Mnterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 68. Mittwoch, den 9. April. 1913 7] Die Bauern von Steig. Roman von Alfred Huggenberger. „Weißt Du was, ich helfe Dir fogar die drei Klafter Holz im Bachtobel an die Straße hinauftragen, innfonstl Letztes Jahr hast Du mir zwanzig Aepfel geben müssen I" Ich war nun wieder ziemlich beherzt. Die große Hoffnung, daß alles noch gut vorbeigehen werde, hatte in meinem Herzen Wurzel gefaßt. Hans ivar ja im Grunde gar nicht fo ein böser, er ließ mit sich reden. Allerdings wollte er nun unter allen Umständen wissen, wozu ich den Malkasten hatte brauchen wollen. Daran war nichts zu ändern. „Wirst Du aber dann nichts ausplaudern, wenn ich Dir's sage?" fragte ich nach einigem unniitzen Hin- und Herreden. „Was ausplaudern?" „Eben wegen dem vorhin. Und auch wegen meiner Zeichnung." „Gar nichts, gewiß nicht! Was ich einmal verspreche..." „Gut, also!" Ich nahm eine selbstbewußtere Haltung an. „Ich male den Spruch an Margrittcns— am.Steinernen Platz." Hans sah mich groß an. „Ja, kannst Du auch Buchslaben malen?" „Hü, das wollen wir hoffen! Das ist gar nicht so fchtuer!" Ich wäre ordentlich ins Prahlen gekommen, aber Hans ließ .mich nicht lange reden. „Wenn Du Buchstaben malen kannst, dann will ich auch welche von Dir haben. Ich leihe Dir die Schachtel für eine ganze Woche, wenn Du mir zivei einzige Buchstaben malst." „Und sagst also keinem Menschen etwa?, auch dem Lehrer nicht?"- „Ganz gewiß nicht, keinem Menschen!" „Sag: Beim Eid?" „Beim Eid!" Nun war der Handel abgeschlossen. Hans überreichte mir die Farbenfchachtel, welch? ich mit Genugtuung am gleichen Plätzchen verwahrte, das sie schon einmal vorübergehend eingenommen hatte. „Bis wann willst Du die Buchstaben gemalt haben?" fragte ich dann mit einer gewissen Wichtigkeir. „Bis am Sonntag," entschied.Hans nach einigem Bc- stimm„Es muß ein M und ein S sein, die sind ja nicht besonders schwer zu machen. Aber gelt, recht hübsch! Auch einige Blümchen darum, wenn Du kannst." „Mürmhen-- warum nicht." Ich dachte setzt gar nickt an das, was ich sagte. Keinen Augenblick war ich darüber im Zweifel, wer mit M. S. gemeint lvar. „Was heißt das eigentlich,„M. S."?" fragte ich zögernd. „Du mußl mir ja nur die Buchstaben malen." Wir standen nun unter der offenen Haustüre. Die Dämmerung war eingetreten, ein kalter Ostwind blies über die gefrorenen Straßen..Hans schüttelte sich und wollte hineingchen. Aber ich gab ihn noch nicht frei. „M. S."— heißt das etwa--" ich konnte den Namen Margritte Stamm nicht aussprechen.„Heißt das etwa Mi na Stärker?" Hans wurde unwillig. „Wenn Du mir die Buchstaben nicht malen willst, kannst Du's einfach sagen. Das ist mir ganz gleichgültig." „Ei, Du weißt doch, daß das abgemacht ist!" Ich empfand bitter, daß Hans nun Gewalt über mich hatte.„Also am Sonntagabend kannst Du die Buchstaben bei mir holen: und weim sie Dir nicht gefallen, mach' ich Dir sogar zioei andere." Aber ehe ich ausgeredet, hatte sich Hans mit einem fläch- tigen„Schlofwohl" hineingemacht. Frierend schlich ich nach Hause. Die Malschacktel freute mich nicht. Wem loollte Hans Kinfpcrger seine Buchstaben ichenken? Darüber �war ich nickt im Zweifel. Denn Mina Stärker, die in der Schule neben Margritte saß und die allein außer ihr mit M. S. gemeint sein konnte, war nicht angc- sehen, schon weil sie in der Bnrdi daheim war. Um die kümmerte steh Hans Kim Perger kaum. Ich kannte damals das Wort Eifersucht noch nicht. Aber der Gedanke, daß es Hans gelingen könnte, sich in Margrittens Gunst zu setzen, nagte wie ein Wurm an meinem Herzen. Es mußte etwas geschehen. Ich sann und grübelte und stand mehrmals still, trotz der Kälte. Ja, ich mußte mit Margritte reden. Ganz ernst und dringend. Ich mußte ihr sagen, daß ich unbedingt mehr werden wolle als alle Knaben im Dorfe. Und daß sie keinen andern gern haben dürfe, denn ich wolle das auch mit ihr so halten. Ja!— dann konnte Hans mit seinen Buchstaben koimuen? Als ich in unserer Stube noch kein Licht sah ging ich. ohne recht zu wissen, was ich wollte, an des Schneiders Häuschen vorüber und geradewegs nach dem Steinernen Platz. Ganz keck betrat ich die blanken Steinfließen vor dem Hause, die dem stolzen Hofe den Namen gegeben. Da blieb ich plötzlich wie gebannt stehen. Was wollte ich denn hier? Ich wurde mir meiner ganzen Armut bewußt. Das dunkle Haus mit den geschlossenen Läden kam mir vor wie eine Burg, davor eiserne Männer Wache halten. Ich drückte mich seitwärts an den hohen Brunnenstock und überlegte. Da öffnete sich die schwere, eichene Haustür. Ein Mäd- eben trippelte vorsichtig über die glatten Treppensteine herab und ganz nahe an mir vorbei. Es war Margritte. Ick hätte ihr Kleid mit der Hand erfassen können. Aber ich stand geduckt in meinem Versteck und wagte kaum zu atmen. Margritte stieß einigemal mit dem Fuß an die ver- schlosseue Stalltür und rief mit heller Stimme zum Nacht- essen. Daun huschte sie wieder an mir vorüber und ins Haus hinein. Ich machte mir bittere Vorwürfe darüber, daß ich die herrliche Gelegenheit so blöde verscherzt. Aber was hätte ick denn sagen sollen? Ich Hütt? Margritte höch- stens erschreckt. Langsamer als ich hergekommen war, machte ich mich heimzu. Im Lichtschein einer Lampe, der aus irgend einem Fenster auf die Straße fiel, blieb ich stehen, zog meine Farbenschachtel heraus und öffnete sorgfältig das Schiebbrett- ckeu. Wie erstaunte ick, als die Schachtel nur fünf arm- selige Farbenrestchen enthielt! Ein schönes Not war. nicht einmal dabei. Sollte ich nicht gleich hinlaufen und die Schachtel auf Kinspergers Treppe legen? Nein, das half nichts, die Buchstaben mußte ich Hans nun doch malen. Da kam mir plötzlich ein Gedanke: wenn ick ihm mit dem Angebinde bei Margritten zuvorkäme!... Es war ja sticht redlich, es war Hinterlist dabei. Aber— wenn Hans dock nicht selber malen konnte, was brauchte er dem Mädchen Buchstaben zu schenken? Und hätte ich nickrt ganz gut von mir aus auf den Einfall kommen können?... Ter Schneider Enz war heut bei besonders guter Laune, und da Frau Nike nicht gleich in der Stube war. gab es kein einziges Scheltwort wegen meines langen Ausbleibens. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte:„So. Bub, morgen geh ich nach Trüb hinab und in die Stadt. Weil Du in der letzten Zeit so tüchtig im Holzsclwpf geschafft bast, bring ich Dir einen Kram mit heim: eine Malschachtel mußt Du haben, wui!" Eine Stunde früher, und diese Botschaft hätte mein Herz mit Glückseligkeit erfüllt. Jetzt ärgerte sie mich beinahe. „Nun, was studierst Du? Warum springst Du nicht auf den Tisch vor Freude?" � Ich merkte, daß seine Stimmung schon umzuschlagen drohte und versicherte schnell, daß er mir mit gar nichts auf der Welt so viel Vergnügen machen könne, tvie mit einer Malschachtel.„Ich meinte bfoß." fügte ich erklärend bei und log und wünschte zugleich,„ich meinte bloß— die rechten sind halt teuer..." „Einfalt," lachte Enz vergnügt, wenn ich im Kopf habe, etwas zu kaufen, so kaufe ich es. Ich habe heut dem Ge- inciudrat Steiner einen Rock umändern müssen, den ihm der Herrenschneider in Trük verschustert hat. das ist mehr wert, als einhundert Malkato. Wui! Uid wegep Deiner Hab' ich auch mit dem Steuer geredet. Es ist zwar ein Hartgefrorener, weiß schon. Wer wird Verstand suchen bei so einem dickköpfigen Bmiern, der dazu noch im Geineindrat sitzt? Von Kunst erst recht kein Dunst! Aber als ich von d« Million sagte, die Tu den Steigern einmal werdest der- machen können, kroch er doch auf den Leim und meinte, man könne ja dann sehen, wenn Du wirklich so ein Wundertier seiest. Das ist wieder ein tüchtiger Schritt vorwärts, sag' ich Dir! Ich will die Kerle schon einseifen, daß ich ein Geld zu- wegbringe für Dich! Und morgen kriegst Du die Mal- schachtet. Wui!" So nahm der böse Tag noch ein ganz leidliches Ende. Da ich an das Versprechen des Schneiders Enz nicht im geringsten glaubte, behalf ich mir für die Fertigstellung meines Spruches mit Hansens leidlich passenden Farbenrestchen und machte mich hierauf ohne weiteres an das neue Kunstwerk. Aus einem gut erhaltenen Zeichnungsblatt schnitt ich ein passen- des Stiick von der Größe eines Vuchzcichens aus, das ich dann mit der Schere fein auszackte. Alles gelang mir vortrefflich, es kam ein rechtes Fieber über mich. Und doch konnte ich mich nicht von Herzen freuen, als nun die Buchstaben M. und S. sauber bemalt und verschnörkelt auf dem Buchzeichen prangten. Zwar redete ich mir fortwährend ein, ich sei ganz im Recht. Aber am Ende zwang ich mich immer wieder zu dem löblichen Beschluß, die Buchstaben wie recht und billig an Hans Kinsperger abzugeben. Er hatte halt doch den Ge- danken ersonnen. Und was half alles, wenn er zornig wurde und die Geschichte von der Malschachtel an den Tag brachte? Nun— ich hatte ja noch Zeit zum Ueberlegen.— Wenn halt die Buchstaben nur nicht gar so hübsch geraten wären!... In dieser Nacht hatte ich einen schweren Traum. Die Kinspergerin stand neben meinem Bett, sie trug die gelbe Malschachtel in der Hand und legte sie mir mit einem bösen Blick auf die Bettdecke hin. Die Schachtel wurde schwerer und schwerer und drohte mich zuletzt zu erdrücke», bis ich, in Äugst- schweiß gebadet, erwachte. tLortlepung folgt.) fliegen. Von Hermann Hesse. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Male aust der Frank- furtcr Jla einige Eindecker ihre schwachen Flugversuche machen sah, war mein sehnsüchtiger Gedanke:„Sobald das ein bißchen besser geht, mußt Du mitfliegen!" Und als ich zwei Jahre später zum ersten Male in die Lüfte hinaufkam, in einem Zeppclinschen Luft- schiff, da genoß ich wohl den wunderbaren Taumel der Höhe und die überraschend herrliche Aussicht und den neuen Aspekt der Land- schuft, aber mein Flugverlangcn war nur stärker erregt, und seit- her war es mein heimlicher Wunsch, nun bald einmal zu fliegen. Aber ich wohnte auf dem Lande und kam immer nur im Winter in große Städte, meine Freunde lachten mich aus und erklärten diese ganze Fliegerei für einen halsbrcchenden, selbstmörderischen Sport, mit dem sich höchstens ehemalige Rennfahrer und entgleiste Turfexistenzcn abgäben, und waren der Meinung, ein einiger- n'aßen höherstehender Mensch, welcher Pflichten habe und gar Familienvater sei, dürfe sich unter keinen Umständen„der bloßen Sensation wegen" so einem Satansmöbel anvertrauen. Diese Reden konnten mein Verlangen nach Fliegcglück nicht kleiner machen, obwohl ich nicht widersprach. Ich las vom Simplon- flug, las die Berichte von Pau und Paris und Dübendorf und den italienischen Aviatikern, und verheimlichte meiner Frau die wöchent- lich in der Zeitung mitgeteilten Abstürze von Fliegern. Und hundertmal besann ich mich und phantasierte, wie es nun wohl eigentlich so einein Fliegenden zumute sein müsse. Die meisten waren ja abgebrühte Sportratten oder technische Spekulante», für die gab es nur Windverhältnisse, Pferdekräfte, Umdrehungszahlen und Flugpreise. Aber viele davon waren doch gewiß wirkliche Abenteurer, solche mit denen ein Dichter sich ohne weiteres eins fühlen oder doch verbrüdern konnte, es war in ihnen etwas von der großen Sehnsucht, dw unsereinen zum Wandern und Reisen verlockt und einem das Stillsitzen so sauer macht, und die durch nichts zu stillen ist und durch jede Erfüllung nur tiefer und hung- rigcr wird. Ohne Zweifel war diese Sehnsucht, wen» auch in ihren rohcstcn Formen, bei vielen dieser Flieger der heimliche Antrieb und Verführer, und die, welche hundert Meter hoch herunterfielen oder über Land geschleift wurden, die in der Luft verbrannten oder im Wasser umkamen, waren nicht Arbeitern gleichzustellen, die in ihrem armen, tapfern Kampf um den täglichen Groschen weggerafft wurden, sondern sie gehörten doch wohl zu der kleinern Schar derer, die als Sklaven jener geheimnisvolle» großen Sehnsucht ihr Ende fanden, deren Knochen in Gletscherlöchcrn liegen oder die in den Wäldern von Afrika, a»t Südpol oder auf entlegenen Meeren um- kommen. Darin bestärkte mich noch die Nachricht vom Tode Lathams, den ich in Frankfurt hatte fliegen sehen, der in den Kanal gefallen war und der schließlich sein Ende als Jäger in den Tropen fand. Um nun zur Sache zu kommen: ich bin geflogen. Es kamen Flieger nach Bern, eines Morgens hörte ich über meinem Dache einen Apparat schnurren und sah einen schönen Eindecker so stolz und kühl und nobel über mich wegfahren, daß es mir das Herz umdrehen wollte. Am nächsten Tage bin ich mitgeflogen. Und nun will ich versuchen, einige meiner Eindrücke bei diesem ersten Flug meines Lebens mitzuteilen, soweit das möglich ist, und da die Geschichte vom„erfüllten uralten Menschheitstraume", vom „Sieg der Intelligenz über die Materie" und alles das schon jeder- mann bekannt ist, will ich den undankbaren und schwierigen Ver- such machen, die Kultur und die Technik und alles das wegzulassen und lediglich das zu notieren, was ich erlebt habe. Ich finde mich bei diesem Vorhaben durch eine tiefe Unwissenheit gestützt: ich weiß weder den Namen der Firma, die den Motor gebaut hat, noch die Zahl seiner Pferdekräfte, noch das Gewicht, noch das Gewicht der Belastung. Ich weiß gar nichts, als daß ich yun endlich, endlich geflogen bin, und daß es mir gar nicht selbstverständlich und all- gemein kulturell erschienen ist, sondern höchst abcn'euerlich. Ich bin ratsächlich„der bloßen Sensation wegen" geflogen, und die Sensation hat mir eine unbändige Freude gemacht. Degen 3 Uhr an einem warmen, hell sonnigen Frühlingstag erschien ich auf dem Flugfclde, wo sich ein paar schwarze Menschen- kuäuel drängten und umeinander drehten. Mitten in einem dieser Knäuel sah ich den Apparat ragen, mit dem ich fliegen sollte und der mich erwartete.„Wenn es mir nur nicht übel wird!", dachte ich, denn ich kann Menschenmengen schlecht vertragen. Ich drängte mich vor, eine grüne Brille auf der Nase und eine gelbe Reisetasche in der Hand. Ich legte den Leuten die Hand auf die Schulter, schob sie leise beiseite, machte ein sachliches Gesicht und wurde durchgelassen, es ging über Erwarten gut. Das Schlimmste vom Fliegen war nun überstanden. Ich stand beim Apparat, begrüßte den Flieger und zündete eine Zigarre an. Ein französischer Monteur suchte mich über den Motor zu belehren, ich nickte dankend und kam erst jetzt auf den Gedanken, die Maschine näher anzusehen. Am Kopf des Vogelleibes saß die hölzerne Schraube, dahinter der Motor und Bcnzinvorrat, dann der Platz die Fliegers, dann mein Passagiersitz, hinter dem das leichte höl- zerne Bauwerk sich rasch verjüngte und dem hübschen Schwanzsteucr zustrebte. Als Spielzeug sah das Ganze entzückend aus, daß es aber zwei Menschen durch die Lust tragen sollte, schien wunderlich, so leicht und liebenswürdig japanisch sahen die Stänglein und Drähtchen aus, und auch die Flügel waren so spielerisch und dünn und luftig gebaut, daß man sie nicht anzufassen wagte.' „Nun" dachte ich,„die Hauptsache ist ja der Motor, und den kann ich zum Glück nicht taxieren. Es wäre gut, wenn wir bald fahren würden." Da winkte mir der Flieger, ich möchte mich nun fertig machen. Schnell machte ich meine gelbe Handtasche auf und nahm meine Sachen heraus, eine Schi-Mütze, ein Paar Handschuhe, ein wollenes Halstuch. Als ich die Mütze glücklich auf und unter dem Kinn zusammengeknöpft hatte, lächelte der französische Monteur mich freundlich an und sagte, so gehe das nicht, ich müsse die Mütze um- gekehrt aufsetzen, mit dem Schirm nach hinten, sonst werde mir das Zeug alsbald vom Kopf gerissen werden. Die Volksmenge lachte und sah mit Interesse zu, wie ich meine Kleidung vollends in Ordnung brachte. Schließlich gab mir der Avialikcr noch einen Mantel und eine Automobilbrille, ich schwitzte in der wollenen Haube und sah so bestrickend aus, daß die Menge wieder aufs munterste lachte. Photographcnapparatc wurden auf uns gerichtet, und jemand rief mir zu, ich müsse jetzt noch die Nase zubinden, dann könne mir gewiß nichts mehr passieren. Jetzt stieg der Flieger ein. Es war ernst mit dem Spielzeug, und als der schwere Mann mit seinem braunen Stiefel derb auf das singerdünne Holzstänglein trat, brach es nicht zusammen, son- der» hielt, und es trug auch mich, und nun saßen wir in unseren Sitzen, im leinwandbekleideten Stangengerüste auf bequemen Sesseln, die Menschenmenge wich ein wenig zurück, die Luft wurde besser. Herrgott, ich hatte meine Handschuhe liegen lassen. Aber nun mochte ich nimmer stören. In diesem Augenblick begann der Motor zu surren, vor un- scrcn Augen sauste die Flügelschraubc ihren glänzenden Kreis, hinter uns spie der große Vogel Rauch und Gestank aus, schreiend floh zu beiden Seiten das Volk hinweg. Wir fuhren elastisch auf unseren beiden Rädchen über den Rasen, merkwürdig lind und wohlig, und plötzlich wurde mir in meiner Wollenhaube wieder Ivohl und wild gespannt. Wir fliegen, schrie mein Herz, jetzt gleich fliegen wir. Da war der Rasen weg und wir stiegen schräg in die Höhe, und das war äußerst wohlig und beruhigend. Wir fliegen! Ja, es ist merkwürdig, aber ich hatte es mir aufregender gedacht. Nein, ich nehme alles zurück. Es>var aufregend genug. Als ich inich eben besann, ob jetzt wohl zehn Sekunden oder eine Stunde seit der Abfahrt vergangen seien, duckte sich der Herr Flieger, ich wurde in die Sitzlchne gedrückt und der Apparat machte einen Sprung in die Höhe. Da blieb er eine Weile, während der Luft- ström donnernd an meinen Ohren vorübcrsaustc, und machte nun wieder einen Sprung, einen verfluchten, unerwarteten Sprung. Ich tat einen Blick auf die kreisende Schraube. Wenn das Luder Launen hat, gehen wir kaput, dachte ich einen Augenblick, aber mdjt nur reproduktiv, ich plaubte nur halb daran, und ver- gah es sogleich Völlig, denn zufällig fiel mein Blick seitwärts auf die Erde und da sah ich erst, daß wir schon hoch, hoch waren. Der Motor sauste, der Wind schrie, meine Hände froren und meine Nase wurde kalt, und da neben mir, an der dünnen Holzlatte vorbei, sah ich die Stadt Bern und die krumme Aare und Fabriken und Kasernen und Reitplätze und Alleen liegen, drollig klein und schief und hingestreut, und es fiel mir ein, wie dieser Anblick des kleinen Getriebes und des zum Spielzeug gewordenen Menschen- Wesens mir einst vom Zcppelinschiff aus Späh gemacht hatte. Aber das war etwas anderes! Dort war es ein behagliches Zuschauen wie aus einer Loge gewesen. Hier waren die Blicke auf Stadt und Felder, die ganze verkürzte und flächenhaft gewordene Welt durchaus nur zufällige- Beigaben. Die Hauptsache war: Wir flogen. Und wie wir flogen! Wir stiegen in Wellenlinien hinan, immer höher, und je und je taten wir plötzlich, wie in einer Atem- pause, einen kurzen lautlosen Fall, der Sitz schwand unter mir weg, mein Magen höhlte sich weit. Daun gleich wieder Trieb, An- stieg, Kraftgcfühl. Dann wieder der kleine unberechenbare Fall, Atempause, horchendes Schweigen im Magen. Die Landschaft ist mir noch immer nicht klar geworden; ich sitze wie ein Knabe, vom Erleben hingenommen, und habe den Ver- stand daheim gelassen. Ich werfe, von Schauern seliger Bangigkeit unterbrochen, meine Blicke und Atemzüge wie Lieder und Seufzer in die Welt, ich schwebe atemlos mitgerissen in einer Ungeheuern Musik durch die Räume, ich bin ganz Kind, ganz Knabe, ganz Aben- teurer, ich trinke den berauschenden Wein des Losgerissenseins, der Gleichgültigkeit und Verachtung gegen alles Gestrige, der ani- malische» Erregung in tiefen Zügen, ich bin Drache und Wolke, Prometheus und Ikarus... O Gott, was ist das? Was steht dort so gross, so wirklich und edel mitten in dieser lausigen Welt, die ich so tief verachte, die so schäbig und winzig und kleinlich eingeteilt zu meinen Füssen liegt? Am Rande der Welt, hinter all dem Gewimmel nichtiger Formen und irdischen Getändels, stehen wunderbar und gross die Berge. Ich sehe den riesigen Eigcr streng und dunkel, das hohe Schreckhorn einsam und vornehm an seinem Orte stehen, und ich ahne beim Anblick des ungeheuer erweiterten Horizontes so etwas wie einen raschen Flug über die Erde hinweg: wie da die grossen Gebirge, Wüsten, Meere einzig übrig bleiben, alles andere versinkt und sich als verwesende Moräne kundgibt. Wir fallen tief, mein Magen hat sich daran gewöhnt, schon nach Minuten hat er sich angepaht und lässt das Kitzeln bleiben. Die Berge sind weg, wir hängen schräg nach links über, gegen einen seindlichen Wind, über die Flügel weg sieht man Jurazüge, senkrecht unter uns die Aare, gepflegten Wald, Höfe— am Ende der Kurve unvermutet ein Blick über die ganze Stadt, vom Bärengrabcn an aufwärts, wie sie auf ihrem Felsen im Bogen der Aare liegt. Wann werde ich über die Alpen fliegen, über das Meer? Ich muss das einmal bis zur Sättigung auskosten! Ich sehe ja nichts, ich ahne und fühle bloss, ich taumle entzückt und beängstigt durch eine andere, jäh vor mir aufgerissene Welt, nur laugsam lerne ich wieder denke». Die Welt ist Erhabenheit, erhaben ist Gebirge, Wüste, Meer. Der Mensch bringt den Humor hinein. Ich beginne sie wieder zu lieben, die Menschen, die da drunten so kleinlich und sonderbar wirtschaften, die den Wald frisiert und die Hälfte der Welt in kleine, unizäunte Landfetzchcn zerrissen haben. Ich will nicht schwebende Wolke, treibende Schneeflocke, ziehender Vogel sein, ich will nicht die Berge lieben und die Menschen schmähen, deren schwächster ich bin— ich will mit aller Liebe, deren ich fähig bin, mich zu ihren Schwächen und zu ihrem Stolze bekennen. Das sind nicht die Pferdekräfte und nicht die genauen Rechnungen der technischen Wissenschaft, die mich und den Flieger und Bleriot und Latham in die Höhe gerissen haben. Das ist die alte große Sehn- sucht, das ist der aus Schwäche geborene Trotz, das ist Titanenerbe. Das hat uns fliegen gelehrt. Aber mit dem Fliegen ist keine Sehn- sucht erfüllt, der Bogen ist nur stärker und wilder gespannt, die Kreise des Wunsches sind lveiter gezogen, das Herz brennt trotziger. Träume, Bruchstücke von Gedanken, Bruchstücke von grosser Musik umgeben mich. Da weckt mich ein unsäglich bangfrohcs, gc- spanntes, überraschtes, mißtrauisches Gefühl, das durch alle Nerven geht. Der Motor schweigt. Wir hängen in der Höhe, wir neigen nns, und nun kommt das Wunderbarste, wir gleiten auf der elasti- scheu Luft, die uns zuweilen mit leiser Schwellung prellt, wir fahren wachsam und flink hinunter wie ein Automobil mit nbge- jtclltcin Motor einen Berg hinab und wie ein Schiläufer seine Halde hinunter gleitet. Dächer, Alleen, Schornsteine springen uns entgegen, grösser und grösser wird der kleine Rasenplatz, auf den wir zielen, und nun sehe ich, er ist das Flugfeld, und die paar trüben Trauben und Haufen schwärzlichen Gewimmels darauf sind die Menschenmenge. Herrgott, wir fahren mitten in sie hinein? Wir stürzen vorwärts wie rasend, inimcr dcni schwarzen Haufen entgegen, ich sehe einzelne Gruppen und Figuren schon deutlich, sie sind schon dicht unter uns, Weiber schreien auf, Kindermägde rennen entsetzt und verzweifelt mit ihren Babywagen davon, Knaben laufen Galopp, fallen, geben es auf. Wir aber nehmen, es ge- schieht ohne mein Wissen und fährt mir nochmals, zum letzten Male, wunderlich kitzelnd durch den Magen, wir nehmen einen kleinen Anlauf, machen einen Sprung und sind wieder in der Luft. Wir haben nur den Platz für die Landung gesucht und um- fliegen das grosse Feld noch einmal im Kreise, niedriger und nie- drigcr streichend. Längst ist der grosse Horizont versunken,?ie Erde wallt zu uns herauf, die Menschenhausen atmen uns entgeh cn. Nochmals fliehen sie vor unserer Maschine davon, eine Gasse ust- steht, wir gleiten nieder. „Noch nichli£j noch nichK" will ich flehend rufen. Die kleinen Räder sind schon aufgeprallt, ein Ruck im Sitz, die Erde ist unter uns und nimmt uns auf, und da halten wir schon, tausend Menschen brüllen und stürzen sich auf den Apparat. Mit einem sonderbaren Gefühl von Kleinheit und Scham steige ich aus, klettere auf die Erde hinab, entkleide mich der Brille, der Mütze, des Man- tcls, gebe dem Flieger die Hand und gehe hinweg, durch das dichte Volk hindurch, keines Gefühl"mH Gedankens sicher, aber in allem, was ich an Sehnsucht und Abenreuerbedürfnis und unbezwinglich triebhaftem Fernweh in mir habe, neu erregt und gestärkt und vertieft Die friiKlingstoUette des ZimmcraquanumQ, Der herbstliwe Niedergang in der freien Natur findet seinen Weg auch in das Ziinmeraquarium. Das lebhafte Wachstum der Tier- und Pflanzenwelt hört auf, und während die Tage sich kürzen, häufen sich im Aquarium die Äbfallstoffe. Mit dem sich verschlech- lernden Aussehen mindert sich fast regelmässig das Interesse des Aqnariumbalters, und wenn es im Frühling mit verstärkter Kraft erwacht, hat er meist ein trübes, verfallenes Wasserbecken vor sich. Da heisst es ganze Arbeit machen oder wenigstens gut auffrischen. Was an lebendem Gelier vorhanden ist, wird mit dem Käscher in eine grosse Waschschüssel oder m Eimer hinübergeangelt, wobei man darauf achten muss, dass das neue Wasser nicht oder unbedeuteiid täller oder wärmer ist als das alte. Dieses wird dann abgegossen, nachdem eS vorher etwas aufgerührt wurde, io dass die obere Schickt des Bodenbelags auf- geirnrbelt und beim Ausgicsscn ntit fortgeschwemmt wird. Mit Hilfe eines steifen jiartenblalteS hebt man dann noch einige Milli- meler des sandigen Grundes ab, bis man ivieder auf reinen Boden slösst, den man dann mit ausgewaschenem Fluss'cmd Ivieder auf die alte Höhe au'schlliter. Etwaige durch Algenüverzüge„blind" ge- wordene Stellen der Glasscheiben muss man aber schon vorher mit einer steifvn Bürste oder einem hölzernen Schaber aufhellen und ab- ipülen. Schlecht entwickelte Pflanzen werden enlieriil, neue werden enigepflonzt, wozu keine besondere Anleitung gehört. Wer mit der beniialtichen Pflanzenwelt schall Bescheid weiss, pflegt sich seinen Bedarf aus den Seen nnd Gräben der Umgebung zu holen. Der Anfänger geht am befle» zum nächsten Aquariumhändler, wobei er beachte, dass in einem lleiiien Behälter auch nur kleine Pflanzen gehören. Mit der nordanierikaiiiichen Elodea. densa wird er aber in jedem Falle zufrieden sein. Beim Einfüllen des Wassers legt man zuvor ein Stück festes Papier aus den Sandboden und gießt das Wasser im dünnen Strahle langsam darauf; dadurch wird verhütet, dass Saud lind Erde bei der Eiiisüllulig aufgerührt werden. Ob mau mit Regen- oder Leitungswasser füllt, ist gleich- gültig; aber erst wenn es Zimmertemperatur erlangt hat, darf man die Tiere wieder ni ihr altes Heim setzen, und ivenn man neue Pflanzen eingesetzt bat, soll man mit dem Einsetzen lieber noch einige Tage warten, bis die»euen Pflanzen sich angewurzelt haben. Man stellt das Gcfäss. wenn man etwa umgezogen ist, in die Nähe eines Fenslers, aber nicht in den direkten Bereich der mittäglichen Sonnenstrahlung. Die hohen Mieten in den Grossstädten bringen es ganz von selbst mit sich, dass die Aquarien eher zu klein als zu gross gewählt werden. Man muss sich nun bülen, ein lleines Aquarium mit vielen Fischen vollzustopfen. Einige Arten gibt es allerdings, die so an- spruchSlos und dabei so organisiert sind, dass man nicht ängstlich zu sein braucht. Hierher gehören in erster Linie die Makropoden, die jedermann bekannt sind. Sonst ober muss man in der Regel auch im gut bepflanzten Aquarium mindestens 3—4 Liter Wasser auf jeden höchstens fingerlangen Fisch rechnen. Ist die„Bevölkerungs- dichtigkeit" zu gross geworden, so halten sich die Tiere dicht iimcr dem Wasserspiegel auf. Sobald dieses Zeichen des Sauer» stoffmangels sich einstellt, muh man durch Anbringung eines Durch» lüiliingsapparatcs oder Verminderung der Fischzahl sofort Abhilf» schaffen. Unter anderen braucht unser heimischer S t i ch l i n g, einer der lebhafteste» und aniüiantesten Fische, der im Frühjahr leicht zur Brutpflege im selbstgcbautcn Nest schreitet, viel Wasser. Hat man daher wenig Raum, so begnügt man sich am besten mit den„Zaunkönigen" unter den Fischen, die man bei jedem Aquarium« Händler unter dem Namen, G i r a r d i» u s" bekommt. Als diese Tierchen vor erst anderthalb Jahrzehnten aus Südamerika eingeführt wurden, wurden lbO M. für das Paar bezahlt, während diese Liliputaner jetzt sehr billig sind. Oft erhält man si« umsonst, weil sie— lebeudiggebärciid, wie sie ausserdem noch sind— sich sogar in der Gefangcnschast so leicht vermehren. dass man bald genötigt ist, gute Freunde mit dem Nachwuchs zu beschenken. Wem daS Leben der Fische nicht abwechselungsreich genug ist— ein Fall, der sich besonders bei kleinen Aquarien einzustellen pflegt—- verzichtet besser darauf, indem er die heimische Kleinticrwelt unser« Gewässer beobachtet und zu diesem Zwecke' ab und zu Ausflüge mit den, Käscher und einem Glasgefäß»internimmt. Das Kleinzeug in unseren Gräben, Teichen und Seen ist fast überwältigend zahlreich und niemals fehlt es an interessanten Objekten. Die EntWickelung des Froschlaiches, der nun bald übniA in den Gewässern auftreten wird, zum jungen Frosch, und die der Mückenlarven zur fertigen Mücke, diese leicht zu beobachtenden Dinge sollten überhaupt von keinem Naturfreunde versäumt werden. Hinaus ins Freie und um- geschaut!_ L. Kleines feuilleton* Naturtvifsenschastliches. Die organische Produktion des Meeres bildete den Gegenstand eines kürzlich in Kristiania gehaltenen Vortrages von H. H. Grau. Während wir in bezug auf die Möglichkeiten der Produktion auf dem Erdboden ziemlich gut unterrichtet sind, d. h. jedesmal berechnen können, wieviel Pflanzenmasse man auf einer bestimmten Fläche erhalten kann und in wieviel Tiersubstanz sie sich umsetzen läßt, fehlt uns für die Bestimmung der organischen Pro- duktivität des MeereS noch zu sehr an nötigen Unterlagen. Anläß- lich seiner Teilnahme an den internationalen Meeresuntersuchungen hat Grau es versucht, diese Lücke durch Bestimmung der Menge der kleinen, hauptsächlich pflanzlichen Meercsbewohner einigermaßen aus- zufüllen. Durch Zentrifugieren von Meerwasser hat er gefunden, daß diese Menge in verschiedenen Meeresschichten sehr ungleich verteilt ist, wobei der Höchstwert etwa 10 Meter unter der Meeresfläche ge- funden wird. Man hat z. B. folgende Verhältniszahlen: an der Oberfläche 83.800, bei 10 Meter 88.300, bei 23 Meter 36,000, bei B0 Meter 3070, bei 75 Meter 300, bei 100 Meter 20. Auch die örtliche Verteilung der organischen Masse unter den verschiedenen Meere-steilen ist keineswegs gleichmäßig. Während im Skagerak, wo das mit Flußwasser stark vermengte Ostseewasser sich in die Nordsee ergießt, ein deutliches Produktionszentrunr festgestellt werden konnte, ist der offene Ozean viel weniger reich an organischem Leben, Dies mag daran liegen, daß hier keine so große Zufuhr von gelösten Pflanzen- stoffen stattfindet. WaS die durch alle Versuche bestätigte allmähliche Abnahme des organischen Lebens mit zunehmender Tiefe betrifft, so ist deren Er- klärung einmal in der schwächeren Lichtwirkung und dann in dem größeren Salzgehalt der anderen Schichten zu sehen. An den Küstenstrecken, wo der Süßwasserzufluß groß ist. lvie z, B. im Skagerak und Katte- gat, besteht eine sehr scharfe Grenze zwischen der oberen salzarmen und der unteren salzreichen Schicht. Während in der Oberschicht pro Liter Wasser mehrere Hunderttausende von kleinen Lebewesen gesunden werden konnten, sank deren Anzahl schon in 30— 40 Meter Tiefe auf einige Hundert und in den unverdünnten unteren Schichten, die aus salzreichem Nordseewasscr bestehen, ließen sich nur wenige Individuen im Liter feststellen. Verkehrswesen. Das Jubiläum der Untergrundbahn. Tie„Welt der Technik" erinnert daran, daß in diesem Frühjahr 30 Jahre verflosten sind, seitdem in London die erste Untergrundbahn, die zugleich die erste der Welt war, eröffnet wurde. Der Bau der Bahn wurde eine Notwendigkeit durch die sich in London sehr früh vollziehende Citybildung, d. h. die Umwandlung der inneren Stadt in eine reine Gcschäftsstadt, infolge deren die Bevölkerung immer mehr in die Vororte hinausgedrängt wurde. Die vorhandenen Ver- -kehrsmittel erwiesen sich gegenüber dem mächtig anwachsenden Bedürfnis bald als unzureichend, und so legten im Jahre 1843 einige Ingenieure und einige Stadtväter dem Parlament ein Projekt für den Bau einer unterirdischen Bahn vor. Ein Schrei der Entrüstung war die Antwort und die Idee verschwand zunächst .auf ein Jahrzehnt. Dann aber zwang die Macht der Tatsachen zu ihrer Wiederaufnahme und endlich im Jahre 1839 konnte die Kon- zession erlangt werden. Aber auch jetzt noch fürchteten ängstliche Gemüter alle mög- lichcn Unglücksfälle: man war überzeugt, daß die über oder neben der Bahn gelegenen Häuser infolge der dauernden Erschütterungen einstürzen würden; auch glaubte man nicht, daß die Tunnels selbst den Erschütterungen der Bahn und des auf ihnen lastenden Straßenverkehrs Widerstand würden bieten können. Einige bei dem Bau der nur 14 englische Meilen langen ersten Untergrund- bahn sich auch tatsächlich ereignende Häusereinstürze und eine Ueberschwemmung des Tunnels durch den Flutkanal schienen zu- nächst den Kleingläubigen Recht geben zu wollen. Aber alle Schwierigkeiten wurden zum Schluß doch glücklich überwunden und im März 1863 konnte die erste Probefahrt mit einem geladenen Publikum stattfinden die glänzend verlief. Am ersten Tage, an dem die Bahn dem allgemeinen Publikum übergeben wurde, wurde sie bereits von 30 000 Menschen benutzt. Somit war da» Eis gebrochen und noch im gleichen Jahre wurden dem Pari cment mehrere neue Untcrgrundbahnprojekte vorgelegt, zu derer Prüfung eine eigene Kommission eingesetzt wurde. Die ersten Londoner Untergrundbahnen waren noch Dampf- bahnen; erst vor zehn Jahren wurde die Elektrisierung des Be- '«cranlw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: triebe? durchgeführt, während jüngere Bahnen, wie z. B. die Ber- liner, von vornherein für elektrischen Betrieb eingerichtet wurden. Aus der Vorzeit. Altertumsfunde von höchstem Jntereffe sind in diesen Tagen bei Sonnewalde im Greife Luckau zutage getreten und durch.wirksame Zusammenarbeit des Märkischen Museums mit den Lokal- und Kreisbehörden vor Zerstörung geschützt worden. Beim Ausheben von Baumlöchern stieß man auf dem neuen Friedhof bei Sonnewalde auf einige vorgeschichtliche Gefäße. Der Landrat des Heises untersagte ganz im Sinne des dem Landtage vorgelegten Ausgrabungsgesetzes die Weiterarbeit, und durch Vermittelung der Provinzialkommission für Naturdenkmalpflege wurde das Märkische Museum gebeten, die Fundstelle durch einen Sachverständigen unter- suchen zu lassen. Der PräHistoriker des Museums, Dr. Kiekebusch, konnte eine ganze Reihe von Gräbern aufdecken lassen, in denen neben den Urnen zahlreiche Beigefäße verschiedenster Form und Größe beigesetzt waren. In einem Grabe befanden sich 11, in einem anderen 17 Gefäße; fast alle waren gut erhalten. Das ganze Gräberfeld gehört der sogenannten Lau sitz er Kultur an und war tvährend der ersten Hälfte des letzten vorchristlichen Jahrtausends in Benutzung. Da das vor 2300—3000 Jahren als Friedhof verwendete Gelände seiner einstigen Bestimmung wieder zurückgegeben wird, so ist eine systematische Untersuchung gesichert, Durch Umfrage bei den Ackerbürgern konnte weiter festgestellt werden, wo sich Spuren vorgeschichtlicher Wohnstätten gezeigt hatten, und es gelang im Laufe weniger Tage auch Herdstellen prähistori- scher Häuser aufzudecken. Die Wohnstätten gehören verschiedenen Perioden der Vorzeit an, von der älteren Eisenzeit bis ins frühe Mittelalter hinein. Da bei Sonnewalde auch schon Gräber der römischen Kaiserzeit beobachtet worden sind, so dürfte es im Laufe der Zeit möglich sein, die Vorgeschichte des Ortes hinreichend auf- zuklärcn und das Verhältnis der einzelnen Fundstellen zu der rätselhaften„Landwehr", einem Wall, der in der Nähe der Stadt vorüberzieht, kennen zu lernen. Nicht nur die Ortsgeschichte, son- dern auch die Wissenschaft has an der Lösung dieser Aufgabe ein erhebliches Interesse. Paläontologisches. Wie gingen die Tiere der Borwelt zugrunde? Seit langein zerbrechen sich die Gelehrten den Kopf darüber, wo- durch wohl die zahlreichen und gewaltigen Geschlechter der Tierwelt, die im Laufe der Erdgeschichte völlig verschwanden, vernichtet worden sind. Die mannigfachsten Erklärungen sind gegeben worden, aber sie genügen alle nicht, und so versucht denn Generaloberarzt Dr. Sehr- wald in der Umschau eine neue Lösung dieses schwierigen Problems, Daß die Riesentiere der Urzeit von klügeren Feinden umgebracht worden seien, etwa durch kleine Baumsäugetiere, ist eine Annahme, die durch nichts bewiesen wird. Wohl mögen physikalische Ursachen und geologische Ereigniste inancher Tierart geschadet haben; es ist auch behauptet worden, das Veränderungsvermögen mancher Tiere sei schließlich erloschen und damit die Fähigkeit, sich neuen äußeren Bedingungen anzupassen. Nach andern Meinungen soll das Aus- sterben der großen Tiergruppen nur ein scheinbares fein, so daß sie nur ihre äußere Erscheinung verändert haben und noch heute fortleben, so die Ichthyosaurier als Delphine, die Plefio- und Thalattofauricr als Wale, die Dino- faurier als große flugunfähige Vögel, die Flugsaurier als Fleder- mäuse ufw. Für diese Hypothese wäre aber der Nachweis der fehlenden Zwischenglieder notwendig, der nirgends erbracht ist. So stehen Paläonthologie, Geologie und Zoologie der Frage ratlos gegenüber. Der Arzt aber vermag eine ebenso einfache wie überzeugende Antwort zu erteilen: die untergegangenen Tiere der Vor- weit sind zum Teil durch Seuchen gestorben. Krankheiten sind es ja, die auch heute noch die Vernichtung von Tiergruppen hervor- rufen. So brachte die Krebbpest in den Gewässern Deutschlands die Krebse an den Rand der Vernichtung, und nur Schutzmaßregeln können ihr Aussterben verhindern. Wenn das große Sterben der Rinder und Pferde in Afrika weiter andauern sollte, so könnte«S zur völligen Ausrottung dieser Tiere führen. Auch das große Fischsterben 1882 an der Ostküsie von Nordamerika macht durchaus den Eindruck einer gewaltigen Epidemie, die plötzlich eine bestimmte Fischart befiel und streng auf sie beschränkt blieb, wie dies bei Infektionskrankheiten ja oft der Fall ist. DaS Auftreten mörderischer Infektionskrankheiten in der Tierwelt, das wir so in der Gegenwart beobachten, muß auch für frühere Perioden der Erdgeschichte als Tatsache an- genommen werden. Denn die Krankheitserreger gehören fast durch- weg zu den Mikroorganismen, die ja die ältesten Bewohner der Erde darstellen. Da man Bakterien schon in der Steinkohle nachweisen konnte, so ist der Beweis erbracht, daß diese gefährlichen Kleinwesen bereit» in sehr frühen geologischen Formationen vor- Händen waren. Gewiß sind es nicht die Seuchen allein, die die vielen Tiergcschlechter der Urzeit vernichtet haben, aber sie müssen eine der Ursachen gewesen sein, und so wirft der Nachweis dieser Epidemien, der freilich erst in streng wissenschaftlicher Form durch den Nachweis von derartigen Krankheitserscheinungen an fossilen Tierresten erbracht werden könnte, ein neues Licht in diese dunkelsten Zeiten unserer Erde,____ Vorwärts Bnchdruckerei u.BerlagSanftalt Paul Singer fiEo., Berlin SW.