Unterhaltungsblatt des vorwärts Nr� 99. Sonnabend den 24. Mai 1918 4] Das entfesselte Schick laU Roman von Edouard Rod. Nachdem die Ergebnisse kurz zusammengefaßt waren, stützte man den eigentlichen Schuldbeweis auf eine zweifel- hafte, noch schwebende Spekulation, fiir die Lermantes nur eine schwache Erklärung fand. Die Aktien der Hochbahn Waren seit ihrer Emission 1897 durch eine unmäßige Reklame auf fünf-, sechs-, selbst siebenhundert Franken getrieben worden. Kurze Zeit vor Eröffnung der Ausstellung fielen sie plötzlich. Nim ist richtig, daß der große Erfolg dieser Sehens- Würdigkeiten sie bald auf den hohen 5knrs zurückbrachte. Ler- mantes hatte aber seine Aktien gerade kurz vor der Baisse ver- kauft. Er behauptete, in dieser Zeit besonders viel Geld nötig gehabt zu haben wegen des plötzlichen Unfalls bei dem Bau de? Hafens von Bonimarca. Der nur vorübergehende Sturz der Aktien, deren er sich zu so auffallend passender Zeit ent- äußert hatte, bewies jedenfalls, daß Lernrantes, wenn es sich darum handelte in schwierigen Momenten seine Kasse zu füllen, nicht gerade an Skrupeln litt. Nachdem die Anklage von den geschäftlichen Schwierigkeiten gesprochen hatte, welche Lermantes gerade in dem Augenblick bedrohten, da der Tod des Generals das Schiff wieder flott machte, wurde nun die beständige Geldverlegenheit des Verhafteten betont. Schon in seiner Jugend hatte er die Freigebigkeit Herrn de Pellices, seines Vormundes, benutzt, um auf dessen Kosten als reicher Student zu leben. Nach seiner Heirat— er war damals ein- facher Beamter der Nordmetallgesellschaft gewesen, und seine Frau hatte ihm ein sehr bescheidenes Vermögen zugebracht— lebte er auf sehr großem Fuß Wetter und machte ein großes Haus. Die Ausgaben stiegen mit seinen Einnahmen, ja viel- leicht schneller als diese. Man konnte seinen jährlichen Ver- brauch auf zweihundertfünfzigtausend bis dreihunderttausend Franken schätzen, trotz pekuniärer Schwierigkeiten und häufiger Verluste. Dazu kamen noch die überaus teuren Käufe, die er im Verlauf der letzten zehn Jahre machte: die Villa d'Etretat: ein Haus in der Rue deS Vignes: das Schloß in l'Aveyron, dessen Renovierung fast sechshunderttausend Franken gekostet hatte. Dann Bilder und Kunstwerke. Schließlich erzählte die Anklage noch kurz zusammengedrängt von den Irrungen seines Privatlebens: zwei Verhältnisse mit Halbweltdamen, das eine während seiner Ehe, das andere kurz nach dem Tode seiner Frau. Die Anklageschrift schloß mit folgenden ihn charakterisierenden Sätzen: „In seinem Privat- und Geschäftsleben hatte er leichte moralische Anschauungen. Er steigerte daS Bedürfnis nach Luxus bis zum Prunk. Zweifellos fleißig, aber noch mehr ehrgeizig, sowohl als Geschäftsmann wie als Mensch wenig bedachtsam, gehört er offenbar zu jenen Naturen, welche der Wunsch, etwas zu scheinen und das Bedürfnis nach Genuß, widerstandslos und leicht zum Verbrecher macht." Lermantes hörte diesen Ausführungen mit einem Ge- sichtsausdruck zu, in dem sich Demütigung und Enipörung mischten. Gewiß, das alles beruhte auf Tatsachen. Dieser Art zusammengefaßt, entsprach es doch nicht der Wahrheit. Er erkannte sich in diesem Bild wie in einem Porträt, das nur mit einigen äußeren groben Strichen gezeichnet ist und dem Farbe und Gestaltung fehlt. Das war er, und er war es doch nicht. Ein anderer Lermantes, verschieden von dem, der er sein konnte, ein Lermantes ohne seinen Charakter, ohne jede persönliche Note. Und dies falsche, verzeichnete Bild sollte nun für seine Richter Geltung haben! Seine Handlungen waren ungefähr so, wie sie das gerichtliche Dokument aufge- zählt hatte, aber die Berechnungen, die sie so erniedrigten, hatte er niemals hineingelegt. Wie auf viele andere, so haften auch auf ihn besondere Lebensumstände eingewirkt. Das war alles. Nie hatte er den Wunsch gehabt, sich zu bewundern. Sein maßloser Hochmut! Mein Gott, niemals hatte er seine Fähigkeiten, noch sein Schaffen besonders hoch beurteilt. Seine Wünsche? Ohne Uebertreibung erfreute er sich der Früchte seiner Arbeit als gesunder, temperamentvoller Mann. Seine Verschwendung, seine Prunksucht! Ihm selbst hätte ein Tisch aus Kiefernholz, ein eisernes Bett und die einfachsten Lebensmittel genügt. Seine Sknipellosigkeit! er war gewissenhafter als andere, die frei waren, ihren Weg ohne Fesseln weiter zu gehen und jeden Tag dieselben zweifel- haften, leichtfertigen Handlungen, von neriein begannen. Wie! diese Aufeinanderfolge unleugbar entstellter Tatsachen klären, die durch ihre Verkettung und ihre Zahl nun plötzlich einen so ganz anderen Sinn annahmen.? Wie konnte er diesen „Doppelmenschen" verleugnen? Konnte er sagen: Sie irren sich. Ick, bin jener Mensch gar nicht. Aber das hieße auchl leugnen, hieße nrit„Nein" antworten, wenn der Präsident ihn fragen würde:„Sie heißen Lionel Henry Lermantes? Sie sind 1856 in Maus geboren, wo Ihr Vater in Garnison stand?"„Ach, wie in dem engen Rahmen des Ver- hörs so viele verwickelte und trotzdem so einfache Dinge er- klären! Wie sollte er so viel anfechtbare, doch im Grunde im- schuldige Handlungen, so viel falschen Schein, der wie ein Schleier die Wahrheit einhüllte, klären? 6. Kapitel. Als Lermantes sich zm» Verhör erhoben hatte, konnte man das„Ja", mit dem er die erste Frage beantwortete, nur durch die Bewegung der Lippen sehen. Man hörte kaum den Klang seiner Stimnie. Man erfuhr, daß er seine Mutter iiu zehnten Lebensjahre verloren hatte: daß sein Vater 1870 unter dem General, dem danraligen Oberst de Pellice, eine Eskradon befehligt hatte und unter den Augen seines Vorgesetzten bei Gravelotte gefallen war. Nachdem diese Präliminarien er- ledigt waren, wurde der Präsident, Herr Motiers de Fraisse, eindringlicher. „Sie blieben mit wenig Hilfsmitteln ohne jede Familie zurück. Außer einem Onkel mütterlicherseits, der schon init zwanzig Jahren in die Kolonien ging lind von dein Sie nichts mehr gehört hatten, hatten Sie keine Verwandten. Der General von Pellice, Ihr Pate, willigte ein, Ihr Vormund z» werden. Er hatte zuerst den Gedanken. Sie die militärische Laufbahn einschlagen zu lassen, um Ihnen anfangs von Nutzen sein zu können. Sie folgten seinem Rat nicht und gaben vor, keine Neigung für den Offiziersstand zu haben?" „Das ist richtig. Waren meine Mittel auch nur gering. so konnte ich doch das Polytechnikum besuchen." Er richtete sich einen Augenblick straffer auf. als ob er sich von der Last befreien wollte, die auf ihm ruhte, und er- hobenen Hauptes fügte er hinzu: „Ich glaube bewiesen zu haben, daß ich meinen Beruf nicht verfehlt habe." Die stolze Geste rief im Saal beifälliges Murmeln her- vor. Vielleicht machte sie auf die Geschworenen einen minder günstigen Eindruck: die sind immer geneigt, dem Ange- klagten nur bescheidene Wünsche zu gestatten, und dieser hier schien die Offensive ergreifen zu wollen. „Es ist richtig," pflichtete der Präsident bei.„Mathe- matik ist Ihnen sehr leicht geworden, und Sie sind mit einein guten Zeugnis abgegangen. Jedoch haben Sie in Ihrer Jugend nicht nur gearbeitet. Sie haben auch dem Vergnügeir eine Menge Zeit gewidmet. Vergnügungen kosten viel Geld. Da Ihre Einnahmen mäßig warn, haben Sie die Freigebig- keit des Generals angenommen." „Ich habe sie niemals gefordert." „Sind Sie dessen sicher?" „Vollkommen." „So haben Sie wohl einen gewissen Zwischenfall anS Ihrem letzten Studienjahr vergessen? Sie hatten in einem Klub einen ziemlich bedeutenden Spielverlust gehabt, nachdem Sie auf Ehrenwort gespielt hatten. Der General bezahlte für Sie. Es handelte sich um zwei- oder dreitausend Franken, glaube ich." „Ich hatte mich in einen Klub einführen lassen, ohne überhaupt zu wissen, daß inan dort spielte. Ich verlor, aber nicht zwei- oder dreitausend Franken, sondern genau acht- hundert Franken, Herr Präsident." Da die Verschiedenheit der Zahlen eine gewisse lieber-- raschung hervorrief, legte Lermantes Gewicht darauf. „Die Richtigkeit meiner Behauptung wird ein Brief des Generals beweisen, der den Akten beiliegt. Wenn die Zahl nicht stimmen sollte, ist es leicht, sie zu berichtigen." Der Präsident sah seine Notizen durch»nd�gab durch eine Geste seilten Irrtum zu erkenneil.„Die Stimme ist demnach von dem General bezahlt tvorden." „Auf folgende Weife? ZH war feit nielzreren Wo'chcn großjährig, und der General hatte noch nicht mit niir abgerechnet. So war ich also gezwungen, mich an ihn zu wenden und ihn zu bitten, nur diese Summe vo-rzustrecken, bis wir die Aufstellung der Beträge geordnet hatten. Er hat mir un- gefähr folgendes geantwortet:„Nein, mein Junge! Ich möchte nicht, daß Deine paar Kröten sich verringern, solange sie ,in meinen Händen sind. Ich schenke Dir die achthundert Franken. Das wird Dir etwas peinlich sein, ist Dir aber ganz gesund. Die kleine Demütigung, die Tu durch die Annahme hast, wird Dich lehren, was Spielschulden bedeuten." Wirk- lich habe ich seit jener Zeit keine Karten mehr berührt." Das war einfach und offen erzählt, und die kleine Episode wirkte zugtinsteu von Lermantes. Trotzdem murmelte eine Stimme in der Menge: .„Wie patzig!" Ehaussy zuckte die Achseln und flüsterte Jean Bogis zit: „Der Präsident behandelt ihn inständig... Donner- Wetter!" „Nichts in den Akten widerspricht Ihrer Versicherung." fuhr Herr Motiers de Fraisse»ort,„aber Sie blieben bei Ihrem verschweiiderischci», leichtsinnigen Leben." „Ich stürzte mich mit gleichem Eifer ans das Vergnügen wie auf die Arbeit. Ich war sehr gesund. Ich hatte Begeiste- rnng und Kraft. Das habe ich ausgenützt." „Reichlich und immer mit der pekuniären Unterstützung des Generals." „Ich wiederhole, daß ich ihn nie um etwas gebeten habe. Der General wünschte, daß ich ihm oft schreibe. Er hat alle meine Briefe ausbewahrt. Noch das letztemal, als ich ihn sprach, erzählte er niir, daß er dabei wäre, sie zu ordnen. Man wird nicht einen darunter finden, der eine Bitte um Geld enthält. Nickt mal eine Anspielung der Bedürfnisse und Wünsche, die ich hatte. Aber weshalb sollte ich seine Zirei- gebigkeit zurückweisen? Hätte ich das überhaupt tun können, ohne ihn zn beleidigen? Er war mein Pate, und ich be- trachtete ihn wie meinen zweiten Vater." „Diese Freigebgikeit dauerte noch an, als Ihnen Ihr Erbteil schon ansgehändigt war und Sie Ihr Ingenieurs- diplom erworben hatten. Sie»vünschten Deutschland kennen zn lernen, Nord- und Südamerika. Nach Ihrer Rückkehr hat Ihnen der General einen Posten in den Nordhüttenwcrken verschafft, bei denen er ein einflußreicher Aktionär war. Später, als Sie Geld zur Begründung Ihres ersten Unter- neymens, der St. Felix-Briicke, brauchten, half er Ihnen." ' 1„Er tat es aus eigenem Antriebe. Er hat es nie zu be- dauern gehabt, denn das Unternehmen hat sehr schnell fünf- zehn Prozent gegeben. Von da ab brauchte ich seine.Hilfe nicht mehr." „Hat Sie eine so andauernde Fürsorge von leiten eines Mannes, mit dem Sie kein verwandschafpiches Band ver- knüpfte, nicht in Erstannen gesetzt?" „WeShalb sollte ich erstaunt gewesen sein? Hätte ich ein Patenkind, würde ich dasselbe tun. Die Handlungsweise des Generals schien mir ganz natürlich." „Trotzdem haben sich unangenehme Gerüchte über die Art, mit der Sie für dieses Wohlwollen dankten, verbreitet. Frau de Pellice war bedeutend jünger als ihr Gatte. Ihre häufigen Besuche in seinein Hause haben Veranlassung zn sehr unangenehmen Auslegungen gegeben." „Diese Verleumdungen erfuhr ich erst nach meiner Ver- Haftung. Der Herr Untersuchungsrichter hat iriir davon Mit- teilung gemacht. Ich vermute, daß man vielen Leute»» ahn- liche Dinge nachsagt, ohne daß sie es ahnen. Frau de Pellice »»'(St eine makellose Frau. Sie hat mir stets nur tiefsten Respekt eingeflößt. Es steht inir keiu Mittel zur Verfügung. die Unrichtigkeiten dieser Gemeinheiten beweisen zu können. Aber ebensowenig wird man deren Richtigkeit aufrecht er- halten, da sie nie bestanden haben. Es ist uninöglich. einen negativen Betoeis zu erbringen, wie man glücklicherweise nicht eine Lüge zur Wahrheit stempeln kann." Die Fragen des Präsidenten über dirsen Punkt erregten Mißfallen. Welche Beziehungen konnte» zwischen den Tatsache»» des Prozesses und der Frage bestehen, ob diese Gerüchte wahr oder falsch seien. Frau de Pellice ruhte seit dreiund- zwanzig Jahren im Grabe, und die Meiischen. die sich noch in» Leben tummeln, lassen die Toten gern ruben. Andererseits begann Lcrinantes sich durch seine Festig- keit und durch die iiberzengeiid? Aufrichtigkeit seines Toiies die Herzen der Zuhörer zu gewinnru. Beim Sprechen fand er seine Kräfte wieder. Er beherrschte sich. Er wurde er selbst. Mährend all der gualvollm Sitzungen mit dem Unter- suchungsrichkek, der?ir alle sefnö Geheimnisse draitg. hatte«5 sein Leben an sich vorbeiziehe»» lassen und mit Entsetzen Fehler darii» entdeckt, deren er sich nicht bewußt gewesen. Dazu die zwecklos deinütigende Reue über diese Fehler in der Einsamkeit der Zelle. Aber jetzt, in dieser Stunde, bot er der Verleumdung die Stirn. Seine Ruhe, der Ernst! seiner Stimme, die Größe seiner Haltung imponierten derl Menge. Die Richter fanden in ihm nicht den ausgesprocheneir Typus der Schurken: für die Seinigen wurde er ein Märtyrer, der seine Vornehmheit auch den schlünnisten Beleidigungen gegenüber bewahrte. sForlletzuna folgt.s Die �Zlten und die freuen. Di«?l» s st e l l n n g der Berliner Eezcssioir. L Ties« Ausstellung ist inlt Betvußtsein so geordnet worden, daß die vcrivandteu Arten deielnander hangen; die altgelvohnten Synmeu und die neuen von gestern und morgen wurden zu Äruppeir vereint. DaS geschah nicht pedantisch, aber doch so, daß der Be- siicher bei einiger Aiifmerksamteit das Experiment einer Systemati- stcrung zu spuren vermag. Es ist daruin nicht nur sinnlich sym- patbifch, sondern auch belehrend und aufklärend, die Säle der Reihe nach abzuschreite»! und jeden einzelnen sozusagen als eine Provinz zu betrachten. Ein Verfahren, das um so mebr zu empfehlen ist, als auch der Katalog daraufhin angelegt wurde. Im ersten Saat hängen einige redliche Leute; die temperierte Bravheit ist das ihnen Gemeinsame. D 0 r a Hitz malt ganz tüchtig an ihrem alten Thema: Trauben und Kinder, uinkreiselt von sonnenflecke». Martin Brandenburg läßt die be- kannten Seifenblasen seiner spröden Phantastik anfsteigen; H a n S Baluschek kümmert sich mit Sorgfalt um«inen Hinterhans- «arten. Meid kann mel>r, als die« eine schivächlich« Bild ver- späteter Erotik fürchten macht, und K l i m s ch zeigt durch zw«» nebeiieinaiider disponiert« Akte, eine stehende und eine kniende Jägerin, daß er immer noch das Ausgezogene hübsch, Ivenn auch banal zu behandeln weiß. Ein Ivenig mehr Aufmerksamkeit verdient Willy Nowak, der mit der Gewandtheit und der Senti« Mentalität der Tschechen Landschaftsschemen in müden Farbe»» koloriert. Seltsam, Ivenn auch bereit» bekannt, sind die Tricks de» Max Oppenheimer(er hat auch im großen Saal noch ein Bild bangen!. Er ist an Greco, dem spanischen Klassiker der Hysterie, schiver, wenn auch heilbar erkrankt. Immerhin, als Acußerung mondäner Gehirnakrobatik find diese Ornament« au» geknickten und zerhackten Heiligenleibern nicht gleichgültig. Im zweiten Saal hängen drei Altmeister der modernen Kunst: Leibl, Cezanne und».an Gogh. Die Linie, die von dem süddeutschen Magier der Tonalität, diesem ebenso zärtlichen wie heldenhaften Musiker der weichen und süßen und doch scharf empfundenen und unendlich sicher gesetzten Töne, zu Max Liebermann führt, läßt fich in dem Kabinett, das dem Berliner Vollender des JmpressioniSmu» eingeräumt irmrde, überzeugend erfühlen. Aber»ckmir das eine Bildnis, das Liebermaiin hier in dichter Nähe Leibis aufhängen ließ, zeigt die Bewußtheit, aucki die Berechtigung solcher Verwandt- schaft. DaS kann Wm dem Nebeneinander van Gogh» und Brockhnsens nicht gesagt werden. Der hartnäckige Eisen- konftriikkeur der Havellandschaft vermittelt uns wohl ein Enip- finden für das Architektonisch« in drr Natur; er tut daS aber mit soviel Uebcrleguiig und Absicktlichkeit, daß seine Bilder hart und steif wirken, wenn man sie neben die leidenschaftlichen Ausbrüche des mystischen Holländers hält. Für diese mystische Herkunft van Goghs ist ein hier zu sehendes Frübtverk, ein fast böcklinhaste» Thema, überaus kennzeichnend. In einem schwarzvioletten. schwcfliggrünen Märchenwald reitet ein fablig Geschöpf auf einem gespenstigen Tier. Man denkt an d«S schweizerischen Romantiker» ..Schweigen im Walde", sieht dann aber an den Landschaften und Stilleben, die in der Hingebung hängen, mit wieviel Konzen tra- ticmSkraft van Gogh solch« äußerliche Offenbarung der ihn be- »vegenden Gesichte übrrlvniid, um sich'gauz in den schlichtesten Vor- gängcn der Natur zu verlieren. Wenn er in den Zeiten seiner Reife eine Ehrvsantheme oder«in Kornfeld gestaltet, so regt sich hinter der verkürzten Form deS Naturbild«» die dem einstig«;» Missionar de« Kohlenreviers eingeborene Mystik: die Blumen glühe» in der Zauberkraft ihres sonnentrunkenen Blut«»; die Aehren rauschen im Takt steigender Säfte; und wenn das Korn in Garben steht, scheint«» em�Jnstrument, den zartesten Atem de» WindeS fichtbar zu machen, solche absolut« TranSsormierung de» pbmitastisch Erlebten in die Einfachbeit der Natur zeilgt für die künstlerische Kraft de» van Gogh; daß aber dieser turbulente Naturalist mit einem..Schweigen im Walde" anfing, könnt« auf eine vevorstehend« Böcklinrettuivg zu deuten sein. Unsere Jüngsten, die wir gleich treffen»verde u, haben den Abscheu vor der Historie und dem Literarischen längst überwunden. Ob da» für die Malerei einen Fortschritt zu bedeuten bat, läßt sich beute kaum sagen; die Eezanne», die wir tm zweiten Saal dieser TezessionSanSstelluug treffen, lveisen einen umgekehrten Ent. »vickelungsiveg. Der größte der französischen Landschaftsmaler be- mU einer Szene in der Art des Daunner, mit der Halluzi. Nation eines Morde?. AlS er dann immer mehr zu sich selber kam, hat er aus solche Erregungen verzichtet und hat in der BedeutungS- losigkeit emeS Apfels die bedeutungsvollste Schönheit entdeckt. Das Stilleben, das wir hier von ihm zu sehen bekommen, ist durch die wundervolle Rhythmik seiner unbegreiflich satten Farben Wohl das schönste Bild der Ausstellung. Und der„Blick über die Dächer", der unzählige, in uns gespeicherte Vorstellungen, Jugendeindrücke und Sehnsüchte deS Mannes, wachruft, ist in der Selbstlosigkeit seines Seins, in der zwecklosen Selbstverständlichkeit seines Wer- dens von einer unvergeßlichen Poetik, und ist doch ebenfalls nur: Naturalismus. In Saal IIIA wurden einige der Jüngsten versammelt; man gruppierte sie um drei prachtvolle Bilder des Toulouse Lantrec, den man den Klassiker des späte» Rokokos nennen könnte. Eines dieser drei Bilder, eine gelbe Tänzerin, ist duftig wie ein Watteau und nervig, wie nur ein Exponent des zwanzig. sten Jahrhunderts es sein kann. Dabei zeigt dies verführerische Werk eine Malhaut wie Edelsteinschliff. Dem Toulouse am nächsten steht Julius PaScin; freilich, es ist dieser dekadente Wildling ostöstlicher Abstammung neben dem Erben gezüchteter Kultur nur wie ein heißes Begehren neben einer kühl beherrschten Erfüllung. Pascins Akte frühwissendcr Kinder vermögen nie restlos das parfürmiert Fleischliche in anmutig blühenden Schein zu wandeln. Aehnlich ist eS um die flimmrig pikanten Landschaften des C u r t H e r r in a n n bestellt. Sie vermöge» nicht völlig die artistischen Absichten des Pinsels vergesse» zu machen. Es bleibt ein Rest von Aielierschlvere. Das gilt auch von Kokoschka, gilt in weit höherem Maße von den eigentlich Jungen, von Matlhes, Heuser, Steiner. Da» dieser Gruppe Gemeinsame ist die Mildigkeit des Tones; sie werde» ihn gefunden habe», ohne miteinander bekannt geloesen zu sein. Es gibt eben Menschen, die Moll, andere die Dur lieben. Daß sich die gleichgcartete» Liebhaber ähnlich auszudrücken versuchen, ist zwar nicht merkwürdig, ist immerhin,>venn eS rubel. Iveise geschieht, ein Symptom. Das Rudel oder die Gruppe, die Schule oder das Programm sind äber just charakteristisch für den Aufmarsch unserer Jüngste». Das könnt« ein Zeugnis der präde- stimerten Notwendigkeit fein, kann aber auch als ein Anzeichen der inneren Schwäche und als ein« Tendenz zum Gewerblichen, zum Kunstgewerblichen also, gedeutet werden. Man wird ab- warten müssen; da» ein« läßt sich heute schon sagen: eS steckt in all diesen Herandrängenden mehr Abficht als Notwendigkeit, mehr Intellekt al» Sinnlicksteit. Kokoschka, der Wiener, zum Exempel zerlegt die Dinge und Körper in ein System von Diagonalen; man könnte an die Druck- und Zuglinien einer Jngenieurkonftruktion denken. Da aber diese Li»!«» zuweilen auch wirr durcheinander gehen und so etwas wie Gefühlskurden anzudeuten scheinen, gibt eS an manchen Stellen des Bildes ein heftige», zuweilen nicht unsympathische» Gekritzel. Wer Kokoschkas Zeichnungen kennt, weih, daß durch solche Kritzelei die Psyche«inigcr Köpfe, etwa der Richard Dehmels, typisch erfaßt wurde; in den Bildern stört das graphische Maß solcher Technik. Es wird die Nervosität der Linien. Bündel nur schwach überdeckt von einer durchsichtig wirkenden Jarbenhaut, von einer opaleszenten, flimmrigen Schicht. Dabei Hut der Künstler offenbar die Neigung, dem Ikinquecento nahe tzu kommen; eS ist, als schaue ein«ntrenkter Lionardo durch«rn Spinngewebe aus Rege nbogenft reifen hindurch. Heinrich Heuser ist weit harmloser. Er macht«in« Kreuzabnahme,«ine heilig« Nacht, ein Schlachtgetriebe; es steht aus, als wenn aus Spielzeugschachteln Holzfigureu zu Silhouetten geklebt worden wären. Mau könnte auch an die Jahrmarktsbilder„so hat auch in dieser Nacht, einer«in« umgebracht" gut denken. Dabei ist die Regie nicht ungeschickt; als Intarsia, als Mosaik, als Glasbild könnte man sich die Angelegenheiten ganz gut vorstellen. AlS selbständige Kunstwerke haben sie nur die Bedeutung eines Mono- meters; sie zeigen an, daß allerlei Kräfte am Werk sind, da» Dekorative zn suchen. Ganz ähnlich steht es uni die übrigen Ge- Nossen dieses Saales in Moll. Im Saal IIIS häirat die schon erwähnte Kollektion Max Lieberniann. Es ist immer genußreich, die EntWickelung diese» gesunden, klugen und doch temperamentvollen Künstlers nach- vrüfen zu können. Wir treffen hier kleine Bildnisstudien, die direkt von Courbet und Muneachi kommen, trefft» eine entzückende Vorarbeit zu der in Helligkeit tauchenden Schusterwerkstatt der Nalionalgalerie. Dann Beispiele für die„kanalisierten" Bilder, ei» Altniännerhaus, eine Stickschule. Schließlich die erregt hin- geschriebenen, von stürzendem Leben erfüllten Bilder der letzten Jahre: ein sarbensatteS Kohlfeld. Auch von den Bildnissen der letzten Zeit sind einige Proben zu sehen. Gerhart Hauptmann, ein rtlvas Verschlvommener Goethe, der Marburgcr Philosoph Eohe», sprechend ahnlich, mit fühlbarer Anteilnahme an der Persönlichkeit des rasseverwandten Geistes gemalt. Ter Entwickclungsgeschichte eines einzelnen ist auch der nächste Saal gewidmet; er enthält dreißig Bilder von Wilhelm Trüb»er au» der frühesten Zeit Ins zur Gegenwart. Wieder ist Courbet einer der Paten, auch das England der klassischen Porträtkunst und Constables sind zu spüren. Leibis Einfluß läßt sich allenthalben nachweisen, daneben aber regt sich frühzeitig die selbständige, sichere Art deS Modelleur». ? rübner hat etwas vom Bildhauer; er hat eine Faust. Er ist diel sicherer als Liebermann, aber längst nicht so geistvoll, nickt so sleptifch, nicht so kritisch wi« dieser. Es gehört zu den Per- guügu ngen dieser Ausstellung, zwischen dem Liebermaun. und beut Trübnersaal hur und her zu pendeln» nur recht intim diese beiden verwandten und doch so verschiedenen Naturen miteinander zu der- gleichen. Nie hätte Liebermann so farbig sei» können, wie sich dies Trübncr bei seinem Postillcm oder bei de» Landschaften der letzten Periode ftisH_ Robert Breuer., Kleines feuilleton. Die Mutter stirbt. Die langen Jahre her haben fie«S gewußt; nun würgt die Tatsack)« vier mutige Seelen. Nie war Mutter» Herz gesund gewesen— solange sie denken können. E» hat die Frau viel gequält, diel gemartert. Nun liegt fie aus dem Sterbebett und mißt mit eisigen Fingern, die Decken. Dunkle Tiefen gibt das gedämpfte Licht ihrem Antlitz, das hie und da zu lächeln sucht. Sie will ihren Kindern kein« üble Erinnerungen hinterlassen an die Stunde, in der sie stirbt. Das Leben ward ihr gegeben, der Kinder Weg zu ebnen. Pom Augenblick an, da fie neues Sein in sich spürte, liebte sie. Die Schreie, die ihr der Schmerz erpreßte, der Schmerz, der neue» Leben, die Kinder in die Welt warf, sie waren der Jubel ihrer Kraft, die Schöpfer ward. Fünfmal war fie dem Tod« nah«; fünfmal hat sie geboren.Fünf Knaben. Vier stehen am Toten. bett; den einen hat fie begraben, vor langen Jahren. Da bleichte ihr Haar in einer Rächt, da tat das Herz so angstvolle Schläge, daß es keinen ruhigen Gang mehr fand; da halsen nicht Kuren» nicht Arzneien. Die voll« Kinderstube vertrieb den Mann. Nächte hatte sie auf ihn gewartet, gesprochen hat sie nie. Und als er in die Erde sank, da weinte sie, als wäre er der geblieben, dem sie sich gab in blühender Jugend, in drängende» Kraft. Den Knöchel hat sich di« Rot wund gepocht; sie durfte nicht herein zu der immer tätigen Frau. TagS pflegt« sie; nacht» arbeitet« sie: so wuchsen dt« Kinder. „Mutter I" Ter älteste flüstert's, der noch den Reisestaub der Ferne an den Schuhen trägt. Mit letzter Kraft streichelt fie di« Hand, die so leicht ihr blutiges Geld verwarf, die nun ernster Arbeit dient und Gutes tut; nie hat sie au ihm gezweifelt. Mit verkrampften Fingern stehen di« Zwillinge; hier schttnigt: das sausende Lebe«. Rastlos arbeiten in den Höfen di« rostigen Hämmer, die schnellenden Maschinen, die Mutter» Hand schuf und erhielt, bis sie die Fäuste rühren tonnten, di» sie das Dämmern der Ahnung fühlten, wa» Mutter» Lieb« vermag. Da» Weib»es einen will Mutter werden; da» erwartet fie nochl »Roch nichts?" fragt der Sterbenden Blick. „Noch nicht» I" gibt Jugend die Antwort. Der jüngst« läßt Mutters Puls frei; hier karn er nicht klügeln, nicht rechnend messen; der Arzt in ihm stirbt, weil die Lieb« sein« Diagnosen stellt. TaS Ende ist da: di« Hand, die sie geführt hat. di« ihre struppigen Bubeniöpf« glättet«, si« liegt kraftlos auf der Decke. Nie mehr wird pe sich hebe«, das Kreuz auf ihre Stirn zu zeichnen, das Kreuz, dem die Frau glaubt, das ihr Strohhalm war im Weltmeer der Qual. Mit ttefer Rührung haben stv Mutter» Stimme beten hören; wa» ihnen oft Schwäch« schien, feiges Festhakten am toten Zwang, heute hat«» Leben und Blut besessen! Gleich ist die Form, wi« der Mensch die Schöpfung ehrt. mit Glaubens- oder Wissenslüg«; er ehrt sie, und es ist Lüge. a» Nach Ludwig» Bild sieht die Mutter, e» liegt auf der Deck« ihres Bettes, so hat sie'» gewollt. Dreißig Jahre find«». daß der Siebenjährige starb; sie hat ihn nicht vergessen. „Er muß jede» Jahr seine« Kranz auf dem Grab« haben. Ist das auch geschehen? Und ich liege— neben Vater." Die grauen Nebclflore heben und drehen sich vor den Fenstern. ganz weit, irgendwo draußen in der Welt steigt die Sonne aus; «» hat alle» sein Schicksal. Tie Tür klappt auf, eine atemlos« Stimme bringt die Kunde.„Großmutter", flüstert der jung« Vater und weint. Si« lächelt, und matt sivtt der Kops zur Seite. Das letzt«, was fie mit tiefen Freuden hört, ist der stark« Schall der haftigen Tritt», mit denen di« vier zum Totenbett der Mutter stürzen. Kraft und Leben gaben ihr da» Geleit zur ewigen Ruh'. „ Walter v, Molo. Physiologisches. Welche Wärm« verträgt der menschlich« Körper? Zu dieser Frage wird un» folgende« geschrieben: Während meiner Dienstzeit bei der Marine ivar ich zum Heizer auf dem Ueiuen Kreuzer„Seeadler" bestimmt. Wir lagen in Deulsch-Ostafrika. Bei einer Ausfahrt von DareSsalam zum Torpedoschießen gerieten wir mit unserem Schiff aus Grund. Bei Ebbe lag das Schiff gänzlich — 896— aus dem Trockenen. Nichtsdestoweniger erging an da? Maschinen- personal der Befehl, zur geil der Flut.Dampf auf" zu haben und den Versuch zu machen, durch die Kraft der eigenen Maschinen von der Sandbank abzukommen. Sollte dies gelingen, daun muhten die Maschinen unter Anspannung aller Kraft fahren, es muhte in den Kesseln demgemäß ein Neberdruck erzeugt, also ein ganz intensives, durchgearbeitetes Feuer unterhalte» werden. Fuhren wir sonst mit zirka 12 Atmosphären Druck, so steigerteu wir diesen jetzt bi» auf 1b und IS. Trotzdem inihlangen unsere Versuche. Jetzt kam aber das schwierigere Stiick der Arbeit. An intensiver Hitze waren wir gewöhnt. In uuseren luftdicht abgeschlossenen Heiz- räumen, die ihre.frische" Luft nur durch einen Exhaustor beziehen, herrschte bei Fahrt stets eine Temperatur von 80—82 Grad Celsius, nicht gerechnet die Gluthitze, die den Bedienungsmannschaften beim Durcharbeiten oder beim Reinigen der Feuer entgegenschlug, lieber- flüssiges Fleisch hatte sich bei uns allen längst in Wasser verwandelt, selbst die Härchen aus den Arnren ustv. waren ständig abgesengt. Nachdem also unser Versuch, von der Sandbank abzukommen, mihlungen war, muhten wir sofort daran gehen, die Kohlcnglut aus den Feuerbuchsen herauszureißen, da sich das Schiff ja mit dein Ab- fluten wieder auf die Seite legte und eine eventuelle Kesselexplosion ungeheueren Schaden anrichten konnte. Man stelle sich nun vor: ein geschlossener Raum von etwa V Meter Breite, 2>/z Meter Tiefe und 2 Meter Höhe. Am Oberdeck eine Temperatur von 45 bis 48 Grad Celsiu«. Der Dampf muhte aus den Kesseln abgeblasen werden, so dah nicht einmal die Exhaustoren gehen konnten. Dazu die in jedem Heizraum flammende Glut au« je ö Feuerungen, die man schlecht gerechnet auf ö Kubikmeter beziffern kann I Wenn auw dafür gesorgt worden war, daß die größte Hitze abgelöscht wurde(man merke: durch Aufgiehen von Wasser aus Britzcn sEimernj), so hielt doch niemand von uns die Sache länger als höchstens vier Minuten au«. Hatte einer von uns ein Feuer herausgerissen, dann muhte er schleunigst nach dem Oberdeck reliricren, andernfalls wäre er zweifellos ohnmächtig geworden. Zum Temperatnrmeflen halten wir allerdings hierbei keine Zeit, a»s dem Umstände jedoch, dah eine halbe Stunde nach Beseitigung der Fcuerreste die Quecksilber- säule unseres Heizraumtherinomcter« immer noch 100 Grad Celsius (höher ging es nichtj zeigte, schlössen wir allgemein, dah wir es während de? FeuerherauSreihenS mit einer Temperatur von mindestens 120 Grad Celsius zu tun gehabt haben. Die Shmplome, die die enorme Hitze in der Haut bewirkt, sind neuerer Beobachtung nach, gerade entgegengesetzt der Wirkung, die die starke Kälte hervorruft. Während starke Kälte die Haut straff macht. .krisselte" sie bei der enormen Hitze, da« heiht wir hatten da? Ge- fühl, als spränge sie in lauter kleinen Pickeln hervor. Die Nasen« flügel fingen an, stark und stärker zu vibrieren, um sich kurz vor dem.Schlappmachen" mehr und mehr zu schlichen. Naturwissenschaftliches. Cin sonderbarer heimischer Vogel. Der einsame Wanderer, den sein Weg tm Mai oder Juni spät abends durch Nadelwald und Heide führt, vernimmt gelegentlich seltsame Laute, von denen er nicht weih, wer sie hervorbringt: sie scheinen von dem wagerechten dürren Aste einer mittelgrohen Kiefer zu kommen und klingen eigentümlich schnlirreni,, aber nicht unmelodisch; aus einiger Entfernung vernommen, erinnern sie an Froschgequake. Wer mag da» sein, der zu später Stunde ein so seltsame« Konzert aufführt? Treten wir vorsichtig näher, so gelingt es un« wohl, den Urheber auf dem dürren Aste zu erkennen: es ist der Ziegenmelker oder die Nachtschwalbe, ein Vogel von der Gröhe etwa eines Kuckucks. Da» Gefieder ist so täuschend der Baumrinde ähnlich, dah selbst bei Tage das geübte Auge den Vogel in setner Umgebung leicht über- steht. Unaufhörlich.spinnt" eri aus der Ferne antwortet ihm ein Artgenosse. Jetzt hat unser Fuh auf einen dürren Ast getreten, und mit klatschenden Flügelschlägen schwingt sich der sonderbare Nacht- schwärmer zwischen den Zweigen der Kiefern hindurch, um in ge- ringer Entfernung von einem ähnlichen LieblingSplatze dasselbe Liet» wieder zu beginnen. So seltsam dieses Lied klingen mag, so ist eS doch der Ausdruck der Liebe; denn jetzt ist die Paarungszeit der Rachtschwalbe. Ungewöhnlich wie ihre übrige Lebe»«- weise ist auch ihre Nistart. Das Weibchen legt die beiden hübsch marmorierten Eier ohne jede Unterlage in die Heide unter einen kleinen Busch, so dah Vorübergehende nicht selten meinen, die Eier lägen dort zwecklos umher. Der sonderbare Namen Ziegen- melkcr stammt von abergläubischen Leuten, die meinten, der Vogel setze sich den Ziegen an« Euter und sauge ihnen die Milch ab: das ist natürlich unrichtig. In Wirklichkeit besteht die Nahrung der Nacht- schwalbe in allerlei Käfern und Nachtschinetlerlingen, die sie mit ihrem weitgespaltenen Schnabel vortrefflich erhaschen kann. Bei Tage läht sie sich nicht blicken; dann liegt sie mit blinzelnden Augen 'chlafend an einer schattigen und verborgenen Stelle. Schachnotizcn. Der Berliner Arbeiter-Schachklub beabsichtigt, für Sonntag, den 8. Juni, einen grohen ö f f e n t- lichen Wettkampf zu arrangieren. Eintritt und Teilnahme für jedermann frei. Näheres wird an dieser Stelle noch bekannt gegeben. Sonntags von 10—1 Uhr freier Schachverkehr für jedermann: »Königsäle", Neue Königstr. 26. ScKacK. Unter Leitung von S. Alapin. Ferber. ab ode ferh abodefgh 2+ ftp-eqi i) Im Wiener Meisterturnier war R. Spielmann erster Sieger. In St. Petersburg fand vor kurzem ein kleines Meisterturnier statt unter Beteiligung des wohlbekannten tschechischen Meisters O. D u r a S» Den ersten und zweiten Preis teilten jedoch A l e ch i n und Löwen- fisch. Nachstehend hiervon eine Partie von theoretischer Bedeutung: Spanisch. A. A l e ch i n. O. D u r a». 1. e2— e4, o7— e5; 2. Sgl— f3, Sb8— c8, 8. Lfl— b5 a7— a6 Nach 3.... 8f6; 4. 0—0(De2 I) 8Xe4; B. 64. Le7(aß! nach Morphy) 6. 1)62, SdB; 7. I-XS, dx°s: 8. 665, 8b7(8k5lf v. 8oS. 0-0: 10. Tel, Sc5; 11.864, Se6; 12. 1,68 (8X8 1?) 8X3: 13. I-X». öS! 14. Le3, 65; 15. ed6, LXd6 entsteht die.B r as il t a n t f ch e" Variante, die b e i u n S am 5.?lprll mit IS. 14> (Alapln) nach Dr. Em. LaSkerS .IS.... 65; 17. 8&4, Te8" durch 18. 1)63(Auch Df3, oder D62 oder 1)12) 18.... aC(Auf.18.... D16; 19. LXo5, LI5- meint der Well- meister, ,B14 fei schwer zu decken". Diese angebliche Schwierigkeit Ist je- doch nach 20. IXT-h TXT; 21. Db5 nicht ersichtlich) 19. c4 sortgesetzt würde, wobei wir für Weih e n t: weder Gewinn de« BvB oder PostttonSvortetl angaben. Dr. LaSker bestreitet die« im .Schachwarl" aus Grund von: ,19.... LX«: 20. DXD, LXI-f: 21.TXL, T»X68; 22. TXTs-, TXT; 23. b3, TeB; 24. Tdl, K18; 25. T67, Te7; 26. T68t, Te8; 27. TXTs-, KXT; 28. SXo5, Leo*. Die« ist in der Tat die beiderselt« bestmögliche Spiel- weise. Aber der von uns behauptete P o s l t t o n« v o r t e t l s ü r W e i h liegt dann auch klar aus der Hand. Denn Le8 kann wegen Sb7 sich nicht bewegen und die domlnierendc Stellung de« Sc5 kann mit 29. Kf2, Kef; 80. Ke3, K66; 81. K64 be- hauptet werden. Z. B.: 31.... «öS: 32. 863, 16; 33. b4, Kb6; 84. b5, a4; 35. 814 je. mit Gewinnstellung. 4. Lb5-a4 8x8-16 B. Ddl— e2l..... Die Straft diese« von u n S(trotz entgegengejetzler Meinung fast samt, ticher Autoritäten) heiß empsoblenen Zuge» wird in der gegenwärtigen Partie sehr ausdrucksvoll illustriert. 5...... b7— bB Aus 5.... Le7 folgt 6. o3 nebst 64 und B.... Lc5 V kostet wegen 6. LXS, 6Xc«: 7. SXeB, 1)64: 8. 863 einen Bauer. 6. La4— b3 Lt8— cB 7. a2— a4 Ta8— b8 7.... b4?; 8. LXHt IC. 8. ft4XbB aöXbB 0. 62-68!..... Von Alapin im Wilnaer Turnier eingeführt. Aus 9. 8o3 folgt: 9.... 0—01(Tarrasch) 10. 8Xb5?(631, 864 I; 8X3, oX64 I JC. mit Ausgleich) 10... 65 1(Von Alapin herrührend. Dr. Tarrasch gab statt dessen 66 an, worauf La4 1, Lg4 J c3 nebst evcnt. 63 den Bauer oe» hauptet.) 11. 8o3,(e65?, o« l) 12.... Lg4; 18. LX65, 864: 14. D63, 8X66; IB. 8X65, LXS 1 16. gXf3, c6: 17. Sc3, D16!C. mit starkem Angriff. 9...... 67-66 Aus 9.... 0-0 könnte folgen: 10. Lg5, 66: 11. 8o3, Lg4(Le6 0 12. 865, 864: 18. 8X641(vott Alapin und Schlechter gleichzeitig an« gegeben) 13.... LX»; 14. LXS» Ta81(gXfO?; So6, TaS; KVI. JC. oder 1)67; 815, Tte81: LXß7, TeBjKXL JC.) IB. KxU Db8: 16. 806. Ob?: 17. 865— s7s-. Kb8: 18. Lg5, TXT; 19. TXT, 16 j 20. Le3, LXL; 21. kX«3. TaS: 22. L65I, TXT: 23. 868 nebst 8XD wegen der Drohung 8k7-p. 10. Lei—«3 Lo8— g4 11. h2— hS..... Auch c2— c3 ist gut. 11...... Lg4-h5 Auch bei 11---- 864; 12. LXS, LXS 1; 13. DXI-. I-XI.: 14. c8, Lb6; IB. gl ic. steht Weih besser (SM— 62— II— g8 ic.) 12. Sbl— 62 0—0 13. 0-0 So6— 64 14. Le3Xd4 LhBXfSI 14.... LXL; 15. g4, Lg«; 16. 8X1-, eX64; 17. 14 ic. ist für Weih noch günstiger. 15. 862Xk3«5X64 16. e4— e5 1)68— s7 Etwa« besser 6Xs5.(ToS?; 8gB) 17. TIl-sl Tb8-o8 Auch hier war 6X«5 etwa« besser, 13. r)s2— 62 66Xe5 Auf 867 folgt eB— e6. 19. TelXeB De7— 66 20. D62— gB TeSXeB 21. Sf3Xe5 D68— b8? Vielleicht bot 21.... g6 längeren Widerstand, z. B.: 22." 28. I)Xg«t-. libS mit RemiS-AuSsichten. 22. g2— g4 LcB— 66 23. SeBxnt Trexn 24. DgB-fB..... Die Doppeldrohung: gl— g5 und Dc6 ist nicht zu parieren. 24...... g7-g6 25. 1)15-06 Kg8— g7 26. DeÖXnt Kg7— h6 27. Lb3— 06! Aufgegeben. Spielt man die Partie a u s m e r k» La m nach, so sieht man, dah nach 1)s2l Schwarz wohl an manchen Stellen dem Gegner den Gewinn erschweren konnte. Reell au«« gleichen konnte er aber in keinem Moment l !.'8Xg«. hXg«! 24. Lxn, gilt Veranlw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. � Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Smger LeCo., Berlin sW,