Unterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 102. Donnerstag, den 29. Mai 1913 7t Das entfesselte Schicksal» Roman von Edouard Rod. „Wenn ich ihn," sacite Montjorat,„einmal später treffe, werde ich ihn immer vor den Richtern stehen sehen." „Pah!" sagte Proz.„man vergißt in Paris so schnell. Man verschwindet einige Monate. Das genügt, um wieder als ein ganz neuer Mensch zu erscheinen. Uebrigens wissen Sie, wer die Dame war, die Dame mit den Batisthöschen?" Man fragte sich mit Blicken. „Nein, ich habe keine Ahnung." gestand Lavancher. Proz nannte ihren Namen. Eine gefeierte Sängerin, deren Ruhm jetzt verrauscht war. „Mit wem lebt sie jetzt?" fragte Lavancher. Proz schüttelte den Kopf. „Mit irgendwem! Sie ist in dem Alter, in dem man nicht wehr wählerisch ist." In einer Ecke standen zwei Versailler, Graf d'Avoise rmd Baron Choffart. Sie meinten, Lermantes wurde sicher frei- gesprochen. Alle großen Prozesse der letzten Zeit hatte» so gecndeti Zuerst fürchterlicher Lärm, ein ungeheurer Skandal: aber alles kommt in Ordnung, jeder kehrt in sein Heim zu- rück und beginnt wieder, als ob nichts gewesen wäre. „Die Schurken schlüpfen immer wieder durch die Masche» des Netzes," sagte d'Ilvoise. „Vorausgesetzt, daß sie sie beim Durchschlüpfen ver- golden," vervollständigte Choffart. Und sie prophezeiten, daß Lermantes Minister wer- den würde. Es war wie eine Pause iin Theater. Man plauderte. um etwas zu sagen und sah sich nach Bekannten um. Mitten in dieser gleichgültigen Vergniigtheit saßen Ro- land. Nenöe und Paul wie angeschmiedet auf ihren Plätzen. Die eben gehörten fragen und Antworten, durch die ihnen so viele Dinge enthüllt worden waren, schwirrten ihnen durch den Kopf. Alle Leute hatten sie gehört, und nur sie allein konnten das Wahre vom Falschen unterscheiden. Aber konnten sie es wirklich?... Tausend ferne Eindrücke, die sie wohl einst bemerkt, die sich aber längst verwischt hatten, kehrten ihnen in das Gedächtnis zurück, verwirrten ihre Erinnerung und änderten ihr Urteil. Was von diesen Erzählungen glauben, wie daran zweifeln? Wie in diesem Schlamm, den man aufrührte, das Richtige sehen? Was von ihrem armen Vatr denken, dem armen, gütigen Vater, der so ganz anders war als jener Mann, den sie zwischen den beiden Gendarmen erblickten, den sie nicht kannten, den sie nie gekannt hatten? Wer von den beiden war der Wahre? Oder hatten die beiden wunderbarcrweise ihre verschiedenen Seelen in demselben Körper vereint? Kaum waren sie imstande, sich diese gual- vollen Fragen zu stellen. Wie sollten sie wagen, sie zu be- antworten? Bis heute hatten sie an ihren Vater mit leiden- schaftlicher�Begeisterung geglaubt, jetzt ergriff sie Zweifel, oder der Schatten eines Zweifels, der schon allein genügte, um ihren Mut zu erschütteru. Denn, wenn sie sckwn leise an ihn zu zweifeln begannen, sie die ihn liebte», die ihn in Stunden der Zärtlichkeit und des Kummers gekannt hatten, wie würden ihn erst diese fremden Menschen beurteilen, die ihn zum erstenmal in einein falschen Licht, in diesem eut- stellenden Verhör sahen? Ren6e und Roland versenkten ihren Kummer in sich selbst. Paul blickte wütend umher. Er wollte der Menge trotzen. Ebenso stumm wie sie sah sie Onkel Manier von der Seite an: er kaute an seinem Schnurr- bart. Ihr Vater hatte einst lachend geäußert:„Mein Schwager möchte mir lebend die Haut abziehen, aber sich die Finger dazu in Zuckersirup tauchen." Tatsächlich sab er jetzt bj-isc aus. Hier, wo ein großes Herz sich geöffnet hatte, zogen durch diese niedrige Seele Neid, Rachsucht und Erniedrigung und spicgel- ten sich in seinem heftig aufgeregten Gesicht wieder. Neu- gierde mischte sich darein: er hätte gern Dinge gewußt, von denen der Präsident nicht sprach: Namen, Tatsachen. Einzel- heilen. Besonders aber interessierten ihn die geheimen Ge- danken aller dieser fremden Menschen, die plötzlich über die Schande in seiner Familie unterrichtet waren. Wie wurde Lermantes von ihnen beurteilt? Mit oberflächlicher Skepsis oder mit manchmal geringerer, manchmal weitgehenderer Entrüstung? Zweifellos sprachen sie auch über ihn selbst, weil er zur Familie gehörte, und bekrittelten seine Haltung und erforschten seine Absichten. Hielt er sich ordentlich? Flößte er jenen Respekt ein, den man seinem Unglück schuldig war? Er spitzte die Ohren, um aus dem Wortgeschwirr einige Bemerkungen aufzufangen: aber um ihn herum dämpfte man die Stimme. Trotzdem hörte er, wie Proz, mit dem persönlich nicht bekannt war, Frau d'Entraque fragte:„Sehr interessant, nicht wahr?" Die Antwort entging ihm. „Was denke» Sie über den Ausgang? Sie müssen doch eine Ahnung haben, denn Herr d'Entrague hat die Lösung des Rätsels in der Hand." Fast laut hörte er die junge Frau protestieren: „O. glaube» Sie das nicht. Die Aussage meines Mannes kann die Wichtigkeit nicht haben, die man ihr beilegt." Paul flüsterte seiner Schwester diese Hoffnungsworte zu. während Proz sich beeilte, sie von Bank zu Bank zu kolportieren. Man deutete sie auf die verschiedenste Art. „Na, na, das Ehepaar ist sich nicht einig?... Was bedeutet das?" Die Menge �n den Logen lärmte, aß und trank. Die Hitze in diesem Siedeofen, in den kein Luftzug hineindrang. war erstickend. Die Gesichter röteten sich und waren mit Schweiß bedeckt. Hemdkragcn wurden geöffnet und zeigten roie, feuchte Hälse. Eine Klatschbase knöpfte sich die Taille ans. eine andere betupfte sich die Schläfen init Eau de Cologne. Man amüsierte sich, man lachte, man trocknete sich den Schweiß und fächelte sich mit Taschentüchern und Zei- tunge» Luft zu. Flaschenhälse klirrten gegen die Gläser, als Erfrischungen eingeschenkt wurden. Gepfefferte oder alberne Bemerkungen ertönten. „Nein, dieser Präsident ist schneidig!... Der nimmt ihn ordentlich aufs Korn." „Man meint, er hat alles gesehen, was der andere getan hat." „Uebcrall stößt er ihn mit der Nase herein." „Das beweist nicht viel von der Sache selbst." „Aber in jedem Fall, daß Lermantes nicht viel wert ist." „Und dann sind wir doch erst am Anfang! Abwarten!" Die Geschworenen hatten sich in ihr Zimmer zurllckge- zogen. Condeminc tat sich sehr viel zugute darauf, hier Be- scheid zu wissen, und machte seine Kollegen auf die Einzel- heiten im Räume aufmerksam: die bronzene Urne, die auf dem kahlen Kamin stand, die weißen, über den Tisch ver- streuten Zettel, die Karte, auf der der Paragraph 342 des Strafgesetzbuches aufgeklebt war. Da sie auf dem Kamin neben der Urne umher lag, meinte er, daß sie angeklebt wer- den müsse, da die Buchstaben zu winzig fein. „Ein Kassationsgrund!" rief er lachend. Er übertrieb seine Vertrautheit. Den Kellner behandelte er sehr freundschaftlich und gab ihm in Silberpapier ge- wickelte Zigarren, mit denen sein Etui vollgestapft war. Er wollte Bier bestellen, Durnant wünschte nur Kaffee, Clary und Mouchebise teilten einen Liter Bier und aßen Brötchen dazu. Kloesterl i war gegen den Alkohol. Die Glieder waren allen durch die lange Unbeweglichkcit steif geworden, sie gingen im Zimmer auf und ab. reckten die Arme und stanipften mit den Füßen auf den Parkettboden. Sie ver- mieden, von dem Verhör zu sprechen, aus Furcht, das Gesetz zu verletzen, wenn sie ihre Meinung kund gaben. Doch einige verrieten sich, als sie allgemeine Bemerkungen hinwarfen. „Es gibt Leute, die ihr Geld mühelos erwerben," meinte Kloesterli. Mijoux antwortete: „Sie geben es auch am leichtesten aus." Condemine war sehr durch die vom Präsidenten ver- lesenen Rechnungen frappiert und hatte sich die einzelnen Posten in seinem kleinen Notizbuch vermerkt. Immer wieder las er sie eifrig durch. Er mußte Herrn Mijour erklären, was eine„Kombination" wäre: der kleine Manu schien sich sehr darüber zu amüsieren. Contheh hatte bis jetzt noch nicht gewußt, daß Wäsche so teuer sei. Sonzier wieder bekundete lebhaftes Interesse für„das Fest ans dem 13. Jahrhundert". „Man liest so etwas wohl in den Beitunfien, aber nian Athlet nicht darauf. Doch hier lernt man begreifen, was das große Leben ist." „Das sind saubere Geschichten!" rief Mijoux aus. Mortara sehte alle in Erstaunen, als er ihnen sagte, daß. wenn Lennantes dem Vergnügen gehuldigt, er auch viel ge- arbeitet hätte.. „Gearbeitet?" rief Klocsterli.„Was denn?' Arbeit hieß für ihn, zehn Stunden init der Lupe auf der Stirn vor dein Arbeitstisch zu sitzen. Für Mouchcbise und Clary bedeutete arbeiten: graben, pflügen, ernten, bei Sonne und bei Regen: für Conthey: in einem Laden zu versauern und Bleististe und Papier zu verkaufeil und die halbe Nacht aufzubleiben, um Kasse zu niachen. Keiner von ihnen machte sich die Summe von Intelligenz, Tätigkeit und Energie klar, die zli solcheir großen Unternehmungen gehörte, deren Mechanismus sie iricht verstanden. Doktor Biitier versuchte das Klocsterli aliseinanderzusetzen, während Durnant den: Oberst erzählte, daß er die Aktien des Safens von Bonimarca gekauft und daran viel verdient hätte. Bald war die Viertel- stunde verflossen. Conthey war in Unruhe, ob er den Zug 6 Uhr 2!5 erreichen würde. Da Condemine mit allem Bescheid zu wissen schien, fragte er ihn. lvie lange die Sitzung wohl dauern könne. Der Apotheker erkundigte sich gleich bei dem Kellner, der von einem Gerichtsboten hatte sagen hören, daß der Präsident noch die ersten Zeugen vernehmen wolle. Condemine erschreckte seinen Kollegen, indem er ihin von den Abendsitzungen erzählte. „Als ich das erstemal Geschworener war, da dauerte die Verhandlung bis zehn Uhr abends. Dabei handelte es sich nur um einen Betrug." iFortsetzung solgt.Zs Die Enträtselung der Atmung. ©in Gedenkblatt für Lavoisier. Von A. L i p s ch il tz. Jedermann weiß, daß man ohne Luft nicht leben kann, daß zum Leben die Atmung gehört. Lust imn ist ein Gemenge von zwei Gase», von Stickstoff lzirka Vs der Lust) und Sauerstoff fzirka Vz der Luft). An dem AtmungSprozcß beteiligt sich von diesen beiden Gasen nur der S a u e r st o f f. Heute ist das eine so allgemeine Wahrheit, daß jeder halbwegs gebildete Mensch das weiß. Und doch sind cS bloß 1311 Jahre her, daß diese Tatsache erkannt wurde. Ihre Entdeckung ist an den Namen des französischen Chemikers L a v o isi e r geknüpft, der in der großen französischen Revolution seinen furchtbar geschcidten Kopf verlor— wegen staatsschndigender Finanzschlcichcrci. Seine un- sterblichen Entdeckungen über die Bedeutung des Saucrsioffs für die Verbrennung und Atmung fallen in das Ende des Jahrzehnts 1770 bis 1780 und in den Anfang des folgenden Jahrzehnts. Nachdem er schon 1780 in der Akademie der Wissenschaften eine Mitteilung über seine Versuche gemacht hatte, erschien im Juni 1783 eine aus- führliche Mitteilung über die Versuche von Lavoisier und de Lapla ce in den Berichten der Akademie. Lavoisier kannte schon die Tatsache, daß Luft Sauerstoff enthält! das hatten 1771 der englische Chemiker Pricstlch und fast gleichzeitig mit diesem der deutsche Chemiker Scheele gefunden. Lavoisier ging nun mit Versuche» zunächst der Frage zu Leibe, welch eine Nolle der Sauerstoff oder, wie er ihn nannte, die„reine Lust" bei der Verbrennung spielt. Mit Hilfe ziemlich einfacher Methoden stellte Lavoisier fest, daß zur Nntcrhaltiing der Verbrennung allein der Sauerstoff genügt, daß der Sauerstoff dabei verbraucht oder ver- ändert wird, indem er in„fixe Luft", wie er die Kohlcnfälire nannte, umgewandelt wird. Und dann zeigte er, daß ailch bei der Atmung der Tiere Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure gebildet wird. Die Vcrsnchsanorddung, die Lavoisier für seine Untersuchungen über die Atmung benutzte, war im Prinzip genau dieselbe, Ivie sie auch heute noch in der Phhsiologie Verwendung findet. Er brachte Meer- Ichwcinchen oder Vögel in ein abgeschlossenes Gefäß, in welchem sich Sauerstoff befand. Mit Lauge, die die Eigenschaft hat, die Kohlen- iinre zu absorbieren, fing er sämtliche Kohlensäure, die das ein- «schlösse»« Tier ausatmete, auf und bestimmte dann aus der Diffe- mz im Gewicht der Flasche mit der Lauge vor und nach dem Versuch die Menge der ausgeatmeten Kohlensäure. Die Mxnge deö v nn Tiere verbrauchten Sauerstoffs erkannte Lavoisier direkt an der Verminderung der Luftmenge in dem BcrsuchSgefäß. Und Lavoisier kam nach zahlreichen Versuchen zu einem Schluß, der heute noch die Grundlage aller Lehre von der Atmung ist:„Indem wir mit aller möglichen Sorgfalt— sagt Lavoisier im IV. Artikel seiner berühmten„Abhandlung über die Wärme"*)— in einer große» #) In deutscher Sprache erschienen in„OstlvaldS Klassiker der Naturwissenschaften" Ar. 10, Leipzig 1802, Zahl von Versuchen die Wirkung der Atmung von Vögeln und Meer- schweinchen auf reine Lust(— Sauerstoff) geprüft haben, haben wir stets beobachtet, daß die Verwandlung dieses GaseS in fixe Luft Kohlensäure) die hauptsächlichste Veränderung ist, welche sie durch die Atmung der Tiere erfährt." Wenn nun die Atmung darin besteht, daß Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure gebildet wird, so ist die Atmung eine Verbrennung, und man muß dann annehmen, daß bei der Atmung Wärme pro- duzicrt wird.„Die Atmung ist eine Verbrennung, in Wahrheit eine sehr langsame, aber im übrigen durchaus gleich derjenigen der Kohle", sagt Lavoisier. Und hier mußte er sofort auf den Gedanken kommen, daß die tierische Wärme, die Wärme, die die Tiere an ihre Unigebung ausstrahlen, aus der Atmung stammen müsse. Das war nun zu beweisen. Lavoisier hatte für seine Wärmeversuche einen Apparat konstruiert, der es ihm gestattete, die bei einer Verbrennung produzierte Wärme- menge an der Menge des im betreffenden Wärmeversuch gefchmol- zenen EiseS zu messen. Auf diese Weise bestimmte Lavoisier zunächst die Wärmemenge s— Menge des geschmolzenen Eises), die ein Meerschweinchen innerhalb eines bestiminten Zeitraumes produziert. So fand er z. B., daß innerhalb zehn Stunden ein Meerschweinchen eine Wännemenge produziert, die— in seiner primitiven Berechnungsweise— etwa 10 Unzen Eis zu schmelzen vermag. Nun argumentiert Lavoisier in folgender Weise. Wenn das Meerschweinchen dem Eis Wärme abgegeben und das Eis zun. Schmelzen gebracht hat, so mutz ja das Tier abgekühlt werden. Das ist nicht der Fall: die Temperatur des Meerschweinchens bleibt, wie wir wissen, auch nach dem Verweilen in der Kälte unverändert. Folglich mutz im Tier die Wärme stetig erneuert werden. Es muß im Tier eine Verbrennung stattfinden, aus der die tierische Wärme stammt. Diese Verbrennung, daS ist in dieser Argumentation zunächst eine Vermutung von Lavoisier, ist die Atmung, die die tierische Wärme liefert. Und der Beweis bestand in folgendem. Lavoisier bestimmte die Menge der Kohlensäure, die das Meerschweinchen in zehn Stunden ausatmete: sie war gleich 224 Gran. Also entspricht der Produktion einer Wärmemenge, die 10 Unzen Eis schmilzt, im Tier eine Bildung von 224 Gran Kohlen- säure. Nun bestimmte Lavoisier die Kohlensäureinenge, die bei der Produktion der gleichen Wärmemenge durch Verbrennung vonKohle entsteht: eS zeigte sich, daß wenn so viel Kohle verbrannt wird, als nötig ist, nur 10 Unzen Eis zu schmelzen, auch 224 Gran Kohlen- säure gebildet werden: auch bei der Verbrennung von Kohle ent- spricht einer Wärmemenge, die 10 Unzen Eis schmilzt, eine Bildung von 224 Gran Kohlensäure. Also brauchen wir, um die Entstehung der 10 Unzen Eis schmelzenden Wärmemenge, der gesamten in unserer Rechnung stehenden tierischen Wärme, zu erklären, nichts anderes anzunehmen, als die Atmung des Tieres: die durch die Atmung gegebene Verbrennung genügt allein, um die tierische Wärme zu liefern. Die Zahlen, die Lavoisier aus seinen Versuchen direkt gewonnen hatte, stinnntcn nicht so gut überein, wie in der oben durchgeführten Berechnung, die sich ihm in ihrer guten Uebereinstimmung erst ergab, wenn er allerlei Fehlermöglichkeiten, die er zahlenmäßig nicht genau erfassen konnte, mit berücksichtigte. Und so sagt er zunächst nur ganz vorsichtig:„Man kann... die Wärmemenge, welche sich bei der Verwandlung der reinen Luft(—Sauerstoff) in fixe Luft(—Kohlensäure) während der Atmung entlvickelt, als die Hauptursache der Erhaltung der tierischen Wärme betrachten...." Lavoisier hatte bewiesen, daß die Produktion der tierischen Wärme auf der Atmung, auf einer Verbrennung kohlenstoffhaltigen Materials unter Verbrauch von Sauerstoff und Bildung von Kohlensäure beruht. Heute wisse» wir, daß alle Leistungen des lebendigen Organismus, die tierische Wärme und die Muskelarbeit und das Denke», auf der Verbrennung der lebendige» Substanz der Zellen beruhen. Lavoisier hatte den ersten Schritt zu dieser Er- kenntnis getan, die in letzter Linie die Erkenntnis war, daß eS keine besondere„Lebenskraft" gibt, von der man früher annahm, daß sie allen Leistungen des lebendigen Organismus zugrunde liegt. Lavoisier war der erste, der mit Hilfe oeS Experiments gegen die „Lebenskraft" rebellierte... lieber die Art und Weise, wie die Verbrennung sich im Organismus abspielt, hatte Lavoisier sich eine Vorstellung gemacht, die heute von der Wissenschaft ganz verlassen ist. Er hatte sich nämlich gedacht, daß die Verbrennung im Innern der Lunge vor sich geht. ES hat mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis diese Auffassung verlassen wurde. Und zwar verlegte man die Ver- brennung zunächst inS Blut. Man hatte nämlich gefunden, daß der Sauerstoff, der in die Lunge eingeatmet wird, hier durchaus nicht ganz aufgebraucht wird, sondern bis in die feinsten Blutgefäße, die sich in allen Geweben des Körper? ausbreiten, gelangt. Und dann, daß kohlensmirehaltigeS Blut ans den Geweben in die Lunge fließt. eS konnte also in keinem Fall die Verbrennung allein in der Lunge vor sich gehen, sie mußte auch sonst wo im Körper stattfinden. Aber lv o im Körper? In dem Blut? In den Zellen und Geweben dcS Körpers? Diese Frage lvurde erst in den siebziger Jahren deS vorigen Jahrhunderts, ein ganzes Jahrhundert nach Lavoisier, entschieden. Der Physiologe Pflügcr, der rm Alter von 88 Jahren— ein Stück RuhmeSgeschichte der Physiologie— im Jahre 1010 in Bonn verstarb, war es, der hier den endgültigen Beweis erbrachte. Pflüger machte nämlich folgenden Versuch: Er spülte aus einem Frosch alles Blut heraus, indem er durch die Blutgefäße des Frosche« eine Salzlösung pumpte, eine sogenannt« physiologische Kochsalz- lüsung. in der sich die Organe von Tieren gut erhalten. Nachdem das ganze Blut des Frosches durch die Salzlösung ersetzt war, brachte Pfliiger seinen Frosch in ein abgeschlossenes Gefäb, das mit Sauer- stosf gefüllt war. Wenn die Atmung, die Verbrennung im tierischen Organismus, sich im Blute abspielen sollte, so müßte solch ein Frosch nicht atmen können, weil er ja gar kein Blut mehr hat. Aber der blutlose Frosch verbrauchte trotzdem Sauerstoff und atmete Kohlen- säure aus. ES war mit diesem Versuche bewiesen, daß die Atmung des Organismus sich nicht im Blut, sondern in den ZelleU und Geweben des Körpers abspielt. Das Blut ist mit seinen roten Blutkörperchen nur Transportmittel für den Sauerstoff und für die Kohlensäure. Gewiß— eine geringe Menge Sauerstoff wird auch im Blute selber verbraucht, einfach tveil ja die roten und weißen Blntkörperchen auch lebendige Zellen sind und atmen müssen. Heute ist es uns geläufig, daß alle lebendige Substanz atmet, Sauerstoff verbraucht und Kohlensäure ausscheidet. Wir fassen den Stoffwechsel der lebendigen Substanz schlechtweg bis zu einem ge- wissen Grade als eine Verbrennung auf. Das einzellige Jnfusor, die Muskel- und Leberzelle, die Zellen unseres Herzens und die Zellen unseres Gehirns: alle verbrauchen Sauerstoff, jede von ihnen ist ein kleiner Herd, wo dos Feuer des Lebens brennt. Und das gilt auch für die Zellen der Pflanze: auch diese verbrauchen Sauerstoff. Schließen wir der tierischen oder pflanzlichen Zelle die Sauerstoff- zufuhr ab, so erlischt das Leben in ihr: sie erstickt, wie die Flamme der Kerze bald erlischt, wenn wir die brennende Kerze unter ein umgestülptes Glas bringen, wo bald aller verfügbare Sauerstoff . beim Brennen der Kerze verbraucht ist. Namentlich instruktiv läßt sich die Bedeutung des Sauerstoffes an der einzelnen freibeweglichen Zelle, z. B. an einem Wimperinfusor vor Augen führen. Wir sehen das kleine Tierchen pfeilschnell im Wassentropsen unter dein Mikroskop seine Wege tun. Nun lassen wir durch die kleine Glaskammer, in der wir den Wassertropfen mit unserem Wimperinfusor unter dem Mikroskop untergebracht hatten, Stickstoff streichen, der bald allen Sauerstoff aus der Glaskammer und aus dem Wassertropfen ver- drängt hat. Unser Wimperinfusor hat keinen Sauerstoff mehr: eS „erstickt", steht still und liegt tvie tot da. Nun lassen Ivir wieder Sauerstoffgas durch unsere Glaskammer streichen: das Wimper- infusor beginnt wieder lebhaft im Wasser zu schwimmen. Wir können den Versuch an ein und demselben Tier immer wieder versuchen. Nur dürfen Ivir die Zelle nicht allzu lange ohne Sauerstoff lassen: denn sonst stirbt sie ganz ab. Es gibt allerdings eine ganze Reihe von Lebenwese», die keinen Sauerstoff verbrauchen. So kennt man viele Bakterien, die ohne Sauerstoff leben. Für manche von ihnen ist der� Sauerstoff direkt ein tödliches Gift. So z. B. für manche Bakterien, die im Boden leben, von denen nur der allgemein be- kannte Tetanusbazillus, der den Starrkrampf beim Menschen her- vorrust, genannt sei. Auch manche vielzelligen Tiere können in einer fauerstofffteie» Umgebung leben, z. B. Spulwürmer. Aber das find doch relativ wenige Ausnahmen aus der großen Anzahl der Organismen. Die komplizierte Frage über den Stoffwechsel der Lebelvesen, die keinen Sauerstoff verbrauchen, soll hier nicht diskutiert werden... Rur ein Gedenkblatt für Lavoisicr wollten wir zeichnen, der als erster die Bedeutung des Sauerstoffs für die Verbrennung nachwies, die Atmung als eine Verbrennung und diese Verbrennung als die Ouelle der tierischen Wärme erkannte. In einem Hzilifcben Schwcfd- bergn>erk. Von Fr. W. v. O e st e r e n. (Schluß.) Und nun ging eö abwärts ins Dunkel der Erdcnnacht, doch nicht, ehe nicht der Padrone eine Anzahl von besonders Zudring- lichen kurzerhand bei den Armen oder an den Schultern gepackt und ins Dunkel voran gestoßen hatte, um die Schar derer zu lichten, die noch immer uns verfolgten, uns umdrängten. Er führte, gefolgt von meiner Reisegefährtin; dann kam ich, und wie schützend schritt ein Unterauft'eher dicht hinter mir. Uns beide Glückliche, die wir hier nicht heimisch waren, ausgenommen, trug jeder, der in den Schacht hinab-, aus ihm emporstieg, eine kleine Grubenleuchte, ein rostiges Blechding in Form einer kleinen Henkelkanne, aus deren Schnabel die übelriechende Karbidflamme lang und schmal mit hellem Licht brannte. Niedrig und eng ivar der aus dem Gestein ausgehancne Gang. Zwei Treppen führte» in dieser Enge nebeneinander steil hinauf, hinab auf hohen Stufen. Um t>as Aufwärts- und Ablvärtskliinmen zu erleichtern, empfahl uns unser Führer, beide Treppen zu benutzen, für jeden Fuß eine; denn die Stufen der beiden liefen nicht in gleicher Höhe nebeneinander. Doch das tvar nicht der Hauptzweck, dem die Treppen dienten; oft und oft konnten wir im Niedersteigen nur die eine Stiege benutzen, wenn auf der andern von unten her ein Licht sichtbar ward. Da klommen sie auf feuchtglattem, steilem Weg empor zum Tageslicht— die Kinder, Jünglinge und Männer, die zu den Schmelzöfen schleppten, ivaS die Spitzhacke unten aus dem Felsen gebrochen hatte. Ter Lichtschein der Grubenleuchte und ein schweres Keuchen waren die Vorboten ihres KommenS, Zuerst mutzte unser Führer uns einige Male mahnend aufmerk» sam machen; bald aber traten wir von selbst zur Seite, wenn aus dem Dunkel der kleine Schimmer brach. Keuchend und stöhnend zogen sie bald dicht hintereinander, bald einzeln in Abständen an uns vorüber. Tief gebückt, nicht selten auf allen Vieren, klommen die halb» nackten Gestalten empor. Die meisten trugen die Leuchte, die bloß die nächste Stufe des harten Weges erhellte, um das Haupt gebunden, vorn an der Stirn, manche aber auch zwischen den Zähnen; auf dem Rücken schleppten sie in Säcken oder auch nur« durch einen Lappen von der Haut getrennt, große Blöcke schwefel» haltigen Gesteins, in den Säcken oft dazu noch viel kleines Bröckel- -tverk. Keiner von ihnen sprach, aber sie alle bemerkten uns; denn fast keiner keuchte an uns vorbei, ohne die freie Hand, die stiitzend den Füßen im Klimmen hals, auszustrecken und uns mit ihr zu stoßen, um sie dann heischend hinzuhalten. Manchmal ward uns auch ein Stückchen der kristallreichen, glitzernden Beute hin- gehalten. Aber das währte stets nur einen Augenblick; denn ein längeres Rasten mit so schwerer Last wäre verderblich ermüdend gewesen und hätte die Kräfte gelähmt. Das Liäst tauchte auf und schwand, die Schemen zogen vorüber. Waren es Titanen? Waren es Enkel des unglückseligen Sisyphus? Da— da blieb einer stehen— allzu lange für den zweiten, der ihm dicht folgte. Ein Stöhnen, eine Last glitt von einem Rücken und wurde zu Boden geworfen. Was weiter geschah, weiß ich nicht; denn wir stiegen unaufhaltsam abwärts. Achtung! Meine Reisegefährtin drückte sich auf den Rat des Führers völlig an eine Wand des schmalen Ganges.„Hand vors Gesicht," rief ich ihr zu und tat tvie sie. Ter Block, den da wieder einer der Aermsten emporschleppte, war allzu groß, er füllte fast die ganze Breite des Raumes; die Hände, die wir schützend vor unsere Antlitze hielten, trugen die Merkmale des kantigen Gesteins davoit. Und wieder und wieder geschah unS das. Abwärts, abwärts. Neben»nS aufwärts strebend ein Licht uns andere, hinter uns drein noch immer eine kleine Schar bettelnder Jungen, unter denen zumal einer, ein etwa fünfzehn- jähriger Bursche mit hübschen Zügen, doch irrsinnig flackernden Augen, unermüdlich meinen Arm stieß und faßte. Und er und mit ihm andere Burschen, auch Kinder von acht Jahren, rissen dabei ab und zu noch Zoten in ihrer schwer verständlichen Mund- art und lachten. Ein Lachen in dieser Höhle! Das Atmen wurde schwer, auf der Brust lag ein Druck, die Hitze wurde unerträglich. Da waren wir endlich unten angelangt, ga»z unten. Hohe Stollen, die nach allen Seiten führten, nahmen uns auf und gestatteten uns, aus der gebückten Stellung uns wieder gerade aufzurichten. Auf 375 Voll stufen waren wir hinab- gestiegen, lM Meter tief, und befanden uns, senkrecht gemessen, tlv Meter unter der Oberfläckc. Hier ein Pumpwerk, das das jauchige Grundwasser eniporleitete, während andere Röhren auf dem Wege, den wir geschritten waren, frisches Wasser abwärts führten, undichte Röhren, die so manche Stufe, über die wir ge- trete» waren, gleitend feucht gemacht hatten. So tvie oben um» ringtcn nnS hier unten abermals schreiend, bettelnd, stoßend viele jugendliche Verdammte, und der Führer drohte mit Stockschlägcn, um sie abzuivchrcn, und andere Männer, Revieraufscher oder Obersteiger, hielten ihnen die Karbidslammen hin. um sie durch die Drohung einer Brandwunde zu verjagen. Wir schritten durch die Stollen dahin. Da, links ein neuer �tollen, erst grottcugroß. Der Mann, der ihn trieb, stand mit seiner doppelseitigen Spitzbacke da und schlug wuchtig aufs Gestein, Blöcke und Bruchstückchen um sich häufend. Im kargen schein der kleinen Lampe sah er aus wie ein Schemen oder vielleicht wie ein unvorzcitlichcr Riese. Ganz nackt tvar die braune, sehnige Gestalt, die überlebensgroß erschien. Er wandte uns kauni die Augen zu, er hieb und hieb, und der Fels krachte, die Steine stoben und stürzten. Es war entsetzlich heiß und stickig, und unsere Glieder waren schwer. Es drängte»nS empor zum Tageslichte. Und so schlugen ivir denn den Rückweg ei», denselben Weg, auf dein ivir kamen, aufwärts. auftvärtS. Wie schwer und mühsam tvar doch daS AufwärtSkkimincu ganz ohne Last auf dem Rücken! Erst jetzt be» merkten wir, daß nacii ctlva je hundert Stufen kleine Nischen in den engen Gang geschlagen waren, ans daß man rasten könne. Und jedesmal fragte der Führer meine Reisegefährtin:„Will Madama nicht ausruhen?" Aber die Gefragte fürchtete eine Rast mit Recht, und unaufhaltsam ging es auf hohen, feuchten Stufen aufwärts. Wir keuchten schon vor Müdigkeit; aber>veitcr, loeiter empor zum Tageslichte. Wo war dieses denn? Ließ es sich noch immer nick't blicken? War der Weg denn endlos? Weiter, ivcitcr, aufwärts, aufwärts. Da— da endlich ein schwacher Lichtschein, ein fahler Schimmer oben, ganz hoch oben. Aufwärts, aufwärts ihm entgegen. Vor den Augen tanzten Funken, über sie huschten Hitzschleicr dahin. War da? da oben nicht eine blntigrote Sonne im Untergehen? Nein, es war ein fahles Licht, das Licht eines im Dämmer erbleichenden Mondes. Ja, ja, der Weg war entsetzlich weit, ivir mochten einen Tag und eine halbe Nacht lang unter der Erde dnhingeschrittcn sein. Zu Tode erschöpft langten wir oben an. Endlich, endlich. ES tvar neuneinhalb Uhr; nur ctlva eine Stunde lang waren wir der Sonne fern gewesen, die goldig am Himmel stand, unS aber, trotzdem wir unskste Mäntel sogleich wieder angezogen hatten, nicht zu wärmen vermocht«, Der Padrone wollte uns allerlei Technische? und Statistisches erzählen. Wir aber wollten nicht mehr hören; unsere Erschöpfung war zu groß, unsere Erschütterung zu tief. Wieviele Llrbeiter hier tätig seien, war alles, was ich mit schwerer Zunge und trockener Kehle erfragte.„Einhnndertfnnfzig", war die Antwort. Einhundertfündfzig in diesen Höllenlreis verbannte fühlende Leiber, einhundertfünfzig zu dieser Pein verdammte Seelen. „Jedem sechs Saldi, der Rest für Sic," sagte ich laut vor den vielen, die uns abermals umdrängten, und übergab dem Führer eine Banknote, lind nahm den Arm meiner Reisegefährtin und zog sie fort mit mir und empfand brennende Scham, dah ich nur so wenig zu tun vermochte, und daß mir im hellen Sonnenlichte vcr- gönnt war, ein Paradies zu sehen, dieweil so viele andere in Hölle und Erdennacht schmachteten. kleines feuilleton. Sprachknndlichcs. Vom Trinken. In scherzhaften Ausdrücken»nd Rede- Wendungen, die sich auf das Trinken, besonders auf ein llebermah darin beziehen, ist unser von jeher allzu trinkfröhliches Volt un- erschöpflicb. Man nennt diese Seite sprachlichen Humors nach dem Titel eines darauf bezüglichen Werks von Joh. Fischart auch die Trunkenlitanei. Zunächst gibt es sür das Trinken selbst allerlei volkstümliche Ausdrücke. Der eine hebt einen, ein zweiter zz c n e h m i g t ibn, ein dritter g i e s; t ihn hinter die Binde, ein vierter pfeift, tutet oder schmettert ihn gar, und ein fünfter ruft dabei auS:„Nun ducke dich, liebe Seele, es kommt ein Platzregen" oder:„Setz dich auf eine Rippe, Tiebe Seele, es kommt ein Wolkenbruch."?luch die Trinklust findet man- nigfache Bezeichnungen. Einer hat eine trockene Leber, ein anderer ein gutes Gefälle, und wieder ein anderer kann einen gehörigen Hieb oder Stiefel vertragen; er trinkt wie ein B ü r st e n b i n d e r, letzteres eine scherzhafte An- lehnung an mittellatcinisches tmrss, deutsch Bursch{mundartlich Kursch t, so bei I. P. Hebel), was zunächst ein Haus bedeutete, in dem Studenten zusammen wohnten, dann diese selbst{vgl. Frauen- zimmer). Wer einem guten Trunk etwas allzu reichlich zuge- sprachen hat, bekundet das auch in seinem Gange: er kann den S t r i ch n i ch t h a l t c n, er hat schief oder schwer geladen, er gleicht also einem überladenen Erntewagen, u. dgl. in. lieber- 'Haupt beziehen sich auf die nicht immer angenehmen Folgen des Trinkens, abgesehen von den dafür üblichen Ticrbezeichnungcn, wie Spitz, Bock, Affe, Kater eine Unmenge von Rede- Wendungen, wie: Er hat sich die Nase begossen, zu st a r k eingeheizt, hat einen Hieb weg, ficht den Himmel f ü r e i n e Baßgeige an, ist blau, hat ein O e l i ö p f ch e n oder O e I am Hut, ist knüll, k a n o n e n vo l l oder gar ste r n h a g c l v o l l. Bon anderen Ausdrücken, die uns noch eine Stufe tiefer führen{gerben, Ulrich rufen u. dgl.) reden wir hier lieber nicht. Ein bißche n. Es gibt gewisse Kleinigkeiten in unserer amtlichen Rechtschreibung, die sich durchaus nicht einbürgern wollen. Dazu gehört ein bißche n. Immer wieder sieht man die Schrei- billig„ein bischen". Da es aber von dem Hauptwort„Bissen" iommt, so hat man eben die Schreibung mit ß festgelegt, und mm der Einheitlichkeit willen sollte sich jedermann dem fügen. Daß es mit k l c i n c m b geschrieben wird beruht auf der Regel, daß alle umstandswörtlichen Wendungen so geschrieben werden sollen. Stätten der Arbeit. Heiße Tage in der Erde. Wenn im Frühjahr rmd Sommer außergewöhnlich heiße Tage kommen, find die Bergleute auf wenig tiefen Gruben froh, Ivenn sie in die Erde fahren können. Denn angenehme Kühle umfängt sie da unten. Dagegen sind auf den tiefen, heißen Schlagwetterzechen die heißen Tage ganz be- sonders gefürchtet. Die auf solchen Gruben in die Erde kommende Tagcsluft dient dazu, die Temperatur im Erdmnern abzukühlen; gibt es doch Zechen, bei denen das Gestein öl) und mehr Grad warm ist. Strömt nun die Tagesluft selbst sehr heiß in die Erde, so ist sie nicht imstande, für genügende Kühlung zu sorgen. Deshalb sind an solchen Tagen manche Betriebspunkte reine Bratöfen. Hinzu kommt, daß bei großer Hitze viel weniger Luft als sonst in die Erde gelangt. Dies beruht auf folgendem: Die Luftmcnge, die durch das Bergtoerk strömt, setzt sich aus zwei Posten zusammen, einmal aus der Menge, die durch den Ventilator bewegt wird und zweitens aus dem sogenannten Selbstzug. Der Selbftzug entsteht auf folgende Weise: In gewöhnlichen Zeiten ist die Luft in der Erde viel tvärmer als in der sreien Atmosphäre. Da heiße Luft viel leichter als kalte ist, steigt sie in die Höhe. Steigt nun aus 'einer Anlage mit mehreren Schächten die warme Luft in einem Schacht etwas mehr wie in einem anderen, so entsteht eine Vcr- schiebung des Glcichgcloichtcs der Luftsäulen. In dem einen Schacht steigt die leichte Grubenluft in die Höhe und auf dem an- deren fällt die kalte Tagesluft in die Erde. Dieser Selbstzug ist auf tiefen Anlagen so groß, um pro Minute mehrere tausend Kubikmeter den Grubenbauen zuzuführen.» Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: An heißen Tagen hört nun der Selbstzug auf oder wird viel geringer. Bei gleicher Arbeit des Ventilators treten also einige tausend Kubikmeter Luft pro Minute weniger in die Erde ein. Diese verminderte Luftzufuhr sowie die bereits erwähnte vermin- derte Abkühlung der Grubentemperatur sind es, die den Betrieb ganz erheblich erschweren. Bei den Arbeitern sinkt die LeistungS- fähigkeit; die große Hitze vermindert die Wachsamkeit gegenüber Gefahren und gibt Veranlassung zu Erkrankungen. Infolge der geringeren Luftzufuhr machen sich auch die Schlagwetter viel stärker bemerkbar und erhöhen die Gefahren des Betriebes.'So manche Arbeit mutz stillgelegt werden.- Ein besonderes Kapitel ist die Einwirkung der Hitze auf die Grubenpferoe. Die Gäule leiden darunter viel mehr als die Menschen. Schon nach wenigen Stunden werden die Tiere schlapp und lassen die Züge mit den vollen Wagen stehen. Jeder stehen» bleibende Kohleuzug hält aber die ganze Förderung auf, denn in der Erde. Ivo alle Strecken eng sind und die Wagen auf Schienen laufen, kann nicht vorbeigefahren tverden. Ein in der Haupt- förderstrccke stehenbleibender Gaul bringt den ganzen Betrieb zum Ruhen. Dann geht es aber allen schlecht, denn die Kohlen sollen und müssen kommen. Die Grubcnpferde haben ohnehin kein be- neidcnSwcrtes Los, aber an solchen Tagen werden sie mißhandelt, uüe man es sich roher und scheußlicher kaum denken kann. Mit Drahtpcitschen, mit dicken Knüppeln werden die Tiere geschlagen, Draht wird ihnen um die Zunge gebunden und gezogen und tvas der Quälereien noch mehr sind. Niemand wehrt aber diesem Treiben. Was sollen die Beamten tun? Die Kohlen müssen weg und Ersatzpferde sind nur selten vorhanden. Enttveder geht der Beamte weg oder aber er schlägt mit drauf. Weiter bleibt ihm' nichts übrig. Mit Freuden ist es deshalb zu begrüßen, daß die Förderung der Kohlen zum Schacht mehr und mehr durch Maschinen erfolgt, die die Pferde aus der Erde verdrängen. Länderkunde. Chpern. Die große, prächtige Insel des östlichen Mittel- mecres, Chpern, leidet noch heute unter den Folgen einer viel- hundertjährigen Fremdherrschaft, und zwar einer Herrschaft von Völkern, die für die wahren Bedürfnisse des Landes nicht die mindeste Einsicht hatten. Was die Venctianer übrig ließen, haben die Türken ruiniert. Die stolzen Wälder der Zupressen, die von der Insel ihren Namen erhalten haben, sind in rücksichtsloser Weise vernichtet worden, und das Nadelholz hatte das gleiche 'Schicksal. Das Land ist heute, durch die Schuld der Menschen, kahl und dürr. Im Sommer fällt kein Regen und der ausgetrocknete Boden muß künstlich bewässert werden, wenn er Frucht tragen soll. Der Druck, der so lange auf der von der Natur so fleißigen griechisckien Bevölkerung der Insel lasttete, hatte das WirtschaftS- leben Eyperns zu einem kläglichen Verfall gebracht. ChpernS Natur wirkt, trotz der fehlenden Wälder, überaus romantisch. Zwei mächtige Gebirgsketten durchziehen die Insel von Osten nach Westen. Die südliche erhebt sich im Troodo bis zu 1900 Metern. Zwischen den beiden GebirgSreichen breitet sich eine steppenartige Ebene aus, die im Frühjahr ein bunter Blumenteppich bedeckt. Die Insel ijt infolge der langen Vernachlässigung, unter der sie gelitten hat, recht dünn bevölkert. Auf etwa 10 000 Quadratkilometer zählt sie nur eine Vicrtclmillion Einwohner. Zu vier Fünfteln sind es Griechen, der Resi besteht aus eingewanderten Mohammedanern. Die Zahl der Städte ist klein, und sie selbst machen den dürftigen Eindruck. Das gilt von Nikosia sö gut, dem Sitze der Regierung und des Erzbischofs, wie von Laruaka mit seinem vorzüglichen Hafen. Chpern war das erste Kolonial- land, das die Griechen im Altertum— vor BOOO Jahren— besetzt haben. Gelockt durch die reichen Kupferminen der Insel, siedelten sie sich dort schon zu einer Zeit an, in der die Buch- stabenschrift nocb nicht'erfunden war. So haben sich die Leute von Chpern— allein unter allen Griechen— einer hochaltertümlichen Silbenschrift bedient, von der einige interessante Proben auf uns gekommen sind. Als die östlichsten der Hellenen waren die Bewohner von Chpern den Angriffen der orientalischen Groß- mächte am stärksten ausgesetzt. So mußten sie zunächst den Assh- rern gehorchen, und später eroberten die Perser die Insel und suchten die Griechen zu knebeln; aber in siegreicher Erhebung ver- jagten sie die Fremden wieder. Im weiteren Verlauf der Ent- Wickelung kam Chpern unter römische und byzantinische Ober- Hoheit, und unter dem Schutze beider Reiche bewahrte es seine alte Blüte. Im Zeitalter der Krcuzzüge setzten sich französische Witter auf der Insel fest, und einer von ihnen. Guido von Lu- jignan, begründete die Reihe der selbständigen Könige von Chpern. Der letzte von ihnen war Jakob II., der die Herrschaft seiner Gattin, der berühmten Catarina Cornaro hinterließ. Diese stolze Tochter Venedigs schenkte ihr Rgich ihrer Paterstadt. Es war im Jahre 1489, als die seemächtige Republik auch Chpern ihrem Untertancngcbiet einfügte. Mit der Venetianischen Periode be» ginnt der Verfall des Landes, der sich dann mit großen Schritten beschleunigte, als die Türken im Jahre 1ö7v Chpern eroberten. Drei Jahrhunderte stand die Insel nun unter osmanischer Ver- waltung und halte alle Leiden zu ertragen, die den unterworfenen Ländern des Sultans beschieden waren. Erst 1878 besetzten di« Engländer Chpern, während c» formell türkisches Gebiet blieb; ein Zwittcrzustand, der jetzt eine defintive Aendcrung er- fahren solb______ Vorwärts Buchdruckerei u. Verlagsanstatt Paul Singer LcCo., Berlin S W.