Mnterhaltungsblalt des'Vorwärls Nr. 97. Donnerstag� den 22. Mai. 1918 21 Das emfeffelte Sekicklal. Roman von Edouard Rod. 2. Kapital. Die Hauptpersonen der Gerichtsverhandlung entsprachen der Wichtigkeit des Dramas. Der Präsident, Herr Motiers de Fraisse, galt als einer der tüchtigsten Beamten deS Appellationsgerichtö. Er wirkte auch äußerlich imposant und besaß die hauptsächlichsten Eigenschaften, die sein Amt er- forderten: Autorität, Scharsblick, Logik, Kaltblütigkeit und Schlagfertigkeit. Als er eintrat, nahm er sein Barett ab, um den Gesck»vorenen für ihre Begrüßung zu danken. Mit leicht einladender Bewegung forderte er sie auf. Platz zu nehmen. Streng gegen sich und andere, mißtraute er den Adepten weiter und lockerer Moralbcgrifse. War ihre Vergangenheit unklar, lagen von früher Verdächtigung gegen sie vor, konnten sie keinen llnbarinherzigeren Richter als ihn finden. Mit einem hartnäckigen unfreiwilligen Vorurteil war er nach Versailles gekommen: das Studium der Akten hatte ihn zu der Enipfindung gebracht, daß der Angeklagte strafwürdig sei, wenn auch dieses Gefühl noch nicht zu innerer Gewißheit gereift war. Lennantes, den er ordnungsgemäß besucht hatte, machte auf ihn, ohne daß er sich über dieses Gefühl klar werden konnte, einen ungünstigen Eindruck. Vielleicht, weil er ihn jenen zweifelhaften Gesellschaftskreisen angehörig wußte, wo man sich bereichert, indem man zwischen dem Er- laubten und Verbotenen laviert, wo man Geschäft und Ver- gnügen durcheinander bringt und das Leben genießt, ohne sich unzeitige Skrupel zu machen. Das Mysteriöse des Falles, das hier ja nicht nicht in der unleugbaren Tatsache, aber in den Empfindungen von Lermautes bestand, erschien durch die persönliche Auffassung des Präsidenten diesen! schon von vorn- herein fast aufgeklärt, und er zweifelte nicht, daß die Ver- Handlung auch noch die letzten Dunkelheiten verschwinden lassen würde. Als Beisitzer des Präsidenten fungierten die Richter Rudrit und Perron, Der crstere war schon alt: man rühmte ihm feines Sachverständnis und sicheren Sckzarfblick nach. Herr Perron, viel jünger als Rudrit, war ein eleganter Welt- mann, dem zweifellos eine glänzende Karriere bevorstand. Der Staatsanwalt, Herr Rutor, war aus ganz anderen Gesellschaftsschichten hervorgegangen als der Präsident. Er stammte aus einer kleinen Beamtenfamilie und hatte sich durch seine Tüchtigkeit emporgearbeitet. Fleißig, uneigennützig, liebte er diese Rechtswissenschaft, dieses herrlich geflochtene Gewebe, in dem der Geist der wunderbaren Verkettung von Ursachen und Wirkungen folgen kann. Aber nach und nach war in Rutors Seele durch sein Amt eine Wandlung vorge- gangen: ein kleinlicher Rigorismus inachte ihn dazu geneigt, nur den als rechtschaffen zu betrachten, der noch niemals ver- dächtigt wurde. Der Menschenhaß, der zweifellos durch den Umgang mit Verbrechern in ihm entstanden war, schärfte sein Mißtrauen und eine gewisse seelische Bitterkeit die Strenge seiner Urteile. Vor etwa zwei Iahren hatte er die Bekannt- schaft Lermautes in einer Gesellschaft bei einem reichen Kol- legen gemacht. Lermantes war damals durch den Bau der Hochbahn sehr im Vordergrund des Interesses und wurde von dem Hausherrn seinen Gästen als etwas ganz Besonderes borgestellt. Es war bei Tische viel von einem Verbrechen die Rede: ein Herr aus der Gesellschaft hatte seine Frau er- mordet, weil sie ihn betrogen hatte. Und der glänzenden Ver- teidigung durch Rechtsanwalt Brävine war die Freisprechung des Mörders zu verdanken. Lermantes nahm bei dem Diner die Partei des Angeklagten und widersprach den eingeladenen Richtern, die gegen das Urteil protestierten. Die glänzende Rede von Lermantes hatte sich dem Gedächtnis Rutors ein- geprägt, vielleicht weil sie gerade das Gegenteil von dem war, was er sonst über denselben Gegenstand sah und hörte. Bei der Durcharbeitung der Akten Lermantes machte sich der Staatsamvalt klar, wie dessen Schicksal bald teilweise von ihm abhängen würde, und ein Eindruck sehr lebhafter, fast warmer Sympathie bemächtigte sich seiner. In ihm kämpften zwei entgegengesetztg Ueberzeugungen: die eine entsprang seinem Gefühl, die andere seiner Erfahrung oder seiner Vernunft. Dem Staatsanwalt gegenüber saß Rechtsanwalt Brävine. Die Gegenwart dieses gefürchteten Gegners spornte seine etwas schläfrige Ueberzeugung an. Die Stammgäste der Schwurgerichtssitzungcn kannten den jungen Advokaten schon. Brsvine machte vor allem den Ein- druck zäher Kraft. Sein scharfer, gerader Blick traf, wo er treffen lvollte. Mau erriet in ihm einen geborenen Kämpfer, der nicht allein zur Verteidigung, sondern auch zum Angriff stets bereit war. In dem Alter, in dem andere zu beginnen pflegen, war er schon berühmt: er hatte in den fiinfzehn Jahren seiner Tätigkeit schon Freisprechungen vor allen Schwurgerichten Frankreichs erzielt. Er war modern und realistisch, lebhaft, geschickt, ironisch, präzis, hatte die früher beliebte Rhetorik abgelegt und die Verteidigung gleichsam zu einer neuen Kunst gemacht. Seine kurz gestellten Fragen, die sich dem Geist der Geschworenen einprägten, genügten manch- mal, dem Prozeß eine Wendung zu geben und die Ueberzcu- gungen zu verschieben. Wenn er dann sein Plaidoycr begann, waren die Hörer schon dermaßen vorbereitet, daß jeder glaubte, er lvürde au Stelle des Rechtsanwaltes dieselben Worte und dieselben Gründe gebrauchen. Neben Brövine saß sein Sekretär. Rechtsanwalt Dully, ebenfalls ein kluger und talentierter Mann. Im Publikum diskutierte man über den Gerichtshof, den Staatsanwalt und den Verteidiger, als Lennantes, von zwei Wächtern geleitet, hcrcintrat, 3. Kapitel. Den meisten, die ihn in seinen besten Zeiten gekannt hatten, schien er durch die lange Haft kaum abgemagert. Sein reiches, lockiges Haar war an den Schläfen ein wenig er- graut. Die linke Hälfte seines dichten Bartes war fast weiß. Einige Pockennarben waren auf dem gebräunten Gesicht be- merkbar es war ein energisches, tatkräftiges Manuesantlitz, aus dem feurige, dunkle, gebieterische Augen blitzten, ein leidenschaftliches, ausdrucksvolles Gesicht, das niemals ruhig blieb, das aus einer Menge heraus zu erkennen war und sich für immer dem Gedächtnis einprägte. Seine Blicke flogen schnell über die Versammlung und blieben eine Sekunde an seinen Kindern haften. Ren6e. als ob er sie gerufen hätte, richtete sich mit vorgestreckten Händen auf. Ein Schluchzen erstickend, hatte sie sich so schnell gesetzt, daß ihre Nachbar» die Bewegung kaum bemerkten. Jhre beiden Brüder hatten sich nicht gerührt. Herr Marnex, die Hände auf den Stockknopf gestiitzt, duckte sich, und der Kopf versank noch tiefer zwischen den Schultern. Frau d'Entraque setzte sich etwas weiter zurück, zweifellos weil Herr Marnex jetzt den Angeklagten verdeckte. Der Staatsanwalt hatte sich ein wenig vorgeneigt und versuchte den Angeklagten mit den Blicken zu durchringen: aber bald wandte er sich ab: was kann die Larve eines Menschengesichtes verraten? Lermantes saß kaum, als die Menge sich halblaut Be- merkungen zurief. Chaussy, der nur durch einen Gendarm und Marius Gland, den berühmten Privatdetektiv, von dem Angeklagten getrennt war, rief Jean Bogis, einem juristischen Berichterstatter, zu: „Wie er sich aufspielt! Wir wollen das Ende abwarten!" Lermantes hatte diese Bemerkung vielleicht gehört, denn er richtete die Blicke nach der Seite seines Feindes. In den Logen wurde es immer lebhafter. Die Leilte lachten, lautes Sprechen ertönte, und der Lärm nahm so zu, daß der Präsident ärgerlich rief: „Ich verlange Ruhe, sonst lasse ich den Saal räumen. Die Türen haben geschlossen zu bleiben." Das Publikum gehorchte nur halb, die Menge draußen wurde zurückgedrängt und man hörte sie im Vestibüle ärger- lich stampfen. Lermantes saß da wie eine Bildsäule. Die Hände auf die Knie gestützt, die Augen gesenkt, so bemühte er sich, alle diese Blicke, diese Köpfe, die wie ein brandendes Meer um ihn herumwogtcn, nicht zu sehen. Die ihn eben noch ganz unverändert gefunden hatten, begannen, mit ihren Lorgnetten und Operngläsern bewaffnet, die Verwüstungen in seinem Gesichte zu entdecken. Unzählige Falten durchfurchten feine hohe Stirn, Schmerz, Seelenqual, vielleicht Gewissensbisse hatten sie geschaffen. Der in vielen Stunden schrecklicher Ein- fanikeit stumm gewordene Mund hatte einst wohlwollend ge- lächelt; heute hatten Widerstand und Verzweiflung die Lippen fest zusammengepreßt. Der flatternde Blick wollte vergebens ruhig erscheinen, das Zittern der Wangen und Nasenflügel. die bebenden Hände verrieten ein verlassenes, niederge- schmettertes Wesen, dessen Kräfte und Selbstbewußtsein wie Wachs in einem Brande dahinschmolzen. Lerniantes ver- suchte sich manchmal aufzurichten. Aber wie unter dem Druck einer unsichtbaren Hand, die sich ihm auf den Nacken legte und ihn niederdriickte, fiel er wieder zusammen. Mit gebeugtem Rücken, hängenden Schulten: saß er da wie einer, den man die Seele genommen. Manche, die an den blühenden Mann zurückdachten, hatten Mitleid. „Was ist aus ihm geworden I" murmelte Lavenne. „Sieh Dir doch die Hände an, die Bewegung der Daumen, die sich reiben und krümmen! Das ist doch Pracht- voll! So etwas könnte man gar nicht erfinden!" Als man während des Zeugenaufrufes dig matten Zuckungen des seelisch gebrochenen Mannes beobachtete, ver- suchte das Publikum sich zu erinnern, was es iibcr ihn aus Zeitungen und Klatschgeschichten wußte. Eigentlich sehr wenig. Und auch nichts Bestimmtes. Er war der Schöpfer glänzender Unternehmungen gewesen, die ihm gewiß ein großes Einkommen verschafft haben. Seitdem er sie nicht mehr durch seine Kühnheit und sein Genie stützte, ging es mit einigen davon reißend bergab. Weshalb? Haben sie nur Wert gehabt durch die Großzügigkeit, mit der Lermantes sie in Szene gesetzt hatte? Oder war er. wie es Chaussy seit des Angeklagten Verhaftung beständig wiederholte, ein Mann, der seine Geschäfte tatsächlich nur skrupel- und gewissenlos gemacht hatte? Alles harrte auf die Erklärung aller dieser Dinge, so daß die Präliminarien unerträglich lange erschienen. Endlich war man dainit fertig, und das Drama begann. lFortsetzung folgt.) Ver große und der kleine JVIenfcb. Von N. I. T i ni k o w s k y. Der große und der kleine Mensch lebten unzertrennlich mit- einander, weil es ihnen bestimmt war, so zu leben. Sie hatten einen gemeinsamen.Körper, ein Gesicht, und bildeten ein merk- würdiges Ganzes; sahen sich aber im übrigen gar nicht ähnlich. Die Äugen des kleinen Menschen glänzten und blickten nach allen Seiten voll Sorge und Angst um das Wohlbefinden des großen Menschen; wenn sie keinen Grund zur Angst oder Unruhe hatten, blickten sie schläfrig, apathisch; sie blickten weder böse noch gut, weder gescheit noch dumm. Die Augen des großen Menschen, tiefe, schwärmerische, ernste Augen, blickten mehr nach innen; es glimmte ein Feuerchcn in ihnen, einem Funken ähnlich, der jede Minute in eine Flamme auf. zuflackern schien. Manchmal flammte dieses Feuerchen auf, und da leuchtete es unversöhnlich in den Augen; aber sofort erlosch das Fcuerchen, die Augen verdunkelten sich, und es blickte die Sehnsucht aus ihrer Tiefe.... ~ Das Geschöpf, das so eigentümlich in sich den kleinen und den großen Menschen vereiingte, stand täglich auf, wusch sich, trank Tee und ging ins Amt.... Beim Anziehen dachte der kleine Mensch: „Mir scheint, man trägt jetzt wieder breite Hosen. Man-muß es zur Kenntnis nehmen." Der große Mensch knirschte mit den Zähnen beim Anziehen des steifen Hemdes und dachte:„Was für ein Narr hat dieses Joch erfunden? Wozu ist das gut?" Der kleine Mensch verrichtete weihevoll seine Arbeit im Amt. Er runzelte tiefsinnig die Stirn, kritzelte unheimlich mit der Feder auf dem Papier, und es schien ihm, als wären nur diese Papiere, diese Kanzleimauern, diese Schränke, nur diese uniformierten Menschen, die mit den Federn kritzelten, die. Diener, die sich vor den Borgesetzten respektvoll verbeugten, auf der Welt. Alles andere aber existiere so nebenbei, zufällig und nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Dem kleinen Menschen war es angenehm zu wissen, daß sein Vorgesetzter mit ihm zufrieden ist, daß der Bittsteller sich bei ihm einschmeichelt, der Diener ein erschrockenes Gesicht macht, wenn er mit ihm spricht; er freute sich darüber, daß der Zwanzigste, derTag der Gehaltsauszahlung, so nahe sei, daß crzuden Feiertagen eine Remuneration, zu Neujahr eine Rangerhöhung und einenOrlwn bekommen werde. Und das Gesicht des kleinen Menschen nahm bei diesen Gedanken den Ausdruck der Zufriedenheit an. Der große Mensch im Gegenteil meinte gerade, daß das Leben, das sich außer- halb dieses Amtszimmers abspielt, so aufgeregt und lärmend, das echte, ungekünstelte Löben sei, und daß diese Mauern, diese Schränke, Papiere, Uniformen— nichts anderes als ein bcleidi- gendc? Mißverständnis seien. Der Vorgesetzte, der seinen Namen, zur Seite blickend, unter- schrieb, der Diener, der die Tür, die doch jeder selbst aufmachen konnte, vor den Eintretenden aufriß: das alles erschien ihm wie ein beleidigender Unsinn. Und als er an den Zwanzigsten des MonatS dachte, fühlte er sich�erlegen wie einer, der etwas verbrochen hatte. Nach den Amtsstunden gingen der kleine und der große Mensch nach Hause zum Essen, wobei sie während des ganzen WcgeS nicht zu streiten aufhörten. „Wohin eilst du?" bemerkte vernünftig der große Mensch. „Wer jagt dich?" Aber der Kleine hörte nicht und setzte seinen Weg eilig fort, gab den„Persönlichkeiten" den Vortritt und spähte nach allen Seiten, ob er nicht einem ihm wichtigen Menschen begegnen würde. Und traf er einen solchen, so nahm er mit einer breiten, abge- rundeten Bewegung den Hut ab, und noch lange spielt« ein freundliches Lächeln um feine Lippen.... „Herr, schenken Sie mir etwas zum Brotl,, hörte er eine flehende, schüchterne Stimme. Der große Mensch sah vor sich ein schüchternes, abgezehrtes- Gesicht, klagende Augen und eine vor Kälte rote, ausgestreckte Hand. Sofort durchdrang den großen Menschen der Gedanke, daß eS tausend, zehntausend, hunderttausend solcher Gesichter und Hände gebe, daß die satten Menschen, die sich, wie Schnecken in ihre Häuschen, in ihr sattes Leben zurückgezogen hatten, an ihnen vor« übergehen und fahren, und daß auch er selbst an ihnen vorüberging, als wären diese Menschen Laternenstangen und keine lebendigen Wesen. Aber das ist doch schrecklich, empörend, unausstehlich! Man kann doch nicht ruhig arbeiten, ruhen, solange man nicht alles an» gewendet hat, um diese hungrigen Gesichter und Hände zu be» friedigen. Man kann nicht Seite an Seite mit ihnen leben und' mit ruhigem Gewissen sein Mittagessen verzehren, man mutz die schändliche Gleichgültigkeit abschütteln. Aber der kleine Mensch suchte schon in seinen Taschen, zog eilig eine kleine Münze hervor und, dem Blicke der hungrigen Augen ausweichend, steckte er sie in die erfrorene Faust.... „Nimm um Christi willen!..." murmelte er, eilte rasch weiter und gab sich Mühe, den Bettler bald zu vergessen� -» Der kleine Mensch hatte viele Bekannte, weil er viele kleine Interessen hatte. Der große besaß keine Bekannte: er lechzte nach Freunden, und die waren nicht zu finden. Deshalb schleppte sich der große Mensch mit dem Kleinen zu seinen Bekannten, besuchte Geburtstagsfeste, Soireen, Jourfixe... Im Salon sitzend, umgeben von ebenso kleinen Menschen wie er selbst, überlegte der kleine Mensch, was er zu sprechen und was er zu verschweigen hatte, um den berrschenden Ton nicht zu ver- letzen. Er wollte sich den kleinen Menschen angenehm machen und bemühte sich mit aller Gewalt, den großen Menschen zu verdrängen, der leise brummte und die Gesellschastsruhe zu stören drohte. Mit dem Hausherrn sprach er solid aber die Selbstherrschaft, tratschte liebenswürdig mit der Hausfrau, sprach mit dem Sohn über die Hundeausstellung und mit der Tochter über die Frauen» bewegung und die Opernsänger; das eine Mal seufzte er mit- fühlend, das andere Mal lächelte er... je nach Bedürfnis. Und der große Mann wand und krümmte sich unterdessen: „Soll ich mein Leben lang verurteilt sein, Besuche zu machen� falsches Lächeln, falsche Gesichter zu sehen, leeres Geschwätz anzu- hören? In was für einem Verhältnis stehen diese Gespräche zu dem allen, um dessentwillen der Mensch lebt?" Und er hatte große Lust aufzuschreien: „Wie langweilig, fade, ekelhaft!" Aber schon drängte sich der kleine Mensch vor, hielt ihm den Mund zu und sagte mit einem süßen Lächeln zu seinen Gastgebern: „Es ist ein Vergnügen, sich in Gesellschaft von Menschen zu be- finden, die einem seelisch verwandt sind. Wissen Sic, man ruht förmlich aus...." Im Sommer gingen der große und der kleine Mensch manch» inal aufs Land und strichen in Feld und Wald herum. Der große Mensch liebte es, sich ins Waldcsdickicht zu verkriechen und dort stundenlang zu sitzen. Es freute ihn das Bewußtsein, ringsherum keinen kleinen Menschen um sich zu haben, sondern Dorf, MooS und Himmel. Dem geheimnisvollen Flüstern der Blätter lauschend, den Waldgeruch gierig einatmend, begann er sich stark, frei zu fühlen, wie ein im Käfig gehaltener Vogel, der in der Freiheit seine Flügel ausbreitet; er fühlte, wie sich seine Brust dehnte, wie in ihr das süße Gefühl eines neiwn, schönen Lebens zitterte und im Kopf die Funken neuer, lichter Gedanken aufflackerten; Ge» danken, die so wenig den früheren ähnlich waren wie frische Wald- blumcn den künstlichem... Der große Mensch freute sich über seine Einsamkeit, der kleine krümmte sich, gähnte und sprach im altklugen Ton:„Was willst du mit deiner Freiheit, mit deinen ungewöhnlichen Gedanken beginnen? Du mußt doch mit den Mcn- scheu und nicht init den Bäumen leben. Für die Menschen sind deine Gedanken unbrauchbar und uninteressant. Und überhaupt— wozu derartige Gedanken? Sie regen nur umsonst auf. Und was ist das für ein neues Leben, das dir vorschwebt? Du kannst«S clber nicht erklären.... Laß diese Schwärmereien, du wirst dich päter mit deiner Unzufriedenheit abquälen. Ich sage es dir a»S Mitleid, laß ab davon I" » hochverehrter Stephan Tarrassowitsch!" schrieb der kleine Mensch sorgfältig auf einen Bogen Briefpapier. ..Uno einem solchen Klotz— diese Ehre?" kochte eS unterdessen in der Brust des Grohen.... Der Kleine, den Kopf zur Seite geneigt, führte jeden Buch- ftaben sorgfältig aus, da Koldobin, an den der Brief adressiert war, ein Freund der Kalligraphie war. ... Nehmen Sie den Ausdruck meiner tiefen Verehrung und herzlichen Ergebenheit entgegen.. Der kleine Mensch kratzte sich mit der Federspitze die Nase, dachte nach und schrieb weiter: „... Auch den Ausdruck meiner aufrichtigen Liebe zu ihnen." Dann unterschrieb er seinen Namen und blieb bei dem Ge» danken: ob er den gewohnten Strich machen solle oder nicht, stehen. „Vielleicht ist es ohne Strich besser?" Der gro�e Mensch sträubte sich, der Kleine aber versiegelte schon den Brief und schrieb mit großen, schönen Buchstaben die Adresse:„Seiner Hochwohlgoboren Herrn Stephan Tarrafsowitsch Koldobin". In diesem Brief bat der kleine Mensch um die Hand der Tochter Koldobins, Anastasia. Beide— der Kleine und der Große— liebten diese Anastasia, beide zusammen wollten sie heiraten, und beiden erschien es ganz selbstverständlich, daß sie immer und in allem unzertrennlich blieben. Und so verlobten sie sich beide. Der kleine Mensch parfümierte sich mit Kölner Wasser, schenkte der Braut Bonbons, sagte dem zukünftigen Schwiegervater Liebens- Würdigkeiten, und seine ganze Gestalt hatte ein steif-sestliches Aus- sehen. Der Große wand sich wie einer, dem die Kleider unter den Armen zu eng sind, und als er von seiner Braut auf die Straße hinausging, seufzte er stürmisch und hieb zornig mit dem Stock durch die Luft.... Zu Hause dachte der kleine Mensch lange darüber nach, was für Veränderungen in Anbetracht der bevor- stehenden Hochzeit in der Wohnung vorzunehmen wären, was er lausen müßte und wieviel alle? kosten würde. Er nahm einen Bleistift, Papier— rechnete, addierte, multiplizierte; den Bleistift mechanisch hinter das Ohr steckend, dachte er über die Berwicke- lungen und Unbequemlichkeiten nach, die durch die Verheiratung entstehen muhten, und sein Gesicht verzerrte sich, und seine Augen blinzelten unruhig und unbeholfen. Der große Mensch rechnete nicht, erwog nicht. Es schien ihm, daß im Herzen seiner Braut dasselbe große Gefühl wie in ihm lebte,— und vor diesem Gefühl verschwanden alle Bedenken, Zweifel und Fragen wie die Sterne vor der Sonne. Dieses Gefühl niutzte alles verdrängen, rechtfertigen, verschönen! Und er lief zu seiner Braut, von dem Wunsch, mit ihr über dieses yroßc, neue Gefühl zu sprechen, beseelt; natürlich lief auch der kleine Mensch mit ihm— weil das Schicksal die beiden für immer verbunden hatte. (Schluß folgt.) IlicKard Alagners Merk. Seine Bedeutung und die Grenzen seiner Geltung. Der Tag, an dem die waschechten Wagnerianer das Buch der deutschen Musikgeschichte endgültig zuschließen, ist der 13. Februar 1883, der Todestag Richard Wagners. Es gibt für sie keine deutsche Ton- kunst von Belang mehr nach dem Hinscheiden ihreS GotleS, der einer ganzen Kultur seinen gewaltsamen Stempel aufgedrückt hat. Das war die sonderbare künstlich zum Leben gebrachle, im Theaterlicht künstlich erwärmte und beleuchtete Kultur völkischer Mythologie. Die deutsche Heldensage wurde veropert. Ideale, die bisher auf die Sondcrkreise blondbärtigcr teutonischer Germanisten beschränkt waren (Felix Dahn I), wurden plötzlich als nationale Ideale ausgerufen. Die Kultur der Edda und der mittelalterlichen Minnedichtcr wurde höchster Trumpf im arischen Germanien und das Judentum in Kunst und Musik zu bekämpfen, war ebenso Ehrensache für den gebildeten tcntschen Hirnbesitzer wie tiefsinnige Gespräche über die Ehe von Poesie und Musik im Musikdrama, über Kunst und Religion, über die transzendentale Erlösnnasidee, über daS deutsche National- drama, über daS univertale Kunst- und Kulturgenie, über Bayreuth, Wahnfried, Siegfried, Vegetarismus und Vivisektion zu halten. Noch nie war von einem Musiker ein so starker Einfluß auf das gedankliche und soziale Leben seiner Zeit miS- gegangen wie von dem kleinen sächsischen Fenergeist, der sein Leben nichts getan hat wie„revolutionieren". Freilich nur Ideen rcvolu- tionierte er, auf die Barrikaden ging er nur theoretisch mit... Dpeißig Jahre hat es gedauert, bis wir die rechte Distanz zu Wagner und seinem Werk, daS heute die europäischen Theater mit erdrückender Kraft beherrscht, gewinnen konnten. Bis wir aus dem Fanatismus für und wider W., von Hans v. Wolzogen und den salbungsvollen Nazarcncrn aus der oberfränkischen Fremdenzentrale Bayreuth wie von Nietzsche(der an der„Krankheit Wagner" starb) und seinen klugen Affen frei machen konnte. Bis wir zu übersehen vermochten, Ivo die Erlösung aufhörte und die Gefahr begann, wo seine nnvergänglichen Kunstschöpfungen, wo Theaterzaubcr ivar, wo theoretisch znsammengetüstelte, für den Augenblick durch einen stärken Willen festgehaltene Konstruktionen, wo aus innerein Schauen Bild und Klang gewordene Poesie. Wir find nach IVO Jahren Wagner nun endlich so weit, zu erkennen, was von der kosmopolitischen Zu- kunflsmusik bereits deutsche Vergangenheitsmusik geworden ist. Wagner hat uns Deutsche und die ganze Kunstwelt in der Tat erlöst. Von der nach Mozart und Weber versimpelten und total verblödeten, durch Meyerbeer und die Franzosen verrohten Oper. In der die Schablone, das Tanzbein, die kostümierte und koloriert« Arie, die Unnatur, die Schminke, die Maskerade alles, die Poesie, die Sprache, die dramatische Wahrheit, der Geist, die Idee nicht» war. Von dieser Oper in der tiefsten Kurve ihrer Erniedrigung hat u»S der große Reformator, der„Luther der Oper", für immer erlöst. In seinen vier romantischen Opern wie in seinen sieben eigentlichen Musikdramen. Er erst hat die eigentliche Kunstforin der Oper ge- schaffen, die Mozart und Glnck ahnten, in der eine vernünftige Hand- lung von denkenden Schauspielern gesungen wird. Er hat Poesie und Musik zu einer höheren Einheit in« musikalischen Drama zu ver« mählen versucht, wobei nur freilich unerläßlich blieb, daß die eine die andere störte. Die Musik sollte als Mittel des Ausdrucks ein« treue Magd und Gefährtin der Dichtung sein, sie war nicht mebr „tönender Selbstzweck" wie in der alten Oper. Aber leider, sowie die Magd ihre Stimme erhob, verstand man die Herrin nicht mehr. DaS Orchester machte die Sänger tot. Was nützte dagegen die Mahnung deS Meisters und der„Bayreuther Stilbildungsschule": möglichste Deutlichkeit des Ausdrucks, mehr deklamieren wie fingen, Konsonanten quetschen! Hicl war also schon ein Bruch im künst« lichen Geflige des Wortton-ApparatS, den Wagner das Gesamt- k u n st w e r k nannte, der im.Ring des Nibelungen" seinen anfecht- barsten, im„Tristan" seinen reinsten und edelsten Ausdruck gewonnen hat. Das kapitalistische Weltgedicht vom vernichtenden Fluch des Goldes, von der erlösenden Kraft der Liebe war die Probe auf das vom alten Aristoteles übernommene ästhetische Rechen» exempel voin gleichberechtigten Nebeneinander aller Kunst im Drama. Aber Dichtung und Musik, Raumkunst, Malerei, Mimik und Tanz« kunst können nicht konkurrenzlos in der Oper miteinander wirken. Stets wird die Musik die vornehmste, die vordringlichste und die lauteste sein und die anderen Schwestern zu bloßen Mithelferinnen herabdrücken. DaS ist auch im„Ring" der Fall, der niemals eine solche Popularität errungen hätte, wäre er nicht erfüllt mit ebenso groß- artigen wie verständlichen musikalischen Episoden(den sinfonischeir Höhepunkten im Labyrinth der Leitmotive!, die den Tiefsinn der Dichtung mit ihrer politisch- philosophischen Vieldeutigkeit und die grausamen Längen der die Handlung immer wieder gewaltsam unterbrechenden Monologe Wotans, Minies, AlberichS, Waltrautes vergessen machen. Schon die herrliche Nalurmusik des RingS, die Musik des Flusses und Gewitters, des Regenbogens, des FeuerS, des Waldwcbens und deS LuflsausenS iin Sturm der Walküren entschädigt hierfür. Es kann sich auch jeder Mensch an der Liebesmusik eisreue», an der lebendig sprühenden und funkelnden Hamnier» und AmboSmusik Jung- Siegfrieds, am Getrampel der Riesen, den Hornrufen des idealsten aller jung- deutschen Waldläufer und moralischer Umstürzler, an dem Trillern des WaldvögleinS, an den riesenbaslen Harmonien des Mannen- chors. Kurz an der ungeheuren Ausdehnung des Gebiets, das dem Ring gemeinsam ist mit jener„gewöhnlichen Musik", die, ohne sich an den Verstand zu wenden, Gemüt und Seele laben will. So kam es— ohne alle ästhetischen Umschweife gesprochen— daß im Westen wie im Osten daS Lebenswerk W.s populär und„Mode" wurde, nicht weil es das erträumte utopische Gesainlkunstwerk darstellte, sondern weil es so viele und schöne, prachtvoll instrumentierte Musik« stücke mit Melodien enthielt. Der rein-musikalische, tondichterische Genius in Wagner hatte über den konstruierenden Theoretiker gesiegt. Die geschlossene Melodie über das Leitmotiv und die unendliche Melodie. Die zähe„Oper" über das nebelhafte, rissige Draina. Ja, ein Riß klaffte durch das ganze große Ringgebäude. Ein WcltanschauungSriß I Im Rheingold stand die Verfluchung deS Goldes, vor der Götterdänimerung aber der— Kaisermarsch, die Huldigung an daS kapitalistisch-monarchische System in Alldeutschland. Danach konnte Wagner seinen Siegfried nicht mehr idealisieren. Ja, Ivenn die Geschichte Deutschlands von 1849—73 die Geschichte Siegfrieds und Wotans, die Geschjchie der sozialen und der moralisch- politischen Umwertung oder die Geschichte des freiwilligen Machtverzichts zugunsten einer höheren sittlichen Idee gewesen wäre, dann wäre die Götterdämmerung ivirklich die logische Vollendung des Dramas geworden, statt des opcmhaften, innerlich unwahren Kompromisse». Der Republikaner war mit Siegfried gegangen, der ent- täuschte Schwärmer aber ging mit Bismarck und den reichSdeutschen Machthaber». Vom Holländer bis zum Parsifal hat W., der doch zum ersten Male daS moderne Ich, das nervöse Ich in die Oper brachte, die Philosophie und Musik der Erlösung, der Entsagung, deS Pessimismus verkündet. Er war kein Aufrichter, kein Stärker der positiven Lebens- mächte. Immer ist sein poelisch-musikaliiches Leitmotiv: Erlösung eines schwachen Mannes durch das Weib. Das Weib ist ihm dafür dankbar geworden. Nenn Zehntel des deutschen Wagner-PublikumS sind Weiber. Hysterische deutsche Jungfrauen, die in der blassen Senta oder der in himmelblauer Romantik verklärten neugierigen Else ihr Ideal sehen, unglücklich liebende unverstandene Ehefrauen. die mit Tristan und Isolde träumen, die moderne Frau aber hält'S mit Brunhilde, dem musikalischen Typ der moralisch Emanzipierten. Die Dankbarkeit und Bundestreue des deutschen WeibeZ für den Spender solch' femininer Kunst ist grenzenlos, ist verhängnisvoll. weil sie geeignet ist, das Bi!d Wagners zu entstellen. Aber auch die Schiffbrüchigen des Lebens, die Matten und Halben, die Ent« täuschten, Resignierten blinzeln mit dem Zauberkünstler des blendenden Theater?, der die„Bahreuther Suggestion' geschaffen hat. Und die Unklaren, denen da? dumpse-dunkle Ahnenmachen die Hauptsache ist. die von Bayreuth und dem Wahnfricdkultus Infizierten tappen wie im geistigen Nebel durch unsere hell und Heller werdende Zeit. Die rotbäckige gesunde Jugend durfte nur einmal zu Wagner gläubig aufblicken. Da, wo er zum einzigen Male im ganzen Rinadrama da» Monuinentale und verstiegen Pathetische vergibt und das Mensch- liche heraufholt. Im Waldgcdicht. Der blonde, sonnige Knabe, er- wachend zu bärenhafter Kraft, zur Naturlicbe, zum Heldentum. Jugend, Sturm, lleberschwang. Ein Schwert wird geschmiedet. Die raunenden Urstinrmen in Höhle, Acl« und Wald. Vorübergehend wird sogar das Alte, Häbliche, Neidische von der Jugend erschlagen. Nie war Wagner so gesund, so menschlich, so wenig grämlich, dekadent'und Schopcnhauerisch wie hier.>vo er mit einem unverglcich- lichen, lieblichen, gewaltigen, farbengliihenden Orchester in seinem Jung-Siegfried seine verlorene Jugend, seine Träume verkörpert steht. So wird, wenn alle andereii konstruierten Herrlichkeiten des Ringe? in Schutt und Asche zerfalle» sind, Siegfried noch uu- geschwächte Lebenskraft bewahren. Klafft mit der Götterdämmerung ein Riß durch den Ring, so erhält sein ganzes Lebenswerk einen unheilbaren Bruch mit der Schöpfung und Selbstverherrlichung des P a r s i f a l" um dessen Beschränkung ans Bayreuth man eigentlich eher bitten, als sie be- kämpfen sollte. Ist dieses vor protestantischen Konfistorialräten zu spielende GlaubenSmystcrium wirklich, ivic einige wollen, der kiinst- lerische Niederschlag seiner doppelten Enttäuschung von den Taten der goldberauschtcn Gründerperiode wie von den Taten der Sozial- demokratie, die nicht nur nach parlamentarischer, auch nach politischer Macht strebte? Hatte er so den Glauben an den Fortschritt des Menschengeschlechts, an die Befreiung des Siegsried-Proletariats, an die Niederwerfung des kapitalistisch-plutokratischen Drachen verloren, dah er mit Strindberg in seinem Parsisal ausrief:„O Kreuz, sei gegrübt, du meine einzige Hoffnung I'? Er verleugnete damit seinen Siegfried, indem er Parsifal ankündigte. Parsisal, nicht Held, sondern Tor, nicht mit einem unwiderstehlich schneidenden Schwert, da» aus der Rot geschweiht war, sondern mit einem symbolischen Speer bewaffnet, den er nicht einmal gebrauchen darf. Der, anstatt sich der Befiegung des Drachen Kapitals zu brüsten, sich entsetzlich schämt, einen Schwan(Glaube) erschossen zu haben. Niemand war unglücklicher über diesen Rückzug aus dem hellen Siegfried-Wald in die weihrauchschwelenden Gralshallen, wo„die Taube schwebt und der Glaube lebt', als Nietzsche. Niemand hat ihn schärfer verspottet, wie Bernard Shaw. Wie steht nun heute am Säkulartag die Gegenwart zu Richard Wagner? Da? ist ein ganz eigentümlich verwickelte« Verhältnis. Bei den sogenannten Intellektuellen beginnt allmählich die Ent- zauberung. Feinhörige Musiker und Kritiker, hellsehende Kultur- forscher sind sich darin einig, dah Wagner der Höhepunkt einer bestimmten musikalischen Entwicklung war, dab die Musik und Kulturgeschichte ihm sehr viel verdankt, daß durch ihn der Gipfel tondichterischer Monumentalität und Palhetik erreicht wurde, dah aber die dramatische Musik im schlimmsten Sinne absterbend und C'�emd würde, wenn sie weiter in diesen Bahnen sich bewegte. erkennt die Notwendigkeit, dab die musikalische Entwicklung von heute ab rascher über diesen Riesen wegkommen muh, dessen Vorherrschast lähmend auf das ganze moderne Theater, auf die ganze künstlerische Produktion zu wirken beginnt. Man setzt schon sehr energisch mit der Ring-Kritik ein, nachdem man sich von den Feuerwerkereieu der Schwanenritter- und Venusberg-Opern längst nicht mehr blenden läht- Man läht mit herzlicher Bcwunderuckg die beiden unsterblichen Schöpfungen unangetastet stehen: Tristan und die Meistersinger. Nun sind aber noch die Mafien da, die von den Kultur- gittern stet? am längsten Ausgeschlossenen. Bayreuth, daS„deutsche Nationaltheater", als ein teurer Treffpunkt der eleganten inter- nationalen Modcwelt hat selbstverständlich für das Volk nie existiert. Vom nächsten Jahre an brauchen die deutschen Theaterdirektoren keine Tantiemen aus den zahllosen Wagner-Aufführungen mehr nach Neu-Bayreuth abzuladen. Wagner ist„frei". Die Firma Wagners Erben wird darüber trauern. Soll das deutsche Volk sich dessen freuen, muh dafür gesorgt werden, dah eben auch da? Volk als solche», die kunsthungrigen, bildung«- und erbauungsbedürftigen Mafien ins Allerheiligste gelassen werden. Die Bühnenleiter, groher Lasten enthoben, haben die ideale Pflicht(wer lacht da?), ein monopolsreies Wagner-Nationaltheater über- all da zu errichten, wo die künstlerischen Mittel und Kräfte zu würdigen, ernsthaft vorbereiteten Aufführungen der sieben eigent- lichen Dramen des Meisters vorhanden sind. Ohne Umschweife: lastt endlich die breite Masse der besitzlosen Schichten ins Wagner« Theater I Veranstaltet l.9U in den groben Hof- und Stadttheatern Wagner-VolkSfe st spiele zu ganz billigen Preisen I In München macht man schon den Ansang damit. Damit endlich das vom jungen Wagner geträumte demokratische Ideal erfüllt werde. Die Kunst für alle, die eine gemeinsame Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp» Neukölln,--- Druck u. Verlag: seelische und leibliche Not empfinden. Die Kunst als höchster geistiger LebenSquell. Wer weib, was für unvorausgesehene Wirkungen sich einstelle», wenn nun die künstlichen Bahrcuthnebel von seinem Werk abfallen, wenn e« mit frischen, unbebnllten Augen vom Siegfried Proletariat betrachtet tvird...."lV. dl. Kleines feialleton* Astronomisches. Wie erloschene Weltkugeln zu neuem Leben er« wachen. Erst im Laufe der letzten Jahre hat das Spektroskop uns offenbart, dab im Kern erloschener Sterne weihglühende Stoffe vor« Händen sind,� die im Innern dieser Sterne brennen. Diese weib» glühenden Stoffe sind stark explosiver Natur, wie der berühmte schtvedische Physiker Arrhenius nachgewiesen hat. Man kann daher die erloschenen Sonnen und Sterne Geschossen vergleichen, wie sie im Kriege angewandt werden, die beim Aufschlagen in Tauscnde von Stücken zerschellen. Im Wcltenraum gibt eS Mengen von Materie, deren Moleküle ziemlich weit von einander entfernt sind, und die daher stets eine niedrige Temperätur ausweisen. Es sind das die sogenannten Nebel. Das Innere einer Crookeschen Röhre, wie man sie bei droht- loser Telegraphie anwendet, gibt uns einen Begriff von den Ver- zweigungcn dieser Nebel. Die Forschungen von Profefior Alfons Berget haben un» über die Beschaffenheit dieser Nebel nähere Auf- klärung gebracht. Wie er nachgewiesen hat, bestehen sie zum gröhten Teil aus Wasserstoff, aus Helium und einem Gase, das das Spektro« stop uns wohl hat erkennen lassen, das man aber bisher in den Stoffen, aus denen sich unsere Erde aufbaut, noch nicht hat finden können. In Ermangelung eines besseren Namens hat man es „Nebulium" genannt. Wenn kosmetische Stäubchen, die, aus ihrer ursprünglichen Lage durch die kolofiale Kraft der Strahlung fortgetriebem auf ihrer Wanderung durch den Weltenraum in eine Umgebung gelangen, die der eben beschriebener! entspricht, dann werden sie kleine Zentren der Kondensation. Da diese kosmischen Stäubchen mit Elektrizität ge- laden sind, bringen sie die Masse, in die sie eindringen, �um Leuchten. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch, wenn man durch eure Crookesche Röhre eine» elektrischen Strom durchgehen läfft. Durch das Leuchten wird der Nebel dann als weiblicher Fleck in den schwarzen Tiefen des unendlichen Raumes sichtbar. Tritt unter diesen Umständen ein gröberer Körper, eine er- loschene Sonne oder ein erstorbener Stern, in den Nebel, so wird dieser Weltkörpcr ein mächtiger Herd der Anziehung. Auf alle be- nachbarte Materie übt er seinen Einflub aus. Durch die dann folgende Kondensation wird die Temperatur der eindringenden Masse so erhöht, dah sie zu einem weihglühenden Kern im Nebel wird. Und jetzt beginnen die verschiedenen Phasen im Leben eines Sternes. In dem ungeheuren Raum und im Laufe der unendlichen Zeit kommt eS wohl vor, dah zwei erloschene Weltkörper, zwei Sonnen, die wohl eine dunkle, oberflächliche Schale haben, deren Innere« aber noch ein feuriges Meer bildet, mit kolofialer Gewalt aufeinander stoben. Der Anprall dabei mud fürchterlich sein. Das wird uns klar, wenn wir an die uncrmebliche Eile, mit der sich diese Himmelskörper bewegen, denken. Wandert doch unsere Sonne mit ihrem blendenden Gefolge von Planeten mit einer Geschwindigkeit von mehreren Meilen in der Sekunde dem Sterne Bega zu. Wenn zwei Körper von der Gröbe unserer Sonne, die sich mit derselben Geschwindigkeit fortbewegen, zusammenstiehen, dann würde die Erschütterung des Zusammenstohes, auch wenn die beiden Sonnen schon erstarrt wären, eme Kraft frei machen, die genügen würde, beide Körper zur Weibglut zu erhitzen. Die explosiven Stoffe würden sich entladen. Durch den ungeheuren Druck nach allen Richtungen entweichend, würden die glühenden Gase durch die Gewalt der Schwerkraft in eine Spirale ausgezogen werden und einen Nebel bilden, als defien Mitte der leuchtende Kern zurück- bleiben würde. Dann wäre eine neue Sonne geboren, und»»folge teilioeiser Verdichtimgen im Nebel würden bald auch um sie kreisende, neue Planeten entstehen. Ein solches Schauspiel enthüllt sich manchmal unserem Auge, wenn wir am dunklen Hinimel das plötzliche Aufleuchten eines neuen Sternes erblicken, wie eS zum Beispiel beim Perseus der Fall war. Mit der Zeit kühlen sich auch die neugebildeten Planeten ab. Kommt jetzt nun ein richtiger Keim, der den ultravioletten Strahlen entgangen ist, auf seinen Wanderungen durch den Raum auf diele abgekühlte Weltkugel, dann könnte auf ihr jetzt Leben ent- stehen. Seine mannigfachen Formen würden sich entwickeln und allmählich solche Bedingungen geschaffen werden, daß auf dem neuen Gestirn auch der Mensch erscheinen konnte. Im Laufe der un- endlichen Zeit mühte aber da? Leben wieder verschwinden. Der neue Stern würde wieder erstarren, und wohl wäre es möglich, dah er auf seinen Wanderungen durch den Weltenraum einer anderen erloschenen Weltkugel begegnete. Wieder würde die Er- schütterung ihres Zusammenstohes einer anderen Welt das Leben geben, und so setzt sich dieser Kreislauf kosmischer Existenzen bis ins Unendliche fort. : Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstalt Paul Singer LcCo., Berlin 5>V.