Nnterhattungsblatt des Torwärls Nr. 103. Freitag den 6. Juni 1913 izz vas entfesselte Schicksal. Roman von Edouard Rod. „Ist es nicht Oedipus, Frau Winckelmatten? Ach, lieber Gott, daß eine solche Tragödie heute noch möglich ist!" Die sonst immer vergnügte Advokatin lächelte dieses Mal nicht. „Also Sie, die Sie doch zur Zunft gehören, halten ihn für schuldig?" „Nein! Aber ich habe Angst um ihn. Was soll man tun, wenn man einen solchen Orkan gegen sich hat?" Sie lehnte Frau de Luseneys Anerbieten, sie nach Paris zu fahren, ab und entfernte sich schnell. Sie hatte eine wunderhübsche Figur und einen graziösen Gang. Proz sah ihr einen Augenblick nach und sagte zu Frau de Luseney: „Und wenn man sich vorstellt, daß die vlädiert— welche Ernüchterung, finden Sie nicht?" Als der Wagen der alten Dame endlich vorfuhr, schritten Herr und Frau d'Entraque über den Plah. Am Ausgang hatte die Bewegung der Menge sie nebeneinander gebracht. Aber sie sprachen kein Wort und vermieden sogar, sich anzu- sehen. Jeder suchte so schnell wie möglich eine andere Straßen- feite zu gewinnen, um einen weiten Raum zwischen sich zu bringen. Ihr Benehmen überraschte Lavenne. fragend blickte er Proz an und murmelte: „Sieh mal an!" Proz verstand und gab ihm Auskunft. „Ach, das geht seit langem so, man sprach sogar schon von Scheidung. Aber sie sind noch zusammen." „Was ist denn los?" Der Maler antwortete mit ausweichender Bewegung. Wußte er es nicht, der sich doch etwas darauf zugute tat, alles zu wissen, oder war er zufälligerweise einmal diskret? Wie das Publikum gingen auch die Geschworenen ohne viel zu sprechen von dannen. Durant. Butier und Oberst Öllomont, die sich hätten ablehnen lassen können, bedauerten jetzt, Geschworene zu sein, so schrecklich erschien ihnen ihr Amt bei diesem Prozesse. Alle überlegten sich, was sie zu Hause ihren Kindern von diesem Drama erzählen könnten, was sie auf die Fragen ihrer Frauen, ihrer Freunde antworten sollten. Was sollte man ihnen sagen? Spe wußten selbst nicht, was sie glauben sollten! Wie ungünstig sie diesen genialen Speku- kanten, diesen Spieler und Verschwender auch anfangs beur- teilt hatten, jetzt begannen sie von Zweifeln gequält zu werden. „Es ist unbegreiflich," sagte Glary zu Mouchebise. Vielleicht drückte er so die unklare Auffassung aus, die alle sein« Kollegen diesem erbarmungslosen Schicksal gegen- über empfanden. Welches Verhängnis hatte gerade sie zwischen Schicksal und Opfer gedrängt? Weshalb war es ihnen auferlegt, das Opfer aus den rächenden Klsuen zu befreien oder es dem Verderben preiszugeben? Es gab keinen unter ihnen, der vor dieser Verantwortung nicht geschauert hätte, vielleicht Condemine ausgenommen, der stolz darauf war, mit seiner Anficht schon fertig zu sein. Contbey und Souzier konnten den Zug 6 Uhr 23 benutzen. Während sie die hübsche Fahrt durch das hügelige Land machten, besprachen sie das eben Gehörte und gingen zu Fuß die gerade, lange Allee herauf, die vom Bahnhof in die alte Stadt führt. Ihre Diskussionen hatten eine andere Fär- bung angenommen. Sie hatten ihr Wissen aus den Zeitun- gen geschöpft, hatten unzählige Entstellungen und Unrichtig- leiten in sich aufgenommen und waren vollkommen davon überzeugt gewesen, daß ihre Meinung die allein richtige sein konnte. Jetzt begannen sie, unsicher zu werden. Jeder von ihnen kam dem anderen entgegen. Souzier meinte, das Orakel Chausiy könne sich-getäuscht haben, Contbey, daß es vielleicht recht gehabt habe. Souzier gab zu, daß seine Zeitungen ihm eine bestimmte Richtung gegeben und sein Urteil vielleicht falsch beeinflußt hatten. Conthey hatte zu den seinen jeden Glauben verloren. Wenn sie wenigstens mit dielen irrigen Informationen hätten aufräumen können, mit diesen vcr- frühten Kommentaren, diesem Wortschwall, der sich um die Untersuchung gehäuft hatte. Aber sie konnten es nicht. Die Presse hatte einen Schleier zwischen sie und die Wahrheit ge- zogen: die Sicherheit, mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenem Denken zu messen, war dahin. Als sie die Papierhand- lung erreichten, waren die Abendzeitungen gerade einge- troffen. Nun wollten sie noch die Berichterstattung über die ersten Stunden der Sitzung lesen. War das, was sie da lasen, wirklich das, was sie eben im Gerichtssaal gehört hatten? Selbst die wenigen Worte, die einzelne Teile des Verhörs wörtsich wiedergaben, waren kaum wiederzuerkennen. Selbst das genau Wiedergegebene nahm im Berichte einen anderen Sinn an und klang anders. Conthey rief: „Wenn das nun mit der Untersuchung ebenso geht, mit den Interviews, mit allem?" Und Souzier meinte: „Ach, hätte man bis heute nicht davon sprechen hören! Wir würden frei in unserem Urteil sein. Unser Kopf ist wirr und wir haben eine schwarze Brille vor den Augen..." Die Richter verließen etwas später das Gericht. Herr Rudrit und Herr Perron waren Nachbarn. Der eine wohnte Rue d'Angiviller und der andere Boulevard du Roi. Oft kehrten sie zusammen heim und gingen erst durch den Park. ihr Weg war fast immer derselbe: das nördliche Beet, die Allee des Marmousets oder des Trois-Fontaines. das Neptun- bassin. Sie plauderten dabei gern von beruslichen Angelegen- heiten. Heute sprachen sie zuerst vom Publikum. Herr Ru- drit, der wenig Gesellschaften mitmachte, hatte nur eine Pa- riserin erkannt. Frau Languard, die Frau eines sehr bekann- ten Anwalts. Herr Perron nannte ihm einige Zuhörer und erzählte, was er von ihnen wußte. Dann fragte er: „Wer saß denn aus der Tribüne neben Ihrer Frau Ge- mablin? Eine sehr hübsche, blonde, elegante Dame. Sie mußte Ihre Frau kennen, denn sie plauderten miteinander." „Ihnen entgeht doch nichts," antwortete lachend Rudrit. „Es ist eine Schwedin, Baronin Kharv. Meine Frau lernte sie voriges Jahr in Evian kennen. Sie ist Witwe und viel unterwegs. Wir dachten gar nicht mehr an sie, als sie mir schrieb und um ein Billett bat. Es ist erstaunlich, wie man sich bei solchen Gelegenheiten seiner Freunde erinnert. Sie haben doch so viele Bekanntschaften, wie machen Sie es in diesem Fall?" „Ich verspreche alles und halte mein Wort, soweit es mir möglich ist. Aber es würde mir Vergnügen machen, mir eine Freundin wie die Baronin zu verpflichten.' „Sie können Sie morgen kennen lernen, wenn Sie mit dem Präsidenten bei mir dinieren wollen. Sie wird entzückt sein, mit Ihnen plaudern zu können, die roten Talare inter- essieren sie sehr. Und mit Vergnügen sehe ich. daß es gegen- seitig ist." Sie kainen auf den Prozeß zurück und diskutierten über die Rechtsbeweisgründe, die sie veranlaßt hatten, die Anträge Br6vines abzulehnen. Tatsächlich, man konnte nicht ander? urteilen. Und doch meinte Herr Rudrit. als sie sich trennten: „Welch schrecklicher Vatermord, wenn es kein Zufall war, wenn Lermantes Bescheid gewußt hätte. Und wäre alles nur Zufall, welchem fürchterlichen Spiel des Schicksals sind wir ausgesetzt!" Herr Motiers de Fraisse und Herr N'.uo: gingen nach dem Bahnhof am linken Ufer. Sie hatten verabredet, zu- sammen nach Hause zu fahren. Beide wohnt--n in der Nähe des Invalides. Ohne Talar u»d Barett glichen sie zwei ge- wöhnlichen Spaziergängern. Durch seine hohe Gestalt, sein stattliches Aussehen, seinen langen Bart, den Gehrock und Zylinder bewahrte der Präsident eine gewisse Feierlichkeit. Anders der Staatsanwalt. Der erinnerte in seinem braunen Anzug und mit seinem kleinen Strohhut durchaus nicht mehr an den Beamten, der soeben noch in seinen weiten Aermeln ein Arsenal von Gewissensbissen und Strafen � beherbergt hatte. Sie waren beide sehr abgespannt und vermieden zuerst in stillschweigendem Einverständnis, auf die Ereignisse des Tages zurückzukommen. Tie Dinge um sie herrim lenkten sie ab. Beide stellten fest, daß Versailles durch die Menge elek- irischer Bahnen, die dahinsauften, keine tote Stadt mehr wäre, Als sie dann die Avenue de Paris überschritten, standen sie still, um das Schloß zu betrachten. Seine Flügel, seine Pa- villons, Dächer, Tore, Statuen gehen alle durcheinander, und weder der Charakter noch die Schönheit lassen sich heraus erkennen. Sie sprachen von der Zeit, wo hier Karossen, Sänften, gestickte Röcke, glänzende Uniformen auf demselben Platze wimnielten, da in diesem Augenblick eine demokratische Droschke vorbeifuhr und ein Hausen Dammarbeiter entlang ging. „Alles das ist vorbei," meinte der Präsident. Als sie sich dem Bahnhof zuwendeten und Herr Rutor zur Rathausuhr emporsah, sagte er: „Ich glaube, wir haben den Zug versäumt." Er sah im Kursbuch nach. Es stimmte. Der nächste Zug fuhr in einer Viertelstunde. Um die Zeit hinzubringen, gingen sie um den Platz herum und atmeten die schon frischer werdende Luft tief ein. Sie näherten sich dem Gitter und tauschten einige Bemerkungen über die Architektur aus, die nach dem Geschmack des Präsidenten zu viel römischen Stil zeigte. Sie blickten in den Hof hinein und eilten dann nach dem Bahnhof. Als sie den Zug entlang gingen, erkannten sie in einem Abteil die Kinder von Lermantes. Herr Rutor murmelte: „Die armen Dinger!" „Die Justiz ist ein großes Geheimnis." antwortete der Präsident.„Die Unschuldigen werden mit den Schuldigen bestraft." „Weshalb?" Die Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht fühlten beide, daß man sie nicht beantworten könne. Oder sie schreckten vor der Schlußfolgerung zurück, die ihnen durch den Geist zog: Wenn die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrast werden, manchmal für sie oder mehr als sie, so hieß das, daß die Gerechtigkeit nicht existierte, oder daß sie blind war wie auf jenen Standbildern alter Meister, die die Göttin mit einem Schwert in der Hand und einer Bjnde vor den Augen darstellten... lForUevung folgt.1 Eine 8ckmierenfakrt. Erlebnis einer Schauspielerin. Viele der Leser werden es nicht für möglich halten, daß im Jahre 1913 noch passieren kann, was ich berichte. Aber es ist wahr. An einem Dienstag im April traten wir von Berlin aus unsere Tournee an. Alle Mitglieder waren schon auf dem Bahnhof der- sammelt und warteten auf den Direktor. Endlich, kurz vor Abgang des Zuges, erschien er. Jeder erhielt ein Billett vierter Klasse— zur dritten reichte das Betriebskapital nicht— und beeilte sich, um wenigstens noch einen Sitzplatz zu bekommen. Doch solche ver- wogenen Wünsche gehen selten in Erfüllung. Wir zwängten uns also denn mit unserem zahlreichen Handgepäck in ein schon reichlich besetztes Kupee, stellten unsere Köfferchen in der Mitte auf und benutzten sie als Sitzgelegenheit. Es war idyllisch in diesem Räume; die Luft war dick, qualmig und übelriechend, und nebenan hörte man diverse Babys schreien. Wir Vertrieben uns die Zeit mit Plaudern und Essen und berechneten schon im voraus, was wir von unserer uns zugesagten Gage kaufen würden. Ich rechnete besonders eifrig. Durch Krankheit und Engagementslosigkeit voll- ständig mittellos, trat ich die Reise mit 29 deutschen Reichs- Pfennigen an.„Was brauchst du auch Geld, wenn du doch gleich verdienst", dachte ich. Doch das war verkehrt; der Mensch soll nicht denken und Pläne machen, wenn es sich um„Geld bekommen" handelt, und der Schauspieler schon gar nicht. Als wir in T. ankamen, empfingen uns Hagel und Regen- güsse. Je trüber das Wetter wurde, desto trüber wurden auch unsere Mienen. Aus ein volles Haus durften wir bei dem Wetter kaum rechnen. Doch es kamen noch weniger Leute als wir dachten. Die Vorstellung verlief ganz gut, und das Publikum amüsierte sich anscheinend sehr gut. Da wir am anderen Morgen um 4 Uhr gleich weiterfahren wollten, so Mirde— auch aus finanziellen Gründen— nicht erst im Hotel übernachtet. Nach Schluß der Vor- stellung, um 1 Uhr nachts, wanderten wir zum Bahnhof. Im Wartesaal vierier Klasse„logierten" wir bis zum Abgang unseres Zuges. Uns allen knurrte der Magen. Jeder trank einen Kaffee der hier 5 Pfennige billiger war— und aß dazu ein Butterbrot mit Senf bestrichen. Der Direktor mußte das opulente Nachtmahl bezahlen, denn Gage hatten wir natürlich noch nicht bekommen. Er hüllte sich in diesem Punkte überhaupt in tiefstes Stillschweigen. Wir warteten geduldig und dachten... Aber man darf nicht denken... Um 4 Uhr morgens fuhren wir dann von T. ab und kamen gegen 5 Uhr in D. an. Ueber Wiesen und Dunghaufen er- reichten wir unsere neue Kunft�tätte. Das ganze Häuflein wartete verfroren und müde vor dem Hause, bis der Wirt öffnete und die Wandervögel aufnahm. In tiefster Dunkelheit kraxelten wir eine entsetzlich steile und schmale Treppe hinauf. Natürlich ging das ohne Lachen und Witze nicht ab, besonders wenn man ins Stolpern kam, nach einer Stütze griff und in der Dunkelheit vielleicht die Wade des Vorhergehenden umklammerte. Ueberhaupt waren wir bei all dem Elend noch immer riesig aufgeräumt und ftdel und mögen vielleicht den ehrsamen Bürgersleuten manchmal mißfallen haben. Nach längerer Debatte mit dem Wirt des Hauses war für jeden ein Unterschlupf gefunden. Ich mußte mein Zimmer mit einer Kollegin teilen. Da nur ein Bett vorhanden war, ich aber ungern mit jemand zusammenschlafe, so machte ich mir mein Lager auf einem kleinen Sofa zurecht. Im Zimmer war es sehr kalt, und die Betten waren kalt und feucht, so daß an ein Einschlafen zu- nächst nicht zu denken war. Schließlich verlangte aber der Körper sein Recht— wir waren beinahe 24 Stunden nicht im Bett ge- wescn—, wir schliefen ein. Am nächsten Tage saßen wir gegen 12 Uhr vereint am Kaffcetisch, im Magen eine quälende Leere und in der Börse nicht einen Pfennig. Glücklicherweise gehört« das erste Frühstück zum Logis. Nachdem wir gefrühstückt hatten, machte ich mit meinen drei Getreuen Max, Fritz und Moppel— wegen seiner Körperfülle und seines Phlegmas so genannt— einen Spaziergang durch die Stadt. Um drei Uhr gab's dann, viel zu spät für unseren Magen, der gebieterisch sein Recht forderte. Mittag- brot. Der Abend kam und brachte wenig— sehr wenig Publikum; uns verging alle Lust zum Spielen und Darstellen, als wir den leeren Zuschauerraum sahen. Abermals keine Gage, abermals Stillschweigen von feiten unseres Direktors über diesen heiklen Punkt. Trotzdem waren wir noch immer guter Dinge, konnten uns aber nicht halten, den Kanon zu singen:„Wir wollen unsere Gage, sonst kommen wir in Rage". Am nächsten Vormittag ging's— natürlich immer vierter Klasse— weiter nach P., einem reizenden Städtchen. Hier hatten wir das erstemal auf unserer Tournee einen Erfolg. Da wir aber trotzdem wieder keine Gage erhielten, kam es am nächsten Vor- mittag zu einer ziemlich heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Direktor und unserem Moppel. Da zu befürchten war, daß Moppel Knall und Fall abreiste und unserem Ensemble dadurch vielleicht die Möglichkeit, aufzutreten, genommen wurde, gab der Direktor ihm einige Mark. Mir versprach er bestimmt bis zum nächsten Tage 19 Mark. Da sich unsere Gemüter durch diese Versprechun» gen wieder etwas beruhigt hatten, rüsteten wir zum Weitermarsch. In furchtbarem Schneegestöber marschierten wir eine halbe Stunde zum Bahnhof. Weiter ging's nach Sch., emem hübschen Kurort. Die Bühne war in diesem Theater sehr schön, nur fast ungeheizt. Wir hatten am Abend während des Spiels sehr unter der Kälte zu leiden; die Lippen waren blau unter der Schminke. Auch hiev hatten wir einen guten Erfolg zu verzeichnen. Nach der Vor- stellung saßen wir Kollegen noch mit dem Wirt, dem Stadtarzt und einigen Honoratioren des Städtchens zusammen. Erst nach 2 Uhr empfahlen �wir Damen uns, und die Herren blieben noch zu» sammen. Sie scheinen dann noch in Stimmung gekommen zu sein, denn als ich nach einer halben Stunde mit aufgewickelten Papillotten im Bett lag, klopfte jemand an meine Zimmertür und übermittelte dem gnädigen Fräulein eine Einladung zum Sekt- trinken. Ich lehnte aber dankend ab, denn ich hatte, das erstemal wahrend meiner Reise, ein anständiges Bett und war zum Umsinken müde. Als ich am nächsten Mittag mit meinen Kollegen vom ge- wohnten Spaziergang zurückkam, mußten wir zu unserem Er- staunen hören, daß unser Direktor noch schlief, und gegen 2 Uhr wollten wir weiter. So sorglos schien er also zu sein! � Und wo blieben die mir versprochenen 19 Mark? Jetzt wurde es auch mir bald zu bunt. Nicht ein Stück Brot konnte man sich kaufen. Betteln mußte man um jeden Pfennig. Mich hat das Leben nie auf Rosen gebettet; ich habe immer um mein bißchen Leben kämpfen müssen, aber so erbärmlich war es mir doch noch nicht gegangen. Die dicken Tränen liefen mir übers Gesicht. Wer ein- mal am eigenen Leibe erfahren hat, was„Hunger" heißt, wird mich verstehen. Um%2 Uhr erschien endlich unser Herr Direktor und gab mir— erst auf wiederholtes Reden meiner Kollegen hin— 5 Mark. So löste er sein Wort ein!! In aller Hast verschlang ich dann ein Butterbrot. Weiter ging die Fahrt nach Db. Hier sank unser Mut auf den Nullpunkt. Das Theaterlokal, in dem wir spielten, lag völlig außerhalb der Stadt. Eine gute Einnahme tvar ausgeschlossen. Es erschienen nur wenige Personen. Das hatten wir denn doch nicht erwartet. Wir zogen uns also gar nicht erst an und zahlten den Leuten ihr Eintrittsgeld zurück. Anstandshalber verzichteten für diesen Abend die Damen auf die ganze, die Herren auf die halbe Gage. Nur Moppel verzichtet« nicht, und er hatte recht. Denn unser Direktor hielt es nicht der Mühe wert, uns ein Wort des Dankes zu sagen. Unser Opfer war überhaupt unnütz, denn bis heute haben wir noch nicht einen Pfennig der uns zustehenden Gage erhalten. Nach diesem Mißerfolg waren wir äußerst niedergeschlagen. Unsere Stimmung wurde nicht besser, als wir unser Nachtlager in Augenschein nahmen. Die Betten waren feucht, so daß wir vor Kälte nicht einschlafen konnten. Als wir endlich gegen Morgen anfingen, warm zu werden, klopfte jemand energisck an unsere Türen und rief uns zu:„In einer Stunde geht der Zug nach E. Mit dem müssen Sie fahren." Aergcrlich über die gestörte Nacht- ruhe, zvgen wir uns an und stürzten den Kaffee hinunter. Als wir nach dem Bahnhof gehen wollten, ftellte es sich heraus, dah unser Direktor noch wohlgemut schläft. Empört darüber, machten wir uns, ich mit drei Kollegen, allein auf den Weg. Auf dem Bahnhofe angekommen, lösten wir unsere Billetts und hatten kaum Platz genommen, als der Zug sich auch schon in Bewegung setzte. Unsere anderen Kollegen und Kolleginnen hatten sich etwas mehr Zeit gc- tasten. Ihnen fuhr der Zug vor der Nase weg. Wir konnten ihnen nur ein Lebewohl zuwinken. Unser Ziel war jetzt E., eine ziemlich große Stadt: unsere letzte Hoffnung. Da es gerade Sonntag war, rechneten wir be- stimmt auf ein gutes Geschäft, er sollte alle die bisher erlittenen Mißerfolge wieder gut machen. Doch es kam wieder anders, als wir gedacht— wenn ich mir bloß das Denken abgewöhnen könnte. In E. angekommen, aßen wir erst mal tüchtig zu Mittag, dann ließen wir uns Zimmer geben, wuschen uns und holten den ge- störten Nachtschlaf etwas nach. Als wir nachmittags gegen 4 Uhr beim Kaffee saßen, kam das übrige Ensemble an. Die Stimmung war äußerst kritisch. Wütend darüber, daß sie mit dem ersten Zug nicht mehr mitgekommen waren und so lange in Db. auf dem Bahnhofe hatten sitzen müssen, fingen sie mit uns Streit an. Der Funke flog ins Pulverfaß. Wir waren nicht auf den Mund ge- fallen, und so war die Stimmung recht angenehm. Schließlich, als wir genug gezankt hatten, dachten wir an die Vorstellung zum Ilbend. Wir beeilten uns, alles zurechtzumachen. Unsere Er- Wartungen wurden aber sehr enttäuscht. Das Theater war nur ganz schwach besucht. Jedenfalls waren die Anzeigen zu spät be- kannt geworden. Als von dem eingenommenen Gelde Reklame und andere Unkosten bezahlt waren, blieb kein Pfennig übrig. Als ich durch das Gastzimmer ging, hielt mich eine alte Frau an und for- derte mich auf, doch endlich den Kapellmeister zu bezahlen. Er könne nicht länger auf sein Geld warten. Ich klärte sie über den Personenirrtum auf und beratschlagte dann mit meinen Kollegen Max, Fritz und Moppel, was wir nun machen wollten. Auf keinen Fall würden wir diese Tournee noch einen Tag länger mitmachen. Da kam Max auf eine gute Idee:„Wenn wir vom Direktor nicht wenigstens Reisegeld nach Berlin bekommen, laß ich mir von meiner Mutter ein paar Mark schicken, und wir fahren dann nach Leipzig (das nicht allzuweit ablag) und machen Kollekte." Ich wollte zuerst nicht an diesen Plan heran. So weit war ich auf meiner Theater- laufbahn noch nicht gekommen. Mein Stolz sträubte sich dagegen, bei fremden Leuten zu betteln. Schließlich beruhigte ich mich dabei, daß es ja unsere Kollegen wären, die wir um Hilfe angehen wollten. Wir gingen dann zu unserem Direktor und äußerten unsere Wünsche wegen der Gage. Wie vorauszusehen war, ohne Erfolg. Er erklärte uns nur, daß wir am nächsten Tage in F. spielen würden. Wir sagten weiter nichts, zogen uns an und gingen— es war inzwischen 12 Uhr nachts geworden— nach dem Postamt. Tort telegraphierte Freund Max an seine Mutter:„Direktor pleite— drei Tage ohne Geld— Rückfahrt unmöglich— bitte 12 Mark. Max," Ich opferte mein« letzte Mark zur Bezahlung der Depesche. Mir blieb nicht ein Pfennig. Am nächsten Vor- mittag um 11 Uhr kam der Postbote und händigte uns 12 Mark aus. Ein Stein fiel uns vorn Herzen. Schleunigst packten wir unsere sieben Sachen zusammen:„Aus nach Leipzig!" Doch das Unglück schreitet schnell! Es stand in Gestalt unseres Hotelwirtes vor der Tür und bedeutete uns, daß keiner abreisen dürfe, der nicht sein Zimmer und die verzehrten Speisen bezahlt hätte. Der Direktor hätte ihm gesagt, daß wir unsere Zeche allein zahlten. Wovon? Nachdem wir mit deni Mann diskutiert hatten, fühlte er ein menschliches Rühren und ließ sich darauf ein, daß wir ihm das Geld einsenden sollten. Wir ließen uns jedermann einen Schuldschein vom Direktor geben, und dann erbot sich der Wirt, uns eine Gesamtbestätigung darüber zu geben, in welche elende Lage uns der Direktor gebracht hatte. Mit einem dankbaren Händedruck verabschiedeten wir uns. Feder nahm sein Köfferchen und pries sein Schicksal, den Direktor im Rücken zu haben. Wirk- lich, wir hatten Geduld genug mit ihm gehabt. Unterwegs kauften wir ein Brot für 25 Pf., etwas Schmalz und Wurst. Die Fahrt nach Leipzig kostete in der 4. Wagenklasse 50 Pf. pro Person. Als wir glücklich im Zug saßen, machte ich die Wurstbrote zurecht, und in erstaunlich kurzer Zdit hatten wir alles verzehrt. Kein Wunder bei unserem Hunger. Wir hatten seit dem Morgen nichts gegessen, und zetzt war es%4 Uhr. Nach knapp einstündiger Fahrt kamen wir in Leipzig an. Unsere Koffer ließen wir auf dem Bahnhof und machten uns dann auf unseren schweren Weg. Zuerst fuhren wir nach dem Metzplatz hinaus. Da Max früher einmal als Artist gearbeitet hatte, gingen wir von Artistenbude zu Artistenbude und machten Kollekte. Doch bekamen wir nur einmal 2 M. Welch ein niederdrückendes Gesiihl das ist, kann sich nur der richtig vorstellen, der selbst einmal in der gleichen Lage war. Man verwies uns an den Obmann der Nrtistcnvcreini- gung,� den wir aber nicht zu Hause antrafen, jedoch konnten wir das Cafe ermitteln, in dem er für gewöhnlich verkehrte. Er lehnte unseren Antrag erst ab, ließ sich aber dann durch unsere Bitten er- weichen, mit den Vorstandsherrcn der Vereinigung Rücksprache zu nehmen, und bestellte uns um kh8 Uhr nochmals hin. Unsere De- vife war jetzt:„Humor verloren, alles verloren." So machten wir uns auf den Weg nach den Theatern. Das Stadttheater kam zuerst an die Reihe. Wir meldeten uns beim Kastellan, klagten ihm un- sere Not und zeigten ihm unsere Papierchen vor. Er verwies uns an die Unterstützungskasse. Dort wieder dasselbe Klagelied. Nach längcrem Hin und Her erhielt jeder von uns 3 M.; nun hatten wir zusammen schon 14 M. Max hielt die Kasse. Unsere Kräfte waren durch das viele Hin- und Herlaufen sehr erschöpft, und hungrig waren wir auch. Doch an Essen und Ruhe durften wir vorläufig nicht denken. In aller Eile hasteten wir rückwärts zur Artistenvereinigung, um pünktlich um �8 Uhr dort zu sein. Dort bekamen wir 10 M. ausgehändigt. Unter vielen Dankesbeteuerun» gen zogen wir vergnügt ab und rasch gings nach dem Schauspiel- haus. Das Thermometer unseres Humors war wieder etwas ge- stiegen. Im Schauspielhaus hatte die Vorstellung schon begonnen, und der Obmann, Herr Dr. G., hatte selbst auf der Bühne zu tun. Wir mußten also warten. So standen wir frierend— es war ein kühler Aprilabend— zwei Stunden auf dem Hof vor dem Bühnen- ausgang. Ich konnte mich vor Müdigkeit und Magenschmerzen kaum noch aufrecht halten. Glücklicherweise entdeckte ich in einer Ecke einen ausrangierten Königsstuhl, auf dem vielleicht schon viele Schauspielerinnen als Maria Stuart oder Königin Elisabeth ge- festen hatten. Jetzt hockte ich auf ihm, ein wahres Jammerbild — sehr unköniglich! Schließlich hielten wir es draußen vor Kälte nicht mehr aus und schlichen uns auf die Bühne. Moppel gab ich den guten Rat, sich nicht so ins Licht zu stellen, weil er gar so wohl- genährt aussieht und absolut kein Mitleid erwecken konnte. Das mutzten wir doch. Endlich kam Dr. G. Wir erzählten ihm, Gott weiß, zum wievielten Male unsere Leidensgeschichte. Er bat uns, einen Moment zu warten, und überreichte uns dann sehr freund- lich 5 M., da er augenblicklich nicht mehr bei sich hätte. Wir sollten am nächsten Vormittag wiederkommen. Diesem Geheitz kamen wir aber nicht nach, weil wir das Geld für Schlafzimmer sparen und sobald als möAich nach Berlin fahren wollten. Wir dankten dem gütigen Dr. G. voller Rührung und liefen dann spornstreichs in das Restaurant„Zum weißen Hirsch", um uns für alle ausgestan- denen Martern durch ein reelles Abendessen zu entschädigen. Nach- dem wir das erhaltene Geld redlich in vier gleiche Teile geteilt hatten, machten wir uns, es mochte ¥A2 Uhr nachts sein, auf den Weg zum Hauptbahnhof. Gegen s�5 Uhr erst ging unser Zug. So brachten wir denn die zweite Nacht im Wartesaal zu. Wir dankten unserem Schöpfer, als wir endlich im Zug saßen und heimfuhren. Mit 20 Pf. hatte ich die Tournee angetreten, mit 1,50 M. kam ich zurück. Schwerlich werde ich diese acht Tage vergessen. Von der uns zugesagten Gage haben wir bis heute noch nicht einen Pfennig bekommen. D. E. Das Mcctykngas. Das Acetylengas hat jetzt eine etwa zwanzigjährige industrielle Verwertung hinter sich. Zwar war dasselbe in wissenschaftlichen Kreisen schon ein halbes Jahrhundert früher bekannt, ohne aber irgendwelche praktische Bedeutung zu erlangen, da seine Dar- stellung schwierig und kostspielig war. Erst als man die gewaltige Wärmetoirkung des elektrischen Lichtbogens kennen und verwerten lernte, versuchten zu gleicher Zeit je ein französischer und ameri- kanischer Forscher, das Kalziumkarbid mittels des elektrischen Stromes in zu diesem Zweck konstruierten elektrischen Oefen direK aus Kalk und Kohle zu gewinnen, was denn auch beiden schon im Jahre 1802 gelang. Die Darstellung beruht, abgesehen von tech- nischen Verbesserungen, auch heute noch auf denselben Prinzipien und erfolgt in der Weise, daß gebrannter und fein gepulverter Kalk und Kohlenstaub vermengt in den elektrischen Ofen eingefüllt und dann ein kräftiger elektrischer Strom durchgeleitet wird, der das Gemenge zusammenschmilzt und in Kalziumkarbid umwandelt. Wird diesem Wasser zugesetzt, so entsteht das bekannte Acetylen, ein brennbares Gas, dessen Leuchtkraft die unseres gewöhnlichen Leuchtgases etwa um das Zwanzigfache übertrifft und infolge seiner dem Sonnenlicht ähnlichen Zusammensetzung in der Farbe dem normalen Tageslicht nahe kommt. Besonders diese Eigen- schaften eröffneten dem neuen Beleuchtungsmittel sofort ein weites Feld der Betätigung. Wenn auch nicht alle Hoffnungen in Er- füllung gegangen sind, so hat das Gas doch schon eine erhebliche Ausbreitung gefunden. Das Haupthindernis, das der allgemeinen Einführung des Acctylens hindernd im Wege steht, ist seine Explosiv ns- gefährlichkeit. Diese, im Verein mit mangelhasten An- lagen und unsachgemäßer Behandlung, haben namentlich im An- fang manche Unglücksfälle herbeigeführt und dadurch ein vielfach unberechtigtes Mißtrauen gegen die Acetylenbeleuchtung groß- gezogen. Erst in neuerer Zeit scheint dieses wieder mehr zu schwinden, nachdem Wissenschaft, Technik und Praxis sowohl' den Stoff selbst und seine Behandlung, als auch die Beleuchtungs- anlagen gründlich studiert und derart verbessert haben, daß eine gut gebaute und gewartete Acetylcnanlage gerade so sicher arbeitet, wie die übrigen Gasanlagen. Hierzu trägt auch der Umstand wesentlich bei, daß es gelungen ist,� Acetylen aufspeichcrungsfähig, leicht transportabel und handlich zü machen. Zu diesem Zwecke wird das Gas unter starkem Druck in Azeton aufgelöst, welches große Mengen desselben absorbiert und selbst wieder von einem porösen Stoff aufgesaugt'wird. Auch wird das Acetylengas im Gemisch mit gewöhnlichem Leuchtgas und anderen lichtschwachcn Gasen zum Aufbessern, Karburieren, derselben benutzt. Außer zur Beleuchtung der Wohnungen, Bureaus, Werkstätten� Fabrikanlagen und Automobile, sowohl durch direkte Lichtabgabe wie auch in Verbindung mit Glühkörpern, werden auch Acethlen- fackeln für Feuerwehrzwecke, Fackelzüge, Beleuchtung größerer Plätze im Freien u. dergl. verwendet. Eine sehr wichtige Rolle spielt das Acethlen auch als Beleuchtungsmaterial für Bergwerke. Hier ist es namentlich zur Erhellung großer Räume und vor allem in mächtigen Lagerstätten sehr beUebt, da es sich seiner großen Leuchtkraft tvegen vorzüglich zur Untersuchung großer Grubenbaue auf ihre Sicherheit gegen Steinfall eignet. Einige Schwierigkeiten verursachten längere Zeit die Brenner der Acetylenlampen, da die- selben bei der hohen Temperatur der Flamme nicht lange vor- hielten. Jetzt werden dieselben zumeist aus Speckstein angefertigt und sind so eingerichtet, daß das ausströmende Gas sich die er- forderliche Verbrennungsluft durch seitliche Zuführungskanäle selbst ansaugt. Infolge seiner hohen Wärmewirkung, welche die des gewöhn- lichen Steinkohlengases um etwa 100 Proz. übertrifft, eignet sich das Acetylengas auch vorzüglich zur Wärmeerzeugung. Es liefert sowohl zum Heizen und Kochen im Haushalt, wie auch für in- dustrielle Heizzwccke ausgezeichnete Resultate, besonders wenn es darauf ankommt, hohe Temperaturen zu erzielen. Mit Sauer- stoff gemischt erzeugt es eine noch heißere Flamme als der Wasser- stoff in dem bekannten Knallgasgebläse. Es eignet sich daher in dieser Form besonders zum Durchschmelzen sowie auch zum Ver- schweißen von Qrisenteilen und anderen Metallgegenständen. Wird Acetylengas mit atmosphärischer Luft in einem bestimm- ten Verhältnis gemischt, so entsteht ein Gasgemenge mit einer der- artigen Explosionskraft, daß es mit Dynamit konkurrieren kann. Man hat deshalb versucht, das Acechlen auch als Sprengstoff zu verwenden. Hierbei wird Kalziumkarbid als feinkörnige Masse in eine Blechpatrone eingefüllt, die drei von einander getrennte Ab- teilungen enthält, deren eine das Karbid, eine Waffer, und die Dritte einen elektrischen Zünder aufnimmt. Ist die Patrone in das Bohrloch eingebracht und dieses besetzt, so wird durch Ein- treiben eines in der Patrone angeordneten Eisenftiftes die Trenn- wand zwischen Wasser und Karbid durchstoßen, so daß beide zu- sammentreten und infolge ihrer Verbindung Acetylengas erzeugen, wobei gleichzeitig durch die Stiftöfsnuna Lust eintritt und sich mit dem Gas mischt. Darauf wird mittels einer Zündmaschine der elektrische Zünder und durch diesen daS Gasgemisch zur Explosion gebracht. Die Wirkung dieses Sprengstoffes soll sich dadurch auszeichnen, daß weniger eine Abtrennung und Herausschleuderung größerer Sprengstücke als vielmehr eine weitgehende Zertrümmerung der letzteren erfolgt. Er ist deshalb für Steinbrüche und ähnliche Zwecke, bei denen es sich um die Gewinnung großstückiger Mine- ralien handelt, nicht anwendbar, um so besser dagegen bei der Herstellung von Schächten, Stollen u. dergl. Hohlräumen in Ge- stein, sowie auch bei der Sprengung von Festungswerken, bei denen möglichst weitgehende Zerttümmerung Hauptzweck ist. Aber auch für solche Zwecke hat der Acetylensprengstoff bisher noch wenig Verbreitung gefunden.___ tlc. Kleines Feuilleton. Eine leere Hofpoetenstelle. In England ist das Amt des Hof- Poeten durch den Tod des äußerst ftuchtbaren VersemacherS Alfred Austin frei geworden. Der verstorbene Hofdichter wrrd in der Literaturgeschichte England» kaum den großen Platz einnehmen, den seine Bände in der Bibliothek des englischen HofeS besetzen. Er sang von den Blümlein, den Böglein und dem Lenz und konstruierte große patriotische Oden, die auch den patriottschsten Briten an einem heißen Sommertage nicht am Einschlafen verhindern könnten. Austin war ein Löwe der Gesellschaft, ein energischer Verfechter alles Be- stehenden, ein Feind alle» Revoluttonären, der sich der alten Königin Viktoria, deren Kunstverständnis recht naiv und ungeschult war, ins Herz gesungen hatte. Aber all' dies« Borzüge hätten ihm die Stelle nicht verschafft, wenn nicht der verstorbene Premierminister Lord Sali?» burh ein recht zynischer Mensch gewesen wäre, dem e» den größten Spaß bereitete, die Mitwelt zu verdutzen. Bon den Späßen, die man von ihm erzählt, ist jene Ernennung nicht der schlechteste. DerHofdichter ist in England eine Art lächerliche Figur geworden, die an den Hof- narren mahnt. Bon vielen Seiten wird deshalb auch gefordert, die Stelle abzuschaffen. Manch« glauben, daß der Beigeschmack deS Lächerlichen, den daS Hofpoetenamt hat, daher rührt, daß in der langen Reihe der amtlich beglaubigten Dichter so wenig wirkliche Poeten zu finden find. Un» will eS scheinen, daß Byron nicht wenig dazu beigetragen hat, die Hofpoeten zu minieren. Wer von den Lesern Byrons kennt nicht daS Gedicht.Die Vision des Gerichts'? Dort kommt der verstorbene König Georg Hl. an die Himmels- Pforte und begehrt Einlaß. Doch Satan, der Ansprüche auf die königliche Seele zu haben glaubt, erscheint, um sein recht- mäßiges Eigentum zu fordern. Er zitiert seine Zeugen: englische und irische Märtyrer der Freiheit, denen der König Georg übel mitgespielt hat. Die Sache fängt an, sehr bedenklich zu werden. Da plötzlich kommt dem Engel Gabriel, der die königliche Hoheit für den Himmel nicht verlieren möchte, ein glänzender Gedanke. Er läßt den Hofpoeteu Southey von der Erde kommen, der nun seine dicken Bände zum Lobe des Monarchen ver- liest. Aber die Vernehmung dieses Entlastungszeugen gestaltet sich so langweilig, daß die versammelten Engel und Teufel anfangen zu gähnen und einzunicken. Doch Southey hört mit dem Beriefen seiner Lobgedichte nicht auf. Endlich packt den Petru» ein heiliger Zorn. Er nimmt seinen großen Schlüsselbund und haut damit dem Hofpoeten über den Kopf, so daß dieser wieder durch die Wolken in seine nüchterne Welt hinabsinkt. In der Verwirrung gelingt es den Engeln, den König Georg in den Himmel hineinzuschmuggeln.— Von diesem Hieb mit dem himmlischen Schlüsselbund hat sich der englische Hofpoet nie wieder erholt und es scheint, daß diesmal— was schon Gladstone und Roseberh taten— mit dem Amte aus- geräumt werden wird. Erst hieß es zwar, Rudyard Kipling werde .gekrönt' werden, aber jetzt liest man, dem König selber gefalle der Posten nicht mehr. Kipling freilich, der die Tommy Atkins-Balladen mit ihren heftigen Anklagen gegen die Königin Viktoria sang, würde als Hofpoet ein merkwürdiges Bild abgeben. Aus dem Gebiete der Chemie. Der belebte Stick st off. Das Element Stickstoff hat in allen Sprachen einen Namen erhalten, der es als einen Feind des Lebens bezeichnet. Es nimmt auch selbst an dieser Eigenschaft teil, lveil es zu den trägsten Elementen zu rechnen ist. Der Chemie gab der Stickstoff dadurch ein besonderes Rätsel auf, daß er in der Natur in vielen verschiedenarttgen Verbindungen, insbesondere mit Sauer- stoff, vorkommt— man denke nur an das Beispiel der weit« verbreiteten Salpetersäure—, andererseits aber als Element schwer in eine Verbindung zu locken ist. Professor Strutt scheint jetzt durch neue Experimente etwas mehr Licht auf das eigenartige Ver- halten des Stickstoffs geworfen zu haben. Es ist diesem Forscher gelungen, den Stickstoff gleichsam zu beleben, und zwar unter dem Einfluß elektrischer Entladungen. Das Element geht dann in einen ähnlichen Zustand der Akttvität über, wie ihn der fteilich an sich schon höchst angegriffslustige Sauerstoff als Ozon aufweift. Strutt leitete verdünnten gasigen Stickstoff in einem schnellen Strom durch ein Rohr, in dessen Innern eine Reihe hoch- gespannter elekttischer Entladungen von einer Leidener Flasche vor sich ging. Am anderen Ende der Röhre erschien dann der Stickstoff als eine wirbelnde Wolke von starkem Goldglanz. Der Gelehrte erklärt diese Erscheinung durch die Annahme, daß die elekttischen Entladungen die Moleküle des Stickstoffs in einzelne Atome zer- splittern, und diese Atome suchen nun ängstlich aus ihrem selbständigen Dasein wieder herauszukommen, indem sie eine Verbindung eingehen. Das gelbe Licht entsteht wahrscheinlich bei der Wiedervereinigung der Atome und hält so lange an, bis dieser Vorgang beendet ist. Man kann die Auflösung des Elements in seine Atome aber auch willkürlich benutzen, da sie auch bereit find, sich an andere Stoffe zu ketten, gegen die der Stickstoff sonst seine Trägheit in aller Vollkommenheit bewährt. Strutt hat es bereits zustande gebracht, auf diesem Wege Blausäure aus den einfachen Elementen, Wasserstoff, Kohlenstoff und Stickstoff zu erzeugen. Mit Quecksilber bildet der Stickstoff eine Verbindung von explosiven Eigenschaften. Die Tragweite der Entdeckung läßt sich noch nicht abschätzen, vielleicht wird sie sich auch mit Rückficht auf die Ge- winnung von künstlichen Dungstoffen auS dem Luststtckstoff bewähren. Technisches. Die Ausschließung der Pflanzenfaser. Die Faserstoffe gehören zu den für den Menschen wichttgsten Erzeugnissen deS Pflanzenreichs, und groß ist die Zahl der Gewächse, die zu diesem Zweck in Benutzung ge« nommen werden. Sie wäre vielleicht noch größer, wenn es nicht bei manchen Pflanzenstoffen zu schwierig wäre, die Fasern aus den Verknüpfungen, in denen sie sich von Natur vorfinden, i» geeigneter und hinreichend leichter Weise loszulösen. Der Bast, der die wertvollen Fasern enthält, ist mit der Holzröhre des Stengels z. B. beim Flachs fest verbunden, und zwar durch einen Stoff, der als Pettose bezeichnet wird. Die Pektose ist ein gallertartiger Körper, der auS Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff gebildet wird und weder in Wasser noch in Alkohol löslich ist. Um die Flachs- fasern zu gewinnen, muß diesePeltose inPekttnsäure verwandelt werden. ein Vorgang, der sich übrigens bei der Reifung der Früchte voll« zieht. Der Flachs wird zu diesem Zweck geröstet. Die Bezeichnung des Röstens gewahrt eine falsche Vorstellung, da eine Verwendung von Feuer nicht in Frage kommt. Der richtigere deutsche Ausdruck für diese Behandlung des Flachses ist vielmehr Rotten. Es wird in sehr verschiedener Art vorgenommen und besteht hauptsächlich in einer Gärung, die durch den Bacillus amylobactor, der auch die Buttersäure hervorruft, verursacht wird. Die alten Mittel zum Rotten de» Flachse» waren immer recht umständlich und zeit- raubend, und in manchen Ländern hat der Flachsbau hauptsächlich deswegen abgenommen, weil die benachbarte Industrie sich mit dieser umständlichen Verarbeitung nicht mehr befassen wollte. In neuerer Zeit find freilich andere Mittel vorgeichlagen worden. Statt des RottenS in einfachem stehenden oder fließenden Wasser werden die Fasern in geschlossenen Behältern der Wirkung von überhitztem Wasser und der von hochgespanntem Dampf und einer kochenden Sodalösung ausgesetzt. Jetzt hat der Franzose Peufaillit vor der .Gesellschaft zur Ermutigung der nationalen Industrie' ein neues Ver- fahren beschrieben, daö mit der Verwendung von Hydrokarbüreu arbeitet, sehr bequem und billig sein, dabei noch bessere Ergebnisse liefern soll als die bisherigen Mittel._______ Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielepp,' Neukölln.-- Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanjtaltPaul Smger 6-Co..BerllN LW.