HlntttHallungsblatt des vorwärts Nr� 67. Dienstag den 8. slpril� 1913 6] Die Bauern von Steig. Noman von Alfred Huggenberger. D i e M a I f ch a ch t e l. Von den Knaben im Dorfe hatte meines Wissens nur ein einziger eine Malschachtel: Hans Kinfperger. Doch'der tvar der letzte, den ich jetzt um eine Gefälligkeit hätte angehen mögen, denn ich hatte das wegen dem Stallknecht immer noch stark im Gedächtnis. Und zudem hatte mir Hans jüivgsthin wegen eines geringfügigen Ztoines een Uebernaxien„Mälerli" nachgerufen ii nd mich damit so beleidigt, daß ich mir vorge- uommen, vier Wochen lang kein Wort mehr mit ihm zu reden. Aber die Sorge wegen des Spruches trat nach und nach so in den Vordergrund, daß ich mich oft über dem Gedanken er- tappte, eine wenn auch nur oberflächliche Versöhnung mit Hans anzubahnen. Manchmal wachte ich nachts aus dem Schlafe auf und grübelte über einen Ausweg nach. Dabei kam ich immer wieder zu dem letzten und einzigen Rettungs- mittel: ich mußte mich unter allen Umständen in den Besitz von Hansens Farbenfchachtel fetzen. Ohne von meinem heimlichen Groll ganz loszukommen, fing ich mich dem vom Glück bevorzugten Kameraden fachte zu nähern an, und es schien mir, als ob ihm das selber an- genehm sei. In wenigen Tagen brachte ich es so weit, daß er wieder ganz zutraulich wurde, und eines Abends fand hinter Kinspergers Rebsteckenbcige, wo wir uns beim Ver- sreckenspiel verborgen hielten, die Versöhnung ihren feierlichen Abschluß. Hans versicherte, daß es ihm garnicht recht gewesen sei nachher, als er mich damals erzürnt habe und daß er mir ganz gewiß nicht ein einziges Mal mehr„Mälerli" nach- rufen werde. Ich dagegen versprach großmütig, alles zu ver- gesfen, wie wenn nichts gewesen tväre. So kamen wir als die alten guten Freunde hinter der Beige hervor. Ich sah mich am Ziel meiner Wünsche, Ich hals Hans an diesem Abend die Rübcnschneidmaschine treiben und ließ mich sogar von ihm einladen, noch schnell in die Stube zu kommen, denn er hatte von seiner Mutter auf Weihnachten einen Schultornister bekommen, den wollte er mir zeigen. Und im Frühling dürfe er nach Trüb hinab in die Sekundär- schule, wußte er leutselig zu berichten. ??ur mit halbem Ohr hörte ich auf seine Mitteilungen. Ich schielte nach dem Gestell hinauf— dort lag in einem Winkel hinter den zahlreichen grünglasierten Milchtöpfen ganz verachtet die heißbegehrte Malsck>achtel... Sollte ich Hans schon heute um diese bitten? Ich über- legte schnell, ob ich das übers Herz bringen würde. Nein. Um alles andere eher als um diese Malschachtel. Wenigstens eine Woche mußte ich warten, sonst würde Hans ganz bestimmt merken, warum ich wieder gut mit ihm geworden!. Aber ritte Woche— sieben Tage! Nun— es ging ja vielleicht auch mit fünfcn!— Da fuhr mir, tvährend Hans feinen Tornister in der Nebenstube versorgte, wie ein Blitz der Gedanke durch den Kopf: Wenn ich die Schachtel jetzt schnell an mich nähme! Es würde niemand ihr Fehlen bemerken.» Und in ein paar Tagen könnte ich sie wieder heimlich hinlegen... Mit schnellem Entschlüsse fetzte ich einen Fuß auf die breite Wandbank, über der sich das Milchgestell hinzog. Ein Schwung, ein Griff und das Kleinod war in meinen zittern- den Händen. Blitzschnell kehrte ich mich gegen den grünen Kachelofen und ließ die Schachtel in'der inneren Tasche meines Wamses verschwinden, das ich dann sorgfältig zuknöpfte. Als ich mit schlechtem Gewissen Umschau hielt, sah ich, daß Hanfens Mutter in der halbgeöffnetien! Kllchentüre stand, Ein lähmender Schreck legte sich auf meine Glieder. Aber nur für eine Sekunde, dann hatte ich mich schon ein wenig ge- faßt. Noch war es ja nicht ganz gewiß, daß sie mich bcob- atbtet hatte. Ich versuchte gleichgültig zu tun und pfiff die Verse vor mich hin: „Wo Berge sich erheben Zum hohen Himmelszelt.., Da ist ein freies Leben, Da ist die Alpenwelt., Wir hatten dieses Lied heute Nachmittag in der Schule eingeübt. So oft ich die Weise später hörte oder singen mußte, legte sich die Erinnerung an einen der schwersten Augenblicke meines Lebens mit unmittelbarem Druck auf mein Herz. Während des Pfeifens drückte ich mich fachte nach dem Fenster zu; auf plötzliche Eingebung hin schrie ich, als hätte mich draußen jemaird gerufen:„Ja. ja! Ich komme gleich!" und wollte mich eiligst hinausmachen. Aber die Bäuerin vertrat mir den Weg. Sie sah mich bös an, ich wußte augenblicklich, daß ich verraten tvar. „He, Du Lümmel! Was hast Du auf dem Gestell zu tun gehabt?" In meiner Hülflosigkeit versuchte ich zu leugnen.„Ich? Auf dem Gestell? Hä, nichts." Unterdessen tvar auch Hans wieder in die Stube ge- kommen. Er warf einen Blick nach der leeren Ecke auf dem Gestell und einen zweiten auf mein straff zugeknöpftes Wams, auf dem sich in deutlichen Umrissen die unglückliche Mal- schachtel abzeichnete. „So, da haben wir Dich. Schelm!" zeterte er und sing an, mir die Knöpfe aufzureißen,' worauf er fein Eigentum triumphierend an sich nahm. Ich stand wie erstarrt und merkte es kaum, daß mich die Kürspergerin links und rechts mit Ohrfeigen- bedachte. Ich -sah nur den gelben Malkasten in Hansens Händen, der nichts mehr«nd nichts weniger als nieittew Untergang bedeutete. 'Ja. ich sah ihn noch, als ich von der Bäuerin längst unter ein-? Flut von Scheltwörtern zur Türe lhinaus bugsiert worden war. Da stand ich nun im kalten Hansgang, zerschmettert, ver- uichtet. Ich hörte, wie die Kinspergerin drinnen noch immer geiferte:„Untersteh Dich. Bub, und bring mir noch einmal von dem Schclmenpack ins Haus! Ich will Dirs raten!" Ich hätte am liebsten sterben mögen. Für mich war ja nun doch alles aus. Wenn mich Hans verriet, so ging cS mir wie dem Schors Schwengeler, der seinem Vater Geld genommen, um ein Pistölchen daraus zu kaufen. Der Lehrer hatte ihm vor allen Schülern eine große Standrede gehalten; wie das Stehlen eine so schwere Sünde sei, und wie diejenigen, die nicht davon lassen könnteil, nirgends anders als im Zucht- haus enden würden. Und alle Kinder hatten während der feierlichen Strafpredigt neugierig oder mitleidig auf den armen Uebeltäter geseheni, der in unfern Augen nun schon zum künftigen Zuchthäusler gestempelt tvar. Aber Schors hatte heimlich in den Tisch hincingelacht und sogar nachher laut geprahlt: wenn er gern ein Schelm tverden wollte, so ginge das den Lehrer gar nichts an! Er hatte wegen der dreißig Rappen auch nicht so eine Brübc machen müssen. Er. SdtorS, habe es auch gesehen, wie der Lehrer die Jlgenwirtin gestern Abend vor der Hanstüre in die Wange gekniffen habe. Ich nahm mir fest vor. dann auch trotzig zu feilt, wie der Schors. Und wenn mir alle„Schelm" nachrufen würden— >vas machte das? Mit Margritte war es nun ja doch vorbei. Ich lief einfach wog, weit weg, ja bis in ein anderes Land, wo mich niemand kannte... Da öffnete sich die Stubentür ein wenig. Hans, der noch immer die Farbenfchachtel in der.Hand hielt, sah mich schtver Gedemlltigten einen Augenblick mitleidig an, dann kam er in den halbdunklen Gang heraus und schloß die Türe hinter sich zu.,., „Warum Haft Du mir denn die Malschachtel stehlen wollen? Du bist dock, sonst nicht so einer?" Diese Worte flössen wie Balsam auf meine verwundete Seele. Während ich unbeweglich stand und die Tränen hilf- los über meine Waitgen- rinnen ließ, wiederholte er ganz freundlich:„So red' dock) auch!" „Ich habe sie Dir ja gar nicht nehmen wollen!" brachte ich endlich iiiühsant heraus.„Ich hätte sie Dir wiedergebracht. — Beim Eid!" beteuerte ich noch, während ich vor Schluchzen fast erstickte. „Aber warum hast Du denn nicht? zu mir sagen können? Ich hätte Dir die Schachtel ja schon für ein paar Tage geliehen." Ich zog mein zerknittertes Nastttch heraus und trocknete wir das Gesicht damit.„Glaubst Du, ich hätte das nicht ge- tan, wenn.. „Was wenn?" „Ach, Du weiht ja schon. Und den Uebernameu hättest Du»nr doch auch nicht nachrufen brauchen." „Ja, sol Ist denn das nicht abgetan gewesen? Und zu was hast Tu überhaupt die Malschachtel brauchen wollen?" Ich preßte die Lippen auseinander und sah ihn fest an. Wollte er das nun wissen?... „Sagst mirs nicht?" Seine Stimme klang feindlich. Ich schüttelte unsicher den Kopf. „Gut, dann werde ich Dich beim Lehm? verklagen. Ich habe sonst gemeint---" Er wollte sich kurz von mir abwenden, ich hielt ihn zurück. „Ei, so wart' dochl— Wenn ich Dir zehnmal nacheinander die Rechnungen auflöse?"... „Die Mutter hilft mir schon, die kann's so gut wie Tu." „Und Du willst es also wirklich dem Lehrer sagen?" „Bielleicht— vielleicht auch nicht." Ich verlegte mich aufs Bitten.„Nein, gelt, das mußt Du nicht machen. Ich habe Dich auch nicht verraten damals, als Tu den Schuilhermometer zerbrochen hast." „Das ist wahr, aber ich habe Dir dafür drei Stücke Brot gegeben." lForllevuiig folgt.I �.ecbercde. Von?l u g u st e H a u s ch n e r. Die Frau Gehcimrat Müller blickte befriedigt in den Spiegel der Modistin. Das Kleid aus stumpfer schwarzer Seide war gängicki unausfällig. Nur Kennerblicke vermochten die Kostbarkeit des Stoffes abzuschätzen. Sie lehnte auch die schmelzgcstickie Stickerei als Auf- putz ab und wählte eine teurere Spitze, die den Blick nicht auf sich lenkte. „Sie kennen ineinen Grundsatz, Fran Gebauer. Preis spielt keine Rolle, wenn's nur solid und praktisch ist und nach nichts aussieht." Rasch kleidete sie sich um. Sie halte vor Tisifi noch einen weiten Weg zu inachen. Eine Recherche in der Frauseckistroße Numero Siebcmindvierzig. Frau Mcta Schöpf, Malerswilive und Muller zweier Kinder, war beiin Verein um Unterstützung ein- gekommen und um Aufnahme der Kleinen in einen Kinderhorl. An der Ecke der Franieckistrahe lieh die Geheimrätin den Wagen halten. Es machte sich nicht gut, bei der Armut in einer Equipage vorzufahren. Numero Siebenundvierzig war das letzte Haus der Reihe und seine Hintertreppe war sehr steil. Vier Stockwerk— uff— bis zu der Tür hoch, an der die Karte „Mcta Schöpf" befestigt war. Die korpulente Frau Geheimrat muhte sich verschnaufen, ehe sie die Klingel zog. Dabei vernahm sie deutlich die Töne eines Walzers, der drin geträllert wurde und das Schleife» leichter Fühe, die sich danach drehten. Die Bedürftigen schienen recht vergnügt zu sein. Sowie die Glocke anschlug, brach das Singen und das Tanzen ab. Ein Mädchen öffnete. Ein zierliches Persönchen mit schwarzen, lose aufgesteckten Haaren und munteren, etwas schief gestellten Augen. In ihre Kleidersalten drückten sich zwei Kinder, mit ihren Mäntelchcn und Mützchen wie für die Sirahe ausgerüstet. „Ich suche Frau Meta Schöpf. Sie ist um eine Unterstützung eingekommen und um Unterbringung ihrer Kinder. Ist sie aus- gegangen?" � „Ich bin es selbst. Wollen gnädige Frau gefallupt nähertreten." Sie nahm von eineni Stuhl ein Tuch und warf eS um dir Schultern. Doch die Frau Geheinirat hatte den kleinen Ausschnitt der hellen Bluse schon gesehen und den Veilchenstrauh, der den Busen schmückte. Beilchen im März I Etwas luxuriös für eine Arme. .Sonst sah es freilich zur Genüge ärmlich in dem kleinen Zinnner aus. Bett, Kleiderschrank, Kommode, ein zerschlissenes Sofa, vier Holzstühle um einen kleineu Tisch. Doch vor dem Sofa war ein lleiuer, orientalischer Tcppich ausgebreitet. Sehr schadhatt, aber wundervoll im Ton. Und alt, daraus verstand sich Frau Geheim- rat. Und aus dem Kleiderschrank, der ein wenig offen sstand, lugte etwas Weißliches hervor. Ein Spitze?... Die Kinder hockten an der Erde. Ihre Wange» waren blaß und mager, nun die durch den Tanz erhöhte Farbe erloschen war. Doch sie sahen fröhlich aus den Augen und kämpften, ohne Scheu vor der Fremden, lärmend um eine Puppe, der von vergangener Pracht nur noch die blonden Locken auf dem Kopfe und die ÄtlaS- schuhe an den Füßen verblieben waren. Die Frau Gebeimrat begann ihre Recherchen. „Sie sind Witwe?" „Jawohl, gnädige Frau." „Waren Sie verheiratet?" .... Jawohl, gnädige Frau." „Wie alt sind Ihre Kinder?" „Der Knabe drei, das Mädchen vier." „Warum tragen Sie denn Hut und Mantel in der Stube?" „Sie husten und das Zimmer ist nicht mehr geheizt. Wir tanzen gern. Das wärmt und ist lustig." Mit einem Lächeln, in dem sich Trotz und Bitte reizend mischten, suchte sie den Ernst der Dame aufzuhellen. Es gelang ihr nicht. „Haben Sie nur die eine Stube?" forschte die Frau Geheimrat weiter. „Jawohl, gnädige Frau." „Wo schlafen Sie denn alle 1" „Die Kinder im Bett, ich auf dem Sofa." „lind wo kochen Sie?" J „Wir essen selten Warmes. Kaffee und Suppe koche ich auf Petroleum. Immer wanderten die Blicke der Frau Gehcimrat nach dem Stück Teppich und nach dem Weihlichen, das aus dem Spalt des Kleiderschrankes lugte. Frau Metas Augen folgten ihnen. Fester zog sie dann das Tuch zusammen. Sie hätte vorgezogen, nicht überrascht zu werden. „Was war Ihr Mann?" „Maler. Das heißt, er wollte einer werden, wenn er nicht so stiih gestorben wäre..." Die munteren, sckiefgeschlitzteu Augen füllten sich mit Tränen. „Hat er Jbnen nichts hinterlassen?" „Wenig. Und das baben wir verbraucht." „Wovon ernähren Sie sich also?" „Wir hungern und frieren, gnädige Frau, sonst wäre ich nicht um Unterstützung eingekomnien." „Können Sie sich denn nichts verdienen?" „Doch, gnädige Frau— aber nur außerhalb des Hauses. Ich," sie zögerte,„ich könnte in Ateliers beschäftigt werden— rein machen, Pal Iren und Pinsel�waschen und so ähnliches," setzte sie schnell hinzu.„Aber ich kann die Kinder nicht allein zu Hauie lassen." „So, so." Sie war jetzt sicher, das Weißliche, das auS der Spalte lugte, war eine Spitze. „Möchten Sie mir nicht das Spind dort öffnen?" „Das Spind... ich weiß nicht... ja, das ist aber..." Schon hatte die Frau Gcheimrat die Türen aufgerissen. Sie hatte recht gesehen. Das Weißliche war ein Volant voir Spitzen, er war an einen Rock von leichicr, blauer Seide an» gekräuselt. RingS umher um diesen Luxus gähnte eine Leere. Im Hinter- grund erst baumelte ein Bündel abgetragener Kleidungsstücke. Links, in den Färbern, lag zerbrochenes Spielzeug, Schwarzbrot, Käse, Wurst, eine kleine Bonbonniere Und ganz zu oberst ivar elwaS Großes, mit einem Bogen sorgsani zugedeckt. Wie unversehens faßte die Frau Geheimrat zu: der Bogen fiel und eiithllllie emen Hut... Einen breitkrämpigen. kühn gebogenen, roten Strohhut mit hellem Bande»nd einem Strauß von weißen Rose». Sofort hatte die Fran Geheimrat ihn tariert. Nicht unter zwölf Mark herzuslellcn. „Ist das Ihr Hut?" „... Der Hut... nein... ich Hab ihn selbst garniert.,. die Zutaten sind billig.. Fest ballte sie die Fäuste ineinander, um sie nicht gegen die Fragerin zu heben. Ihr Hausrecht brauchen? Der Frau die Tür weisen? Oder ihr zuschieicn: „Ja, nimm Dir für Dein kärgliches Almosen nur das Reckt zu richten. Schnüffle, starre und verdamme meinen Leichisiini. Ja, ja dock. Diesen Rock und diesen Hut Hab' ich gekauft. Und diese Veilchen. Und die Bonbons für meine Kinder. Trotzdem wir Hunger» und frieren müssen. Oder gerade darum. Weißt Du denn nicht, daß man nicht leben kann im Elend ohne einen Strahl der Freude. Verstehst Du denn nicht, daß man das Nötigste lieber entbehren als das lieberflüssige gaizz missen kann. Wockienlang haben wir oft so gedarbt, ich und er, der'mein Geliebter war, und haben dann Geld weggeworfen für ein paar Stunden Schönheit wie reiche Leute. Manch- mal nur, um uns einzubilden, daß Ivir es sind. Ich war nur sei» Modell. Aber diesen Leichtsinn bat er an mir geliebt, mein Lachen und mein Singen hat ihm das Elend und den Tod erleichtert. Wenn Du inir helfen willst, so nimm mich wie ich bin. Hilf mir in meinem, nicht in Deinem Sinne. Ich will ehrlich bleiben, laß mich nicht untergehen mit meinen Kindern." Sie tat keines von beiden. Wies der Fremden nicht die Tür, warf ihr die anklagcndou Worte nicht ins Gesicht. Ruhig nahm sie das Tuch von ihren Schultern und gab der Dame schioeigend das Geleite. In ihrer Equipage zog die Frau Geheimrat ihr Notizbuch. „Meta Schöps, angeblich verheiratet. Moral verdächlig. lieber- liche Wirtschast. Schlechte Mutter. Kinder vielleicht berücksichtigen, wenn nicht flir Würdigere Platz gebraucht wird. Für eine dauernde Unterstützung nicht zu cmpfchlen." Hnfclm von fcuerbacbs „merkv?urciige Verbrechen". Wilh. v. Scholz, der bekannte, oder besser: zu wenig bekannte Dichter, veröffentlicht im Verlag Georg Müller in München eine zweibändige Auswahl aus der Sammlung merkwürdiger Kriminal- fälle, die der berühmte bayerisch« Kriminalist Anselm von Feuerbach, der Schöpfer eines neuen bayerischen Strafgesetzbuches, der später in der Angelegenheit des rätselhaften Nürnberger Findlings Kaspar Hauser eine so bedeutende sympathische Rolle spielie, nach aktenmätzi- gem Material, das ihm in seinen amilichen Stellungen reichlich zur Verfügung stand, zusammenstellte. Ten ersten Anstoß zu seinem Werk erhielt Feuerbach, als er als Referent des Justizministeriums solche Strafsachen zu bearbeiten hatte, die dem König im Hinblick auf das Begnadigungsrecht vorgelegt werden mußten. In den Jahren 1808 und 1809 erschien seine Arbeit zum erstenmal. Später, als er Präsident des höchsten Gerichtes tvar, nahm er sie wieder vor und ließ sie 1827 und 1829, um bedeutende Fälle vermehrt, zum zweitenmal in die Welt hinausgehen. Wenn ein Dichter wie Scholz sich bewogen fühlt, ein solches Werk neu herauszugeben, so muß er Qualitäten haben, die ihm einen höheren Wert als nur den einer interessanten juristischen Materialsammlung verleihen. Augenscheinlich ist es mehr die psychologische Vollständigkeit in der Aufzeichnung der Motive, im Vergegenwärtigen des Werdens einer verbrecherischen Handlung, als etwa die genaue Untersuchung der Umstände, die Feuerbachs scharfsichtigen Geist lockt. Er nimmt nicht, wie es in der Justiz der strengen Vergeltung damals üblich war, die Tat als ein fertig für sich Bestehendes, sondern geht rück- wärts bis zu den Quellen, die im verbrecherischen Individuum liege»; zeigt den Punkt, wo Anlage und Konstellation der Verhält- nisse zusammenstoßen und die schauerliche Tat gebären. Dieses Schürfen und Pochen, diese Bergwerksarbcit in den dunklen Schach- ten dev mcnschlichew- Seele muß gerade für die Dichter von höchstem Reiz sein. Sie schweben ja immer um diese unheimlichen Abgründe des Seelenlebens, wo Verhängnis oder Maßlosigkeit oder böser Tricv zu dämonischer Macht werden, die das Wesen, das in ihre Gewalt geraten, bis zur Bluttat jagt. Und da bietet ihnen Feuer- dach durch seine t ühnere Turchgründung mehr als der Pitaval, weil ihm die Geschichte, die er darstellt, an und für sich gleichgültig ist gegenüber den psychologischen Momenten, und auch weil er seine Arbeit in deutlicher Beziehung zur Menschen- und Seelenkenntnis überhaupt vornimnit. Er sieht die Wirkung verbrecherischer Triebe auch da, wo sie niemand wegen ihrer Entrückthcit oder ihrer Klein- heit beachtet, und wo das Gesetz noch keine Geltung beansprucht oder sie schon verliert.„Selbst manche große und tlcine Abschnitte in den Jahrbüchern der Welt- und Staatsgeschichte," schreibt er, „werden erst demjenigen ganz verständlich, welcher für den Charak- icr und die Triebfedern mancher ihrer Helden in den Annalen der Kriminalgerichtshöfe den rechten Schlüssel gefunden hat." Und in manchen unscheinbaren Handlungen, die aus dem Rahmen der bürgerlichen Umzäumungcn nicht hinausfallen, sieht er den ver- brecherifchcn Trieb.„Vieles liegt", heißt es weiter,„im Menschen, was im gewöhnlichen Gang eines Lebens nicht in Tätigkeit, wenig- stens nicht zur äußern Erscheinung oder zu seinem Bewußtsein kommt; aber das im Verbrechen tobende Gemüt gleicht dem Meer, das zuweilen, wenn Erdbeben, oder von der Tiefe aufsteigende Grundwellen dessen Innerstes aufwühlen, manche Dinge, die viel- leicht Jahrhunderte auf dem Grunde lagen, gewaltsam in die Höhe treibt und am Gestade auswirft." Feuerbach arbeitet den Interessen des wirklichen Dichters in die Hand, während der Pitaval vielmehr als Vorlage für die landläufige Kriminalgeschichte, die auf die spannenden Verwicklungen und Entwicklungen, auf Befriedigung der stoffhungrigcn Neugier ausgeht, geeignet sein dürfte, wenn auch Dichter wie E. Th. A. Hoffman» oder Jakob Wassermann> siehe das Rovellenbuch„Die Schwestern") hier Motive finden, die sich durch entsprechende Umbildung �u wirklicher Kunst emvorzuheben vermögen. Denn das ist das Wesentliche für eine wirtlich dichte- rische Darstellung des Verbrecherischen, daß sie in der Tat das Menschliche sichtbar macht, und nicht nur den interessanten Fall und seine Entdeckung. Alles Licht muß in die Tiefe der Tat fallen; muß ein Stück Menschliches in einem lebendigen Sinnbild deutlich machen. Die Tat als solche ist nur die Auswirkung eines Kam- plexes seelischer Vorgänge. Solcher„Kriminaldichtunaen" im höchsten Sinne haben wir viele. Ich nenne den..Macbeth", nenne Kleists„Kohlhaas", Hoffmanns„Fräulein von Scudcrv". Holms „Haus an der Vcronabrücke", das klassische Werk dieser Gaktnng: den..Raskolnikow" usw. Beide Gattungen, sowohl die Detcktivge- schichte wie die tiefgreifende Darstellung verbrecherischer Handlun- gen, vereinigt der Amerikaner Edgar A. Poe, der der unheimlichste Gestalter seelischer Entartungen und Erkrankungen ist. Feuerbach strebt demselben Fiele zu wie diese Dichter, allerdings von anderer Richtung. Seine Methode ist die wiffeiischaftlichc, die von außen her durch das Mittel der psvchologiichen Analyse cinzudrinacn sucht; er löst das Gewebe auf, um die Fäden zu erkennen. Der Dichter aber schaskt von Innen her. Sein Verfahren ist synthetisch und dadurch dichterisch. Er erlebt das Werden der Dinge vom ersten Augenblick an und sucht es als einheitliches Leben darzustellen. Er ist natürlicherweise dadurch zu stärkerer Wirkung berufen, weil er sich an unser Gefühl wendet; weil er unser Gefühl in das Ge- schchen hineinreißt um) die Diuge zu lebendiger Wahrheit»«acht, während der Wissenschaftler uns getrennte Elemente verlegt und nur unsere Verstandestötigkcit in Anspruch nehmen will. Es»er- den hier ganz verschiedene Sphären unserer Psyche in Erregung gesetzt. Durch sein Jntere'se schafft Feuerbach aber Material, das dem Dichter hochwillkommen sein muß. Feuerbach hat aber wohl schwerlich die Materiallieferung an Dichter im Auge gehabt, als er seine Ausarbeitungen herausgab, und die Bedeutung der merkwürdigen Kriminalfölle liegt ganz wo anders. Frühere Zeiten kannten das Verbrechen nur als vollendete Tat eines frei handelnden bösen Willens und stellten sich bei der Bestrafung auf den Standpunkt einer unnachsichtigen Bergeltungs- theorie. Feuerbach steht den Tagen noch nicht fern, da Folter und Rad in Wirksamkeit waren, und er selber beklagt sich, daß humane Ideen, die er in das von ihm entworfene Strafgesetz hatte ein- fließen lassen, an herrschenden und mächtigen, obschon tüchtig ver- altetcn Vorurteilen scheiterten oder nur in verderbter Form zur Geltung gelangten. Erst die folgenden Zeiten haben mit den Mitteln modernerer Forschung die Kriminalwissenschaft systematisch ausgebildet und zu einem wertvollen Zweig der Lehre vom Menschen gemacht. Feuerbach steht ganz am Anfang, aber er hat den ge- nialen Instinkt, der bei jedem Werk das Wesentliche ist, und er ist mit bedeutendem Wissen und eindringlicher Beobachtungsgabe aus- gerüstet. Das Prachtstück der Sammlung ist unstreitig die Geschichte von dem zweifachen Raubmörder Joh. Paul Forster. der in Nürnberg, nachdem er kurz zuvor aus dem Gefängnis gekommen, au einem Abend einen Wirt und dessen Magd ermordet. Der Täter ist bald entdeckt und alle Indizien belasten ihn durchaus. Nach den gelten- den Bestimmungen durfte aber nur dann eine Verurteilung zum Tode ergehen, wenn der Täter selbst das Faktum eingestanden, lind Forster verlegt sich aufs Leugnen. Mit eiserner lluerschütterlich- kcit, scheinbar ganz unbewegt, verträgt er die Gegenüberstellung mit seinen Opfern. Und diese undurchdringliche Ruhe� bewahrt er auch bei allen Verhören und Verhandlungen. Ganz selten huscht einmal der kaum merkliche Schalten eines Errötens über sein Gc- ficht. Nicht ohne Verwunderung, fast hätte ich gesagt: Bewundc- r»ng, betrachtet man diese Energie. Und nun sucht Feuerbach nach gesammeltem Material: nach Zügen, die bei der Unlersuchung zu Tage getreten, nach Bekundungen anderer, nach Auszeichnungen, die Förster im Gefängnis gemacht, das Bild dieses Menschen zu zeichnen. Unscheinbare Momente erbalten tragende Bedeutung. Eitelkeit und Hang zu Wollust und Wobllebeu erscheinen neben einer gewissen etbischeu Widerstandslosinkeit als Grundzüge in Forsters Wesen. Schon im Kinde sind Andentungen hiervon. DaS geistige Vermögen des Forster ist nichts weniaer als minderwertig; aber es scheint beherrscht von seinen Leidenschaften und besonders von einem Hang zu sich seibtst hofierender Selbitbespiegelung. Jr- gcndwie spricht auch das soziale Moment mit. Försters Eltern ge- hören zur allerärmiten Bevölkerungsschicht; aber der scheinbar sehr gutartige Junae sucht, wo er kann, den Umgana, ja nur die lockerste Berührung mit den„Herrschaftlichen" Mit Stolz trägt er hernach die Bcdienten-Libree. Er liest mit Vorliebe Romane, die ihn mit Bildern aus der Gesellschaft füllen und ihm allerhand unklare schwülstige Vorstellnnneii geben. Immerhin bleibt cr der gute, vi-llcicht etwas duckmäuserigc Junge, bis er zum Militär kommt. Hier scheinen die üblen Triebe seines Herzens aufgegangen zu sein. Vieles muß im Dunklen liegen bleiben. Aber soweit die Mittel es erlaubten, hat Feuerbach diesen Menschen zu durchbellen versucht, und er hat durch geschickte Ergänzung, durch kluge Interpretation ein Bild von sprechender Lcbcnswahrbeit berauszuholen gewußt. Tie beiden Bände, die Scholz ausgelesen, enthalten übergenug des Erschütternden und Furchtbaren. Da ist die Tragödie de? Joseph Ruermann, eines achtbaren stillen Mannes, den ein Gläubiger so schamlos peinigt und guält, bis er in wilder Ver- zweislung seinen Bedränger»inbringt. Dann die düstere Gc- schichte„Der Baternioro im Sittentale". In solchen Stücken ist Feuerbach, der sein Mitempfinden gar nickt verbirgt, ni.r um eine schmale, allerdings wiederum entscheidende Linie vom Dich- terischen entfernt. Tief ergreifend ist auch der„Beitrag zur Gc- schichte der Seelenkrankhciten" im Fall des HänSlcrsohncs?,'ohann Georg Sörgcl, der. an der fallenden Sucht leidend, in halluzina- torischer Erregung einen Mord begeht; ihn eingesteht; dann aber nach einigen Tagen, als der traumhafte Zustand, in dem cr ge- handelt, vorüber ist, sich an nichts mehr erinnern vermag. Ein Ebarakter von seltener Scheußlichkeit enthüllt sich in dein Mädchen- mörder Bichel, drr sich de» Aberglauben armer Bauerndirncn, die cr mit dem Versprechen an sich lockt, ihnen in einem Zaubcrspiegcl die Zukunft zu zeigen, zunutze macht, um sie, wenn er sie in seinem Hause hat. zu erschlagen und ilirer armen Habseligkeiten zu beraube». Geiz und kleinliche Habsucht, gepaart»st einer scheußliche» Gleichgültigkeit gegen fremdes Leben, treiben ihn zu der Tat, die mit einer grausamen lustmörderischeu Blutgier aus- geführt wird. Am verruchtesten aber von all diesen erscheint der Franz Salesius Ricmbauer, bis 1813 Pfarrer zu Nandelstadt. „Tartüffe als Mörder" nennt ihn der nicht sehr pfaffcnfrcui'dliche! Verfasser. Riembauer wird zur Last gelegt, daß er eine frühere Haushälterin, die mit ihm ein Kind gehabt und auf Zahlung der Vcrpflcgungsgeldcr drängte, ermordet und in einem �tadf he» graben habe. Sein ganzes Leben enthüllt sich nach und nach als eine Kette von Verbrechen, die er so gut unter der MgSke setneS Standes verbirgt, dag er niamben als ein Muster an Heiligkeit erscheint. Seine Weibergeschichten wiederholen sich an j-edcm Orte, wohin sein Amt ihn führt. Man munkelt von Avtreibungs- Geschichten. Er pflegte die Frauenzimmer sicher zu machen, indem er sie sich antraute und ihnen klar machte, daß ein Mädchen sich mit einem Geweihten gelvisie Sünden gestatten dürfe. Er suchte die Rechtfertigung seines Treibens in der jesuitischen Moral- itheologie, die er glänzend beherrschte, und seine Vergehen schob er von sich ab und nannte sie sehr geschickt Sünden des Zölibats. Trotz aller klaren Beweise bleibt er in 99 Verhören, die sich über vier Jahre erstrecken, standhast im Leugnen. Er sucht Schutz hinter seinem priesterlichen Charakter und uralt aus, wie verrucht er sein müßte, wenn er mit blutbefleckten Händen den Kelch des Herrn anzufassen gelvagt hätte. Eines. Tages, in reuevoller Schwäche, legt er ein Bekenntnis ab: er wolle sein Gewissen ent- lasten. Aber die nun folgenden Verhöre sind Jonglcurkünste jesuitischer Dialektik. Alle seine Handlungen rechtfertigt er aus der Ethica christiana eines Pater Stattler:„Ich kann unmöglich glauben, sagt er, daß meine Absicht ein Verbrechen sei, indem ich nur meinen öffentlichen Kredit sowie die Achtung des Klerus zu erhalten und den öffentlichen Skandal zu vermeiden suchte." Nach seiner Auslegung der Moraltheologie ist seine Tat eine Not- Handlung, eher gut als schlecht, weil die Ehre des Klerus auf dem Spiele stand, und er versucht den Untersuchungsrichter mit seiner jesuitischen Knisfologie und Psiffologie zu überrumpeln. Ader dieser Herr hatte toahrscheinlich ebensowenig Sympathie für die Moraltbeologie wie der eingefleischte Rationalist Feuerbach. Seit- samerlveise entging Riembauer den. Tode und wurde zu Festungsstrafe verurteilt. In seinem Roman„Kaspar Häuser oder die Trägheit der Herzen" ha! Wassermann ein prachtvolles Charakterbild des un- beugsam rechtlichen Menschen Fcucrbach entworfen, der seine Kam- binationen über den Fall Häuser, die auf ein in hohen Regionen begangenes Verbrechen hindeuteten, mit großer Kühnheit in die Welt warf und für das Recht des Nürnberger Findlings selbst vor Hürstenthroncn eintrat. Auch diesen Feuerbach findet man in der Tamiulung, den Rechtsfanatikcr, der nur die unbctrügbare Wahrheit kennt, und zwar in einem Memorandum für den König über einen ehemaligen Minister, der sich unter dem vorigen Fürsten schwerer Unterschlagungen und Ausbeutungen schuldig gemacht, aber als fürstlicher Gelegenheitsmacher jeder Strafe jahrelang entging; seinen kiaub sogar noch mit der Privatschatnlle seines Herrn teilen durfte, dann aber in Ungnade fiel und ohne Recht und Urteil lange Jahre eingekerkert blieb, bis Fcucrbachs Schrift ihm die Freiheit wiedergab. Feucrbach kennt keine höfischen Rücksichten. Ihm ist nur das Reckt heilig. In diesem Schriftsatz hat er aber überdies ein reizendes Kulturbildchen aus der Zeit der absoluten Fürsten aufbewahrt. E. H. Kicines feuilleton. Skutari. Als„Stambul des Westens" ward häufig Skutari, das seit Monaten so heißmnrungene, bezeichnet, das gerühmte Ekadar der Serben, und gepriesene Skodra der Albanesen, und gern hatte sich die Phantasie ein idyllische? Bild gestaltet, einer schöuheiis- reichen, gartenvollen Stadt des Orients am weit und weithin sich ausdehnenden, von hohen Gebirgszügen umrahmten See. Aber, wie so oft auf türkischem Boden, schaut die Wirklichkeit gar anders aus, und es gibt wohl keinen europäischen Reisenden,' der beim nüchternen Anblick der Hauptstadt OberalbanienS nicht herb ent- täuscht geivescn märe. Nicht einmal, wie sonst häufig bei anderen orientalischen Ortschaften, spiegelt da? Aeußcre ein malerisches KulissenbUd vor: ein zum Teil recht schmuddeliges und unanschn- liches Nest ist's, mit engen Gäßchcn und halbverlassenen Straßen, in denen sich nicht die germgsten Anklänge an die gcschicht- liche Vergangenheit der heute etwa ZOillX) Bewohner zahlenden Stadt, finden, die einst die mauerumgürtete Residenz des Königs Gentius von Jllyrien, dann in römischem, serbischem und venezia- nischem Besitz gewesen ist, bis sie 1479 an die Türken fiel. Brände nnd Erdbeben. daZ letzte vor acht Jahren, haben gründlich auf- geräumt, falls dies nicht schon vorher die Bewohner selbst getan, gleichgültig gegen alles, was die Patina des Altertums trägt und mit denkwürdigen Erinnerungen verknüpft ist. Doshalb' fallen xmS auch viele neuere, zum Teil von Gärten umgebene Bauten auf, Orient und Okzident in enger Nachbarschaft, hier schlanke Minarets und gekuppelte Bäder, neuere lind ältere. Friedhöfe und vielnmfasiende HauS-Gasthöfe, dort freundliche Häuschen mit grünen Jalousien, verschiedene von ihnen mit grellen Konsulats- Wappen an den Eingängen und flatternden Fahnen auf den roten Dächern, ein von einem Kroaten gehaltenes Hotel mit dem stolzen Namen„Europa" und ein ganz lauschiger Neiner Park, der an den Hauptplatz stößt, nahe Uhrturm und Kaserne. Das Charakteristische an Skutari stnd der 609 Meter hohe Tn rabosch, der die Stadt und ihre Umgebung beherrscht, eine natürliche Festung mit in den Fels cingehauenen Schanzen, und der Bazar, der in viertelstündiger Entfernung am See liegt und c,ls weit über 1000 Buden und Hütten besteht. Hier, in diesem Gewirr„nd Geschwirr, entrollen stch fesselnde und volkstümliche Szenen voll echtesten orientalischen Gepräges; in den offenen Ständen sind zahllose Handwerker tätig Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag und Hunderte von Händlern bieten an, was eines Orientalen Herz erfreut. Ein merkwürdiges Völkergemisch drängt und schiebt sich hier durcheinander, sehnige Albanesen mit funkelnden Augen in den Raubvogelmicnen, hochgewachsene Montenegriner mit stolzem Gange, beturbante Türken, zerlumpte Zigeuner, Italiener und Griechen. Dalmatiner und Bosniaken, Gendarnren und Soldaten, die Kawaffen der Konsulate und vereinzelte Fremde. Wenn vom türkisblauen Himmel die Sonne goldig berniederstrahlt und die Schneealpen da drüben sich im lächelnden See widerspiegeln, dann söhnt dies Gemälde mit dem sonstigen Skutari aus! Hauswirtschaft- Wie soll man Tee bereiten? Die richtige Antwort auf diese Frage scheint jedermann zu wissen, und dennoch sind auf dem Erdenrund sehr verschiedene Methoden der Bereitung des„russischen" Tees im Schwang, als Zeichen, daß dieses„Problem" auf manche Weise gelöst werden kann. Wichtig für die richtige Ausnützung des Tees ist es, zu wiffen, daß sein Aroma von einem flüchtigen ätherischen Oel nnd seine an- regende Wirkung von dem mit dem Koffein völlig identischen Alkaloid Tein abhängt. Alle übrigen chemischen Substanzen im Teeblatt. wie die Gerbsäure, Gummi, Dextrin, munden dem europäischen Gaumen nicht.• Die richtige Teebereitung muß also anstreben, das aromatische Oel und Tein herauszulösen, die übrigen Stoffe zurückzubehalten. Da das ätherische Oe! flüchtig ist, ergibt eS sich von selbst, warum alter Tee„ausraucht", und warum Tee nur gut ver- schloffen, keineswegs aber in Papierpackung aufbewahrt werden soll. 60— 60 Proz. des Teins und der aromatischen Stoffe lassen sich nun in kochendem Wasser binnen einer Minute aus den Teeblättern lösen, während die Gerbsäure längere Zeit zur Lösung bedarf. Hieraus folgt, daß das russische Verfahren der Teebereitung. bei dem die Teeblätter mit ei» wenig siedendem Wasser übergössen werden, und von dieser konzentrierten Lösung dann je ein Löffel den mit heißem Waffer gefüllten Schalen zugeteilt wird(nach den neuen chemischen Analysen von Dr. A n d r i a k a) unzweckmäßig ist. Da- gegen erscheint eS ökonomisch, weil es einen dreimaligen Aufguß ermöglicht, bei dem freilich die Wiederholungen völlig der aromatischen Stoffe entbehren. Noch unpraktischer freilich ist die Methode, die Teeblätter mit dem Wasser kochen zu lassen, da hierbei zwar viel Tein. aber noch mehr Gerbsäure gelöst wird und die aromatischen Stoffe sich ver- flüchtigen. In England entfernt man die Gerbsäure, indem man in die Teeschale etwa ein erbsengroßes Stück reine Gelatine wirft. Diese bindet die Gerbsäure und das Getränk ist dann auffällig aromati- scher, bedarf freilich nach unserem Geschmack einer nochmaligen Filtrierung. Aus alledem ergibt sich, daß der Teekeimer sein Lieblingsgctränk so bereiten wird, daß er relativ viel Teeblättcr in das gekochte Wasser wirft und schon nach einer halben, spätestens nach zivci Minuten filtriert. Will er aber sparsam dannt umgehen, empfiehlt sich ihm die russische Art der Teebereitung. Erziehung und Unterricht. Schulgefahren. Tausende von Schulkindern sind durch die Einschulung zu Ostern dem ungehinderten Verkehr mit der?tatur entzogen und unterliegen allen Gefahren, welche ein regelmäßiger, andauernder Aufenthalt in geschlossenen Räumen mit schnell ver- brauchter Luft und meist ungenügender Lüftung, noch dazu unter Anspannung der geistigen Kräfte naturgemäß zur Folge haben muß. Hier heißt eS für die Eltern, doppelt acht geben, daß das Kind bei den ersten Anzeichen von schlechtem Befinden sofort in naturgemäße Behandlung genommen wird. In bedenklichen Fällen wird natürlich sofort der Arzt zu rufen sein. Leichtere Fälle von Fieber, Kopf- und Halsschmerzen wird oft schon eine einfache Heilanwen- dung beseitigen können. Ruhe in stischer Luft, Luttbad, ein schnelles Abreiben, ein Leibumschlag während der Nacht mit nach- folgender Abwaschung deS Körpers am nächsten Morgen. Schwinden dann die Symptome nicht sofort, dann ist um so sicherer auf eine ernstliche Erkrankung zu schließen. Bor allem auch heißt eS jetzt auf eine vernünftige Diät halten, die keine Eiiveißmast sein darf, die aber anregende und gesunderhaltende Nährsalze in reichlichem Maße zuführt. Zweifellos auch ist die Ansteckungsgefahr in der Schule eine größere als zu Hause. Hier heißt es darauf achten, daß das Kind in dieser Beziehung nichts„aus der Schule" mit nach Hause bringt. Oft wird da» Kind, damir es nur ja in der Sckule„nichts ver- säumt", noch in die Schule geschickt, wenn es bereits deutliche Anzeichen von Erkrankung äußert.„Wegen so einem bißchen werden wir dock das Kind nicht zu Hause behalten I" heißt eS oft in solchen Fällen. Hier sollte die Rücksicht auf die Gesundheit des KindeS stets den Schulrücksichten vorausgehe», auch auf die Gefahr hin, daß das Kind eine schlechte Zensur mit nach Hause bringt oder gar einmal nicht versetzt wird. Ein gesundes Kind holt das Versäumte bald nach. einem kranken nützt keine gute Zensur und keine Versetzung. Hier soll natürlich nicht etwa der Ueberängstlichkeit da? Wort geredet iverden. Am sichersten Iverden die Eltern immer sein, wenn das Kind durch naturgemäße Lebensweise lind Ernährung einen tvider- standsfähigen Körper erhalten hat. der alle Schädigungen aus eigener Kraft besiegt._____ Bor!vansBnchdruckerelu.BerlagSa!>staltPaulSli'.zerScEo.,BerlinStV.