Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr� 112. Donnerstag ton 12. Juni 1918 17] l>as entfesselte Schxcklal Roman von Edouard Rod. 11. Kapitel. Am nächsten Tage konnte Herr Marnex erst nach einer längeren Auseinandersetzung mit seiner Frau und Tochter wieder zur Gerichtsverhandlung gehen. Beide wollten ihn durchaus zurückhalten. Sie machten Einwände, deren Schwere er fühlte. Weshalb sollte er einen Teil der Schande dieses Prozesses auf sich nehmen? Die Lau- heit seiner ehemaligen Beziehungen zu Lermantes befreiten ihn von dieser falschen Verpflichtung. Weder dieser traurige Schwager noch dessen Kinder würden ihm für seine Aufopfe- rung zu danken wissen. Kämen sie wirklich aus diesem fürchterlichen Elend noch einmal heraus, dann würden sie ihn nur von neuem durch ihren unverschämten Lurus beiseite zu schieben wissen, bis irgendeine andere Katastrophe kam. Trov des Widerhalls, die diese Gründe bei ihm fanden, ließ sich Herr Marntex diesmal nicht überreden. Sicher war es für ihn kein Vergnügen, nach Versailles zu fahren, und er erwartete von niemaiwem Dank. Aber er tat„seine Pflicht". Er wollte „ganz seine Pflicht" tun. und er nahm den Mund voll bei diesen Worten. In Wirklichkeit widersprach es ihm, im Schatten zu verschwinden, so zwang er doch die Leute, ihn zu loben. Man würde sagen: trotzdem er nie ein gemeinsames Interesse mit Lermantes hatte, fürchtete er nichts und hat die wnglücklickwn Kinder nicht verlassen. Das ist ein Mann mit Gemüt. Man kann ihn nur bedauern und ihn bewundern. So setzte er sich denn wieder neben Paul, hinter die Zeugen- bänke. Als die Zuhörer das ernste siumme Gesicht wiedersahen, dachten auch einige von ihnen so, wie er es eben be- rechnet hatte. Aber er nahm sich vor, jegliche Beziehung zu dieser unheilvollen Familie sofort nach der Urteilsverkündi- gung zu lösen. Der Saal bot ein etwas verändertes Bild. Levancher. Montjorat und einige andere fehlten. Dafür waren neue Gesichter erschienen. Der Zeichner Turla saß zwischen Frau Languard und Proz und skizzierte. Der Bau- meister Tony Gabiet, dessen Kunde Lermantes gewesen war, kam mit Raphael Nernier, einer ziemlich fraglichen Per- sönlichkeit. Alle waren früher gekommen und mußten länger warten. Die Stimmung war eine sehr lebhaste. Die unmög- lichsten Gerüchte kursierten im Publikum. Man kündete lleberraschungen. an, Theatereffekte, Enthiillungen. Frau Languard hatte von einem Rechtsanwalt, einem Freund ihres Mannes, erfahren, daß die Schuld von Lermantes sich offen- baren würde, während Nernier durch einen Rat des Appella- tionsgerichtes, der in engen Beziehungen zu Motiers de Fraifse stand, versichern gehört hatte, oaß seine Unschuld klar wie der 5£ag wäre... Daisy Tyndall benutzte die Zwischenzeit, um mit Frau de Luseney ein Gespräch anzukniipfen. Sie hatte ein feuriges Temperament, von ihrer Kunst erfüllt gab sie sich ganz und gar und bildete einen scharfen Gegensatz zu dem ein wenig affektierten Intellekt ihrer Nachbarin. Ihr schonungsloser Realismus war wie das Leben selber, dieses Leben voller ergreifender Offenbarungen, durch die sie leidenschaftlich bis zum Schmerz ergriffen wurde. Mit angespanntem Geist und scharfen Sinnen nahm sie mit jeder Biber ihres Seins an den Schauspielen teil, die durch ihre Phantasie geadelt wurden. Sie vibrierte noch unter der Aussage von Liüse Donnaz, die sie während der ganzen Nacht weiter ausgesponnen hatte. Während Frau de Luseney diese melodramatische Episode mit der Geringschätzung einer Präziöscn behandelte, die nur die feinen Nuancen schätzt, rief sie: „Aber liebe, gnädige Frau, das Melodrama ist überall im Leben wie das Vaudeville. Wir schwanken von einem zum andern! Zeigen so fürchterliche Ereignisse nicht, daß wir selbst in unseren schwärzesten Bildern nicht übertreiben? Wir reichen an die Wahrheit kaum heran." „Sagen Sie. daß nur sie verfeinern," sagte Touia miit seiner scharfen,'diiunen Stimme.„An und sür sich ist das alles platt, ohne Schimmer, ohne Interesse. Es wirkt nur, wenn wir es mit Glanz umgeben." Vor kurzem hatte er jene„Gedichte in Prosa" veröffent- licht, die etwas starken bnut-�ant hatten. Aber er spielte sich als den verfeinerten Aestheten auf, der die heilige Syntax, die gebräuchlichen Worte und die feststehende Moral verachtet. Daisy Tyndall schlug ihn init dem Fächer auf den Arm und rief: „Wie können Sie das hier aussprechen, wo diese Wirk- lichkeit den besten Roman übertrumpft? War das gestern platt und glanzlos?" Sie halte eine grobe, männliche Stimme, eine Posaune, welche die Klarinette ihres Freundes erstickte. Dieser antwortete mit einem Kompliment, dessen Ton jedoch wenig überzeugt klang: „Jedenfalls wäre es in Ihren Romanen aufregender gewesen I" Daisy Tyndall hatte sicherlich Fehler, aber sie besaß eine kräftige Aufrichtigkeit, die ihren Aussprüchen wie ihren Büchern einen eigenen und pathetischen Anstrich gab. „Schweigen Sie doch!" rief sie.„Wir sind nur ungeschickte Ncichalmier. Keiner von uns Nuirde imstande sein, ein Stück'wie dieses zurechtzuzimmern: man fühlt, daß das Lebe« seinen Stempel darauf gedrückt hat. Hat Sie jemals ein Buch, ei» Drama so gepackt wie dieser Dialog gestern?... Die Frau wollte schweigen, in ihrer Kehle ein Geheimnis er- sticken, das nur sie allein kannte, um es mit sich in ihr schon nahes Grab zu nehmen. Aber nein! Sie hat gesprochen, gegen ihren Willen! Eine unsichtbare Kraft hat ihr das Ge- heimnis entrissen, es ist ihren Lippen entschlüpft. Himmel, war das tragisch!" „Schön," sagte Jean Toma,„trotzdem müssen Sie zu- geben, daß die Szene des Hirten im König Oedipus viel besser ist." Er wollte der Marotte von Frau de Luseney schmeicheln, die ihm auch sofort zustimmte. „Ich bin ganz Herrn Tonias Ansicht. Diese Szene war nur ein Entwurf. Es�ehlte ihr die Schönheit. Die Frau hat nicht gesprochen, wie man es in einem guten Buch liest. Nur der Stoff war vorhanden. Ein Meister hätte ihn von diesen Schlacken befreit. Sie znm Beispiel, gnädige Frau, hätten daraus ein ergreifendes Bild geschaffen, wie man es häufig in Ihren entzückenden Werken findet. Ach, die Künstler sind glücklich: sie sind nicht genötigt, sich das Leben znm Modell zu nehmen. Sie erneuern und verbessern es." „Das wiederhole ich unserer Freundin beständig." sagte Jean Toma. „Aber sie glaubt es nicht, mein Kleiner," wiederholte, sich ereifernd, die Romanschreiberin.„Nie wird sie es Ihnen glauben. Sie hat zu viele Dinge gesehen, gelesen und ver- standen, um nicht zu wissen, daß das Leben über der Kunst steht und der Künstler es nie erreichen kann. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeite ich an diesem Stoff: ich bin nicht weiter als am ersten Tage. Die Kunst ist niemals wahr und wird es keinen Augenblick sein, tvenn sie das Leben verbessert." „Sie sehen doch, daß wir uns einig sind," quietschte Jean Toma. „Nicht im geringsten, mein Kleiner! Aesthetiker wie Du..." Daisy Tyndall bemerkte das unheilvolle Duzen: sie konnte es nicht mehr ungeschehen machen, und mutig nahm sie die Unannehmlichkeit auf sich: „... entstellen die Wahrheit mit Bosheit und Freude wie kleine, perverse Affen. Sie hassen sie und haben Furcht vor ihr. Deshalb schaffen sie nie etwas Wertvolles. Aber Realisten wie ich huldigen ihr, wie toll rennen wir hinter ihr her und brechen uns die Arme entzwei bei dem Versuch, sie zu umfassen. D» siehst, wir sind uns gar nicht einig!" Sie ivollte sich über die familiäre Art totlachen. Ihr dicker Körper wurde so heftig geschüttelt, daß ihre Nachbarn sich umblickten. Frau de Luseney war einerseits.entzückt über ihre Lebhaftigkeit, andererseits.von ihrer Ungeniertheit un- angenehm berührt und fragte sich, ob Daisy Tyndalls Worte bedeutend genug gewesen wären, um ihren ungehörigen Ton zu entschuldigen. Während dieses ästhetischen Zwischenspiels diskutierte man auf den anderen Bänken über die Artikel des Sans- culotte:„Ein Apache", in dem Chaussy die Sitzung des vorher- gehenden Tages interpretierte. Tie Feindseligkeit sickerte durch jede Zeile. Eine teuflische Kunst, aus Perfidie, Lüge und Ironie bestehend, schilderte die Vergangenheit des An- geklagten juif eine Weise, die Lermantes widerwärtig machen mußte, lsein gewaltiger Fleiß war nur Gcumerei. um alle fünf Erdteile einzustecken. Die Resultate des Verhörs waren frech von Chaussy gefälscht und die verbrecherischen Absichten des Angeklagten durch das Zeugnis von Herrn d'Entraque so durchsichtig, mit einer solchen Klarheit enthüllt, daß man der größte Einfaltspinsel sein mußte, uni noch daran zu zweifeln. Ter„Apache", der geschickt durch den Bluff seiner Prospekte den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen hatte, verwandelte sich so leicht in einen Mörder, wie die Puppe ein Schmetterling wird, und es kaum selber merkt. Lermantes hätte diesen Schritt leichten Herzens unternommen. Jetzt leugnet er die Augenscheinlichkeit mit einem Zynismus, wie man ihn nie in den Jahrbüchern der Kriminalistik gelesen hatte. In den Logen wurde der Artikel mit den« Vertrauen ge- lesen, das die kleinen Leute trotz vieler gegenteiliger Ersah- rungen den. Gedruckten entgegenbringen. Man las ihn ärgerlich, entrüstet, auch verwundert, am Tage vorher so schlecht verstanden zu haben, weil man gar nicht den klaren Eindruck wie jetzt hatte. Man las jeden einzelnen Satz, mit dem schnell erregten Zorn der Menge gegen einen Angeklagten, empört über die Langsamkeit der Bestrafung und voller Mißtrauen gegen eine Gerechtigkeit, deren Schwert zu schlagen zögerte. Die Leute auf deu reservierten Plätzen lasen die beißende Rede, ohne ihr zu viel Glauben zu schenken, doch empfanden sie dabei ein boshaftes Vergnügen, das aus blasierter Gleich- gültigkeit, Skeptizismus. Bitterkeit und Grausamkeit gemischt war. Ter aufdringliche Valens suchte den Artikel Frau d'Entraque unter die Augen zu halten, und sagte in schaden- frohem Tone: „Sehen Sie, gnädige Frau, das Zeugnis Ihres Maunes ist die Hauptsache. Chaussy setzt das iu der zweiten Spalte sehr gut auseinander." Sie stieß die Zeitung zurück, und die Antwort, die wie ein Schrei klang, verdutzte ihn. „�ch glaube nichts voll diesen Gemeinheiten!" D Avoise und Choffart delektierten sich. Solche Skandale schadeten der Regierung. War auch Lermantes nicht Mitglied des Parlament?, so waren an seinen Geschäften viele Par- lamentarier beteiligt, und sie wurden durch seine Enthüllungen getroffen. Wenn auch Chaussy selbst zweideutig tvar, so diente, er doch der guten Sache, indem er diesen Elenden an den Pranger stellte. ,« „Ja," sagte ernst d'Avoiie,„Chaussy arbeitet für uns." „Sie können beruhigt sein, er arbeitet zunächst für sich selbst," sagte ein Nachbar, den er nicht kannte. Proz hielt Crevola, der mit dem großen Kunsthändler Cormoret gekommen war, die Zeitung hin. Zuerst lehnte dieser ab, weil er nie Zeitungen las. lFortsetzung folgt.)! foiue Zeit Pon Fritz Mülle r. Ter Generaldirektor Weiemann hatte keine Zeit. Ter Generaldirektor Weiermann war zeitloc-. Zeitlos nicht im ewigen Zinne, sondern zeitlos im irdischen Zinne. Ter Generaldirektor Weiermann war ein mächtiger Herr. stünszigiausend Leute standen unter ihm. Sein Name hatte einen Schwung und einen Hammerschlag wcitum im Land. Aber, aber — er hatte keine Zeit. Ter Generaldirektor�Weiermann war eine Säule in der deut- sckcn Volkswirtschaft. Seine Tatkrait slampstc Riescntrusts aus dürrem Boden über Tag und unter Tag, im Eise», in der Kohle. Aber, aber— er hatte keine Zeit. Ter Gsneraldirektor Weiermann warf die Fäden seines Wirt- jchastSiietzes übers Weltmeer. Schulen schuf er. Bibliotheken warf er übers Land, und an der Spitze großer Meufchlichkeitsideen stand er. Aber, aber— er hatte keine Zeit, Es war schon eine Weile her, da schrieb der Generaldirektor Weiermann noch eigenhändig Briese an die guten Freunde. Und in jedem Briese lag ein Stück von seiner großen Seele drin. Dann drängten Pläne und Entwürfe. Und Generaldirektor Weiermann diktierie seine Briefe an die besten Freunde..Lieber Freund" diktiert? Das gab keinen schönen Klang. Jedoch, was wollen Sie —. er hatte keine Zeit. Und wieder eine Weile später hieß es auf die lebenswarmen Briefe alter Kameraden:„Herr Mittermaicr, bitte schreiben Sie mal dem Manne da was— was Nettes— Sie verstehen schon so recht persönlich..." Und Herr Mittermaicr schrieb dem Mann persönlich:„Im Besitze Ihres sehr geehrten.. Denn Herr Generaldirektor Weiermann hatte eben keine Zeit. Und wieder später las der bezahlte Sekretär auch die Briefe an Herrn Generaldirektor Weiermann.„Auch jene mit„Persön- lich!" und„Privat"; Herr Generaldirektor? fragte der Herr Mittermaicr.—„Alle— sehen Sie, Sie sind ein feiner Kopf, und ich, ich habe wirklich keine Zeit." So gings mit seinen Freunden. Bei den Seinen aber ging es so, daß er sie nur beim Mittagesien sehen konnte. Und ich muß es ossen sagen, Generaldirektor Weiermann hat niemals Brief« oder Zeitungen beim Mittagessen in sich aufgenommen. Das Mit- tagessen, das gehörte der Familie und den— Telegrammen. Erst waren es nicht allzu viele. Ein paar vor der Suppe. Dann drängten sie sich auch zwischen Fleisch und Suppe und Hagelten ber Obst und Nüssen. War es da ein Wunder, daß der Generaldirektor Weiermann am Ende keine Zeit mehr für das Mittagessen hatte? Er ging zu einem�tüchtigen Mechaniker. „Sagen Sie mal, Bester, könnten Sie mir einen— die Kosten spielen keine Rolle— könnten Sie mir eine Art Ersatzmann für daK Mittagessen konstruieren?" Nun ist es eine alte Sache: Wenn das Geld kein« Nolle spieltt so kann man alles konstruieren./ Also saß alsbald ein ordentlicher Ersatzmann für den General- direktor an dem Mittagstisch und aß für ihn. Denn der General- direktor hatte wirklich keine Zeit." Und so war ja alles gut. Auch die Familie war für das erst« zusrieden.„Ganz wie Bater", sagten seine Kinder, während den Ersatzmann atz. Dann aber kamen sie— begehrlich, wie nun Kin- der einmal find � und wollten auch noch haben, daß das Ding an ihrem Tische spräche. Wieder ging der Generaldirektor zu dem tüchtigen Mechaniker — für die Seinen war ihm nichts zu viel— und sagte: „Hören Sie mal. Bester, mein Ersatzmann soll auch sprechen — das Geld spielt keine Rolle, Sie verstehen." Der Mechaniker verstand und konstruierte einen Sprechanis- mus in das Innere des Ersatzmannes. Der funktionierte wunder� voll. Das sprach und sprach und wurde niemals müde, aus irgend eine Frage eine Antwort zu erteilen: „Ach sieh, Mama, ach sieh, so viel und so geduldig hat der Vater nie zu uns gesprochen!" „Das Herz fehlt, das Herz bei Eurem neuen Vater." „Ach Mutter, weißt Du, wir wollens einmal dem Herrn. Miltermaier sagen." Und sie sagten eS dem Herrn Miitermaier. Und dieser trug es zwischen zwei Aktiengesellschastsgründungen in einer gestohlenen Minute dem Herrn Generaldirektor vor. „Das Herz?" murmelte der,„das Herz?-- Herr Mitter- maier. Der Aussichtsrat des neuen Trusts steht vor der Tür. Ich habe nicht viel Zeit, Machen Sie mal heute nachmittag die Sache ab mit dem Mechaniker, nicht wahr?" Und Herr Mittermaicr machte die Sache mit dem Herzen«b bei dem Mechaniker. Es war eine verteufelt schwere Sache, das ist wahr. Jndeffen, da das Geld nicht die geringste Rolle spielte.... Tie Jahre kamen und gingen. Riesengroß erwuchs das Werk' des Generaldirektors Weiermann und überschattete die Länder.. Hunderte von Stahlwerken schrieben nächtlich seinen Riesennamen rot in dunkle Wolken, Den Jndustrieiaiser hießen sie ihn aller- orten und den mächtigsten Mann der Erde. Auf diesem Höhepunkt seines Ruhmes fand ihn sein Jubiläum und sein weißes Haar. Als das Fest vorbei war, an dem die Großen der Erde feinem Werke huldigten, ging der Generaldirektor seinen alten Eiseuschritt in das Bureau. Auf einmal zitterten ihm die Knie. Aus einmal warf eine. alte Erinnerung die sonderbare Haube über ihn, die alles klein und nichtig scheinen läßt, was man besitzt, und riefengroß, was man verloren hak. Und seine alten Füße gingen einen lang vergefscnen Weg über Höfe, Straßen, Gänge, hinein in ein stilles, trauliches Zimmer, in welchem eine Frau, ein Man» und Kinder um eine Lampe saßest und sich freundlich unterhielten. Es war schon eine alte Frau und fast ertvachseuc Kinder. Fragend sah ihn die Frau an. Sie kannte ihn nicht. Scheu sahen ihn die Kinder an. Sie kannten ihn nicht. „Sie, Herr! Was wollen sie im Kreise meiner Lieben!" rief er den Mann an, der bei ihnen faß. Und der Mann wandte ihm ein Gesicht zu, das er kannte. War das nicht der Ersatzmann, den er vor langer, langer Zeit einwal bei einem Mechaniker „Machen Sie, daß Tie fortkommen. Sie Automat, verfluchter!" „Sie irren, Herr, ich bin kein Automat, ich habe ein« Seele, und ich habe Menschen, die mich lieben." Und der Zitternde sah in ein von jahrelanger Liebe überstrahltes Antlitz. .Dem fremden Manne ist nicht gut", sagte diese? Antlitz WS Zimmer zurück,»ich will ihn in«in Sanatorium bringen." Da schlug der Generaldirektor ein gellendes Gelächter auf. Ueber Gange, Straßen, Höfe wankte er in seinen Arbeitsraum zu- rück. In«inen Stuhl sank er und starrte vor sich hin, wie Auto- maten starren: Ziffern sah er, Ziffern, Riesenziffern. werter nichts als Und von den Ziffern sah er in sein Innere? hinab. Und daS war leer.--- Leipziger ßaufacb-Hiiöftellung» Baumaterial und Baustoffprüfung. Zwei Baustoffe stehen auf der Baufachausstellung am deutlich- sten rm Wettbewerb: der rein« Eisenbau und der Eifenbetonbau. Das Monument des Eisens, das die Stahlindustriellen in Gestalt der 30 Meter hohen Eisenpagod« erbaut haben, erinnert daran, daß das Material den Stil schafft, und die Betonhalle steht eben aus dem Grunde gegen das Monument des Eisens zurück, weil ihr Schöpfer«S vorzog, dies« Betonhalle in einer durchaus antiquierten Stilsprach« aufzuführen und jeder dem neuen Baustoff innewohnen- denen Anregung zu neuen Bauformen aus dem Wege ging. So will der Eisenbau künstlerisch und technisch neue Wege zeigen; der Betonbau beschränkt sich auf das technische Exempcl. Funkelnagelneu ist freilich weder Eisenbau noch Betonbau; wahrscheinlich hat man ahnliches schon im Altertum gehabt, wir wissen nur zu wenig davon. Aber eines haben die Alten sicher nicht gehabt: den Baumaterialienmarkt und das Jndustrierittertum, das sich auf ihm neben reellen Förderern breit macht. Und etwas anderes fehlte den Alten sichrlich auch: die Nervosität des bauwirt- schaftlichen Rechenexempels. das zur raffinierten AuSnützung des Bauplatzes, der Bauhöhe, der Baumaterialien führt und das die funktionierenden Bauglieder in ihren Ausmessungen beschneidet, wo es nur geht. Da ist kein Platz mehr für eine massive meterstarke Wand, kein Raum mehr für eine ordentliche Balkendecke, geschweige denn ein Gewölbe; freitragend« in sich selbst versteifte dünne Wände, freitragende Decken ohne Unterzüge, Treppen ohne Wangen. Ja, wenn es ginge, bauten wir am liebsten alles aus Stahlblech; denn: wir brauchen immer mehr Raum, aber wir kxiben, dank un- serer Bodenwirtschaft, weniger Raum als früher. So schinden wir den Raum aus dem Baumaterial heraus und je geringer seine Querschnitt« werden, um so mehr kommt es nun auf seine Festigkeit und auf feine Konstruktion an. Wie sehr, das beweisen die vielen Unglücksfälle, die seit zivanzig Jahren die freitragenden Decken und ähnlich« moderne Baukonstruktionen bewirken. Die Baumaterialien auf der Baufachausstellung Erlangen«in Studium für sich. Was wir da an Spezialbaustoffen sehen, ist meistens eine Ablösung der Handarbeit des Maurers, ist eine Bcr- drängung der Zimmermannsarbeit und der Arbeit des Stein- inetzen. Die Materialien, die früher von Fall zu Fall auf der Arbeitsstelle in bestimmte Ausmessungen gebracht werden mutzten, liefert die Ziegelstrangpresse, die Zementguhform, daS Eisenwalzwerk bis auf den Millimeter gcnäu. Die Betonbantcchnik hat den Zimmermann zum bloßen Einschaler gemacht; die Eisenbautechnik braucht ihn höchstens noch zum Gerüstbauen, wenn sie ihr eigenes eisernes Gerüst nicht mitbringt. Dem Maler hat die industrielle Baukeramik die Wandbemalung und den Wandanstrich genommen; die modernen Dachziegel brauchen fast den gelernten Dachdecker nicht mehr, um ein dichtes Dach zu geben. Dem Bauklempner und dein Bauschlofscr nimmt die Bauartitclsabrik die meiste Produktion aus den Händen und überläßt ihm nur noch die Anschlägerarbeit, an die sich der Gasmann schon gewöhnt hat. Die Türen und Fenster find Grossoartikel geworden, sind keine eigentliche Tischlerarheit mehr. Diese industrielle Ablösung der Bauhandwerksarbeit ist unvermeidlich gewesen, aber für den aufmerksamen Beolachter war sie nicht erfreulich. Die Qualität der Bauarbeit hat sich dadurch überall verschlechtert und es sind nicht nur die billigsten Miet- tasernen, auf die das zutrifft. Die Submissionen helfen noch dazu und natürlich auch unsere Bodenpolitik und die rapide Umwertung aller Berhältnifs«. Früher wurde«in Haus für� Jahrhundert« ge- baut, und heute ist die Lebensdauer einer Mietiasern« mit fünfzig Jahren schcur hock) gegriffen, und in dieser Zeit muß sie amortisiert sein. Billig bmien! ward die Parole. In der Technik des Eisenbaues und des Eisenbetonbaues sanden die Männer vom Bau sreundliche Helfer. Es ward möglich, schnell zu bauen, hoch zu bauen und verhältnismäßig billig zu bauen. Allein, die Nackenschläge blieben nicht aus; sowohl Eisenkonstruk- tiouen stürzten ein, als auch Eisenbetonbauten. Meistens wegen u>ang«luder Sachkenntnis der Bauleute von oben bis unten, dann ober auch ost, weil die techiiischen Grundzüge für die neuen Bau- weisen erst gesucht und erprobt werden mutzten; eine falsche stati- stische Berechnung, eine unrichtige itnickformel nach der anderen wurde überholt und berichtigt, manchmal noch zur rechten Zeit, nianchinal zu spät. Die neuen Baumaierialien waren infolge der Verringerung des Querschnittes einer höheren Belastung ausgesetzt: ihre Druckfestigkeit mußte sich erst erweisen, manchmal auch noch zur rechten Zeit und manchmal zu spät. Tann tauchten neue Frage» aus, z. B. die Fciierfestigtcit; man erkannte, daß Granit i» tragender Funktion»«Niger fruerbeständig ist als etwa Eichen- oder Mahagoniholz, und daß Eisen in einem brennenden Hause wegen seiner in glühendem Zustande unvermeidlichen Durchbiegung zum Zerstörer der Grundmauern wird, und daß eiserne Treppen wie auch Granittreppen im Feuer viel bedenklicher sind als etwa eine verputzte Holztreppe. Beim Montierbau, also beim eigentlichen Eisenbeton zeigte sich dagegen wieder größere Feuere sicherheit. Di« wäre aber gar nichts wert gewesen, wenn die Befürchtungen sich bestätigt hätten, daß das Eisen im Zement allmählich zerrost« und dann ein Betonbau auseinander fallen müsse, Diese Befürchtung ist zerstreut, denn Eisen kann in Zement nicht rosten, aber jetzt kommt aus Amerika die neue Befürchtung, daß durch vagabondierend« elektrische Ströme das Eisen im Beton gewaltsam korrodiert, also zum Rosten gebracht werde; trifft das zu, so kann die Folge sein, daß die Wolkenkratzer eines TageS wieder abgetragen werden müssen, wenn sie nicht selbst zusammenstürzen sollen. Man sieht, die neuen Baumaterialien haben sehr wichtige Fragen aufgeworfen, von denen das alte Bauwesen nichts gewußt hat. Es sind Fragen, deren Beantwortung nicht der Erfahrung überlassen werden darf. Die Alten konnten, oder vielmehr, sie mußten sich auf ihre Erfahrungen verlassen, und sie schöpften daraus ihre empirischen Grundsätze über die Mauer, und Balkenstärken, übeq die Spannweiten und die Drucklasten und Widerlager; die stati, scheu Gesetze suchten sie intuitiv zu erfassen, ehe sie erkannt waren. Unsere Zeit aber hat für ein so beschauliches Bauen kein« Geduld mehr. Das moderne Bauwerk steht bis auf die kleinsten Maße berechnet und in seiner theoretischen Festigkeit geprüft, auf dem Papier, und dann geht das Bauen ohne weitere schöpferische Gedaiikentätigfeit rasch vonstatten. Diese Methode setzt voraus, daß alle Baumaterialien, sowohl die natürlichen als auch die künstlichen, in ihren Baueigenschaften bekannt sind, daß man die Grenzen ihrer Druck-, Zug- und Bruchfestigkeit weiß, ihre Härte, ihre Biegsamkeit, ihre Feuerbesiändigkeit, ihre Wetterfestigieit in die Rechnung einstellen kann, und daß auch ihre sonstigen Eigenschaften� die Hygroskopizität, die Porosität, die Wasser- und Frosibeständig- keit bekannt sind. Und so hat sich für diese Fragen eine besondere Wissenschast ausgebildet, und in großen staatlichen Anstalten werden die Baumaterialien auf alle diese Eigenschaften geprüft. An drei oder mehr Stellen kann man die Methoden dieser Materialprüfungen in der Ausstellung kennen lernen. In einer eigenen Hall« ist die ganz besonders interessante Aus- stellung der Kgl. Sächs. Mechanisch-Technischen Versuchsanstalt untergebracht. Die praktischen Vorführungen jeden nachmittag um 4 Uhr sollte niemand versäumen. Wir sehen da, mit welcher Ge- nauigkeit die Baustoffe geprüft werden können und wie fein die Meßinstrumente sind, wie sie schon ganz minimale Durchbiegungen und Streckungen anzeigen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind. Wer sollte z. B. denken, daß eine fünf Meter lange Eisen- bahnschiene, die an beiden Enden aufliegt, schon eine Durchbiegung erleidet, wenn man sie nur leicht mit dem kleinen Finger berührt; mit einem optischen Spiegelapparat läßt sich diese Durchbiegung jedoch nachweise». Andere Appmate zeigen die Streckfestigkeit und Zerreißgrenze, also die Zähigkeit des Eisens. Eisenbolzen von normalen, auf internationale» Pereinbarungcn beruhenden Abmessungen werden in Maschinen gespannt, die mittels hydraulischer oder pneumatischer Kraft diese Bolzen anseinanderziehen und die dabei bis zum Zerreißen berbrauchtc Kraft selbsttätig anzeigen. Eine ganze Menge solcher Maschinen verschiedener Systeme sind vorhanden. Das gleiche gilt auch sür die Maschinen zur Prüfung der Druckfestigkeit der Gesteine und der künstlichen Baumaterialien. Auch hier liegen internationale Bereinbarungen zugrunde: Würfel von ö Zentimeter Seitenläng« in der Regel, die genau zugeschlifsen sind, iveil jede Abweichung von der Parallelität der Flächen das Prüfungsresultab verändern würde. Bei den künstlichen Baumaterialien, den Beton- massen, den Zcinentgußsteinen, den Kalksandsteinen, den Backsteinen beruht auch die Herstellungsweise aus vereinbarten Normen. Sowohl die Sandkorngröße als auch die Mischungsintensität mit dem Zement oder Kalk, der Wassergehalt, der Pressungsgrad in der Form, alles darf bei einzelnen miteinander in ihren Baueigenschaften zu vergleichenden künstlichen Baumaterialien nicht verschieden sein, und deshalb find auch hierfür wieder besondere Ma- schinen konstruiert. Die menschliche Arbeit ist ausgesckmltet. um die größte Genauigkeit und Gleichmäßigkeit zu erziele», und so wird schließlich die zivangsmäßig arbeitende Maschine der unbestech- liche Vertrauensmann des Bausaches bei der Auswahl der künstlichen Baumaterialien. Ungeheuere Drucklasten sind es, die angewendet werden können; 45 000 Kilogramm und mehr sind nötig, um einen solchen Würfel von Beton zu zerdrücken, und die Druckfestigkeit mancher natürlichen Gesteine ist natürlich noch viel höher. In dem runde» Wandelgang der Betonhalle finden«vir dieses Thema fortgesetzl; die Sonderausstellung der Beton- und Zement- industrie ist es, die die Festigkeit des Eisenbetons gegenüber anderen Banmatcrialien nachweist. Da sehen wir Eisenbelondecken, die durch Belastung zum Durchbiegen und zum Zerspringen gebracht worden sind. Es gehören bei einer vollständig abgebundenen Deckenkonstruktion aus Eisenbeton schon ungeheuere Lasten dazu, um das zu erreichen. Auch hier ist die Verteilung der Last und die Steigerung der Belastung nachträglich ermittelt und aus den Schau- nückcn eingezeichnet worden. Besonderes Interesse verdienen auch die Baukonilruktioncn, die im Feuer gewesen find. Es zeigt sich. daß sie viel weniger gelitten haben, alS etwa Granitpfciler, und — 448— baß ein Eisenbetonpfeiler auch dann noch tragfahig bleibt, wenn neben ihm Walz- oder Gußeisen schon längst in glühendteigigem Zustande zusammengesunken ist und alles, was auf ihm lastet, mit in den gliibenden Schlund gerissen bat. Das künstliche Baumaterial mutz aber auch noch unter einem anderen, nämlich unter künstlerischem Gesichtspunkt betrachtet wer- den. Unsere historische Stilbaukunst ist auch auf historische Bau- Materialien zugeschnitten imd jedes neue Material nimmt sich zu- nächst wie ein Fremdling aus, so daß es z. B. unter den Heimat- schützcrn auch solche Richtungen gibt, die sedes nicht traditionelle Baumaterial von vornherein verwerfen möchten. Natürlich geht das nicht an, denn die Entwickelung läßt sich nicht aufhalten, und. es muß also doch wohl ein Kompromiß entstehen, selbst da, wo die heimatliche Bauweise eigentlich auch auf heimatliche Baustoffe be- schränkt sein will. Der W e r d a n di b u n d, der sich eine Organi sation der Werdenden nennt, will nun in einem eigenen Pavillon zeigen, wie sich die künstlichen Baumaterialien äithetisieren lasten, d. h. wie sie sich aller industriellen Kitschigkeit entkleiden und den Form- und Farbenansprüchen guter moderner Architektur anpassen lassen. Der ganze Pavillon ist geflissentlich aus solchen künstlichen Baustoffen, die Kunststeine, di« Vcrblender. die Dachpappe, das Wellblech soll in künstlerischer Verwendung gezeigt werden. Leider hat der Werdandibund das Prinzip des Werdenden so ausgedehnt, daß wohl bis in den Sommer hinein das„Werden" dieses Pavillons zu beobachten sein'wird, so unfertig ist er noch. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, daß die ganze Ausstellung eigentlich noch im Werden ist. Zu den künstlichen Baustoffen gehört neuerdings auch die Keramik und es ist fast schon Patriotenpflicht, die Kadiner Töpferei in Nahrung zu setzen. Aber recht geheuer ist der Bezug von Töpfer waren von dorther doch nicht. Der eiskalte Ehrfurchtschauer de? Untertanen überriefelt jeden Kunden von Kabinen, und dies« patrio- tisch-untertänige Gansehaut überläuft schließlich einen selber, wenn man folgende Bemerkung im Katalog der Ausstellung liest:„Seine Majestät der Kaiser und König hat(recte: haben) zu genehmigen geruht, daß auf der Internationalen Baufachausstellung der Ver- bindungsraum zwischen der Repräsentationshalle und den Raum- kunstsälen mit Majolika von der Königlichen Herrschaft Cadinen geschmückt und dann in dem Räume auch Sein Bildnis angebracht werde.' H. H. kleines Feuilleton. Literarische». Max Dauthendey: Der Gel st meine» Bater», Aufzeichnungen au» einem begrabenen Jahrhundert. sAlbert Langen, München.) Ein gänzlich unliterarisches Buch, in keinerlei„ismus" einzureihen, also«in gutes Buch, das der zu klarem Schauen und klarer Form gereifte, einstmal so ultraviolette Dauthendey zur Er« innerung an seinen Bater hier niederschrieb. Es könnte ein bißchen wie Anmaßung aussehen, die Geschichte der Familie Dauthendey der Welt zu übergeben, wenn es eben nur eine Vierwändegeschichte wäre. Aber da liegt nicht nur das reiche und bewegte Leben eines Mannes vor uns. der al« erster in Deutschland und Rußland die von Frankreich gekommene junge schüchterne Kunst de» Lichtbilds, die Daguerreotypie unter Opfer und Mühfalen aller Art, zuletzt mit siegreichem Erfolg einführte, da rundet sich auch dies Menschenleben zum Kunstwerk sowohl in seiner Bedeutung, wie in der Betrachtung. Solch ein Kunstwerk, von Liebe und Pietät de» Sohne», Erfahrung und Weltblick de» Dichter» gestaltet, sind die Aufzeichnungen ge- worden. Wir sollten mehr solcher Lebensbilder haben, aus denen «ine Zeit, eine Kultur, aber auch jene Menschlichkeit spricht, die ab- seit? vom Heroischen und der Oesfentlichkeit, im kleinen Kreise, in der Familie heldische Züge trägt. So verfolgt man interessiert, befruchtet mit Anregungen, beschenkt mit vielerlei Kenntnis einer vergangenen Zeit den Weg, den ein tüchtiger, technisch genialer kosmopolitischer Mann vom An- sang bis Ende de« IS. Jahrhunderts gegangen, von der Daguerrco« typie bis zur farbenempfindkichen Photographie, und sehen neben dem persönlichen Erinnerungsdenkmal in ruhiger, ungeschminkter, fast Goethescher Prosa, nebenbei ein Dokument deS WandelnS und Manderns. Ringen« und Bezwingen» einer Generation durch die andere. Die Denkart, da« Empfinden, die Tatkraft, die Sehnlich- testen und die Gegensätze einer abgelebten Zeit mit der heutigen Zeit. Ein Dokument für den alten ewigen und Söhne. Denn der junge Dauthendey, Grübler und Dichter von Natur aus be- gegen den Vater, der vor allem Praktiker war, schwere Kämpfe ausfechten, um sein Lebensziel durchsetzen zu können. Aber im Unterschied von vielen rebellisch-modernen Junggeistern, die im Durchsetzen ihrer Persönlichkeit'mit dem Prinzip von der Selbst« Herrlichkeit de» eigenen Ichs brutal über Kopf und Herz der Alt- geister schreiten und Pietät und.Familie über Bord werfen, ehrte Dauthendey den Geist seines gegensätzlichen Baters und dankte seiner kernig-arbeitSsamen, lebenstüchtigen Art durch diese» warme GedächlniSbuch. Eine leise Wehmut über vergangene Jugend, wie sie reife, von der Höhe ausblickende Männer oft faßt, gibt den Auf- zeichnungen einen stillen, besonderen Reiz. Kampf: Bäter ?um Denker. timmt, mußte � Naturwissenschaftliches. Wie Bakterien gezählt werden. Die Zählung von Bakterien, die selbstverständlich überhaupt nur unter dem Mikroskop bei sehr starker Vergrößerung vorgenommen werden kann, ist eine recht schwierige Aufgabe und man kann ihre Erfüllung nicht in der Weise fordern, daß tatsächlich jede? einzelne Individuum gezählt wird, wie man es bei einer Volkszählung der Einwohner in einem gut verwalteten Staate verlangt. Immerhin ist es wünschenswert, das abgekürzte Verfahren, das für solche Fälle gebraucht werden muß, zu einer möglichsten Genauigkeit zu bringen. Zu diesem Zweck hat Professor Donald der Royal Sotiety einen neuen Apparat vorgelegt, der zunächst eine zuverlässige Messung von Flüssig- leiten nach Tropfen gestattet und dies Mittel dann für die Zählung von Bakterien in Wasser verwertet. Dabei sind merk« würdige Ergebnisse zutage getreten. So hat sich herausgestellt, daß ein im Laboratorium destilliertes Wasser je nach der Herkunft aus einer Zisterne oder aus einer bereits reineren Quelle zwischen einer halben und einer ganzen Million Bakterien enthalten kann. Die Messung geschieht in der Weise, daß mit dem neuen Apparat kleine Wasserttopfeu von einer ganz bestimmten Größe entnommen, neben einander auf eine polierte Platte gebracht, dann getrocknet und fixiert werden. Die Bakterien werden dann stark gefärbt und erscheinen deutlich ohne die Gegenwart störender Körnchen von getrockneter Farbe. Für die Zählung wird dann eine quadratische Oeffnung benutzt, die durch parallele Haarlinien in Felder geteilt ist. So werden die Bakterien innerhalb eines Feldes gezählt, die Zahl der Felder, über die sich ein Tropfen er- streckt, festgestellt und dann aus den bekannten Volumen jedes Tropfen» der Gehalt der Flüssigkeit an Bakterien insgesamt be- rechnet. ES wurde weiter auf diesem Wege ermittelt, daß sich in destilliertem Wasser, das drei Wochen gestanden hat, 15 Millionen Bakterien im Kubikzentimeter entwickeln können. Dr. Fildes hat übrigens im„Lance!" darauf aufmerksam gemacht, daß auf diesem unerwarteten Bakterienwachswm die Fiebererscheinungen beruhen könnten, die nach der Einspritzung der sogenannten physiologischen Salzlösung unter die Haut oder in die Adern einzutreten pflegen. Luftfahrt. Böget und Flugmaschinen. Daß ein genaue» Studium de» Vogelfluge» wichtige Aufschlüsse für die Konstruktion der Flug- Maschine geben kann, ist eine Ueberzeugung, die alle Bahnbrecher auf diesem Gebiete gehabt haben, die ihre Arbeit stet» mit einer eingehenden Beobachtung der fliegenden Vögel begannen. Auch die Wissenschaft hat- sich dieses Problems bemächtigt, und neuerdings hat besonder« der französische Forscher Magnan eine Reihe von Untersuchungen an Vögeln durchgeführt. Er hat festgestellt, daß bei allen fliegenden Vögeln die Verhältnisse ihrer Körpermaße gleich bleiben und in einer regelmäßigen Beziehung zu dem Gewicht, da» sie zu befördern haben, stehen. Die Natur würde danach einen wertvollen Fingerzeig für die Flugkunst liefern, da man die Maßberechnung der Vögel auf den Bau der Flug- Maschine übertragen könnte. Magnan hat 200 Vögel, die zu 76 Arten gehörten, untersucht, und zwar im Naturzustande: alle wurden mit der Büchse aus der Luft heruntergeholt und sofort nach dem Tode genau gewogen und ausgemessen. Die Oberfläche ihrer Flügel wurde genau in Ouadratzentimetern bestimmt, die Länge und Breite de» Flügels und des Schwanz«» in Zentimetern aufgezeichnet und auch die Einzelgewichte genau in Grammen festgestellt. Dabei zeigte sich, daß die charakteristischen Merkmale des Vogels variieren, je nachdem er den Gleitflug, den Segelflug oder den Rudererflug ausübt, daß aber diese Merkmale bei den Individuen derselben Gruppe so gleichmäßig wiederkehren. daß man sie für die Praxis als konstant annehmen kann. Magnan klassifiziert dabei die Vögel folgendermaßen: Raubvögel, die vor allem den Gleitflug ausführen, Schwimmvögel, die den Segel« flug ausüben, und Ruderervögel, wie Sperlinge und Hühnerarten. ES find nun die Vögel der ersten Gruppe, deren Flug sich am meisten dem der Flugmaschinen, und zwar der Eindecker, nähert. Da nun in dieser Gruppe ein Bogel von 600 Gramm dieselben Verhältnisse in seinen Körpermaßen aufweist, wie ein Vogel von 10 Kilogramm, so muß man annehmen, daß auch ein Vogel diese« Typ» der Gleit- flieger, der 500 Kilo wiegen würde, dieselben Verhältnisse zeigen würde. Auf Grund dieser Annahme hat Magnan berechnet, welche Maße ein solcher Riesenvogel von 600 Kilo, der also etwa da» Gewicht eine» Eindecker» hätte, haben müßte, und er ist zu folgenden Zahlen gelangt: Flügeloberfläche 14,970 Quadratmeter, Gewicht der Flügel 98,5 Kilogramm, Spann« weite 10.5 Meter. Breite de» Flügel» 1,87 Meter, Länge de» Schwanzes 2,06 Meter, Länge de» Apparats 4,6? Meter. Abgesehen von der Länge, die erheblick geringer ist al» die unserer beutigen Klugmaschinen, sind diese Maße in der Tat nicht sehr verschieden von denen der üblichen Typen. Da« Gewicht ist freilich sehr ver- schieden, je nach den Baustoffen, und man sucht natürlich zu einer immer größeren Leichtigkeit der Maschinen, bei gleichbleibender Widerstandskraft, zu gelangen, da ein Ueberschuß an Kraft eine Ver- mehrung der Sicherhett Hedeuten würde. Berantw. Redakteur:«lfr«ch Wielepp, Reukölln.— Druck u. Verlag:«orwärrS«uchdcuckereru.Berlag«anstaltPaul Singer«cEo..«erlinS>V.