Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 80. Freitag den 25. April 1918 10] Die Bauern von Steig. Roman von Alfred Huggenberger. Der Großvater lvar als junger Kerl nachts mit einem Kameraden von der Zimmerwalder Kilbi heimkehrend über den Berg gekommen. Als die zwei, vom Tanzen und Schle- geln müde, in halbem Schlaf hinten über die Nachtweid gingen, auf der man nach damaligem Brauch das Zugvieh nachts frei herumlaufen ließ, wollte es der Zufall, daß der Großvater iiber einen auf dem Rasen liegenden schwarzen Gaul hinfiel.— Bei dem schwarzen Gaul angelangt, kam die Erzählung regelmäßig in einen schnelleren Fluß.„Der Klepper, nicht faul, springt auf und davon, mein Großvater kann sich mit Not auf ihm festmachen.„Meel bätt! Meel bätt!" ruft ihm der Kamerad nach.„Ja, kannst dann lang beten, wenn er Dich schon hat!" gibt ihm der Großvater zu- rück, denn er glaubt auch nichts anderes, als daß er es mit dem leibhaftigen Gottseibeiuns zu tun habe. Der Gaul läuft derweil in einem Galopp durchs Dorf und nach dem Gräben- riet hinaus, wo er daheim ist und bleibt vor seiner Stalltüre stehen. Wer kommt auf das Getrappel mit der Laterne aus dem Haus, nur halb angezogen? Nicht des Teufels Groß- mutter: nein, die meinige I Das heißt, damals war sie es noch nicht, damals war sie des Gräbenrieters Anna, ein Maitli, wie man braver und anstelliger, dazu um und um wohlgemachter auf zwanzig Stunden weit kein zweites finden konnte. Wie mein Großvater sie ansieht, geht ihm ein Licht auf, er denkt bei sich: Gaul, jetzt hast du weiß Gott dein Gnadenbrot verdient! Während Anneli das Roß anbindet, fragt' er sie, ob er nicht, um den Schreck aus den Gliedern zu bekommen, einen Schluck Wein trinken dürfe in der Stube? Das Anneil sagt: Zwei für eines, und damit ist der Handel angesponnen gewesen. Den Wein hat er stehen lassen. aber die Großrnutter— immer des Gräbenrieters Anneli— hat er in die Arme genommen und verküßt. Sie sind an diesem Abend einig geworden, das Anneli hat ihin bekennt, daß es die halbe Nacht am Fenster gesessen und sich Gedanken gemacht habe, weil einer, der jetzt neben ihm sitze, an die Zimmerwalder Kilbi gegangen sei, ohne ihr ein Sterbens- Wörtlein zu sagen. Item, nach einem halben Jahr haben die zwei Hochzeit gemacht, und der Großvater hat sich, weil das Anneli— jetzt richtig meine Großmutter— einzige Tochter gewesen, auf dem Gräbenriet eingeweiht. So ist's gegangen imd nicht anders. Dem Gaul hat man noch fünf Kinder auf den Rücken setzen können, wovon mein Vater das erste ge- Wesen ist. Und darum hat man auch auf dem Gräbenriet immer eine Vorliebe für Ravpen gehabt, obschon ein schöner Brauner auch kein Untier ist!" Nach dieser Geschichte kam der Alte oft unversehens ein wenig ins Studieren. Ja ja, man sage halt nicht umsonst die gute alte Zeit! Die Bräuche, alles sei viel anders ge- worden. Manchmal dünke es ihn auch, die Sonne habe ein wenig von ihrer alten Kraft verloren. Der Hofer-Elias be- Haupte sogar, sie scheine ihm nicht mehr ganz so weit in die Stube hinein wie früher, er habe an der Wandbank extra eine Kerbe eingeschnitten. Aber das alles käme vielleicht davon her. weil es mit dem Glauben nicht mehr ganz so gut bestellt sei wie früher. Während wir dann wieder unter Hüft und Hott weiter ackerten, machte der Zeigerhaniß manchmal noch für sich allein ein paar Betrachtungen.„Die Welt ist eineweg schon sehr alt", sagte er einmal,„und wenn immer alles schlechter und nie besser geworden wäre, könnte inan es schon längst nicht mehr darauf aushalten." Mein Tagebuch. Das Zweifrau ken st iick. Nun muß ich ein wenig von meinem Tagebuch berichten, das die vier Lehrjahre beim Zeigerhaniß gleichsam mit mir gelebt hat, ein heimlicher, verschwiegener Freund, zu dein ich mich je und je zurückziehen konnte, um dann erst recht mit meinem Fürchten und Hoffen und mit meiner Vertvundcrten Einfalt allein zu sein. Diese armseligen Blätter erzählen niir noch heute davon, wie viele Dinge es braucht, um ein junges Leben auszufüllen, wie mancherlei Töne oft in einem einzigen Tag anklingen könnem Der Schulmeister von Hohenegg, meines Meisters Bruder, war ohne sein Wissen schuld daran, daß ich eines schönen Sonntagabends meine erste Lebensurkunde, die mit Hilfe eines Leinenfadens zu einem schmalen Notizbüchlein vereinigten Schulheftseiten aus der Versenkung meines Kasten- verschlages herausnahm und ihr von Stund an den etwas stolzer klingenden Titel gab: Tagebuch für Gideon Reich. Der Vetter Kasper, wie der alte Lehrer im Hause des Zeiger- haniß für gewöhnlich hieß, hatte mir nämlich auf ein Brief- lein von Frieda hin neben ein paar anderen Bück�rn die Geschichte von Robinson gesandt, und die Art und Weise, wie dieser merkwürdige Jnselmensch über alle seine Erlebnisse Buch geführt, hatte mir in hohem Maße eingeleuchtet und mich zur Nachahmung angespornt. Im Ansang schrieb ich fast jeden Abend ein paar Worte in mein Büchlein hinein: kurze Notizen über alles was den Tag über Wichtiges geschehen und geschafft worden war. Es dauerte lange, bis mir das Tagebuch ettvas anderes, als ein ziemlich einseitiges Arbeitsverzcichnis bedeutete. So ist zum Beispiel für alle Zeiten darin niedergelegt, daß wir an dem und dem Tag auf der unteren Breite die letzten Kar- toffeln gesteckt, die eine Hälfte Bodensprcnger, die andere Hälfte Rotaugen: daß wir am 3. Mai gleichen Jahres mit dem Umgraben der Reben fertig geworden und daß die Heu- ernte des schlechten Wetters wegen diesmal bis zum Ulrich- tage gedauert habe. Nie vergaß ich abends einzutragen, wie es heute beim Ackern gegangen, oder ob meine kleine Sternen- sense gut oder schlecht gedengelt gewesen sei. Aber nach und nach fand ich an diesen trockenen Ein- tragungen doch kein Genügen mehr. Ich hielt es für an- gezeigt, hier und da eine Glosse zu machen und mich selber über meine Meinung zu fragen, die ich dann bereitwillig, manch- mal sogar etlvas vorlaut, zum besten gab. Und unversehens kamen mir außer der Arbeit auch andere Dinge wichtig vor. Zum Beispiel, daß Frieda wieder ganze zwei Tage bei Mettauers in den Reben geschafft oder beim Ernten geholfen: daß Frau Esther in der Küche etwas wegen dem Noldi zu Haniß gesagt habe, worüber dieser einen lialben Tag lang kleinlaut gewesen sei. In meinem Tagebuch kann ich es heute lächelnd nach- lesen, wie das Merkwürdige gekommen ist damals, wie aus dcni kleinen Wohlwollen, das mich gleich vom ersten Tage an heimlich mit Frieda verband, nach und nach eine tiefe, ver- schwiegen? Zuneigung wurde, die ich noch jetzt nicht aus meinem Leben wegwünschen oder wegdenken mag. Jede Arbeit bekam ein anderes Gesicht, wenn Frieda mit auf dem Felde war. Nach wie vor nahm ich die kleinen Neckereien aus ihrem Munde mit einem gewissen Be- Hägen hin. Sogar wenn sie eine Anspielung auf jenes Buchzcichengcschichtlcin machte und mir vorhielt, ich sehe halt das Mincli Stürler immer noch ein wenig gern, blieb ich ge- lassen, es war mir gar nicht möglich, ihr etwas ernsthaft iibel zu nehmen. Dennoch empfand ich es als eine Art Erleichte- rung, als der Nachtwächter Stiirler wirklich eines Tages mit Kind und Kegel aus der Burdi auszog, um es„im Schaff- hausischen zu probieren", wie er sagte. Nichts freute mich so sehr, wie die Geivißheit, daß außer mir niemand um mein angenehmes Geheimnis wissen oder es jemals erfahren konnte. Ich verhehlte dieses Geheimnis sogar vor mir selber mit verständigen und gewählten Be» mcrkungen-in meinem Tagebuch, in denen ich mich unter anderem zu der Behauptung verstieg, es sei ganz unmöglich, im Leben mehr als e i n Mädchen gern zu haben, für mich komme einzig Margrittc Stamm in Betracht. Daneben konnte ich die seltsame Beobachtung machen, daß meine Knabenliebschaft mich bereits mit fremden, beinahe Wesen» losen Augen von weitem anblickte, fast wie wenn ich von jenen Festtagen wie von der Malerei nur.geträumt hätte. Ich sah Margritte selten, und es schien mir, sie sei noch stolzer und in sich gekehrter geworden. Wenn ick mich heim- lich ein wenig darüber freute, daß sie jetzt von Hans Kinsper» ger nichts mehr wissen wollte und den Schulweg nach Trüb in eigensinniger Weise immer allein machte, so dachte ich dabei nur an Hans, dem ich diese Zurücksetzung sehr gern gönnte. Ja, als mir Jatöbli Stocker einmal nach der Kinderlehre unter dein Siegel strengster Verschwiegenheit mitteilte, daß Margritte elend in des sfabrikhemr Wagenmanns Erwin in der dritten Klasse verkracht sei. und daß er mir von den zweien noch viel mehr sagen könnte, da ging mir das innerlich nicht sehr nahe; höchstens daß ich nun meine erste Untreue oder Unbeständigkeit annähernd ebenso entschuldbar fand, wie die wunderliche Hinneigung zu dem viel älteren Mädchen. Diese neue, freilich sehr einseitige Liebschaft bereitete mir im stillen ein viel ungetrübteres Ver- gnügen als die erste: ich konnte jederzeit fast nur mit innigem Frohsein daran denken. Denn alle meine Wünsche und Gedanken waren knabenhaft, gleich neben dem Gernsehen war das Verzichten daheim. Meine Sorgen drängten sich einzig um Friedas Wohlergehen. Den reichsten und stolzesten Burschen im Dorfe mußte sie haben, billiger tat ich es nicht. Etwa den Winterhalder-Heinrich. Wenn dieser im Vorbei- gehen ein Scherzwort zu ihr sagte, oder wenn er gar eines Sonntagnachmittags an unserem Lattenhag stehenblieb, Friedas Blumengärtchen rühmte und sich von ihr eine Monat- rose oder eine weiße Nelke ins Knopfloch stecken ließ, dann klopfte mein Herz in selbstloser Genugtuung. Ich erman- gelte nicht, das große Ereignis in mein Tagebuch einzu- tragen, gewöhnlich mit der Randbemerkung, daß ich ihr s o einen ruhigen und ernsthaften Hochzeiter doch zehnmal eher gönnen würde, als zum Beispiel den Torbrunner-Noldi, der zu allen Mädchen Späße sage und von dem man nie wisse, wie ers meine. Mich selber ließ ich bei solchen Betrachtungen� ohne wei- teres aus dem Spiel. Wenn auch auf einem meiner Tage- buchblätter die scheinbar nicht ganz harmlose Notiz zu lesen ist, auf der Winterhalde feien, soviel man höre, die fremden Leute in Lohn und Essen gut gehalten und in einem g e- wissen Falle möchte ich später so wie so einmal dort als Meisterknecht oder so etwas eintreten, so kann ich hier des bestimmtesten versichern, daß bei der Ausarbeitung solcher Zukunftspläne meine Träume keineswegs herrenlos schweif. ten, daß mir vielmehr alles weltenferne lag, was nicht redlich und einfältig ist.— Eine fast ebenso bedeutende Rolle, wie Frieda, spielte in meinen Aufzeichnungen eine Zeitlang die Base vom Wäldi- Hofe: ja sogar mein Götti brachte es fertig, daß ich ein- oder zweimal mit einem gewissen Wohlwollen seiner gedachte. tFortsetzung folgt.) Sein fcbönster Hag. Von Hermann Stenz. In die Wirtsstube des Kcrschbaumer JakI trat ein Mann mit einem Rucksack ein. Oder richtiger gesagt: ein Rucksack mit einem Mann. Denn das eisgraue Manderl, das da hinter sich die Tür wieder fein säuberlich zuklinkte und ein sehr bescheidenes„Grüatz Gott!" sagte, das stand in gar keinem Größenverhältnis zu seinem mächtigen Rucksack. War der schon dick vollgcpackt, so ragten auch noch die langen Stiele zweier blitzblanken, hinten aufgeschnallten Holzäxte weit über den Kopf ihres Trägers hinweg. Die un- verhältnismäßig breiten Schultern, auf denen die Last saß. sie paßten wohl zur Ladung, aber die Größe des Alten stimmte nicht zu ihr. Das lohbraune Gesicht und der über den Mund hängende weißfransige Schnurrbart nebst der kurzen Figur schienen eher einem Waldschratt zu gehören, der einmal zum Schabernack in die luftige Tracht eines GebirgskohlenbrennerS gekrochen war. Schaute man dem Schratt! aber genauer ins verwettcrte Gesicht, dann blickte man in ein paar so treuherzige Kinderaugen, daß man das Drum und Dran vergaß und ebenfalls„Grüatz Gottl" sagte. Mit einem Ruck warf der Alte seinen Packen neben die Holz- bank am Ofentisch und tat einen tiefen, erlösenden Seufzer. Dann schob er sich schwer hinter den Tisch aus die Bank, seufzte noch ein- mal tüchtig und beäugte den hinter dem Tisch sitzenden, großen, blondbärtigen Burschen von der Seite. Sodann zog er eine Schweinsblase mit gepaschtem Oestcrreicher Kommißtabak aus der Tasche, stopfte umständlich den großen, buntbemalten Kopf seiner Porzellanpfeife und begann zu qualmen. Alles in der langsamen Art eines Menschen, der Zeit übrig hat. Es war ganz ruhig in der Wirtsstube. Rur die Wanduhr, auf deren hölzerner Vorderseite und um das Zifferblatt knallrote Rosen gemalt waren, tickte laut, beinahe hart in das Schwelgen hinein. Durch die Fensterscheiben kroch träge ein Sonnenstrahl über die mit Sand weißgescheuerten Tischplatten hinweg, langsam, aber stetig, immer weiter, bis ihn die mit grüner Kallfarbe bestrichene Wand aufhielt. Dort lief er seitlich bis an einen gelben Oeldruck und blieb darauf sitzen, daß die Farben nochmals so lustig blinkten. DaS Bild stellte einen keuchenden Mann dar, der ein schweres Kreuz schleppte; auf dem saß ein zeterndes Weib und schlug aus den Mann mit dem Pantoffel ein. Die Wolken aus der Tabaks- vfeife gerieten in den Bereich des Sonnenblinks und wandten stet) darin in tausend lebendigen Wölkchen und Ringen und Fäden. „Du, Thomerl, Dein Weiler raucht a net ärger wie Dul" brummte plötzlich schmunzelnd der Bursche am Ofen in die StMe hinein. Der Kohlenthomerl drehte sich schön pomadig um, nahm die Pfeife aus dem Mund und ließ ihn vor Verwunderung offenstehen, wahrend seine blauen Kinderaugen groß und rund wurden. „Ja, mei' da schaug her, dös war sa der Berti! Ja, Bertl, grüaß Di Gottl Bist a wieder amal da, und a MordStrumm Lackel bist worden I" Dann sibüttelte er dem Langen die Hand: „Wo san mir denn nachher iatzt, Aua?" „Im Schongau drunten, Forstg'hilf." „Da müaßt ma halt iatzt Herr Jaga und Sie zu Dir sagen?" meinte zweifelnd der Grauhaarige. „Sei fein so guat, Thomerl," lachte der Bertl, daß die Zähne unter dem Schnurrbart blitzten,„i Hab acht Tag Urlaub, der Jaga is im Schongau blieben und grad der Bertl iS auf B'suach umma kemma zum Herrn Göd(Paten)." Im gleichen Augenblick betrat der dicke Wirt die Stube. Da stand der Thomerl auf, nahm den schäbigen Filz mit der ausgefransten Eulenfeder zwischen die Finger und sprach treu- herzig:„I bitt schön, Kerschbaumer, kunnt ma ebba auf a paar Tag Unterschlupf bei Dir haben? Woast, grad zum Schlafen. Wirst scho a Platzerl in der Stallkammer für mi haben." „Ja, freili, Platz gnua für an ganzen Haufen so kloane Man- derln is no dal" pustete der Bertl heraus. „Is schon recht, Thomerl, bleib nur," sagte der Wirt, und dann zu seinem Neffen gewandt:„Du, Engelbert, tu mir fein den Thomerl net aber, der macht so viel wie einer, der um d' Hälft großer iSI" „Er hat'S ja net bös g'meint, der Bertl!" mischte sich der Alt« drein und schüttelte den Kopf. So war er der Kohlerthomerl, dacht« immer nur das Best« von den Menschen und hatte sich darum so ein paar klare Augen bewahrt. Dann erzählte er, daß er gestern den letzten Kohlenmeiler vom Däublerbauer in Ellgos abgebaut und heute in aller Herrgotts- frühe seinen Lohn geholt habe. Und jetzt suche er wieder Arbeit. Zuallererst aber einen Unterschlupf auf ein paar Tage, bis er anderSivo zu brennen anfangen könne. Es ist ein mühselig Ding ums Kohlenbrennen. Schon gleich das Wohnen. Da stehen allenthalben im Gebirg herum und mitten im dichten Wald drinnen kleine Hütten. Sie sind ganz aus Holz gebaut und dienen den Kohlenbrennern als Wohnstatte. Vorübergehend nur, für die Dauer des Brandes. Ein dünner Baumstamm liegt länge- lang? über dem anderen und die Spalten sind dicht und fest mit MooS verstopft. Selbst das schräge Dach wird aus rohen, über- einandergreifenden Brettern gezimmert. Und auf diese wieder sind schwere Steme gelegt; denn da droben im Gebirg hausen die Wetter manchmal gar arg. Item: die Hütten sind aber meist so klein, daß ein erwachsener Mann gerade drinnen ausgestreckt liegen kann, und nur so hoch, daß er mit gehobenem Arm an die Decke langt. Das wäre also nicht hoch und brauchte der Köhler keine Sorg' zu haben, daß sich im Stockwerk über ihm einer versteckt hält und Raub oder Diebstahl plant. Schon deshalb nicht, weil es in solchen Hütten in der Regel nichts zu holen gibt. Da steht in einer Ecke ein kleiner, offener, aus rohen Steinen gemauerter Herd, auf der Seite eine breite, derbgezimmerte Bank. Liegt meist ein Stroh- sack mit ein paar wollenen Kotzen(Decken) darauf, und das heißt man da droben ein Bett. Oben, um die Wand herum, find Bretter aus Latten angenagelt. Auf denen liegen oder hängen einige ble- cherne Töpfe, auch einmal ein Eisenhafen dazwischen, das Mehl- sackl, das Haferl Butterschmalz und tieffchwarzeS Brot, zu dem ein gesunder Magen und noch bessere Zähne gehören. Unter der Bank lagert Werkzeug und über derselben an der Wand hängen Kleider und Rucksack. Oft ist im Rucksack auch ein Krug Enzian oder Wacholderbeerschnaps und manchmal irgendwo anders in der Hütten einige Söhlingen zum Wildfangen versteckt. So eine Wohnung ist im Winter leicht zu heizen; ein bisserl rauchig zwar, so daß einem, der eS nicht gewohnt ist, Wasser in die Augen �kommt und der Schnaufer ausgeht. Im Sommer ist«s schön lüftig hier oben, denn da bleiben die kleinen Laden offen und die Tur auch, damit es hell ist. Im Winter aber ist eS da drinnen meist so dunkel wie unter einer Pfaffenkappe. Um Wasser ist in den Bergwäldern keine Not. DaS sprudelt in gloshellen Strähnen lustig rauschend allerorts durch MooS und Gestein. Um die Hütten herum brennen im Winter und im Sommer einmal bei der, dann wieder bei einer anderen Hütte die Kohlenmeiler, hier und da ein Werk dazwischen. So einen Meiler richtig durchjubrennen, will wohl verstanden sein. Zuerst wird der Grund ausgegraben, dann da? Holz ge- spalten und geschichtet. Beim Meiler ,n runder Form, beim Werk länglich. Obenauf wird dann Erde geschaufelt und das Ganze mit ausgestochenem Rasen zugedeckt. Nun zündet der Köhler den Meiler an. Wenn er angcglüht ist, dann brennt er allein weiter, meinen die Stadtfräck. Ja, Schwammerln; nachher geht die Arbeit erst recht an. Da müssen in kurzen Zwischenräumen, je nachdem das Holz foriglüht, Luftlöcher durch die Erdschicht gestoßen werden. Und der Kohler muß hart beim Zeug sein, damit ihm nicht, während er schläft, der Meiler in Brand gerät. Wenn eS einmal hell lodert. ist schlecht löschen und gleich ein Heidenschaden dabei. Zudem das Ansehen mitsamt dem Zutrauen fort. So ein Kohlenbrenner mutz so leicht schlafen tvi« ein HäSlein, all« Augenblicke beim Zeug sein. Ist er eS nicht, geht ihm auch noch sein Nebenprofit, der Holzgeist, den er beim Brennen mit herauszieht, zum Teufel. Den verkauft er an die Apotheken und an die Bauern. Ein echtes Hausmittel, hilft der, richtig verdünnt, gegen Rheumatismus so gut wie gegen Bauchweh u»id sonstigen Wehdam. Auch beim Bich. Nur nimmt's der Bauer für gewöhn- lich ein bisserl schwächer, wie er'S dem Ochsen gegen Kolik gibt. Seine Verköstigung kriegt der Kohlenbrenner vom Bauern heraufgeschickt, und zwar meist wöchentlich. Viel Topfensuppen und wenig Schmalz, ein Sackl Mehl zum Schmarren, Brot, Kar- toffeln und Sonntags ein Schweinernes. Ist der Brand fertig, dann geht der Köhler mit Sack und Pack anderswo hin. Die Kohlenbrenner sind durchwegs arme Teufel, und den Wenigen gelingt eS, einen eigenen Hausstand zu gründen. Sie erhalten neben der Zehrung für jeden Brand noch ein paar kärgliche Mark an Lohn und müssen davon ihr Werkzeug noch selber stellen. Hat einer Glück und bei einer Reihe von Bauern gleich hintereinander zu tun, so kann er ein paar Mark auf die Seite legen, die jedoch sicher wieder draufgehen, wenn er zwischen hinein eine Zeitlang nichts zu brennen findet. Der Thomerl konnte davon erzählen. Die 62 Jahre, die er hinter sich hatte, waren ein Klumpen harter Arbeit und karges Leben. Dazu wußte er noch nicht einmal, wo er herstamme. Eine» Tages war er einfach da. Ein Findelkind, den irgend jemand in einige Lumpen eingewickelt am Gemeiniiehause ausgesetzt hatte. Die Bauern schimpften mächtig, konnten es aber nicht ändern; denn wem er gehörte, das kam nie heraus. Sie taten ihn dann zu einem in die Kost, der schier selber kein« hatte. Zum Steinanger Anderl, bei dem schon sechs Bälger da waren. Wollte ihn aber kein anderer für das bitzchen Geld haben, und der Anderl hat später sein ehrlich Teil Arbeit aus dem Buben herausgeschunden. Und eine Schul«, das Gott erbarm! Einen früheren Artillerie- korporal hatten die Bauern als Lehrer angestellt. Der hatte SV und mehr Kinder zu unterrichten. Was da herauskam, kann man sich denken.(Schlutz folgt.) I�oie erzablungeUtcratur, »Der Künstler hat nicht da» Recht, zu leben wie die anderen Menschen", schrieb Gustave Flaubert, der sich selber den letzten der Kirchenväter nannte, und dem die Poesie Gottesdienst, Religion war, um derentwillen er ein Dasein voller Selbstkasteiung und im- erbittlicher Härte gegen die eigene Natur auf sicki nahm. Auf welch' gefährlichem Boden das Gebäude der Flaubertschen Kunst enistand, hat jüngst ein Freud-Schüler Th. Reich in einer bei Bruns in Minden erschienenen Schrift zu zeigen versucht, die vom„Heiligen Antonius" aus auf psychoanalytischem Wege iu die Persönlichkeit Elauberts einzudringen sucht. Aber dieser Mensch, der vielleicht ein abyrinth in sich beherbergte, zwang da» Leben in sich hinunter um des Werkes willen. Nichts gab es für ihn außer der Leistung. Etwas von diesem höchsten sittlichen Willen zur Kunst, der nichts neben sich aufkommen läßt, was ihn beirren könnte, lebt auch in Thomas Mann, wenn auch der Wesensgrund, aus dem dieses Wollen keimt, bei ihm ein anderes ist. Mann hat nichts von dem Furchtbaren, Kolosialischen, daS man in dem Normannensproß ahnt. Er ist bürgerlicher in seiner Artung. Einen verirrten Bürger nennt sich sein Tonio Kröger, und er ist im Grunde ein Schwächling, ein Aesthct, der sich in das Kristallgehäuse seines Stils einschließt, um das Leben nicht zu nah an sich herankommen zu lassen. Jung war er nie, und sein jüngstes Werk, das doch ein noch nicht Vierzigjähriger schuf, trägt den Charakter eines Alterswerkes in seiner kühlen, beherrschten Distan- zierung. Wie aber Mann mit seiner Natur rang, wie er ihr Leistungen abzwang, die von bleibender Art sind, das erinnert an den Dichter der Madame Bovary. ES ist das ßtapfer Sittliche in ihm; diese Selbstzucht, die dem Schwachen die Haltung eines Heldischen gibt, was die Erscheinung wert macht, selbst wenn man nicht übersieht, daß seinem Ideal eine gewisse bürgerliche Enge un- vertilgbar anhängt. Sein neuestes Buch, die Novelle«Der Tod in Venedig" lS. Fischer, Berlin) stellt er auf den Gegensatz Werk und Leben, der ja nicht zum erstenmal in seinen dichterischen Konzeptionen austaucht. Der Held, der Dichter Gustav Aschenbach, der unverkennbar eigene Porträtzüge Manns trägt, hat im nie nachlassenden Kampfe mit feiner schwächlichen Natur ein LebenStverk geschaffen, das in monu- mentaler Größe das Vorbild einer ganzen Jugend wurde. Er hat ein neues Ideal in die Zeit gestellt: den Sebastian-Typus, den Helden, der noch Haltung bewahrt, wenn die Pfeile und Speere ihm durch den Leib gehen. Moralstche Entschlossenheit jenseits des Wissens und der auflösenden Erkenntnis ist das Gesetz seines Lebens und seiner Kunst. Er ist der»Dichter aller derer, die am Rande der Erschöpfung arbeiten, der Ueberbnrdetcn, schon Slus- geriebenen, sich noch aufrecht Haltenden, all dieser Moralisten der Leistung, die, schmächtig von Wuchs und spröde von Miiteln. durch Willcnsverzncknngen und kluge Verwaltung, sich wenigstens eine Zeitlang die Wirkungen der Größe abgewinnen". Sein eignes Werk ist die Wirkung solcher Willenszucht, die jede andere Neigung und Leidenschaft ausschließt und dem Dichter die Askese als strenge Verpflichtung auferlegt. Durch rege Verknüpfung von Eindrücken und Erinnerungen erwacht in Aschenbach eines Tages, während er in seiner Arbeit an einem gefährlichen Widerstande angelangt ist,»in seltsamer Ferntrieb, dem er in ungewohnter Nachgiebigkeit Folge leistet. Dieser Aufbruch wie die Ereigniffe der Reise haben etwas Merkwürdiges, in den Beziehungen Gelockerte», fast gespenstisch Groteskes, als ob sich Unheimliches vorbereitete. Das Reiseziel ist die Adria; erst Pola, aber als dieser Aufenthalt sich als unerfreulich erweist, Venedig. Hier lernt der Dichter einen hübschen polnischen Knaben kennen und es vollzieht sich in ihm etwas, das ihm die Fäden seines Seins verwirrt und ihn umstrickt, bis er ausdemLabyrinth seines Innern nicht mehr herauskommt. In gewisser Hinsicht steht dieses Ereignis in tiefer Beziehung zu seiner Natur. DaS heroische Ideal, das er sich schuf, nannte ein Kritiker die Konzeption einer intellektuellen und jünglinghaften Männlichkeit, und er war von jeher ein Anbeter der vollendeten Schönheit der Form. In diesem Zknaben, den er an einem Abend im Speisesaal und dann Tag um Tag sieht, ist ihm das platonische Ideal de» Schönen Wirklichkeit geworden. Sein ganzes Wesen fühlt sich vom Anblick dieser Gestalt ergriffen, und es geschieht, daß, wie Goethe es zur Erklärung der päderastischen Neigungen Winckelmanns einmal ausführt, die ästhetische Bewunde- rung zur finnlichen Leidenschaft wird. Der unbekannte Gott, Dionysos, der Leidenschaftliche, nimmt ganz Besitz von Aschenbachs Seele und verdrängt Apollo, den Maßvollen, verdrängt das Werk. Freilich behält Aschenbach soviel Beherrschung, daß er dem Knaben durch keine persönliche Berührung nahe kommt. Aber die Leiden- schaft unterwühlt ihn; zerbricht die stolzen Säulen seines sittlichen Lebenswerkes, und es ist nur wie ein geheimniS- voller Bollzug eines inneren Schicksalsbefehls, wenn der sinnliche Zusammenbruch auch nach außen hin sich voll- endet. Die ostafiatische Seuche kommt nach Venedig. Aschen- bach trotzt ihr, obgleich er darum weiß; denn er fürchtet, den Anblick des Schönen zu verlieren. An einem Morgen schaut er am Strand wieder dem Spiel TadziuS zu. Ihm ist nicht wohl; er fiebert. Noch sieht er, wie Tadziu ins Wasser geht; wie er, auf einer Landzunge Halt machend, gegen Meer und Himmel sich abhebt.„Und noch des- selben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode." Künstlerisch ist diese Novelle eine unglaubliche Leistung. Es ist etwas unbegreiflich Gelockerte», unfaßbar Schicksalhaftes in den ganzen Vorgängen. Dabei ist das Ganze in eine edle, kühl distan- zierte Form gekleidet, die wirklich an einer der vollendetsten Statuen der Aniike abgelesen zu sein scheint. Vielleicht ist sogar diese stilistische Präzisionsarbeit ei» wenig zu weit getrieben. Bon wunderbarer Schönheit ist die Gestalt des Knaben, an dessen Schultern Aschenbach seine letzten Träume hängt, an denen Charmides und die Jünglinge der platonischen Dialoge wieder erwachen. Und wie Mann das Künstlerproblem anfaßt, ist bewunderungswürdig. Letzte Kompliziert- heiten, schamhaft oder klug verschwiegene Kompliziertheiten der Künstlerseele müsien an» Licht. Man sieht die Kämpfe zwischen menschlicher und schöpferischer Leidenschaft. Die Doppelseitigkeit im Wesen des Künstlers, das Empfangende und Zeugende, die mann- weibliche Grundnatur wird nicht umgangen; und man begreift, wie gut es ist, daß die Welt die EnlstehungSursache manchen Werkes nicht kennt. Steht da» Kunstwerk an sich schon aus gefährlich schwankem Boden, so ist das bei dem Inden Jakob Wassermann doppelt der Fall.„Der Fels ist morsch, auf dem ich stehe", bekennt die herrliche Vistonärin Else Lasker-Schüler, die eine Stammesgenosfin dieses Dichters ist. Wurzellosigkeit: daS ist da» Stigma Wafler« mannS; aber seine Sehnsucht ist: Wurzel zu fassen; den Anschluß zu finden an eine umfassende Weltidee; aus der individualistischen Romantik zum großen tätigen Leben zu finden, und nie war dieser Wille stärker als in seinem neuen Roman»Der Mann von vierzig Jahren" sS. Fischer. Berlin). Vollkommen geglückt ist dieses Werk nicht bei all' seiner Schönheit und künstlerischen Durchdachtheit. ES bleibt ein Rest von Absicht, der nicht rein in Kunst aufgegangen ist. Ueberhaupt ist Waflermann nur einmal ein volle», menschlich großes Kunstwerk gelungen: in seinen herrlichen Roman„Kaspar Hauser oder die Trägheit der Herzen". Aber man wird sein Wollen achten müsien, auch wo man ein gewisses Versagen feststellen muß, und schließlich ist auch sein neuer Roman das Zeugnis eine» Kunstvermögens, da» nicht alltäg« lich ist und zum Höchsten: zur großen Durchdringung des Leben» hinsteuert. Und in der Führung der Geschichte, in der Auflösung de» isolierten Jchwillens in die bedeutenden, überpersönlichen Weltverhält- nisse wird man deutliche zeitsymbolische Beziehungen herausfühlen. Es ist in der Zeit vor. dem siebziger Krieg. Deutschland ist weder innerlich noch äußerlich ein Ganzes. Der Partikularismus der Kleinstaaten widerstrebt der Reichsidce, und das Gefühl, Deutscher oder überhaupt das Glied einer großen Gemeinschaft zu sein, ist den Deutschen noch ftemd. Auf seinem süddeutschen Gute lebt der Herr von Eifft und Dudsloch. Er ist ein Manu von bedeutenden aktiven Fähigkeiten, die sich in der Bewirtschaftung seines Gute» kaum auS- wirken können; aber außer sich kein Ziel finden. Seine Ehe ist glück- lich. Aber in dem Vierzigjährigen gehen merkwürdige Veränderungen vor sich. ES ist wie eine Angst einzurosten; nicht genug Leben bekommen zu können. Er verläßt Frau und Kind und geht auf Abenteuer aus. Weiber findet er genug. In England aber fesselt ihn ein Erlebnis, das ihm entscheidend zu sein dünkt. Er kehrt nach Hause zurück, um seine erste Ehe zu lösen. Aber hier findet er alles in Verwirrung: sein Kind krank; das Gut verwahrlost. Und in ihm selbst der Kampf zwischen Pflicht und Begierde. Sein Weib will ihm nicht helfen und kann ihm nicht helfen. Da kommt wie eine Erlösung der Krieg. Erfft stellt sich dem Heer zur Verfügung. Er will sich selber ent- fliehen. Aber in den Kämpfen für eine Idee findet er sich selber; er gesundet und mit den siegreichen Fahnen kehrt er, ein Sieger über sich selbst, zurück. Ein Buch, von dem zu reden schon Genuß ist, hat Bernd Jsemann geschrieben:.Lothringer Novellen' sS. Fischer, Berlin). Es ist von solch farbenfroher Fülle und solch wunderbarer Leichtigkeit und künstlerischer Heiterkeit, daß nur einer es schaffen konnte, der so reich ist, daß er wie ein glücklicher Erbe schenken darf, ohne sich zu besinnen, und der auch zu schenken versteht, so daß seine Gabe Freude macht. Ein Spätgeborener erzählt von den Abenteuern der Tafel und des Balles, die seine Ahnen, die ungekrönten Könige der Scholle, die stolzen, selbstbewußten Lothringer Bauern, mit der genußfrohen Sinnlichkeit und strotzenden Unverwüstlichkeit Rabelaisscher Helden, die uns heute wie eine Zote anmutet, bestanden. Und er erzählt, wie psychische Verfeinerung im Laufe der Generationen eindi ingt und die scheinbar wie die Berge festgegründeten Fundamente der Bauern- kraft lockert. Jean Philipp hilft sich nicht wie sein Ahn mit einem Spottreim über eine Liebesaffäre weg. Er erleidet Liebe, und sein Herzensroman ist von einer zarten differenzierten Schönheit. Immerhin ist in ihm noch ein gutes Stück des zähen Christoffschen Bauernwillen?. Aber dieser Letzte: Albert, der an den Weibern sich den Tod holt und aus seinem allzu verästelten Leben nur ein Raketenfeuer des Witzes zu machen weiß l Jean Pierre, der Ahn- Herr, der auS einem Gefühl der unversieglichen Kraft heraus lächelte. tvenn er sah, wie des Sonnenkönigs Blut in einem einsamen Schloß- fräulein verrieselte, während sich daneben seine Saat breit und groß wie ein Eichenwald ins Land dehnte, würde das alles nicht be- greifen. Und er war doch einmal eine lebendige Tatsache. Man weiß, es gibt. gewisse Gesetze: Verfall einer Familie. Aber jedes hat sein Leben und fordert sein Recht. Und das ist das Prachtvolle, was Jsemann seinen vier Novellen zu geben vermag: diese unmittelbare lebendige Gegenwärtigkeit in allem. Man denkt nicht daran, Gesetze festzustellen. Man lebt ein- fach ein Stück Leben in seiner schönen Fülle und seiner tiefen Un- begreiflickikeit. Und alles ist mit einer Heiterkeit des Geistes und einer frohe» sinnlichen Kraft des Schavens gegeben, die leicht und glücklich macht. Reich an gut herausmodellierten Gestalten, das Zeugnis einer prachtvollen Begabung, ist der Roman:.Das Freitagskind' von O t t o F l a k e.(S. Fischer, Berlin.) Es ist die Entwickelungs- geschichte eines Knaben, des Sohnes eines kleinen Beamten aus dem Reichslande. Er verliert den Vater, der sich in üble Geschichten ein- gelassen und deshalb Selbstmord begehr, schon früh. Die Mutter sucht ihre Existenz mit aller Kraft aufrecht zu erhalten. Wie der Knabe heranwächst; wie er die Welt sehend erobern lernt; wie er sich zu den Dingen in Beziehung setzt; die Not der UebergangSjahre wie die Kämpfe des erwachenden Menschen mit der Schule nebst ollem Drum und Dran der Verhältnisse: da» alle? ist mit großer Plastik geschildert. Am Schluß stehen die Frauen als Er- zieherinnen zur Lebensreife. Was mir au dem Buche, das den Ein- druck des Biographischen macht, fehlt, ist der Mangel einer tieferen Lebensidee. Es ist ein schönes Stück Leben; aber der Sinn dieses Leben» wird nicht klar sichtbar. Man möchte das Werk als einen Auftakt ansehen, als einen ersten Teil eines größeren Ganzen, da« erst durch die Weiterführung einen sinnvollen Ueberblick eröffnet. Da ist ein autobiographisches Buch von Oskar Wöhrle, .Der BaldamuS und seine Streiche', Verlag der Lese, Stuttgart, das künstlerisch lange nicht an Flakes Können heranreicht; ja in einigen Partien direkt unkünstlerisch wirkt, und das doch eine bedeutende Tiefe des Lebensblickcs vor Flakes Roman voraus hat. Als Sohn eines Sckusters aus dem südlichen Elsaß geboren, soll BaldamuS Lehrer werden. Der Bursche reißt aus. geht auf die Landstraße. In Paris verdient er sich seinen Unter- halt als Geiger in Kneipen. Dann geht er mit einem anderen auf die Walze, bis weit hinein nach Italien. Schließlich läßt er sich für die Fremdenlegion anwerben und steht in manchen Kämpfen seinen Mann. Krank geworden, kommt er nach Europa. Hier desertiert er und landet nach allerhand Fährlichkciten in der Heimat/ Er ist Fabrikarbeiter. Dann Soldat. Hier wird er invalide und wird cntlaffen. Aber das Leben liegt nun erst vor ihm. Bei all seinen Irrungen steckt in diesem BaldamuS eine starke Aufwärtskraft; eine Sehnsucht, die sich eigene Wege sucht und nicht scheitern kann; ein unverwüstlicher Lebcnskern. Man gewinnt ihn lieb, und wenn er von seinen Wanderfahrten und von seiner Lcgionärszeit erzählt, lauscht man ihm gern. P. H. Kleines f euilleton. Medizinisches. D a S Wesen des Magengeschwürs. Man ist jetzt viel weniger wie früher geneigt, mit der Kenntnis des Sitzes eines Leidens, der pathologischen Organveränderungen, sich zu begnügen und in dem Orte der Krankheit auch ihre Ursachen finden zu wollen. Vrtanfto. Redakteur: Alfred Wiclcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag Vielmehr ist man dazu übergegangen, viele rein lokal scheinende Krankheiten als den Ausdruck einer allgemeinen funktionellen Störung anzusehen. So wird zurzeit auch die Entstehungsgeschichte de» so« genannten runden Magengeschwürs einer Revision unter« zogen. Sehr bald hatte man richtig erkannt, daß ei Verdauung?« Vorgänge sind, die einen Teil der Schleimhaut vernichten und durch Verlust der oberen Zellschichten zu Bluwngen führen. Man wundert sich darüber, daß der Magen, der Pepsin und Salzsäure zur Ber« arbeitung der eiweißhaltigen Nahrung absondert, sich nicht selbst verdant. Die Erklärung dafür findet man darin: der Magensaft ist zwar sauer, aber die Gewebe der Magenwand sind, weil sie vom alkalischen Blut durchströmt werden, alkalisch. Das Alkali macht die Säure unschädlich, so daß diese der Magenschleimhaut nichts an« haben kann. Nur wenn die Blutzirkulation in dieser stockt, etwa weil die Blutgefäße verstopft sind, beginnt die Salzsäure ihre verdauende Tätigkeit. Genaueres über die Ursachen der Zirkulations« störung war aber nicht zu sagen. Man glaubt jetzt, diesen auf den Grund gekommen zu sein, indem man das Magengeschwür als eine sogenannte „zweite Krankheit' auffaßt. Der Jenaer pathologische Anatom Prof. R ö ß l e macht darauf aufmerffam, daß dem Entstehen deS Magengeschwürs andere Krankheiten häufig vorangegangen sind. Entzündungen der Bauchhöhle oder im Herzen, am Rachen, oder nach Verletzungen und Operationen bilden das„Quellgebiet' des Magengeschwüres. Von diesen affizierien Organen fließen nun in den Nervenfasern, die dem sogenannten autonomen System des Vagus angehören. Reize zentralwärts, die sich im Zentralorgan in motorische Impulse reflektorisch umsetzen, um dann wieder zu den Körperorganen zurückzukehren. Hier rufen sie Zusammenziehungen der glatten, nicht der Willkür unterworfenen Muskulatur, die in allen Organen vorhanden ist, hervor. Wirkt nun ein Reiz dauernd, so entsteht als Dauerreflex eine Dauerkontrnktion der glatten Muskel- fasern. Trifft er den Magen, so zieht sich die in der Schleimhaut liegende Muskulatur krampfartig zusammen und knickt damit auch die kleinen Blutgefäße ab, die die Magenschleimhaut ernähren. Nun sind alle Vorbedingungen gegeben, auf denen sich das Magengeschwür entwickeln kann. Dazu kommt noch, daß ebenfalls als ein vom Vagus ausgehender Reflex die Magendrüsen zur er« höhten Produktion von Salzsäure anregen und so das Uebel ver- schlimmert. Das Magengeschwür ist also letzten Endes ein Leiden, das auf eine Uebcrerregbarkeit des NervuSvagus zurückgeht und deswegen zu der großen Gruppe der V a g o t o n i c e n zugerechnet werden kann. Mit dieser Erkenntnis eröffnet sich aber auch die Möglichkeit einer Beeinfluffung der Krankheit durch Einwirkung auf die Nerven. In dem Alkaloid der Tollkirsche, dem A t r o p i n, be« sitzen wir ein Mittel, das die Funktion des Vagus in großen Dosen lähmt, in kleinen herabsetzt. Auf diese Weise hofft man, die Kon« traktion der Magenmuskulatur zur Lösung zu bringen und dadurch zur Ausheilung des Magengeschwüres beizutragen. Technisches. Der älteste und der neueste Automat. Der be- rühmte Mathematiker und Physiker Heron, der um 100 v. Chr. in Alexandria lebte, beschreibt in feinen) Werke über die Gase einen Apparat, der in der Vorhalle eines Tempels aufgestellt war und gegen Einwurf eines Geldstückes Wasser zum Benetzen der Hände lieferte. Der Apparat, der genau beschrieben wurde, war so ein- gerichtet, daß ein eingeworfenes Geldstück auf eine Platte fiel, dadurch einen Hebel herabdrückte und so dem Wasser die Ausfluß« öffnung frei war. Wenn die Münze von der Platte herabgeglitten war, wurde die Oeffnung hierdurch wieder verschlossen. Merk« würdig ist der Umstand, daß dieser Automat vollständig in Vergessenheit geraten konnte, trotzdem er sich mit den ein- fachsten Mitteln ausführen ließ. Schuld hieran ist wahrscheinlich die Bestimmung, die ihm Heron gab. Das Benetzen der Hände ist eine symbolische religiöse Hand- lung, die die Gläubigen gern erfüllen, wenn sie nicht mit erheblichen Opfern verbunden ist. Nun gab aber der Automat das Wasser nur frei gegen Einwurf von b Drachmen, das heißt von etwa 4 M. Berücksichtigt man das Sinken des Silberwertes, so würde immerhin noch eine derartige Waschung 1'/, bis 2 M, gekostet habe». Die durch die Fortschritte der Technik erzielte Verbilligung wird klar, wenn man einen modernen Apparat, der auch dem Waschen dient, zum Vergleich heranzieht. Es gibt nämlich Waschautomaten, die man etwa in einer gemeinsamen Waschküche aufstellen kann und dann an einen MünzgaSmesicr anschließt. Man braucht dann eigentlich nichts zu tun, als einen Groschen einzuwerfen und die schmutzige Wäsche wird automatisch gereinigt. Dieser Waschautomat ist so kon« struiert. daß man in ihn die Wäsche mit Seifcnwasser hineinbringt und daß sich die Gasflamme entzündet. Durch die Art der Konstruktion ist eS bedingt, daß das Wasser und der Dampf zwangläufig durch die Wäsche gehen, diese in Bewegung erhalten, reinigen und gleich« zeitig auch desinfizieren. Da die Hausfrau die Wäsche nachher nur zu spülen hat, so übernimmt der Automat eigentlich fast vollständig die Arbeit der Waschfrau, lind das alles in etwa 20 Minuten und je nach der Menge für einen oder mehrere Groschen. In dem Heronschen Apparat konnte man sicki für 2 M. die Hände benetzen, die automatische Waschfrau reinigt für 10 Pf. die schmutzige Wäsche. Es ist also wahrscheinlich, daß die automatische Waschfrau häufiger benutzt werden wird als der Hcronsche Automat._ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LrCo., Berlin S W.