Nnterhaltungsblatt des Horwiirts Nr. III. Mittwoch, den 11. Juni 1913 16] Das cntfelTcltc SchickfaU Roman von Edouard Rod. Paul erwiderte nichts. Doch sein Zorn war verflogen. Schweigend nahm er die Hand seiner Schwester. Roland hatte aufgehört zu schluchzen. Eng aneinandergeschmiegt der- harrten sie vor diesem Geheimnis. So fand sich ihr Vater, wo er seine Kräfte gegen die fürchterlichste der Anklagen brauchte, entwaffnet durch die plötzliche Entdeckung einer Wahrheit, die so lange in der Tiefe einer fernen Vergangen- heit geschlummert hatte. Der Ehebruch hatte, bevor seine Augen sich öffneten, die Lüge zu seinem Schicksal �gestempelt. Verrat unb Perfidie hatten an seiner Wiege gestanden, schänd- liche List führte ihn mit einem falschen Namen ins Leben. Eine ungetreue Mutter wachte an seinem Bett. Er liebte, ehrte und beweinte einen Vater, der nicht der seine war, und empfing wie von einem Fremden die Wohltaten und Zu- neigung des Mannes, dessen Blut durch seine Adern rann. War er nicht von Beginn an ein Spielzeug seiner Herkunft gewesen? Zweifellos hatte sich ihr Gift in sein Blut und in die Muttermilch gemischt. Sie hatte aus ihm den gemacht, den man eben geschildert hat. Er betrog ihre Mutter, wie die seine den Großvater, der auf dem Felde der Ehre gefallen war, betrogen hatte und der nicht wußte, welche Flecken seinen Heldennamcn beschmutzten. Lügen und Komödie! Was sollte man von den Tränen halten, die er ihrer Mutter nachgeweint hatte?... Vielleicht war es ein neuer Trug, weil er den Trug in sich weiterschleppte. Und bis wohin hatte ihn die Erblüge gebracht, bis zu welchem Abgrund, in den sie nicht ihre Blicke zu senken wagten? Warum sollten nicht seine Ge- schäfte davon durchseucht sein, wenn seine Vergnügungen es waren? Also Lügen waren diese Unternehmungen, die mit so viel Tam-Tam entstanden waren, der Bluff ihrer Prospekte, die Zahlen ihrer Jnventarien waren durch Un- Wahrheit vergrößert, das leichtsinnige Spiel mit fremdem Kapital, das Aufbauen von Häfen, Leuchttürmen, elektrischen Bahnen, Hochbahnen, Schwebebahnen. Es waren Lügen wie ihr Fainiliennaine. wie ihr Stammbau in � die Quelle ihres Seins, ihres Luxus, ihrer Ehrenhaftigkeit. Wo endete die Lüge?... „Also das ist das Leben?" murmelte Rense. „Das ist es!" erwiderte Paul bitter. Aber schließlich rief er in neuer Auflehnung:„Ist es unseres Vaters Schuld?. Diese Sache!? Jeder ist nur für seine Handlungen verant- wortfich!" „Man kann tödlich durch diejenigen anderer leiden!" sagte Roland leise. „Ein Storker macht sich frei. Ein wenig Energie ge- nügt. um zu widerstehen. Man verteidigt sich und setzt sich durch." „Vater hat sich lange durchgesetzt. Augenblicklich ist er schwach wie ein Kind." „Er ist noch nicht verurteilt. Er kann es nicht werden. Weshab sollte er bestraft werden für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat..." „Nein," sagte Ren6e,„aber wer weiß..." Sie unter- brach sich und fügte mit ihrer schönen, tiefen Stimme hinzu: „Die Schuld seiner Vergangenheit!" „Was sagst Du da? Man verurteilt einen Menschen nicht wegen der Schuld seiner Mutter und auch nicht un- klarer Dinge wegen, die jenseits des Gesetzes stehen. Man richtet ihn nach seinen eigenen Handlungen. Nun. Vater hat nichts Schlimmres als so viele andere getan: er hat gelebt, wie man in unserer Welt lebt, wie unsere Freunde leben und wie wir eines Tages auch leben werden." Er hätte hinzufiigen müssen: wie ich schon jetzt lebe, denn tatsächlich erfand er Geschichten, um Geld zu erhalten, er verlor beim Rennen Summen, die Lermantes lachend be- zahlte: er hatte Frauenzimmer gehabt, selbst die Frau eines Weltmannes war sein Verhältnis gewesen, und er hatte sich über ihren Gatten lustig gemacht. Aber aus Rücksicht für Ren4e schwieg er davon. „Die ihn jetzt quälen," fuhr er fort,„die ihn verfolgen und richten, sind sie besser als er? Durchaus nicht. Von Ehaussy und seinen gemeinen Artikeln weiß jeder, daß er Geld aus geheimen'Fonds bezieht: wenn seine Lügen noch nicht erstickt sind, verdankt er es verdächtigen Emissionen, die sein Handelsblatt lanciert. Und der falsche Zeuge d Entraque? Erinnert Ihr Euch noch der schmierigen Geschichte von dem vorgeschobenen Pferd? Wer hat ihm wieder aufgeholfen? Vater, den er auf den Knien gebeten hat. Und die Richter? Habt Ihr die Frauen gesehen, die im Saale saßen? Ich kenne die Geschworenen nicht, aber es sind Menschen wie die anderen. Sie sollten nur selbst bei sich Einkehr halten. Hört mir auf! Wir leben in einer Zeit, wo der eine so viel wert ist wie der andere! Das wissen sie auch, die ihm jetzt alles an- hängen. Sie sollen nur vor ihrer eigenen Tür fegen. Vater hat es so wie sie gemacht. Das ist alles, was man ihm vor- werfen kann. Darum schäme ich mich durchaus nicht für ihn." Voller Trotz betrachtete er seine Schwester und seinen Bruder, wie um sie herauszufordern, ihm zu widersprechen. Aber ihr Schweigen war keine Billigung. Von neuem ging er aufgeregt durch das Zimmer und schalt weiter: „Diese Lmnpen klagen ihn an! Sie wissen, daß er an dem Verbrechen unschuldig ist! So gut, wie wir es wissen, wie es die ganze Welt weiß! Ihr sagt beide nichts, ich hoffe, Ihr zweifelt nicht daran!" „Nein, gewiß nicht," versicherte Ren6e. „Nun, das ist die einzige Frage, die in Betracht kommt. Eine andere gibt es nicht. Und da sie entscheidend ist, be- Haupte ich, daß die Richter, die sich dagegen wehren, sie zu stellen, Sckiurken sind." Wieder schüttelte er drohend seine Faust ins Leere. Eine ohnmächtige Bewegung, deren Kinderei er als erster fühlte. Was konnte er gegen diese Menschen ausrichten, ob sie ehrlich oder Schurken, anständig oder ehrlos, loyal oder falsch waren. Sie hatten ihren Vater in der Hand. Sie hielten ihn in ihren Gefängnissen, um ihn vielleicht in das Zuchthaus oder ans das Schafott zu schicken. Sic handelten nicht durch sich und nach ihren individuellen Instinkten. Aber wie das Räder- werk einer Maschine handelten sie, von dem jedes Rad ins Leere schlug, wenn die anderen nicht gemeinsam funktionierten. „Schließlich üben die Richter ihren Beruf aus," ver- besserte er sich brummend.„Vielleicht sind sie ehrlich. Aber die anderen, diese Räuber, diese Schmarotzer! Glücklicherweise gibt es eine Vergeltung in dieser Welt. Der Tag konimt, wo ich sie fasse, wie sie uns fassen. Ich werde sie ohne Gnade zertreten." „Sprich doch nicht von Rache," sagte Roland.„Jetzt ist nicht der geeignete Moment dazu. Beschränken wir uns darauf, uns zu verteidigen. Diese Aufgabe genügt unseren Kräften." Nenäe fügte hinzu: „Nicht der Gedanke an Rache soll uns aufrecht erhalten. Sei sicher, daß der Vater auch nicht daran denkt, sich zu rächen. Er ist allein, er denkt an sein Leben, an alles, was er getan hat, was er nicht hätte tun sollen— an uns— an uns besonders. Paul befand sich in diesem Augenblick vor dem Schreib- tisch. Während seine Schwester sprach, wandte er eine kleine silberne Sanduhr um, die neben dem Schreibzeug stand und betrachtete die kleinen Körnchen, welche die Flucht dieser schmerzlichen Minuten zeigten. Wenn sie gefallen waren, bildeten sie kleine Häufchen, die sich erhoben, dann plötzlich wieder zusammenfielen und von neuem stiegen, um noch ein- mal zusammenzustürzen. Auch seine Gefühle wechselten jetzt wie fo häufig. „Wenn Vater Böses getan hat," sagte er mit düsterer Miene,„geschah es, weil er nicht an uns dachte, an uns, die wir für ihn bezahlen müssen." Dieses Mal unterbrach ihn Roland mit gebieterischer Miene� „Schweige Paul! Wir wollen nicht über ihn urteilen. Wenn man so viel erlebt, ist es schwer zu handeln, ohne zu irren. Wenn sich der geringste Irrtum gegen ihn wendet, ist es ein Unglück, über das wir keine Ahrechnung von ihm ver- langen können." „Wir können ihn nur beklagen," sagte ReniSc. Sie fügte leiser hinzu:„Und ihn noch mehr lieben." „Wir wollen unseren Feinden verzeihen," rief Roland. „Unser einziger Wunsch ist, daß man ihn uns wiedergibt. I« mefitcm Herzen ist kein Platz für eine andere Bitte und für einen anderen Gedanken.. „Würden wir nicht alles nach seiner Befreiung vergessen?" sagte Ren6s. „Ich nicht," erwiderte Paul.„Ich werde mich immer des Bösen erinnern, das jeder uns tat. Ich, ich werde mich dessen erinnern..." Ihm entging der tiefe Sinn der Ereignisse, den die beiden anderen fühlten. Er blieb der Mann seiner Rasse, der Sohn seines ehrgeizigen Vaters, der Nachkomme von Ahnen heftiger Begehrlichkeit. Selbst in seinem Unglück durchzog ihn noch die Sehnsucht nach Erfolg, Vergnügen, Besitz, Freude. Er litt nicht allein durch die Anklage, die ihn und die Seinen «drückte, sondern auch durch den Zusammenbruch ihrer Existenz, ihren Ruin. Er fühlte sich allein gegen Bruder und Schwester, in deren vornehnreni Schmerz Beherrschung lag, während er durch seine Bitterkeit bis aufs Blut gepeinigt wurde. Als er sie so ruhig sah, schrie er, anstatt sich ein Bei- spiel an ihnen zu nehmen, gequält auf. „Ihr fühlt nichts! Ihr seid mit einem Panzer von Gleichgültigkeit umgeben. Eure Nerven sind aus Baumwolle. Ihr könnt die Katastrophe nicht ermessen. Mir scheint, daß urir alles genommen ist, und ich bin verzweifelt." Vielleicht, weil Du zu sehr an Dich denkst," sagte Reuse. „Rense und ich," fügte Roland hinzu,„wir denken nicht an uns, unser Leben ist in dem vom Vater aufgegangen. Alle unsere Gedanken gehören ihm. Um seine Ehre, um sein Leben, um das allein handelt es sich jetzt. Da wir trotz allem an ihn glauben, wollen wir uns die Hoffnung wahren. Der Tag ist entsetzlich gewesen. Aber eine Stimme sagt mir, daß er trotzdem gerettet wird." „Was wollt Ihr," sagte Paul bitter,„ich bin kein Heiliger Etirer Art... ich höre keine Stimme." Aber alle drei umarmten sich jetzt in dem unendlichen Bedürfnis, sich gegen den Shirm zu vereinigen. Sie ver- sprachen einander, mutig zu sein. Sie versuchten das eben Gehörte zu besprechen, eine Prognose aus den Worten oder der Miene Brsvines zu ziehen, die Seelen der Richter und der Geschworenen zu sondieren. Aber ihre Gedanken schweiften ab. Ihre Unerfahrenheit erweckte in ihnen Illusionen, die sie einen Augenblick aufrichteten, aber die sich wie Wolken schnell verteilten. Dann wunderten sie sich wieder, daß sie noch immer denken und reden konnten. Die Kraft der Jugend gab ihnen Hoffnung, und doch begannen sie bald wieder zu verzweifeln. Sie weinten nicht mehr. Ihr Schmerz war so groß, daß sie keine Tränen mehr fanden. Minnas unliebenswürdiges Gesicht erschien in der Tür- öfsnung. „Fräulein, das Abendbrot steht schon lange auf dem Tisch." Das Abendbrot! Das Leben ging seinen alten Gang weiter wie alle anderen Tage. Die Gewohnheit, deren Sklave man blieb, übte auch jetzt noch ihre Macht aus. Sie emp- fanden den Hunger, wie sie die Hitze in dem fürchterlichen Saal empfunden hatten. Und sie würden nun essen und dann schlafen. „Schön, schön," antwortete Reuse. Die Tür schloß sich. Paul sagte seufzend:„Man muß essen!' „Man muß leben," antwortete Roland. .lLortsetzung solgt.), Das Idol. Von Wilhelm H e g c l c r« lSchlutz.j Gewöhnlich hat die Dämmerung das Zimmer ganz eingehüllt, wenn sie mit dem Erzählen fertig ist. Denn Hannchen will immer neue Geschichten hören. Und dann sitzen die beiden in langem Schweigen, die eine, die das Leben noch vor sich, und die andere, die es hinter sich hat. Die eine kann das Bild des flotten, schönen Burschen mit leib- lichcn Augen nicht mehr erblicken, hat es aber desto leuchtender in ihrem verklärungssüchtigen Herzen stehen und schmückt sein Leben mit immer neuen, liebenswürdigen und heroischen Zügen. Der anderen aber tritt aus dem Grauen des Dunkels, wie «in Gespenst, das doch Wirklichkeit ist, das wahre Bild der Ver- gangenheit entgegen: ein schwerer, aufgedunsener Mann, dessen Gesicht der Trunk entstellt hat, mit der von Pusteln besäten Nase, mit den heimtückisch funkelnden Augen. Schtvankend und schwer- fällig geht er auf sie zu, die Hände sind feindselig geballt, und nun erhebt er sie..- Alle bösen Instinkte hat der Alkohol in diesem Mann zur EntWickelung gebracht. Wenn er betrunken heimkommt, und in den letzten Jahren ist er es jeden Abend, dann gibt es Lärm und Zank und zerbrochenes Geschirr und wie oft auch Schläge. Und was das Schlimmste ist, der Vater hat den eigenen Sohn mit seinem Laster vergiftet. Schon der Schüler muß ihn auf seinen Fahrten begleiten, muß mit ihm gehen und Karten spielen. Der Student aber tut es freiwillig, mag Nicht davon lassen, trotz aller Tränen seiner Mutter. Und eines Abends kommen die beiden heim, nach langer Fahrt, den Tabaks- und Schnapsduft einer Dorflneipe ausströmend. Sind unterwegs in wilden Streit geraten wegen einer Bauerndiriw. Und der Zank spinnt sich am Abendtisch fort, um ein Nichts, um eine gebratene Gänseleber, die sie sich streitig machen. Schließlich springt der Alte wütend auf und will dem Sohn mit einem Messer zu Leibe. Der aber zieht seinen Revolver und schießt ihn über den Haufen. Und die unglückliche Mutter rafft alles Bargeld zu- sammen und läßt den Mörder entfliehen— auf Nimmerwiedersehen. „Ach Gott, Hannchen, mach' Licht!" stöhnt Frau Sanitäts- rat auf. „Schon, Mutter Schultzen? Es ist doch so schön in der Schummerstunde." „Nein, nein, ich fürcht mich im Dunkeln." „Sind Sie komisch, Mutter Schultzen. Fürchten?. Wer sollte Ihnen wohl was tun!" Frau Sanitätsrat aber eilt aus dem Zimmer, ihr Kopf fliegt auf den Schultern, und ihre Augen blicken ganz verstört. Sie läßt von Rosa Licht machen, im Flur und in der Küche. Dann stürzt sie sich auf irgendeine Arbeit, aber was sie anfaßt', entgleitet ihrer Hand. Und nun jammert sie, daß sie Weltschmerz habe. Hannchen aber schleicht sich auf ihr Zimmer und holt aus der verschlossenen Schublade ihrer Kommode eine kleine Photographie hervor, die sie Frau Sanitätsrat entwendet hat, das Bild eines Primaners, dessen verschleierte Augen so weich und verträumt sie anschauen, und dessen ein wenig geöffneter Mund ihr leise Zärt- lichkcitsworte zuzuflüstern scheint. Ihr Herz, in dem die Liebeskraft erwacht ist, das aber noch keinen Menschen gefunden hat. der es erfüllte, hat sich an dies Idol gehängt, und während dagegen alles Lebendige verblaßt, um- kränzt sie den toten Heros mit ihren, ganzen Gefühlsüberschwang, mit all ihrer blühenden Einbildungskraft. » qe * Eines Nachmittags sitzt Frau Sanitätsrat in ihrem Zimmer und rechnet, als es heftig an der Etagentür läutet. Sie öffnet. Da sieht sie einen ältlichen Mann mit zerzaustem, langem Vollbart und hört seine weinerliche Stimme: „Vitt schön, Madame. Ein armer Reisender. Eben aus dem Krankenhaus entlassen. Bitt schön um eine kleine milde Gabe. Oder um einen Teller Suppe." „Ach Gottchen, ich will mal nachsehe«. Es wird wohl noch was da sein.— Rosa! Rosa! Licht machen in der Küche, hörst Du?— setzen Sie sich nur, mein lieber, guter Bummler. Ja, da aus die Treppe. Ich will gleich was holen.— Was sind Sie denn eigentlich?" Mit einem schweren Aechzcn hat der Landstreicher sich auf den Stufen niedergelassen und wischt sich nun seinen kahlen Kopf mit einem roten Tuch, während er seinen verbeulten steifen Hut vor- sichtig auf den Knien hält. „Was— was ich bin, Madame? Allens. So jut wie allcns. Ich scheue keine Arbeit. Ich Hab jeschuftct wie ein Pferd. Können Sie mir glauben, Madame. Aah, Gott straf mich— aber nu sitzt es hier." „Im Magen?" „Jawoll. Im Magen. Und überall, Madame,'n armer, alter, kranker Mann. Und solchen Hunger! Solchen Hunger!" Mitleidig eilt Frau Sanitätsrat in die Küche und häuft auf den Teller die Ucbcrreste der Mittagsmahlzeit, die sie mit etwas ausgelassenem Fett, das gerade in der Pfanne brutzelt, übergießt. Das bringt sie ihm, und der Bettler fällt gierig darüber her. Frau Sanitätsrat und die kleine Rosa sehen ihm zu. „Schmeckt's denn, mein lieber Bummler?" „Na, jewiß doch, Madame. Unsereiner ist nicht mäklig. Unser- einer frißt auch mal'ne rohe Rübe vom Feld. Aber das hier iS sehr jut! Sehr jut!" „Und Sie kommen gerade aus dem Krankenhaus?" „Grademang heraus, Madame." „Was hat Ihnen denn gefehlt?" „I, Gott straf mich, ich weiß allein« nich," erwidert der Land- streicher, dessen Stimme jetzt den Ton schmutziger Vertraulichkeit angenommen hat.„Quatsch haben sie wollen mit mir machen. Sic sagten, ich hätte Delirium tremens. So'n Quatsch! Delirium tremens. Das macht doch Schultzc nicht!" „Wie heißen Sie?" „Schultze. Felix Alexander Waldemar Schultze." Ein leiser, dünner Laut, wie das Springen eines Glases. Der Landstreicher nimmt's für ein Lachen. „Ganz meine Meinung, Madame. Mein Alter muß wohl ver- rückt gewesen sein." Dann fährt er fort zu essen. Mit der Gier eines HundeS reißt er das Fleisch von den Knochen und schmackt und schleckt. Nach«inet Weile aber ruft Frau Sanitätsrat wieder Urit diesem fremdartigen, greisenhaft dünnen Stimmchen: „Rosa— das Gas— steck an!" Rosa kommt mit einem Küchenstuhl und dem Anzünder, und das Gas pufft empor. Der Stromer hat sich ächzend erhoben und reicht den leeren Teller der Frau Sanitäisrat, die auf ihn zu will, die die Hand ihm entgegenstreckt. Aber ihre Fühe drängen zurück, ihre Arme sträuben sich fort. Denn ihren Mann sieht sie vor sich stehen, noch verwilderter, noch wüster als im Leben, mit den heimtückisch funkelnden Augen, mit der von Pusteln bedeckten Säufernase. „Hab ich— Hab ich wat an mir, Madame? Was kucken Sie so?" „Was ich— was soll ich? Ich— find Sie— sind Sie— noch hungrig?" „Ob ich noch Hunger habe? Aber gewist doch! Unsereiner hat immer Hunger. Wenn Sie noch so'n kleines Schälrippchen haben. Und'n Droppen zu trinken, Madame. Es is ja so kalt drautzcn." Frau Sanitätsrat wankt in die Küche, und nachdem Rosa dem Bettler auf ihr Geheih neues Essen gebracht hat, sieht sie von ihrem Küchenstuhl aus ihm zu. Dem Sohn strebt ihr Herz entgegen, vor dem Ebenbild des Vaters schreckt es zurück. Ihre Hände singern wirr über ihr Gesicht, als suchten sie instinktiv den Kops zu halten, als suchten sie überhaupt an irgend etivas Anhalt. Ihr Unterkiefer ist herabgesunken, so daß ihr Mund ein klaffendes, schwarzes Loch bildet, aber zugleich zuckt um seine Winkel ein verhärmtes Lächeln. Der Stromer stößt mehrmals auf und trägt dann schwerfällig den Teller in die Küche. „So, Madame, das hat sehr gut geschmeckt. Besten Dank! Und ich mächt auch recht schön bitten, Madame, haben Sie nicht ein Paar alte Schuhe oder'ne alte Hose vom Herrn Gemahl?" „Nein, nein, ich Hab so was nicht." „Ach, Madame, gucken Sie mal nach. Es findet sich immer noch was." Dabei läßt er seine Blicke verdächtig in der Küche umher- schweifen. „Ich Hab nichts. Ich Hab nichts I" erwiderte Frau Sanitätsrat. „Dann könnten Sie mir wenigstens'n Groschen Schlasgeld schenken. Ich kann doch nicht im Freien übernachten." Da reißt sie das Küchenschubfach auf und entnimmt ihm ihr Portemonnaie. „Da nehmen Sie!" Der Strolch streckt zögernd die Hand aus und �greift dann gierig zu. Irgend etwas scheint ihm nicht geheuer,»sein gemurmelter Dank klingt ganz erschrocken. Rasch verläßt er die Küche. Frau Sanitätsrat aber greift sich noch immer an Stirn und Wangen. Dann fragt sie das kleine Dienstmädchen, das mit blödem Lächeln die ganze Zeit über dabei gestanden hat: „Wie hieß er?" „Wie er hieß? Wie die gnädige Frau." „Und mit Vornamen?" „Felix und dann noch Waldemar, gloob'ch." „Felix— Felix!" stöhnt die alte Frau. In diesem Augenblick stürmt Hannchen in die Küche und be- richtet mit keuchender Stimme: „Mutter Schultzen, unten steht ein Strolch. Der hat Ihr Portemonnaie gestohlen. Ich Hab gesehen, wie er unter der Laterne das Geld gezählt hat. Wo ist Ihr Portemonnaie?" „Was?— Was?" „Gestohlen Habs der Kerl. Jetzt laus ich zur Polizei." „Hannchen, nein! Ich hab's ihm geschenkt." „Was? Das ist nicht wahr! Der Kerl kommt ins Loch!" Und schon will sie zurückrennen. Aber Frau Sanitätsrat hat sich erhoben und klammert sich an ihrem Rock fest. „Nein, nein, Hannchen! Nicht auf die Polizei!" „Doch! Doch! Der Halunke soll's büßen." Da schreit die alte Frau auf, indem sie siä> Hannchen zu Füßen wirft: „Nein, nein! Es ist ja mein Kind... Mein Felix." Huf der SUberfpur der Schnecke» Von Alwin Rath. Ouer durch den schmalen Wiesenrain geht ein zarieS Gleißen und Schillern über den mit Mariensternen durchsprenleltcn grasigen Weg. Als liege noch ein feiner Festläufer, ein lang sich hinziehender Silberteppich dort, auf den die Elfen ihre tanzenden Füße gesetzt, als sie im Morgengrauen ins Märchenland zurückgezogen, ist das schmale leise funkelnde Band anzuschauen. Aber glcrch darauf ent- bülll sich, welch wunderseltsam Wesen hier die Spur seines Zuges Himer sich gelassen. Unter dem goldenen Sonnenschirm eine» Löwen- zahus kommt's langsam mit vorsichtig in die Luft zwischen dem Gräserwald tastenden, weit vorgestreckten Fühlern herangegliiten— so weich und sicher gleitet es, als führe es auf Gummi, dies Wesen mit dem„tastenden Gesicht"— und seines Hauses leichte Last, da» cS wie sonst keins der Erdenkinder gleich auf dem Rücken trägt allüberall, und, geht's über Busch und Baum fort, ge- lassen mit sich führt, liegt in kunstvollendeter Rundung mir staunenswert vollkommenem Spirakengang aus seinem weichen Rücken. So überaus weich und empfindlich ist dieser nackende Schneckenleib, daß es ihm unmöglich ist, über die rauhe Erde zn wandern, wenn er sicki nicht selbst den Weg bereitet und glättet, und so rollt die Ueberempfindliche immerfort einen zarten Teppich auS ihrem schleimigen Körper unter sich hervor, aus dem sie sich nach und nach weiterschiebt. Wo will sie nun hin, die kleine Kriecherin? Einen feuchten Hauch bat sie durch den grünen Graswald verspürt, wie von einem stillen Wiesenlümpel— an dessen Rändern sich ja die Tafeln zum Sckmausen für die Schnecken aufgestellt. Wie viele sieht man denn auch ein paar Schritt ab an der von Wasserlinsen überdeckten Fläche sich herumtummeln. Sie wissen es selbst nicht, welch sichere Hand- langer sie für die Wasserlinsen geworden sind, die sich den Schnecken zuliebe so glatt und dicht aneinauderschmiegen— ja, ohne die Silber- spur der Schnecke könnten sie nicht leben, die kleinen grünen Wasser- linsen. Wir großen Menschen sehen an der„Entengrütze", wie das Volk auch wohl die grüne Festwiese der Schnecken auf dem Wasser nennt, nur winzige linsenähnliche Blättchen. Niemand würde hier Blüten- pflanzen vermuren; und doch hat die Wasserlinse Blüten, zierliche, unglaublich kleine Blütchen, die wir mit bloßem Auge kaum ent- decken und die nur das Unentbehrlichste enthalten, Ivos zur Fort- Pflanzung notwendig ist. Trotzdem es nur geringer Bewegung bc- dürfte, um den Blumenstaub an die richtige Stelle zu bringen, ist nichts bei der Wasserlinse, die sich nur in ganz ruhigem Gewässer ansiedelt, recht dazu imstande. Der Wind nützt dem Pflänzchen kaum etwas, und die einmal ivie vor taumelnder Freude über den grünen Tanzboden rasenden Wasserwanzen und Schwimmkäfer sind zu flüchtig, um den an ihren Füßen hängen gebliebenen Blumenstaub an die richtige Stelle zu bringen. Da springen die Schnecken ei». Und gleich sind sie denn auch in einer wahren Generalversammlung hier zu schauen. Dort schleichen winzige braune Tellerchen, die Planorbisschnecken hin. Dort tummeln sich spitze Hüte, bald größer, bald zart und unansehnlich auf dem„Kops" der vielgestaltigen Schlammschnecken, wie eine kleine, höchst gemäch- liche Gesellschaft auf dem grünen glatten Parkelt durcheinander; da sind noch in allen Farben schimmernd, von dunkelbraun bis creme- gelb, die Bernsteinschneckchen und viele andere mehr. Alle aber iveiden bedächtig die Wasseroberfläche ab und ziehe» lange Furchen auf der Wasserlinseniviese, die ihnen soviel Freßbares an frischen und faulenden Pflanzenstoffen bietet. Zugleich aber sind sie, ohne es zu ahnen, die richtigen Vermittler, auf die die Wasserlinse wartet� denn so gründlich und exakt wie die Schnecken, besorgt kein Insekt die Verschleppung des Blumenstaubes. Diese Kenntnis der wunderbaren Beziehungen zwischen unseren Schnecken und den Blüten haben wir dem italienischen Gelehrten Delpino zu verdanken. Der interessanteste unter den von ihn, er- forschten Fällen bleibt aber wohl die Befruchtung einer gärtnerisch kultivierten Pflanze, der Bchockoa, japonica, weil sich hier die Blüten auch in ihrer Gestalt ganz offenbar den Schnecken angepaßt haben! Die Rhodeablütcn stehen dicht nebeneinander gedrängt, ähnlich wie die Blättchen der Wasserlinse, auf einem Kolben und sind oben in ganz merkwürdiger Weise abgeplattet, so daß ihre Blumenblätter mit den Staubgefäßen und den Narben in einer Ebene liegen. Diese ungewöhnliche Abnormität brachte Delpino auf die Vermutung, ob hier nicht eine Anpassung an über die Blüten wegkriechende Äcre vorliege. Das bestätigte sich denn auch. Zur Zeit der Blüte fanden sich verschiedene Schnecken iHelixarten) ein. die zwar einen Teil der Blüten abfraßen und sich dann auf einen anderen Blütenkolben begaben. Da nun aber die von den Schnecken berührten Blüten fruchtbar wurden, lag die Sache klar zu tage. Der Blumenstaub, mit dem sich die Tiere bei ihrem langsaincn Kriechen notwendigerweise bestreuten, wanderte mit ihnen von Pflanze zu Pflanze, und die Fortpflanzung war ge- sichert! Die Schnecken können eventuell, da sie unersättliche Fresser sind, großen Schaden anstiften. Mit einer Zunge sind sie be- wehrt, die das unbewaffnete Auge zwar nicht sieht. Aber bei entsprechender Vergrößerung-einer Mikrophotographie dieses geheime»«Verbrecherwerkzeugs" sieht man, daß in dem kleinen Schncckeurachen ein wahres Reibeisen arbeitet, das mit einigen Tausenden von Zähnen besät, wirklich tabula rasa macht, Ivo es einmal an einem Pflanzenstoff ansetzt. Viele Pflanzen haben sich der gefräßigen Schnecken denn auch geradezu ebenfalls „angepaßt". Sie halten in ihren Pflauzenkörpern ganze„Nüst- kammern von Pfeilen und Speeren", von zarten nadclförmigen Kristallen aus oxalsauerem Kalk, sür die empfindlichen Schnecken« zungen bereit. Außer mit diesen.Raphiden" wappnen sie sich aber noch mit bitteren widerlichen Tränklein, Säuren und Oelen, Die Gerbsäure der Erdbeeren, die scharfen ätherischen Oele der Pfeffer- minze, des Diptam, des Johanniskrauts usw.— all das haben die Pflanzen für ihre allzu gefräßigen Gäste, die Schnecken, zurecht- destilliert. Aber außer den Vegetariern findet man unter den Schnecken noch eine ganze Reihe, die etwas von einem saftigen Siückchen Fleisch hält. Sie wittern ihre Beute wie ein Jagdhund. Ebenso- wenig wie die Laudschneckcn, die oben auf ihren Fühlern ganz ver- kümmerte Augflccken tragen, sehen dieso Wasserschuecken nicht in ihren, feuchten Element. Am interessantesten darunter sind die so- genannten„geglitterten Fischreusen". Willern sie einen Seestern in der Nähe, so bewegen sie ihr Atemrohr, wie der Hund die spürende Nase, nach allen Seiten. Aber ganz sicher schwimmen fie noch nicht auf die Beute zu. Bald lassen sie sich hierhin bald dorthin ablenken, wie auch der witternde Jagdhund in Zickzacklinien der Spur des Wildes nachläuft. Endlich fallen sie über den Seestern her, der unter ihren Angriffen seinen schönen Strahlenleib konvulsivisch zusammenkrampft— doch selbst die schmerzlichsten lvildesten Krümmungen des Ueberfallencn lasten die hungrigen Räuber nicht von ihrem Opfer abstehen. Eine andere Raubschnecke ist der.Schrecken des Regenwurms", Testaoella nennt fie der Zoologe. Dies merkwürdige Wesen ähnelt unserer Wegschnccke, nur trägt sie uicht zu ihrem Schutz einen kleinen Mantelschild, sondern der ganze schmiegsame Körper ist in eine harte lederartige Haut gekleidet. Denn sie ist zugleich eine Miniererin wie der Regcnwurjn selbst, den sie in dem Labyrinth seiner unter- irdischen Gänge überfällt. Mir auffälliger Kraft weiß sie sich in den Boden hineinzugraben und dort lauert sie mit Maulwurf und Mäusen dem ahnungslos vorbeikriechendeu blinden Erdfresser auf, der allerdings viel schneller als seine Feindin ist. Hätte sie nur wie die übrigen Landschnecken eine gezahnte Zunge, würde sie meist des rasch sich davonkriimmenden Opfers wohl kaum Herr werden. Aber sie besitzt statt dessen, ähnlich wie Fischreusen, eineil Rüffel, den sie plötzlich weit vorschnellen kann. Eine Art dieser fleischfressenden Schnecke beobachtete Johnston auch im südlichen Frankreich. Zu dem Anormalsten aus dem Gebiet der Schnecken aber gehört wohl die Augenbildung der Onchidien-schnecken auf deren Rücken. Nicht zwei Augen tragen sie hier— das Wunder der Natur blickt hier aus einer ganzen Unzahl von Augen nach dem drohenden Feind I Der ganze lcderartige Rücken ist mit diesen spähenden Augen be° deckt, die fie ganz gewiß nicht zur Betrachtung des Meeressandes ge- brauchen, auf dem sie hinkriechen. Vielmehr spähen sie damit nach über sie hinschwimmenden oder hinfliegenden Fischen aus. Aber was würden ihnen die Augen allein nützen, wenn sie nicht ein Vorzug- liches Schutzmittel hätten, um sich des Angreifers zu erwehren. Außer mit den Augen ist nämlich ihr Rücken mit kleinen Drüsen de- sät, die mit einer beizenden Flüssigkeit gefüllt find. Zu deir ge- fürchtetsten Feinden der gern ain Strande hinkricchenden Onchidien- schnecken gehört eine Art Hüpffische(LsriopbÜiaimus)._ Diese erheben sich leicht einige Zoll in die Luft und werfen, wie Semper ausführt, oft schon von weitem ihren Schatten auf den Rücken der Schnecke. Diese hat ihre zahlreichen Augen(bei einem Exemplar zählte man S8 Stück 1) nach allen Richtungen gerichtet. Nun erblickt sie plötzlich den Fisch oder seinen Scholien; ebenso rasch zieht sich der ganze Körper zusammen und drückt nun von allen Seiten mit großer Kraft auf die in der Haut steckenden Drüsen.� Die kleinen Sekretkügelchen werden mit Gewalt aits den Drüsen- öffnungen hervorgeschleudert. Zu Hunderten und Tausenden spritzen sie in die Luft hinein, dem verfolgenden Fisch entgegen, für den die Schnecken ein wahrer Leckerbissen sind, da sie sich ihm gänzlich nackt darbieten. Aber getroffen von dem Sprndregen der kleinen, ihm schädlichen Geschossen wendet er sich erschreckt und verwirrt ab und die wehrhafte Schnecke ist vor der Vertilgung gerettet. Ganz auffällig ist aber, daß die Onchidien an Orten, wo fie nicht von nachstellenden Fischen zu leiden haben, auch keitte Rückenaugen zeigen. Eine ganz« Reihe von Augen tragen auch die sogenannten Käferschnecken auf dem Rücken, so daß die Onchidien nicht als die einzigen Wundertiere dieser Art dastehen. Die Käferschnecken haben, von oben gesehen, eine groß- Aehnlichkeit mit dem Bau unserer Käfer, da der Rücken gänzlich von einem Mantel horniger, sich rund vm den Körper schmiegender, manch- mal gar mit vielen Dornansätzen besäter Panzerplatten umgeben ist. Man erkennt die Augen außen als runde gewölbte Flecke, die das Licht stark brechen. Wie beträchtlich unter Umständen die Anzahl fein kann, zeigt die Feststellung Moseleys. der auf dein Rücken eine? großen Ercmplars 11500 zählte I Die Tiere sitzen gern dicht unter der Oberfläche des Wassers auf Felsen und Klippen, so daß sie während der Ebbe gänzlich trocken liegen. Naht ihnen nun eine hungrige Möwe, ein vorbeistreichender Storch oder sonstiger Hungergast, rollen sie sich im Schalenpanzer wie Affeln zusammen. lassen sich ins Waffer falle« oder rollen auf den Strand, wo sie mit ihren Deckfarben nunmehr nur noch wie ein runder Kiesel er- scheinen und auch für das schärfste Bogelauge nicht mehr zu er- kennen sind. Naht man ihnen aber vorsichtig mit der Hand, so saugen sie sich hin und wieder so fest an den Stein, daß man fie eher in Stücke reißen, als von der Unterlage abziehen könnte. kleines Feuilleton. Sprachkundliches. Kann etwas schön schmecken? Es gibt Gegenden in deutschen Landen, in denen man schön nur vom Aussehen gebraucht. in anderen aber stößt sich niemand daran, wenn man es auch vom Schmecken sagt. Die Frage, ob man sage könne, daß etwas schön schmecke, kann nicht entscheidend beantwortet werden. Die Ausdrücke, die von den Wahrnehmungen der fünf Sinne reden, haben alle BedeutungSübergäitge durchgemocht..Süß", ursprünglich nur.das Gefallende" bedeutend, wird vornehmlich von Geschmackswahrnehmungen gesagt, aber doch spricht man auch von einem süßen Gerüche" oder von süßen Tönen..Hell", mit„Hall" und.hallen" zusammenhangend, wird bis ins spätere Mittelalter hinein nur von GehörSempfindungen gebraucht, wie noch heute zum Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln. Beispiel.ein Heller Klang", und doch sprechen wir auch von hellen Farben, bezeichnen also damit auch etwas, was wir mit dem Ge- sichte wahrnehmen..Scharf", womit nach der Grundbedeutung etwas Einschneidendes benannt wird, dient zunächst nur zur Angabe von Empfindungen des Gefühls, daneben aber doch auch für solche des Gehörs, Geruchs und Geschmacks, loie„ein scharfer Ton", „ein scharfer Geruch",.ein scharfer Geschmack". Und mit demselben Bedeutungsübergange(vom Gefühl zum Ge- schmack) sprechen wir von.eine»« beißenden Geschmacke". Nicht anders verhält es sich bei dem Worte.schön", das, von„schauen" herkommend, ursprünglich nur daS.Geschaute",.Gesehene" bezeichnet, dann mit einer Verengerung der Bedeutung das dem Auge Wohlgefällige, das aber weiterhin auch für Wahrnehmungen anderer«inneswerkzeuge verwendet wird:.die Blume riecht schön", .die Musik klingt schön",„die Wurst schmeckt schön". Und daß ge- rade auch diese letzte Uebertragung nichts Ungewöhnliches an sich hat, wird der Leser vielleicht bei sich selber beobachten können, wenn er sich des gewiß auch von ihm bei besonders hervorragenden Gaumen- genüssen schon verwendeten Ausdrucks erinnert:„Schmeckst du prächtig!" Denn.prächtig" ist von.Pracht" abgeleitet, und dieses Wort heißt ursprünglich und in der älteren deutschen Sprache nichts weiter als„Lärm",„Geschrei", dient also zum Ausdrucke einer Gcbörswahrnehmung, während die heutige Sprache damit nur einen Gesichtseindruck wiedergibt:„Pracht der Ausstattung". Und doch wird das Eigenschaftswort„prächtig" unbedenklich auch für Geschmacks- empfindungen verwendet.— Der beanstandete Gebrauch des Wortes „schön" ist also nichts Sprachwidriges, und wenn er hier und da so empfunden wird, so kommt das nur daher, daß er nicht überall in deutschen Landen gleichmäßig verbreitet ist. Völkerkunde. Zigeunerzeremonien. Von einem Zigeuner wird uns geschrieben: Die Liuts(Zigeuner) waren von jeher, besonders für völkerkundliche Forschung ein interessantes Volk. Infolge ihres ab- sonderlichen Nomadenlebens haben fie selbst in unserer alles nivellierenden Zeit ihren exklusiven Charakter bewahrt und find auch jetzt noch einer der wenigen Volksstämme in Europa, der für die Volkskunde noch unmittelbares Anschauungsmaterial liefert. Wenn freilich die Vertreter der Zivilisation im sogenannten .Humanitätsjahrhundert" nichts Besseres zu tun wissen, als gegen dies vielgeschmähte Volk, das in Wahrheit weitaus besser ist als sein Ruf, mit neuen inhumanen Maßregeln vorzugehen, sich sogar nicht scheuen, die.Zigeunerfrage' durch ein„Ausnahmegesetz" zu lösen, so wird man bald nicht nur von den zigeunerischen Gebräuchen und der Zigeunersprache als von etwas Vergangenem sprechen können, sondern von dieser ganzen Raffe selbst. Allgemein verbreitet ist unter den Zigeunern eine eigentümliche Zeremonie DorvIsslrerpaKi(Gottesurteil) genannt. Vielleicht beruht diese Zeremonie auf einem uralten Volksglauben ihrer ursprünglichen indischen Heimat. Wenn auch die Erinuerung an diese alle Zeit und der indischen Vorfahren nur dunkel ist, so hat sie sich doch in mancherlei Gewohnheiten erhalten. Manches steckt dem Uotnu- notschel(Zigeunervolk) noch aus ihrer Vergangenheit im Kopfe, das infolge ihres Aufenthalts in christlichen Ländern nur eine christliche Färbung angenommeit hat. Denn bezüglich dieser Gottesurteile glauben die Zigeuner, daß ein Angeklagter durch unmittelbares Eingreifen der Gottheit überführt werden könne.(Aehnlich den durch Zwei- kämpf ausgetragenen Gottesgerichten im Mittelalter oder dem später dafür von der Kirche eingefiihrten Kreuzgericht.) Man unterscheidet sieben Arten solcher zigeunerischer Gottesurteile mit verschiedenen Proben. Nur die Beschuldigten müssen sich dieser Proben unter- ziehen. Durch Bestehen der Probe wird dann die Unschuld erwiesen. Wer sie nicht besteht, muß zur Sühne an den Kläger ein Geldopfer entrichten. Die zwei schwersten Gottesgerichte sind wohl das Dsotridongar- pagi(Zungenurteil), weil da der Angeschuldigte ein glühendes Eisen lecken muß. und das Lastsrrnpagi(Eisenurteil), bei dem er ein glühendes Stück Eisen zu halten hat. Findet keine Verletzung durch Verbrennen statt, so gilt es als ein Zeichen der Un- schuld. Beim Gnropagsi(Dornurteil) wird dem Angeschuldigten ein Dorn— in dessen Ermangelung vertritt auch eine Nadel die Stelle— in den linken Goldfinger gestochen. Fließt dabei kein Blut heraus, so wird er auch für schuldlos erklärt. DaS Dondipagsi (Salzurteil) besteht darin, daß die Augenlider mit Salzwasser de- strichen werden. Laufen dabei dem mutmaßlichen Täter die Augen über, so ist er schuldig. Auch daS DuUpaxi(Fetturteil) gleicht einer Verbrennungsprobe, wobei der Beklagte in heißes Schmalz oder in ein anderes siedendes Fett ebenfalls den linken Goldfinger, und zwar je nach der Schwere des Falle? drei bis neunmal, hinein- tauchen muß. Zeigen sich keine Blasen, so bewachtet man ihn für unschuldig. Stspagi(Sprungurteil) und Jahrengerpagi(Eierurteil) sind die zwei letzten und auch unschuldigsten Proben. Der Verdächtige muß mit Eiern, getvöhnlich mit neuit, nach einent Baum werfen und ihn wenigstens einmal treffen, um fiir unschuldig zu gelten oder von einem erhöhten Platze herabspringen, ohne zu Boden zu fallen. Diese sonderbaren Xrisuia(Gerichte) finden nur bei Gelegen- heit von Begräbnissen statt, wobei die betreffende Zeremonie vor- genommen wird, während die Kleider de? Verstorbenen verbrannt werden. --- Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckere» u.Verlag»a»jraItPaulSingec�Co.,BcrlinZ>V.