Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 69. Donnerstag den 10. Zlpril 1913 8] Die Bauern von Steig. Roman von Alfred Huggenberger. Das Angebinde. Am anderen Morgen war mein erster Gedanke das Buch- zeichen. Und merkwürdigerweise war es mir jetzt ganz klar. daß ich Hans die Buchstaben nicht geben würde. Ich konnte ihm ja andere, weniger hübsche machen. Die wiederholte Be- sichtigung des Kunstwerkes befestigte in mir ein bestimmtes Vorhaben. In der Schule konnte ich kaum die Zeit der Vornnttags- Hause erwarten. Während die anderen Schiiler hinaus- stürmten, machte ich mir mit meinen Schulsachen zu schaffen. Sobald ich allein war. schlich ich behend wie ein Dieb nach Margrittens Bank hinüber, langte ein Buch hervor und steckte mein Angebinde zwischen die Blätter, jedoch so, daß es ein wenig hervorguckte. Die heimliche Schenkung hatte vorläufig noch keine Folgen, wie oft ich auf Margrittens Gesicht verstohlen Muste- rung hielt. Aber etwas anderes geschah an diesem Morgen, was mein Herz mit Stolz und Wonne erfüllte: Margritte schob mir durch eine Mitschülerin ihren Aufsatz zum korri- gieren herüber. Es lag ein Papierstreifen zwischen den Hest- feiten, darauf hatte sie mit Bleistift geschrieben:„Wenn Du alle Fehler findest, ein Apfel." Der Apfel ärgerte mich zwar zuerst ein wenig. Aber das war bald vergessen. Ich durchlas das sauber geschriebene Auf- sätzchen, indem ich jedes Wort mit ängstlicher Genauigkeit prüfte. Die zwei Fehler, die ich fand, verbesserte ich leicht mit Bleistift. Dann schrieb ich auf den Papierstreifen:„Den Apfel will ich nicht", und ließ das Heft wieder an seine Eigen- tümerin zurückgehen. Hans Kinsperger, der gerade hinter mir saß, zupfte mich verstohlen und fragte, was auf dem Zettel gestanden habe. „Nichts Wichtiges," erklärte ich ausweichend. Für mich dachte ich: Gelt, wenn Du auch korrigieren könntest! Nach der Schule fragte Hans nach den Buchstaben. Ich versuchte, unbefangen in seine Augen zu sehen, aber es wollte mir nicht gelingen.„Heut abend werden sie fertig, oder dann morgen mittag." „Aber recht schön machen, gelt!" „In drei Farben. Sie sind schon vorgezeichnet," log ich frech hinzu.„Das ist ja das Schwerste." „Dann will ich sie mir nach dem Essen schnell ansehen." Ich war wieder in der Klemme.„Das geht nicht," sagte ich ganz besttnimt. Dann warf ich den Kopf etwas zurück. „Ich lasse keine Zeichnung sehen, bis sie ganz fertig ist". Gern wäre ich weiter gegangen, denn ich meinte immer, Hans müsse es mir ansehen, daß ich ihn betrogen habe. Ader er gab mich nicht frei. Vorsichtig blickte er sich um und sagte dann in befehlendem Tone:„Du, Gideon— es darf dann aber niemand wissen, wer die Blichstaben gemacht hat! Sonst..." Ich schaute ihn wieder unsicheren Blickes an. „Wenn sie es aber doch merkt?" „Wer. sie?" „Hä— ich denke. Du wirst doch die Buchstaben einem Mädchen schenken wollen." „Ich kann damit machen, was ich will. Einfach, wenn Dich jemand fragt, so sagst Du, Du wissest nicht, wer die Buchstaben gemacht habe." Ich besann mich eine Weile und sagte dann mit»venig Sicherheit:„Nun freilich— das kann ich schon versprechen!" „Also. Aber Wort halten!" „Du auch!" Damit ging jeder seines Weges. Ich konnte nicht froh werden über das, was ich getan. Das konnte kein gutes Ende nehmen. Ich wünschte das Bildchen sehnlich in meine Hand zurück, dann wollte ich mir noch einmal alles griindlich über- legen.... Am Mittag war Schulbeginn, als schon fast alle Kinder da tvaren, rief mich der Lehrer zu sich an das Pult. Kam nun das Schreckliche doch?... „Sieh inich doch an!" Der gütige Ton, mit dein der Lehrer das sagte, ermutigte mich ein wenig. Ich strengte mich aufs älißerste an, meine Arnrensündermiene los zu»Verden, hatte aber das Gefühl, es wolle mir das nur halb ge- lingen. Denn ich erlvartete gar nichts anderes als ein Strafgericht wegen der Farbenschachtel. „Du hättest Lust, in die Sekundärschule zu gehen. Gideon? Ist's nicht so?" Ich bejahte unsicher. Die Tränen wollten»nir in die Augen kommen. „Gut, so will ich mit dem Herrn Pfleger reden. Vielleicht geht's, vielleicht nicht. Die Hauptsache ist: brav lernen." Nach diesen vielsagenden Worten entließ mich der Lehrer mit einer leichten Handbewegung. Ich taumelte an meinen Platz zurück, ohne ein Auge zu erheben. Da rief er mich noch einmal zu sich. „Ich habe noch ettvas vergessen. Die Frau Geineinderat Kinsperger bat sich über Dich beklagt. Du habest dem Hans dort seine Farbenschachtel stehlen wollen. Ich will's nicht hoffen". „Das ist ein Lug!" beteuerte ich schnell.„Der Hans hat sie mir ja geliehen, ich muß sie ihm wieder zurückgeben." Ich wunderte inich selber,»vo ich den Trotz hernahm. Aber dort drüben in der vierten Bank faß ja Margritte, ich wußte, daß ihre hellen braunen Augen jetzt auf mich gerichtet tvaren. frageird, staunend: ist das möglich— ein Schelm wärest Du? Und nun hatte ich das Gefühl, sie komme näher mrd näher und sitze jetzt dicht hinter mir.... Der Lehrer schaute sich nach Hans UM.„WaS sagst Du dazu, Kinsperger? Hat nun die Mutter recht oder der Gideon?" Hans besann sich ein wenig. Mir erschien dieser Augen- blick schrecklich lange. Wenn ich so dastehen müßte»vie Schors Schtvengeler, dann— dann konnte ich nachher nicht mehr leben. Dieser Gedanke stand klar und fest vor meiner Seele. Da erklärte Hans unsicher: ja, es sei so. die Mutter habe es nur gemeint, er habe mir die Schachtel geliehen und ich müsse sie ihm tvieder zurückgeben. „Desto besser," sagte der Lehrer.„Tu kannst jetzt an Deinen Platz." Ich sah Hans»nit einem heißen Blick an.„Das will ich Dir nie vergessen!" klang es in meinem Herzen.— Was hätte ich jetzt darum gegeben,»venu ich die ztvei Buchstaben aus Margrittens Buch hätte zurücknehmen können l Ja, tvährend der Pause»vollte ich das ganz gewiß tun— wenn's dann nicht zu spät war! Als ich nach einer Weile einen unsicheren Blick zu Mar- gritte Hinichergleiten ließ, getvahrte ich mit Schrecken,»vie Mino Stürler, in ihrem Schulbuch blätternd, ein fein aus- gezacktes Buchzeichen in die Hände bekam, das sie mit freu- diger Bewunderung von allen Seiten betrachtete. Jetzt ließ sich auch Margritte das kleine Kunstwerk zeigen, das sich m ihren zierlichen Fingern allerliebst ausnahm. Sic schaute wie fragend auf mich, ich mußte ihrem Blicke alisweichem So — der malst Du Buchstaben?... Das Bildchen ging nun bei den Mädchen der Klasse von Hand zu Hand, bis der Lehrer aus die Störung aufmerksam wurde. Es gab ein strenges Verhör, das damit endete, daß Mina Stürler mit lmsicherer Stimme gestand, es habe ihr jemand das Blüttck)en hinterrücks ins Buch gelegt. Dabei ließ sie einen verlorenen Blick z>i mir herübergleiten. Der Lehrer betrachtete meine Arbeit übelwollend.„Natür- lich, das ist wieder etwas vom Maler! Hast Du die Farben- schachtel deshalb entlehnen müssen? Besser»väre, Du ließest derlei Firlefanz für immer bleiben und würdest dafür die Zeichnungen, die ich Dir aufgebe, besser machen. Ganz abgesehen von dem sträflichen Unfug"— � und nun hatte er sich schon in Hitze geredet—„von dem sträflichen Unfug, den ich ein für allemal nicht leiden will in meiner Schule! Merk' Dir das! Das ist der Anfang vom Ende,»venu solche Schjiugel schon in diesem Alter zu liebeln anfangen!" Damit warf er das Blättchen zu seinen Sachen auf den Tisch.„Du bleibst dann nach der Schule da." sagte er streng. doch immerhin ctivas ruhiger. Ich will einmal mit Dir allem exerzieren." Ja— nur allein, nur allein! deichte ich. Dann furcht' ich mich vor gar nichts. Da konnte er über mich herfahren nach Belieben. Wenn's nur'nieini«id fah. niemand hörte!... � In diesem Augenblick ha,te ich das Gefühl, Hans sei hinter mir aufgestanden, ich wagte es aber nicht, zurückz:'.- blicken und mich zu überzeugen. Da platzte er auch schon in die Stille heraus, böse und eifrig:„Herr Lehrer, er hat mir die Malschachtel doch stehlen wollen!" Der Lehrer biß sich auf die Lippen, bald auf mich, bald auf Hans blickend. „Warum hast Tu denn vorhin das Gegenteil behauptet?" herrschte er ihn an. Hans wurde unsicher.„Ich— ich-- er hat mich vcr- barmt..." „So, so! Verbarmt hat er Dich! Und deshalb lügst Tu Deinen Lehrer an? Vor der ganzen Schule! Wart, das müssen Deine Eltern wissen!" Nun war er mit ihm fertig und' wandte sich an mich, in- deni er dicht vor mich hintrat.„Ja. oder nein— hast Du die Farbenschachtel stehlen wollen?" Ich nierkte aus dem Ton seiner Stimme, daß er das schon bestimmt glaubte und daß er fast nicht niehr imstande war, sich zu beherrschen. Vor etwa drei Wochen hatte er den Johann Vehr, der in Jlgenwirts Garten ein eingelegtes Rosenstämmchen durchschnitten haben sollte, just auf diese Weise gefragt. Sobald das Bekenntnis heraus war, hatte er den entsetzlich Heulenden am Hosenboden aus der Bank und. übers Knie gezogen, und den Meerrohrstock wie toll auf den gespannten Höslein tanzen lassen, solange bis die Frau Lehrer, von dem Geschrei erschreckt, heraufgekommen und ihn zur Besinnung gebracht hatte. Johann Behr hatte zwar nachher laut geprahlt, er habe gar nicht viel gespürt, er habe nur gebrüllt, um den Lehrer zu ärgern. Denn dieser schämte sich jedesmal, wenn die Frau heraufkommen mußte. (Sov'.iepinia folgt.! Die Goldrtadt*) Von Emil Ludwig. I. Die Geburt des Goldes. Grau stieg und drohend in die Morgcnsönne der ungeheure Wall zerriebenen Erzes, der einer Bastion gleich die Werke der Mine umlagerte. Es war, als Ivollte dies entkräftete Gestein treu seinem Herrn den Kreislauf neuer Förderung beschützen. Das war eine der größten Minen. Auf einein riesigen Areal gelegen, mit mehr als zwölftausend Arbeitern, mit Bcamtcnwoh- nungen, Klubhäusern, Garagen, eine Stad't für sich wie unsere großen Eisenwerke. Doch schon die Einfahrt war verschieden. Denn statt in einem breiten Lift senkrecht unter Tage zu fahren, wurden wir in schräg- stehende, offene Kästen, unseren Grubenhunden ähnlich, gesetzt und fuhren in rasendem Tempo auf schiefer Ebene ein, in einen Schacht von so gefährlicher Scbmalheit, daß er die Mütze streifte. Die Minen, die das Ausgehende des schrägen Riffs auf ihrem Gruude haben, folgen natürlich mit ihren Schächten dem Einfall, also im spitzen Winkel. Nur wer das nicht hat, baut vertikale Schächte, so wie bei uns, um die Goldader zu erkrcuzen. Auf über tausend Meter Teufe stiegen wir aus. Man ist bis fünfzehnhundert vorgedrungen und da die Erdwärme hier viel langsamer zunimmt ald bei uns. hoffen die Ingenieure, die Ab- baustollen bis zweitausend Meter hineinzutreiben. Von de» Fort- schritten der Technik hängt es ab, ob man das Gold erschöpfen kann, das hier„am Rand"(des Hochplateaus, auf dem Johannes- bürg liegt) mit leidlicher Sicherheit auf achtzig Milliarden Wert in Mark berechnet wurde. In den Gängen, die sich von unseren Kohlengängcn kaum unterscheiden, überraschten mich zuerst die offenen Kerzen, die bei uns bei Todesstrafe ve-boten sird, u»d ich genoß das Unerhörte, unterm Tage rauchen zu dürfen. iJn diesem glücklichen Lande sind sogar die Kohlcnmincn frei von schlagenden Wettern.» Aus hintergründigen Gängen, die im Dümmer verschwinden wie Höhlen gefährlicher Drachen, kommen die Wageit mit den» Ge- stein heran. Aber hier gibt es keine Pferde wie bei uns. Hier *) Diese auf eigener Ansch mung beruhenden Schilderungen aus Johannesburg �Südafrika) stnd des Verfassers gleichnamigem Aufsatz in Nr. 4 der„Neuen Rundschau" enlnominen.>sie werden tirit den früher erschienenen zusammen demnächst als. Buch unter dem Titel„Die Reise nach Afrika" bei S. Fischer herauskommen. ziehen und stoßen die Schwarzen. Ich dachte zurück an die tra- zische Erscheinung der Pferde, die, einmal unter Tage gekominen, erst nach Jahren, wenn sie der Grubcnluft erlegen, heraufgeschafft werden, zum Verscharren. Kommt aber das kranke Tier vorher ans Licht, dann ist es im Innern der Erde erblindet. Bald wird alles enger, die Schienen hören auf. Zwischen stürzendem Gestein zwängen wir uns durch einen Kamin von weniger als Meterbreite aufwärts. Plötzlich stehen wir in einem hohen, däminerigen Stcinraum, der ist aii wenigen Stellen sehr matt erhellt. Ist es nicht, als ständen wir auf der Bühne und sähen in das opalschiminernde, hohle Halbrund eines kleinen, sehr engen Theaters? Dort hängen die Notlampen. Schatten bewegen sich davor. Allmählich unterscheide ich drei Schwarze, nackt, vor dem grauen Felsen. Halb hängen sie, halb zivängen sie sich zwischen vordringendes Gestein, um festzustehen. In gieichen Pausen schla- gen sie mit dem Hamincr aus die Stange, die sie in ihrer ganzen Länge ins Gestein jagen müssen. Ilm drei Uhr muß es fertig sein, dann wird gesprengt. Sie bohren in den schmälsten Flözen, wohin keine Maschine inehr vordringt. Plötzlich rattert dicht neben mir die Bohrmaschine los, ein weißer Miner führt sie. Ich sehe etwas blitzen.„Ist das Gold?"—„Nein, das ist Schwefelkies, das ist wertlos." Wir gingen und kletterten eine Stunde lang. Ich hatte ge- glaubt, zwischen so mannigfachen Anstalten irgendwo Gold zu sehen und fragte schließlich etwas ungeduldig:„�Vberc!z tbe goIvord'n sei. Man lese diese bayerisch-ministerielle Darstellung aus der Zeit der„tiefsten Erniedrigung":„Aus kalten Sünipfen und Moore», aus verödeten Haiden, die sonst nur ein roher Hirt mit seinem Vieh durchstreift. sind ganze Dörfer und freundliche Wohnungen entstanden, auS traurigen Wäldern grüne Fluren, blühende Pflanzungen zwischen der Städte Mauern und alten Gräben, diese r Denkmälern grauer Zwingherrschaft, die man umzuwerfen gestattet(1894), und feste Straßen, die sich allenthalben kreuzen, stattliche Brücken über ge» dämmte Ströme lassen den Reisenden deutlich genug erkennen. daß er in Bavcrn außerhalb den Bifängen der Wichen sei. Nur aber dem besseren Fleiß das bessere Sein noch gewisser zu sichern. wurden die neuen Pflanzer auf 25 Jabrc von Zehnten und Ab» gaben befreit, Mühlen- und Vierzwang allenthalben aufgehoben (1799, 1809)..., der innere Handelsverkehr erleickiwrt(1809). eine allgemeine Verbindung zur Sicherung des Brandschadens ge» gründet(1799)..., dem willigen Arbeiter wurde die Niederlassung und Hciratsbewilligung erleichtert(1808)..., für die Kranken Hospitäler, den unglücklichen Wahnsinnigen ein Irrenhaus in München(1801), den Taubstummen eine Lehranstalt in Freising (1804), den Hebammen ein genügender Unterricht(1799), jedes Landgericht wurde mit einem besoldeten Landgerichtsarzt versorgt (1803), für die Landärzte eine eigene Bildungsanstalt gegründet (1808), der fühlbare Mangel einer Ticrarzneischule(1810) ersetzt. In die Gefängnisse ist man hinabgestiegen, damit sie menschlich seien(1799), der Folter schreckliches Bekcnntnismittcl hat man. abgeschafft(1806).... Das Höchste sei zuletzt genannt. Die bürgerliche Freiheit ward uns aus den Händen des Ministers wiedergegeben.... Der Leibeigenschaft Gewebe ist zerrissen, in alle Teile des Reichs ein freier Zug eröffnet, unser Eigentum vor dem Bedrohen und gierigem Heischen der alten konfiszierenden Rechtswillküren gesichert, Religions-, Gewissens- und Truckfreiheit geheiligt, vor dem Gesetz und dem Richtcrstuhl aller Unterschied der Stände, alle Edcsmannsfreiheit und Gerichtsfron sckaft ani» gehoben, die Steuer auf alle Stände und Güter gleich verteilt und geregelt, die Vertilgung aller veralteten Feudalrechtc durch die Ab» lösung gestattet. Und damit diese unschätzbaren Kbinodicn unserer Menschenrechte nie mehr durch eine verwegene Hand angetastet oder entfremdet werden können, so sind sie in das Heiligtum unserer Konstitution niedergelegt und aufgenommen worden." Es waren die Edelleutc, die sich am meisten von der Fremd» Herrschaft � bedrückt fühlten. Freilich legten die unaufhörlichen Kriege, die Napoleon in der Abwehr führen mußte, die Kriege, durch die England das cu'wpäisck,k Festland aneinander rieb, den Staaten schwere Lasten auf. Und die Fürsten von Napo- leonS Gnaden, die sich in würdelosen Schmeicheleien und Treu- schwüren gegen den Mächtigen überboten, unterließen auch nicht ini Interesse ihrer Popularität die Verantwortung für Maß» nahmen, die die besitzenden Untertanen kränkten, auf Frankreich zu schieben. Durch ein Stcucredikt des Königs von Württcmbevst — 276 aus dem Iakre 1812 wurde eine geradezu mustergültige VermägenS steuer uud zudem eine Steuer für die höhere« Beamten und Pcm swnisten ausgcschrieöen. Die Besteuerung der Amtseinkonnnen be- gann erst inii zivcitausend Gulden, die Besteueruiuz der Vermögen wurde auf den niederen Stufen auf je hundert Gulden fnach Ab- zug der Schulden) mit dreißig Kreuzern belastet; der Satz stieg bei mehr als zehntausend Gulden auf fünfundvierzig Kreuzer, bei mehr als. fünfzigtausend Gulden auf einen Gulden, bei mehr als hunderttausend Gulden auf einen Gulden und dreihig Kreuzer Solche Progressionen war man weder vorher noch nachher gewöhnt, wo der Grundsatz galt, daß die Stenern auf die sozial Schwächsten abgewälzt werden. Dieses Steueredikt mußte auf die Besitzenden höchst aufreizend wirken, und mit Fug öeschwerte sich Napoleon bei dem König, der der Schwiegervater IcromcZ war, daß er durch das Edikt die Mißstimmung auf Frankreich habe ablenken wollen, das doch weit größere Verluste habe als Württemberg. Diese besitzenden Steuerzahler wurden natürlich dann Patrioten gegen die Fremd Herrschaft, ebenso wie die Großkaufleute, die durch die Kontinental- sperre litten; Zusammenbrüche einzelner Hanoelshäuscr haben später wesentlich zu den Ausbrüchen nationaler Leidenschaft bei- getragen. ' Aber die große Schicht der Gebildeten, der Gelehrten und der Rkamien priesen noch später diese Zeiten freien AtmenS, mit ihrer frohen Tätigkeit auf allen Gebieten der Wirtschaft, des Schul- und WildungswesenS, der Rechts- und Sozialreformen, als die glück- lichste Zeit ihres Lebens, und keineswegs nur die Juden und jüdi- sche» Literaten, die in der kurzen Zeit der Franzosenherrschaft als gleichberechtigte Menschen geachtet wurden; bis zum heutigen Tage ist in Deutschland diese Gleichberechtigung des Judentums für alle Tätigkeiten und Aemter nicht wieder gewonnen worden. Für die breiten Massen aber war es die Zeit der Erlösung. Wäh- rend der Zeit der französischen Okkupation wurden die besitzlosen Klassen der Städte zum erstenmal durch Erzwingung niedriger Gctreideprcise von dem Wucher des Getreideadels befreit. Dieb- stahl und Bestechung, Verschleuderung von öffentlichen Mitteln war im achtzehnten Jahrhundert durchweg bureaukratische und diplo- matisckc Sitte, an der auch die höheren Offiziere teilnahmen. Napoleon war überall bemüht, auch in dieser Hinsicht die Staat?- idee gegen die privaten Eingriffe zu verteidigen'and die Integrität der öffentlichen Funktionäre zu erzwingen; freilich vielfach ohne Erfolg, gerade in diesem Zeitalter, da in dem Umsturz alles Be- stehenden die bedrohten Interessenten Ströme Goldes in willige Tascken fließen ließen.. Au» dem Svsiem Napoleons folgt, daß es ihm durchaus nicht um die Vergrößerung Frankreichs zunächst zu tun ivar. Die innere und innerliche Einheit sonst selbständiger Staaten war das Ziel seiner Politik. Wenn er 181l> das Rhein- bundsgcbiet zerriß und die Mündungen der großen deutschen Flüsse, die Hansastädte, Frankreich einverleibte, so tat er das unter dem Zwang jener wirtschaftlichen Weltpolitik gegen England, zur strengeren Durchführung der Kontinentalsperre, bei der ihm die befreundeten Mächte im Stiche ließen. DaS Versagen dieser Kon- tincntalpolitik, dieses in der Idee gewaltigen, aber in der Durch- führung unmöglichen Mittels, lieh das System Napoleons ver- bluten. Der umfassende Schmuggel durchkreuzte die Absichten, und Napoleon selbst mußte schließlich durch das System der Lizenzen «m? finanziellen und wirtschaftlichen Gründen die Sperre durch- brechen. Die Geschichte der Wirkung der Kontinentalsperre für Deutschland ist noch nicht geschrieben worden. Aber Einzelunter- suchungen haben gezeigt, daß sie die Industrie aufblühen ließ, deren Anfänge bisher von der englischen Konkurrenz jedesmal im Keim gleich zermalmt wurden. Die sächsische Textilindustrie nahm in dieser Zeit ihren ersten Auffchwung, und selbst der Handel, der zunächst gcseWidigt wurde, entfaltete sich vielfach gerade unter dem Schutz des KontinentalshstemS. Hamburg emanzipierte sich damals von der englischen Abhängigkeit und geivann die Grundlage für die EntWickelung zum Welthafen. kleines Feuilleton. Medizinisches. Neue Aufklärungen über die Schlafkrankheit� Die Entdeckung, daß die Tsetsefliege(Glossiu» palpalis) durch ihren Stich den Keim zur Schlafkrankheit von Tieren auf den Menschen überimpft, war von außerordentlich großer Bedeutung, denn die Verfolgung dieser Insekten gibt nun ein ganz sicheres Mittel in die Hand, gleichzeitig die Gefahr der Schlafkrankheit berabzudrückcn. Nunmehr ist der nicht weniger wichtige Nachweis erbracht worden, daß diese Stechfliegenart nicht d i e e l n z i g e ist, die so bedenklich wirken kann. Zuerst ist im südafrikanischen Gebiet von Rhodesia der Verdacht aufgetaucht, daß auch eine andere Art der- selben Jnsektengattung, die Glossma rnorsitans, mit ihrem Stachel den Erreger der Schlafkrankheit zu übertragen vermochte. Weitere Rachforschungen haben diese Vermutung in überraschendem Grade bestätigt, und zwar auch in anderen afrikanischen Gebieten, zunächst in dem an Rhodesia grenzenden Katanga. Jetzt kommen»och Be- obachtungen in Deutsch-Ostaftika hinzu, wo nach einem Bericht de« „Archiv? für Schiffs- und Tropenhhgiene' der Stabsarzt W Fischer unangreifbare Beweise dafür gefunden hat, daß die Schlafkrankheit auch von der anderen Art der Tsetsefliege verbreitet wird. Der Forscher hat sich zu diesem Zweck auch des Experiments bedient, indem er 1400 dieser Fliegen mit schlafkranken Affen zusammen- gebracht hat. Später wurden die Insekten dann auf gesunde Affen loSgelaflen, und wenigstens in einigen Fällen kam eine Uebertragung der Krankheit zustande. Möglicherweise sind noch mehr als diese beiden Arten der Gattung Glossiua zur Ueberiinpfung des gefährlichen Krankheitskeims besähigt, und ehe ihre Untat?« nicht voll- ständig enthüllt worden sind, wird eine vollwirksam» Bekämpfung der Seuche nicht möglich sein. Sprachwissenschaftliches. Vom Fußballspiel. Obgleich das Fremdwort besonder» üppig im Sportleben wuchert, ist unsere Muttersprache doch in de» letzten Jahren auf zwei Sportgebieten zu der ihr gebührenden Ehre gekommen: bei der Luftfahrt und beim Fußball. Hier und da fröne» zwar noch heute Aaßballspieler der albernen Engländcrei aus alter Gewohnheit; auch dort, wo dem Knabenalte?, kaum entwachsene junge Leute unter sich Fußball spielen, stößt«aa» noch gelegentlich auf tolle Nachäffung englischen Wesens; im allgemeinen hat aber der Gebrauch deulscher Ausdrücke beim Fußballsviel so zugenommen, daß dieser Fortschritt freudig anerkannt werden muß. Auch die Nomen der Vereine offenbaren den Fortschritt. Man traut seinen Augen kaum, wenn man aus den Berichten ersieht, daß das vor 20 Jahreil vielen unersetzlich erscheinende goal verschwunden ist. Wie kräftig sein Ersatz, das Tor, im Sprachgebrauch des Fußballspielers schon Wurzel geschlagen hat, lehren uns die vielen mit ihm gebildeten Zusammensetzungen, wie: Torwächter und Torwart, torloses Spiel, Torschuß, Torzahl, Gegentor, Ehrentor. Die Fußballspieler haben mit ihrer reindeutschen Fachsprache den großen Vorteil erzielt, daß auch der Laie ihre Spielberichte versteht, in denen er etwa liest: Eine deutsche Elf kämpfte mit einer englischen Elf; nach Halbzeit (auch: nach der Pause, nach dem Wechsel) gewann die Leipziger Mannschaft ein drittes Tor; der linke Läufer verwirkte einen Elf- mcterball durch unabsichtliche Hand; bei dem Wettkampfe befand sich die Hamburger Mannschaft in bester Verfassung, sie zeichnete sich auch durch anständiges Spielen aus. Luftfahrt. Von der endgültigen Form der Flugmaschine. DaS ist das Thema einer Umfrage, die die„AnnaleS" bei einer Reihe der bekanntesten Flieger veranstaltet hat. Wir die Zukunft des Flugzeuges zu einer radikalen Aenderung der bisherigen Form führen, oder wird da? Ziel durch allmähliche, das Prinzip nicht berührende kleine Verbesserungen erreicht werden? Bleriot glaubt an eine langsame, schrittweise EntWickelung:„Es gibt in der Flug- kunst keine radikal« Umwandlung, sondern schrittweise Verbesserun- gen, die das Flugzeug von heute mit der Zeit befähigen wird, ein Endziel zu erreichen." Der bekannte Marineleutnant Conneau, dessen Fliegername Beaumont berühmt geworden ist, neigt einer anderen Auffassung zu:„„Nein," sagt er und fügt hinzu:„Leiderl DaS heutig« Flugzeug kann nicht al» die endgültige Form der Flugkunst angesehen werden. Im Gegenteil; es wird darauf an- kommen, ein viel überlegeneres Aequivalent zu sinden, um da» Flugzeug wirklich für alle praktisch brauchbar zu machen. Heute ist es eine Hilfe ersten Ranges für die Armee und die Marine. Aber der Apparat ist noch heute für den, der ihn besteigt, zu ge- fährlich. Selbst eine Maschine, die unzerbrechlich wäre, bedürste zu ihrer Führung eines Spezialisten, und selbst diese Fachleute lernen oft Befürchtungen kennen, die durch Unfälle nur allzu häufig gerechtfertigt werden." GarroS erwartet die Zukunft vom Motor,„die Flugkunst ist, was der Motor ihr sein ermöglicht". Der Flieger Wehmann betrachtet daS heutige Flugzeug als eine „embryonale Form und ist überzeugt, daß„die Flugmaschin« eine radikale Umformung erleben wird, um ihren Endzweck zu erreichen. In ihrer jetzigen Form bietet sie schwer« Mängel, die in ihrem Prinzip beschlossen liegen". Dagegen gkrabt Farman an eine schrittweise Wefterentwickelung der heutigen Form; die Flugflächen und die Motor« würden immer bleiben mutzen:„Ich glaube an die Evolution und nicht an die Revolution."— Pessimistischer äußert sich der berühmte Flieger Tabuteau:„Wenn die Flugkunst bei den jetzigen Apparaten beharrt, wird eS ihr Schicksal werden. wieder zu verschwinden, ausgenommen für militärische Zweck«. Die jetzigen Apparate sind, wenn sie gut fliegen, sehr gebrechlich, und wenn sie widerstandsfähig sind, fliegen sie schlecht. Immer mehr scheint man die Konstruktion avf schnellfliegende Apparate zu orientieren: auf die gefährlichsten von allen. Ich glaube nicht mehr an die Zukunft der Flugkunst; eS sei denn, sie verbünde sich mit Apparaten, die von den jetzigen ganz verschieden sind." Vedrines weicht einer Antwort aus, während Brvgi der Meinung ist, daß die heutige Formel endgültig sei, aber noch in den Einzel- heilen großer Verbesserung bedürfe. Fast durchweg sprechen sich die französischen Flieger gegen die Idee aus, Flugzeuge mit beweglichen Flügeln zu konstruieren und auf technischem Weg« gewissermaßen den Vogelflug nachahmen zu wolle».„Der Apparat mit schlagende« Flügeln ist eine Utopie," meint Daricourt,„man soll die Natur nicht sklavisch nachahmen wollen, denn sie bleibt unixachahinlich." Vcrantw. Redakteur: Alfred Wirlepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaItPauISinger«cTo..BerlinS1V.