Hwterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 93. Freitag� den 16. Mai 1913 82] Die Bauern von Steig. Roman von Alfred Huggenberger. An diesem Abend hatte Christoffel vor dem Einschlafen ziemlich viel mit seinen lauten Gedanken zn tun. Wenn ich ein Gespräch niit ihm anknüpfen wollte, gab er mir aus- weichend zu verstehen, daß er mich zwar gern habe, aber wenn die Gedanken da seien, könne er halt nichts dafür. Als Ein- leitung schimpfte er ein wenig auf den unbekannten Freier, der nach dem Abendessen wieder für kurze Zeit im Steinern Platz vorgesprochen, aber bald mit ziemlich langem Gesicht seiner Wege, gegangen war.„Vor dem seinen Augen könnte man zweihundert arme Seelen aufs Brot streichen, der würde nach wie vor von seinem Prämienvieh daheim erzählen. So einer ist das." Unversehens richtete er sich nun halbwegs in seinem Bette auf. Er schüttelte immer wieder den Kopf, lächelte innig vor sich hin und gab seiner zärtlichen Aufwallung endlich mit seinem Lieblingswort Ausdruck:„Märkwürdig!.. Hierauf traten in kurzen Llbsätzen noch einige weitere Gedanken zutage, die sich alle auf seine heutigen Erlebnisse beziehen mochten.„Wart Du, Amali! Du hast mich jetzt lang genug mit den Augen zum Narren gehabt. Dir glaub' ich schon gar nichts mehr.— Und dann die Hofer-Alwine!... Seit wann hast Du denn die Zöpfe so aufgebunden?... Du --- ivenn noch einmal eine Sündflut käme, und wir zwei blieben ganz mutterseelenallein auf einer Insel!... Denk einmal!... Aber— so schaut doch einander nicht an! Tut doch nicht so, als ob Ihr alle samt und sonders Engelein wäret! Ihr wißt ja schon, daß man es weiß!..." Mitten im Reden besann er sich ans etivas.„Ach— jetzt hätt' ich bald meine Feuersleinzettelchen vergessen!" Er klaubte deren eine ganze Handvoll aus der Tasche seiner neben dem Bette hängenden Sonntagshose.„Ich habe gar nickn gewußt, daß es überhaupt so viele gelungene Verse auf der Welt gibt," sagte er.„Die kämmen alle in die grüne Schachtel hin- -ein, sie ist jetzt bald voll." Er sah sich die Zettelchen eins ums andere beim Schein der Kerze näher an, wobei er sie sich, da er etwas kurzsichtig ioar, dicht vor die Augen hinhalten mußte. Die winzigen Papierstreifchen sahen in seinen Pratzen ganz hilflos aus, doch behandelte er sie mit so liebevoller Zärtlichkeit, daß keinem etwas geschah. Einige der launigen Sprüche las er mit innigem Behagen vor. Er tat es nicht -anders, ich mußte bei jedem einzelnen bestätigen, das sei nun wirklich der gelungenste, den ich bis jetzt gehört habe. Hier- auf belehrte er mich jeweilen mit Genugtuung, das sei noch gar nichts, das beste komnie erst. Es sei nämlich ein Vers dabei, den man ihm nicht um ztvei Franken abkaufen könnte. Endlich hatte er diesen Glückszettel herausgefunden und klebte ihn sorgfältig mit Speichel an der Bettlade über seinem .Kopskissen fest.„Ganz sicher, er ist extra fiir mich gemacht," drummelte er vergnüglich dabei.„Mich wundert bloß, wer das so genau von mir gewußt bat!" Er las mir das Spriich- lein, nachdem er es aufgeklebt hatte, mit einem gewissen Pathos von der Bettlade vor: „Bei Tag und Nacht und immer Lieb' ich die Frauenzimmer!" „Dieses Sprüchlein bleibt da. so lang der Christoffel da- bleibt," stellte er mit Nachdruck fest. Nachdem er die Kerze nach seiner Gewohnheit mit den Fingerspitzen ausgelöscht hatte, sagte er noch, indem er sich mit Umständlichkeit zurechtlegte und zum Schlafen anschickte:„Es ist mir ganz gleich- gültig, wenn mir einige den Uebernamen, Maitli-Chnstoffel, angehängt haben. Ja, ich finde sogar, daß er zu meinem Aussehen paßt. Eines Hab' ich jetzt für bestimmt heraus- gefunden: man weiß auf der Welt gar nicht, was man- an den Mädchen hat." M a r g r i t t e. Zu meinem Erstaunen fing Christosfel von heute auf morgen an, auf mich eifersüchtig zu werden, ohne daß dies indes unserem guten Einvernehmen im geringsten Abbruch tat. Eines Morgens, während er mir bestn Einspannen half, steckte er mir plötzlich im Fliisterton ein paar Worte ins Ohr,»vobei er sich zur Vorsicht die hohle Hand als einwand- freie Schutzwehr seitlich vor den Mund hielt:„Du— sie hat Dich heute beim Morgenessen zweimal angesehen!..." Einige Tage darauf wollte er wieder eine noch heweis- kräftigere Beobachtung gemacht haben. Er trat nachts, da ich schon am Einschlafen war, zu mir ans Bett, nicht ohne sich vorher durch zweimaliges behutsames Oeffnen der Kammer- tür iiberzeugt zu haben, daß nicht etwa ein unberufener Lauscher um die Wege sei.„Es ist nämlich etwas von i h r," fing er äußerst geheimnisvoll an.„Ich könnte nicht schlafen, bevor ich Dir das gesagt habe." Indem er die Lippen dicht an mein Ohr legte, gab er endlich seine Neuigkeit zögernd in kurzen, unzusammenhängenden Sätzen preis.„Du!... Heute nachmittag... wir haben Kartoffelsäcke vom Wagen in den Vorkeller getragen. Immer Du die schweren und ich die leichten.— In der Nebenstube, hinter den ztvei großen Ge- ranienstöcken... ganz sicher! Wenn ich schon kurzsichtig bin, in diesen Sachen Hab' ich Augen wie ein Sperber!— Wegen mir hat sie nicht dort gestanden, kann mir keiner angeben. Und wegen den Säcken auch nicht." Ich lachte ihn weidlich aus. In Wirklichkeit aber, ohne daß ich es mir recht eingestand, bereiteten seine Andeutungen meinem Herzen ein kleines Fest. Denn ich konnte es mir nicht verhehlen: während de? täglichen, wenn auch kurzen Zusammenseins war es unver- merkt wieder stärker über mich gekommen, das klare, einfache Wesen Margrittens leuchtete mir zuinnerst ein, so zwar, daß sie in meinem Denken neben anderen Mädchen nicht als ihre?- gleichen stand. In ihren Augen sah ich etwas eigenes, be- sonderes, gleichsam ein ernsthaftes Wissen vom Leben. Ich empfand ihre Nähe und Gegenwart immer wie ein liebes Geschenk. Jedem werdenden Tag sah ich mit heimlicher Nen- gier entgegen, jedem traute ich zu, daß er mir etwas sehr Liebes bringen könnte. Eine unversiegbare Freudigkeit, eine Lust zu hartem Schaffen und Streben erfüllte niich, wie noch nie, ich sah die Zukunft wie ein helles Land vor mir liegen. Sehr stolz und glücklich ivar ich darüber, daß Margritte meinem kleinen Bücherschatz Beachtung schenkte und sich einiges daraus leihen ließ. Ich stöberte auch in der hübschen Biblis- thek, die der neue Lehrer Zimmermann im Schulhause ein- gerichtet hatte, nach mir besonders lieben Sachen, um ihr damit eine Freude zu bereiten, und es kam mir vor, als sei ich dadurch in ein ganz neues Verhältnis zu ihr gerückt. Um diese Zeit sing ich an, einem Plane ernsthaft näher- zutreten, den ich im vergangenen Winter flüchtig gefaßt. nachdem ich in Trüb der Aufführung eines kleinen Bauern- schwankes beigewohnt hatte. Ich wußte mir damals auf denr Heimwege immer wieder einzureden, daß ich so etwas mit einiger Mühe auch zustande bringen könnte. Doch hatte nach- her die Arbeit des Alltags diesen Gedanken allmählich in den Hintergrund gedrängt. Jetzt klopfte er unversehens wieder an und ließ sich nicht mehr wegweisen. Denn heimlicherweise stand Margrittc dahinter, ein bißchen neugierig, ein bißchen ungläubig: das möchte ich jetzt doch gerne sehen!... Während des Schaffens auf dem Felde, in stillen Nacht- stunden, aus denen ich den Schlaf hartnäckig wegbannte, er- wog ich inir die verschiedensten Einfälle und Möglichkeiten, ich ließ nicht eher nach, als bis ich mir das Spiel im Kopfe sauber ausgedacht und zurechtgelegt hatte. Und an einem stillen Sonntagnachmittag, während Christoffel den das erste- mal glücklich verunglückten Besuch bei seiner Schwester in Zimmertvald ausführte, nicht ohne nur vor dem Weggehen unter Einschärfung äußerster Vorsicht sein Buch ausgehändigt zu haben, machte ich mich kurzerhand an die Arbeit. Nach meinem unumstößlich festgelegten Plan mußte ein junger, etwas schüchterner Bauernsohn, der um die Tochter eines reichen Vetters werben sollte, die hübsche Magd, die ihm den Willkommenstrunk in dem fremden Hause anfstellt, für die ihm zugedachte Braut halten und ihr in einer Anwandlung von Mut und Verliebtheit einen erfolgreichen Heiratsankrag machen. Nun war natürlich die ganze Sippschaft außer sich und der glückliche Bräutigam hatte die schwere Not. seinen Willen durchzusetzen. Sowie ich nun aber anfing, meine Leute ihre Sprüche und Meinungen hersagen zu lassen, nicht etuvi so, wie sie im täglichen Leben geredet hätten, sondern, was mir unerläßlich schien, tu der richtigen Buchsprache, ninhte ich zu meinem großeit Aerger und Erstannen die Beobachtung inachen, dah sie sich tvenig um meine getroffenen Anordntingen kümmerten, auch nicht um den Ausgang, den das Ztiick nehmen sollte, sondern nach ihrem Gutdünken und nach ihren eigensinnigen Einfällen die felbstverherrlichsten Gespräche tnileinander führten, wobei sie sich unversehens des Maulkorbes ent- ledigten, den ich ihnen mit der Schriftsprache umgebunden, und so redeten, wie ihnen der Schnabel gewachsen war. Tie Genugtuung hatte ich immerhin, dag sie weingstens sprachen. Einer löste den andern ab, ja es konnte geschehen, daß Zwei oder drei Figuren gleichzeitig zum Reden kommen wollten und ich die liebe Not hatte, ihr vorlautes Wesen im Zaum zu halten. Manchmal, lvenn es mir schien, es komme einer auch gar zu oft an die Reihe, versuchte ich nachher, seine Worte billigkeitshalbcr einem anderen unterzuschieben, der nach meiner Meinung durch die Anmaßung seines Neben- menschen zu kurz gekommen war. Doch kam ich dann beim lleberlesen des Geschriebenen schnell zur Ueberzeugung, das; das nicht anging: denn der gleiche Satz, der dem einen gut anstand, kam mir im Munde des andern albern und lächer- lich vor. Am meisten ärgerte mich der zum Helden auserwählte Bauernbursche, der im Familienrat unversehens mit dem Ge° ständnis herausplatzte, daß er bereits iit ein Mädchen aus der Nachbarschaft verliebt sei, von welcher Tatsache ich bis jetzt gar keine Kenntnis gehabt hatte. Aber es blieb mir keine Wahl, ich mußte sie hinnehmen, denn der Kerl ließ schlechter- dings nicht mit sich markten: es war auch nicht aus der Welt zu schaffen, daß mir jcpt seine Mutter in fast noch heimtückischerer Weise in den Rücken siel und für ihren Sprößling Partei nahm, so daß ich nun durch diese beide» mein gaitzeo künstlich aufgerichtetes Gebäude über den Hausen geworfen und mich vor die Notlvendigkeit gestellt sah, nach einer neuen Wendung und Verwickelung zu fahnden. Während ich mich also in schwerer Not mit meinen papierenen Widersachern herumbalgte und zwischenhinein ein Wenig in Christoffels Jsabellenbuch blätterte, hörte ich plötzlich ein leises Klopfen an der Türe und lvar in nicht geringer Verlegenheit, beim Oesfnen der Tochter des Hauses gegen- überzustehen. Sie versuchte ihrerseits, sich unbefangen zu stellen, aber es gelang ihr nicht ganz. Ich müsse entschuldigen, sie habe eine kleine Bitte an mich. Nämlich wegeil des Spruches, der hier am Hause gc- standen habe, und der nun leider vom Maurer Rebmann überpslastert worden fei* Ob ich den nicht— früher einmal— abgezeichnet habe? Sie würde ihn gern einer Frcun- din zeige», die unten auf Besuch sei. Ich mußte leise vor mich hinlächeln. Ich hätte geglaubt, daß sie das längst vergessen habe, sagte ich. Ich wollte ihr aber die Zeichnung gleich daheim bei der Base holen. Dabei bcincrkte ich, daß sie nach dein Tischchen hinübersah, auf dem meine Schreiberei lag.„Tic reine Studierslube," meinte sie in halbem Scherztone. Was ich denn da mache? Unsere Blicke lagen für eine Sekunde ineinander. Mir war, als wäre mir ein kleines Wunder geschehen. Ich hätte nicht über nüch selber gestaunt, wenn ich jetzt ihre Hand ge- nommen und meine Lippen darauf gedrückt hätte. Es wird mir heute, lvenn ich daran denke, schwer, zu verstehen, warum ich es nicht getan habe. Sie hätte mir nicht gezürnt, ich loeiß es. Ich wußte es in jeneni Augenblick. Aber der Augenblick war schnell vorbei und ich war ein törichter Knabe. Gleich lrxlr alles zwischen uns wieder anders. Ihre klare Ruhe und Besonnenheit umgab sie wie ein unantastbares Gewand. Ich brachte es nicht Uber mich, ihr aus ihre Frage irgend etwas anderes, als die Wahrheit zu sage»: daß ich einen Schwank habe ziinmern wollen, daß aber alles den verkehrten Weg und in die Brüche gegangen sei. „Vielleicht gelingt Tir's ein andermal besser," sagte sie, wie ich meinte ein wenig nebenhin, während sie schon leichten Fußes die Treppe hinunterglitt. Auf der lebten Stufe kehrte sie sich noch einmal flüchtig gegen mich um:„Wenn Dein Stück dann aber einmal fertig wird, will ich auch im Theater sein," scherzte sie und war weg. Das kleine Erlebnis blühte noch immer wie ein lieber Traum in meinem Herzen fort, während icki eine Viertelstunde später mit dem zusaniinengerollten, vergilbten Blatt in der Hand durchs Unterdorf hinabschritt. Tie Zeichnung schien Margritte zu gefallen und ich bat sie, diese zu behalten: ich " hätte sie ja eigentlich damals doch für sie gemacht.... kLortsctzui'g solgt.s j�alcken. Von Wilhelm Hcgclcr. (Schluß.) Fräulein Lämmerhirt hatte ifir Taschentuch gegen»c Augen gedrückt und schluchzte laut. Gerührt und nicht ohne ein gewisses Wohlgefallen betrachtete Renatus diese Wirkung seiner Worte. Bis dahin hatte er dumpf, niit aufgestütztem Kopf, seine Erzählung, nur durch mäßige Gesten der Linken belebend, vor sich hinge- sprachen. Nun straffte er den Rücken und sprach freier, noch immer schmcrzbcwegt, doch mit erhobenem Blick. „Die Lebende war mir verloren, um so fester klammerte ich mich an die Tote. Ich trieb mit ihrem Andenken einen förmlichen Kulms. Sie wurde für mich der Inbegriff alles Hohen und Reinen, der wie ein Engel auf meine, ach, leider nicht schlackenlose Existenz herabsah. Wenn Verständnislojigkeit des Publikums. wenil die elende Kritik, wenn die Kleinlichkeit meiner— einer gc- wissen Person, der ich im übrigen alle Achtung zolle, mich in meinem Lebenszentrum verwundete, dann flüchtete ich in Gedankeit zu ihr, die mich geliebt hatte bis in den Tod. bis über den Tod hinaus." „TaZ hat sie! Das hat sie!" beteuerte Fräulein Lämmerhirt. �..Zwar es vergingen Jahre— Jahrzehnte, bis ich mich der Stätte, wo sie weilte, wieder nahen konnte. Aber als ich vor nun- mehr sechs Jahren einen Gastspielautrag hierher bekam, da nahm ich unbedenklich an, trotz der lächerlich geringe» Bedingungen. Ich spielte ihr zum ehrenden Gedächtnis. Unwiderstehlich trieb es mich damals zum Friedhof hin. Ei» Totengräber zeigte mir ihr Grab. Ach, wie schlicht, wie schmucklos lag es dal Ein verwittertes Holz- kreuz aus dem Rasen. Weiter nichts. Ich ließ Blumen darauf pflanzen. Vergißmeinnicht, Immortellen. Und Rosen. Rosen. wie sie uns damals blühten.— Jahr für Jahr bin ich hierher zu- rückgekehrt. Das hiesige Publikum denkt in seiner Blödheit, ich käme seiner schönen Augen wegen her. Blasphemie! Nur die Tote ist es, die mich ruft. Ich habe das Gefühl, sie säße im Parkett: mein Malchen, wie damals. Und wenn die begeisterte Jugend mich am Ausgang erwartet, so ist-nein erster Blick nach ihr, nach jenem teuren Schattenbild.— Das Honorar für meine hiesigen Gastspiele habe ich treulich gesammelt und jenes Marmorrelief machen lassen. Dort i» der Kiste. Morgen soll eZ enthüllt werden. Und ich bat den guten Pastor Schnaasc, nachzuforschen, ob nicht vielleicht Verwandte der Verstorbenen vorhanden sind. Er ver- sprach es mir/ So ward mir das Vergnügen, Sie, mein liebes Fräulein, hier bei mir begrüßen zu dürfen. Und nun sagen Sie mir: in welchem Verwandtschastsvcrhältnis stehen Sic zu der Toten?" „Ach, Herr Fröhlich— Herr Renatus— ich—" „Nun, nun. fassen Sic sich doch! Kommen Sic! Betrachten Sic erst einmal das Relief. Es ist von einem ersten Münchener Künstler." Er trat an die Kiste, hob den Deckel auf und schlug dann mit einem raschen Griff die Tuchnmhüllung zur Seite. „Da ist sie! Sind diese Züge getreu dem Leben nachgebildet? Erkennen Sic die liebe Entschlafene wieder? Spricht sie zu Ihnen in ihrer ganzen Schönheit?" „Ach, Herr Renatus," schluchzte das alte Fräulein.„So schön I So schön soll ich mal gewesen sein?" „Was?" „Und ich bin's ja doch! Ja, ja! Ich bin ja das toie Molchen." Renatus trat einen, zwei Schritte zurück. Sein Aussehen war in diesem Augenblick wirklich furchterregend. Er glich durchaus dem Franz Moor. „Sic wären jene dort? Sie— Sic lebten noch?" „Ja, jawohl! Ich wollte ja sterben. Ich hatte mir schon Pbosphorzündhölzchcn gekauft. Zwei Schachteln voll. Und mir'»e Brühe drans gemacht. Aber ich kriegte sie nicht'nunter." „Oh! Ohl" Renatus raffte einen Stuhl herbei, ließ sich darauf nieder und bedeckte sein abgewandtcs Gesicht. Das tat er auf der Bübnc immer in den großen, katastrophalen Momenten. So war es ihm zur Gewohnheit geworden. Dann aber richtete er sich auf: „Ter Hund von einem KirchhofSdicner hat mir doch Ihr Grab gezeigt. Jahraus, jahrein hat er sich bezahl?» lassen." „ES muß ein anderes gewesen sein. Es gibt ja so viele Lämmerhirts hier." „Oh! Oh! Vor welcher alten Vettel ihrem Grabe mag ich da gebetet haben I" „Ach, Herr Renatus... freuen Sic sich denn nicht ein- bißche». daß ich noch lebe?" „Nein! Nein! Mich freuen, wo mir ein Ideal zertrümmert ist! Gehen Sic! Gehen Sie! Ersparen Sie meinen Augen Ihre» hohnlachenden Anblick!" Aver che noch das gekränkte Fräulein ihre Mantillc umlegen konnte, klopfte es, und Herr Pastor Schnaasc trat ein. Er war ein ernster, bescheidener Mann in mittleren Jahren. ein wenig zu grobknochig, um schlank zu sein, mit blondem Haupt- baar und rötlichblondcm Bart. Frei von allem Kanzclpathos, bc- flcißigtc er sich eines schlichte», festen Anftrcicns. „Ick» bin etwas später gekommen, als ich wollte. Aber ich denke, wenn zwei sich wiederfinden nach so langer Trennung, kann — 371— Me Gegenwart cnTtS TrUtcn nur störend sein. Ich nehme an, Sie wissen—" „Ja, ja, ich weiß, Sie moderner WunTiertäter," erwiderte Renatus bitter.„Oh, hätten Sic lieber die Tote ruhen lassen. Es tut nicht gut, glauben Sic, es tut nicht gut, heutzutage Tote zu erwecken." „Ich denke, die Snchc ist für solche Scherze zu ernst." „Scherz?! Wer treibt denn Seberz? Bin ich ein Possenreißer, dctß Sie mich in eine solche Komödie hineinzerren?" „Ich hossc, das ist nicht Ihr dauernder Standpunkt. Lassen Sic mich die nötigen Ausklärungen geben. Als ich gestern aus dem Taufrcgistcr ersah, wer die vermeintliche Tote ist, habe ich mich sofort zu Fräulein Lämmerhirt begeben. Sie wissen viel- leicht— oder nicht?—, daß Fräulein Lämnicrhirt Aufnahme in einem Stift gesunden hat, für das ein untadeliger Lcvensivandel Vorbedingung ist. Ich habe dem Fräulein auf den Kopf zugesagt, daß sie die Kuratoren gröblich getäuscht hat, daß ich ihre Ver- gangenhcit kenne.— Herr Professor, als christlicher Pfarrer wäre es eigentlich meine Pflicht, Sic aufzufordern, Ihre Verfehlung von damals durch eine späte Sühne wieder gutzumachen." „Was? Sic meinen—? Halten Sic mich für geisteskrank?" „Keineswegs. Ich weiß, daß man leider dem Lebe» Kon- zessionen machen muß. Für eine Heirat' dürfte es unter diesen Umständen zu spät sein. Aber Sic können auf andere Weise Ihren jugendlichen Fehltritt wieder gutmachen. Hat Fräulein Lämmer- Hirt Ihnen mitgeteilt, daß ihre Beziehungen nicht ohne Nach- kommcnschaft geblieben sind?" „Nachkommenschaft?" „Allerdings. Es ist wohl mehr die Schuld der Eltern als des Fräuleins selbst, daß dies bisher vor aller Welt geheim geblieben ist. Es lebt in dieser Stadt ein Mann, Herr Professor, der das Recht hat, Sie Vater zu nennen. Er lebt in sehr kümmerlichen Verhältnissen. Ich wende inich an Ihr Gewissen. Lassen Sie die zärtliche Teilnahme, die Sie fälschlich für eine Tme answcuidten, de» Lebendigen zugut kommen I Ich habe Ihren<-ohn herbestellt. Ich denke, sein Anblick wird am ehesten Ihr Vaterherz rühren. Ich werde ihn zeßt rufen." Tos alles hatte der Herr Pastor auf eine eigentümlich bc- stimmte Weise geäußert. Nun ging er, ohne eine Antwort abzuwarten, zur Tür und rief: „Herr Lämmerhirt, kommen Sic doch, bitte, mal herein." Renatus rollte die Augen, wühlte in seinen Haaren, zerrte an seinem Krage», schritt dann auf das Fenster zu und riß es auf. Mit verschränkten Armen, den Kopf zwischen die Schultern aezoge», in der Haltung des ersten Napoleon, der düster seinem Schicksal trotzt, nahm er im Fensterrahmen Stellung. Aber was sich nun über die Schwelle drängte, war so über- wältigend, daß er seine heroische Pose vergaß und auf die Fenster- bau? zurücksank. Eine Frau von überquellender Leibesfülle, die ein Kind anf dem Arm, zwei an ihrer Schürze hatte, trat resolut zuerst ei». Hinterher stolperte ein Mann von ziemlich blödem Aussehen, der trotz seiner Länge und seiner Kanonenstiefel wesentlich gegen sie abfiel. Aus seiner Seitcntaschc ragte eine kurze Pfeife hervor. An seiner Rechten führte er einen dickköpfigen kleinen Jungen. Der Pastor schüttelte allen die Hand, die Frau riß dem Jungen die Mütze vom Kopf und wischte ihm mit dem Schürzcnzivfcl die Rase ab. Die beiden älteren Kinder gingen auf Fräulein Läurmer- Hirt, dann auf Renatus zu und sagten der Reibe nach„Guten Tag". „Das ist recht, daß Sic gekommen sind." „Rune, mein Mann war crscht nicht z» bewägen, Herr Pastor. Aber ich bab ihn gesagt, wcnn's der Herr Pastor doch sagt, missen wir doch kommen. Der Herr Pastor wird schon wissen, wozu's gut ist." „Ich hoffe, es wird Ihr Schaden nicht sein. Ter Herr Pro- fcffor ivünscht Sie kennen zu lernen." Pastor Schnaase wandte sich an Renatus und murmelte: „Bitte, sehen Sie ihn an. Die Aelmlichkeit ist unverkennbar." „Wer sind diese...?" stammelte Renatus. „Ihre Enkel." „Daß ich nicht lache!" ..Wie geht's Ihnen denn, Herr Läinmerhirt?" „Rune,'S macht sich,'s ist jetzt grad c bißchen hart mit der Arbeit." „'s muß eben gchn. Herr Pastor," siel das Weib ein.„Man schlägt sich so kümmerlich durch—'s is ja nischt zu verdienen mit der Gärtnerei. Und die Kinder, Herr Pastor. Immer ccns krank. DaS is doch eso bei uns armen Leiten. Nu sind se ja grad cmal alle aus'm Bette. Aber die Klccnste hier, die war uns bald drans- gegangc am DiphcherituS. Sc is noch nich wieder so reckt gesund. Und ich habe»iiii«r Angst, daß sie die andern noch ansteckt," „Diphtheritis?" fragte Renatus.„Ich bitte Sie, Herr Pastor!" „Ja. Ich hoffe, Sie werden etwas für sie tun. Nicht wahr, Sic werden sich Ihren Pflichten nicht entziehen." „Hier! Da!" Er holte sein Portcnionnaie hervor und nahm so viel Geld heraus, als er im Augenblick fassen konnte. „Ick werde später weiter sorgen. Aber nun gehen Sic, bitte. Ick— ich bin am Ende. Das— das geht über meine Kraft? lieber meine Kraft I Gehen Sie, ich flehe Sie an!" Das Ehepaar und� die Kinder wollte» sich bedanken, Pastor Schnaase noch etwas hinzufügen, Fräulein Lämmerhirt gerührten Abschied nehmen, aber Renatus streckte abwehrend die Hände aus und wiederholte nur immer:«Gehen Sic, bitte! Gehen Sic!" Als das Zimmer leer war, stürzte er an seinen Nachttisch llnr> steckte sich eine Forniaminilablctte in den Mund. Dann blieb er vor dem Marmorrelief stehen. „Du— du Betrügerin!" stöhnte er.„Oh, meine Ideale? Ich Großvater! Vierfacher Großvater! Wenn das meine Frau er« fährt! Fort! Ich sage ab! Ich reise abl Dies Lausenest steht: mich nicht wieder." Die GUhtrizitit als Laftarbeiten Seit Jahrzehnten ist man mit besonderem Eifer damit be» sihäftigt gewesen, Maschinen zum Heben von Lasten und für den Transport von Gütern zu konstruieren. In großer Zahl sind aber Kräne und Transportbänder erst in die Fabrikbetricve und zahllose andere Arbeitsstätten eingedrungen, nachdem der Elektromotor fü? diese Art der Kraftleistung dienstbar gemacht worden war. Heute beherrscht der Kran die Welt. Ueberall, wo es etwas zu beben gibt oder geben könnte�hängt die fahrbare Kette von der Decke herab. ES gibt zierliche Miniaturkränchen und solche für BOOihj Kilogramm Nutzlast. Alle aber arbeiten sie bei elektrischem Antrieb mit der gleichen Sicherheit und Akkuratesse. Tic vorzügliche Lenkbarkeit der Kräne wird insbesondere er- reicht durch die trefflichen Steuermcchi'.ntsmen. die dafür kon- struicrt worden sind. Da sitzt der Führer in seinem kleinen lnftigcir Häuschen am Kran hoch droben über allem Geiriebe der Werkstatt. Es ist oft eine ganz gewaltige Maschine, die er zu beherrschen hat. Drei Bewegungen kann er mit dem Kran vollführen. Er kann das Krangcrüft seiest hin und her fahre», die Laufkatze»ach beiden Seilen hin dirigiere» und den Haken hinauf und hinab steigen lassen. Alle diese Bewegungen erreicht der Mann durch leichtes Drehen von Hebeln. Bei den ganz modernen Kränen ist ins» VesoiUwre der Steuermechanismns für die Bewegungen von Lauf- kafee und Haken sehr fein durchgebildet. Der.Kranführer hat hier das Gefühl, daß er durch den Druck seiner Hand direkt Einfluß. auf die Bewegung des Hakens nimmt, daß er selbst ohne Zivisehen» schal lung einer Maschine die Last von mel reren tausend Kilogramm hebt und verschiebt. Er gewinnt dadurch eine große Sicherheit in der Tieuenmg und kann niemals d.irck falschen Hebeldruck einen Fehler machen. Dieser Essckr wird dadurch erreicht, daß die ge- samtc Steuern»» von Krankahe und Kette in einen einzigen Hebel gelegt ist und daß dieser Hebel immer im Richtungssinne der Last» bewcgung verschoben wird. Dieser Univcrsalstrucrschalter besitzt einen kräftigen Griff, der nach oben und unten, nach rechts und links bewegt werden kann. Der Scknljorganismus selbst besteht ans zwei gesonderten Kästen. Links befiiider sich die Steuerung für das Verschiebe» der Loiiskatzc, rechts ist der Schalter für den Hubmoior untergebrackt. Beide Or» ganismen aber werden durch einen und denselben Hebel beeinflußt. Mit dessen Hilfe kann man jede» der beiden Motoren einzeln, man kann sie aber auch beide gleichzeitig laufen lassen, so daß zugleich mit dem Heben der Last eine Verschiebung stattfinde!. Der an die Apparate des rechtsstehenden ZteneikastcuS an-- geschossene Motor wird durch Ans- und Mwärtsbcwcgnng des Führungshebclö beeinflußt. Wenn man den von linls aus steuerbaren Motor betätigen will, muß der Hebel nach rechts und links verschoben werden. Beide Bewegungen sind vollkommen unabhängig voneinander. Drückt man den Schalthebel in die Höbe, so steigt die.Kette des Kraus empor; neigt man den Hebel»ach»nten, so senkt sich die Last. Eine Verschiebung des Stcucrgrifss nach rechts bringt eine Betvegung der Laufkatze im gleichen Sinne hervorp dasselbe vollzieht sich bei der Linksbewcgung. Tie Bclvegnngen de? Hebels und der Last sind immer identisch, so daß für die Sinne des Führers der vorher erwähnte Effclt entsteht. Man kau» sich denken, daß bei dieser vortreffliche» Anardnnng ei» Fehlgriff an der.Kransteuerung ausgeschlossen ist, der ja bei schweren Lasten die schlimmsten Folgen haben kann. Bei diesen modernen Kran» Haltern braucht der Führer nicht jedesmal die vorzunehmende Matz» nähme zu überlegen; er folgt nur seinem gesunden Mcnfckenver» stand und wird dann immer die richtige Betvegung treffen. Bei der allermodernften Art der elektrische» Kräne aber ist ein Haken überhaupt nicht mehr zu erblicken. Diese Maschine ist im» stände, ohne sichtbaren Greifapparat und ohne Mitwirkung de» Menschen durch eine geheime Kraft, die ihr innewohnt, eiserne Lasten auszuheben und fortzuschaffen. Diese Art der Kräne wird am häufigsten zum Fortbewegen solcher Eiscnstückc benutzt, die man wegen ihrer rauhen Kanten und der grobkörnigen Außenhaut nicht gut mit den Hände» anfassen kann. Insbesondere kommen hierfür die Masseln in Betracht, die groben Stücke, die vom Hochofen her direkt in Sand ausgegossen werde». Ihre Oberfläche ist voll seiner Spitzen und Nadeln, die jede Berührung vcrbiclen. Wenn man die Masseln in die Gießerei schaffen will, so kommt ein Kran angefahren, dessen Kette in eine runde Eisenplattc endet. Deren untere Fläche ist vollkommen glatt. Doch wenn diese zum Anklammern ansckcincnd sehr ungeeignete Sckeibe bis auf eine kurze Entfernung über die Eise»stücke hinabgelassen ist, so springen» diese luftig zu ihr empor und bleiben an der glatten Platte ganz fest hasten. Ja, die Lcidcnschast, dort nach oben zu kommen, iß so groß, daß die Stücke, die auf der Scheide selbst keine Platz mebr finden, die dort hängenden Eisenstücke zu verdrängen suchen und, wenn das durchaus nicht geht, sich schließlich mit einer schmalen Ecke an diele ankleben. Die geheimnisvolle Macht, die das Eisen hier anlockt tvie der Köder den Fisch, ist der Magnetismus. Die glatte llntcrfläche der Scheibe am Kran ist nichts anderes als der eine Pol eines sehr krältigcn Elektromagneten. Der hält nun, so- lange sein Strom eingeschaltet ist, die Masseln fest, und nimmt sie auf der Bahn de? Kraus eine Strecke weit mit, bis der Wärter durch Drücken auf einen Hebet den Strom abschaltet. Dann erlischt die Liebe zwischen Platte und Eisenstücken genau so rasch wie sie entstanden ist, und die Masseln fallen herunter. Die Elektrizität, bei Kränen angewendet, macht es dem Men- scheu so bequem, große Lasten zu transportieren, daß die weite Verbreitung solcher Apparate nicht erstaunlich ist. Durch grausam gepeitschte Pferde die bcladcnen Wagen aus den tiefen Baugruben emporziehen zu lassen, einen großen Ziegelkabn durch ein Dutzend Arbeiter in tagelanger Tätigkeit entladen und die am Lagerplatz ankommende Koble in Säcke füllen zu lassen, die gebeugte Männer langsam davontragen— all das si nd veraltete Beförderungsmittel. kleines fcuületon. Bon Henrik Ibsen, dem Kinderfrcunde. Von Kristiania? schlichten Hovedbanegaard zieht der Schienenstrang, der hiiianf ins Valdcrs- land führt, in weitem Bogen um die letzten Holzhäuser von Vaale- rengcn. um dann nordwärts den Bergen zuzustreben. Schwerfällig keucht die Maschine bergan. Am Fuße des Gressenaascn liegt die im Norden so berühmte Heilanstalt Greffen, lind hier, oben am Hang, ragt, auf blumiger Wiese, den Rücken an den schützenden Forst gelehnt. jenes schmucke kleine nordische Landhaus, in dessen Umgebung Henrik Ibsen seinen John Gabriel Vorliuan entwarf. Auf die Veranda dieses Berghäuschsns und in seine traulichen Räume führen uns die Ibsen« erinnerungen. die B o l e t t e S o n t u m, die Tochter von Ibsens langjährigem Freunde und Arzt, jetzt in einer amerikanischen Lite- raturzeitschrist veröffentlicht. Es sind die Erinnerungen eine? KindeS, eine? jungen Mädels. Sie zeigen den greisen, schon dem Tode nahen einsamen Altcir in Berührung mit der kindlichen Welt der Kleinen, die ihren„alten Doktor" überleben sollten. Denn bei den Kleinen hieß der greise Magus nicht ander? als vertraulich..der alte Doktor", und die übermütige Jugend mag ihm manche Rolle aufgezivuugeu haben, die ihm von Natur nicht sonderlich lag. Es ist etwas Rührendes um den greisen Menschengestalter, der so gar nicht, aber auch so gar nicht mit Kindern umzugehen wußte und sich doch immer wieder mit Lammsgeduld bemühte, vor den Kleinen den ihm angeborenen herben spröden Ernst seines Wesens zu überwinden, um init den Kindern kindlich zu sein. Mau hat den dramatischen Rechenmeister den nordischen Puppenspieler genannt: hier draußen im stillen Greffen, bei den Sontumskindern, lvird er es dem einfachste» Sinne des Wortes nach. Bolette erzählt uns, ivie einst bei seinem Besuche der Vater noch mit einem Patienten beschäftigt, die Mutter ab- gerufen ist und der alte Ibsen mit den Kindern allein im Salon bleibt.„Wir fühlten dunkel die A-rpstichtung, unfern Gast zn nntcr- halten, lind schleunigst fragt meine jüngere kleine Schwester: ..Möchtest Du nicht mit unsern Puppen spielen?" Ibsen zog die buschigen Brauen zusammen; aber im nächsten Augenblick war ■er bereit, und er schaute so ernst drei», als gelte es eine höchst wichtige und schwierige Aufgabe." lind schwierig mag für den Alten diese»»geivohnte Aufgabe auch gewesen sein. denn die kleine Elle» schleppte an Puppen herbei, was Truhen und Spielschränke bargen, große Puppen, kleine Puppen, Puppen urit Kops und Puppen ohne Kopf. Der ganze Berg wird ohne weiteres rnst den Schoß des geduldigen Ibsen deponiert, und während er mäuschenstill hält, um ja keinem dieser Puppeumädchen zu weh zu tu», erklärt ihm Klcin-Ellen alle Namen.und Chaiakter- eigenschaften, die der„Alle Doktor" sich genau merken muß. Meite, die schlimmste von allen, ei» topf- und beinloser Ueberrest einer «inst blühend gesunden Puppenschönheit und jetzt natürlich Klein- Ellen? Liebling, muß einen besonders günstigen Ehrenplatz auf Ibsens Knie erhalteist: und dann begiimt Ibsens Aufgabe: er muß sämtliche Puppen reiten, traben und fahren lassen. Als Dr. Sontum ins Zimmer trat, war er nicht wenig erstaunt, als er den weißhaarigen Schöpfer des„Puppenheims" mit gravitätischem Eifer damit be- fchäftigt fand, die Puppenarmee seiner Töchter auf den Knien reiten zu lasten. Ellen Sontum war drei Jahre alt, als sie Ibsen„kennen lernte". Sie kam mit ihrer Mutter eines Nachmittag« zu Frau Ibsen aus Besuch. Daheim hat sie soviel von Ibsen gehört, daß sie den„großen Mau»" sehen will. Während die Frauen plaudern, sitzt Ibsen wie immer einsam in seiner Studierstube und arbeitet. Klein- Slleu lvird das Gespräch der Frauen zu langiveilig. so zieht sie unbemerkt auf Abenteuer aus und will den„großen Mann" auf eigene Faust entdecken. Sie kommt auch richtig auf sein Zimmer, bleibt starr stehe», starrt Ibsen mit fassungsloser Enttäuschung an und sagt schließlich kopfschüttelnd:„Ach, also Du bist der große Berantw. RedakteürV Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u, Verlag: Manu!" Ibsen amüsiert sich köstlich und als Trost für die Eni- täuschung führt er die Kleine durch sein Arbeitszimmer, zeigt ihr feine Bücher und„da er nie wnßte, wie er Kinder behandeln und was man ihnen geben soll, gab er ihr— Rotwein zn trinken." Als Klcin-Ellen eine Weile danach wieder bei der Mutter erschien, leuchteten ihre Augen verdächtig und strahlend erklärte sie:„Ach, es war so hübsch bei dem kleinen guten Mann da drinnen!" Im Herbst 1904 sah Bolette Ibsen zum letztenmal. Die Kindertage ivaren dahin. Sie zog nach Amerika, lim an der Carnegie-Bibliothekschule zu studieren: als sie von Ibsen Abschied nahm, lagen über ihm bereits des nahenden TodeS Schatten.„Er war sehr perändert, so weiß und och, so klein. Die Schultern, die er sonst stokz trug, waren schmerzlich eingesunken und sein Löwen- Haupt war so klein gelvorden, daß es nur noch das leuchtende Feuer der Augen zu bergen schien. Es schien ihn zu quälen, kein Gespräch inehr führen zu können. Aber er erkannte mich doch, als ich ein- trat, lächelte, gewann wieder auf einige Augenblicke Teilnahme und erkundigte sich nach allen Einzelheiteil meiner amerikanischen Pläne," Von den Bibliotheken Amerikas sprach er, sah dann lange sinnend vor sich hin und meinte schließlich leise:„Es muß ein großes Land sein— mit großen Möglichkeiten." Zweimal wiederholte er das mit in die Ferne gewandtein Blick. Und still fügte er hinzu:„Aber eS scheint so fern, so fern..." Kulturgeschichtliches. Aus den Familienarchiven der Freiherren von Hardenberg. Christoph von Hardenberg, ein Vorfahre des aus der Zeit der Freiheitskriege berühmten, vielgenannten Ministers, erließ, als er Stadthalter von Wolfeubüttel war, au seine Diener am 10. März 1666 folgende„Hofordnung, wonach es Se. Exzellenz, der Herr Stadthalter, gehalten wissen will." Sie beginnt mit der Erklärung an seine Diener, faß sie allesamt grobe, ungehobelte, dumme und unachtsame Kerle wären, denen er nun init folgenden Lebens- und Sittenregeln väterlich an die Hand gehen, sogleich aber auf jede Uebertretung den gehörigen Trumps setzen wolle. Wer also, zum Beispiel, nichts aus der Predigt behält, soll wie ein Hund, auf der Erde liegend, sein Mittagsbrot fressen. Wer flucht, eine Stunde lang mit bloße» Knien aus einem scharf gehobelten Brette knien. Wer das beilige Abendmahl, wenn es ihn, angesagt wird, dasselbe zu empfangen, versäumt, soll mit schwerem Gewicht belastet auf dem Esel reiten, oder auch, nach Umständen, die Peitsche erhalten. Hausdieben wird der Galgen versprochen. Wer in Briese guckt, wenn sie auch offen daliegen, soll drei Tage hintereinander die Bastonnadc erhalten und als infam fortgejagt werden. Wer die Zeit verschläft, de� sollen zwei seiner Kameraden die Hosen glatt anzielten und ihm?cder sechs Hiebe geben... Die Speisen sind in guter Ordnung, ohne etwas zu verschütten, aufzu- tragen, die Schüsseln mit Reverenz wieder abzuncbinen. Wer aber nascht, und Nase, Maul und Finger in allen Schüsseln hat, soll ge- zwungen werden, zur Vertreibung seines Appetites heiße und brennende Speisen zu fressen. Jeder ist schuldig, auf erhaltenen Befehl mit einer Reverenz hervorzutreten und deutlich und laut das Tischgcbet�zu sprechen. Wer stockt, empfängt sechs spallische Nasen- stüber. So einer mit ungewaschenen Händen aufivartet, soll, sich geberden, als wenn er sich wasche, während einer ihm Wasser aus die Hände gießt, ein anderer aber sie ihm mit zwei scharfen Ruten so lange abtrocknet, bis sie wohl bluten. Desgleichen, wer unge- kämmt auswartet, solcher soll im Stall mit dem Pferdekampe!, in harter Aussetzung des Hosmcistcrs, tüchtig getampeld werden. Das Tischtuch ist in einem Wurs� überzubreiten, jeder Teller init einer Serviette zu belegen, das Salzfaß mit reinem Salz zu versehe». Wenn es Zeit ist, sind die Lichter auszusetzen und fleißig, jedesmal beim Plag des Vornehmsten anzufangen, zu schnuppen. Zuletzt wird das Tischtuch manierlich wieder abgeuoinmen und mit einer Reverenz abgetreten, bei Pön sechs italienischer l�aseustüber. Wer sich mit ins Gespräch mischt oder grinst, soll ausblasen, wer laut lacht, vier Knipzchen aus die Finger empfangen. Wer ein Glas übervoll einschenkt und es dann mit seinem eigenen Maule abtrinkt. erhält zivanzig Hiebe nach der Pciischenordnung. Wer unreine Gläser präsentiert, kann wählen zwischen vier Ohrfeigen oder sechs Nasenstübern. Nach Tisch wird jedem Gast ein Handwasser l»it Reverenz dargereicht. Dieweil c? auch ein schandloses und un- leidentliches Werk sei, wo die Bedienten langsam äßen, so soll denen, die länger als eine Viertelstunde damit zubringen, das Essen vor den: Maule weggenommen werden. Wer die vorgesetzte» Speisen nicht essen will, fastet dann die folgenden 24 Stunden ganz und gar. Sofern der Stadthalter einem Bedienten etwas befiehlt, und dieser läßt sichs beigeben, es wieder einem anderen zu befehlen, so soll er von dem, welchem er befohlen, vier Ohrfeigen, empfangen, dem anderen aber für seine Mühe sechs Ohrfeigen Widder werden. Die Vergebungen der Stalleute werden mit Satteltrapp geahndet. Wer mit schmierigen und zerrissenen Stiefeln ausivartet. wird Spießruten gejagt. Lausige imd räudige Kerle sollen ohne Bett und Decke schlafen, am Ende gar davongejagt werden. Haben sich zkvei ge- prügelt, so sollen sie ihre Sache noch einmal mit Stecken fechtend in Gegenwart des Hofmeisters ausmachen, und wer den anderen schont, Prügel erhalten. Wer ohne Erlaubnis ausgeht oder gegen den Herrn murrt, yat nach Umständen Peitsche, Kette und Pfahl zu erwarten. Jedes Spiel ist ganz und gar untersagt.._ Vorwärts Vüchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LiEo., Berlin SW.