Nnterhaltungsblatt des Horwärts Nr� 93. Freitag� den 23. Mai 1918 � Vas entfesselte Scbicksal. ' Roman von Edouard Rod. 4. Kapitel. Die Anklage wurde von einem dicken, blassen, bärtigen Aktuar verlesen. Die sck>läfrige Stimnie wiederholte in kahler Amtssprache die tragischen Ereignisse. Der Tod des Generals von Pellice, durch Zufall oder Verbrechen herbeigeführt, bot nur noch geringes Interesse; die Einzelheiten verblaszten. Das Drama wurde bei dem kühlen und geschäftsmäßigen Vortrag fast etwas Alltägliches und begann jenen Schauer- stücken zu ähneln, die man in Kineinatographentheatern sieht.— Das übrigens trefflich geordnete Aktenmaterial bestand aus drei Teilen: aus der Erzählung des Verbrechens, dein Bericht über die Lage, in der sich Lerniantes am Vorabend des verhängnisvollen Tages befunden hatte, und aus einer kurzgedrängten Geschichte seines Vorlebens. Der General außer Diensten Gustav de Pellice, Witwer ohne Kinder, stammte aus einer alten savoyardischen Familie. Er hatte in der Nähe Chambärhs einen nicht allzugroßen Besch„La Combette". Auf diesem hatte er jedes Jahr die erste Hälfte des Sonimers verbracht. Jnr Herbst pflegte er sich dann zur Kur nach Vichy zu begeben, um nach seiner Rückkehr stets einige Freunde zur Eröffnung der Jagd ein- zuladen, deren Revier sich schon seit langen Jahren ini Wald zu St. Germain befand. Das mit Buchenholz bedeckte Terrain bildete ein Viereck von ungefähr 300 Meter Länge und 800 Meter Breite. Zwei Alleen begrenzten es östlich und westlich. Einige schmale Pfade durchkreuzten eZ, und an einigen Stellen lichtete sich der Wald. Im Jahre 1901 lud der General vierzehn Personen ein. Wie immer war auch diesmal Lermantes unter den Gästen gewesen. Zwei Herren waren nicht gekommen, also waren es im ganzen dreizehn Jäger. Elf von ihnen waren auf die Schützenlinie verteilt; Lermantes stand an der äußersten Westseite und hatte die Allee zu seiner Linken. Rechts war sein nächster Nachbar Graf d'Entraque. Trotz seines Alters bestand der General darauf, mit Riickwechsel zu jagen. Es waren fünfzehn Treiber und sechs Jagdaufseher aufgeboten. Einer von ihnen signalisierte ein Rudel Damhirsche. Am vorhergehenden Tage hatte er den Damhirsch mit der Kuh und zwei Spießern gesehen. Der General fragte jetzt seine Gäste, ob sie mit Rehposten versehen wären. Nur Herr Noiremont hatte sechs, er gab zwei davon dem General und zwei andere einem seiner Freunde. Der General bot die seinen Lermantes an, der sie aber mit der Bemerkung ab- lehnte: „Ich habe drei Kugeln, zwei genügen mir." Und er hielt eine d'Entraque hin und fügte hinzu:„Ich schieße nicht in die Linie abl" D'Entraque versichert, daß in dieseni Augenblick Ler- mantes die Ladung des linken Flintenlaufes wechselte und ihn mit der Kugel lud. Lermantes dagegen behauptet, daß dieses erst in dem Aligenblicke geschah, als er die Treiber „Hallo" rufen hörte. Wie dem auch sei, das Treiben währte schon eine Weile, und eine Anzahl Wild war bereits gefallen, als dieser Ruf erklang. Die Damhirschkuh und ihre Spießer — denn es waren sicher zwei— verschwanden in östlicher Richtung. Gerade als sie über die Allee liefen, bemerkte sie Herr Noiremont und fehlte sie. Der gehetzte Damhirsch stürzte jetzt westlich durch die Büsche. Herr d'Entraque hatte ihn wohl bemerkt. Da er aber in diesem Augenblick ein uttge- wöhnliches Geräusch hörte, schoß er nicht. Er wandte sich im Gegenteil nach der Richtung des Angeklagten und rief ihm zu, aufzupassen. Ohne diese Warnung zu beachten, legte Ler- mantes an, zielte einige Sekunden, richtete plötzlich die Flinte nach links und feuerte die Kugel des rechten Laufes ab. Das Tier war verschtminden. Während dieser Zeit kam der General die westliche Allee herauf. Bei dem„Hallo" beeilte er sich, und es fiel dem Auf- seher Lechaud auf. wie der alte Herr einen für seine Jahre ziemlich raschen Schritt einschlug. Unklugerweise wählte der General einen Pfad, der nach links abging, und die Kugel Lerniantes' traf ihn mitten ini vollen Laufen. Er stürzte an dem Rand einer Lichtung nieder, au welcher der Damhirsch soeben vorbeigcjagt war. Wiederholte Versuche haben be- wiesen, daß man den Ort, an dein ine Leiche gefunden wurde, sehr gut von dein Platz, auf dem Lerniantes stand, übersehen konnte. Aber dieser beharrte darauf, daß der General erst nach deni Schusse an der Lichtung eingetroffen wäre und noch einige Schritte gemacht haben müsse, als ihn die Kugel schon getroffen hatte: eine Ansicht, die d'Entraque zuerst bestätigte, daiiii aber widerrief. Die anderen Jäger hatten von ihren Plätzen aus nichts sehen können und waren erst auf d'En- traques Rufe herbeigeeilt. Er war auch der einzige gewesen, der den Todesschrei des Generals veriiommen hatte. Die Feststellungen ergaben, daß die Kugel in die linke Brustseite gedrungen war und dann durch den ganzen Körper gegangen sein mußte. Sie war nicht gefunden worden. Lermantes bekundete die tiefste Verzweiflung und nie- mand vermutete im ersten Augenblick einen Mord, selbst d'Entraque nicht, der später alle diese Tatsachen berichtete, die doch seine Aufmerksamkeit erregt haben mußten. Lermantes wurde aufgefordert, sich zur Verfügung der Staatsanwalt- schaft zu halten, die eine Anzeige wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn stellte. Das schnell geführte Verfahren schien zu seinen Gunsten zu verlaufen wegen der augenscheinlichen Un- klngheit des Generals, da er den Weg in das Gebüsch einge- schlagen hat. Aber die Eröffnung des Testaments, das bei einem Notar in Chamböry niedergelegt war, verursachte leb- hafte Ueberraschung. Der Verstorbene hatte Lermantes zum Universalerben eingesetzt mit der Verpflichtung, Legate aus- zuzahlen, deren geringe Höhe in keinem Verhältnis zu dem gewonnenen Vermögen stand. So waren die beiden Brüder Chambave, die Neffen des Generals, die in herzlichen Be- Ziehungen zu ihrem Onkel gestanden hatten, zugunsten eines Freundes enterbt, der den Tod ihres Verwandten verschuldet hatte. Man bemerkte, daß das Testament vom 18. Juli des laufenden Jahres datiert war. erst sechs Wochen vor der verhängnisvollen Jagdpartie. Das war um so auffülliger. als das Datum der Urkunde ungefähr in jene Tage fiel, die Lermantes bei deni General auf dem Gute verbracht hatte unter dem Vorwand, von dort aus nach Aix zur Kur zu fahren, ein Projekt, das nicht ausgeführt wurde. Im Publikum tauchten peinliche Gerüchte auf, die durch die Zeitungen verstärkt wurden. Die Presse erfuhr, daß Lermantes' finanzielle Lage seit einiger Zeit unsicher war. Anfangs unbestimmt, verschärften sich die Angriffe gegen ihn bald mehr und mehr. Der ungünstige Ausgang eines sich schon jahrelang hinziehenden Prozesses gab den beunruhigen- den Vermutungen vollends den Stempel der Wahrsckzeinlich- keit. Die falsch gegangene Kugel schien demnach eine eigen- tümliche Vorsehung des Schicksals gewesen zu sein. Die An- deutungeu wurden immer durchsichtiger. Plötzlich änderte auch Herr d'Entraque seine ersten Aussagen, so daß die Sach- läge einen völlig anderen Charakter bekam. Das Gericht entschloß sich, die Anklage zu erheben, und Lermantes wurde verhaftet. Hier muß gesagt werden, daß das Vorgehen der Presse— hauptsächlich durch Fran?ois Chaussy— einen großen Anteil an den strengen Maßnahmen hatte: durch die Artikel deS mächtigen Pamphletisten erregt, sprach sich ein Teil der öffentlichen Meinung heftig gegen Lermantes aus und be- tonte, daß geheime Einflüsse ihn beschiitzten, zweifellos mit Rücksicht auf die Persönlichkeiten, die bei seinen llntcrneh- nnmgen interessiert waren. Das Publikum zählte„das Ge- heimnis von St. Germain" zu jenen Fällen, wo Verbrechen und Politik sich klinswoll mischen, sei es in Wahrheit oder Dichtung. Die Natur der Angelegenheit selbst begünstigte diese schon gebräuchlichen Manipulationen. Wirklich fand man sich einer unbestrittenen Tatsache gegenüber. Die Ungewiß- heit lag nur darin, ob eine verbrecherische Absicht dieser Tat- fache zugrunde lag. Sie ließ sich durch kein äußeres Zeichen feststellen, da doch das Geheimnis selöst in der Seele Ler- mantes' verschlossen blieb. Die Aufgabe der Untersuchung bestand darin, es aufzuklären, und dies war um so schwerer. als man mit einem Manne von seltener Intelligenz und un- gewöhnlicher Energie zu rechnen hatte. Da Lermantes ein Geständnis nicht ciblcfito, lind ihm auch Widersprüche nicht nachzuweisen waren, hatte der Untersuchungsrichter die in- duktive Methode yvrsucht: er hatte alle früheren Lebensuin- stände von Lerinantes vereinigt. Diese hatten mit dem Verbrechen an sich nichts zu tun, sollten aber beweisen, daß der Angeklagte auf Grund seiner moralischen Qualitäten sehr wohl des Verbrechens fähig wäre. Da lag allerhand Merk- würdiges vor. An seinen Unternehmungen, die unabhängig von ihm bestanden haben, war er immer nur indirekt beteiligt gewesen. Und wenn auch die sich ergebenden Resultate sehr anfechtbar waren: so bekräftigte» sie doch im ganzen die Gerüchte, die eine gewisse Presse schon vorher vorbereitet hatte. lFortsetzung solgt.). Oer Geburtstag cler äeutfcben Sozialdemokratie. 1863— 23. Mai— 1913. Wenn genialer Menschentvitz eines einzelnen es vermöchte, die Welt umzugestallcn, so wäre der Geburtstag der deutschen Sozial- demokratie vor fünfzig Jahren auch schon ihr Siegestag geworden. Es gibt kein zweites Beispiel, wo eine geschichtliche Aktion mit einer solchen logisch zwingenden, in allen ihren Voraussetzungen, Zielen und Mitteln lückenlos übereinstimmenden Gewalt unternommen worden wäre, wie in der Lassalleschen Gründung Ses Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Diese Schöpfung des deutschen Sozia- listen und Demokraten wirkt wie ein auf genauen wissenschaftlichen Berechnungen beruhendes technisches Kunstlverk. Alles war vor- gesehen und vorbedacht. Kein Zweifel, die Maschine war richtig,— man brauchte sie nur zu montieren, und sie würde laufen. Deutschland und Preußen ist vor fünfzig Jahren ein klein- bürgerlicher Agrarstaat. Es giht in Preußen kaum dreiviertel Millionen Industriearbeiter. Das ländliche Proletariat vegetiert bewegungslos. Auch die städtischen Industriearbeiter dämmern stumpf und ergeben dahin; nur die höher qualifizierten Berufe finden sich mit den Handwerksgesellen zusammen, aber nur im Ge- folge der politisch-radikalcn Bourgeoisie, die die geistigen Bcdürf- nisse der regsameren Elemente des Proletariats durch Bildungs- vereine zu befriedigen bemüht ist und dadurch die Arbeiter in der Tat an sich zu fesseln versteht. Die preußische Bourgeoisie liegt in heftigem Kampfe mit der Herrenkaste, die von Bismarck trotzig und überlegen geführt wird. Das Dreiklasscntvahlsystem hat im liberalen Bürgertum die unum- schränkte parlamentarische Herrschaft gewönnen; das preußische Junkertum ist im Abgeordnetenhause nahezu ausgerottet. In dem Kampf um die Militarkredite wird um die Eroberung des bürger- lichen parlamentarischen Systems gerungen. Dieser Kampf wird mit heftigen Reden und lauten Deinonstrationen geführt. Aber er >vird nicht zur Aktion der Straße, zur revolutionären Entfachung der Volkskraft und Volksmacht gesteigert. Dem Bürgertum brennt in diesen parlamentarische» Fehden nicht die soziale Not auf den Nägeln; die rein politischen Forderungen, zu denen freilich auch das ivirtschaftliche Interesse an der deutschen Einigung sich gesellt, cnt- zünden m der bürgerlichen Klasse nicht jenen Wagemut, oer hervor- bricht, wenn es sich um die soziale Existenz handelt. Diese politisch lähmende wirtschaftliche Sättigung der deutschen Bourgeoisie hat bis heute sie politisch entkräftet. Die Gründung der Fortschrittspartei, die den Konfliktkampf gegen die Junkerregierung leitete,>var zugleich das Ende der bür- gerlichcn Demokratie. Die Fortschrittspartei war spießbürgerlich befangen. Keinerlei sozialer Idealismus, keinerlei soziales Ver- ständniS lebte in ihr. Die Manchesterlehre gilt als ewige Wahr- heit, sie herrscht mit der Gewalt eines Aberglaubens, der sich Wissenschaft dünkt, während sie in Wahrheit nur die ideologische Verkleidung eines wirtschaftlichen Klasscninteresses ist. Herr Schulze-Delitzsch gilt als der Messias aller volkswirtschaftlichen Entwickelung, seine Kreditgenossenschaften, die doch nur dem Mittelstand, niemals den Arbeitern, nützen können, werden als die Lösung der sozialen Krage betrachtet. Im Grunde sieht man die . Jndustrie-Proletarier gar nicht, allenfalls werden sie als Staffage gebraucht und mit kindischen Lockmitteln geworben, um durch„mehr Volk" den schrecklichen Junker Bismarck einzuschüchtern. In dieser Lage erscheint Lassalle auf dem Plan. Der Kampf der Fortschrittspartei erscheint ihm von Anbeginn als Verrat an der Demokratie. Er sieht den kläglichen Zusammenbruch des Kon- flikts voraus. Der Stumpfsinn der bürgerlichen Klasscnbeschränkt- heit, die Gedankenlosigkeit und Heuchelei der vulgären Volkstoirt- schaftslchren empören den Sozialisten. Die Bourgeoisie befindet sich im Konflikt mit den unüberwundenen Mächten des Feudalis- mus. Ist das nicht der geschichtliche Augenblick, Am die Arbeiter- klaffe zum Selbstbewußtsein zu erwecken, ihren sozialen Be° freiungskampf zu organisieren und in ihm die politische Demokra- tie zu erobern? Lassalle erkennt, daß der Regierung Bismarcks eine 'Auflehnung des Proletariats gegen das parlamentarisch herrschende Bürgertum willkommen fein muß, daß also keine Gefahr besteht, daß sofort die Regierung die junge Arbeiterbewegung gewaltsam niederschlägt. Freilich hat Lothar Bucher, der vertraute Freund Lassalles, der gute Kenner der Psychologie der preußischen Reaktion, frühzeitig gewarnt, sich nicht allzu sehr auf die augenblickliche poli- tische Interessengemeinschaft mit Bismarck und dem Junkertum zu verlassen. Nachdem Lassalle einmal die Gunst der Stunde erkannt, beschloß er zu handeln. Mit einer einzigen gewaltigen Erkenntnis riß er das Proletariat, seine Hirne und Leiber, für alle Zeit vom Bürger- tum los, trennte er die bürgerliche und die proletarische Politik. Und nachdem er so die proletarische Seele geformt, hauchte er der Klasse zugleich den lebendigen Atem der unmittelbaren politischen Aktion ein, er stellte vor sie eine sofort lösbare soziale große Auf» gäbe, und zeigte ihr das Mittel, weses Ziel zu erreichen. Das Selbstbewußtsein des proletarischen Denkens wird durch einen wissenschaftlichen Satz gewonnen. Er entnimmt ihn der klassischen bürgerlichen Nationalökonomie, aber indem er ihn schärft und in die Mitte des politischen Kampfes rückt, entzündet er geistig einen wahren Weltenbrand. Es ist das eherne Lohnacsetz. Niemals, so lehrt Lassalle, kann in der gegenwärtigen Gesellschaft die Arbeiterklasse über die niedrigste Notdurft ihrer Selbsterhaltung emporsteigen. Lohn und Lebenshaltung kann wohl ein wenig über dieses Maß sich bessern,>vie es auch unter den Schtverpunkt sinken kann, aber alle diese kleinen Schwankungen vollziehen sich er- barmungSlos innerhalb des Gesetzes. Steigen die Löhne, so nehmen Ehen und Kinder zu, das Angebot der Händejvächst, und die Löhne fallen deshalb wieder. Sinken die Löhne zu tief, so entsteht Aus- Wanderung, Ehelosigkeit, Geburtenrückgang, erhöhte Sterblichkeit, und mit dem fallenden Angebot von Arbeitskrästen steigen nun lviedcr die Löhne. So geht es im furchtbaren Kreislauf immer um das gleiche Elend. Keine Formel ist so leicht zu begreifen, ist von so zwingender Härte und wird scheinbar so unwiderleglich durch die Tatsachen des proletarischen Daseins bestätigt. Der Arbeiterkopf, der einmal dieses Gesetz sich eingeprägt, ist für immer von der bürgerlichen Gesellschaft losgelöst. All die bürgerlichen Lockmittel der Selbsthilfe werden an diesem Gesetz zu Schanden. Es gibt keine Rettung, auch nicht durch den wirtschaftlichen Zusammen- schluh der Arbeiter; von den Gewerkschaften lehrt Lassalle, sie seien das hoffnungslose Bemühen der Ware Arbeit, sich als Mensch zu gebärden. Auf die Ergebnisse der preußische» Steucrlistcn pochend, die zeige», daß nur vier Prozent der Bevölkerung zu den Besitzenden gerechnet ivcrdcn können, ruft er am 17. Mai 1863 oen Frankfurter Arbeitern zu:„Sie glauben vielleicht, daß Sie Menschen sind? Oekonomisch gesprochen, und also in der Wirklichkeit, irren Sie sich ganz ungeheuer I Oekonomisch gesprochen sind Sie nichts als eine Ware! Sie werden vermehrt durch höheren Lohn, wie die Strümpfe, wenn sie fehlen; und Sic tverden wieder abgeschafft, Ihre Zahl wird durch geringeren Arbeitslohn— durch das, tvas der englische Oekonom MalthuS die vorbeugenden und zerstörenden Hindernisse nennt— vermindert wie Ungeziefer, mit welchem die Gesellschaft Krieg führt!" Ans dieser Hoffnungslosigkeit, zu der das eherne Lohngesetz das Proletariat verurteilt, fiihrt Lassalle dann wieder heraus. Er gibt dein Proletariat die Forderung, selbst die Produktion zu übernehmen und sie genossenschaftlich durchzuführen. Das not- wendige Kapital soll der Staat hergeben. Lassalle hat in diesen Produktionsgenossenschaften mit Staatshilfc niemals die Lösung der sozialen Frage gesehen. Sie waren für ihn nur eine erste unmittelbare Etappe aus dem Wege zur Sozialisicrung der Pro- duktion. Aber die gewaltige Bedeutung dieses fbald als falsch erkannten) sozialen Gedankens beruhte darin, daß er die grau- sanie Leere, die er mit dem ehernen Lohngesetz in dem Gemüt der Arbeiter gerissen, alsbald wieder durch eine Aufgabe ausfüllte, die die sofortige Aktivität des politisch handelnden Proletariats befeuern mutzte. Wie aber konnte der Staat gczwungen werden, die Millionen herzugeben, die d>as Proletariat für die Gründung feiner Produk- tivgenossenschaften brauchte? Die Antwort tvar: das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht. Mit dieser Forderung schmiedet Lassalle den unzerstörbaren Ring zusammen. Das eherne Lohngesetz gibt dem Proletariat die Unabhängig- keit einer seiner eigenen LebenSbediirgungen lxUvnßten Klasse. Die Produktivgenossenschasteu mit staatshilfc setzen der Klassen- bewegung ein bestimmtes Ziel. Das allgemeine Wahlrecht verleiht ihr die Waffe, das Ziel zu erreichen. Endlich: die politische Situation, der Konflikt zwischen Bourgeoisie und Junkertum, schafft dem Proletariat die Aussicht und die Möglichkeit, die Waffe des Wahlrechts zu gewinnen. Alles fügt sich ineinander. Alles stimmt zusammen; es fehlt nur nocki eines: daS handelnde Proletariat selbst. Und auch dieS scheint sich darzubieten. Die gewaltige» Propagandareden, die Lassalle unter den: Hohn und dem geifernden Haß der anfge- schreckten Bourgeoisie hält, können sich bald an eine bestimmte Adresse richten. Von Leipzig kommt der Ruf. Dort hat sich schon anfangs 1862 im Bildungsverein eine radikale sozialistisch und demokratisch gestimmte Minderheit losgelöst, die in dem BildungS- verein politische Interessen fördern will. Diese Minderheit wendet sieb an Lassalle. Nach längeren Verhandlungen, die von feiten Lassallcs mit äußerster Klugheit und Behutsamkeit geführt werden, nehmen die Leipziger das Programm LassallcS an und am 23. Mai 18G3 wird dicscS Programm die Grundlage der Gründung des ?Illgemei,ien Dcutsdjen Arbeitervereins. Ganze zwölf Delegierte erscheinen in Leipzigs sie vertreten angeblich elf Städte, aber nur in einigen gibt es kleme Lassallesche Gemeinden. Berlin vor allen: hatte völlig versagt und blieb auch noch in den nächsten Jahren die unangefochtene Domäne der Fortschrittler. Lassalle gab sich keiner Täuschung hin, ein wie kümmerlicher Anfang die Leipziger Gründung lvar. Mit hunderttausend organi- sicrten Arbeitern getraute er sich, eine Welt aus den Angeln zu heben. Aber diese Hunderttausend waren damals nur in phan- tastischcr Traum. Die Logik des Genies und die Logik der Tat- fachen fanden sich nicht. Die Maschine war richtig ausgerechnet, aber— lciderl— sie lief nicht. Bald versuchte Lassalle, für seine Sache stärkere Machtmittel zu gewinnen; so wob er die gefähr- liche Verbindung mit Bismarck, deren verhängnisvolle Konsequenzen zu erfahren ihm sein tragisches Geschick ersparte. Lassalle hatte zunächst mehr die Bourgeoisie als däS Prole- tariat aufgeregt. AIS es mit dem Totschweigen nicht mehr ging, und auch der feiste Spott versagte, hetzte man ihn mit Fälschungen und Verleumdungen. Die Frage darf wohl aufgeworfen werden, ob nicht in dem Zorn der Bonrgeosic über das Auftreten Lassallcs ein Stück Berechtigung war. Hiesze es nicht in der Tat dein um die politische Freiheit gegen die feudale Reaktion verzweifelnd kämpfenden Bürgertum in den Rücken fallen, wenn Lassalle gerade in diesem Augenblick, zur unverhiillten Freude aller Konservativen, Arbeiter und Unternehmer gegeneinander trieb und damit das ge- meinsame politische Interesse gegen die Bisniarcksche Regierung schwächte? Indessen schon dieses gemeinsame politische Interesse be- stand in Wahrheit nicht. Die Wege gingen schon be: der Wahl- rcchtsfragc auseinander. Das Bürgertum klammerte sich au das Dreiklaffsnwahlshstem, das das Proletariat entrechtete. DaS all- gemeine Wahlrecht hätte in der Tat unter den damaligen Ver- Hältnissen zunächst reaktionär, zugunsten des Junkertums, gewirkt, wie denn auch vorgeschrittene Demokraten und Sozialisten jener Zeit in diesem allgemeinen Wahlrecht nur ein Trugmittel bona- partistischcr Deniagogie sahen. Trotzdem muhte diese Wahlrechts- forderung die Grundlage jeder ehrlichen Demokratie bilden, und Der„Realpolitiker" Lassalle sah eben klarer die Zukunftswirkungen voraus, die Erziehung der Massen durch das Wahlrecht selbst, wenn er die Forderung des demokratischen Wahlrechts ungestüm in den Vordergrund rückte. Die Vorwürfe, Lassalle habe die Reaktion gestärkt, wären nur dann berechtigt gswescn, wenn es seine Absicht oder auch nur die mögliche Wirkung seines Vorgehens gewesen wäre, der kon- servativen Regierung gegen die bürgerliche Opposition zu helfen. Lassalles leidenschaftlich geförderter Plan aber bestand umgekehrt gerade darin, durch Entfesselung der proletarischen Mächte auch den bürgerlichen Fortschritt vorwärts zur Demokratie und zum endgültigen Siege über das alte Preußen zu treiben. Wenn das Bürgertum in dem Konflikt jämmerlich zusammen- brach, so kann diesen von Lassalle prophetisch vorausgesagten Ans- gang der revolutionäre Stürmer schon deshalb nicht verschuldet haben, weil die Mobilisierung des Proletariats erst nach dem po- litischen Zusammenbruch des Bürgertums sich zu verwirklichen begann. Lassalles Tat zeugte Leben. Die kleinen proletarischen Ge- meinden, die ihr entsprangen, hüteten und nährten durch die kommenden Jahre das heilige Feuer, das Lassalle entzündet hatte und'da? nun niemals Mehr erlosch. IC E. Der große und der kleine jVlensck. Von N. I. T i m k o w S k y. (Schluß.) Zuerst fielen beide— der Große und der Kleine— dem zukünftigen Schwiegervater in die Arme. Aus Dankbarkeit für die Tochter mutzte der Bräutigam Herrn Koldobin unaufhörlich Gesell- fchast leisten. Dick und stark, mit kleinen, ausdruckslosen Augen und Fleischhaucrhänden, satz Koldobin hartnäckig vor seinem zu- künftigen Schwiegersohn und erzählte ihm von der Börse und anderen Geschäften. „Aber was gehen mich die Börse, die Geschäfte und auch Sie selbst an?" wollte der grotze Mensch aufschreien und ritz beinahe den Mund auf.... Aber der Kleine kam ihm immer zuvor, weil er viel geschickter war als der Grotze. Den Grotzen verdängend, stellte er sich zwischen ihn und Koldobin und sprach mit süßlicher Stimme: „Sie berühren eine sehr interessante Frage, Verehrtester Stephan Tarassowitsch, und ich freue mich, von Ihnen ein wenig Lebens- Weisheit zu lernen... In der Braut lebten gleichfalls unzertrennlich zwei Frauen: eine grotze und eine kleine. Die kleine rannte zu de» Schneiderinnen, probierte Kleider, schwärmte, wie hübsch sie Im Brautkleid aussehen werde, lachte und scherzte mit den Freundinnen, reizte den Bräutigam, kützte mit er- höhter Zärtlichkeit die fleischigen Backen des Vaters und stellte sich, als ob ihre ganze Aufmerksamkeit mit allen niöglichen Gedanken, nur nicht mit der Ehe beschäftigt wäre. Sie war so eigentümlich leichtsinnig, unnatürlich lustig und sah dem kleinen Menschen seh» ähnlich. Aber manchmal blickte aus der Tiefe ihrer grotzen, dunkel« grauen Augen auf den Bräutigam die grotze Frau, vor der sich de» kleine Mensch schüchtern zurückzog und dem grotzen Mensche» den Platz räumte. Die grotze Frau blickte dem Bräutigam forschen» in die Augen, als wollte sie die Tiefe seiner Seele ergründen. I» solchen Momenten wollte der grotze Mensch ihr fest die Hand drückt» und ihr sagen:„Wozu steht zwischen uns dein Vater mit sein»» Börse, die Verwandten, Schachteln, und dieser ganze hochzeitlich« Tand, die uns das grotze, schöne Gefühl verdecken? Ich mochte s? gern mit dir nur diesem Gefühl leben, nur darüber sprechen 1" Aber während der grotze Mensch nach passenden Worten suchte, um dieses Gefühl auszudrücken, sprang der Kleine rasch hervor und sprach mit einem dummen Lächeln:„Wissen Sie, dieses Kleid steht Ihnen auS« gezeichnet.... UebrigenS, Ihnen steht alles gut!" Die kleine Frau kneift die Augen kokett zusammen, schlägt ihm mit den: Taschentuch auf die Nase und sagt:„Sprechen Sie keine Dummheiten I... Papa, schau, wie komisch er ist." * Nach der Hochzeit machte das neuvermählte Paar Besuche, richtete den Haushalt ein, empfing Gäste. Fast täglich erschien der Schwiegervater, der den Schwiegersohn, die Tochter und die ganze Wohnung als sein Eigentum betrachtete. Er setzte sich bequem in einen Stuhl und sprach stundenlang über den Amtsdienst, die Wirt- schaft. Und über das, wie man das Leben einrichten mützte... der große Mensch hätte ihn am liebsten von der Stiege herunter ge- worfen. Oder es stürnrte ein ganzer Schwärm von Verwandten hereiit die die Wohnung mit Lärm, Küssen und Lachen erfüllten. Wenn die kleinen Menschen sie nicht belästigten, so störten sie die kleinen Sorgen, die, eine kleinlicher als die andere, aber deshalb doch nicht minder dringend, vor ihnen auftauchten. Woher kamen sie? Man konnte es nicht sagen, aber zum Schluß war doch das ganze Leben voll von diesen kleinen Sorgen. Und das empörte den grotzen Menschen ebenso wie damals, als sich der kleine Mensch von dem Armen, Hungrigen mit der kleinen Münze loskaufte. In seincnr Innern kochte es:„Kleinliche Gefühle, kleinliche Gedanken, ein kleinliches, nichtiges Leben i" Und als aus den Augen seines Weibes ihn die grotze Frau halb vorwurfsvoll, halb mitfühlend anblickte, teilte er ihr leidenschaftlich seine Gedanken mit, und sie hörte mit hellem Gesicht zu und flüsterte:„Lassen wir das alles: beginnen wir ein neues Leben." Und es schien ihnen, daß der Vorhang, der das ersehnte Leben mit seinen grotzen Interessen, Gedanken, Gefühlen und grotzen Menschen vor ihren Augen verbarg, fallen müsse. Aber keiner von beiden wußte, was man dazu tun müsse, sie warteten immer aus etwas, warteten so lange, bis sich die kleinen Menschen mit ihren kleinen Sorgen Ivieder einstellten und sie sich bis über den Kopf wieder in das kleine Leben versenkten. Der grotze Mensch begann sich für einen Anstifter und Aufhetzer zu halten, der selbst nicht weih, was zu machen, und bekam Angst vor sich selbst. Er glaubte jetzt nur an das kleine, ihm ganz ver- Hatzte Leben, an diesen kleinen Menschen, der sich in ihn wie eine kleine Zecke einzog. Und als sie. Kinder bekamen, und mit ihnen neue Sorgen, dachten Vater und Mutter nur das eine: wie man aus den Kindern kleine, gute Menschen machen, ihnen kleine, gute Gefühle einimpfen könnte? Wie es anginge, den grotzen Menschen in ihnen, der irgendwo ganz tief verborgen sitzt und das Leben verbittert, zu zügeln? Vor allem aber, wie sichs machen ließe, den grotzen Menschen in sich selbst zu unterdrücken, damit er nicht ungebeten erscheine und den gleichmäßigen Lebenslauf störe? Er sitzt irgendwo tief verborgen, aber er lebt noch und meldet sich zeitweise durch eine nagende Unruhe, vor der mair sich nirgends verbergen kann.... „Wozu bringt er uns Versuchung? Es hat ja so wie so keinen Zweck I" Ilm dem großen Menschen den Mund zu verstopfen und ihn mit dem kleinen Menschen zu versöhnen, bemühten sie sich, kleine, gute Taten zu stiften und einen kleinen Nutzen zu erreichen.... Allmählich gelang es ihnen, ihre Seelen mit diesen kleinen Taten so auszufüllen, daß für den grotzen Menschen kein Winkelchen übrig blieb. Und beide beruhigten sich und lvurden zufrieden und vernünftig. » So lebten diese kleinen Menschen, bis zu dein Manne der Tod geschlichen kam. Er kam zum kleinen Menschen gerade zur richtigen Zeit, da er alles vollbracht hatte, wrS der kleine Mensch vollbringen konnte: er hatte in den Kindern alle kleinen, guten Gedanken und Gefühle entwickelt, wie sie zu entwickeln der kleine Mensch fähig toar; hatte die Töchter mit anständigen kleinen Männern, und die Söhne mit anständigeil kleinen Frauen verheiratet. Er selbst hatte einen Titel. Gehalt und das Ansehen in der Gcsellschast erreicht, das er erreichen konnte. Und hatte noch außerdem nicht wenig gute und nützliche Taten vollbracht, so groß wie ein Stecknadelkopf. Mehr 892— hatte er nicht erreichen können, er hat sein kleines Leben bis auf den Grund geleert. Und während der klein« Mensch, durch die Todeökrankheit an da» Bett gefcssell, langsam dahinsiechte, erwachte der längst der- aessene, vcrstvszene grabe Mensch, hob den Kopf und überdachte mit Bedenken sein pcrflosseneö Leben. Wenn sich der kleine Mensch quälte, weil er sterben muhte, so grämte sich der große Mensch, weil er fast gar nicht gelebt hatte. Den kleinen Menschen hatte man erzogen, ernährt, gebildet, belohnt, ermutigt; man hatte ihm alles aus dem Wege geräumt. Den großen hatte man wie einen Sklaven gehalten, wie ein ivildeS Tier, das im Hause etwas Nutz- koseS war, er lvuchS unbeholfen, ungehobelt auf... und konnte sich keinen Platz im Leben schaffen. Und gerade jetzt, als er auf die Vergangenheit zurückblickte, erinnerte er sich nur an die Momente, wo das Leben in dem großen Menschen pulsiert und gezittert hatte. Dagegen erschien ihm alles, wa» der kleine Mensch erlebt hatte, alS eine einförmige, ganz flache Ebene, farblos, gleichförmig.... Und als er sich die Frage stellte: ,WaS ist dieses Leben, das ich so ungern verlassen'?'', gab er sich die Antwort:„Wahrscheinlich ist es die brennende Sehniucht»ach dem Ideal, dieses tiefe, unbewußte Gefühl, groß und unruhig, das mir ehemals die Seele zerriß und den Haß gegen den kleinen Menschen entzündete, der mich und mein Leben zu einer Karikatur machte." Dann erinnerte er sich an die längst vergangenen Zeiten, als auf ihn aus den Augen seiner Frau die große Frau geblickt hatte, von demselben großen, heimlichen Gefühl ersüllt, das auch ihn bewegte; damals war ein großer Gedanke in ihnen entstanden, sie hatten sich abgequält, weil sie ihn nicht beherrschen konnten, ja, sie hatten nicht einmal die Wort« gefunden, die diesen Gedanken aus- drücken können. Er erinnerte sich, wie dieses mächtige Gefühl, einer Riesenwelle gleich, sie beide ergriffen und hoch über ihr kleines Leben erhoben halte.... Und wie sie auf dieser Höhe zu bleiben dürsteten.... Und wie dann diese Welle in kleine Tropfen zerstieb, und wie sie auf der Oberfläche zerfloß.... So schmerzlich nagte es in ihm bei diesen Erinnerungen, und so sehr quälte ihn die unablässige Frage: „Warum hatten sie ihr Leben laug Gold auf Silber, Silber auf Kupfer ausgewechselt? auf lauter kleine kupferne Münzen..." Er sprach mit Bitterkeit darüber zu seiner Frau, die traurig an seinem Kopfende saß, und die Worte entrangen sich ihm wie ein Stöhnen: „Nicht recht haben wir gelebt... nicht so hätten wir leben sollen... Ach, nicht recht, nicht recht I" Aber sie hörte nicht auf die Worte des kleinen Menschen. Vom Kummer niedergedrückt, blickte sie mit von Tränen geschwollenen Lugen auf ihn und sah auf dem Totenbett den kleinen Menschen, so abgezehrt, leidend und mit Wunden bedeckt. Er flößte ihr unendliches Mitleid ein, und sie lucinte Jjei dem Gedanken, daß er sterben müsse, ohne Enkel erlebt zu haben... Als sie nach der Beerdigung im verwaisten Zimmer ihres Mannes saß, wurde ihr der Sinn seiner vor dem Tode gesprochenen Worte plötzlich klar, und sie betrauerte nicht den kleinen Menschen, den man heute eingesegnet, ins Grab versenkt und mit Erde verschüttet hatte, sondern den großen, den man sein Leben lang zu begraben und verschütten sich bemüht hatte, nur den großen, der sich durch lange Jahre irgendwo in der Tiefe geregt und leben wollte, und der jetzt aus dem Leben scheiden mußte, Unverstanden, unbefriedigt.... Und sie erinnerte sich an die Augen- blicke, wo sie sich dem großen Menschen zu nähern pflegte, und sie selbst das Gefühl eines neuen Lebens durchzuckt hatte, so schön, hell und frei. Und es schien ihr, als sei der große Mensch nicht gestorben, sondern fortgezogen, um das große Leben zu suchen, das er bisher auf Erden nicht hatte finden können. „Wohin ist er gegangen? Wohin?.. Sie wußte es nicht. Aus dem Russischen von Frida Stock. kleines feuilleton. Literarisches. Die deutsche Ballade. Eine' Auslese in zwei Bänden von Hans B e n z m a n n(Leipzig, Hesse n. Becker Verlag 1S13.— Gebunden 7 M.). Jene Gruppe der Jüngstdeutschen, die' einst den linken Flügel der konsequcntmoderncn Richtung bildete, verpönte alles, was nicht aus der unmittelbaren Gegenwart geschöpft war oder als Ausfluß einer freien künstlerischen Persönlichkeit bewertet wurde. So einseitig dies Gebaren anmutete— das eS berechtigt war, ließ sich nicht wegleugnen; die epigonistische Epoche hatte zu viel gesündigt; ihr mußte— und wenn mit Dreschflegeln— der Garaus gemacht werden. Die Abkehr von Vcrgangenhcitsstoffen führte auch zur Ab- kehr von der Ballade der alten'' Art. Es dauerte geraume Zeit, bis man sich wieder zu ihr bekannte. Allmählich sind dann verschiedene Sammlungen von älteren und neueren Balladen entstanden. Zu den «rsten geHorte Wilhelm v. Scholz'„Deutsches Balladenbuch", das tedoch nur die letzten zwei Jahrhunderts berücksichtigt. Die jetzt «schienen« Auslese bock Benzmann umfaßt hingegen die gesamte deutsch« Balladen-, Romanzen- und Legendendichtung mit Einschluß de» Bo MW Der Herausgeber ist als ein gründlicher Kenner dieser spezifischen Literatur anzusprechen. In einer umfänglichen Einleitung verbreitet er sich über Wesen, Typen, Stilarten und EntWickelung der Ballade. Ihr Name„dalla.1-»" besagt schon, daß dieS Gebilde volkstümlicher Poesie in seinen ersten Ursprüngen ein„Tanzlied" und als solche? lyrisch war. Italien ist wohl seine Heimat. Von da kam das Tanz- lied— wie auch sein Name— nach Frankreich und England. Hier entstand die eigentliche Ballade; das sind jene mystisch-heroischcn VolkSgesänge, die seit dein 16. Jahrhundert aufkamen und die dann mit der 1703 erschienenen Percyichen Sammlung auch in Deutschland bekannt wurden. Dieser Liedersammlung verdanken wir die Eni« stehung der deutschen Kunstballade. August Bürger wurde der erste Balladenschöpfer. Seitdem uns aber die altgcrmanische Heldendichtung und in ihrer Folge die deutschen Volkslieder aus dem Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert hinein erschienen waren, zeigte sich doch, daß die Ballade, wenn auch in anderen Fornien, recht eigentlich ein Gewächs nordischgermanischen Geistes und weit älter war, als die fchottisch-englische Volksballade. In der altdeutschen Helden- und Märchenpoesie mit Einschluß des Volksgesauges liegt sowohl das Wesen, wie der reiche TypuS der Ballade entwicklungS« fähig im Keim verborgen. Es läßt sich nun auch ziemlich klar der Weg verfolgen, den diese Dichtgattung vom ursprünglichen Tanzlied bis zur Ballade genommen hat. Jedenfalls ist die Ballade der Vorläufer deS Dramas, mit dem sie auffällige Verwandt- schaft hat, nur init dem linterschiede, daß sie rascher zum Ziel ihrer Entwicklung gelangte. Während aber daS Drama noch bis heute nicht das Ende seiner Eni- Wicklung erreicht hat, ist die Ballade, einmal ausgebildet, stehen geblieben, als ein in sich abgeschlossenes Gebilde. Daran ändert auch die m o d e r n c Ballade nichts, weil sie stofflich inmitten deS alten mystisch-heroischen Kreises sich bewegt und nur in stilistischer Beziehung einige neue Variationen verheißt. ES wäre denn, daß die soziale Ballade bei intensiver Pflege eine besondere Bedeutung gewänne. Diese Hoffnung erscheint vorderhand als aus- geschlossen. WaS nun die Benzmannsche Sammlung angeht, so darf sie ohne Frage als llebersichtswerk als die vollkommenste bezeichnet werden. Namentlich stoßen wir im ersten Buche, das den gewaltigen Zeit- räum von vielleicht Jahrtausenden bis zu Beginn der Romantik überbrückt, auf eine ebenso fremdartige als kostbare Beute. Reich ist die Auslese deutscher Volksballaden. Von außerdeutscher Volks- dichtung ist die schottisch-englische, die dänische, schwedische, norwegische und isländische Volksballade, das französische Volkslied, die bretonische, italienische, neugriechische Volksballade sowie spanische, rumänische, serbische, bulgarische und slawische Volkspoesie(Tschechen, Russen, Litauer, Finnen, Esthcn, Lappen) vertreten. Das polnische Volkslied fehlt merkwürdigerweise; und doch fände sich hier, soweit mir die masurisch-polnischen Volkslieder bekannt sind, manches Schöne. Eine besondere Sparte bildet das deutsche Volkslied historischen Gepräges— fast ausnahmslos Kriegs- und Sieges« gesänge, zum Teil von satirischer Art. Interessant, ziemlich Neuland dar- stellend, sind die vorklafsischen Balladen, um Bürger herum. Die klassische Ballade fand ihre wenigen Vertreter in Bürger, Herder, Goethe und Schiller. Aus den Kreisen der Romantiker wird inancher Dichter wieder lebendig, der längst verschollen war. Das Gleiche gilt von der Abteilung:„Neben- und nachklasstsche und romantische Ballade(Ballade der Biedermeierzeit) und Dichter der Befreiungskriege." Das zweite Buch bringt Balladen von der Romantik ab bis zur Gegenwart. Die schwäbische Gruppe Ivar wohl maßgebend für die weitere Einteilung aller anderen Dichter in bayrische, badische und des iveiteren in Balladendichtcr Elsaß-Lothringens, Thüringens und Sachsens, des Rhein- und Hessenlandes. Westfalens, Hannovers und Braunschweigs, SchleSwig-Holsteins, Oldenburgs und der Hansa- städte, Brandenburgs, Pommerns, Mecklenburg« und Altpreußens. Die landsmannschaftlichen linterschiede sind kaum von Belang; ledig- lich im Jntrresse einer besseren Uebersichtlichkeit vermögen wir uns mit dieser etwaS schablonenhaften Rubrizierung abzufinden. Die moderne Ballade wird, nach Benzmann, durch Wilden« bruch eingeleitet. Dieser könnte jedoch besser der Gruppe älterer Dichter des Epigonenzeitalters beigesellt werden. Hier ist ja nun eine respektvolle Namentafel zusammengebracht, llns will aber scheinen, als sei sie ebenso willkürlich als lückenhaft. Es ließen sich hier noch weit mehr Poeten aufzählen, denen so manches bedeutende Stück auf dem Gebiet der Ballade gelungen ist. Paul Fritsche, Mackah, Conradi, Nietzsche, Julius Brand, Lissauer, um nur einige wenige zu nennen, sollten nicht fehlen. Der sozialen Ballade ist der Herausgeber bis auf ein paar Stücke ephemeren Charakters ganz aus dem Wege gegangen. Ge- wiß: er bringt einiges von Dehme!, Henckell, Saar u. a. Aber die Produktion sozialistischer Dichter nach Balladen von wirklich sozialem Gehalt einmal ernstlich durchzumustern, ist ihm, scheint es, nicht beigefallen. Im übrigen befleißigte er sich der Unborcin- genommenheit bei der Auslese. Die sogenannte patriotisch- byzantinische Ballade blieb unberücksichtigt. Als ein mit kritischem Verständnis und literarischem Spürsinn zusammengebrachtes Balladen- buch mag uns das Benzmannsche Werk immerhin willkommen sein. o. kr. tw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LcCo.,BerlinSW,