Menschen, die dein Tode oft nahe ins Auge geblickt, wissen, wenn die letzte stunde kommt. Mason war fürchterlich zugerichtet: der rechte Arm und das rechte Bein gebrochen und auch das Kreuz, so daß der untere Teil seines Körpers gelähmt schien, ganz abgc- sehen von de» ernster' inneren Verletzungen, die mehr als wahr- scheinlich waren. Nur hin und wieder verriet ein Stöhnen, daß er noch lebte. Es war keine Hilfe, keine Hoffnung möglich. Die unbarm- herzige Nacht brach herein. Ruth stano da in der stoischen Ver- zweiflung ihrer Rasse. Von neuem gruben sich Falten in Malemut Kids bronzenes Gesicht. In Wirtlichkeit litt Mason weniger als sie. Er durchlebte seine Jugendzeit noch einmal in dem hohen Gebirge des Tenessee, und es war rührend zu hören, wie er im Fieberwahn die Erinnerung an das so lange vergessene Vaterland wieder wachrief. Gegen Morgen kam der Verwundete wieder zum Bewußtsein, und Malemud Kid beugte sich über ihn, um seine schivachen, ab- gerissenen Worte aufzufangen: „Weißt Du noch, als wir uns auf der Tanana(Nebenfluß des Dukon) trafen? Im nächsten Frühjahr sind das vier Jahre. Damals kümmerte ich mich nicht viel um sie, aber sie war ijchön, und ich empfand eine gewisse Uebcrreizung, die mich zu einem schnellen Entschlüsse kommen ließ. Weißt Du, seitdem habe ich viel über etwas nachgedacht. Sie war mir ein gutes Weib, immer bereit, mir in schwierigen Augenblicken zu helfen. Du weißt ja. auch iin Handel hat sie nicht ihresgleichen. Denkst Du noch daran, wie sie auf jenem Fels in den Stromschnellen von Moosehorn uns beide dem Tode entriß? Ilnd bei der Hungersnot in Muklukyeto? Als sie so schnell über das tauende Eis eilte, unt die Kunde zu bringen? Ja, sie war mir ein gutes Weib, besser als die andern. Ach, Du weißt>uohl nicht, daß ich dort war? Habe ich es Dir nie erzählt? Nun, ich habe es zum erstenmal in den Vereinigten Staaten versucht.... Wir waren zusammen groß geworden---- Ich ging fort, um ihr einen Scheidungsgrund zu geben, die sie auch erreichte. Doch das hat nichts mit Ruth zu tun. Ich wollte meine Geschäfte in Ordnung bringen und im nächsten Jahre mit ihr zum Süden des Nukon ziehen.... Doch nun ist es zu spät. Schicke sie nicht zu den Ihren zurück, Kid. Es wäre zu hart für ein Weib, dahin zurückkehren zu müssen. Denke doch nur, fast sechs Jahre lang hat sie von Schweinefleisch. Bohnen, Mehl und gedörrten Früchten gelebt. Und nun sollte sie wieder gesalzenen Fisch essen! Kümmere Dich um sie, Kid. Warum? Doch nein. Du hattest ja immer Angst vor den Frauen und hast mir nie gesagt, weshalb Du eigentlich in dieses Land gekommen bist. Sei gut zu ihr und schicke sie nach den Vereinigten Staaten zurück, sobald Du kannst. Doch mache es so, daß sie zu den Ihren zurückkehren könnte, wenn sie Heimweh bekommen sollte. Und das Kind?... Es wird bald kommen, Kid. Hoffentlich ist es ein Junge. Denke doch Kid, Fleisch von meinem Fleische!... Er darf nicht in diesem Lande bleiben. Wenn es ein Mädchen sein sollte... aber das ist ja unmöglich. Verkaufe meine Pelze. Es sind mindestens für fünf- tausend Dollar, und ebensoviel habe ich noch auf der Bank. Be- sorge meine Geschäfte gleichzeitig mit den Deinen. Ich glaube, es wird etwas aus dem Grundbesitz herauskommen, den ich mir ausgesucht habe. Sieh zu, daß mein Sohn eine gute Erziehung erhält... und laß ihn vor allen Tingen nicht hierher kommen, Kid. Höchstens noch drei oder vier Tage, länger mache ich es nicht mehr... Ihr müßt Euern Weg fortsetzen, dag ist Eure Pflicht. Bedenke, Kid, es handelt sich um mein Weib, um mein Kind! Oh, mein Gott, wenn es nur ein Junge ist! Ihr dürft beide nicht hier bleiben bei mir, der ich sterbe. Nein, nein! Und als Sterbender beschwöre ich Dich, setze die Reise fort..." „Gewähre mir noch drei Tage," sagte Kid in bittendem Tone. „Vielleicht bessert sich Dein Zustand noch... Wer weiß, wie eS noch kommen kann..." „Nein, ich bin verlöten." „Nur drei Tage!" „Ihr müßt weiter ziehen.. „Zwei Tage..." „Es handelt sich um mein Weib und mein Kind, Kid. Tu dürftest gar nicht so sprechen." „Einen Tag nur!" „Nein, nein, ich bitte Dich!" „Nur einen einzigen Tag! Wir nehmen nur das allernotwen» digstc von unserem ganzen Vorrat, und vielleicht gelingt es mir auch, einen Moose zu erlegen." „Oleiii!... Nun ja, einen Tag, aber keine Minute länger. Und dann, Kid, laß mich nicht allein mit dein Tode. Mache ein Ende mit einem Flintenschuß. Du brauchst ja nur den Hahn zu ziehen.... Tu verstehst mich doch, nicht wahr? Vergiß cS nicht, nur ja nicht. Ach, Fleisch von meinem Fleische... ach, daß ich nicht so lange leben iverde, um es zu sehen! Schicke mir Ruth her. Ich will ihr Lebewohl sagen und ihr ans Herz legen, nicht bis zu meinem Tode hier zu bleiben. Sie muß an das Kind denken. Vielleicht ginge sie nicht mit Dir, wenn ich nicht mit ihr redete. Lebe wohl, lieber Freund, mache es gut! Und dann. Kid... grabe ein Loch über dem des Hundes an der Landstraße.,. da, wo ich eines Tages den reichen Goldstaub auf meiner Schaufel entdeckte... weiht Tu... Kio?" Dieser beugte sich tiefer herab, um die letzten Worte des Sterbenden zu hören, der jetzt endlich demütiger wurde: „Ich bin ganz böse... weiht Tu... wegen der Carmenl" Kid lieh nun die junge Frau still bei dem geliebten Manne weinen, warf die Parka igroher Pelzmantel) um die Schultern, schnallte die Schneeschuhe an, nahm den Karabiner unter den Arm und ging in den Wald. Die grohcn, schweren Prüfungen in diesem nördlichen Lande waren ihm tiertraut. Er hatte ihrer ja so viele durchgemacht! Doch nie hatte er vor einer so schweren Aufgabe gestanden. Schliehlich aber war es ja doch eine ganz einfache, ganz klare mathematische Formel: drei Leben gegen ein verlorenes! Aber dennoch zögerte er. Seit fünf Jahren waren sie stets beieinander gewesen, auf den Flüsien, den Landstrahen oder den Schneefeldern, im Lager und in den Minen, hatten dem Tode tausendmal getrotzt in Hungersnöten und Ueberschwemmungen, und hatten engste Freundschaft miteinander geschlossen. Sie waren so sehr ein Herz und eine Seele, dah er oft bei Ruth eine gowisse Eifersucht erriet von dem Tage an, da sie zwischen sie trat. Und jetzt sollte er dieses Band mit eigener Hand lösen! Vergeblich suchte er überall einen Moose, dessen sie so sehr be-, durften— alles Wild schien dieses Land geflohen zu sein,'. und müde und erschöpft, mit bedrücktem Herzen und leeren Händen kehrte Kid bei sinkender Nacht zum Lager zurück. Das Gebell der Hunde und die schreiende Stimme Ruths spornten ihn zu noch gröherer Eile an. Er eilte vorwärts und sah, wie das junge Weib mit er- hobcnem Beil mitten in der heulenden Meute stand. Die Hunoe hatten das unbarmherzig« Gesetz ihrer Herren übertreten und sich auf die Vorräte gestürzt. Er griff sofort in den Kampf ein, fahte den Karabiner beim Lauf und schlug mit dem Kolben blindlings auf den Haufen. Der grausame Kampf des Starken gegen den �chlvächercn begann mit der ganzen Wildheit uralter Zeiten, einer Wiloheit, die ganz im Einklang stand mit der Natur in wildem Urzustände, wo er stattfand Kolben und Beil sausten regelmähig auf und ab, trafen ihr Ziel und verfehlten es auch. Behende Körper mit wilden Augen und schäumendem Rachen flogen in die Luft— Menschen und Tiere kämpften ums Dasein bis zum Acußerste». Endlich krochen die geschlagenen Hunde zum Feuer, wo sie ihre Wunden leckten, und ihr Schmerzgeheul hallte empor zu den Sternen.... Den ganzen Porrat an gedörrtem Salm hatten sie verfchlun- gen, und es blieb den Wanderern an Nahrungsmitteln kaum noch fünf Pfund Mehl für die Reise von LR) Meilen durch die einsame Einöde, die sie noch zurücklegen mutzten. Ruth kehrte zu ihrem Manne zurück, während Malemut Kid den warmen Körper eines der Hunoe zerlegte, dem ein Beilhieb den Schäoel zerschmettert hatte. Er legte die verschiedenen Teile sorgfältig zur Seite, außer dem Fell und den Ueberresten, die er seinen Kampfgenossen hinwarf. Der Morgen brachte neue Widertvärtigkeitcn. Die ausgc- hungerten Tiere stürzten aufeinander los, und Carmen, die sich an ihren Hauch des Lebens klammerte, wurde von ihren Kameraden getötet. Vergebens sauste die Peitsche auf sie nieder. Sie krümm- teil sich unter den Hieben und heulten vor Schmerz, doch ließen sie nicht davon ab, solange noch etwas von dem armen Tier übrig blieb. Bald aber war alles verschwunden. Haut, Knochen und Pelz. Kid machte sich an die Arbeit, wobei er auf Mason horchte, der im Fieberwahn zum Tenessee zurückgekehrt war— er redete verworrenes Zeug und gab seinen Brüdern von einst seltsame Rat- schlüge. Da in der Nähe Fichten standen, konnte sich Kid tatkräftig an die Arbeit machen, und Ruth sah, wie er ein Versteck anfertigte, ähnlich wie die Jäger, wenn sie ihre Beute vor Wölfen und Hunden schützen wollen. Er bog die Spitzen zweier junger Fichten zuein. ander bis fast zur Erde und befestigte sie mit Riemen am Boden. Dann gelang es ihm, die Hunde zu bändigen, und er spannte sie vor zwei der Schlitten, auf die er alles Gepäck lud, mit Ausnahme der Pelze, die Mason einhüllten. Er wickelte seinen armen Freund fest darin ein und band die beiden Enden des Strickes an die herabgebögenen Fichten. Ein einziger Schnitt mit dem Jagd- messer hätte genügt, um den Bäumen ihre natürliche Stellung wiederzugeben und den Körper hoch in die Lüste zu schicken. Ruth widersetzte sich den Wünschen ihres Mannes nicht, der ihr seinen letzten Willen ausgesprochen. Das arme Weib hatte längst gelernt, zu gehorchen. Halte sie sich nicht schon als Kind vor den Herren der Schöpfung beugen müsse»? Sie hatte alle Frauen so handeln sehen, Und es schien ihr unmöglich, daß ein Weib widersprechen könnte. Kid überließ sie ihrem Schmerze, als sie ihren Mann umarmte— tvas die Frauen seiner Heimat nicht taten— führte sie dann zu dem Schlitten, dere schon fertig stand, und half ihr, die Schneeschuhe anzuschnallen. Mechanisch, geistes- abwesend nahm sie die Peitsche in die eine Hand, in die andere den lange» Stab, mit dem sie den Schlitten lenken mutzte, und es gelang ihr, die Hunde in der rechten Richtung anzutreiben. Da kehrte Malemut Kid zu dem Freunde zurück, der nun im Todeskampfe lag. Als Ruth seinen Blicken entschsvundcn war, B kauerte er vor dem Feuer und wartete lange in der Hoffnung, daß sein Kamerad stürbe. Es ist nicht angenehm, mit traurigen Gedanken allein in der großen, weißen Stille zu sein. Es liegt sonst etwas!vie Mitgefühl in dem Schweigen der Nacht, die den Menschen zu beschützen und ihm ihre Sympathie tausendfach zuzuraunen scheint. Doch die weitze Stille, hell und kalt unter einem Himmel wie von Stahl diese Stille ist ohne Erbarmen. Eine Stunde verging, dann noch eines doch der Unglücklichs starb nicht. Ohne ihren Ball über dem Horizont sehen zu lassen, warf um Mittag die Sonne einen lichten Streifen über den Himmel, der bald wieder verschwand. Malemut Kid stand auf, näherte sich'dem Kameraden und warf einen Blick um sich. Die große, Weiße Stille schien seiner zu spotten, und ein tiefes Ent- setzen bemächtigte sich seines ganzen Wesens. Plötzlich krachte ein Schuß— Mason verschwand in seinem lustigen Grabe, und Malemut Kid trieb die Hunde an zur wilden Flucht über daS weite, weite Schneefcld.(Nebertragcn von H. Hesse.) Die Sntnickewng des JVIufih- lustlpiels. n. Auch Richard Wagners Kunstschaffen beweist den alten Satz: daß das schwerste im Leben wie in der Kunst der Humor ist. Humor freilich nicht als Operettenwitz, schnoddrige Komik oder grober Situationsulk, sondern Humor als höchste Geistigkcit, als lächelndes Verstehen und Verzeihen aller chaotischen Widersprüche und Wirrsale im Menschenleben, im Weltbild. Durch alle himmelblaue Romantik, durch alles mythologische Pathos hindurch, über den lähmenden Schopenhauerschen Pessimismus hinweg führte der steile Weg des großen Bayreuther Dichterkomponisten, bis er auf der seligen Oeds auf sonniger Höhe— fast ein Greis— angelangt war, um kraft seiner letzten philosophischen Erkenntnis der Welt das unsterblichste seiner Werke:„Die M e i st e r s i n g e r von Nürnberg' zu schenken. Eine musikalische Handlung so realistisch Ivie symbolisch, so k»lturell bestimmt wie zeitlos, getaucht in die Sphäre des echten künstlerischen Humors, nie gallig- polemisch, immer überlegen satirisch, wo es galt, die unsterbliche Kaste der Nörgler, Splilterrichter und Banauseil zu kennzeichnen, von prophetischer Schwungkraft in der Lobpreisung der jugendfrischen deutschen Kunst: waren die„Meistersinger" eine unerhörte Tat in der Geschickte der deutschen Oper. Wie auS den geheimnisvollen Tiefen des künstlerischen WahrtraumeS gehoben standen in dieser tiefsinnigen, gemütvollen Kunstkomödie die Gestalten da: der lebens» kluge, bewußt resignierende Schusterpoet Hans Sachs sder alte Wagner), der Ritter und wahre Meisterfinger Walter Stolzing(die revolutionäre Jugend, die Freiheit in Kunst und Leben), Eva(die deutsche Muse), Pogner, der verstehende Mäcen(Liizt, Bülow), der gallige, kleinliche Regcllrämer und Merker Sixtus Beckmesser sHanSlick und alle unproduktive lähmende Kritik), der Nachtwächter(der überall zu spät kommende deutsche Michel), die selbstgefällige» Nürnberger Zunftmeister und Regellleisterer(die Dingelstcdt, Lachner und Leipziger Musikpäpste). Noch keine Operndichtung war dem Dramatiker Wagner so sicher und blntwann, so lebendig und unbedingt bllhnen- lvirksam gelungen ivie diese. Der Musiker Wagner aber, der mit den„Meistersingern" auf der vollen Höhe melodischer Gesundheit, Heiterkeit und Kraft angelangt ist, gibt hier den Beweis, daß das schöpferische, ewig neuschöpserische Genie auch nach dem„Ring" und nach den„Tristan" noch in C»dur und E-dur Melodien, Themen und Motive von sinnfälligster Plastik und edler Schönheit erfinden kann, daß man auch nach' dem ästhetischen Experiment des„Gesamtkunst- werkeS" mit Stabreimen, Chomatik und„unendlicher Melodie' in einer Oper geschlossene Gesangnummern wie Stollings Werbe- und Preislieder, da« herrliche Ouintett, dazu Märsche und Tänze schreiben kann, wenn einem nur was NeueS einfällt. „Tristan" ist daS größte rein menschliche Musik» kunstwerk allir Zeiten und Zonen. Es stellt die Erfüllung der wahren idealen Sehnsucht vom künstlerischen Menschen dar, der sich nur in der innigsten Vereinigiing der Kunstarten und Schwester- künste(hier vornehmlich Musik, Dichtung und Gebärde) voll genügen kann. Ohne eine Spur kunstpolemiscber, sozialer, religiöser oder nationaler Tendenz zu zeigen, wurde es vom frciesten Gesichtspunkt der Liebe, de? rein Seelischen aus geschaffen. Die„Meistersinger" aber sind Wagners bedeutend st e musikalische Schöpfung und sie werden sich die Liebe des gebildeten Deutschen noch im höchsten Maße erringen. Sie werden im Lichte der Zukunft stehen als der voraussichtliche Gipfel des deutschen Musiklustspiels, in dem der vielverschlagene, durch alle Himmel und Höllen gehetzte, zu sonniger Altershöhe gestiegene Richard Wagner als Verlünder sinnvollster Lebensweisheit, musikalisch aber als unübertroffene Meister der Polyphonie und der lebendigsten, keim- frohesteu Melodie erscheint. Wohl uns, daß wir dieses Kunstwerk dem nationalen Geistesschatz einverleiben konnten I Der„Bahr der Musik" ist Eugen d' A l b e r t. Eine Proteus- natlir, die sich im stilistischen Frontwechsel, im Sichwcnden und Sich- überwinden, freilich auch im geschickten Anpassen und Mitlaufen mit herrschenden musikalisch-literarischen Modeströmungei« nicht genug - 260- tun kann. Auch er lief von Wagner aus(Rubin, Gemot, Ghis monda). Die Erfolge waren vorläufig nur Achtungserfolge, die man willig dem Titanen des Flügels zollte, es waren keine künstlerischen Siege einer zwingenden Persönlichkeil. Nun vollzog d'Albert den ersten Frontwechsel vom Pathos zum muflkalischen Biedermeierwm. Das fiel in eine Zeit, wo sowohl der italienische Verismus wie das von Papa Humperdinck erweckte deutsche musikansche Märchen am Abwirtschaften waren. In diese fiir jede neue musikalische Stilfönn von vornherein dankbare Zeit fiel d'AlbertS „Ahrene". der bewühte oder instinkte Versuch einer Beschränkung deS Ausdrucks, der Form, der Idee, der Instrumentation, das be- wußte Zurückgreifen auf die faßbare, geschlosiene Melodie graziösen Charakter?. Der Sieg der.Abreise' loar überraschend und glänzend. ES war wie eine Erlösung vom Druck WagnerS, von dem Blutdurst der Italiener. Fast alle größeren Bühnen haben um die Wende des Jahrhunderts da-Z feinmufikalische Scherz- und Neckspiel zweier ehelich Liebender in Großvätertracht aufgeführt, daS weniger absolut wie programmatisch in der Opernenttvickelung etlvaS bedeuten sollte, in« dem eS einen Genesungsprozeß, einleitete und den Willen zur an« mutigen Heiterkeit ausdrückte. Auch mit den in Berlin zuerst auS der Taufe gehobenen Musillustspielen:„Der Improvisator" und„Flauto solo"(daS Milieu des flöteblasenden„Jungen Fritz" nach einem hübschen Stoff von Ernst v. Wolzogen) hatte d'Albert Erfolg. Leider blieb er nicht auf diesem Höhenweg. ES zog ihn ins Tiefland. Mt dem Tiefland-Schaucrdrama, diesem scharf paprikierten Ragout aiiS Erotik, Sinnlichkeit, Mystik, Alpenglühen, Wolfsjägerromantik, Sentimentalität und Grau- samkeit holte. er sich daS goldene Glück von Publikums Gnaden. Stber der Künstler d'Albert nahm dabei Schaden an seiner Seele. Mit der„Abreise" wurde das Biedermeiern, da? schon in den bürgerlichen Wohnstuben deS Maschinenzeitalters die altväterische Behaglichkeit der Postkutschenzeit vorzutäuschen suchte, auch in der Oper ein sehr beliebtes Milieu. Eine ganze Reihe Biedermeier- opern entstand und—. verschwand, weil eS meist nur Kostüm- schwanke mit Musik waren. Eine Zeitlang halten konnten sich Alexander ZemlinSkyS, des begabten Wiener Kapell« meisterS und TonsetzerS:„Kleider machen Leute"(einer Novelle aus Kellers„Leuten von Seldwyle" entnommen), Waldemar Wendlands:„DaS vergangene Ich"(aiph seine BurleSke:„Das kluge Felleisen" gehört hierher) und namentlich Leo Blocks raffiniert gemachte Raupachiade:„Versiegelt", in der nur die bewußt artistische Mache der modernen Orchesteroper zu sehr abstach von dem naiven Stoff. Die eigentlichen Proble der modernen Lustspieloper, also etwa Wahrung und Ausbildung deS leichtflüssigen Konversationstones, Zurückhaltmig des nur stützenden Orchesters, andererseits die Psychologie und Technik des modernen Dialog-LustspiclS, dazu humorvolle Themen von zeitgenössischem Jntereffe, lustspiclechte Charaktere aus der Bühne in allerhand ränkevollem Spiel und Gegenspiel, endlich Logik der Handlung, keine operettenhasten Purzel- bäume: alle diese Forderungen zu gcschlosienem Kreis zu verwirk- lichen, hat mit Glück Ermanno Wolf-Ferrari versucht. DaS Schicksal hats wohl sonderbar vor mit dem heute llö jährigen Deutsch- Italiener, der den Deutschen die seit den Meistersingern verloren ge« gangene Melodie wieder schenkt, der uns eine komische Oper von Be« deutung nach der andern schenkt und der doch gleichsam zwischen zwei Stühlen sitzt. Denn den Deutschen ist er zu leicht, den Jtalienem zu tief. Merkwürdiger Fall! Die glücklichste Blutmischung war dem Venezianer, der väterlicher« seitS deutscher Abstammung ist, beschieden. Auch in seiner Kunst: Heiterkeit, Melodienstrom, Temperament, glutvolle Leidenschaft, rassige Rhythmik als Erbe Rossinis und Verdis: Gründlichkeit, Gemüt. Idealismus, Ernst und Keuschheit der Kunstansckauung als germanischer Besitzteil! Mit diesen Naturgabcn ausgerüstet, konnte eS dem jungen Wolf nicht schwer sollen, zu einer Feit schon in den sichern Besitz aller technischen, stilistischen und geistigen Ausdrucksmittcl der musikalischen Komposition zu gelangen, wo normale deutsche Mufikzöglinge eben ihre ersten schüchternen Lieder vom Verleger zurückbekommen. Wolf« Ferraris heller Leitstern bleibt immer Bach. Aus Bach schöpft er sich seine Architektonik: reinliche Linienführung, breite Melodiebvgen, geschlossener Szenenaufbau. Seine melodiebildende Phantasie aber wurde befruchtet durch Mozart und die beiden großen Italiener Rossini und Verdi. Viele Partien aus Wolfs musikalischen Lust« spielen muten ganz Mozartisch an. Natürlich kein schwächliches Nach« empfinden, sondern ein selbständige? Weiterbauen aus dem sinnlich heitern und starkblütigen Grunde Mozartscher Kantilene. Niemals hat man bei diesem elementaren Musiker daS zwiespältige Gefühl: daS könnte ebenso gut auch anders heißen. Alles ist notwendig unter dem kräftigen Naturzwang einer immer melodisch empfindenden Phantasie von' reiner Keuschheit deS Empfindens entstanden Dieser mit elementarer— der Komponist selbst nennt es weit drastischer: exkrementaler I— Kraft sich äußernde musi« kalische Naturtrieb leitet seine Hand in allen Formen, Tech- niken und Stilarten mit unfehlbarer Sicherheit. Wolf-Ferraris mit Klarheit erfaßte und mit Bewußtsein gelöste künstlerische Lebens- aufgäbe ist die Reformierung der komischen Oper durch die Wieder« erweckung Mozartscher Schönheit und Melodienfreudigkeit im romanischen Musiklustspiel. Es war nützlich, daß die großen, tief empfundenen Chorwerke„Sulamith" imb ,.Vita nuova", die seinen Kammermusiksachen seinen kölnischen Opern vorangingen. Man konnte damit die Hämischen, die den geistvollen, heiter lächelnden Schöpfer der„Neugierigen Frauen", der„Bier Gro- biane' und„Susannes Geheimnis' Emst, Tiefe, Gemüt, Können, Größe und wer weiß was noch alles abspracheil, bündig zum Schweigen bringen. Mt der Parole: Zurück zu Mozart! war die Sehnsucht aller gesund gebliebenen Musiker unter Wolf-Ferraris Führung ebenso klar ausgedrückt, wie der Kampfruf: Los von Wagner! die Notwendigkeit für alle wurde, die erkannt hatten, daß die Nach- wagnersche kakophonische, die Singstimme brutal vergewaltigende' ZukunftS-Orchesteroper schon Vergangenheitsnmstk geworden war. Zurück zu Mozart! ist irrtümlich als reaktionäre Parole ver« standen worden. DaS ist natürlich falsch. Di» Entwickelung strebt vielmehr(als Reaktion auf Wagner) zu einem Neu- schaffen in der Art Mozart?, aber aus dem Geist unserer Zeit heraus. Also mit Verwertung aller der herrlichen, Wagner— Berlioz— Liszt zu verdankenden Ermngenschaften in Harmonik, Farbe, Ausdrncksfähigkeit der Deklamation, Bereichenrng der Rhythmik, Individualisierung der Orchesterinstmmente, Vertiestmg der dramatischen Logik und Charakteristik usw. In Wols-FerrariS italienischen Gol- doni-Opem findet man alles dies bestätigt. Hier ist Mozartscher Wein auf neue Schläuche gezogen und die deutschen, durch Wagner noch nicht verdorbenen Sänger finden hier natürlichere und edlere Aufgaben im Stil der echten alt-italienischen Gesangskunst(Kol canto), als in den sogenannten Musikkomödien ,.R o s e n k a v a l i e r" und „Ariadne auf NaroS", mit denen der größte Techniker und„Artist" der modernen Musik Richard Strauß nichts weiter bewiesen hat, al» daß mich er die Notloendigkeit der Opementwickelung zum Musiklustspiel hin begriffen und sich daran beteiligt hat gemäß seiner technischen Meisterschaft, die ihn zwar leinen eigenen persönlichen Stil finden ließ, ihn aber befähigt, in allen musikalischen Stilsätteln sicher zu reiten. W. M. Kleines Feuilleton. Psychologisches. Versuchsträume. In das Dunkel des TrauincS, jenes SeelenzustandeS, der mehr als ein Drittel der Dauer jedes Menschen- lebenS beherrscht, bahnen sich zwei Wege. Auf dem einen sucht man die Erlebnisse deS Traumes zu analysieren, d. h. nach ihrer Be- deutung für daS seelische Individuum zu forschen. Diese Richtung unter Führung deS Wiener Neurologen Prof. Fpeud hat uns über- raschende Aufschlüsse— die allerdings zum Teil angefochten worden sind— über den Sinn des scheinbar so Unsinnigen, über seine Zu- sammenhänge mit den Wünschen, die in der Seele schlummern, gebracht. Zu weniger umfassenderen, aber dafür umso objektiveren Aus- schlüffen bringt uns die Einführung deS Experimentes in die Unter- suchung des Traumlebens. Ein jeder von uns hat lvohl unbeabsichtigt sich einem solchen Versuch unterzogen, und seine Erfahrungen in dem Resümee vereinigt:„DaS Träumen kommt vom Magen." Wenn er nämlich vor dem Schlafengehen schwer verdauliche Speisen genossen hatte und diese während des Schlafes irgendwelche Sensationen aus« lösten, die von dem Traumbewußtsein falsch ausgedeutet zu ängst- lichen Träumen Anlaß gaben. Es ist ohne weiteres ersichtlich, wie man derartige Erfahrungen zum Ausbau einer experimentellen Psychologie deS Traumes benutzen kann. Man offeriert einem Schläfer gewisse Reize und stellt fest, zu welchen Traumbildern sie Anlaß gegeben haben. Dann kann man jene als bedingte Ursache dieser auffassen und schließen, daß in ähnlichen Fällen deS spontanen TranmeS die Folgen die Wirkungen gleicher Ursachen find. Der amerikanische Psychologe Mourley Bold hat in dreißigjähriger Selbstbeobachtung eine derartige Methodik ge- schaffen, deren intereffante Resultate jetzt in einer deutschen Bear- beitung deS Leipziger Privatdozenten Dr. Klemm vorliegen. Bold prüfte die Wirkungen von Haut- und Muskelreizen auf den Traum. indem er einzelne Körperteile, z. B. Arme oder Beine mit Binden umwickelte. Offensichtlich beeinflußten diese Reizungen den Traum« inhalt, der sie mit Erlebniffen des Tage? zusammenbrachte. Vor allem waren eS Bewegungsvorstellungen, die auf diese Weise erzeugt wurden. Reizung der Hände gab häufig Vorstellungen, die mit der Beschäftigung, also mit den Manipulationen in des Wortes eigenster Bedeutung zusammenhingen. Auch die Schwebe« und Fallträume' bängen nach Bold mit Körpersensationen zusammen. Er halt für ihr Znstandekommen notwendig, daß die Fußsohlen nicht unterstützt sind. Allein es konkurrieren dabei noch andere Empfin- düngen. So setzen Schwebcträume leichte? und angenehmes Almen vorau». Das wichtigste ist aber hierbei eine vibrierende Bewegung des Rumpfes, die eine sexuelle Bedeutung hat, was auch der Freud- scheu Erklärung der Schwebeträume entspricht. Alle« dies Iveist mit Deutlichkeit darauf hin, daß wir auch in scheinbar festem Schlafe durchaus von den Reizen der Außenwelt— wenn auch nicht in gleichem Maße wie am Tage— abhängig sind. Natürlich sagt uns eine derartige Betrachtung der Traumwelt, um eS zu wiederholen, nur über eine Bedingung der Entstehung deS Traumes etwas aus. Die Bedeutung der seelischen Inhalte freilich WWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWWM ist auf diesem Wege nicht zu ermitteln.__ Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstaltPmil Singer&(So., Berlin SW.