Mnterhaltlmgsblatt des Vorwärt s Nr. 103. Freitag, den 30. Mai 1913 8] Das entfeffelte Scbichfal Roman von Edouard Rod. Während dieser Frist, in der Lerniantes in schwebender Ungewißheit harrte, zog das Panorama seines Lebens an ihm vorüber, wie eS soeben vor seinen Augen entrollt worden war, wie seine Kinder es gesehen hatten, seine Rictster, seine ehemaligen Freunde. Unbekannte und Neugierige. Sicher- lich hatten ihm in seinem wirklichen Leben diese dunklen Schatten, diese heftigen Töne gefehlt. Zu schnell, zu flüchtig war es dahingeschwunden, um Augenblicke abwägen zu lassen. Aber schneller noch hatte sich diese unvollständige Skizze ent- wickelt, große Teile fehlten ganz darin, und zwar die besten. Die Stunden, in denen er sich loyal, gütig, aufopfernd, selbstlos und großmütig gezeigt hatte, tvaren unerwähnt geblieben. Stunden, die dahingehen, ohne wie klares, vorbeifließendes Wasser eine Spur zu hinterlassen, während von den anderen, den schlechten, Schlamin zuriickbleibt, wenn sie vorbeigezogen sind. Aber gerade diese, in denen er so wenig er selbst ge- Wesen war, zeugten nun gegen ihn. Die anderen waren ver- schwunden. Niemand rief sie an: sie existierten selbst in seiner Erinnerung kaum noch. Hatten sie jemals existiert? Da unten jedoch in dem Saal, dessen Lärm bis zu dem engen Raum hindrang, wo er nun mit seinen Gendarmen wartete, wurde er von der Menge beurteilt. Morgen von anderen Leuten, den Lesern aller Zeitungen, tausend Unbekannten, deren Auf- merksamkeit sich einen Äugenblick auf die Gerichtsnachrichten lenkte, von seinen Arbeitern, Jngenieirren. Seeleuten, Buchhaltern, Werkmeistern, dem ganzen Personal seiner zahl- reichen Unternehmungen, der arbeitenden Menge, die er von fern, ohne sich zu zeigen, wie ein Gott regiert hatte, und da, gairz nahe, von seinen heißgeliebten Kindern, die bis jetzt niemals an ihm gezweifelt hatten, und schließlich von seinem Sdfovager. der ihn verachtete, nachdem er ihn vorher beneidet und gehaßt hatte: seiner Schwägerin und Nichte, die an Aenßerlichkeiten hingen und für die die Forin alles war. Er wußte daS und richtete sich selbst und versuchte sich nicht mehr zu verteidigen, weder gegen andere noch gegen sich. Nach dem eben Gehörte» schien ihm seine.Katastrophe eine Art Gerechtigkeit. Nie in seinem Leben hatte er an einen Mord gedacht, nnd doch traf die entfesselte Nemesis in ihm keinen Unschuldigen. Er sühnte nicht das unfreiwillig begangene Verbrechen, sondern die Schwächen, die Schande. den-Schmutz seines Lebens nnd bezahlte einen gewaltigen Preis für da?. was andere so wenig kostete. Als ein von der Schicksalsgöttiir crtvähltes Opfer neigte er in resignierter Verzweiflung sein Haupt. Unwiderruflich hatte ihr Finger auf ihn gewiesen in der unübersehbaren Ällenge derer, die ihre Nachsicht nn- bestrast ließ. 7. Kapitel. Als die Sitzung wieder eröffnet wurde, setzte Herr Mo- tiers de Fraisse das Verhör fort. „Im letzten Sommer verbrachten Sie drei Tage in Savoyen beim General. Wann war eS?" „Vom fünften bis achten Inli." „Sie besuchten ihn unter dein Vorwand, nachher zum Kurgebrauch nach Aix zu geben. Sie unternahmen diese Kur dann uichr. Können Sie uns eine Erklärung dafür geben?" „Ich hatte keinen Vorwand nötig, um den General zu besuchen. Jedes Jahr war ich einige Tage bei ihm in La Combette. Im letzten Sommer litt ich an Rheumaiismiis und wollte deshalb nach Air gehen. Ich lmste dort sogar schon eine Wohnung gemietet. Aber meine Arbeit zwang mich, diese Absicht aufzugeben, und ich bin direkt nach Paris zurück- gefahren." „Was hat sich zwischen Ihnen und den? General während der drei Tage ereignet?" „Nichts Besonderes." „Hatten Sie mit Ihrem Gastgeber irgendwelche ernstere Unterhaltung?" „Nein, Herr Präsident." „Das Testament des Generals ist jedoch von? achtzehnten Juli datiert. Es ist demnach zehn Tage nach Ihrem Besuch niedergeschrieben worden. Hat der General Ihnen nichts über seine Absichten mitgeteilt, als Sie bei ihm waren?" „Kein Wort!" „Die Testamentsfrage ist zwischen Ihnen nickt erörtert worden?" „Es tvar nie die Rede davon." „Hatte der General zu jener Zeit«och andere Gäste?" „Am ersten Abend waren einige Personen ans Aix zniiti Diner geladen." „Sie sind vom Untersuchungsrichter verhört worden, konnten aber nichts sagen, was zur Aufklärung des Tatbe- standes hätte dienen können...— was taten Sie in der übrige» Zeit?" „Wir planderten, wir sind geritten und haben Billard gespielt nnd wir sind im Park spazieren gegangen." „Wovon spräche,? Sie?" „Von allem Möglichen, von Politik, von geschäftlichen Angelegenheiten, gemeiusameu Freunden, wie Leute iniN einander plaudern, die froh sind, sich wiederzusehen,??>????? sie sich auch nichts Besonderes zu sagen haben." „Sprachen Sie mit den? General von Ihren peknniäreit Schwierigkeiten?" „Ganz bestinnnt?iicht. Ich war davon überzeugt, mich durch eigene Kraft in allen Ehren wieder flott z»?»ack>en. Der Gedanke, seine Hilfe nötig zu haben, ist mir nickt in den Kops gekominen." „Wie können Sie also erklären, daß zehn Tage nach Ihre», Besuch der General die Idee hatte, Ihnen sein ganzes Bermogei? zu vermachen? Sie standen doch in keiirerle? Br- zrehung zu ihm?i»d ohne jeden Grund hat er seine Neffen z» Ihren Gunsten enterbt." „DaS kann ich nicht erklären. Wie sollte ich e? können. da der General mir irie von seinen Absichten gesprochen hat. Selbst beute verstehe ick, die Gründe noch nicht, die iln? dazu bestimiiit bähen. Ich sehe keinen anderen als die der Zu- neigung. die er mir immer bezeugte." „Schien Ihnen der General in La Combette sch??'ach oder leidend?" „Es ging ihm vorzüglich." „Jedoch hat Doktor Finge, den wir gleich verhören wer- den, erklärt, daß der General ilm an? Morgen seiner Ankunft in La Con?bette, am 1t>. Jnui, rufen ließ. Er klagte über Schwindel." „Davon bat er nur?iichts gesagt. Er war auch ivährend meines Besuches??icl,t leidend." „Dachte er an Krankheit oder Tod?" „Ich weiß nicht ob er daran dachte. Gesprächen hat er nicht davon. In? Gegenteil, er machte auf längere Zeit hinaus Pläne, er wollte einen Flügel seines Hanfes reno- vieren lassei?. Er erzählte mir. er beabsichtige, an? 1. Sep- ten?ber nach Paris zn reisen, drei oder vier Tage dort zu bleiben nnd bis znin Emde des Monats nach Vichy zu gehen. Er hat mich nach den, Bahnhof in Chambäry begleitet, mir bis an den Zug das Geleit gegeben und nnch beim Abschied noch einmal erinnert, daß er mich wie immer zur Eröffnung der Jagd erwarte." „Hat er Ihnen in der Zwischenzeit geschrieben?" „Einen kurzen Briet,»in mir mitzuteilen, daß er anr LI. August morgens ankäme und den Nachmittag bei mir bleiben wolle. Der General schrieb tvenig." „Sie sahen iln? also am 31. August wieder?" „Er kam nn? 5 Uhr zn mir. Er hatte mit seinen Freiin- den im Klub Mittag gegessen. Ich wollte ihn zum Abendbrot bei mir behalten, aber er zog es vor. nach Saint Gerinain zu fahren, um sich zeitig schlafen zn legen. Die Reise hatte ihn angestrengt." „Ist er an jenen? Tage lange bei Ihnen geblieben?" „Kau»? einige Minuten." „Sic haben nichts Wichtiges geschrieben?... Wie in Lä Cambette?" „Nichts, Herr Präsident." „Und am Morgen darauf?" „Am Morgen daran? bin ich zn gleicher Zeit mit den anderen Jägern angekommen. Ick traf niemand bei der?lb» reise und fuhr allein in meinem Abteil. Der General er« Wartete uns sehr vergmmt»„d»,»»ter. Er erzählte, da� er zeitig fulsgestmidm sei lind diese Gewohnheit, bei der er sich stets wohlbefundeii. schon sei« g�iizes Leben habe. Dann fuhren wir mit dein Wagen in den Wald" .FtllN erMlen Zie Ulis, was sich dort ereignet hat." Der Gericht nber die Vorbereitungen zur Jagd stimmte, abgesehen deriemgen Punkte, in denen Herr d'Entragne Ler- mailtes widersprach, mit der Anklageschrift übereil,. »Der General wollte durchaus im Riickwcchscl jagen?" fragte der Präsident.„Nicht wahr, er bestand darauf?" "Das tat er. Er setzte eine gewisse Koketterie darein, seine Widerstalidskraft und Frische zu zeigen. Er erzählte mit Vorliebe, daß er senie Muskeln noch init denen junger Leute meslen könne. „Da«sie doch so gut mit ihn, staudei,. Hütten Sie ihm vorstellen könne», daß diese Rolle gewöhnlich von jüngeren Jägern ausgeübt wird. Weshalb taten Sie es nicht?" „Ach. Herr Präsident, ich hätte nicht gewagt, den General aii sein Alter zu erinnern. Nichts war ihm unangenehmer, als sich als Greis behandelt zu sehe». ItebrigenS war er sehr autoritativ und erlaubte keineil Widerspruch" Die Antworten wurden schnell und flott, ohne Zögern gegeben. Lerinautrs drückte sich„iit vollkommener Nngc- zwungenheit aus. Ganz seiner Unschuld sicher, verblüffte ihn kein noch so eigciitümlichcs Zusammentresfen. Aus seiner istimme klang vollkommene Aufrichtigkeit. Er sprach wie jemand, der auf die Wahrheit baute und entglitt ohne An- strengung dem Netz des Verhörs. Eine zieinlich lebhafte Dis» kussto» erhob sich über die Verteilung der Plätze. Hatte sich Lermailtes selbst dei, Platz am äußersten Ende der Schützen- ltiiie gewählt, um die Allee zu überwgchen. durch welche der General kam oder hatte dieser, wie der Angeklagte versicherte. ihm seinen Stand angewiesen? Der Puiikt blieb Zweifel- hast. „Wir wollen die Zeugen darüber hören." beschloß der Präsidnt.„in eine», Punkt sind sie jedenfalls nicht mit Ihnen eniig. Herr d Entraguc behauptet, daß er Sie die Ladung Ihres linken Laufes nach der Verteilung der Plätze Wechsel» sah; ijic dagegen sagen aus. daß Sic es erst taten, nachdem Sie„Hallo" schreien hörten." „Ich behaupte es, weil es wahr ist. NebrigenS. wenn ich es selbst vorher getan hätte, was würde das beweisen? Mein zweiter Schuß ist oft scharf geladen. Manchmal hat es iinr Spaß gemacht, auf einfache Kaninchen scharf zu schießen. Das ist Jägerliebhaberei." Der Präsident ließ die Hand durch den Bart gleiten, schüttelte den Kops und bemerkte ironisch: „Auf dieser Jagd sind viele Liebhabereien ausgeübt lvorden. Trotz seiner 75 Jahre muß der General im Rück- Wechsel jagen: Greisenliebhaberei I Sie nehmen Kugeln anstatt Schrot: Jägerliebhaberei!" lLortsehung folgt.f �US ciem Grabe eines 48 er Revolutionärs. Unter dem vorstehenden Titel ist bei Gustav Gohlkc in Leipzig ein Buch neu herausgegeben worden, das Richard Wagner„furcht- bar und inordbrenncrisch aufregend" nannte und da? er nach feinem cigciicn Geständnis„gradcsivegs gefressen" hatte. Wenn eininal die Deutschen so weit kommen sollte», daß sie wirklich in ihrer eigenen Kultur leben, wird dieses Buch als ein erschütterndes Do- kiuiicnt jedem Gebildeten bekannt sein. Es stammt aus der Feder August Rockels, der einst königlicher Musikdirektor am Hof- thcntcr in Dresden war und wegen seiner Beteiligung an den Mal- Ereignissen 184g zum Tode verurteilt wurde, u»i dann zu lcbcns- längliche in Zuchthaus„begnadigt" zu werden.. Lebenslänglich währte die Gefangenschaft' nun freilich nicht, aber 13 Jahre hat August Rockel hinter Kcrtermaucrn schmachten ninsscn und davon 11 in einem Zuchthaus, das die Hölle bereits auf diese Erde brachte. Es liegt in der Natur der Sache, daß dieses mit dem Blut des Herzens geschriebene Buch seine Bedeutung auf zwei verschiedenen Gebieten suchen mutz. Es ist wuchtig, bedcutungs- schwer, grotz als historisches Dokument; es ist wuchtig, bedeutuugs- schwer, grotz als ein grausiger Anklagcruf aus der Nacht des Zucht- Hauses. Datz der Verlag dieses bedeutende Buch neu herausgegeben hat, ist autzcrordcntlich dankenswert. Noch dankenswerter aber wäre es gewesen, wenn er es mit einer historischen Einleitung in die po- litischen Zustände jener Tage versehen hätte. Der moderne Leser hätte dann den Hintergrund der Zeit greifbar vor Augen gehabt und sein Verständnis wäre vertieft worden. Hier liegt ein« Unter- lassungssündc vor, die vielleicht in späteren Auflagen gut gemacht werden kann. August Röckcl war bereits als Schüler in Aachen in die wider- liche» Zänkereien zwischen Katholiken und Protestanten«ingelveiht worden und hatte dadurch eine gründliche� Verachtung aller Formel- und Scheinreligion eingesogen. Anfang 1830 kam er nach Paris, wo er die Julirevolution an sich vorüberbrausen sah und die Führer der Bewegung kennen lernte. 1833 führte ihn sein Weg nach Eng- land, wo er an der grotzartigen Reformbewegung kennen lernte. wie die tiefgreifendsten staatliche» Umwandlunge» sich leulst und friedlich vollziehen können, sobald die Regierung nur ihre Stellung als Dienerin des Staates begreift und die hieraus erwachsenden Aufgaben ehrlich vollzieht. Obwohl er nun unter de» freien In- stitutionen dieses Landes heranreifte und obwohl die Nachrichten, die aus Deutschland herüberdrangen, jammervoll waren, vermochte doch nichts das Heimweh seiner Brust zu vermindern, und 1838 kehrte er sehnsuchtsvollen Herzens in das langvermihte Vaterland zurück. Wie ein Mensch, der nie aus seinem engen Kreis heraus- gekommen ist, seine Träume in die Ferne zu verlegen pflegt, so verlegte Röckel, der von der Ferne umspült wurde, seine Träume in das Vaterland. Man wird gewöhnlich enttäuscht, wenn man den Ort aufsucht, wo man seine Träume angesiedelt hat. Aber so furchtbar wie Röckcl konnte doch nur ein Deutscher enttäuscht werden. Die Schilderung, die er von dem vormärzlichen Deutschland bietet, das er bei seiner Rückkehr antraf, ist von geradezu klassischem Wert. Dieses herrliche gesegnete Land jnmitten Europas zerrissen und zerfetzt in einige hundert Stücke, die oft�in weiter Entfernung von einander zu zehn und zwanzig einen Staat bildeten. Diese grosse, mit den höchsten Gaben des Geistes und des Herzens reich beschenkte Nation von 4S Millionen, zerfiel in nicht weniger als 30 verschiedene..Völker", denen der deutsche Nachbar jenseits der bunten Grenzpfähle bereits ein„Ausländer" war. An ihrer Spitze dieser maskeradenhaftc Flittertand, dieser kindlich-feicrlichc Pomp, dieses ganze ebenso nichtige wie wichtigtuende Treiben der Höfe; diese hohle Aufgeblasenheit eines Adels, der statt dem Volk ein Führer und Vertreter zu sein, bei vollständigem Mangel alles ernsten höheren Strebcns fein«spiel nur mit Bäudchen und Kreuz- che» und Sternchen, mit Frivolitäten der läppischsten, wenn nicht der verwerflichsten Art hatte; diese brutale Willkür der Regierungen nach innen, ihre Ohnmacht nach aussen und ihr berächtliches Kriechen vor dem nordischen Schirmherrn, wie dereinst vor dem korfischen Eroberer; dieser protzige Uebcrmut des Militärs und Beamtentums: und all dem gegenüber dieser Mangel allen Selbstgefühls, diese «chnfsgeduld und knechtische Ergebenheit des Volkes. Schon dieser ganz allgemeine Charakter der deutschen Zustände mit seinem vollständigen Mangel an Scham und Würde, Pflicht- gefühl und Rcchtsachtung mutzte den aus England heimkehrenden Röckcl mit Ekel und Abscheu erfüllen. Es begreift sich darum leicht, datz seine Seele der gewaltigen erlösenden Bewegung der Märztagc wonnetrunken eutgegcnschlug und jubelnd den finsteren Alp ab- zuschütteln suchte, der sie fo schwer bedrückt hatte. Er beteiligte sich an oer revolutionären Bewegung durch die Herausgabe von Flugblättern, von denen eins lein„offner Brief an die Soldaten") ihm eine Anklage und Untersuchungshaft zuzog. Als die Wahlen heranrückten, hatte die demokratische Partei ihn auf die Liste ihrer Kandidaten gesetzt, und der Wahlkreis Linibach bei Chemnitz sandte ihn als Abgeordneten in die Zweite Kammer. Aus der Untersuchungshaft wegen des„offnen Briefes an die Sol- baten" war er aus Grund einer Kaution entlassen worden, die ein unbekannter Bürge für ihn gestellt hatte. In seiner Eigenschaft als Abgeordneter war er nun zunächst vor einer Wiedcrvcrhaftung sicher, aber diese Sicherheit schwand, als eine Auslösung des Land- tngcs drohte. Seine Freunde, insbesondere Bakuni», bewogen ihn, nach Prag zu gehen und sich dort mit den revolutionären Kräften in Verbindung zu setzen. Wie bitter die revolutionäre Stimmung ihn in Prag enttäuschte, soll hier nicht näher ausgeführt werden, genug, datz Bakunin sich von der vorhandenen rcvo- lutionärcn Energie völlig falsche Anschauungen gemacht hatte. In Prag erreichte ihn dann ein Brief Richard WagncrS, der ihm meldete, datz in Dresden die Revolution wieder loszubrechen scheine, und sofort eilte Nückel zurück. Wie er mit der Post durch Sachsen fuhr, fand er die Wege stark belebt. In allen Ortschaften war die Bevölkerung versammelt, um über ihre Haltung zu beraten und allenthalben hatte man sich bc- reits für die kräftige Unterstützung der Volkssache entschieden oder war im Begriff, eS zu tun. Schon in weiter Entfernung von Drcö- den vernahm man das Dröhnen der Geschütze, näherhin das Stür- mcn der Glocken und Knattern des Gewehrfcuers, bis endlich von den letzten Anhöhen aus die Stadt selbst sichtbar wurde, aus der zwei Rauchsäulen in den hellen Maihimmel emporstiegen: das alte Opernhaus, von einem Unbekannten angezündet, und ein von den Preutzen in Brand gestecktes Privathaus standen in Flammen. ES war am Sonntag, den 6. Mai nachmittags, als Röckcl in Dresden eintraf, wo er sich sofort auf das Rathaus begab, um sich der provisorischen revolutionären Regierung zur Verfügung zu stellen. In der Schilderung jener Tage der Verwirrung und des Kampfes findet er in feinem Buch beredte Worte für den ivahrhaft erhabenen Charakter dieser grossen Volksbewegung. Nicht nur, datz das Eigentum in keiner Weise bedroht wurde, selbst die Pro» frssionSdiebe idic es gerade in dieser Zeit so leicht gehabt hättet schienen«»s TreSden Vcvsckwunden zu sein.?cr Qkfuuteujtc fühlte, duh es hier einer«robe» heiligen Sache gelte, die nicht ent- Iveiht lverden dürfte; lvas ihm längst entschivuiiden lvar: der Ehr- geiz, die Selbstachtung ertvachte wieder in seiner Brust, u»d er huldigte der Freiheit durch die Neberwindung seiner selbstischen Gesühlc,-- Dieser veredelnde Einfluß einer allgciucinen, Geist und Herz nuts tiefste ergreifenden Vollsbewcgung bekundete sich nicht etwa erst im Slugenblick des entscheidenden Kampfes, sondern hatte seine wunderbare Macht gleich von Anfang an bekundet. Die nicht zu bestechende Kriminalstatistik liefert in dieser Beziehung die treff- lick/ste Erläuterung zu den lügnerischen Klagen der Reaktion, nach denen ein steigender Verfall von Tugend und Recht, eine allgemeine Demoralisation die nächste Folge derartiger revolutionärer Be- wegungcn sein sollte. In Sachsen war von den Märztage» 1848 bis zur Mitte 184g nicht ein Mord vorgekommen, während vor lvie nach dieser Periode kein Jahr verging, das nicht 8 bis lg und mehr solcher Bluttaten zu verzeichnen hatte. Auch die Zahl der Eigen- tums- und sonstiger Verbrechen war auf weniger als zivci Drittel herabgesunken, und das gleiche wurde durch ganz Deutschland be- obachtet. In keinem von den Voltsstreitern besetzten Hause wurde das geringste entwendet oder mutwillig beschädigt, während die Soldaten der Reaktion sich Mord und Plünderungen zuschulde» kommen ließen. Inmitten dieses ganzen Kampfes ereilte Rockel nun das Schicksal, das ihn auf 13 Jahre in die Gefangenschaft und auf 11 Jahre in die Stacht des Zuchthauses bringen sollte. Er war auf den Einfall geraten, die Barrikaden mit Pcchkrärizen zu bc- stecken, die im Falle der Not angezündet lverden sollte», um die Soldaten am Vordringen zu hindern, und die provisorische Rc- gierung beauftragte ihn, diese Pechkränzc herzustellen. Noch bevor aber die Herstellung begonnen hatte,.wurde der Befehl widerrufen; einige biedere Dresdener Bürger sahen bereits die ganze Stadt von den Pechkränzen angesteckt, und so unterblieb die c--act>e. Nichts- destoweniger aber waren es diese im Keim erstickten Pechkränzc, die nicht nur den Hauptgrund für die spätere Todesstrafe lieferten, sondern auch die Unterlage für reaktionäre Verleumdungen bilden mußten. Aber wie haltlos auch die Anklage der Reaktion Uxu" es änderte nichts daran, daß Rockel, der von Soldaten anfgegrifscn wurde, als er einen Zug revolutionärer Kämpfer aus der Um- aegend in die Stadt führen wollte, in aller Form des Rechts zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Zuchthaus„bc- gnadigt" wurde. Von jenem erschütternden Anklageruf, den er aus der Nacht des Zuchthauses ertönen ließ, ein anderes Mal. Erich S ch l a i k j c r. Vie des(Untergangs. Aus dem Chinesischen. Von T so» P i n g S h o u und Leo Grein er. Zur Zeit, als der König von We, Ling Rung, eben neu gekrönt worden lvar, begab er sich persönlich zn dem Nachvartöiüge Ping Rung von Tsin, um ihm seinen Besuch abzustatten. Denn d>cfcr hatte einen Palast von solcher Prack» aufführen lassen, daß die Fürsten aller Länder zu ihm kamen, ihm Glück zu wünschen. Der Palast aber bicß Seti. Als nun Ltng Rung auf seiner Fahrt an den Pufluß kam, nahm er in einem Gasthof Nachtquartier. Doch vermochte er nicht einzuschlafen, obivohl es schon mitten in der Nacht War. Es klang ihm m den Ohren, als höre er die Töne einer Zither. Er warf einen Mantel um, saß im Bette auf, begrub sich in die Kissen und horchte hinaus. Die Klänge waren sebr leise, aber wohl zu unterscheiden. Nie hatte er dergleichen gehört; es lvar eine Tönart, wie es sie»och nicht gegeben hatte. Er fragte das Gefolge, aber alle sagten aus, sie hörten nichts. Liiig Rung war der Musik gclvohnt und liebte sie. Nun besaß er einen Hofmusikus, Rüan mit Namen, begabt, neu« Tonarten zu erfinden und die Melodie der vier Jahreszeiten so zu setzen, daß es Frühling, Sommer, Herbst und Winter schien, wenn er spielte. Desljalb liebte ihn Liug Rung sehr und nahm ihn un- bedingt mit, wo immer er sich aufhielt. So schickte er denn jetzt dnS Gefolge, Rüan zu rufen. Rüan kam. Das Lied draußen war noch nicht zu Ende.„Hörst Du es?", fragte Ling Rung,„es klingt wie die Musik der bösen Geister." Rüan lauschte gespaimt, nach einer Weile wurde es still.„ Ich kenne die Melodie schon im all- gemeinen", sagte Rüan.„Noch eine Nack» brauche ich, so kann ich sie aufschreiben." So blieb denn Ling Rung noch eine Nacht am Orte. Um Mitternacht begann das Lied der Zither wieder zu tönen. Der Hofmusikus nahm seine Zither und übte, bis er zuletzt des Liedes Schönheiten vollkommen in sich ausgenommen hatte. Als sie«Tin in Tsin ankamen, huldigten und glückwünschtcn und die Zeremonien beendet waren, ließ Ping Rung auf der Seki- terrasse ei» Festmahl rüsten. Man hatte schon reichlich vom Weine genossen, da sagte Ping Rung:„Längst hörte ich, daß Ihr in We einen Musikus namens Rüan habt, der begabt sein soll, neue Ton- arten zu erfinde». Ist er jetzt nicht hier?"„Er ist im Erdgeschoß unter der Terrasse", erwiderte Ling Rung.„So bitte ich Euch, ihn um meinetwillen herzurufen", entgegnete Ping Rung. Ling Rung rief, da kam Rüan auf die Terassc hinauf. Gleichzeitig ließ Ping Rung auch seinen eigenen Hofmusikus Ruang kommen: dieser war blind, ein Führer geleitete ib» hinauf. Die beiden warfen sich an der Treppenschwelle nieder und begrüßten die Fürsten. Da fragte Ping Rung:„Sagt an, Rüan. welcherlei neue Tonarten gibt es in letzter Zeit?" Rüan berichtete:„Uuterwegs", sagte er,„vernahm ich gelegentlich etwas Neues. Ich hätte gern eine Zither, um es Euch vorzuspielen." Sogleich befahl Ping Rung dem Gefolge, einen Tisch bcrcitzu« ftcelln, die alte Zither herbeizubringcn und vor Rüan hinzulegen. Rüan stimmte zuerst dw sieben Saiten, dann begann er die Finger zu regen und spielte. Schon nach wenigen Tönen lobte Ping Rung die Melodie. Diese aber war noch nicht zur Hälfte gediehen, da legte der blinde Musikus Ruang die Hand auf die Zither und spracb: „Diese Melodie des Reichs Unterganges sollt Ihr nicht spielen. Laßt ap dabo»!"„Was meint Jbr damit?" fragte Ping Rung. Da ant- wortcte Ruang:„Als die Zeit der vergangene» Tvuastic zu Ende ging, erfand ein Musiker namens Jiang eine Tonart, die den Name» Meine trägt. Es ist diese. Ter Kaiser Tschu hörte sie und vergaß darüber seine Müdigkeit. Aber bald darauf wurde er von dem Fürsten Wriwang gestürzt, da floh der Musiker Jiang mit seiner Zither ge» Osten und sprang i» den Pufluß. Wenn nun einer, der die Musik liebt, dort vorüberkommt, so tönt diese Melodie aus dem Wasser herauf. Rüan hat sie unterwegs gehörtes kann nur am Puflusse getvese» sein." Ling Rung wunderte iich heimlich über die Wahrheit dieser Rede, Ping Rung aber fragte:„Was kann cS schaden, dieses Lied einer gestürzten Dynastie zn spielen?"„Tschu verlor das Reich durch sinnliche Musik", erwiderte Ruang,„dies ist eine Melodie dcS Unheiles, man soll sie nicht spielen."„Ich aber liebe die neue Musik", rief Ping Rung,„Rüan soll mich das Lied zu Ende hören lassen." Da stimmte Rüan abermals die Saiten und beschrieb in seinem Spiel alle Zustände der Seele von Ruhe und Bclveguug. EL war wie Reden und Weinen. Ping Rung, freudig erregt, fragte Ruang:„Wie nennt sich diese Tonart?"„Sie nennt sich Tfitlg Schang", erwiderte Ruang.„Tsiug Schang ist wohl die traurigste von allen", sagte Ping Rung.„Tsiug Schang ist tvobl traurig". ciitgcguctc Ruang,„aber noch trauriger ist die Tonart Tsiug Tse." Da fragte Ping Rung:„Kann ich Tsing Tse zu hören bekommen?� „Unmöglich", fiel ihm Ruang ins Wort.„Wenn frühere Herrscher Tsing Tse zu hören hckamcu, so waren c» tugendhafte und aufrechte Männer. Heute ist der Herrscher Tugend gering, sie dürfen diese Tonart nicht vcrnebmcn."„Ich aber breiinc in Leidenschaft für neue Musik", rief Ping Rung,„Du darfst es mir nicht verweigern.", Da konnte Ruang nicht anders, nahm die Zither und spielte. Kaum war der erste Satz zu Ende, so kam eine Schar schwarzer Störche von Duden herangeflogen uiid sammelte sich auf den Toren üud dem Gebälk des Palastes. Man konnte sie zählen, es waren acht Paare. Ruang spielte weiter. Da schlugen all die Störche die Flügel und sangen. Dann ließen sie sich in Reihen auf der Treppe zur Terrasse nieder und standen acht und acht auf jeder Seite. Ruang spielte den dritten Satz. Die Störche reckten die Hälse, sangen, schlugen die Flügel»ud tanzten. Hochauf schallte die Melodie bis zum Himmel und der Milchstraße. Ping Rung klatschte i» die Hände in großartigem Ergötzen, all die menschenvollc» Tische schlvollcn vor Freude, oberhalb und unterhalb der Terrasse tanzten: »ud sprangen qllc Zuschauer, das Schauspiel zu bewundern. Ping Rung ergriff einen Pokal von weißem Edelstein, angefüllt mit dein köstkichstcn Weine, und rcichlc ihn eigenhändig dem Ruang, der ihn leerte. Tann seufzte Piug Rung und sprach: ,Bis zum Tsing Tse geht es, Höheres aber gibt es nicht."„Noch Höheres gibt es", er- widerte Ruang,„es ist dies die Tonart Tsing Riau." Ein tiefer Schrecken durchfuhr Piug Rung:„Gibt es noch Höheres als Tsing Tse, warum läßt Du michs nicht hören?"„Tfing Riau", sagte Ruang,„kann wieder nicht mit Tsing Tse verglichen lverden. Ich lvage nicht, cS zu spielen. In grauer Vorzeit sammelte der Kaiser Hung Ti Dämonen und Geister aus dem Berge Taischau. Er fuhr auf sciucm Elefantenwagcn und hatte Krokodile und Drachen! davor gespannt. Der Paladin Bi Hang war sein Begleiter, der Paladin Tse In saß vor». Der Windfurst fegte den Staub vor ihm, der Regeiimaim begoß ihm die Straßen, Tiger und Wölfe schritten voran, Dämonen und Geister folgten hinterdrein. Riesige Schlangen lagen auf dem Weg, Phönixe bedeckten de» Himmel. Da ersann eine große Versammlung der Dämonen und Geister die Tonart Tsing Ria». Seither hat sich die Tugend der Fürsten vermindert, sie vermögen nicht mehr, die Dämonen und Geister zu ketten, und das Menschenreich ist vom Geifterreich gänzlich ab- getrennt. Wenn man diese Tonart spielt, so sammeln sich wieder die Dämonen, und es gibt Unheil und kein Glück mehr." Ping Rung aber rief:„Bin ich nun schon so alt. so will ich lvahrlich einmal die Tonart Tsing Riau liören. Ist es mein Tod, so ivcrd icki es nicht bereuen." Ruang weigerte sich hartnäckig, Ping Rung jedoch sprang auf und zwang ihn zwei- und dreimal. Da vermochte Ruang nicht länger zu widerstehen, nahm wieder die Zither und spielte. Beim ersten Satze kamen schwarze Wolken aus der westlichen Himmelsrichtung heran, beim zweiten erhob sich ein jäher Sturm, zerriß die Vorhänge und Decken und warf die Pokale und Teller vom T:sch. Dachziegel flogc» durcheinander, die Säule» der Terrasse zerbarsten. Dann erscholl ein schneller Donner und ein Schlag. Ein gewaltiger Regen ergoß sich und setzte die Terrasse einige Tschi tief unter Wasser. Im Innern der Terrasse verbreitete sich die Flut und das Gesolge floh vor Schrecken. Ping Rung«ich Ling Rung herbargen sich ängstlich hinter der Tür eine? Nebenzimmers. Endlich hörte der Sturm und Regen auf. Da? Gefolge sannnelte sich allmählich Mieder und stützte die beiden Kürste». al» sie die Terrasse bestiegen. In der gleichen Nacht aber befiel Ping Nung ei» tiefer Schrecken, sein Herz begann zu pochen, er verfiel in Krankheit, seine Gedanken Verlvirrten sich, sein Wille wurde gelähmt, vis ihn bald darauf der Tod überfiel und tötete. FvUuies f cuületon» Dichtung und Wahrheit. Das Dienstmädchen der Madame B o v a r h. In St. Germain-deS-EsfourS, nicht allzufern von Nauen, starb in diesen Tagen eine kleine verwitwete alte Krau, Augustine Müuage, die der Literaturgeschichte angehört. Denn einst, vor mehr als 00 Jahren, war sie da? treue Dienstmädchen der Mme. Delphine Delaware in Rouen, des Urbildes der armen Emma Bovarh, die Flauberts berühmter Roman unsterblich gemacht hat. Und die alte Augustine, die jetzt als Neunzigerin zur Ruhe ging, war d ie Fölicitü des Ro- mans. Ihr Tod ist gewist kein europäische» Ereignis-, aber wenige Monate vor ihrem Ableben erzählte sie Georgelte Leblanc-Macter- linck noch einige Erinnerungen an? jener Zeit, die für die Literatur- geschichte nicht ohne Jnteresie sind. Georgette Leblanc hat in »hrem erst vor kurzem erschienenen kleinen Buche.Eine Pilgerfahrt im Lande der Mine. Bovarh' eine Reihe von Beobachtungen, Nach- sorschungen und Gesprächen gegeben, die vor allem interessieren, weil sie einen Einblick in daS Schaffen Flauberts geben. Denn es zeigt sich dabei, dast nicht nur daS Urbild der Emma Bovarh wirk« lich gelebt hat, sondern das; ausnahmslos alle Gestalten des be- rühmten Werkes wirklich existierten und dafc die Schilderung Flauberts in allen wesentlichen Zügen mit der Wirklichkeit übereinstimmt DaS Dorf Rh gleicht einer Uonville-l'Abbahe, daS Gasthaus zum„Goldenen Löwen" existiert als Hotel de Rouen, noch heute kann man die Apotheke des Herrn HomaiS besuchen und auch das Haus der BovarhS steht noch und wird heute von einem Tierarzt bewohnt. Noch merk- würdiger aber ist der Umstand, datz alle Dorfbewohner da-Z berühmte Werk FlaubertS kennen, wirklich kennen und darauf sehr stolz sind. Der Schullehrer hat Borträge über daS Buch gehalten, in einem Laden findet man Ansichtspostkarten der Stätten, in denen Emma Bovarh lebte und litt. Die Zeit ist vorüber, da die Familie infolge de» Skandals die Inschrift vom Grabe der Heldin Flauberts ent- fernte, jene Inschrift, die da lautete:„Hier ruht Mine. Delaware, geborene Delphine Couturier, sie war eine gute Gattin und eine gute Mutter". Und verwunderlich ist nur, daß die Gemeindeverwaltung diese entfernte Grabschrift nicht wiederherstellen liest. Das Urbild der armen Emma Bovarh ist heute in ihrem Heimat- lande eure lokale Berühmtheit. Ein GmS erinnert sich noch, dah er bei ihrem Begräbnis im Jahre tS4g als Chorknabe die Glocke läutete. Und>nit Bedauern erzählt ein anderer, dast sie seiner Familie einst ein HalStuch schenkte.„Leider nahmen wir es in Ge- brauch; ach, wenn wir gewustt hätten, wie wertvoll eS später werden könnte!" Georgette Leblanc hat eine Anzahl alter Frauen des Dorfes nach ihren Erinnerungen befragt.„Rodolphe?' erzählte eine,„gewist, er wohnte in Huchelte: aber er war nicht der erste, nach ihm kam Löon und auch ein Bruder von Löon."„Und der Onkel meines ManneS", berichtete eine andere,„er war ein großer schöner Junge und sie wollte ihn von seinen Pflichten ablenken." Und eine dritte weist noch zu berichten„Sie wissen gewist nichts davon, dast sie vor ihrem Selbstmord auch ihren armen Mann zu vergiften suchte." Alle Modelle hat Flanbert genau der Wirklichkeit ent« nommen und der Wirklichkeit gehorsam gestaltet: nur das Zuviel der Wirklichkeit schied sein künstlerischer Sinn aus. Der Rodolphe de» Romans beging später in Pari» auf offenem Boulevard Selbst« mord infolge von Verlusten, mit denen Emma Bovarh nichts zu tun hatte und Löon starb vor zwei Jahren in Beauvais als würdiger Notar. Die FülicUü deS Werkes, die nun gestorbene Augustine Mönage. erinnerte sich noch genau ihrer einstigen Herrin. „Ach. sie war so schön und so gut", erzählte sie Georgette Leblanc.„lind der Doktor war nicht schlimm, aber er war nichts für sie, für so ein schönes Fräulein. So zart war sie, und so viel wie sie wustte! Sie war die schönste Frau des Departements. Und eine Stimme hatte sie, so sanft, daß»ran keines ihrer Worte vcr- geffcn konnte. Und sie langweilte sich so, die arme Kleine. Sic Ivar doch so jung. Man mußte sie nur sehen, wenn ihr Verehrer morgens kam.„Entführe mich" sagte sie ihm,„bringe mich fort, wenn Du nicht toillst, daß ich umkomme." Und er antwortete immer: morgen I" Die alte Augustine hatte auch FlaubertS Buch gelesen.„Ich kann Ihnen»ichtö sagen, weil Sie auch da» Buch kennen", meinte die Alte,„alle? was darin steht, ist wahr". Und nur Emmas Tod. so erklärte Augustine,„der war viel trauriger als in der Geschichte." Geschichtliches. Deutsches G c s ch ä f ts l e v? n vor t Jahren, lieber dieses Thema machte dieser Tage Dr. Max OSborn in einem Vor- trag, den er in der Berliner Hanoelskammer hielt, inlereffante Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck». Verlag Mitteilungen. Handel und Wandel verliefen vor 100 Jahren frr recht ruhigen Bahnen, und das moderne Hasten und Treiben war noch unbekannt. Sehr charakteristisch ist es. dast es vor Ivv Jahren in Berlin z. B. noch keine Schauscnster gab. Die Häuser, in denen Geschäfte Unterkunft gefunden hatten, unterschieden sich äußerlich von den gewöhnlichen Wohnhäusern so gut wie gar nicht. Höchsten» war die Tür etwa» gefälliger ausgestattet und über ihr stand der Name des Geschäftsinhabers. In den meisten Fällen war nicht einmal hinzugefügt, was e» zu kaufen gab. Man setzte voraus, dast dies der Kunoschaft schon selbst bekannt sein würde. Nur wer eine besondere Reklame machen wollte, hing etwa ein Schild heran», auf dem irgendein symbolisches Bild sein Gewerbe andeutete. So befand sich an dem Hause einer Alt-Berliner Kolonialwarenhand« lung ein Schild mit einem Segelschiff, zur Erinnerung an die überseeischen Länder, ans dencn die Produkte kamen. Auch die Geschäftspropaganda vollzog sich damals in den bescheidensten For- mcn. Ank ihre Reklamekarten pflegten manch? Firmen weiter nicht? als das Bild ihres Haufe» zu fetze». Freilich ivar die künst« lerifche Ausstattung dieser Drucksachen überaus geschmackvoll und gefällig, was auch für die�alten Kurszettel gilt, die den Stand der Wertpapiere an der Berliner Börse anzeigten. Obwohl die Schau- fensler, die heute das Stadtbild in erster Linie charakierisicren, noch fehlten, trat da? Geschäftsleben dennoch in der Oeffentlichkeit vielfach hervor. Die öffentlichen Verkaufsstände gaben dein Treiben auf den Straßen einen südländischen Anstrich, und dasselbe gilt von den vielen Strastenhändlern, die, laut ihre Waren anpreisend um- Herzogen. Von großer Bedeutung waren die Märkte, auf denen ein bedeutender Teil de» Warenumsatzes konzentriert war. In Berlin wurde z. B. auf dem Alexandcrplatz ein reich besuchter Woll- markt abgehalten, und auf einer Karikatur jener Zeit sehen wir die behäbigen Wollhändler, wie sie auf ihren vollen Säcken sitzen. Für den geringen Unternehmungsgeist, der damals im deutschen Handclsstand vorhanden war, ist das Schicksal der ersten Berliner GewerbeauSstellung bezeichnend, die einige Jahre nach den Be- freniilgSkriegen eröffnet wurde. Ans ganz Preußen waren nur — 1000 Objekte auf die Ausstellung geschickt worden: denn die meisten Fabrikanten scheuten sich noch, ihre„Geheimnisse" der Oeffentlichkeit preiszugeben, und so zogen sie es vor, in Berlin gar nicht vertreten zu sein. Die Absatzmöglichkeiten waren ja auch überaus beschränkt. So wurde z. B. die Leibwäsche noch durchweg im Hause selbst genäht, und wenn sich tatsächlich ein Geschäft fand, das fertige Oberhemden feilbot, so verlangte es ungeheuerliche Preise. Erst ganz allncählich hat sich daS deutsche Geschäftsleben aus diesen bescheidenen Anfängen entwickelt, bis dann die letzte Generation den gewaltigen Aufschwung de» deutschen Handel» brachte. Technisches. Die Ent Wickelung» stufen des Streichholzes. Nachdem da? Streichholz im vorigen Jahre die Hundertjahrfeier seiner Erfindung hat begehen können, sieht e» sich jetzt durch die Ein- führung des elektrischen Lichtes und der schier unzähligen Muster von Selbstzündern in seiner bisherigen Weltherrschaft bedroht. Wenir auch noch geraume Zeit vergehen dürfte, ehe daS Streichholz ganz verdrängt sein wird, so muß Ivenigsten» nnt einer Möglichkeit dieser Entwickelung gerechnet werden. Haben doch unsere Vorfahren sicher ebensowenig eine Vorstellung davon gehabt, dast ihre alten Arten von Feuerzeug einmal völlig überwunden werden würden, wie wir es auch heute sür da» Streichholz immer noch als unwahrscheinlich annehmen möchten. DaS Jubiläum deS Streichholzes ist übrigens vielleicht nicht ganz zur rechten Zeit begangen worden. Fischer hat im Journal sür Gasbeleuchtung nachgewiesen, dast in Paris schon im Jahr 1803 Versuche mit der Herstellung von Streichhölzern au» weistem Phosphor gemacht worden sind, lleberhaupt sprang daS Streichholz nicht so vollendet hervor wie Athene an» dem Haupte des Zeuö. Die älteste Vorrichtung war höchst umständlich. Sie wurde von dem Franzosen Chancel erdacht. Die Hölzchen, die am Ende einen Ilebcrzug von chlorlaurem Kali und Schwefel oder Zucker besaßen, mnstlen dabei in ein Glas gehalten werden, das mit einer Masse von Asbest, in Schwefelsäure getränkt, angefüllt ivar. Dabei erfolgte die Entzündung infolge der Reaktion zwischen Salz- säure und Schwefel. Man nannte diese Erfindung Immer- sionshölzer, im Gegensatz zu den fast gleichzeitig auf« kommenden Reibehölzern. Sie gewann aber nur eine ge- ringe Verbreitung, da eS weder angenehm noch unbedenklich Ivar, ein Fläschchen mit Schwefelsäure bei sich zu tragen. Jnr Jahre t3S2, noch vor den Phosphorzündhölzern, wurde von Jones eine Art von SicherheitSzündhölzern erfunden, deren Zündmaffe an» drei Teileil chlorsanrem Kali und einem Teil Schwefelantimon bestand und durch Reibung zivischen zwei Streifen raichen Papiers entzündet wurde. Die PhoSphorzündhölzer kamen dann 133-2 auf eine sichere Grundlage. Ihre allzu leichte Entzündlichkeit wurde durch einen Firniöüberzng gedämpft. Ihre Herstellung war jedoch so gefährlich, dast sie in manchen Städten ganz verboren wurde. Nachdem Schrötter 1843 den roten Phosphor entdeckt hatte, fand drei Jahre später der Demsche Böttcher die Formel, die bis ans den heutigen Tag für die Sicherheitszündhölzer mastgebend geblieben ist. : BorwärtSBuchdruckerei u.VerlagScmftaltPanl Scngec LcCo.,BerluiSW,