Anterhaltungsblatt des Wonvärls Nr. 113. Freitag� den 13. Juni 1913 18] Das entfesselte SchicklaU Roman von Edouard Rod. „Der Kurszettel genügt mir. Er bringt alle Neuigkeiten kurz zusammengefaßt." Aber er nahm das Blatt doch, setzte sich die Brille auf, buchstabierte den Artikel, indem er dabei die Lippen bewegte. Sorgfältig faltete er die Zeitung zusammen, gab sie Proz wieder und fragte: „Was hat dieser Chaussy nur gegen Lermantes?" Das war die Frage, die man sich auf jeder Bank stellte. Niemand vermutete, daß des Zeitungsschreibers Zorn aus- richtige Enttüstung war oder gar der Tugend entsprang. Eine polttische Affäre?... Nein, Lermantes hatte Männer aller Parteien empfangen, auch Chaussys Freunde. Eine Frauengeschichte?... Das hätte man gewußt. Proz er- klärte Crevola das Geheimnis. „Lermantes hat nicht so gewollt wie erl" Der dicke Mann spitzte die Ohren wie ein Hase, der ein verdächttges Geräusch hört. „Wann... warum..» in welcher Sache?" Proz wußte nichts. „Alles, was ich weiß, ist, daß Chaussy oft gesagt hat: den werde ich noch fasien! Er hat Wort gehalten! Schrecklich ist dieser Chaussy! Wenn man die Furcht sieht, die er einflößt, weiß man, daß nur der Gnade vor ihm findet, der vor ihm zittert." Proz hatte in dem friedlichen Ton eines vorsichtigen Mannes gesprochen, der zu viel Dinge weiß, um sich über die einzelnen zu entrüsten. Aber Crevola wechselte die Farbe. Ebenso Cormoret. Beide hatten Gründe, diesen Mann, der alles Böse ans Licht zog, zu fürchten. Gerade kam Chausiy herein. Bevor er auf seinen Platz ging, blieb er einen Augenblick vor Frau Aurora Winckel- matten stehen. Sein hochmütiges Geficht versuchte einen freundlichen Ausdruck anzunehmen. In diesem, bis zu den Augen behaarten Gesicht wirkte ein liebenswürdiges Lächeln unangenehm. Als er vor der jungen Frau stand, erweckten seine langen Arme, seine stämmige Figur, seine Wohlbeleibt- heit den Eindruck, als ob er einer anderen, urweltlichen, tieri- schen Menschhett angehörte. Turlo ließ sich die amüsante Gruppe nicht entgehen und zeichnete sie schnell. Während seiner Arbeit kündigt« man den Gerichtshof an. und er war so vertieft, daß er ganz vergaß, aufzustehen. Die Prälimi- narien wurden schnell erledigt. Ungeachtet der Ordnungs- rufe des Präfidenten war das Publikum sehr laut, und der Lärm steigerte sich, als Lermantes hereingeführt wurde. Was das derselbe Angeklagte vom Tage vorher?... Bleich und verfallen, schien er zu keinem Widerstände mehr fähig. Mit zitternden Knien schritt er vorwärts. Die er- loscheiren Augen lagen tixf in den Höhlen. Er bebte am ganzen Körper. Der Schmerz schien sein Gesicht verlängert und abgemagert zu haben. Um den Mund lag ein Ausdruck von Qual. Einige sahen in dieser Veränderung ein Geständnis. Nur Gewissensbisse konnten ein menschliches Antlitz verwüsten. Es schien ihnen, als ob Herr Rutor seiner Sache sicherer wäre und che Gesichter der Geschworenen strenger aussahen. Der sehr steife Oberst Ollomont steckte seine Hand in die Klappe seines Rockes und rollte fürchterlich mit den Augen. Conde- mine wandte sich sehr aufgeregt seinen Nachbarn zu. Selbst das spitze Mäulchen des kleinen Bijoux wurde drohend. Der Zudrang wurde so gewaltig, daß die diensttuenden Soldaten die Menge in die Korridore zurückdrängen mußten. Man hörte sie hinter den geschlossenen Türen wüten. Herr Motiers de Fraisse stellte zuerst die Frage, die vor- läufig die wichtigste in diesem Prozesse war. Wußte der An- geklagte, daß der General de Pellice sein Vater gewesen tvar? Er stellte sie sofort und direkt, und man glaubte, daß Lermantes durch die Augenscheinlichkcit oder die Gewissensbisse gestehen würde. Aber nein, er leugnete. Er leugnete mit einem Rest von Energie, die man nicht mehr von diesem menschlichen Wrack erwartete, mit einer Ruhe, die in Er- staunen setzte, mit jener Art von Majestät, die unseren Gesten und Blicken manchmal durch höchstes Leid aufgedrückt wird. Der Präsident beschleunigte den Angriff. Ihm wurde immer auf dieselbe Art pariert: Der General war, solange Lermantes zurückdenken konnte, stets so rückhaltlos sein bester Freund gewesen, daß keine Wohltat dieses Mannes ihn in Verwunderung setzte. Die Enthüllungen der Alten hatten dem Unglücklichen eine Menge Dinge klar gemacht, welche ihm früher nicht eingefallen waren und jetzt in seiner Erinnerung einen neuen Sinn annahmen. Vieles, was er einst nicht ver- standen hatte, ward ihm nun klar. Er war blind gewesen. Niemals war der Verdacht in ihm aufgestiegen, daß der General ihm etwas anderes sein konnte als ein sehr wohl- wollender, sehr anhänglicher Pate. Aber jetzt, nachdem ihm die Augen geöffnet worden waren, erschien ihm die ganze Vergangenheit wie ein aufgelöstes Rätsel. Als Herr Motiers de Fraisse den Kampf aufgab, sprang Herr Rutor weniger geschickt als heftig für ihn ein: „Sie wiederholen, daß der General Sie immer mit Güte überhäuft hat, zu jeder Zeit, in jedem Alter, zu jeder Gelegen- heit. Aber sonst galt der General gar nicht für«inen be- sonders wohlwollenden Mann..." „Gegen mich war er es immer." „Gegen Sie, gegen Sie allein. Er hatte also zwei Arten sich zu geben. Die eine gegen Sie, die ander« gegen alle übrigen. Das hat keinen Verdacht bei Ihnen erregt, keine Ueberraschung bei Ihnen hervorgerufen... Sie fragten sich nie: weshalb überhäuft mich der General mit Wohl- taten?..." „Nein, niemals." „Unbegreiflich!..." Herr Rutor sprach das Wort voller Ueberzeugung aus und begleitete es mit einer großen Geste seiner roten Aermel. Die Mehrheit des Publikums dachte sogleich wie er. Unbe- greiflich war es, daß ein solches Geheimnis so viele Jahre ge- hütet worden war. Unbegreiflich war es, daß dieser Vater sich nie durch eine Herzenswallung verraten hatte und der Sohn in seiner Nähe nicht eine jener Offenbarungen gehabt, die plötzlich die Mysterien unseres Schicksals erhellen. Unbe- greiflich und unmöglich. Die Spuren der ständigen vor- gehaltenen Maske, die Stimm« des Blutes, geheimnisvolle Ahnungen, unmittelbare Erkenntnis, Rufe, die im Grunde der Seele widerhallen, hätten hier ihre Rechte geltend machen müssen. Die in Massen zusammengedrängten Geister ge- borchen einem eigenen Gesetz. Das Außergewöhnliche und Besondere nimmt eine trügerische, grauenhafte Seite an. Man urteilt nur noch auf allgemeine diktatorische Art oder nach vorgefaßten Meinungen, nach Phantasiegebilden, denen die Wirklichkeit fremd ist. Ein Sohn„muß" seinen Vater erraten. Es ist gleichgültig, wie. Ein Vater„muß" sich seinem Sohn offenbaren, gleichviel, auf welche Weise. Ein wichsiges Geheimnis„muß" sich aufklären, ganz gleich wann. Man hielt diese venieincude Hartnäckigkeit für die Ber«ch- nung eines Verbrechers, und Lermantes sagte nur einfach die Wahrheit. „Sie leugnen alles," rief Rutor ermüdet, seine Angriffe immer wieder zurückgeschlagen zu sehen.„Es wäre doch aber in Ihrem Interesse, die Offenkundigkeit anzuerkennen." Völlig gebrochen machte Lermantes eine jener Bewe- gungen, die ihm fast die Sympathien zurückgewann. „vlch weiß nicht, was in meinem Interesse ist, und ich denke kaum daran. Ich sage, was wahr ist. Selbst wenn mich das retten könnte, ich wüßte nichts anderes zu sagen." Die Wahrheit klang hier durch, aber es war nur ein Aufflackern. Man rief Luise Donnaz wieder vor. Mit mehr Einzel- heften mußte sie die Erzählung von dem General wieder- holen, dessen Gehilfin sie gewesen war. Sie mußte die Leichen- tucher der Verstorbenen lüften, die Lügen ihres stummen Mundes preisgeben, die Geheimnisse ihrer zerfallenen Körper. Ihre seit langer Zeit begrabenen Erinnerungen mußte sie auserstehen lassen, sie vor diesem Sohn, der seinen Vater gemordet hatte, ausbreiten, vor den entsetzten Enkel- lindern, der neugierigen und schlüpfrigen Menge, den auf- merksam lauschenden Richtern, während di« gebieterische Ssimme des Präsidenten befahl: „Lauter, lauter, Frau. Sprechen Sie doch lauter, die Herren verstehen Sie nicht." Man erfuhr also, welche Orte dle beiden Verstorbenen für ihre Liebesstunden wählten. Wo sie sich trafen. Ihre Angst, als die Schwangerschaft begann. Wie das Kind aufgenommen wurde, das heute der Mann war, dessen schmerzdurchwühltes Gesicht bei dieser Erzählung konvulsivisch zuckte. „Wußte der Gatte Bescheid?" Herr Motiers de Fraisse mußte die Frage zweimal wiederholen, da die alte Frau sie nicht verstand. „O Herr Präsident... Herr Hauptmann würde die gnädige Frau getötet haben. Sie hat es mir oft gesagt... Er würde mich töten... Luise, er würde mich töten..." „Hatte sie andere Vertraute wie Sie. Vertraute, ver° stehen Sie? Personen, denen man alles sagt?" Luise Donnaz streckte den Kopf vor, sie verstand die Hälfte und erriet das übrige. „Gnädige Frau hatte nur Vertrauen zu mir. Außer mir wußte niemand etwas... niemand..." „Und der Oberst �— hatte er keinen Freund, der diese Be- Ziehungen kannte?" „Nein, nein... ich bin dessen sicher... er hatte nie- mand.. „Wußte er, daß Sic in seinen Manövern Bescheid wußten?" Das Wort rief Gelächter hervor. Nichts entgeht dem Publikum. Wollte Herr Motiers de Fraisse Witze machen? Er dachte gar nicht daran. Ein wenig außer Fassung gc- bracht, verbesserte er sich: „Wußte der Oberst, daß Sie eingeweiht waren?" Luise Donnaz bejahte. „Mißtraute er Ihnen nicht?" Mir... der Oberst... Ol" (Lor'.setzung folgt.» Das Zinsgeld. Von Hermann Stenz. Den Seinen gibts der Herr im Schlafe. Das kann euch der Dachrainer Steffel bestätigen und er tuts gern. Warum, das wiU ich erzählen. Also, der Steffel gehört zu jenen, von denen das Evangelium sagt, daß sie selig werden, weil sie arm im Geiste sind. Wenn das wahr ist, kriegt der Dachrainer einmal einen Sperrsitz im Himmel. Nicht allein wegen dem Evangelispruch, sondern auch weil er so fromm ist und gar so viel betet. Wenn man den Steffel auf seinen angestammten Platz in der Kirche beten sieht, ist das eine hellichte Freud. Ein großmächtiges hageres Mannsbild, ragt er über seine zwei ständigen Kirchennachbarn, den krummbeinigen Pollanterbauer und den schiechen Bader Fcrdl, noch im Knien einen Kopf weg. Aber was für einen Kopf! Der ist entschieden nach der Senkrechten ein bisse! zu lang ausgefallen. Obenauf sitzt ein Gupf Haare, ganz weißblond und jedes geht seinen eigenen Weg. Nur Sonntags pappt sie der Steffel mit Pomade oder, wenn grab keine daheim ist, mit Schweineschmalz an den Kopf fest, an die Seite zwei Sechser und in die Stirn schöne Fransen. Stirnfalten hat er nur eine wagrechte, jedenfalls deshalb, weil von den Fransen bis zur Nase so wenig Platz ist. Aber dafür hats der Herrgott mit der Nase besser gemeint, sie geht weit herunter und ist auch nicht zu schmal geraten. Dann kommt der Mund, der hält in der Breite auch wieder der Nase das Gewicht. Was unter dem Mund liegt, ist so wenig, daß der Bader Ferdl beim Rasieren seine helle Freude daran haben könnte, wenn nicht Drahtstifte statt Haare daran herauswachsen würden. Schnurrbart bat keiner Platz. Die Augen sind aus vcr- schossencm Bayrischblau und schauen immer verwundert drein. Des- wegen haben die Augenbrauen vergessen zu wachsen. Aber eine gesunde Gesichtsfarbe hat er, der Dachrainer. Das ganze Kops- gestcll schaut aus, wie wenn der Herrgott damals, als der Steffel aus die Welt kommen sollte, keine Zeit gehabt, ihn selber herzustellen und seinen Lehrbub, den Gabrielengel, damit beauftragt hätte. Der hat nun gepsuscht und wie der Herrgott nachgeschaut hat, war der Steffel schon da und nichts mehr zu ändern. Weil er aber grab gut aufgelegt war, hat er zu dem Murks' gelacht, der Gottvater. Und so ein kleiner Wischer von dem Lachen hat den Buben gestreift, ■ist in seinem Gesicht unter der Nase hängen geblieben. Jetzt lächelt er seiner Lebtag so gottselig und zufrieden, dazu ein wenig vcr- wundert./ Beten, das tut er voll Andacht, wenn ihm auch dazwischen hinein seine Ochsen oder ein paar Säu einfallen. So was verzeiht der Herrgott schon; denn er weiß ja eh, daß so ein Bäuerl seine Sorgen hat. Wenn er sich auch grad nicht schlecht steht, zweitausend Mar? Schulden sind noch immer auf seinem Güt'l. Die Leixener Bas', die im Städt'l drinnen privatisiert, hat sie ihm zu fünf Prozent gegeben. Hat der Herr Pfarrer das Amen gesprochen und der Dach- rainer richtet sich von den Knien auf, dann kracht die alteichcnc Kirchenbank und der Pollanterbauer, der immer nach der Wandlung einschläft, wacht auf. Nach der Kirche geht er selten ins Wirtshaus, meistens heim, weils seine Bäuerin so will. So auch am heutigen Sonntag nach Predigt und Amt mit seiner Annamirl. Die ist gerade das Gegenteil von ihm. Hat sie schon so ein zehn Jahr'I weniger wie er, ist sie auch noch anderthalb Kopf kleiner, rundlich und flink. Ein frisches Gesicht'! und ein paar blitz-blanke braune Augen, die immer spazieren gehen, hat sie auch dazu. Sie war eine arme Kuhdirn beim Donaubauer. Die Bauern erzählen sich, daß sie früher beim Kammerfensterln gar nicht unbarmherzig gewesen sei und den Steffel wegen dem beinahe schuldenfreien Anwesen ge- heiratet habe. Aber jetzt ist sie auch fromm, was man sonst für gewöhnlich von den sauberen Weibsbildern weniger sagen kann wie von den schiachen. Wird wohl machen, weil der Herr Pfarrer selten vergißt, beim Dachrainer Bauern auf einen kleinen erbaulichen Zu- spruch einzutreten, wenn er am Güt'l, das draußen vor dem Dorfe liegt, vorbeigeht. Der Bauer ist immer sehr geehrt dadurch und gibt dem Hochwürden stets das Geleit bis zum Gartentür!. Und wenn er nicht daheim ist, nachher seine Bäuerin. Ist halt aar so ein Leutseliger, der Pfarrherr. Seine Schwester führt ihm den Haus- halt. Sie ist zwar ein bisse! tappig, aber kochen kann sie, und das ist die Hauptsach bei der Haushälterin für so einen lieben frommen Herrn. „Beim Beichten is halt der Herr Pfarrer gar so mild," sagt die Annamirl während des Mittagessens,„nur drei Vaterunser und drei Ave hat er mir Buh aufgeben heut früh!" „Woll, woll, recht hast," meint der Steffel und nimmt sich den fünften kinderkopfgroßen Zwetschgcnknödel auf die Gabel. Dann ruht sein Gehirn wieder zugunsten des Magens. „Dachrainer, am Mittwoch san hundert Mark'! Zinsgeld für die Leixnerfraubas' fällig. Du woast, mir ham allaweil koans, kunst lei heut nachmittag in d' Stadt einigehn und mit der Frau Bas' reden, daß do vier Wochen warten tat, bis mir's Korn verkauft ham." „Is schierst scho a bifferl spat, Bäurin, drei Stund' hin, drei her, san sechst, oane bei der Basen san siebene; bin i amal drinn, kunnt mirs der Kreuzwirtvettcr für übel nehma, kehrat i net bei eahm ein, warn zehn Stund'." „Bleibst bei eahm über d' Nacht drinn, kaufst morgen fruab a neiche Heugabel, a Kuahketten und an Blechhafa für d' Wasch, der alte is kaput, nachher brauchst dia Woch' koan ganzen Tag z' ver- samma." Das leuchtet dem Steffel erstens ein, und zweitens tut er immer, was seine Bäuerin will. So ein gar guter Depp ist er, zieht halt sein schwarztuchenes Zeugl mit der silberknopfigen Weste an und trabt los. Das runde Hüt'l sitzt auf seinem flachsigen Spitzkopf, w'.e der Gock'l am Dach, die Knie drückt er in die Stadtrichtung durch. Die Annamirl schaut ihm von der Tür aus nach. In der Stadt trifft er die Läden noch auf und nun denkt er einmal selbständig:„Kaufst dei Zeugl glei, nachher kannst's andere b'sorgcn und kannst heut noch heim. Is a halber Tag g'spart." Das macht der Steffel so und kommt nachher zur Leixnerbas' mit seinem Anliegen. Au weh', is er aber da ausg'rutscht. „Sichgst, Mannl, i tat Dir den G'falln, ja, recht gern, aber i muaß mei Geld haben am Mittwoch. Steuern, Umlagen, Hauszins, alles ist fällig. Schaug' halt, daß Du dös Geld'l vom Kreuzwirtvetter kriegst I" Fuchsteufelswild, die Heugabel mit der Ketten auf dem breiten Buckel und den wcltsgrotzen Hafen daran hängend, stampft er zum Wirtsbettcr. Nach der achten Maß und einem Kälbernen ruckt er mit seinem Anliegen heraus.„Geht net, Stefferl, is Quartal, Steuern, Zinsen. Bicrgeld, Seminargeld vom Hansl, geht halt net, Mannl." Trübselig packt der Dachrainer um neun Uhr sein Zeug'l auf den Rücken und torkelt heimwärts. „Sakra, Sakra, was mach i iah; i muaß halt morgen zum Hochwürden, vielleicht tuats der auf vier Wochen." So duselt er vor sich hin bis eine Viertelstunde vors Dorf. Da ist am Weg ein großer, hölzerner Herrgott am Kreuz angenagelt, eine Stiftung vom seligen Donaubauer seiner Frau, mit einem Kniebank'l davor. Jetzt kommt dem Steffel noch eine Idee. Vielleicht kunnt der helfen? Also, er kniet nieder, besinnt sich ein bisse! und fängt dann bicrschwer an:„Schaug, mei Liaber, jetzt wars Zeit, daß' helfest, bis auf dös bifferl Grenzstoanversetzen von neulich, Hab' i ja nix am G'wissen und san doch nur hundert Merkel. Also kunnst scho an Einsehen haben. Amen!" Dann macht er sich wieder auf den Weg. Es muß gleich zwölfe sein und so zwischen zwölf und eins ist ihm nicht wohl da herraußen, könnt nimmer ganz geheuer sein. Das Gartentür! macht er leis auf, aber wie er die Haustür ausgesperrt hat, schlägts zwölf; da fällt mit einem Mordskrach der große blecherne Hafen samt der rasselnden Kette von der Heugabel und plumpert im Hausgang'l herum.„Jessas, Maria und Joseferl" schreit eine Weiberstimmc in der Stuben und die Bäuerin patscht bloßfüßig drinnen hin und her.„Halts Maul, i binS", lallt der Steffel.„Jessas, Du Depp, Du kunnst net in der Stadt über- nacht bleiben. Muast oan um d' Nachtruah bringen," hallcints aus der Stube. „Sei halt net unguat. Alte," brummte er schlucksend, denn vor Schreck hat er den Schnackerl gekriegt und beginnt dann lang und breit zu erzählen, wie es ihm in der Stadt gegangen ist. Dabei zieht er sich im Dunkeln aus(Bauern sparen mit dem Licht) und legt Rock, Weste und Hosen auf den Schcmmcl neben das Bett. Da regt sich etwas unter demselben.„Is scho wieder a Henn in der Stuben. Luada," macht er und wirft den Stiefel- stiecht unter die Beitlad. Auf einmal jammert die Annamirl ganz zum Erbarmen.„Jessas� was is denn, Mirl, bis ebba krank?" Di« Winzelt:„Jatz Hafts mit Dein Pumpern. Der Schreck von dem Hafagepurzel; so schlecht is mir, so schlecht I" und sie fängt zu greinen an.„Koa oanziger Tropfen Karmelitergeist dahoam und mir is so schlecht. Geh', lauf doch g'schwind zum Bader Ferdl, und hol an Geist, geh', Stesfel, geh'." Der springt wieder aus dem Bett, tappt nach dem Kleider- Haufen, sucht sich die Hosen aus, schlupft hinein, noch die Leder- Pantoffeln an die Füße und rennt mit fliegenden Hosenträgern zum Bader Ferdl. Beim Zuknöpfen unterwegs kommen ihm seine Kwarztuchcnen Beinbehausungen ungewohnt weit vor. Der Bader impft auf die narischen wächsernen Weibsleut, die gar nix aus- halten können und gibt ihm das Verlangte. Damit rennl er wieder heim über die Wiese an dem großen Apfelbaum vorbei. Tarunter steht eine lange, schwarze Gestalt. Erschrocken bekreuzigt er sich, siedheiß fällt ihm ein, daß immer noch Geisterstunde ist. Mit den Pantoffeln in der Hand kommt er schlohweiß daheim an- geschnauft. Die Mirl hat mittlerweile Licht gemacht und meint, ihr sei petzt besser geworden. Nun nimmt aber der Steffel die Tropfen, so miserabel ist ihm vor Angst geworden, und legt sich zähneklappernd ins Bett. Die Hosen wirft er wieder auf den Schemel. Er achtet aber nicht darauf, daß dabei etwas aus de'r Tasche klatschend auf den Boden fällt. Wie der Tag graut, wacht der Steffel auf. Tie Annamirl ist schon munter und trägt gerade sein Sonntagsgwandl hinaus. Er springt aus dem Bett und zieht seufzend seine krachledernen Hosen an, dann die Rohrstiefel. Auf einmal bückt er sich. Hart unter der Fensterbank liegt ein Geldbeutel. Kaum traut er seinen Augeix ein lederner Zugbeutel, ziemlich schwer! Der Dachrainer macht ihn auf und schüttelt das Geld auf den Tisch: Einhundert- zwanzig Marke! und ein paar Pfennig sinds. Er macht sein sau- dümmste Visaschi. Plötzlich fliegt ihm ein Lächeln seliger Er- leuchtung übers Gesicht.— Er hat geholfen, lind so geschwind hat er geholfen, der Herr- gott.„Du liaber Herrgott, um zwanzig Markll hast Dich verzählt und den Zugledernen hätt's ja gar net braucht, dös Geld'l alloanig hött's ja a to," stottert er grad, wie die Bäuerin wieder in die Stub kommt. Die ist ganz verdutzt, als sie das Geld ficht, aber wie er mitteilt, daß er am Wegkreuz so innig gebetet hat, da faltet sie die Hände, dreht die Augen nach oben und lacht übers ganze Gesicht:„Ach, Du guater Herrgott da droben." Dah sie aber am gleichen Morgen dem Steffel seine schwarzen Sonntagshosen hinten ein Stück eingenäht und die Hosenschnalle noch dazu eingezogen hat, das hat keine Menschensecle erfahren. Ter Dachrainer betet jetzt noch viel inniger in der Kirche, wie je zuvor. Nur eines möcht ich noch wissen. Warum hat der Herr Pfarrer am Montag einem Handwcrksburschcn ein Paar so glück- gute schwarze Hosen geschenkt? Zu seiner Schwester hat er gesagt: sie seien ihm zu eng geworden I Darum. GrgesdncKte der JNIuftlniiftrynientc. Unser modernes Crdhcster mit seiner unendlichen Verfeinerung der Instrumente und seinem außerordentlichen Reichtum an Mischungen und Nüancen des Klanges scheint auf den ersten Blick nichts mehr gemein zu haben mit den rohen Tönen, die in ferner Vorzeit der primitive Mensch seinen grob gefertigten Instrumenten entlockte. Und>poch sind die Grundfarben des heutigen Orchesters sämtlich schon in jener grauen Vergangenheit vorhanden und be- kannt gewesen� der Klang der Flöte wie der Oboe, die helle Farbe der Blechinstrumente, wie die der Saiten und auch die Rhythmisie- rnug durch Trommeln und Pauken. Die Grundformen unserer Musikinstrumente gehen auf uralte Vorbilder zurück, die sich über ungeheure Strecken ziemlich unverändert verbreitet und durch die Jahrtausende erhalten haben. In einem soeben bei B. G. Teubner erschienenen Buch, das das Wesen und die Entwickelung der In- strumente darstellt, schildert der Musikhistoriker Prof. Fritz Volbach die Entstehung und erste Entwickelung dieser ehrwürdigen Ahnen unseres Orchesters. Auch der primitive Mensch begnügt sich nicht mit dem stets gleichbleibenden Klang seiner Stimme; er verlang: nach buntem Farbenwcchsel, spritzt die Lippen, um der Vöglcin süßen Gesang nachzuahmen, und bläst wohl eines Tages zufällig über ein offenes Rohr oder ein Kürbisflaschc hinweg, die den Ton seines Mundes voller und stärker anschwellen lassen. Das am besten klingende Rohr verwendet er zur Flöte, die als das erste aller In- strumente gelten muß. Die einfache, aus Rennticrknochen gefertigte Flöte finden wir schon bei den Menschen der Steinzeit; sie existiert bei fast allen Völkern, die noch heute auf der Kindheits- stufe der Menschheit stehen; sie war vor Jahrtausenden den Acgyp- tern und wohl ebenso lange den Chinesen bekannt. Die Söhne der Mitte erzählen, daß im Jahre 2100 v. Chr. der weise Ling-lun im Auftrage des Kaisers Hong-Ti sich verschieden langeM�ambuspfeifen auf einem hohen Berge schnitzte, um die Töne dcs�Wundcrvogels Fung und seines Weibchens Hoang nachzuahmen. Aus der Ver- oindung solcher Röhren in regelmäßiger Abstufung zu einem ein- zigcn Instrument entstand die Pansflöte oder Syrinx. Tie hohe Bedeutung, die dies Instrument bei den alten Aegyptcrn als Ur- bild aller Harmonie hatte, geht schon daraus hervor, daß es als Hieroglyphe„Verstand, Erkenntnis", ja sogar„Gott" bedeutete. Ganze Orchester von zum Teil mannshohen Panspfeifcn besitzen manche Negervölker, so die Papuas und Polynesier. Eine künst- lerische Ausbildung der Flöte ging von der Erfindung der Ton» löcher aus, die durch Aufdrücken der Finger geschlossen und geöffnet werden können und das Hervorbringen von Tönen verschiedener Höhe ermöglichen. Schon ein paar tausend Jahre vor Christi sind solche Lang- oder Querflöten in Aegypten in Gebrauch. Zu gleicher Zeit entstand in diesem ältesten Kulturlande in der altägyptischen Schalmei, der Majt, der Vorfahr unserer Oboe. Diese Klangfarbe wird durch ein Stückchen Rohr erzeugt, das man mit seinem oberen Ende zwischen den Lippen zusammendrückt, so daß ein enger Spalt entsteht. In Aegypten findet auch der griechische Aulos, ein unserer Klarinette ähnliches Instrument mit einfachem Rohrblatt, sein Muster. Von keinem Instrument aber sind auf ägyptischen Denkmälern so zahlreiche und prachtvolle Darstellungen erhalten, als von der Harfe. Jahrhunderte einer langsamen Entwickelung müssen vorangegangen sein, bevor die wundervollen Riesenharfen aus den Königsgräbern von Theben gebaut werden konnten. Wie die Flöte, so ist auch die Harfe ein Urelement aller primitiven Musik. Höchst wahrscheinlich ist sie aus dem Bogen des Schützen entstanden. Jeder Jäger und Krieger mußte ja den Ton hören, den die Sehne des Bogens beim Losschnellen ertönen läßt; bald machte man die Be- obachtung, daß dieser Ton bei veränderter Spannung ein anderer wurde. So entwickelte sich das erste aller Musikin st ru- m e n t e, der Musikbogcn, der sich noch bei primitiven Völkern in mehreren Weltteilen findet. Die Kongoneger am Albertsee z. B. legen die Saite des Musikbogens an die Zähne und bringen mit der linken Hand durch Verkürzen und Verlängern Töne ver- schiedener Höhe hervor. Schon bei den Naturvölkern treten als Resonatoren an Stelle des Mundes künstliche Hohlräume, aus- gehöhlte Kürbisse usw. Statt der einen Saite werden auch mehrere von verschiedener Länge in den Bogen eingespannt, und so entsteht die primitive Form der Harfe, wie sie auf den ältesten ägyptischen Bildern erscheint und heute bei manchen Negerstämmen noch an- zutreffen ist. Man darf annehmen, daß sich die ersten Saiteninstrumente so ganz natürlich aus der unentbehrlichen aller Waffen der Natur- Völker, dem Bogen, entwickelt haben. Ebenso sind unsere Blech- instrumente in Urzeiten aus dem Tcinkhorn entstanden. Der mächtige Schall des Stier Horns rief bei den Germanen zum Kampf und zum Opfer. Dies primitive Instrument ist schon in der Bronzezeit in hoher künstlerischer Vollendung ausgestaltet; die mächtigen, schöngewundenen, bronzenen Luren haben einen großartig edlen und feierlich Ivürdigcn Klang. Ties urgermanifche Instrument, ähnlich der römischen Bucina, scheint aber in der Völkerwanderung untergegangen zu sein; im Mittelalter tritt meist das kurze, rasch erweiterte Stierhorn auf, das nach den: kostbaren Material, aus dem es hergestellt wurde, dem Elfenbein, Olifant genannt wird. Schnelle Verbreitung fanden im Abcndlande die orientalischen Blechinstrumente, deren erstes die ägyptische T r o m- Pete ist; die altetruskische Rcitertrompete, die zu gleicher Zeit bei Galliern und Abcssiniern, bei den Briten und Chinesen auf- tritt, fristete in Deutschland ein friedlich-gemütlicheres Dasein als Post- und Nachtwächtcrhorn. Von den wichtigsten Typen det Heutigen Musikinstrumenle fehlen in den alten Kulturländern nur die Bogeninstrumcnte, deren Entstehung in Asien vielleicht bis in di« graue Vorzeit emporreicht. In Europa sind die Streichinstrumente nicht vor 800 n. Chr. bekannt geworden. Das Bedürfnis nach Rhvthmus, dieses Urgefühl aller Musik, wurde zunächst durch Hände- klatschen befriedigt. Noch in der Zeit hoher Kultur bedienten sich die alten Aegypter dieses primitivsten Mittels, um ihren Gesang zu begleiten und zu ordnen. Daneben aber erscheint schon bei den Naturvölkern eine Anzahl schallverstärkender Instrumente, vor allem die Trommel, die die größte Verbreitung findet und auch zum Rhythmisieren dient. Die ältesten Trochmeln lassen sich in Teutschland in der jüngeren Steinzeit nachweisen. kleines feuiUeton. Hygienisches. Die Desinfektion der Mundhöhle. Seitdem di« Zahnpflege sich Eingang in immer weitere Kreise der Bevölkerung verschafft hat, seitdem zahllose Präparats. Pasten und Mundwässer von pharmazeutischen Fabriken auf den Markt gebracht worden sind, sollte man eigentlich meinen, daß es offene Türen einrennen hieße, über die beste Art der Zahnreinigungen noch ein Wort zu verlieren. In der Tat aber liegen die Verhältnisse so. daß das Problem keineswegs gelöst ist. Denn durch wirklich einwandfreie Versuche wurde festgestellt, daß die von den Fabrikanten versprochene Sterili- sierung des Mundes keinesfalls erzielt wird, ja daß eS überhaupt unmöglich ist, mit einer antiscptischen Flüssigkeit in alle Lücken und Buchten derart einzudringen, daß die dort nistenden Bakterien vernichiet werden. Man hat daher angefangen, weniger Gewicht auf die DeSinsektionSkraft des Mittels zu legen, als vielmehr darauf, daß die Mundhöhle durch dieses mechanisch gut gereinigt wird. Aus diese Weise werden denn auch die Pilze entfernt. Nun hat vor einigen Jahren der Würzburger Professor Stumpf auf die Wirksamkeit des weißen Tons Lotus alba bei der Behandlung der Rachendiphtherie hingewiesen, und seine Erfahrungen find auch von anderer autoritativer Seite bestätigt worden. Nicht als ob der weiße Ton als Desinfektionsmittel gegen die Diphtheriebazillen an den Mandeln anzusehen sei, als vielmehr, daß er, mit Gurgelwasser an die erkrankten Teile gebracht, hier die Bazillen in sein maschiges Netz einbettet und sie herausschwemmt. Diese Wirkungsweise der Lotus alba, veranlatzte Professor Küster in Freiburg, sie auf ihre Ver- wendbarkeit bei der Zahnpflege zuprüfen. Wie erinderDeutschenMonats- schrist für Zahnheilkunde berichtet, fand er bei ausgedehnten Vergleichs- versuchen den weißen Ton, was seine Desinfektion anbelangt, den besten Mitteln mindestens gleichwertig. Bei seiner Verwendung nimmt der Keimgehalt der Mundhöhle um 50 Proz. ab. Er sowohl lvie die als Spülsiüssigkeit benutzte Kochsalzlösung sind für den Organismus völlig unschädliche Mittel. Vor allen anderen Zahn- tvässern verdient er vom volkshhgienischen Gesichtspunkte deswegen Bevorzugung, weil eine Prise Kochsalz, ein Glas Wasser und zehn Gramm weißer Ton so billig sind, daß sie von jedermann beschafft werden können. Wem der fade Geschmack der Bolus nicht behagt, kann weiter ohne große Kosten sie mit einigen Tropfen Psefferminzöl parfümieren. Hauswirtschaft. Reste und ihre Verwertung. In der Verwendung aller in der Küche vorkommenden Reste von Nahrungsmitteln haben viele Hausfrauen es zu einer erstaunlichen Fertigkeit gebracht. Be- rufStStige Frauen kochen, um Zeit zu sparen, nicht selten nur zwei« bis dreimal in der Woche frische Speisen und wärmen diese an den auderen Tagen einfach auf Zur Entstehung von Resten verleitet auch zuweilen vorteilhafter Einkauf einer größeren Menge Vorrats. So gewiß nun bei der herrschenden Teuerung alle Vorteile beim Einkauf von Rohstoffen vorgenommen werden müssen und in emem ordentlich geftihrten Haushalt so wenig wie möglich um- kommen darf, so verkehrt ist es doch vom Standpunkt einer gesundheitsdienlichen Ernährung aus, auf die Er- zielung von größeren Resten systematisch hinzuarbeiten. DaS ist Sparsamkeit am unrechten Orte. DaS Aufbewahren von Speise- resten hat airch seine bedenkliche Seite. Gekochte Speisen verderben oft noch schneller als die Rohstoffe, zeigen aber gesundheitsschädliche Veränderungen nicht so finnenfällig wie diese. Sehr viele Gerichte verlieren auch durch Aufwärmen an Wohlgeschmack. DaS gilt zum Beispiel von allen Braten. Gewöhnlich bekommen sie dann auch nicht so gut und geben bei empfindlichem Magen leicht Anlaß zu Verdauungsstörungen. Fleisch trocknet oft aus oder nimmt beim Aufwärmen zuviel Fett auf. wodurch seine Zuträglichkeit mehr oder minder beeinträchtigt wird. Dank« öar sind für die Resteküche gewisse Gemüse, wie Kohl und Rüben, deren Verwendung hauptsächlich in die kühle Jahreszeit fällt. Da diese Gemüse starkes Kochen erfordern, gewinnen sie sogar gewöhnlich beim Aufwärmen an Schmackhaftigkeit und Bekömm- lichkeit. In Proletarierhaushaltungen ist Vorficht beim Aufbewahren von Speisen besonders geboten. Hier fehlt es gewöhnlich an ge- eigneten luftigen und kühlen Aufbewahrungsräumen, in denen die Zersetzung der Speisen sich bis zu einer gewissen Grenze verzögern läßt. An warmen Sommertagen hebe mau deshalb gelochte Speisen nicht bis zum anderen Tage auf, insbesondere nicht Pilze und Fische, die sehr schnell verderben und dann zu den gefährlichsten Vergiftungen Veranlassung geben können. Alle Speisen sind vor Fliegen sorg- fältig zu schützen. Diese können GärungS-, KrankheitS« und Ver- wesungskeime auf schlecht verwahrte Eßwaren übertragen, indem sie dort Nahrung suchen oder ihre Eier ablegen, aus denen sich in kurzer Zeit die ekelhaften Maden entwickeln. Hat man keine Speisekammer, so lassen sich kleine Mengen von Nahrungsmitteln recht gut im sorgfältig gereinigten Ofenloch aufbewahren, das durch den Schornstein ständig frische Lust zugeführt erhält. Man kann einen passenden Karton hineinschieben, von dem eine Schmalwand entfernt wurde. Drahtglocken und«decke! schützen die Speisen nicht immer vor Verunreinigung durch Maden. Die graue Fleischfliege, deren Junge schon im Mutterleib aus dem Ei schlüpfen, läßt ihre Maden durch das Drahtnetz auf die Speisen hinabfallen, deren Geruch sie angelockt hat. Der berühmte Entomologe (Jnsektenforscher) I. H. Fabre empfiehlt als besten Schutz gegen die Fliegen papierne Hüllen. Zeitungspapier darf man natürlich nicht in unmittelbare Berührung mit fertigen Eßwaren bringen. Muß man Speisen aufwärmen, so tue man es möglichst auf Wasserdampf. Fleisch schneidet man in Scheiben und legt es in eine Schüssel, die man auf einen Topf mit kochendem Wasser stellt. Die Sauce wird aufgekocht und. ivenn sie, was oft vorkommt, die Bindung verloren hat. mit in Wasser klar gerührtem Kartoffelmehl seimig gemacht. Dann gießt man sie über die Fleischscheiben, die auf Wasserdampf gehörig durchwärmen müssen. Doch betrachte man das Aufwärmen sowie die Herstellung neuer Speisen aus Resten immer nur als Notbehelf und beherzige die Worte Professor Rubners, der in seiner„Nahrungsmittel« und Eruährungs- künde' sagt: „Die Geschicklichkeit der Hausfrau dokumentiert sich tneineS Erachtens nicht darin, daß sie möglichst genau alle Speisereste wieder gut mundgerecht zu macben versteht, als vielmehr in der Befähigung. den Tisch richtig mit frisch zubereiteter Kost zu versehen, und das Entstehen von Speiseresten auf das allerkleinste Maß zu beschränken. Je mehr man diese Aufbewahrung«« künste und Abfallmenüs vermeidet, um so besser.' m. kt Verkehrswesen. Ein neuer elektrischer Straßenbahnwagen. Ein neuer elektrischer Straßenbahnwagen, dessen Geschick von vielen eng- lischen Gemeinden mit Spannung verfolgt wird, ist vor kurzem von dem Londoner Graffchaftsrat mit Erfolg versucht worden. Der Wagen besitzt einen Benzinmotor, der den zu feiner Fortbewegung nötigen Strom erzeugt, so daß also die teuren Stromleitungen und Stromerzeugungsanlagen ganz fortfallen. Das System ist als das System Stevens bekannt und soll noch nirgends in der Welt für Straßenbahnen zur Anwendung gekommen sein, obwohl es in London schon für Omnibusse erfolgreich eingefiihrt ist. Der Londoner Graffchaftsrat ließ drei alte Pferdebahnwagen nach diesem System einrichten. Es ließ sich leicht eine gleichmäßige Geschwindigkeit von etwa 20 Kilometer erzielen bei einem Benzinverbrauch von einer Gallone(i'/a Liter) für 13 bis 16 Kilometer. Den direkten Anstoß zu den vollständig geglückten Versuchen, die mit den Wagen angestellt worden sind, gab die Weigerung einiger ostlondoner Gemeinden, dem Graffchaftsrat zu erlauben, überirdische Leitungsanlagen in ihren Straßen anzubringen. Da der geringe Verkehr auf der in Frage kommenden Strecke die Ver- Wendung des sonst allgemein in London benutzten teuren unter- irdischen Leitungssystem nicht rechtfertige und die Gemeinden von der Oberleitung nichts wissen ivollten, griff man schließlich zu dem System Stevens. Wenn sich die günstigen Rachrichten über die Borteile der neuen Wagen voll bewahrheiten sollten, stehen wir nicht nur vor einer Revolution des Straßenbahnwesens, sondern auch, was England anlangt, vor emem äußerst wichtigen wirtschaftlichen Umschwung. Denn in England können die Gemeinden wohl Straßenbahnen, aber keine Omnibusse besitzen. Ja den letzten Jahren haben die MotoromnibuSgesellschaften den stäbtischen Straßenbahnen namentlich in London, wo sie dem Verkehrstrust an- gehören, eine scharfe Konkurrenz gemacht, gegen die sich die Straßenbahnen nur schwer haben behaupten können. Mit den neuen elektrischen Wagen werden die Betriebskosten bedeutend herab- gesetzt werden können. Naturwiffenschaftliches. Populäre Literatur über Kleintiere. Die meisten Freunde der Vögel unter den Insekten, wie man die bunten Schmetterlinge nennen könnte, begnügen sich mit der Erlangung recht vieler und möglichst schön gezeichneter Arten und der Fest- stellung ihres Ramens. Es ist ein ästhetischer oder ein Sammler- trieb, der viele dieser Schmetterlingsjäger mit dem Fangnetz auf die Fluren treibt, und nur ein kleiner Teil lernt bei dieser Gelegenheit mehr vom Leben der Schmetterlinge kennen. Soweit dies daran gelegen hat, daß es an einer guten und billigen Schrift über diesen Gegenstand fehlte, hat Richard Kleine mit einem Bändchen über„Unsere heimischen Schmetterlinge, ihr Leben und ihre Entwickelung' fTheodor Thomas Verlag. Leipzig; Preis 1 M) dem Mangel abgeholfen. Es ist keiir Bestimmungsbuch, wohl aber eine gute Ergänzung zu einem solchen. Der Schmetterlingsfreund wird über das Liebesleben der Schmetter- linge, die Entwicklung der Eier und der Raupen, der Puppen und der Falter in einer sehr lesbaren Sprache unterrichtet, durch gute Abbildungen geleitet und am Schlüsse auch über die zweckmäßige Einrichtung einer Sammlung belehrt. In dasselbe Gebiet gehören I. H. Fabres„Bilder aus der Jnsektenwelt"(Kosmos-Verlag, Stuttgart; Preis 2 M.), von denen bereits ein dritter Band vorliegt. Der berühmte französische Nestor der Jnsektenforscher schildert sin guter UebersetzungsunS dasLeben und Treiben der Mistkäfer, der Spinnen, Zikaden, Dolch« und Grab- Wespen, Mörtelbienen. Skorpione und anderer Kleintiere in der bei ihm bekannten, stets sehr anschaulichen und fesselnden Weise. In dem Artikel über die Lebensgeichichte des Kiefern-ProzessionsspinnerS finden wir sogar einen Abschnitt über„Kommunistische Genossen« schaften' bei diesen Tieren, der freilich wie die meisten naturwissen- schaftlichen Nutzanwendungen auf die menschliche Gesellschaft den üblichen Fehlschlüssen unterliegt. Die Lektüre dieses BucheS führt zu der Erkenntnis, daß die Kleinheit eine« Tieres es nicht an sehr komplizierten und„durchdachten' Lebensäußerungen zu hindern braucht. Die Zahl der deutschen Käferarten ist so groß, daß die Her- stellung vollständiger Bestinnnungsbücher für billigen Preis auS- geschlossen ist. P. Kuhnt hat in seinem Buch„Der Käfer- sammler'(Th. Thomas Verlag, Leipzig; Preis geb. 3 M.) den Versuch gemachh die häufigsten Arten, etwa 1150 an der Zahl in knappe Bestimmungstabellen zu vereinigen. Da 117 Abbildungen die Erkennung der Hauptgruppen sehr erleichtern, so kann der Anfänger, der eiftig gemig ist, um sich weder durch die Abkürzungen in den Tabellen, noch durch die not- gedrungenerloeise lateinischen Ramen der Arten(Tausende von deutschen Volksimmen für Käfer kann eS eben nicht geben, die be- kannten Volksnamen sind berücksichtigt) abschrecken zu lassen, sehr wohl mit dem Buche vorankommen. Einleitende Kapitel, z. B. über die Anlegung der Sammlung, gehen ihm voraus.__ L. L. Berantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.-—Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckereiu.VerlagsanstaltPaul Singer LcEo.,BerlinLlV.