Unterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 71. Sonnabend, den 12. April. 1918 m Die Bauern von Steig. Roman von Alfred Huggenberger. Ob ich den„Zweck" mit meiner Pistole auch treffen würde? Diese Frage drängte vorläufig alle anderen in den Hintergrund. Sogleich nahm ich die Waffe, die ich in- zwischen fast vergessen hatte, aus ihrem Gewahrsam und ver- sicherte mich, daß sie geladen und mit einem Zündhütchen versehen war. Ich zielte lange, wie ich das bei Gustav Stamm gesehen, der als Guide einen Ordonanzrevolver be- saß und oft für sich allein im Tobelholz Schießübungen machte. Nachdem der Schuß verhallt war, stellte ich mit Ge- nugtuung fest, daß der„Zweck" einige Schrotritzen aufwies. Mein Selbstbewußtsein war durch diesen Treffschuß be- deutend gestiegen. Ich fand, es sei eigentlich nicht unbedingt notwendig, daß ich rnich wegen eines einzigen kleinen Fehlers vor dem Lehrer und vor dem ganzen Dorf verkriechen müsse; besonders, da ich wirklicher Bürger von Steig war, während der Lehrer und sogar Hans Kinspergers Vater tatsächlich zu den Hintersäßen gehörten, die, wie der Schneider Enz oft be- tonte, froh sein mußten, daß man sie in der Gemeinde litt. Bei diesen Erwägungen dachte ich unbewußt an den warmen Ofen daheim in Enzens Stäbchen; an den grünen Kachel- ofen, auf dessen breitem Rücken man sich mit so wunderbarem Behagen strecken und wärmen konnte. Und um fünf Uhr stand die dampfende Zinnkanne mit dem Milchkaffee auf dem Tisch, daneben die gelbe, weißgetüpfelte Platte mit grösteten Kartoffeln! Das Wasser lief mir ordentlich im Munde zu- sammen. So gründlich satt bin ich in jener Zeit nie gewesen, daß mich nicht der Gedanke an etwas Eßbares in irgendeinem Entschluß hätte wankend machen können. Ich stocherte noch ein wenig mit den Schuhspitzen im Gestein herum, schlenderte dann ins nahe Föhrengehölz hin- über, und überzeugte mich, daß der Wind das Eichhornnest, daS wir im Herbst entdeckt, noch nicht heruntergerüttelt hatte. Es überkam mich eine starke Neugier, ob ich vielleicht das Eichhorn jetzt schlafend in der Reisighalle antreffen würde. Kurzerhand kletterte ich am Stamm der mäßig hohen Föhre empor, erreichte das Nest nicht ohne Mühe, fand aber nichts darin und warf es ärgerlich vom Baume hinab. Wieder auf dem festen Boden angelangt, bestätigte ich wie etwas Selbst- verständliches den fertigen Beschluß, ins Haus zur„Wacht" zurückzukehren, natürlich mit dem Umweg über Gehren, um nicht vor beendeter Schulzeit daheim einzutreffen. Den Wäldihof, an den ich auch einen Augenblick gedacht hatte, schlug ich mir ganz aus dem Sinn. Die Base Käther hatte schon lange Zeit nichts von sich hören lassen; ich wußte von meinem Pflegevater, daß sie mit offenen Füßen im Bette lag. Hätte er mir gesagt, daß sie im erst gestern acht Frank geschickt und ein Brieflein dazu, er solle mich recht gut halten, dann hätte ich mich trotz meiner Furcht vor dem GLtti doch hinauf gewagt. Ein Abfall und eine zerbrochene Karriere. Als ich etwa eine Stunde später fest auftretend, aber inner um so unsicherer durchs Unterdorf schritt, kamen mir nicht weit vom Steinernen Platz Margritte Stamm und Hans Kinsperger entgegen. Margritte ließ die Schultasche nachlässig schlenkern und die beiden unterhielten sich zu- sammen mit ernsthasten Mienen, wie Erwachsene. „Ist's gut gegangen in der Geographie?" fragte ich spöttisch und großartig. _„Ja, Du!" gab Hans feindselig zurück.„Du hast gewiß noch einen Hochmut" Margritte rümpfte das Näschen ein wenig:„Du wirst doch mit so einem nicht mehr reden," meinte sie schnippisch ohne sich nach mir umzusehen. Da faßte ich bei mir selber den Beschluß, mir von jetzt ab aus Margritte Stamm nichts mehr zu machen. Und wenn ihr Vater zehnmal Gemeindepräsident war. Ich war so glücklich, mich daheim ins Haus schlcickien und umkleiden zu können, ohne daß jemand etwas merkte. Auch die Pistole brachte ich an ihren Ort zurück. Zu meiner Verwunderung mußte der Schneider schon zu Hause sein. denn es lag eine kleine zierliche Farbenschachtel auf dem Arbeitstisch, die ich aber nicht zu berühren wagte, weil Frau Nike in der Stube war. Der Jakob Hube zum Annenpfleger gehen müssen, berichtete sie unwillig, man werde ihm wieder etwas vom Kostgeld abmarkten. Ich ging in den Schopf hinaus und fing an Holz zu spallen, wobei die Schläge der Axt mir ganz fremd und seltsam in den Ohren klangen. Immer mußte ich innehalten und mich mit Selbstvorwürfen quälen. Wenn ich doch einen Tag, einen einzigen Tag jünger wäre! Wie wollte ich da alles anders machen!... Plötzlich knarrte das Schopftörchen ein wenig. Der Schwengeler-Schors trat zu mir herein. Er trug meine baune Wollmütze in der Hand und stülpt« sie mir ohne weiteres über den Kopf. T>ann klopfte er mir auf die Achsel, seine Augen leuchteten förmlich:„Du! Das hast Du aber prima gemacht! Der Kinsperger hat Dich in der Pause ver- schimpfen wollen, ich Hab' ihm aber das Maul zugetan! Und die anderen Knaben sind fast alle auf meiner Seite gewesen. Hinter Grobs Scheuer haben wir uns zusammen verschworen:! es läßt sich keiner mehr übers Knie spannen!" Ich hatte auf den Schors Schwengeler bis jetzt keine großen Stücke gehalten. Sein Vater, der stüher in fremden Kriegsdiensten gewesen und jetzt in der Burdi wohnte, war im Dorfe wenig angesehen, er wurde kurzweg Algierschwengel genannt, oder auch Birchenschwengel, weil er eine unheim- liche Gewiegtheit im Stehlen von Birkenreisig besaß und schon manchen schönen Baum in der Umgegend kahl geschoren hatte, ohne daß man ihn bis jetzt je einmal bei der Tat hätte erwischen können. Aber das alles war in diesem Augenblick aus meinem Bewußtsein ausgelöscht. Schors stand als inein bester und treuester Freund vor mir und ich wunderte mich nur, daß ich ihn so lang hatte verkennen können. Ich warf inich ein wenig in die Brust und legte ihm in überlegenem Tone ausein- ander, man könne sich doch in diesem Alter nicht mehr wie jeder xbeliebige Hosenbürzel ausschmieren lassen. Schors pflichtete mir lebhaft bei. Er eröffnest mir des weiteren, er sei eigentlich nicht wegen der Kappe gekommen. sondern wegen etwas ganz anderem: er wolle mir einen „Schmollis" antragen, das bedeutete bei den Erwachsenen, daß man sich füreinander hauen lasse.„Ein Schmollis würdenämlich jetzt besonders gut für uns passen," fügte er erklärend bei, weil Du von morgen an beim Zeigerhaniß Dienstbube bist und wir uns sozusagen aus dem Kammerfenster guten Tag zurufen können." Ich sah ihn verwundert an.„Wer sagt so etwas?" „Hä, wenn ich's nur weiß. Ich und das Mineli Stürlet haben alles schön anhören können, was der Stocker und der Haniß zusammen abgemacht haben. Du wärest sonst nach Ziebelen in die Rcttungsanstatt gekommen." Sein Gesicht nahm einen pfiffigen Ausdruck �an.„Du — wenn Du wüßest, wie sich das Mineli steut! Sie hat zu mir gesagt, sie geniere sich kein bißchen wegen dem Buch- zeichen, und der Lehrer habe es ihr einfach gestohlen, es gehöre ihr und sonst niemandem." „Geht mich nichts an," sagte ich nebenhin, sann aber da- bei etwas anderem Nach. Der Gedanke, daß fremde Leute über mich verfügen konnten, wie über eine Ware, trieb mir die Tränen in die Augen. Schors wandte sich unwillig von mir ab.„Wenn Du stennen willst, dann adiö Partie! Ist Dir das Guraschi schon in die Hosen hinuntergefallen? Saggerdinundedi! So einer! Du meinst gewiß, man lebe im Oberdorf nicht! Allweg so gut wie da bei Deinem Hungerschneiderl" Damit schlug er das Schopftörchen hinter sich zu und war weg. Ich setzte mich wieder auf den Schcitstock. Der Kopf war mir so voll, daß ich nichts Ordentliches denken konnte. Jetzt klangen fröhliche Kinderstimmen von der Straße zu mir herein. Behutsam stellst ich mich an eine Wandritze und guckte hinaus. Einige Mädchen belustigten sich mit Ball- werfen. Mino Stürler war auch bei ihnen. Ich mußte sie immer wieder ansel>en und dabei an das denken,>vas.Schors vorhin von ihr gesagt hatte. Sie war ziemlich groß zu ihrem Alter, aber schmachtm und bleich. Beim Spielen wagte sie nicht recht von Herzen mitzutnn, in ihrem ganzen Gebahren lag immer gleichsam die Frage:„Darf ich auch da sein?" Der Blick ihrer Augen war scheu und unsicher, nur hin und wieder blitzte etwas wie verschlagene lleberlegenheit darin auf. Die Unsicherheit kam wohl am meisten von der Schule her. Der Lehrer mochte sie nicht leiden, sie konnte ihm auch selten eine richtige Antwort geben. Und wenn er sie dann anfuhr, wurde sie ganz zerfahren und abwesend und redete die ungereim- testen Dinge her. Er nannte sie einmal„Flatterhex" und von da an niusite sie den Ueberncunen hin und wieder hören. Ich empfand etwas wie Mitleid mit ihr, hatte aber da- neben doch einen heinilichen Zorn auf sie, als ob s i e eigent- ich an allem schuld wäre. Ja. wenn die nur glaubtet... Inzwischen hatte sich unversehens Margritte Stamnr zu den Spielenden gesellt, und von dem Augenblicke an hatte ich nur noch Augeir und Ohren für sie. Mein Groll gegen sie war ganz und gar verflogen. Die Mädchen vergnügten sich damit, den geworfenen Ball jeweilen in einen der kleinen Fausthandschuhe aufzufangen. die sie an Wollschnüren um den Hals hängen hatten. Margritte war in dieser Kunst besonders gewandt, während die anderen nichts konnten und immer über ihre eigene Ungeschicklichkeit lachen mußten. Sie kam mir so hübsch und lieb vor wie noch gar nie. Ich folgte jeder ihrer Bewegungen mit innerem Wohlbehagen und war glücklich, sie so ganz heimlich und un- gtzstört beobachten zu können. Plötzlich flog der Ball infolge eines ungeschickten Wurfes durch die vordere Ladenluke zu mir in den Schopf hinein, gerade vor meine Füße. Ich hob ihn auf. es war ein schöner Gummiball mit vier verschiedenfarbigen Feldern, der kaum einem anderen Mädchen als Margritte gehören konnte. Da stand sie auch schon unter dem halbgeöffneten Schopf- törchen und sah das Spielzeug in meinen Händen. „Der Balb gehört mir," sagte sie feindlich und kam lang- sani auf mich zu. Ich ließ sie dicht an mich herankommen und gab den Ball mit halb unbewußtem Zögern frei. Im Weggehen wandte sich Margritte noch einmal böse nach mir uni.„Du hast ihn behalten wollen, ja, laß es nur gelten I" „NeinI" schrie ich grell heraus: ich fühlte, daß niir die Tränen wieder in die Augen traten. Sie blieb halb erschrocken stehen, aber es lag wenig Wohl- wollen in den: Blick, mit dem sie mich musterte. Und nun ver- zog sich ihr Gesicht zu einer schnippischen Grimasse.„Tu nur nicht so, man kennt Dich jetzt schon. So einer!.. tLor'aevung iolgl.» Napoleons cleiitTcKe Politik. Von Kurt Eisner. II. Ist die Rheinbundpolitik Napoleons in ihren kulturellen Ab- sichten unzweideutig, so erscheint seine preußische Politik zu- nächst als ein nicht ganz aufgehelltes Problem. Die preußische Politik Napoleons ist nur deshalb so schwierig zu enträtseln, weil die Geschichte keines Staates mit einem so un- durchdringlichen Lcgendengcslrüpp umrankt ist wie die preußiiche. In der Zähigkeit, mit der die preußischen Geschichtswerke immer die gleichen Behauptungen wiederholen, liegt die Kunst und Krast jener weltbetäubenden Preußenreklame, aus deren Jnnenzucht und Export man sich seit jeher bewundernswert verstanden hat. Kein Zweifel, daß Napoleon den preußischen Hos und die regle- rcnde Kaste Preußens zeitweilig hart behandelt und diese Gesell- schaft seine Verachtung empfindlich spüren ließ. Es war begreiflich. Niemand hatte seine Politik so mutwillig durchkreuzt wie die preu- zischen Machthaber. DerKrieg von 1806 war mit verbrecherischer Sinn- losigkeit begonnen und so schimpflich geführt und beendigt worden wie niemals ein Krieg in der Weltgeschichte. Napoleon konnte un- möglich vor diesem herrschenden Preußcntum Achtung haben, wie er auch nicht geneigt sein konnte, einem Konig finanzielle Scho- iung zu gewähren, der sich in den schlimmsten Nottagcn des Staates artnäckig geweigert hat, seinen gewöhnlichen königlichen Hauslialt n wenig einzuschränken. Es war auch unmöglich, daß ihm diese angliche Figur Achtung und Vertrauen einflößte, die vor keiner »terwürfigkcit gegen den Sieger zurückschreckte, aber auch gleich- icitig keine Tücke gegen ihn unterließ. Indessen, hat die preußische Politik Napoleons wirklich auch die Absicht und den Erfolg gehabt, daS preußische Volk, daS preu- ßifche Land die Sünden seiner angestammten Machthaber büßen zu lassen? Unbestreitbar, daß namentlich Ostpreußen— der Kriegsschauplatz von 180e/7, daS Durchzugsgebiet der großen Armee von 1812— wirtschaftlich schwer gelitten hat. Es war eine furchtbare Last, daß Preußen zwei Jahre lang eine französische Armee von 200 000 Mann ernähren mußt«. Aber 200 000 französische Bauern. und Handwerkersöhne legten dem Lande immer noch geringere Lasten auf als die Unterhaltung der zahllosen einheimischen Schma- rotzer des Hofes und des Adels; und die Fremden führten sich auch gesitteter auf als die preußischen Herren. Wenn das Wohlbefinden dieser ärgsten Presser Preußens jetzt etwas gekränkt wurde, so war das eine Entlastung des preußischen Volkes, die manch einem die französische Besetzung fast als eine Wohltat erscheinen ließ. Daß der Krieg den Krieg ernähren mußte, war keine teuflische Erfindung Napoleons. Der Grundfatz war vor allem von Preußen selbst erbarmungslos betätigt worden. Wie hatte doch Friedrich II. den siebenjährigen Krieg geführt! Herr Schmoller, zwar ein geborener Echlvabe, aber ein gelernter Preuße, der die Weisheit der Hohenzollern zu einem System der Nationalökonomie erhoben hat, erschauert in Ehrfurcht vor der„glänzendsten finan« ziellen Leistung" Friedrichs II.: eben dem siebenjährigen Krieg. „Während dieses ganzen Krieges beliefen sich die Einnahmen der Zentralkriegskasse auf 78 Millionen Taler, deren Grundstock aus dem Schatz zu Anfang des Krieges, den englischen Hilfsgeldern fetwa 10 Millionen), dem Münzgewinn— Herr Schmollcr meint die Münzs ä l s ch u n g!— und fremden Kontributionen sich zusammen- setzte. Dann wurden die gesamten ordentlichen Staatseinkünfte für den Krieg verwendet, alle Zahlungen wurden siftiert, die Beamten erhielten statt des Gehaltes Anweisungen, die erst nach dem Kriege eingelöst wurden; endlich wurden die Mittel der feindlichen Terri- torien möglichst herangezogen. Mecklenburg und Sachsen litten darunter wohl am meisten; ersteres berechnete seine Leistung auf 17 Millionen Taler, Sachsen auf 70 Millionen, ohne die schwere Verschuldung des Landes. Zu Ende des Krieges waren die preu» ßischen Provinzen freilich zu einem erheblichen Teil in einem ent- fetzlichen Zustand; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßige: ein Drittel der Berliner lebte von Armenunter. stützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr. Tau- sende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine Volks- wirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Kriege und dauerte noch mehrere Jahre. Aber der König hatte, als er den Frieden schloß, noch sehr große disponible bare Mittel zur Verfügung und f a st k e i n e S ch u l d e n." Friedrich II. hatte es in der Tat verstanden, seinen Schatz, der zu Beginn des Krieges 14 Millionen betrug, bei dessen Schluß aus 16 Millionen und bei seinem Tode auf 04 Millionen Taler zu steigern. Blutmillionen, die der König ausschließlich im Kriege aus Brandschatzung anderer Länder, im Frieden aus der steuerlichen Ausraubung der bettel- armen Bauern des flachen Landes und der bedrückten Handwerker der Städte gewonnen hatte. Schmollcr nennt das:„Das Größte, was ein Fürst als Feld- Herr, als Staatsmann und Finanzmnnn leisten konnte, war hier geleistet". Wie verbleicht doch neben dieser fridrizianischen Kunst der Menschenschinderei d�s„Raubsystem" Napoleons, wenn man selbst alles als wahr hinnimmt, was die preußischen Historiker davon erzählen. Warum feiern sie denn nicht die Finanzkunft Napoleons ebenso wie die Friedrichs II? Das war die preußische Kriegs- führung, die Mirabcau zu dem furchtbar wahren Witzwort veran» laßt«, die einzige Industrie Preußens sei der Krieg. Es war keine aus dem Haß und der Rache des unersättlichen Eroberers erzeugte Menfchenqnälerei, wenn Napoleon zwei volle Jahre Preußen die Last der Besetzung tragen lassen mußte, wie ja auch die Uebernahme der preußischen Verwaltung durch die Fran- zosen kein unerhörtes Beginnen war. Napoleon tat nur, was die Verbündeten in den Revolutionskriegen in Frankreich unter- nommen hatten; nur daß er humaner, die ganze einheimische Bcamsenschaft unter bloßer französischer Kontrolle in Tätigkeit beließ. Zuerst war Napoleon durch die Unklarheit der russischen Politik und die Rücksicht auf die türkischen Verhältnisse genötigt, die Truppen in Preußen zu belassen. In den ersten Monaten deS Jahres 1808 war er aber offenbar bereit, die Truppen zurückzu- ziehen. Als Stein nach Berlin reifte, um mit Daru über die Kritgskontribution zu unterhandeln, fand er ein überraschendes Entgegenkommen. Daru verstand sich sowohl zu der Herabsetzung der geforderten Summe um ein Drittel wie zum Verzicht auf die dem preußischen König anstößigste Forderung, für 50 Millionen Frank Domänen zu erhalten. Die Darstellung, die der sonst ver- dienftvolle Max Lehmann in seinem großen Stein-Werk von dieser Berliner Tätigkeit seines Helden gibt, ist auffällig dunkel. Napoleon war ebenso an einer gedeihlichen Entlvickelung Preußens interessiert, wie er den inneren Aufstieg der a n d e r n deutschen Staaten förderte. Er fügte Preußen keine styrannstchen Schädigungen zu, er ergriff keine härteren Maßnahmen, als durch die kriegerischen und politischen Notwendigkeiten bedingt waren. Das Elend Preußens war nicht durch Napoleon, sondern durch die regierende Kaste Preußens ver- schuldet, und es wurde durch sie auch nach dem Zusammenbruch erhalten und vermehrt. Freilich schleppten sich durch alle preu- ßischen GcschichtSwerke— eines vom andern abschreibend— die Riesenzahlen über die unerträgliche Auspressuug Preußens durch Napoleon. Die Geschichte der preußischen Kontribution ist ein sehr inter- essanter Beitrag zur Entstehung preußischer Geschichtslcgenben unk zur GswisseuhaftigZeit deutscher Geschichtsschreibung. � Alle Angaben über die Hochs der Kontribution gehen nämlich auf eine„Be» rechnung" Max Dunckers zurück. Es wird aber niemals erwähnt, wann und zu welchem Zwecke diese Berechnung angefertigt worden ist. Ergänzen wir diche Kon tribut ions iu m m e noch durch die Höhe der Kontribution, mit der die— geschichtliche Wahrheit belastet wird. Die Arbeit Dunckers, deren Ergebnis immer nach- geschrieben wurde, erschien zuerst 187 1 im Aprilcheft der«Zeit- tchrift für preußische Geschichte und Landeskunde". Schon der erste nah des Aufsatzes beweist den Zweck und die Glaubwürdigkeit:»Die Präliminarien vom 26. Februar dieses Jahres legen Frankreich eine Kriegskostenentschädigung von fünf Milliarden zugunsten Deutschlands auf. Die außevdeutsche Presse hat hierin ein« exorbitante Forderung, den schnödesten Mißbrauch des Sieges er- blickt." Herr Duncker hatte also, um die öffentlich« Meinung über die Fünfmilliardenforderung zu beruhigen, den Auftrag erhalten, einen Präzedenzfall herzurichten. Und er setzte sich hin und rechnete i» einem wilden Phantasiestück, daß Napoleon vom November 1806 bis 8. November 1808 aus Preußen 1 129 374 217 Fr.. und bü Cent. erpreßt habe. Für die Zeit vom November 1803 bis Oktober 1813 errechnete er dann weitere 583 821 843 Fr. 8 Cent. So genau war die Rechnung, bis auf 8 Centimes genau. Und Max Duncker hatte dann die Moral von der Geschichte fertig, um derenbwillen er seinen Rechenkopf strapaziert hatte: nach dem Maßstabe jener napoleo- nischen Kontribution und nach dem Unterschiede der Größe und des Reichtums Frankreichs und des damaligen Preußen hätte Frankreich nicht 5, sondern 20 Milliarden Kriegskostenentschädigung auf- erlegt werden müssen. Daß eine unter solchen Umständen und zu solchem Zweck ent- standene Berechnung an sich für keinen ernsthaften Historiker als eine durchaus lautere Geschichtsquelle gelten darf, ist eine Grund- regel der Geschichtskritit. Es wäre eine dankbare geschichtskritische Humoreske, einmal die Dunckersche Rechnung im einzelnen zu zergliedern. Indessen, das ist nicht notwendig. Jeder, der nur einmal einen Blick in alte preußische Finianzrechnungen geworfen hat, erkennt die lächerliche Unmöglichkeit jener Zahlen. Unmöglich in einem Lande, dessen höchste Jahreseinnahme— v o r der Tilsitcr Halbierung— 25 Millionen Taler gleich 92,5 Millionen Frank bc- tragen halte, dessen Kassenbestände nach der Schlacht bei Jena für den preußischen König gerettet, in dem keine entsprechende Kredite iin Anspruch genomntbn, keine neuen Einnahmequellen erschlossen worden waren; in dem endlich die leistungsfähigen Klassen keine Steuern bezahlten! Wenn jene Summe herausgeholt sein soll, so müssen doch Leute, dagswesen sein, die sie hergegeben haben. Die Rechnung Dunckers wird schließlich widerlegt durch eine amtliche Ausstellung des späteren Präfidenten der preußischen See- Handlung Rother. der die gasamten außerordentlichen Aufwendungen Preußens, in denen auch alle unmittelbaren und mittelbaren Leistungen für Kriegszwecke enthalten sind, fürdieganze Zeit von 1806bis 1812 auf 144,5 Millionen Taler gleich 534,7 Mill. Frank berechnet. Noch schärfer wird das Bild der wirklichen prcu- ßischen Leistungen, wenn mau die außerordentlichen, aus eigenen Mitteln gewonnenen Einnahmen betrachtet, die nach derselben amt- lichen Angabe für die Zeit von 1806 bis zum Ende der Frciheits- kriege im gatzen aus außerordentlichen Steuern 23,5 Millionen Taler, aus Zwangsanleihen 17,7 Millionen Taler erbrachten oder insgesamt 153,4 Millionen Fr.l Mit diesen wirtlichen Zahlen ver- gleiche man die 1871er Phantasiezahlen Dunckers. Hirn den Kunftfalons. Bei Paul C a s s i r e r sieht es diesmal etwas bunt aus. Da sind zunächst einige G r e c o s, von denen aber nur einer, ein von fahlem Bau umwitterter asketischer Heiliger, den jungen Ruhm des alten Meisters einigermaßen rechtfertigt. Daneben gibt es eine Wand, behangen mit den letzten Arbeiten des Ulrich Hübner, eine andere mit denen des Waldemar R ö ß l e r. Hübncr ist als Stillebenmaler bekannt genug; ein gewandter Arrangeur, ein tüchtiger Zeichner und ein gejchinackvollcr Farbengeber. Man fragt sich aber: ob diese Bilder ihre Reize behielten, wenn nicht bereits die Objekte biedermeierlich romantisch wären. Das unterscheidet Hübner sehr wesentlich von den alten Holländern, denen er wohl verwandt sein mochte. Pcrmecr, Tevborch und die übrigen regi- strierten redlich, wenn auch mit Wahl die Zimmer genau so, wie sie sie fanden; es war beste Gcgenwartsmalerei. Hübncr fühlt sich nur wohl, wenn Paretz und andere Schlösser aus dem Anfang des neun- zehnter» Jahrhunderts sich auftun; er braucht also Historie. Braucht Effekte und Assoziationen, die mehr kultureller als malerischer Art find. Man kann kaum sagen, wie seine Bilder geraten würden, wenn er einmal einen modernen Raum, etwa ein Zimmer von van de Beide, konterfeien würde. Aufmerksamkeit verdienen seine Versuche, sich der Landschaft zu nähern. Er zeigt uns einen stillen Gartenwinkel, zwei, drei einsame Beete, irgendeine verlorene Ecke zwischen winkelnden Häusern; man empfindet eine summende Stille unt etwa? von der sommerhaften Müdigkeit, wie sie alten Stgdten, deren Höfen und Menschen eigen ist. Waldemar Rößlcr wagt eS, der Natur keck in das AnUitz zu sehe». Das ist es, was ihn uns sympathisch macht. Man sieht sozusagen, wie der Maler die Natur an sich reißt; und es ist mehr dieser Prozeß des Einsangens, als die eigentlich« Gestaltung, was uns diese Bilder interessant macht. Das Motorische, die Erregung in den grünen Fahnen der Baumkronen, das Grollen in den Acker- schollen, das Trommeln in den Lüsten, dazu das grelle, fast schrille Hellgrün, alle diese Elemente nervöser Unrast lassen uns die Bilder dieses temperamentvollen Landschafters ehrlich gern haben. Nicht minder angenehm ist das Werk des R u d o l s G r o ß m a n n. Er beschert uns mit der Geste eines alten Sünders Roheiten, wie sie nur das Auge eines verliebten Jünglings zu sehen vermag. Was Groß. mann sieht, ist vom Augenblick geboren; wie er es gibt, das ist faserig, wellend, müde, alkoholisiert. Vorstadtstimmungen, jen- scits der Metropolen Herrlichkeiten, draußen, wo Schutthaufen ein- same Häuser belagern und alles nur da zu sein scheint, um wieder vergehen zu sollen; Menschen, die wie Schatten austauchen und vor- beitorkeln, irgendwo Schreie und über allem ein zähes, qualvolles Leiden. Eine Schwere, die fliegen möchte, und eine Beweglichkeit, die in sich selber starr wurde, so paradox ist alles, was Großmann macht. Fritz Gurlitt sPotsdamer Straße 113) will seinen Salon den Jungen und Jüngsten ein Sprungbrett werden lassen. Das zeigten alle seine letzten Ausstellungen; das bestätigt sich auch dies- mal. Zwar Charles C a m o i n, ein Pariser, ist nicht allzuviel wert; ein Illustrator mit dem Ehrgeiz, dekorativ zu wirken. Er hat aus Cezaune das gepflückt, was sich nutzen läßt, um ein wenig merk- würbig zu erscheinen. Der Mann kann übrigens mehr, als er können dürste, um ein Eigener zu sein. Er kann aber nichts mit soviel Intensität, wie notwendig ist, um eine grüne Scheibe wirklich als Apscl und so als ein Symbol glorreicher Natur wirken zu lassen. Drei junge Dresdener sind weit hoffnungsvoller. Zwei von ihnen, Ernst Müller-Graefe und Johann Johannson, saßen als Schüler bei Gustav Kühl. Von der Manier dcS Lehrers spürt man an ihnen fast nichts; man sieht aber deutlich, wie ein erfahrener Fachmann sie warnte, au den Klippen vorbeizustcuern. Solch Ergebnis spricht ungemein für die erzieherische Begabung des Dresdener Altmeisters. Wenn man sich der Bracht-Schüler er- innert, die einander zum Verwechseln ähnlich sind, so muß man vor Kühl, dem Lehrer, großen Respekt haben. Müller wagi sich an be- deutende Formate; er strebt zum Wandbild, Maurice Denis hat es ihm angetan mit seiner flimmernden, weißleuchtenden Blond- heit. Badende Frauen, glückliche Menschen, die den Somnier ge- nicßen, das heftig Bewegte, fliegendes Haar, zuweilen Explosionen, die an Telacroix erinnern, solcherlei gärt in diesem jungen Maler. Johannson kommt irgendwie von Anders Zorn. Er hat des Schweden Sonncnscligkcit. Der dritte Dresdener ist ein Bild- Hauer, P a u l P i l s. Eine starke plastische Begabung ließ sich durch den Barock des Zwingers begeistern und lernte zugleich von Rodin und Maillol. Das Fleischliche wird zum Monumentalen gesteigert. Gewagte Entrenkungen, Verschiebungen des Schwerpunktes werden zu Grotesken in der Art des bockenden Negers oder irgendeines teuflischen Wasserspeiers(barocke Gotik) genutzt. Am besten ist ihm eine Bildnisbronze gelungen, stark in der Menschlichkeit des Aus- drucks und schön geklärt im archltektonischen Drang. Seit einiger Zeit ist der modernen Graphit eine würdige Stätte bereitet. In dem graphischen Kabinett von I. B. N e u m a n n lKurfürstewdamm 33) trifft man gutgcwählte Kollektionen unserer besten Radierer, Lithographen und Zeichner. Ein geschickt zu- sammengestellter Katalog hilft uns die Blätter unserer Liebe schneller finden. Mann kann Barlach, Beckmann, Feigl, Hodlcr, Lehmbruck, Liebermann, Meid, Münch, Pottner und so fort sich reichen lassen und den Augen nahe bringen. Zum Genuß der Graphik gehört solche Intimität. Es gibt bei Neumann auch immer irgenideine kleine Ausstellung; diesmal Radierungen von O c st e r I e. ernste Arbeiten eines sich bedenkenden Naturbcobachtcrs. Außerdem: Lithos von Ludwig Kainer, flotte Szenen aus den Tänzen des russischen Balletts, eine gemäßigte Plakatkunst. Ein neuer Polykrates scheint in dem Kunsthändler Hugo Moses lPotsdamer Straße 118c) erstanden zu sein. Der Mann tritt zum erstenmal vor die Oeffcntlichkeit und bringt gleich eine Sammlung von Zeichnungen, Lithographien und Radierungen von Max P e ch st e i n, eine Sammlung von so unerhörter Kraft und Schönheit, daß man darüber fast alles vergißt, was eö sonst wäh- rend dieses Sterbens der Saison in Verlin zu sehen gibt Pechstcius Können ist wie ein Sturm, verheerend, aber fruchtbar zugleich. Er bricht die Dinge, um sie neu aufzubauen. In einigen dieser Blätter ist eine Großheit, wie wir sie spüren beim Anhören jener Schöpfungsgeschichten, die den Jugendzeiten der Menschheit ent- wuchsen. Jung wie der Urwald und doch klug und von zartester künstlerischer Weisheit gelenkt ist das graphische Werk Pechsteins. » Robert Breuer. KUmes feuiUeton. Aus der Vorzeit. Abermals ein vorgeschichtlicher Mensch in England gefunden. Eben erst hat der Aussehen erregende Fund deS Schädels einer prähistorischen Frau zu Pitldown in Susicx die wissenichaftliche Welt überrascht und schon wieder werden Einzel- Helten über eine neue hockbedeulimne Entdeckung bekannt. Nahe bei dem Dorfe Holling, am Westufer des Medway, 4 Meilen von Rochester, ivurde ein menschliches Skelett aus einer prähistorischen — 284— Epoch« aufgefunden. DaS Halling-Skelett, das mit der um- gebenden Slbicht, in der es gefunden wurde, in das Museum der Königlichen Aerzteschule in Lontem übergeführt wurde, ist rekon- struiert worden. Der t�chädel zeigte einen Gehirnraum von 1500 Kubikzentimeter, mehr als der des Durckicknittsmenschen von heute. Die Stirn wird als gut geformt beschrieben; die Zähne waren sehr abgenutzt und mehrere Backenzähne waren verloren, jedoch nicht an- gefressen durch die Karies, die beute die Zähne zerstört, sondern wahrscheinlich durch Wurzelabszesse zum Ausfallen gebracht. Der Mensch war von kleiner Statur, aber stark und breit gebaut; ander Stelle, wo er gefunden wurde, war er von anderen Menschen seiner Zeit begraben worden, und es fanden fich deutliche Anzeichen, dast die Menschen bereits die Kunst des Feueranzündens besahen: sie benutzten Feuersteininstrumente, die bei dem Skelett gefunden wurden. Phstfikalisches. Der Luftwiderstand im Simplontunnel. Bei jeder Eisenbahnfahrt, namentlich im Schnellzug, kann man die Be- obachlung machen, dah der fahrende Zug die Lust mit sich sorweiht. Er wird von einer Luftsäule begleitet, die leichte Gegenstände, wie Papier und dergleichen, eine Strecke weit mit sich nimmt. Auf der Vorderseite hat die Lokomotive natürlich einen Luftwiderstand zu überwinden. In Eisenbahntunneln steigert sich diese Schwierigkeit und zwar um so mehr, je länger der Tunnel ist. DaS ist der Hauptgrund, warum auch die Schnellzüge die Tunnel mit weit geringerer Geschwindigkeit durchfahren, als sie sie auf offener Strecke erreichen. Es ist berechnet worden, dah der Mehraufwand an Energie, der durch den Luftwiderstand im Tunnel benötigt wird, 33 bis 35 Wattstunden für jede Tonne und jedes Kilometer beträgt. Bei den elektrischen Schnellbahnversuchen, die vor Jahren zwischen Berlin und Zossen unternommen wurden, be- rechnete man den Luftwiderstand im Freien für eine Stunden- geschwindigkeit von 60 jkilomewrn auf vier Kilogramm für jede Tonne des ZuggewichlZ. Nach Messungen, die im Simplontunnel vorgenommen worden find, beläust sich der Lustwiderstand in diesem auf 6,3 Kilogramm pro Tonne für die gleiche Geschwindigkeit. Dieser Wert gilt aber auch nur für die günstigste Bedingung, wenn nämlich der Zug in der gleichen Richtung fährt, die auch der Ventilationsstrom nimmt. Läuft aber der Zug dem durch die Ventilation geschaffenen Luststrom entgegen, so wächst der Lust- widerstand auf 9,2 Kilogramm pro Tonne, also aus mehr als das Doppelte des Betrages unter gewöhnlichen Verhältnissen. Das merk- würdigste aber ist, dah ein Zug bei geringen Geschwindigkeiten, die unter 25 Kilometer in der Stunde bleiben, falls er mit dem Ventilati onsstrom fährt, durch diesen sogar eine Beschleunigung er- hält, so dah der Luftwiderstand im Tunnel geringer ist als wie ini Freien. Durch die Würdigung dieser Tatsachen erhält man auch erst einen Einblick in die Keohe Bednrtung, die der Eröffnung eines zweiten Tunnels durch den Simp'.on zukommen wird. Diese beiden Tunnels, deren Achsen um 17 Meter voneinander entfernt find, werden durch zahlreiche Querschläge miteinander verbunden sein, und dadurch wird fich das Gleichgewicht des Lustdruckes in beiden Tunnels iminer leichter wieder herstellen. Die Frage des Lustwider- standcs muh selbstverständlich auch bei den Tunnels der Untergrund- bahnen in sorgfältigsten Erwägung gezogen worden. Natltrwifsenschaftliches. Können die Schmetterlinge hören? Diese Frage untersucht Profeffor Dr. Karl Peter in der.Umschau". Er kommt dabei wenigstens zu einer bedingt bejahenden Antwort. Man hatte bisher schon der Annahme zugeneigt, dah Insekten hören können, da z. B. das Konzert der Grille nur dann einen Sinn haben konnte, wenn man es als eine Act LiebeSgesang ausfahte, bestimmt das Weibchen anzulocken. Aber es fehlte seither an Beweisen für diese Annahme. Professor Peter bat nun Experimente mit einer be- stimmten Schmetterlingsart angestellt, die wenigstens für diese Art das Vorhandensein eine? Gehörsinnes auher Zweifel stellen. Es handelte sich dabei um einen Vertreter der Gattung der Flechten- f pinner, Lithosiden. einen kleinen Falter von gelber Farbe; das von Peter beobachtete Tier heiht Luckrosa aurita und lebt in den Hochalpen. Die Männchen dieser Art besitzen unter dem Ansatz des letzten Fuhpaares eine grohe Schalldose, mittels dcrch: fie beim Fliegen ein eigentümliches knackendes Geräusch hervor- bringen. Beim Weibchen ist dieses Organ rudimentär. Peter konnte nun'feststellen, dah diese Geräusche dazu dienen, die Weibchen, die nicht herumfliegen, sondern träge im Grase sitzen, aufmerksam zu machen und zu erregen. Sobald nämlich ein Weibchen diese knackenden Töne eines MäunckenL hört, beginnt es mieden Flügeln und dem Hinterteil zu zittern. Dadurch erregt eS aber wieder die Aufmerksamkeit des Männchens, das fich daraufhin dem Weibchen nähert. P. konnte feststellen, dah weder der Geruchsinn, noch der Mistsinn dem Weibchen die Nähe des Männchens verriet. Die Reaktion trat nur ein, wenn das Männchen flatternd das knackende Geräusch von sich gab. Und umgekehrt reagierte auch das Männchen nur auf die zitternden Bewegungtn des Weibchen?. Hielt man em Blatt Papier zwischen beide, so flog d»s Männchen ruhig vorüber, obwohl ihm der Duft das Weibchen hätte verraten müssen. Bei dieser Schmetterlingsart scheint also beim Männchen das Gesicht, beim Weibchen das Gebor der wichtigste Sinn zu sein Scbacb. Unter Leitung von S. Alapin. Turri»(Schachwelt). sbodefgh b c d e f g 2-st(Ol— TJch*1) Französisch. Durch Brieswechlel im Jahre 1812 gespielt zwl chcn den SchachktubS in; Barcelona Valencia 1. e2—©4 e7— e6 Der Krebsschaden der symmetrischen Entgegnung«7— e5 besteht dann, daß Weih dann immer viel leichter zu 62—64 kommt als Schwarz zu 67— 65. Durch den Teytzug wird die Möglichkeit de» wichtigen Eni. wickelungszuges 67—65 gesichert. Allerdings wird hiermit LoL ein» geschräntl. Aber bei der ungerechten, symmetrischen Anfangstellung der Steine lägt ssch irgendein Vorteil de» Anziehenden nicht vermeiden. 2. 62—64 67—65 3. Sbl— o3..... Dies ist daS üblichste und hat den Zweck, unter Vermeidung des Abtausches oX65, sX65 die Einschränkung des 4,c8 ausrecht zu erhalten. Jedoch wird durch die Vermeidung des erwähnte» Abtausches aus 65 dem Gegner ein Angriff aus die exponierten weihen Zcnttnmsbauern eingeräumt, was auch bei 3. s5, o5 I der Fall ist. Will Weih c>X65 vermeiden und doch den Angriff behaupten, so im er am besten daS.Gambit Atapw", in 3. Lo3 bestehend, anzuwenden.(Verhindert c7—c5 und droht somit s4— sS) Falls hieraus 3...... 6Xe4 folgt, so wird mit 4. 862 geantwortet, und Weiß wird entweder den Bs4 aus die Dauer zurückgewinnen(mit a3, o4, Dc2 und Sgl—©2— o3) oder nach 4...... f5; 5. 13, ef3; 6. SXf3 bei dem großen Entwickelungs- vorsprung nebst offenen Linien und Diagonalen auch noch wegen der dem schwarzen Ipiete anhaftenden Schwächen(das Feld v5 z. B.) einen sehr aussichtsvollen Angriff für den Gambitbaucr erlangen. 3...... Sg8—£8 4. Lei— g5 65Xe4 Ei» von A. Rubinstcin und Dr. Em. LaSker besürworteter Tempoverlust, statt dessen wir die einfache Forlsetzung 4...... Le7! vorziehen, z. B.: 5.»5. 8167; 6. LXU DXI-; 7. 855, Sb6; 8. c3, a6; 9. Sa3, 806! (iliaptn); 10. f4, Ld7; 11. 1.63, 868; 12. 813, 15 nebst Sf7 und Vorbereitung von gl— g5. Den Angriff wird eher Schwarz haben. 5. 8o3Xe4 Sb8— 67 In Betracht kommt 5.... Lei; 6. Ld3, 8X8! 7. LXI* SXß I?: 8. LXD, SXD; 9. I.X07, SXb2; 10. L«2, Sa4 je. Für den Bauer hat Weiß allerdings großen Eni- wickeiungsvorsprung. 6. 161—63 168—67 7. Se4Xf6f..... Tempoverlust, statt dessen 313 oder I)v2 vorzuziehen war. 7...... 867X66 Besser LXf6! 8. Sgl— f8 b7— b6 Ein geistreiches, von A. Rubmstein herrührendes Manöver zur Befreiung des LcS. 9. Sf3—©5 Lc8— b7 10. L63— b5t o7— 06! 11. Lg5Xf6..... Auf 11. SXc6 folgt U.... Dd5 oder 11. LXcOf, LXL; 12. SXI-, Dd5; 13. Df3, DXD; 14. gXf3, Tc8; 15. 3X1-(3X»7 1?) Ib.... TXc2 I 2C. 11...... 1-67X16 Besser war giyj6. 12. Ddl— f3 Dd8— 65? Kostet einen Bauer, der mit 12.... oXb5; 13. DXI-, 0— 0 zu retten war. 13. 1)53X65 e6Xdö 14. LböXcöf Lb7Xo6 15. SeöXcö Ta8— c8 16. So6— b4 166X64 Verhältnismäßig besser«7—«5! (16.... a5; 17. 3X65, TXoS I 2C.) 17. c2— c3 Ld4— c5 18. Sb4Xd5 0-0 Aus 18.... Td8(oder 16 nebst Kf7) hätte es Weiß schwieriger, zu gewinnen. 19.'0—0—0 To8— e8 Tle8 hätte ein Tempo gespart. (Siehe den 21. Zug von Schwarz), B12 war natürlich wegen 3o7s- untunlich. 20. T61— 63 21. Tbl— dl 23, b2— b4 23. Kol— b3 34. Kb2— b3 TeS— e5 T!8— c8 Lc6— 18 17—15 K7" Gestattet den Abtausch, waS mit Kl? oder Ted zu vermeiden war. 25. 865— föf 26. 816-67 27. 867X18 28. Td2— 67 29. Td7Xe7t 30. Tdl— 62 31. 12—13 Kg8— g7 T06-— o7 ToSXfS T18-I7 Tf7Xe7 15-14 Aufgegeben. In einer Korrespondenz Partie ist dieses Ausgeben in einem noch nicht ganz geklärten Stadium erklärlich. Der schwarze König kann nämlich die 6-Reihe ohne Turmtausch nicht passieren, weshalb Weiß sich nngc- hindett auf dem Damenstügel einen Freibauer verschaffen kann. Dieser wird mit Unterstützung seines Königs ungehindert zur Dame vordringen bezw. dem Gegner einen Turm kosten. Verantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u. VerlagSanstaltPaul Singer«rCo..BerlinSV.