Zlnterhattungsblatt des vorwärts Nr. 76. Freitag den 18. April 1913 Die Kauern von Steig. Roman Von A l f r e d H u g g e n b e r g e r. Der G ü t e r b n b. Während der nächsten Wochen konnte ich mich ohne Mühe überzeugen, daß mein gesunkenes Ansehen bei den Mitschülern nicht so leicht wieder in die Höhe zu bringen war, besonders da der Lehrer mich sozusagen als erledigt betrachtete und mich beim Fragenstellen beharrlich überging. Sogar Mina Stürler schien sich plötzlich nichts mehr aus mir zu machen, sie ließ sich nicht ein einziges Mal mehr herbei, mir bciiu Rüben- stampfen behilflich hu sein. Daneben hatte ich reichlich Gelegenheit, mich darüber zu ärgern, daß Margritte Stamm jetzt ohne weiteres als Kin- spergers Schatz galt, und daß sie diesbezügliche Andeutungen nicht einmal übel zu nehmen schien. Zwar schrieb ich in mdn Notizbuchlein, ich möge dem Kinsperger so eine Stolze und Hoffärtige Von Herzen gönnen, sie sei ja nicht einmal besonders hübsch. Denn dieses hatte ich mir in der letzten Zeit kramps- Haft einzureden Versucht, allerdings nicht mit dem gewünsch- ten Erfolg. Unbewußt zog ich mich nach und nach doch ein wenig auf mich selber und auf meine neue Umgebung zurück. Ich schloß unter anderem einen kleinen Freundschastsbund mit dem Kälbchen Muckerli, das seinerseits meine Zuneigung offen- sichtlich und rückhaltlos erwiderte. Sobald ich in den Stall trat, stellte es seine Versuche im Wiederkäuen ohne weiteres ein. Es stand auf, sträußte die Ohren nach mir hin und ließ nicht nach mit Blöken und Drängen, bis es mich in seiner Nähe hatte. Damit war es aber noch nicht zufrieden, sein aufge- regtcs Weien fand erst dann gewissermaßen einen Richepunkt, wenn es ihm gelungen war, einige meiner Finger ins Maul zu bekommen. Da lullte und tuschte es nun mit einer Selbst- Vergessenheit und Hingabe, die einer besseren Sache würdig gewesen wäre. „Das ist nichts als seine Natur," bclubrte mich der Hamß.„Das Kälbchen bat Versland und tveiß, daß die fechte Milchquelle nicht der hölzerne Kübel ist." Wenn es nicht gar zu kalt war, durste ich Muckerli etwa in der Mittagsstunde auf des Nachbars Hofraum spazieren führen, wobei ich mich mit meinem Meister ehrlich in die kleine Schadenfreude teilte, wenn der Steinli-Nöggel mir mit ingrimmigem Gesicht hinterm Schopstörchen oder Vom Küchenfensrer aus zusah.„Eh Muckerli! Bis artig, Mu- ckerli!" sagte ich und ärgerte mich nicht im geringsten über Steinlis Verbissene Schimpfworte, die zum Teil meinem Meister, zum andern Teil dem Kälbchen galten, dessen bal- diges Ableben sein innigster und ohne Ilmschweife ausge- sprochener Wunsch war. Auf solche und ähnliche Weise Vermochte ich dem mir angeborenen Trieb, irgendwie und irgendwem in der Welt etwas zu bedeuten, einigermaßen Luft zu schaffen. Und während ich in der Schule nach wie Vor hart unten durch mußte, war ich daheim umso williger und eifriger dabei, wenn mich der Zeigerhaniß mit beschaulicher Gründlichkeit zu allerlei Hantierungen, insbesondere zu seinem Gehilfen im Stalldienst abrichtete. Ich bildete mir nicht wenig ein, Wenn ich am Sonntagmorgen die drei Kübe Laubi. Sckägg und Hörni blankgeputzt über die Straße an den Brunnen führen durste. Und als mir der Meister auf Zusehen bin sogar die beiden Rinder Müsli und Spiegel anvertraute, da meinte ich, das ganze Dorf müsse zusammenlaufen und zusehen, wie leicht ich mit den muntern und ausgelassenen Tieren fertig wurde.„Das bedeutet goppel beim Haniß eine Aenderung vor dem Tod," sagte der Schuhmacher Napf ein- mal am Brunnen zum Steinli-Nöggel.„Der hat noch nie einem Dienstbuben ein Stücklein Vieh in die Hände gegeben, immer meint er, es könnte eine Kuh oder ein Ochsli nnge- rechterweise ein böses Wort bekommen." Und eines Tages ioußte Frieda zu berichten, der Armenpfleger Stocker habe geäußert, er hätte gar nicht geglaubt, daß der Kaibenschlingel noch so anstellig wäre, weil er doch aus dem Oberdorf stamme. Auf dieses letztere sagte der Zeigerhaniß eine gute Weile nichts. Ich glaubte, er habe das Wort kaum beachtet und denke an etwas anderes, als er mit ziemlicher Gereiztheit herausfuhr:„Die Untern glauben immer, sie haben den Be- griff allein gefressen! Wie wen« das weiß Gott was für eine Kunst wäre, einen Hof zu erben oder zu erweiben!" Das widerwillige Lob aus dem Munde des Pflegers freute mich heimlich doch, besonders da es gerade Frieda hatte hören können. Denn diese pflegte mich wegen der kleinsten Ungeschicklichkeit anfzuziehen. Bei jeder Arbeit gab ich mir doppelt Mühe, lvenn ich sie in der Nähe wußte. Ich werde ein fchöner Ackerbub sein, sagte sie oft: ich wisse ja nicht einmal, ob man das Vieh vorn oder hinten am Pflug einspannen müsse. Indes nahm ich ihr die Neckereien nie im Geringsten übel, im Gegenteil, ich freute mich heimlich, tvenn sie sich mit mir abgab. Das Lachen stand ihr so gut, daß ich immer bei mir denken mußte, so ein hübsches Mädchen werde mir später wohl nie mehr begegnen. Beim Zeigerhaniß hatte ich einen besonderen Stein im Brett, weil ich, wie er sich ausdrückte, das Vieh nicht verachtete.„Wenn einer das Vieh verachtet, ist selten etwas mit ihm los," behauptete er.„Ein Stall ist keine Fabrik! Ja, wenn die Tiere keine Augen hätten, dann wäre es etwas anderes." Wenn ich der mittleren Kuh, deiwSchägg, unterm Kinnbacken kraute, wobei sie den Hals lang ausstreckte und mir das Maul zutnnlich auf die Schulter legte, oder wenn ich dem Kälbchen Muckerli, das inzwischen seinen schmalen Platz an der Krippe bekommen hatte, jeden Abend ein Häuf- chen besonders zarten Futters für den kommenden Tag zu- rüstete, sogte er manchmal zu mir:„Bub, wenn Du so fortmachst, kommen wir zwei miteinander aus. Und es steht nirgends geschrieben, daß aus Dir nicht noch ein richtiger. Bauer werden kau». Der Johairn Strecker ist auch als Knechtlein mit drei Franken im Sack nach Dreihäusern hin- auf gekommen, jetzt hat er das zweitschönste Gütlein oben, er will es in zwei Jahren auf acht Kühe bringen. Hin und wieder kcnn er dann einmal ins Plandenr und Erzählen.„Ja, ja, auf den Höten ist halt das Land besser kaufen, als unten im Dorfbann, ich hätte eS au so einem Ort auch weiter gebracht. Aber einer von uns drei Brüdern bat doch dieses Heimeli übernehmen müssen, sonst wäre es ja in fremde Hände gekommen. Was meinst Du, wenn ich jetzt da am Haus vorbei müßte wie ein Hund, den man verkauft hat und den sein alter Meister, wenn er zu ihm zurück will. mit der Viehpeitsche vom Hofe jagt? Und das Land? Meinst Du, ein Acker sei einfach ein Acker. Meinst Du, es können einem beim Schaffen nicht auch allerlei Gedanken kommen, wenn man weiß, daß schon Vater und Großvater auf dem gleichen Boden gekarstet, gesät und an ihrem Leben hermn- studiert haben? Wart nur, bis es einmal aper ist und ich Dir mein Land zeigen kann! Und das Holz im Helligen I Du weißt jetzt noch nicht, was Holz ist. Ja Du wirst Dich noch verwundern! Wenn ich schon ein Oberdörfler bin, meinen Teil an der Welt bab' ich doch. Zum Beispiel, ich sage bloß von der hintern Weid! Das sind anderthalb Jucharten, nickst ein einziger Schuh uneben, für Frucht gibt es gar kein bessere Lage. Und dann die obere und die untere Breite, die Talerwiesc und der Heimepacker! Auf den Hcimenacker Hab' ich eimmdzwanzig Jähre passen müssen. Einundzwanzig Jahre sind nicht lang: weißt, wenn man etwas will, muß man Geduld haben. Das ist wahr, mit den Häusern sind wir im Oberdorf nicht ganz auf der Höbe. Aber was das Land angeht, da laufen uns die untern den Rebidaz nicht ab! Und den Begriff haben wir so gut wie sie. Weißt, den Be- griff meine ich halt. Es kann sich einer lang auskennen in allen Fruchtsorten, er kann dem Boden auf eine Stunde weit ansehen, ob er besser für Weizen oder für Erdäpfel taugt, darauf kommt es nicht an." An solchen Abenden fühlte ich mich etwas mehr als sonst. obsckwn ich nicht alles von dem verstand, was er sagte. Ich fing an, ordentlich auf dem Gedanken auszuruhen, daß es nun bald auf das Examen und auf den Frühling gehe, wo dann für mich alles ein neues Gesicht annehmen mußte. Denn außer meinem Meister hatte mir dann fast niemand mehr etwas zu befehlen. Und tvenn ich noch etwas weiter dachte— es war ja nur um drei, vier Jährchen zu wn. dann war ich ganz mein eigener Herr und konnte gewiß schaffe», so gut wie der Christian Hciimi, der bei Kirchenpfleger Straßers Knecht war und trotz seiner Jugend schon sieben Franken Wochenlohn verdiente. Er sagte, wenn er gern von der Steig weagefr und zwanzig oder dreißig, oder gar vierzig Stunden weit',ren aller französischen Waren durchsetzte, trotz des Geschreis der Berliner Fabrikanten; der Zugaug wurde gegen Wertzölle von 4 bis 25 Proz. gestattet. Das war gewiß zunächst im französischen Interesse; französische Kaufleute folgten den siegreichen Heeren, um neue Absatzmärkte zu gewinnen. Aber durch den Esteve-Tarif wurde nicht nur der empfindliche Warenmangel zugunsten der vreußischen Bevölkerung behoben, er war überhaupt die erste Grschü�eniiig des preußischen Prohibitivsystems, maii darf ihn auch als den ersten Schritt zum deutschen Zollverein bezeichnen. Diese Maßnahme der französischen Verwaltung blieb der einzige Handels- politische Fortschritt in der preußischen Reformära, die auch auf diesem Gebiete über aktenschwere Diskussionen über das richtige „Fabriquensystem" nicht hinauskam. So segensreich und notwendig erwies sich der Esteve-Tarif, daß er nicht bis 1813 beibehalten und erweitert wurde, sondern daß zwer öfs.atlich und demonstrativ in demselben Edikt vom 26. März 1813, das die Kontinentalsperre für die englischen Waren aufhob, ein Einfuhrverbot für die französischen Waren verfügt wurde, daß man aber insgeheim das Edikt dahin„deklarierte": die französische Einfuhr sei weiter nach dem Esteve-Tarif zn gestatten! Noch im Jahre 1814, als man wieder einmal in den preußischen Amtszimmern über die handelspolitischen Systeme stritt, hob der Chef des Departements für Gewerbe und Handel im preußischen Ministerium des Inner» die„hochheilsamcn" Folgen jener frcmdherrlichen Maßregel hervor. Wie weit im einzelnen die direkte Ei-nwirkung Napoleons auch aus die preußische innere Politik gegangen ist, wird man vielleicht erst dann erkennen, wenn man endlich bei uns den Mut gefunden haben wird, den Briefwechsel zwischen dem preußischen Hos und Napoleon zn veröffentlichen. Wichtiger aber als alle Reformen, die durchweg in Preußen nur Versuche blieben, ist die durch Napoleon herbeigeführte Umwandlung des öffentlichen Geistes. Tie frische Luft des napoleonischen Schöpfungsdranges wehte auch über die preußische Grenze. Der Refvrmciser in den Rheinbundstaaten, die Erschütterung und Ent- lgrvung aller alten i'lutoritäten, der Zusammenbruch der Herr- schendcn Fäulnis— all das bildete und erzog die neue Generation auch in Preußen, die dann des Aufschwungs von 1813 fähig>v«..rd. In einem anderen und tieferen Sinne sind die Freiheitskriege Napoleons Werk gewesen. Nicht sowohl der Druck als das Bei- spiel der französisckien Herrschast bat d'e vreußischen Untertan« innerlich wiedergeboren. Die wilden Hasser des Welschen, de« Tyrannen, des Unterdrückers der Freiheit, waren unbewußt erfüllt von französisch-revolutionärem, freilich allzu„tcutsch" umsponnene« und versponnenem Geist. Selbst Schmölln: schildert den Zustant Preußens vor Jena also:„Eine rohe Naturalwirtschaft mit brutale« fcudalcr Klassenherrschaft herrschte auf dem Lande; die Städte waren verarmt, eine korrupte Oligarchie herrschte in ihnen. Di« große Masse des Volkes und die kleinen Leute lebten ohne viel eigenes Nachdenken iir dumpfe«! Drucke dahi n".(Folgt eine Bemerkung über die Hohenzoller» als die einzige Rettung gegenüber einer„verkommenen Arist»» Iratic".) Die bürgerlichen Frciwillig-n von 1813 stammen- denn auch aus einer anderen Welt. Der Jakobiner Napoleon hat seine Schäle r gegen sich bewaffnet! Letzten Endes war Preußen— und das allein erklärt Napo» leons Verhalten— für sein System die Vollendung seiner Rhein» bundspolitik. Ein in den Machthabcrn gedemütigteo. in den Gren- zcn beschränktes und dann von innen heraus nach den Methoden der französischen Reform erneuertes Preußen ncberke erst sein» Koniinentalpolitli gegen den Anprall der feindlichen Weltmacht«. Seinen Groll gegen Preußen ließ er vielleicht au den Schuldigen, au den Persönlichkeiten der Herrschersamilie und hrcn Trabanten aus, eine Mißhandlung preußischer V o l k s küteressen lag auch ihm Wr fern,' ebenso wie eine Aenderung'seines Systems aus— Acrger und Wut. Niemals hatten die Preußen so zivilisierte Eroberer aus ihrem Boden gesehen. Als während der französischen Okku- Pation eine französische Verordnung in Schlesien die bisher ver- botene Wollaussuhr gestattete, genügten die Vorstellungen des Freiherrn v. Stein, daß dadurch nur ein paar reiche Leute nur nock,' mehr bereichert, sechzigtausend arme Tuchweber aber ge- schädigt würden, um die Verfügung sofort rückgängig zu machen. Nack" dem Abzug der Franzosen setzten die Junker dann doch die Aufhebung des Verbots durch! Es lag außerhalb des Glistems Napoleons, die Völker zu mißhandeln, lind dieses System ist endlich auch durch keinen Zug der Grausamkeit und der Ungerechtigkeit befleckt. Die stolze Strenge und doch freie Manneszucht der napoleonischen Heere war in Deutschland eine unerhörte Erscheinung. Und doch wurde die deutsche Sentimentalität gerade durch die Exekutionen Napoleons aufgeregt. Napoleon hat selbst einmal gesagt, daß er oft strenge Drohungen ausgestoßen habe, um nicht strafen zu müssen. Auch das ist die Wahrheit, und von allen Vorwürfen, die man gegen Napoleon erheben kann, ist der der Grausamkeit der unverdienteste. Die wenigen Exekutionen, die Napoleon bornahm, um durch Bei- spiele abzuschrecken, waren dem Recht und dem Gesetz gemäß. Zornig drohenden Proklamationen folgten unendlich milde Aus- führungen, wie sie vorher und nachher niemals erlebt wurden. Bis in die wissenschaftlichen Werke verirren sich Schauergeschichten, wie die Niederbrennung und Plünderung von Hersfeld. Während in Wabrbeit diese ehrwürdige Stadt noch heute unversehrt existiert, kein Mensch geplündert und nur vier wertlose Häuschen außerhalb der Stadt zur Strafe für den Aufstand und zur Abschreckung der Aufrührcr eingeäschert wurden. Ebenso milde verfuhr man im Königreich Westfalen nach der Dörnbergschen höchst gefährlichen Verschwörung. Gegen das eigene Volk haben die deutschen Regie- rungen niemals, bis in unsere Zeit, solch humane Rücksichten wallen lassen. Unter der Fremdherrschaft wurde das neue Deutschland ge- boren, und aus dem Trümmerhaufen, in den nach dem Zusammen- bruch Napoleons seine Schöpfungen vandalisch verwandelt wurden, sind die wertvollsten nnd festesten Bausteine für die spätere immer uoch nicht vollendete Wiedergeburt gewonnen worden. ..Ich hatte zwei W�ge, ich konnte die Freiheit herbeiführen durch die Völker gegen die Fürsten, oder ich konnte versuchen, durch die Fürsten allmählich die Völker für die Freiheit erziehen *u lassen." So ungefähr hat Napoleon auf St. Helena das Pro- blem feiner Politik formuliert. Der ehemalige Jakobiner hielt die Völker nicht reif für Freiheit und in diesem Mißtrauen wählte er den anderen Weg, auf dem er scheiterte. kleines feuüklcii. Statistisches. D i c Großstädte Indiens. Eine Mitteilung kn dem Neuesten Heft der„Zeitschrift für Sozialwifsenschaft" bringt folgende interessanten Tatsachen aus dem Gebiete des indischen Mroßsiadtlebcns: Trotz seiner Gesamtbevölkerung von 313 Millionen Menschen besitzt Britisch-Ostindien doch nur eine verhältnismäßig geringe Zahl von Großstädten. Man kann sie an den zehn Fingern her- zählen, wenn man nur die Städte mit mehr als MV Ovo Eich, wohnern berücksichtigt, während die Zahl der Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern auch nur etwa 2 Vi mal so groß ist, also eben- falls weil unter der Zahl der Großstädte in Großbritannien oder tn Deutschland bleibt. Indien ist eben im wesentlichen noch immer ein Lano mit landwirtschaftlicher Tätigkeit, während sein Gewerbe größtenteils auf den Absatz in der unmittelbaren Nachbarschaft zugeschnitten ist. Hier sind die Namen der erwähnten zehn Großstädte mit über 200 000 Einwohnern: Kalkutta(1,222 Tausend), Bombay l979), Madras(319), Hydcrabad(301), Rangoon(293), Lucknow(260), Delhi'(233), Lahor(229), Ahmedabad(216), Benares(264). Ber- gleicht uian deren Bevölkerungszahl, wie sie durch die Volkszählung vom Jahre 1911 ermittelt worden ist, mit der Bevölkerungsziffer vom Jahre 1961, so ergiebt sich eine Erscheinung, wie sie sich wohl in keinem Lande der Welt beobachten läßt. Das Wachstum der Städte an Bevölkerung ist überaus mäßig, ja es gibt solche, die in ihrer Einwohnerzahl stehen bleiben oder sogar zurückgehen. Zum Teil ist dies auf die Pest zurückzuführen, die in manchen von ihnen arg gewütet hat; zum anderen Teil aber darauf, daß für die indischen Städte die mannigfachen Ursachen der Zunahme nicht vorhanden sind, die in Osteuropa und Nordamerika die Bevölke- rungsziffer der Großstädte so schnell in die Höhe springen lassen. Die indischen Großstädte gehören zwei verschiedenen Typen an. Vier davon sind Seestädte, die den englischen Handel ver- Mitteln und ole'.ckzeitig Stützpunkte der englischen Herrschaft über Ju.dien sind. Es sind dies Kalkutta, Bombay, Madras und Ran- goon. Ihnen stehen vier alt indische Städte gegenüber: Delhi, Lahore, Lucknow und Ahmedabad Hauptstädte früherer Dynastien und Zentren des religiösen Lebens. Der in mehreren Be- Ziehungen vorhandene Gegensatz der angloindischen und der tat- sächlich indischen Städte tritt in auffallender Weise in der Verhält- nisziffer des männlichen Geschlechts zum weiblichen in. die Er- scheinung. In den angloindischen Städten beträgt die Zahl der Männlichen Einwohner beinahe das Doppelte der weiblichen Ein- Wohnerzahl(nur Madras macht davon eine Ausnähmest während für die echt indischen Städte die Verhältnisziffer beider Geschlechter eine ziemlich normale bleibt. Ein Leidenskapitel der indischen Großstädte bilden die Fragen der Hygiene. Das Zusammenpferchen der hungernden, unwissen- den Bevölkerung in den Mietskasernen— den berüchtigten Chawls — führt zu den greulichsten Zuständen, die aus Indien einen Seuchenherd für die ganze Welt gemacht haben. Die Gemein- gefährlichkeit solcher Verhältnisse hat endlich dazu geführt, daß jetzt die englischen Machthaber Pläne zu Verbesserungen ernstlich auf die Tagesordnung gesetzt haben. Eine vielleicht für die Fremdherrscher noch unangenehmere Begleiterscheinung de» indischen Grotznadtlebens bildet das An- wachsen der Revolutionsgefahr. In drei Bezirken sind es notorisch die Großstädte, von denen die Bewegung ausgegangen und in denen sie genährt worden ist. Es ist der englischen Regierung daher nicht unlieb, daß noch immer erst ein Zehntel der Bevölkerung Ost- indiens in Ortschaften mit inehr als 3606 Einwohnern lebt. Sie wird auch künftighin das Wachstum der Großstädte mißtrauisch betrachten und ihm kaum eine übermäßig große Förderung zuteil werden lassen. Hauswirtschaft. Grüne Heringe. Die sogenannten grünen— d. h. frischen — Heringe sind nicht nur die billigsten, sondern auch die schmack- haftesten unter den Seefischen, die auf den Tisch de? kleinen Mannes kommen. Die Heringe gehören in die Gattung der Fett- fische, die zumeist nahrhafter sind als daS Fleisch der Säugetiere. Am größten und fettesten sind die Hochsceheringe. Die kleineren und weniger fetten Küstenheringe leben stet? in der Nähe der Meeresküste. Unter diesen zeichnen sich durch besonders zarte» und wohlschmckeudes Fleisch die nicht mehr als spannenlangen, von den Händlern..Stralsunder" genannten Fische aus, die mit Ende de» Winters bis tief in den. Frühling hinein auf den Märkten erscheinen. Der gebratene und in Essig eingelegte Hering ist eine allgemein beliebte Volksdelikatesse. Daß er auch recht gute warme Gerichte gibt, ist weniger bekannt. Grüne Heringe müssen tadellos frisch sein, wenn sie munden und bekommen sollen. Die Köpse müssen hell, die Kiemen dunkel- rot aussehen. Vor allem darf den Fischen auch nicht der geringste unangenebme Geruch anhaften. Das Schuppen geht am besten in einer großen Schüssel mit Wasser von statten. Dann werden die Fische innen sorgfältig gereinigt, von aller schwarzen Haut befreit und in wiederholt erneutem Wasser gewaschen. In eine Schüssel legt man nun einen umgekehrten Teller und darauf die Heringe, die leicht eingesalzen mehrere Stunden stehen müssen. Damit sie besser mit dem Salz durchziehen, steche man jeden Fisch mehrmals mit einer Gabel. Brathering als warmes Gericht. Die vorbereiteten Heringe werden abgetrocknet, in Roggen, oder Weizenmehl gewälzt, dem etwas geriebene Semmel zugesetzt wurde und in Palmin zu schöner Farbe gebraten. Man beträufelt die gebratenen Fische mit einigen Tropfen Zitronensaft und ißt dazu Kartoffelbrei mit brauner Butter und saure Gurke oder Kartosselsalat. Ilebrig bleibende gebratene Heringe werden in Essig eingelegt. Das nötige Quantum Essig wird aufgekocht und nach Geschmack verdünnt. Mau fügt Lorbeerblatt, Pfefferkörner und Gewürz hinzu und legt die Fische in die erkaltete Marinade. Gekochte Heringe in grüner Sauce. Aus bellein Schwitzmehl und Wasser, Zwiebelringen, einer halben Tasse süßer Milch, Salz und Pfeffer kocht man eine diinnseimige Sauce, die man abkühlen läßt. In die kalte Sauce legt man die Heringe, läßt sie aufkochen uitd noch einige Minuten an heißer Stelle ziehen. Beim Anrichten würzt man die Sauce mit gehackter grüner Petersilie. Grüne Heringe in Gelee. Hierzu bereitet man einen Fischsud aus gesalzenem Wasser, das man mit gutem Essig, Lor- beerblatt. Pfefferkörnern, 1— 2 Nelken, nach Belieben auch mit 1 bis 2 Bouillonwürfeln verkocht hat. Die Heringe werden hineingelegt und nach dem Aufkochen aus ein« heiße Stelle gesetzt, bis sie gar sind. Mit dem Schaumlöffel hebt man sie heraus und legt sie in passende Schüsseln. Die Brühe wird sorgfältig abgeschmeckt und mir 13 Grmnm bester weißer Gelatine oder einem Päckchen pülveri- sicrtcr Oetkcrgclatine auf Is Liter Flüssigkeit verkocht. Die Brühe wird durch ein Sieb aus die Fische gegossen. An einem kühlen Ort erstarrt 3mS Gelee in einigen Stunden. Wenn man da? Gelee stürzen will, so halte man die Schüssel einige Augenblick« in heißes Wasser und stülpe sie dann auf einen Teller. Bratkartoffeln passen dazu. m. kt. Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPanl Singer KCo., Berlin ZlV.