Anterhaltungsblatt dcs Horwärls Nr. 107. Donnerstag� den 5. Suni. 1913 12] Oas entfesselte Schicklal Roman von Edouard Rod. „Also." begann er.„Frau de Pellice ging niemals zu Lermantes: in ein Haus, in dem ihr Mann so freundschaft- lich verkehrte!.,- Das ist doch sonderbar: fanden Sie das natürlich?" Sie glaubte sich aus der Affäre zu ziehen, wenn sie diese Meinung bestätigte, „War sonst außer Ihnen noch jemand darüber erstaunt?" Sie legte die Hand auf den Mund wie ein erschrecktes Kind, das nicht antworten will. „Fand niemand diese Sache eigentümlich?" fragte noch einmal Herr Motiers de Fraisse. „O ja... man fand es merkwürdig... aber wer... die Portierfrau».. die Waschfrau... das waren Klat- schereienl" „Hier haben Sie auch Klatschereien zu wiederholen, Frau Donnaz!... Hier ist nichts gleichgültig. Wir wollen wissen, im Interesse der Wahrheit, im Interesse aller, weshalb der General dem Angeklagten so viel Zuneigung bezeugte. Also was wissen Sie?" „Ich war doch nur ein armes Dienstmädchen... ich wußte so wenig!" Herr Motiers de Fraisse machte eine befehlende, unge- dilldige Bewegung. „Sagen Sie alles, was Sie wissen!... Sie haben ge- schworen, die volle Wahrheit zu sagen, und Sie haben Ihren Schwur zu halten! An dem Punkte, an dem wir angelangt sind, können Sie nicht mehr schweigen. Warum hatte der General so viel Zuneigung für Lernmntes? Ich verlange, daß Sie es sagen!" Die alte Frau zog die Schultern ein und mackste sich so klein wie inöglich. „Aber er war doch sein Pate, Herr Präsident... sein Pate!... Er hat ihn doch zur Welt kommen sehen... Herr Lionel war doch der Sohn von... von seinem Freund!" Das alte Geheimnis, das so viele Jahre erstickt gewesen war, stieg aus dem Abgrund einpor, es war da und zitterte auf diesen Lippen, die es gleich preisgeben würden. Alles wartete mit angehaltenem Atem. Lermantes war aufgestan- den und blickte über den Kopf von Br6vine hinweg, der seinen schwarzen Aermel der Zeugin abwehrend entgegen- streckte. Chaussy hatte sich aufgerichtet, ihm traten die Augen aus dem Kopf heraus. Rutor hatte sich über sein Pult vor- geneigt, um das entscheidende Wort aufzufangen. „Sie sagen nicht alles!" rief der Präsident. Um Luise Donnaz herum begannen sich die Köpfe der Richter, der Gerichtsdiener, der Gendarmen, der Soldaten, alle diese Baretts, Helme, kahle Sckiädel in wildem Tanze zu drehen. Die Kehle war ihr wie ausgetrocknet, ihre Stirn war mit Schweiß bedeckt, dicke Tränen rollten ihr die Wange herab, ihre alten Glieder begannen zu zittern. „Ach," sagte sie.„ich... sagte alles.— alles was ich sagen konnte." Eine Menge unklarer Erinnerungen zogen jeht an Ler- mantes' Geist vorüber. Diese Szene erklärte ilnn plötzlich unbestinimte Eindrücke, die ihn bisher kaum beschäftigt hat- ten. Er war wie von Phantomen umgeben, er sah Herrn de Pellice in den Salon treten— an ihrem Tisch sitzen— plaudern, rauchen, lachen: dann sah er ihn während der Agonie seiner Mutter jeden Augenblick kommen— sich auf den Stuhl setzen, den man ihm wies— warten— und beiin Weggehen sah er einen solchen Schmerzenszug aus dem harten Gesicht, daß dieser Ausdruck sich dein Kinde eingeprägt hotte, und ihm heute vor Augen stand und ihm die Wahrheit zu- schrie... „Warum können Sie nicht sagen, was Sie wissen?" fuhr Herr Motiers de Fraisse fort.„Was hindert Sie." Die alt» Frau rang stöhnend die Hände. „Ich Habe-geschworen... ich habe geschworen ,...!" „Sie haben geschworen, nichts zu sagen? Wein haben Sie das geschworen?" „Ihm!.. „Solche Schwüre haben hier keinen Wert. Hier gilt nur ein Schwur, und zwar der, den Sie soeben geleistet haben. Sie schworen, die volle Wahrheit zu sagen." Ein wahnsinniger Schrecken erschütterte Lermantes. Ein verzweifelter Schrei„Schweigen Sie!" erssickte in seiner Kehle, gleichzeitig ein übermäßiges Bedürfnis, bis in die Tiefen seines Schicksals zu tauchen, zog ihn zu dieser Frau, deren Aussehen, deren Stimme, deren Existenz er fast vergessen hatte. Sie wandte sich ihm flehend mit gefalteten Händen zu, als ob er allein sie aus dieser Falle befreien könnte, in die man sie gelockt lwt. So starrten sie sich einige Sekunden an lind mit gebrochener Stimme rief der Unglückliche gegeir seinen Willen: „Sprechen Sie...! Sprechen Sie doch!" Luise Donnaz zögerte wieder. Schließlich ganz leise, als ob sie sich nur allein an ihn wandte, flüsterte sie wie in der Beichte: „Er war Ihr Vater, Herr Lionel!..." Niemand hörte die Worte. Alle errieten sie. Dumpfes Gemurmel entstand, es sckcholl nach und nach an und erfüllte das Prätorium. Den Kopf in den Händen, sank Lermantes auf die Bank zurück. In der allgemeinen Verwirrung beriet sich der Präsident mit seinen beiden Beisitzern. Rutor tvar erregt aufgesprungen. Br6vine erhob sich, nm.den Antrag zu stellen, daß die Untersuchung weiter ergänzt werden sollte. Der Gerichtshof zog sich zurück, um darüber zu beratschlagen, der Saal wogte lvie ein bclvegtes Meer: nicht mehr wie im Anfang wisperte man, man bebte, atmete laut, man schrie. Die Blasierten, die nach ganz besonderen Erregungen jagten, waren hier auf ihre Kosten gekomnien: Crävola. der überall einschlief, weil keine Erregung für seinen trägen Geist ge- pfeffert genug lvar: Valens, den sein Beruf zwang, großeil Dramen, die sich auf der weiten Weltbühne abspielten, zu lauschen: Proz, Lavancher, die sich von jedem Pariser Fa- miliengeheimnis unterrichtet glaubten, Montjorrat, dessen Kunst so gut die wahren Leidenschaften nachahmte: die vielen niedlichen Frauchen, diese geschwätzigen Papageien, fühlten einen geheimnisvollen, schaurigen Atem über sich hingleiten. Onkel Marncx starrte vor Schande fassungslos ans den Erdboden. als ob er eNvartcte, daß er sich jeden Augenblick öffnen sollte. Die.Kinder wagten nicht, sich anzusehen. Frau d'Entraque heftete ihre vor Erregung weit geöffneten Augen ans sie. Chaussy zwirbelte an seinem Schnurrbart. Das Unglück des Feindes, gegen den sein früherer Groll sich in polemischen Artikeln Luft gemacht hatte, nx>r vielleicht noch größer als Haß. Der Gerichtshof kehrte zurück: die Einwände der Verteidigung waren durch sehr gute Beweggriiilde abgelenkt worden: zwischen dem Opfer und dem Angeklagten bestand kein gesetzliches Band. Das Zeugnis von Luise Donnaz lieferte keinen juridischen Beweis für die Vaterschaft des Generals. Bestand diese Vaterschaft, so war Lermantes ein im Ehebruch erzeugtes Kind, für das gesetzlich weder Rechte noch Pflichten bestanden. In keinem Falle konnte er des Vatcrmordes bezichtigt iverden. Wieder einmal triumphierte eine dieser Lügen, welche soziale Kunstgriffe geschaffen und die der Natur Gewalt antun. Ein solcher Firnis soll die schärfsten Unebenheiten des Lebens glätten, und unter dem Gewebe des Scheins werden die Schrecken der düsteren Wirk- lichkeit versteckt. Die Verhandlung wurde auf den nächsten Tag vertagt. Wenn auch die Pläne des Präsidenten zusammengestürzt waren, die Anklage wurde dadurch nicht berührt: aber die Verteidigung war in tiefer Verwirrung. 9. Kapitel. Als das Publikum den Saal verließ, stand es unter dem Eindruck der Enthüllungen: Arbeiter, Handwerker. Herren der Gesellschaft, Militärs, hübsche Frauen, alle, die Blasierten oder die Naiven, waren von demselben Schauder gepackt. Langsam verließen sie das Gericht und standen erst in Gruppen auf dem Platz vor dem Gebäude, ehe sie sich trenir- ten. Nicht wie sie gekommen waren, gingen sie von daniien: ein wenig mokant, ein wenig grausam waren sie, wie zu einem Schauspiel, hierher geeilt. Ohne daß sie sich über die Gründe klar werden konnten, hatte sich Lcrmantes ihre Sympathie erworben. War es, weil aus seinen Worten Ehrlichkeit ge- klungen hatte, tvar es seine gute Haltung oder erweckte sein Schicksal in ihnen eine Ahnung, daß sie dasselbe Unglück, an jeder Straßenecke drohend, treffen konnte? Ihr Neid fand keine Nahrung mehr und verschwand nun von selbst, spähen- den Blickes, mit der Zigarre im Munde, kam Chaussy allein heraus. Voller Feindseligkeit sah man ihm nach: flüsternd wurde er abgeurteilt. Ta er gewöhnt tvar. die Menge zu son- dieren, fühlte er ihren dumpfen Tadel, und der genügte, den Schimmer von Mitleid, der in seinem Gerzen aufgeflackert war, zu erlöschen. Verächtlich und hochmütig ging er an den Gruppen vorbei, die sein niedriges Vorgehen verurteilten. Seine Geschicklichkeit, Zwietracht zu sähen, seine Kunst, den Groll der Klassen, den Haß der Parteien auszunützen, wurde erörtert. Alles stand noch unter dem Eindruck der schrecklichen Szene. Ter Straßenlärm, die gute Luft, die nian in vollen Zügen atmete, die freien, vielleicht glücklichen Menschen, die vorbeigingen, begannen wohltuend auf die noch wie gelähmten Zuhörer zu wirken. Tie nichtssagenden Worte, mit denen sie ihrer Erregung Ausdruck gaben, kontrastierten mit ihrem Empfinden. Lola Mammette stand auf dem Trottoir der Präfektur gegenüber und tippte fortwährend mit ihrem Sonnenschirm auf den Asphalt. Tabei sagte sie zu ihrer Freundin Aline: „Na so etwas! Na so etwas! Wirklich großartig!" Sie fand keine anderen Worte, um ihren Eindruck wieder- zugeben. Aber ihre zarte Gestalt zitterte, und etwas Un- desinierbares lag in ihren schwarzen, großen, leeren Augen. Aline schüttelte nur den Kopf und biß die Lippen zusammen. Sie war klüger, und zwar klug genug, um zu schweigen. Während des Verhörs mit Luise Tonnaz hatte sie ihr Taschen- tuch zerrissen— ein entzückendes, mit Brüsseler Spitzen be- setztes Tuch— und jetzt biß sie die Fetzen entzwei. Sie standen eine Zeitlang unbeweglich, und dann eilten sie wie Stare vor dem Gewitter hastig von bannen. Lavenne und Proz näherten sich Frau de Luseney, einer sehr bekannten Tame der Pariser Gesellschaft, die sich ver- pflichtet glaubte, schriftstellerisch tätig sein zu müssen. Ihr Wagen harrte am Ausgang: sie hatte ein Emphysem und konnte keine vier Schritte machen, ohne den Atem zu ver- lieren. Sie führte alle Tinge auf die Literatur zurück und sah das Leben vom Standpunkt der Bücher aus an, wie sie die Natur von Bildern aus beurteilte. Fiir sie war eine Landschaft nie etwas anderes als ein Corot, ein Taubigny, ein Cabat. Eine„Geschichte" war der reine Zola. Taudet, Dumas kilk! und Maupassant. Sehr rot, atemlos klopfte sie mit dem Fächer auf Lavennes Arm und rief: „Ist das nicht Sedipus, König Oedipus? Tiefe alten Mythen kehren immer zurück." Sie hielt Frau Aurora Winckclmatten fest, die ihre Amtsrobc abgelegt hatte und eine sehr elegante Straßen- toilettc trug. Tas graue Kleid aus Seidcnleinen hatte eine bauschige Taille mit Kimonoärmeln. Ter Halsausschnitt war tief genug, um den hübschen Nacken zu zeigen. Der weiße. aufgeklappte Strohhut war mit Flügeln garniert. lLortsetzung folgt.) „Senofle, ick kann cien Brief nicht nehmen.. Von Eugen Goldberg. Ter Wind heult/ In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme, züngelt Jjin und her, biegt sich und beugt sich. Phan- tastisch tanzt der schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzellc. Auf der harten Pritsche liege ich sestgchüllt in meinen Pelz und lausche dem Lied des Windes. In den ver- rosteten Angeln knarrt das Fenster und ächzt. Tie kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös über den Tisch läuft, hin und her huscht, wagt sich heute aus dem Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute, starre zur Decke. Lasse müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Tic Namen an den Wänden. Kommentare der Nachfolger:„Ab nach dem Zuchthaus zu Smolcnsk",„Hingerichtet in Wilna"... Und daneben immer und immer wieder:„Es lebe der Kampf",„Es lebe die Revo- lution". Der Wind heult, und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen phantastische«chatten. Immer fester hülle ich mich jiz den Pelz, den sie mir gelassen haben: Es ist kalt in der Turm» zelle. Schon ermüden die Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der eisernen Treppe hör« ich Schritte und Kettengeklirr� Stimmen und Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die eisen- beschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende Schritte. Dann wieder Stille. Nur der Wind heult, der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten. Ich lausche angestrengt. In der Zelle unter mir haben sie einen„Neuen" gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund?, Ein Genosse oder ein Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. Wird er nicht klopfen?! Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still. Nur der Wind singt sein Lied. Fch lege das Ohr an die Wand— alles still. Kein Laut. Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den Metallbechcr und klopfe leise an die Wand: ta ta— tatatatata — tatatata— tatata— leise rhythmisch.„Kto wy?"—„Wer seid Ihr?" Aber ich komme nicht zu Ende. An der Türe ein leises schleichendes Geräusch. Schnell ist der Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit künstlich gleich- gültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der Tür. Ein entzündetes trübes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich er» widere den Blick und fühle wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus meinem Äuge spricht. Ta wird das Guckloch wieder geschlossen und anstelle des Auges grinst hinter der kleinen Ocff» »uug die dunkle Mctallplatte. Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende. Sonst werde ich angezeigt. Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß ich versuchen, ihm das Klopsalphabet zuzustellen. Durch wen? Fch überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben Befehl zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und versuche zu schlafen. Lange börc ich noch das Knarren des Fensters, lange höre ich nod�das Heulen des Windes... Tann aber allmählich legt sich bleimie Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein..... Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal. Zweimal. Knarrend geht die Türe auf. Penetranter Geruch von Dutzenden von Paraschas schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert kaum. Gähnend steht der Wärter in der Türe, nestelt am Gurt, steckt den Revolver zurecht. „Guten Morgen",„Guten Morgen". Klappernd mit den Holz- Pantoffeln aus dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzcr, hin und her.„Guten Morgen",—„Guten Morgen". Er läuft ans Fenster, reißt eS aus, und kühlend netzt die frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kops zum Fenster, atme in vollen Zügen die Luft ein. Ta gewahre ich im fahlen Morgenlicht aus dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu schassen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pan- tofscl. Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick des Einverständnisses. Dann nimmt er die leer« gebrannte Lampe vom Tisch, und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal dreht sich der Schlüssel. Ich bin wieder allein. Einen Blick aufs Guckloch in der Tür. Nein, niemand. Ich nehme den Zettel vom Fenster. Ick kenne die Handschrift: ein Genosse vom Unteren Korridor schreibt mir.„Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird er zur Hinrichtung tranS- porticrt. In unserer Zell» sitzen seine Freunde. Sie wolle» ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche de» beiliegenden Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrütze. Dank im voraus...." Den ganzen Bormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege. Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen.... Als ich um 12 Uhr das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch zu:„Tas Telephon!" Er nickt! Eine halbe Stunde später bringt er mir heißes Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Türe stehen. Butkewitsch macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich.„Na, wirds bald?" Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich, um den Wärter abzulenken. Laut hallen die Schimpfworte. Der Wärter geht hinaus.„Wollt Ihr wohl Ruhe halten!" Butkewitsch benutzt den Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell unter meine Pritsche, und geht dann auch hinaus. Auf dem Korridor ist c§ wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blick« prüfend durch die Zelle jchweijen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, wieder knarrt zweimal der Schlüssel, und wieder bin ich allein. Das„Telephon" liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von Bettdecken zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand der- steckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Ge- fängnis. Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, Vor der Mauer, Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster— ein Feldjäger. Der mutz es sehen, wenn ich das„Telephon" hinab- lasse. Doch ich habe Glück. Heute abend soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Autzenposten werden es nicht so schnell merken. Ich mache alles für den Abend zurecht. Schreibe ein Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenig- stens die letzte Nacht uiit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu übermitteln, letzte Grütze... Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer räkeln sich die Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feld- jäger. Sieht er mich nicht? Will er mich nicht sehen? Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das„Telephon" hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung mutz er jetzt vor seinem Fenster sein. Aber niemand greift danach: das Seil spannt sich nicht. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde. Bielleicht kann er's njcht greifen, weil es so hin und hergehet. Ich ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er mutz es hören. Aber unten bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief. Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir Zeichen. Ich soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen.„Hundesohn I— in ach, daß Du fortkommst vom Fenster!" Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja doch schon. Ich presse das Gesicht an die Fensterjtäbe und rufe:„Genosse! Genossel Warum nehmen Sie den Brief nicht?" —„Hundesohn l Wird's bald! Wir schießen!" Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich lausche— noch einen Augenblick, sonst ist'S zu spät. Da dringt eine Stimme von unten herauf, stam- melnd und klagend, leise und kraftlos, so leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören:„Genos— se... Ich kann... den Brief... nicht... nehmen. Beim Verhör... hat man... mir... beide Arme... gebrochen... Genosse... leb wohl..." Leise und klagend tön: die Stimme und bricht plötzlich ab. Ein wütendes Winten des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben, lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der Pritsche. Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit verschränkten Armen, und beruhigt geht er weiter... Nachts, als es ganz still ist und draußen vor der Tür rcgel- mäßiges Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet, die Erläuterungen und die letzten Grütze. Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tifch. Der Wind heult, fährt zwischen den Fensterritzcn hindurch, und die Ascheftückchen flattern durch die Zelle: das Alphabet, die Erläuterungen und die letzten Grütze. Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung. Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort sagen könnte. Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd die Aschestückchen. Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den elz. Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die ähne zusammen. Im Ohre klingt mir noch immer leise klagend die stammelnde Stimme-: „Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!" I�ene Brzählungen. Klara Biebig: Das Eisen im Feuer. tEgon Fleische! u. C o., Berlin.) Hier ist eine historische Zeit auf- gerollt, die Sturmjahrc um 1848 herum und später, da im Vormärz- lichen Berlin die Bürger vor das Schloß stürmen und in die Bäcker- lüden dringen, um Brot und Mehl für den Hunger zu erbeuten. Es ist ein gewaltiger Auftakt, mit dem das Buch beginnt, das Grollen des Volkes, wie eS zum brausenden Protest anwächst und wie es dann weiter kribbelt in der Spießerwclt wie in einem auf- gestocherten Ameisenhaufen. Aber Klara Viebig bleibt nicht allzu lange streng beim Politischen, ihre Kunst ist zu sehr mit dem Menschlichen verbunden, daß ihr alsbald einzelne Gestalten ans Herz wachsen, die sie jdann gewissermaßen auch in ihren Privat- angelegenheiten belauscht. Und die vornehmste Privatangelegenheit ist ja bei der Viebig immer die Liebe. Zwar wird dieser Schmied»- meister vom Belle-Alliance-Platz zum Symbol, ein Werkzeug der Kraft, der iwie das Eisen im Feuer, auch an der Erstarkung des Volkes schmiedet, indessen wenn nach dem Revolutionssturm Stille eingetreten und die Tretmühle des Lebens wieder im AlltagStakt die Menschen ins Jock gespannt hat. dann fügt sich die Geschichte auS einem Abbild der Zeit zum Charaktergemälde, und Klara Viebig müßte eben nicht die Meisterin sein in der Schilderung lebkräftiger Sinnen- menschen, wenn sie nicht auch hier wiederum im Eheverhältnis deS Schmiedemeisters Hermann Henze mit seiner älteren Meisterin tief» bohrend und seherisch das Verhältnis der Geschlechter beleuchtet hätte. So haben wir denn im Hauptteil des Buches eine Ehegeschichte vor uns, mit der die nebenhergehenden Liebesangelegenheiten des viel« umworbenen jungen Siegfried, der durch die Heirat mit der Meisterin zum Schmiedemeister wurde, in ihren Varianten verknüpft stnd. Leise klingt hierbei die Tragik der alternden Frau an, die erfahren muß, wie junges Blut zu jungem Blut drängt, bis sie sich auS quälender Eifersucht zur Resignation durchringt. Schmiedemeister Hermann Henze aber steht lebenstrotzend am Amboß— auch das Leben. ist ja grausam und gibt dem Stärkeren, Tüchtigsten den Sieg— und hämmert, ein Repräsentant der neuen Zeit; draußen wird eben zum Krieg gerüstet gegen Oesterreich und sein starker Arm wird Taten vollbringen! Diese säbelrasselnde Kriegsfreudigkeit schmeckt zwar ein bißchen sehr nach Patriotismus, doch soll diese stark herausgepinselte Staats« bnrgertugcnd des Schmiedes uns die vielerlei feinen Züge nicht ver» leiden, mit denen Klara Viebig hier ihre Menschenpsychologie in ein vatcrländisch-dynastisches Gewand gesteckt hat. Ihre Schilderungs« frische hat sich all die Jahre hindurch von Aesthetenbleichheit nicht an» kränkeln lassen. Paul Barsch: Von Einem, der auszog. L. Sleege, Schweidnitz. Mit dem Untertitel: Ein Seelen- und Wanderjahr auf der Landstraße ist eigentlich die ganze Signatur dieses vortrefflichen Buches schon gegeben. Landstraßenerlebnisse, Wanderburschennöte haben uns gerade die neuen von Gorki befruchteten Stromer- und Kundenromane viele beschert. Dieser Tischlcrbub breitet vor sich selbst die Erinnerungen aus, die ihn vom schüchtern in die Welt blickenden, mit einer unbestimmten Sehnsucht erfüllten Lehrling über nüchterne Brot« kämpfe hinweg Menschen und Dinge kennen lernen und sich zun» reifen Menschen durchringen ließen, bis er das Glück und sich selbst fand und in dieser Befriedigung auch die Umwelt versöhnlich um- armte. Dieses fragende, suchende, staunende Menschenkind, dem die Tränen und die Demütigungen eines armen Daseinskampfes nicht er« spart bliebe», ist keiner der abenteuerreichen Proletarier der Land» straße, denen Geschehnis um Geschehnis wird und die nur mit diesen Begegnungen des Wanderlebens sich herumschlagen, ohne auf anderes zu horchen, an anderes zu denken, ohne mehr als diese Außendinge zu fühlen. Er ist ein Innerlicher, ja sage» ivir ein Dichter- gemüt. Wald und Feld, Straße und Dorf werfen ihn: Geschenke zu, die sein Gemüt bereichern und ihn mehr und mehr aus der Wirrsal des Lebens zu Erkenntnissen führen. Nun sitzen wir aber nicht etwa vor Phantastereien oder einer Romantik, die eben roman- Haft bleibt. Alle die Schilderungen von Entbehrungen, Er- niedrigungen, Enttäuschungen, von schlechter Behandlung, von schlechten Meistern, Unbill von den Mitgesellen oder Wander- geführten, von Hunger, Kälte, Strapazen und harter Arbeit, wie harten HerbergSnächten atmen Wirklichkeit, tragen den Stempel des Selbsterlebens. Doch über der prosaischen Seite schimmert das Gold der Poesie. Nicht daß Paul Barsch seinen Stil ins Rosenrote und Schwärmerische verböge, es gibt keine klingende Lyrik oder literarisch gefeilten Sätze, aber es ist etwas mitschwingend in seinen schlichten sachlichen Ausführungen, das ich den unterirdi- schen Dialog nennen möchte. Eine Auseinandersetzung ohne Worte, nur in der Art der Darstellung fühlbar, wie sich der Autor, der sich mit seinem schlesischen Wandersman» identifiziert, mit allem, was ihm begegnet, abfindet und es zu seinem Heil verarbeitet. So wird das Wanderjahr eben zum Seelenjahr, die Liebe ohne Niedrigkeit, das Menschentum, das auch der Aermste in sich zum Leuchten bringen kann, tritt zu ihm auf seinen verschlungenen Wegen. John Galsworth y: Das Herrenhaus.(Bruno Cassirer, Berlin.) Der englische Gesellschaftskritiker John Gals» worthy geht der schreienden Tendenz aus dem Wege, er liebt eS. beinahe in der müden, überobjektiven Art eines Hermann Bang die Dinge lebendig werden zu lassen in ihrem eignen innersten Wesen. Das Herrenhaus, das Haus des Reichen mit seinen Jagdsesten, seinen Flirts, seinem geschäftigen Müßiggang, seinen hohlen Typen, die nur ihrem Genuß, ihren Irrtümern leben, mit den Mondänen, die junge Männerherzen bestricken und verraten, diese ganz emsige und doch wie faules Gewässer stagnierende Drobneuwelt mit dein Aufruhr ihrer engen Gefühle spiegelt sich in des Autors lühler Beschreibung. Aber dann zeigt sich in den Kapiteln über dem lächerlich-äußcrlichen Wust eines sogenannten Gesellschafts« leben? auch die Tragik, wie diese materiellen Larven leiden können und ihr Schicksal für sich haben. Wie das Mutterhcrz überall das gleiche ist, besorgt, wagend, helfend, opferfreudig. Wie über den Gutshof, da? Herrenhaus, Gewitter ziehen und der Stand nicht über Unglück hinwegzuhelfen vermag. Galsworthy ist keiner der Propheten, die zum Kampf aufrufen, er niöchte die Versöhnung, cinen Ausgleich, ein Verstehen. Etwas Tolstoisches geht durch seinen Sarkasmuö. DaS Gebilde Gesellschaft ist ihm nicht so sehr ein Angriffsfeld, alS vielmehr«ine Natur- erscheinung. Etwas aus tausend Faktoren Gewordenes und Gewachsenes, daS eher zu bedauern als zum Has; hindrängt. Und wie er der Struktur dieses Gebildes nachgeht, wie er den Organismus der Gesellschaft seziert, nnkroskopisch untersucht und in Präparaten vorlegt, bor allem nicht nur mit dem Sozialen, sondern auch mit der menschlichen Natur rechnet, das gibt den Bildern Galsworthys gleichsam ihre vierte Dimension. Uneinfangbares, Ewiges, Rätselhaftes flackert über die Schilderungen sozialer Ober- schichten, und der Autor selbst schaut vom Postament eines„Welt- geistes', nicht vom Richterstuhl, in die Klassenivclt und ihre Un- stimmigkeiten. Daß eine spezifisch englische KlassciUvelt im Brenn- spiegel eingefangen, machen die Standes- und Sittengemälde vom kulturellen Standpunkt aus noch interessanter. L V. Kleines feuilleton» Der Mensch als Vernichter. Oede und traurig die Heide. Kaum das Zirpen einer Meise, der schüchterne Gesang eines Laub- Vogels am Seeufer. Gerade Baumreihen, wie abgesteckter Zäune Stangen, nur hier und da ein kümmerlicher Busch, dem Beile des nimmermüden Försters entgangen. Kein hohler, alter Ueberständer, kein Bruchholz. Leer und traurig: Der moderne deutsche Wald. Ueber dieser Holzkammer schwebt kein stolzer Raubvogel, längst verschwanden Hohltaube, Wiedehopf und Schwarzspecht. Die letzten Wanderfalken fielen dem Forstgehilfen für gutes Schubgeld zum Opfer, der letzte Habicht ward am Horst niedergeknallt, seine hilflosen Dunenjungen verhungerten... Die beiden kleinen Taucher auf dem See sind lange schon dem Tode geweiht— täglich lauert der Rcbiersörster auf die Gelegenheit, ihnen das Lebenslicht auszublasen, versprach ihm doch der Seepächter klingenden Lohn, wenn er die bösen Fischräuber vertilgte. Auch des bunten Eisvogels Tage sind gezählt, und wehe dem letzten Reiherpaare, sollte es im Forste horsten wollen. Leer und öde die Flur, der Wald.— Was welsche Mordbuben übrig lieben, fing der Vogelhändler mit der Leimrute, im Garn, der Förster mit Sprenkel und Schlinge. Er schlug die wertlosen Büsche, die Weichhölzer, keinen Nistplatz lieb er übrig. Holz I ist die Losung, Profit! daS Feldgeschret.... Es gab einmal einen Wald, einen deutschen Wald.... Da grohnte die Schnepfe, da sang der UrHahn, da schlugen Fink und Sprosser. Da kreiste der mächtige Adler im Himmels- blau, der Falke rief, die Tauber gurrten. Da schwebte der Fischaar über dem Waldsee, da rauschten der Enten bunte Geschwader, da rief der Kranich, fischte der Reiher, da brüllte die Rohrdommel in traumschwerer FrühlingSnacht und der Uhu mahnte im Tann. Dahin.... Ich kenne sie nock, die s-böne, frohe Heide, den lebendigen Wald. Von drüben her, vom Osten. Dort jubelt's und singt'S zur Heckzeit in allen Büschen, dort ruft der grobe Specht seinen Einsamkeitsschrei, dort rodelt und faucht der Spielhahn, der llrhahn wetzt, und der wilde Jä�er jagt in wilden Nächten.— Allvater gab Raum dem Habicht wie der Taube, dem Adler wie dem Fink, der Eule wie dem Naben. Nur dem Menschen nicht. Der will allein sein. Wie arm ist unser Land an Arten, wie räumte menschlicher Un- verstand unter den Schätzen unserer Welt auf! Blättern wir im Buche der Erdgeschichte.'Er ist der Jüngste der Erdgeschichte. Er verstand eS, dem Mammut, dem Mastodon, dem wollhaarigen Ras- hon, Fallen zu stellen, und hat sicherlich mit zur Vernichtung dieser Tiere beigetragen. Er half beim Niedergang des Höhlenbären, des Wildbären. Er rottete die Wildpferde aus, die zur späteren Eiszeit in riefigen Herden die Steppe bevölkerten, schlachtete da? Renntier in Massen, vennchtete den Riesenhirsch, den Breitstirnelch, rottete den Urbison und den Urochsen aus. Je vervollkommneter die Waffen wurden, desto mehr litt die Tierwelt: Der Mensch rottete den Wisent bis ans wenige Reste aus, ver- nichtcte in sinnlosem Wüten die gewaltigen Bisonherden Amerikas, brachte das Wildkamel fast zum Aussterben.— Er brachte eS fertig, in wenigen Jahrzehnten den asiatischen Edelhirsch auf den Aussterbeetat zu bringen, den Davidschcn Schwanzhirsch in Nord- china so gut wie zu vernichten, den Uak in unzugängliche Teile Tibets zu verdrängen,, den Moschusochsen in den wildesten Polar- gegenden in seiner kläglichen Existenz zu bedrohen.— Er rottete auf Madagaskar die Riesenstraube aus, die Moas auf Neuseeland, das Grpptotherium in Patagonien, die Riesenfaultiere, die Riesen« gürteltierc. Er vernichtete den prächtigen„Waldrapp", den europäischen Ibis, schlachtete die letzten hilflosen Dronten, den „Dodo" und den„Einsiedler" auf Mauritius, Neunion und Ro- driguez, vernichtete den Riesenalk, rottete Stellers Seekuh aus, verfolgt die letzten Borkentiere um ihres Fleisches willen, hat die Labradorente ausgerottet und vernichtete die Massen der Wander« taube. � Er löschte den Walliser Alpensieinbock von der Liste un- serer Wildarten, brachte den Piemonteser Steinbock an den Rand der Vernichtung, hat den Biber in Europa und Asien fast ver- »lichtet, nur noch wenige Saigaantilopen und Wildpferde in Asien übriggelassen, die Rieseuschildkröten verschwinden lassen bis auf wenige Reste.— Er vernichtet die Paradiesvögel und Edelreiher, um die Hüte seiner Weiber niit deren Federn zu schmücken, hat den Elch, das sibirische Reh, den Elefanten, das weiße Nashorn dezi- miert, daS Quagga ausgerottet, das Johnstongnu bis auf wenige Veraniw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u, Verlag: Stücke vernichtet, das südafrikanische Wei�schwanzgnn, da? Vurchell« zebra ausgerottet, die Elenantilope und das grobe Kudu an den Rand des Unterganges gebracht. Er hat die Gorillas und Schimpansen reduziert, daß man um ihr Fortbestehen besorgt sein muß, hat den freilebenden afrikanischen Strauß zum großen Teile vernichtet, hat den Pampashirsch, die Gürteltiere fast ausgerottet, den Zobel selten gemacht, die amerikanischen Biber und Biberratten zum großen Teile vernichtet.— Der Seeelefant ist selten geworden, das Walroß gefährdet, der Grönlandwal so gut wie ausgerottet, der Seebär zum großen Teil vernichtet, ebenso der Seelöwe, der Schweifbiber, der Seeotter, der Chinchilla-und andere Pelztiere. Lauter harmlose, zum Teil nützliche Tiere! Nun erst die Raubvögel und die sogenannten„schädlichen" Säugerl Der herrliche Bartgeier ist in den Alpen vernichtet, gröbere Adler, Raben, Kormorane, Schwarzstorch. Bär, Luchs und Wildkatze sind in Deutschland fast zu sagenhaften Tieren gewordem... Egon v. Kap-Herr. Literarisches. Vom Urbild des Tartarin. Dcrudets„Tartarin"— in Reclams llniversalbibliothek kauft man diese Dichtung echten Humors für 20 Pf.— soll in Paris auf der Bühne vorgeführt werden. Aus diesem Grunde hat ein Vertreter einer Pariser Monatsschrift die Witwe des Schöpfers der berühmten komische» Figur aufgesucht, um aus ihr herauszubekommen, wieviel Wahres und wieviel Erfundenes am Tartarin sei.„Mein Mann hat beim Schreiben seines Tartarinromanes wenigstens ebensoviel Genuß gehabt, wie die Leser bei der Lektüre", so meinte Frau Daudet, „ich habe ihn oft lachen hören, wem» er in seinem Arbeitszimmer neue Heldentaten Tartarin? erfand." Die Leser des Romans haben zwar alle gelacht, erzählte Frau Daudet weiter, nur die Leute von Tarascon lachten nicht von Herzen; im Gegenteil, der Roman machte in Tarascon zunächst böses Blut. Schmähbriefe, ja selbst Drohungen mußte Alfons Daudet einstecken; seit langem aber steht er glänzend gerechtfertigt da, denn in Tarascon hat man mittler- weile eingesehen, welch große Dienste Daudet dem Lande geleistet hat, indem er den Fremdenstrom dort hinlenkte, und man hat ihn daher durch ein Denkmal geehrt, ja man zeigt in Tarascon sogar das Haus Tartarins mit einem Affenbrotbaum in einem Blumen- topf! Hat es nun wirklich ein Urbild Tartarins gegeben? Gewiß. ivenn es mit dem Tartarinhause in Tarascon auch nicht seine Richtigkeit hat, der gewaltige Löwenjägcr und Bergsteiger ist keine freie Schöpfung der Daudetschen Phantasie, sondern der Dichter hat wirklich mit seinem Tartarin zusammen in Algier Jagd auf den Löwen gemacht(wenn er ihn auch nicht erlegt hat) und manche» guten Humpen geleert. Der Humor der Sache aber ist, daß der berühmte„Tartarin aus Tarascon" gar nicht aus Tarascon ist. sondern aus der Heimatstadt Daudets, aus dem benachbarten Ninies stammt. Aus Achtung für seine Heimat wollte Daudet Nimes nicht mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen und wählte daher Taras- con. Gleich beim Beginne der Veröffentlichung(der„Tartarin" erschien zuerst im„Figaro") nmßte Daudet seinen Helden um- taufen. Tartarin hieß nämlich ursprünglich Barbarin. Sol>ald der„Figaro" die ersten Nummern mit dem neuen Roman„Bar- barin von Tarascon" herausgebracht hatte, ging von einer ehrsamen Familie Barbarin, die wirklich in Tarascon lebte, ein Schreiben ein, sie fühlte sich durch den Roman beleidigt, und sie zwang auf gerichtlichem Wege den Dichter und die Zeitung, das gefährliche B zweimal durch ein T zu ersetzen. Wenn die Familie Barbarin nun auch besänftigt war, TaraSco» war es noch nicht, um so inehr, als „Tartarin in den Alpen" die Tarasconesen mit neuer Lächerlichkeit überhäufte. Man drohte, den Dichter Daudet in der Rhone zu er- säufen, bis sich allmählich doch die Gemüter beruhigten und man im Süden Frankreichs einsah, daß dieses-wirklich ein dummer Streich sein würde. So schlug die Stimmung um, und seitdem ist Tartarin der anerkannte Nationalheld von Tarascon. Hauswirtschast. Hat der Spargel Nährwert? Die Gepflogenheit unserer Köchinnen, das Spargelwasser ioegzugießen, beruht auf einem Irrtum. Denn wie die Analysen unwiderleglich zeigen, enthält das Wasser die eigentlichen Nährwerte des Spargels, während dieser selbst nichts weiter als einen angenehmen Gaumenkitzel darstellt. Der Nährwert des Spargels als solcher ist sehr niedrig einzu schätzen, au« dem einfachen Grunde, weil das, was die Pflanze al-Z- Nährsubstanzen enthält, durch den Kochprozeß. ja selbst schon im kalten Wasser rasch extrahiert wird. Nur der zehnte Teil der rohen Spargelstange ist feste Substanz und von dieser sind 70 Proz. in kalten und 80 Proz. in lochendem Wasser löslich. Daraus folgt, daß der Kochprozeß einen beträchtlichen Teil des Rohmaterials dem Wasser, in dem der Spargel gekocht wird, zuführt. Da diese Rückstände sich aus Zucker, Eiweibstoffen und allen phosphorsauren Salzen zusammensetzen, so ergibt sich der hohe Nährwert der Spargelbrllhe von selbst. Der Zuckergehalt des Spargels beträgt im Durchschnitt 3,6 Proz., die Eiweißeinheiten 3.8 Proz., die Zellulose 1 Proz.»md die Mineralstoffe 0,80 Proz. Die beste Varietät enthält im übrigen viel weniger Zelluloseteile als die weiße und scheidet beim Kochen auch mehr wasserlösliche Stoffe aus als die fleischige weiße Stange. Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagS�nstali Paul Srnger LcEo.. Berlin S W,