AnterhaltungsSlatl des Horwäris Nr. 117. Donnerstag, den 19. Juni. 1913 Das entfesselte Schick fot Roman von Edouard Rod. 13. Kapitel. Chaussys Artikel hatte die meisten der Geschworenen mehr als zur Hälfte überzeugt, und mit der Zeitung in der Tasche waren sie zur Sitzung gekommen. Wie am Tage vorher hüteten sie sich ihrer Meinung Ausdruck zu geben. Je nach ihren Beziehungen standen sie zu zweien oder dreien in ihrem Zimmer beisammen, um sich auszuruhen oder um sich Erfrischungen geben zu lassen. Es war heiß: einige hatten Dwrst, andere Hunger. Sie bestellten belegte Brötchen, Bier und kalten Kaffee und begannen sich über das Wetter zu unterhalten. Durch die matten Glas- scheiden der Decke brannte die Sonne derartig auf den Schwurgerichtssaal hernieder, daß sie es nicht länger zu ertragen glaubten. Welche Glut muß erst in den Logen sein! In Paris fielen die Leute wie die Fliegen um, und in den Zeitungen war nur von Sonnenstichen die Rede. Auch in Versailles brach eine Frau zusammen, als sie über den Place d'Armees ging. „Es sind die Pfeile des Apollo." meinte Doktor Buthier. „Günstig für die Ernte," sagte Mouchebise zu Glary. Aber alle waren zerstreut. Sie wagten über den Pro- zeß nicht zu sprechen, und er war doch augenblicklich ihr einziger Gedanke. Ohne direkt den Gegenstand zu berühren, konnte man doch auf Nebensachen eingehen. Condemine be- gann: „Haben Sie den Artikel von Chaussy gelesen?" fragte er Mortara, der sein Glas Bier in kleinen Zügen leerte. Der Maler war der einzige, dem er unbekannt geblieben war. Er las nur einmal täglich die Zeitung und zwar ein Abend- blatt, wenn er seine Arbeit beendet hatte. Er gehörte zu denen, die sich vollständig in ihre Tätigkeit vertieften. „Nein," erwiderte er,„und ich werde ihn auch nicht lesen. Ich will mir meine. Meinung selbst bilden." „Das machen wir alle. Aber nian kann darum doch einen Artikel von Chaussy lesen. Welche Logik hat der Teufelskerl, welchen Stil! Ich glaube, seit Paul Louis.. Mortara unterbrach ihn: „Um offen zu sein, muß ich Ihnen gestehen, daß ich Chaussy wenig schätze. Und noch weniger, seitdem ich ihn gesehen habe. Er hat eine dreckige Schnauze, verzeihen Sie den Ausdruck. Und dann mißtraue ich immer denen, die beständig auf ihre Nächsten schimpfen. Dieser Mann kommt aus der Wut nicht heraus." „Das ist ein Kerl!" erwiderte Condemine.„Es ist besser, mit ihm befreundet, als verfeindet zu sein. Wenn er gegen jemand losgeht, dann haut er derb zu. Man merkt seine feindlichen Absichten gegen Lermantes zu sehr heraus." Die anderen Gesckzworenen wurden aufmerksam. „Sie haben reckst," sagte Durnant zu Mortara und zündet er sich eine Zigarette an.„Man muß dem super- klugen Welwerbesserer mißtrauen." „Und den Journalisten im allgemeinen," fügte Pillon hinzu. Condemine wandte sich von Mortara ab. um gegen die Neuhinzugekommenen seine Meinung zu behaupten. „Aber doch, was für Dienste leistet uns die Presse! Wer ist es, die alle Schäden aufdeckt? Die Presse. Ohne weit gehen zu brauchen, war sie es nicht, die den Schwindeleien der Humbert damals ein Ende machte. Die Mächtigen können sich alles erlauben, wäre sie nicht, die alles Oeffent- liche ahndet." „Es ist mir noch nicht aufgefallen, daß man die Mach- tigen sehr belästigt," murmelte Pillon. Oberst Ollomont fügte hinzu: „Ganz gewiß nicht! Wenn man sie verfolgt, geschieht es aus Versehen und man beeilte sich, sie wieder loszu- lasten." Glary, Mijour und Klösterli lachten über diese Grille und stimmten ihm bei. Condemine protestierte: „Wieso denn? Ist Lermantes nicht gestern noch ein Machthaber gewesen. Bei ihm verkehrte alles: Deputierte, Senatoren, Minister." „Nicht bis gestern," brummte Durnant.„Diese Leute haben ihn im Gefängnis nicht besucht." „Also: bis er verhaftet wurde. Er hat das Geld mit Scheffeln gemessen... Er lancierte Geschäfte, er hat sein Vermögen verschwendet. Aber trotzdem sitzt er heute zwischen zwei Gendarmen und hat seinen Stolz beiseite gelegt. Vor dem Gesetz sind heute alle gleich, das ist eine Eroberung, die niemand im Augenblick abstreiten kann." „Wir wollen uns hüten abzustreiten, was es auch sei," meinte Durnant. Doktor Buthier fuhr fort: „Ich erkenne an, daß die Presse ihr gutes hat. In einem demokratischen Staat muß man wie in einem Glas- haus leben, besonders sollten die das bedenken, die in der Oeffentlichkeit stehen und für ihre geringsten Handlungen verantwortlich sind.— Aber wir müssen zugeben, daß die Journalisten Mißbrauch treiben. Es ist unpassend, sich der- artig über einen schwebenden Prozeß zu äußern." „Ein Mann wie Chaussy," begann Condemine. Durnant unterbrach ihn lebhaft: „Weshalb hat er mehr Rechte als ein anderer. Ich glaubte, daß wir alle gleich wären." Doktor Buthier bestärkte ihn: „Gerade, weil er viel Einfluß aus die Leser hat, müßte er vorsichtig sein: ein solcher Artikel kann selbst uns unbe- wüßt beeinflussen. Das ist beklagenswert." „O," meinte Condemine,„nach dem, was wir hörten.. Er brach ab. Aber der unvollendete Satz war klar genug gewesen. Mortara enthüllte deshalb seinen Sinn: „Sie finden also diese Aussage so entscheidend? Nun, ich nicht..." „Was wollen Sie sagen?" fragte Souzier. Mortara fühlte, daß die meisten seiner Kollegen anders dachten. Er war ein Einsiedler auf dem Lande, der nur der Natur lebte und wenig mit Menschen in Berührung kam. Es war nicht feine Gewohnheit, seine Meinung vor anderen zu äußern, und schon das Gefühl, daß man ihm zuhörte, schüchterte ihn ein. Er begann zu stottern und nach Worten zu suchen: „Ich will sagen, daß dieser Herr d'Entraaue mir zu wenig gefällt, um dem Glauben zu schenken, was er sagt. Sie verstehen. Ich möchte die Gewißheit haben, daß... ich weiß nicht, daß er niemals etwas mit Lermantes vor- gehabt hat." „Ach," rief Condemine,„das ist die Wirkung von Br6- vines, Frage. Das ist ein Schlaukopf, der alle Kunstgriffe kennt. Zum Taufel auch! Lassen Sie sich doch nicht durch seine Advokatenkniffe betölpeln. Bleiben Sie selbständig!" Der Apotheker machte eine energische Haudbewegung, die zeigte, daß er sich als entschlossener Mann seine Ansicht gebildet hatte. Durnant mengte sich hinein. Er erinnerte sich zwar nicht direkt an irgend eine schmutzige Geschichte vom Rennplatz, in die d'Entraque hineingezogen tvar, aber irgend etwas hatte man gehört. Gestikulierend setzte Kloesterli auseinander, daß er sich vage auf eine Art Skandal besinne. In jenem Falle war der Mann nicht einwandfrei. Es handelte sich um mehr als eine einfache unglückliche Wette, als die sie der Zeuge dargestellt hatte." „Man muß aber diesen Punkt aufklären," beschloß Dur- nant;„wenn d'Entraques Aussage verdächtig ist, sehe ich nicht, was gegen Lermantes spricht." „Ich auch nicht," sagte Buthier. Condemine rief: „Was dann? Gegen ihn spricht, daß er sein Opfer beerbt hat, und in welch' passendem Augenblick! Ohne all die kleinen Tatsachen zu erwähnen, die seine Belastung ergeben. Die Reise nach Savoyen, was? Uebrigens ent- krästet nichts Herrn d'Entraques Aussage, und man der- urteilt täglich auf weniger wichtige Zeugnisse hin." „Mir scheint im Gegenteil, daß man ziemlich vorsichtig ist," entgegnete Doktor Buthier.„Wenn nur der geringste Nilschcin einer Ftrtnmsmöglichkeit vorliegt, verurteilen die Geschworenen nicht." «Das ist meiner Ansicht nach unbedacht." sagte Oberst Olloinont.„Ein Verbrechen ist begangen worden. Man hat den Schuldigen. Dann soll nian ihn doch mitleidslos vernichten. Schon um des abschreckenden Beispiels willen!" „Wenn aber der angeblich schuldige unschuldig ist," warf Conthey schüchtern ein. „Dann soll man ihn in Freiheit setzen." brummte der Oberst. Die kleine spitze Stimme Mijoux' warf dazwischen: „Wenn man ihnen glauben würde, sind sie alle un- schuldig." „Es kommt vor, daß sie es sind, und das ist schrecklich," meinte Mortara. Plötzlich kam er auf die Szene von vorhin zurück, die ihn verfolgte:„Dieser d'Entraaue macht den Eindruck, als ob er eine auswendig gelernte Lektion hersagte." „Er spricht wie jemand, der seiner Sache sicher ist," er- widerte Souzier. „Nie verbessert er sich. Nie denkt er nach, s�ch an seiner Stelle würde manchmal zögern, manchmal ein Wort durch ein anderes ersetzen. Es ist so schwer, sich genau so auszudrücken, wie man will." Doktor Buthier pflichtete Mortara bei. „Daß man sich nach vier Monaten so genau erinnern kann..." „Aber denken Sie, wie oft er die Erzählung schon wiederholt hat," sagte Pillon. „Und sie sich selber immer wieder hergesagt hat," fügte Durnant hinzu. „Das beunruhigt mich eben," sagte der Arzt,„selbst wenn er die Wahrheit sagen will, kann er sich die ganze Geschichte nach und nach eingebildet haben." „Wenn er nach Ausdrücken suchen würde." warf Eon- demine ein,„würde man wieder bemängeln, daß er nicht tveiß, was er sagt." „Mir würde das besser gefallen," erwiderte Mortara. „Man kann alles auf verschiedene Art auslegen," be- merkte Pillon. „Nichts ist ungewisser, als die Zeugenaussagen," er- klärte Durnant.„Man faßt sie zu leicht auf. Es gibt ein lateinisches Sprichwort, an das man immer denken müßte, wenn man urteilt: Deotis unus, testis nullus." Er begegnete Glarys fragendem Blick, der mit ge- spannter Aufmerksamkeit gefolgt war, und wandte sich zu ihn:: „Das bedeutet, daß ein einziger Zeuge nicht zählt." „O," erwiderte Souzier,„das ist eine Regel, der man beim Strafrecht nicht Rechnung trägt." „Somit," benierkte der Oberst,„würden alle Mörder, die bei Ausübung ihrer Tat nicht mindestens von zwei Personen gesehen worden wären, ihrer Strafe entgehen. Das wäre noch schöner!" „Aber," meinte Mortara, sich ereifernd,„denken Sie an die Jrrtünier, welche Leute in gutem Glauben begehen. Ist es Ihnen nie passiert, von einem Unbekannten gegrüßt worden zu sein, der Sie für jemand aiiders hielt? Nun können doch solche Mißverständnisse in gewissen Fällen schtvere Folgen nach sich ziehen." „Und wenn nian Ihnen versichert, daß man Sie an einem Orte getroffen hat, an deni Sie gar nicht waren," fiigte Durnant Hinz».„Sie können leugnen, soviel Sie wollen, der andere besteht darauf. Und er wird sich nicht überzeugen lassen." lLorUctzuug folgt.) Der Vatermörder. Bon Hans K y s e r. (Schluß.) Am anderen Morgen verließ die Mutter mit ihrem Sohn ihren Mann. Sie nahm ihre geringen Havseligkeiten mit, ihr Herz blieb zurück, so daß ihr Gesicht verlosch wie das einer Gestorbenen. Sie mietete sich in einem anderen Stadtviertel �ine Schlafstelle. Als ihr Mann sich von ihr verlassen sah, überkam ihn eine fremde unverständliche Seligkeit, wie die späte Erfüllung einer langen vergessenen Sehnsucht. Er warf das Frauenzimnier aus dem Hause und irrte, seine Frau suchend, bis zum Abend in der Stadt umher. Sie wird ihm alles verzeihen, sie wird wiederkehren, er wird sie nie mehr schlage«, er wird nicht mehr trinken, er wird arbeiten, oh: alles wird wie in den ersten Tagen ihrer Ehe werden. Ja, er rechnete nach, wann er soviel verdient haben wird, um ihr statt des achtkarätigen Eheringes, den sie schon lange hatte hingeben müssen,«inen neuen, einen bierzehnkarätigen, zu kaufen. Und er fand seine Frau; aber der ihm die Türe öffnete, war sein Sohn, und dieser hatte ihn kaum erblickt, so warf er krachend die Tür vor ihm zu. Da hörte er, wie alle seine Wünsche, Hoffnungen, Träume, seine Freude und seine Liebe stürzend zusammen. brachen, und als ihm seine Frau die Tür wieder öffnete, konnte er nicht mehr sprechen, als ein rauhes:„Komm zurück I" Diese wandte sich zu ihrem Sohn um und sagte nur:„Du wirst nun auf Arbeit gehen", und griff zu ihrem Tuch und ging mit ihrem Manne. Aber der Mensch kann sich selber nicht abschütteln: die beiden Versöhnten hatten kamn das Haus betreten, so fiel es den Mann an, die Schuld an ihrem Zerwürfnis ergründen zu wollen, und Schlammeimer um Schlammcimer fielen aus dem Dunkel und dem Elend ihrer Tage auf die junge Blume, die wieder blühen wollte, und begruben sie. Es wurde nur ärger als je. Er«nietete die Dirne, die seiner Roheit wollüstig anhing für das Geld, das er seiner Frau mit der Faust abpreßte, in der Nachbarschaft ein und lebte von beiden. Seine Frau aber blieb bei ihin, um ihn vor den Wut- ausbrüchen seines Frauenziinmers zu schützen, die vor ihr in einer fast ehrfürchtigen Scheu zurückwich. Ihr Sohn betrat ihr Haus nicht«nehr. Mutter und Kind trafen sich, wo gerade beide arbeiteten. Nie klagte die Mutter, immer schwieg der Sohn und tat ihr schweigend, was er ihr Liebes tun konnte. Er trug ihr die Wäsche bis ans Haus und half selbst auf dein Hof mitwaschen, wenn er keine Arbeit hatte und der Vater nicht anwesend war. Für seine Ivenigen ersparten Taler kaufte er ihr einen Ring und bat sie, ihn zu tragen. Er leimte ihr in der Nacht einen Fußschemel und polsterte ihn aus. er zimmerte ihr einen kleinen Schrank, da der Mann da» Kleider- spind seinem Frauenzimmer geschenkt hatte. Sah er aber zufällig einen blauen Fleck oder andere Wundmale auf ihrem Arm, schoß ein fahler Schatten über sein Gesicht, und er ging ohne Gruß schnell fort. In solchem Augenblick wußte er, IvaS geschehen wird. Er wollte nicht denken, aber das Blut, daS seinem Bater einmal aus der Stirn gesprungen war, er fühlte es an seinen Händen nach Blut schreien, und er ivußte, daß es seines VaterS Blut war, was»ach seinen Händen schrie. Dann«nied er seine Mutter lange, bis ihn Angst, Schmerz, Sehnsucht wieder zu ihr hi«, trieben, und fie gab sich Mühe. ihn beinahe wie einen Unwillkommenen zu empfangen, denn immer hatte sie,Schläge zu verstecken.„Mutter", sagte er einmal zu ihr, „haut er nochmal, sag ihm, ich komme. Und Schlag um Schlag!" — Die Mutter aber hob nur aus dem Waschfaß die Hand auf und lvies ihn sckweigend an. zu gehen. Und er ging. Er trieb sich ohne Arbeit, ohne Essen, ohne Schlafen herum. Er wollte nichts sehen und sah nur, wie die faule Hand seines Vaters in das Leidensgesicht seiner Mutter traf. Er wollte»ichts hören und hörte nur. wie das Blut des Vaters in ihm,»ach ih,n schrie. Er wollte nichts fühlen, ja, er ftihlte nichts. Eine Ruhe, kalt und ohne Sinn kam über ihn, und in dieser Ruhe empfand er das Schreckliche, das er imißte: er wird seinen Vater niederschlagen. — wie da» natürliche Gesetz seines Lebens. Ja. klar und ohne Haß und ohne Wut wußte er seine Tat. Aber er löckte noch wider den «tachel: er ging auf die Polizei und forderte, daß man seiner Mutter helfen soll, doch die kluge Polizei kannte die Prügeleien in der Familie Haska, und ein sehr Witziger gab ihin den gliten Rat: Immer feste mitprügeln! Also mußte er seiner Mutter selber helfen. Aber»och redete eine Stimme in ihm: mögen sie sich prügeln, was geht's dich an? Arbeite und vergiß!— Und er nahm Arbeit als Möbelträger an. Er arbeitete im Schweiße seines Herzens. Er fand den Schlaf. aber er fand nicht die Ruhe. Plötzlich fuhr er in der Rächt auf und hörte seine Mutter nach ihm«chreieit. Er"hörte auch andere Stimmen, die er nicht verstand, Stimmen eines Lebens in Stille und Schönheit, und wenn er. aus seiner Schlafstelle hockend, tiefer lauschte, stiege««, ihm alle Stimme!« wie ein einziger Chor aus seinem Blute auf: eme reine und tiefe Musik, die ihn wieder ein« schläferte. So gingen ihm Wochen hin, die alle nach etwas riefen, was er während der Arbeit vergessen hatte, und jede Nacht schrie es heftiger in feinen, Herzen. Eines Morgens träumte ihm, seine Mutter wäre gestorben, und er sah sie an seinem Bett in allen ihren schrecklichen Wundmalen stehen, und sie hielt seinen Ring fest in der Faust und lächelte. Da riß es ihn auf. Er muß seine Mutter sehen. Sofort. Sein Taschenmesser, das er sich eben«nit Schlüssel und Portemonnaie ge- daukeuloS in die Tasche stecken Ivollte, plötzlich sieht er eS an. Er erblaßt. Und wirft es weg, als hätte es ihin die Hand verbrairnt. Er tritt aus die menschenleere Straße hinaus und friert und fängt an zu laufen. Da ist die enge Gasse, wo sein Vater wohnt. Er läuft. Er hört Geschrei im Hof. Wie ein Stein steht er still. Im Hause zetert das Frauenziinmer.«nit dem sein Vater schläft. Erhört seinen Vater schreien:„Gibst Du den Ring heraus. Du Hurel* Ah, er weiß: das gilt heute nicht seiner Mutter, er könnte dem Vater viel verzeihen, daß eS heute, gerade heilte nicht seiner Mutter gilt. Da hört er Schläge, pfeifende Schläge, als ob einer mit einer Peitsche trifft, und da... da... Schreie seiner Mutter:„Nie kriegst Du de» Ring, schlag mich tot, bring mich unter die Erde.. Er steht im Hof. seinem Vater gegenüber. Dieser steht ,hn nicht vor Wut, er speit sein Weib an und schreit finnlos:»Da spuck ich noch druf 1* Ah, hat er nicktS zur Hand? Irgendwo hört er in der Lust: Unter die Erde I— Erde her I Er packt ins Gras, reiht mit einem großen Rasenstück einen schweren Klumpen Erde aus, springt ans seinen Vater zu:»Spuck drufl Spuck druf'" und schlagt rhm die Faust voll Erde ins Maul, daß beide stürzen, läht nicht los, niemand, niemand lann seinen eisernen Arm bewegen, nieinand seine Hand von des Vaters Mnnd wegreihen, bis dieser unter seinen Fingern erstickt ist. Dann steht er auf, geht zu seiner ohnmächtigen Mutter, der er sanft seinen Ring von: Finger zieht und stellt sich der Polizei. Obwohl er um ein Todesurteil gebeten hatte, wurde er, wie ein» gangs gesagt ist, steigesprochen. Was gilt ihm solche Gerechtigkeit? Seine Mutter sprach ihn nicht frei. So ging er auher Landes und blieb verschollen._ Große ßcrliner Kunstausstellung n. Die historische Abteilung ist ohne Zweifel dieser Ausstellung besseres Teil. Mit der Jahresernte 1913 hingegen ist, wie das bei solchen Massenansammlungen von Bildern nicht anders erwartet werden kann, auch diesmal wenig anzufangen. Immerhin lassen sich doch genug Arbeiten herausfinden, die ein aufmerksameres Anschauen verdienen. Da» Niveau steigt; die Augen der Maler werden empfindsamer, die Hände beweglicher. Der Jmpressionis- mus hat auf der ganzen Linie gesiegt. Man braucht nur das Porträt der alten Akademie, wie es militärgerecht und Hand- werksmähig, ohne Zweifel tüchtig, aber doch zum Sterben lang- weilig, Anton von Werner machte, mit den Bildnissen der Gegen- wart zu vergleichen, um die Abkehr von der trockenen Registratur zur geschmackvoll hergerichteten Sinnlichkeit festzustellen. Von Werner bekommen wir gleich eine ganze Hekatombe solcher red- licher aber doch schliehlich unerquicklicher Pivselphotographien vorgesetzt: Tie Reichstagseröffnung 1888. Diese Köpfe, noch mehr vielleicht die Orden, Uniformen und Stiefel sind ohne Zweifel überaus ähnlich geraten; es stagt sich nur, ob nicht in absehbarer Zeit die Technik der Farbenphotographie ähnliches und besseres wird leisten können. Es findet aber die Kunst ihre Grenze dort, wo die Mechanik beginnt. Da nun diese Mechanik immer leistungs- fähiger wird, mutz die Kunst immer mehr von dem Ergreifen der kontrollierbaren Wirklichkeit sicki abkehren, um das scheinbar Un- sichtbare und doch für das Gesicht Entscheidende, um den Rhyth- mus und den Klang zu erfassen. Es mehren sich die Maler, die so mit den Augen zu sehen vermögen, die darum dem Reich der Kunst zugehören. Um von den Bildnissen und den Gegenpolen Werners zu sprechen, mögen ltvobei einigen Unbekannten ohne Zweifel Sin Leid geschieht) etliche beachtenswerte Tafeln aufge- zählt sein. Schulte im Hofe(SR. 272) hat den Reichskanzler als eine Art von poliertem Oberlehrer, als eine graue Gleich- müstgkeit festgehalten. Fritz R e u s i n g(Nr. 288) hat eine» adligen Herrn mit ostelbischer Unverfrorenheit, aber nicht ohne athletische Anmut ausgerüstet. Als ein Hodler-Schüler erweist sich Fritz Burger(Nr. 87g); es gelingt ihm, nur mit den äusseren und inneren Konturen, mit grünen Linien und roten Flächen, einen Eindruck des Lebens zu geben. Wesentlich reifer ist Heinrich Brüne(Nr. 89V), er weih aus dem menschlichen Modell und dem Hintergrund eine koloristische Einheit zu ver- Iveben. Walther Thor(Nr. 1ö69) ist ein rechtes Beispiel für den Sieg der nervösen Technik des Impressionismus; besonders in der Behandlung des Anzuges zeigt sich der Vorteil der beweglichen, den Spuren und Sprünge» des Lichtes nachtastenden Manier. In der Landschaftsmalerei hat das neue Sehen noch gründlicher sich durchgesetzt; die Beweglichkeit des Objektes, das Wehen der Blätter und das Wirbeln der Luft, half automatisch zu schnell reagierenden Augen und einU gespannten Kurzschrift des Pinsels. Man beschaue sich daraufhin Bilder wie die von B a e r(Nr. 293), U t h(Nr. 1055), Marie Hager(Nr. 1868), Hellwag(Nr. 654); sie alle haben eine anregende Heftigkeit gemeinsam. Es geht auf diesen Bildern etwas Komisches vor sich, es rieselt Sonne, es fallen Schatten, es wirbelt Sturm. Die Wirkung solches Naturgeschehens kommt dadurch zum Ausdruck, dah der Maler mit seiner Farbe einen ähnlichen Prozeh vor- nahm, wie er ihn in der Natur sich entwirren sah: die Färb- tropfen rieseln, sie fallen oder sie wirbeln. Als solch ein Experi- ment, rieselndes Licht in optische Melodie umzusetzen, ist das Bild, das S ch l i ch t i n g(Nr. 284) von einer Abendbeleuchtung des Potsdamer Platzes zu gestalten versuchte, nicht gleichgültig; man ahnt zum mindesten die Reize, die in diesem kreisenden Wirrwarr der Lichtflocken unser warten. Um daran zu erinnern, dah auch Stilleben und Interieur an dieser Entwickclung zum Malerischen teilhaben, sei ein in Mahagonitönen angelegtes Tulpenbild von Brandis(Nr. 260) genannt und auherdcm die sehr geschickte Arbeit der Julie Wolfthorn(Nr. L6l), eine Zusammenstellung chinesischer Porzellane, nicht vergessen. Auch die Plastik ist ihrem Schicksal nicht entgangen; sie hat die akademische Kälte verloren, ist bewegter und menschlicher geworden, hat aber zugleich gelernt, dah das Problem der Form nicht in dem Anwenden von Schablonen, vielmehr in der Er- fühlung des dem Leben eingesenkten Bewegungsspieles besteht. Die besten plastischen Arbeiten dieser Ausstellung wurden bort Hugo Lederer gesandt: die bekannte Büste des Kapellmeister? Strauß, ferner der Säemann und ein laufendes Weib, itoei monumentale Figuren, deren Leben durch die Balance der Arme geleistet wird. SRicht uninteressant, aber mehr Formel als Form, sind die Arbeiten von Franz M e tz n e r, ein wenig hunnisch. aufgeregt. Dem Lachkabinett der Unbegreiflichkeiten gehört bat Stachelschwein von Max Esser(868a); es besteht in der Häufst» iache aus zahllosen naturgetreuen Stacheln, ganz, wie man eS in Dem zoologischen Garten bewundern kann. Es bedarf keiner Ueberlegung, um festzustellen, dah solch lockeres Stachelkleid unge- fähr das ist,>vas sich am wenigsten zur plastischen Gestaltung eignet. Ebenso gut liehe sich ein Küchensieb oder eine Baumkrone als volle Rundplastik anrichten. » Man wollte diesmal eine umfassende Ueberschau über die Leistungen der neuen deutschen Architektur geben, zu- gleich sollte eine Parade der sogenannten kaiserlichen Bau- k u n st abgehalten werden. Da ist nun von vornherein merk- würdig, dah die kaiserliche Kunst und die neue deutsche in einen Gegensatz gebracht werden müssen. Der romantisch gesteigerte Selbstherrscher, der Schlösser bauen möchte, muh rückwärts greifen; kein Baumeister der i Gegenwart kann dem Mittelalter- lichen Empfinden ein Instrument sein. Das wäre eine harmlose Wahrheit, wenn nicht in diesem Falle die mittelalterliche Romantik ihre Ansprüche auch auf Bauten der in der Gegenwart lebenden Allgemeinheit ausdehnte. Es wäre schlichlich zu er- tragen, dah im wilhelminischen Zeitalter etliche alte Schlösser verdorben, einige neue zu einem Scheindasein ins Leben gerufen wurden. Was aber unerträglich genannt werden muh, ist die leidige Tatsache, dah dieser wilhelminische Historizismus sich auch auf viele der öffentlichen Bauten wie ein Mehltau legte. Es ist unklar, lvie weit die gesetzliche» Bestimmungen die Zustimmung des Kaisers zu bestimmten Bauten der Reichs- und Staats- behörden erforderlich machen; es ist aber gewitz, dah viele dieser Gebäude durch die Einwirkung des Kaisers das Mumienbafte be- kamen. Die gotischen Postgebäudc und die barocken Wissens- institute sind Beispiele genug. Es ist eben der romantisch ge- steigerte Fürst nicht mehr produktiv genug, um Architektur als Austraggeber und Mahstab z» organisieren. Dah dieses Mihver- bältnis unter Wilhelm II. besonders peinlich sich bemerkbar macht, dafür zeugt das Unwesen des Burgenbauers Bodo E b h a r d t. Das rastlose Mühen dieses überlegten Fanatikers wirkt fast tragikomisch. Die Ritter sind tat, so vermag niemand, weder der Fürst noch sein getreuer Diener, wieder Burgen zu bauen. Mit der Kirche geht es äbnlich. In der allgemeinen deutschen Archi- tekturabteilung zeigt uns die Gruppe der Kirchen jene Kopisten- iünste, die lvir hinreichend kennen. Die wenigen Proben über- zeugender Baukunst, wie sie Pützer, Schumacher(Dresdener Krematorium), Müller(Berliner Krematorium), Behrens(Hage- »er Krematorium) und schlichlich Theodor Fischer(Ulmcr und Münchener Kirchen) zu zeigen haben, lassen einen stets fragen: ob es auch schon so dogmenfrcic Priester gibt, die in solchen ver- weltlichten Kirche» zu wirken vermögen. Tie Architektur der Kirche ist gegenwärtig nicht gesund. Gesund aber bis zur Robust- heil, selbstverständlich und sieghaft ist die Architektur der F a b r i k. Auch davon treffen wir gute und typische Proben. Ter Breslaucr P ö l z i g und Peter Behrens sind die Meister des modernen Hauses moderner Arbeitsmethode. Sie wissen das Ungeheure konzentrierter 5lraft, wie sie sich in unwidersteh- lichen Maschinen und in dem Zusammenströmen der Arbeiter- »nassen entladet, durch Mauerwerk zu verewigen. Aus den Fabriken dieser beiden Architekten spürt man den hcihen Atem des modernen Produktionsprozesses; es sind diese Fabrikbauten wie Tempel einer neuen, heidnischen Religion der Arbeit, Menschenschlünde und doch zugleich Türme, an denen jeder An- stürm neu sich reckender Romantik zerschellen muh. Fabriken können gebaut werden, weil die, denen sie die Stätte schaffen, die Träger der Gcgenlvart sind. Nach solcher Methode, aufsuchend, was lebendiges Spiegelbild lebender Zeit ist, können lvir in dieser Architekturabteilung in Stein geschrieben die Kulturgeschichte unserer Tage lesen. Wir werden uns hier mit einein Inhaltsverzeichnis begnügen müssen; bevor aber auch dieses gegeben wird, noch ein Wort. Ein Wort, das nicht scharf genug sein kann. Mit dieser Architekturabteilung sollte das Interesse des Publikums der Baukunst neu zugeführt werden. Eine lobenslocrtc Arbeit, die durch das Ungeschick der Leiter dieser Abteilung kläglich mißriet. Wie kann man als ein überlegender Mensch solche Häufung von schwarz-wcihen Photo- graphien auf die harmlosen Ausstellungswanderer loslassen. Es ist nickt zu bezweifeln, dah das Publik»», fluchtartig aus diesen Sälen verschlvindct und dah niemand, den nicht die Pflicht dazu treibt, sich die Mühe geben lvird, aus dieser Monotonie das Eni- scheidende herauszusuchen. Und dann: welche mangelhafte Ord- nung. Der Katalog verheißt, dah Schulen, Kflkchen, Rathäuser beicinanderhängcn sollen; es lassen sich zu solcher Gruppierung auch etliche Versuche feststellen, aber immer wieder lvird die Ordnung durchbrochen. Es gibt eine Abteilung Herrensitze". Hier sehen wir die modernen Burgen, die Schlösser des Reichtums. Sic stehen rings im Lande, am dichtesten in der Nähe der großen Städte und in den Jndustriebezirken. Diese Herrensitze sind der stein- — 468— jjöoorbcne Mehrwert, sie sind Symbol des gehäuften Unter-- »«Hmergewinns. So werden sie einst von der Geschichtsbetrach-- ttutü unserer Nachkommen gewertet werden. Selbstbewußtsein und Machtgefühl ist in diesen Herrensitzen. Nur wenige von ihnen jbkcken rückwärts und maskieren sich mit erledigten Stilen; die Meisten wollen mit Bewußtsein modern sein. Sie wollen die Sochlichkeii zur Repräsentation gesteigert; sie wollen das Heim, ««ah bar, weil mächtig. Unsere besten Architekten stehen im iküenst dieser Herrensitze: March, Möhring, Messel. Behrens, William Willer, Muthesius. Es gibt kaum einen beyercn Beweis für fck Herrschaft des Kapitals als diese Dienstbarmachung der architek- jMuschen Produktivität durch den Reichtum. Tanebeu freilich steht ebenso kräftig und kraftvoller die Archi- iUJhir der K o in m u n e: das Rathaus, die Schule, die ganze Reihe der übrigen kommunalen Nutzbauten. Und auch hier läßt sich fest- Ken, daß die Tage der historischen Verbrämung vorüber sind. il haben Stuttgart, München und Hannover noch historische Kothäuser bekommen; die Zahl derer, die das Zweckmäßige zum Losdruck der sich selbstverwaltenden Kraft zu erhöhen versuchen, ist aber im Wachsen begriffen. Man beachte das Rathaus, das Messel für Ballenstedt baute, das Löwenberger Rathaus von PKzig; man beachte die Bauten des verstorbenen Neuköllner Kiehl uj& schließlich die abseits dieser Architekturabteilung in den Sälen 42 and 45 untergebrachten Bauten des Berliner Stadtbaurats Hoffmann. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Schul- bauten. Theodor Fischer, der Münchener, hat neben Hoffmann Wohl am besten den Ausdruck der sozialen Verpflichtung, den das Schulhaus ausstrahlen soll, zu treffen gewußt. Es ließe sich in jjkichem Sinne auf die Krankenhäuser, die Badeanstalten, die Turnhallen hiniveisen. Stets käme es darauf an, zu zeigen, wie die iorchitektonische Form den eigentlichen Inhalt unseres kommunalen Lebens darzustellen versucht. Ein minder erfreuliches Kapital ist das des Wohnhauses; es wurde auf dieser Ausstellung einiger- Mche» vernachlässigt: das kommt wohl daher, daß zum größten Teil heute nicht Architekten sondern Schieber die Mietskasernen bauen. Tie tvenigen Proben von Geßner, March und einigen an- deren erinnern immerhin daran, daß auch die Reform der Miets- kaferne. die Randumbauung ganzer Blocks, die Gesimsgleichheit aanzer Straßen heranreift. Leider fehlen innerhalb dieser architek- toaischen Rundschau völlig das proletarische Einsamilien- b a u s, dazu die Arbeitersiedlung. Dieser Mangel ist sch.oer zu erklären; wird doch die Baugeschichte der nächsten Jahr- z-.-nte sehr erheblich durch den Bauwillen deS sich als Wohnungs- Konsument organisierenden Proletariats bestimmt werden. Es kann für einen Architekten kaum eine reizvollere Aufgabe geben, talS diesem organisierten Willen der Wohnungskonsumenten die Hausform, sei es Kleinhaus, sei es Großhaus, zu finden. Robert Breuer. Kleines Feuilleton. Eine neue Heidebahn. Am 14. Juni wurde eine neue Eisen» bahn durch die Lüneburger Heide dem Berkehr übergeben. Zvie Bahn ist in Wirklichkeit eine Heideeisenbahn, durchquert sie doch «Zschließlich ein Gebiet der Liineburger Heide, und zwar eines der schönsten und unberührtesten. Die Bahn— eine Kleinbahn allerdings— beginnt in Lüneburg und endigt in Soltau, dieser echten Heidestadt im Herzen der Lüneburger Heide. Bekanntlich liegt Lüne- barg selbst am Rande des großen Heidegebietes, das sich von hier a»» hauptsächlich nach Westen und Südwesten weit erstreckt. Diese Lage.abseits vom Wege" machte die Stadt Lüneburg für gewisse Heidewanderungen, und zwar gerade die schönsten, recht ungeeignet; e» waren immerhin ziemliche Entfernungen zurückzulegen, bis man ins Herz der Heide gelangte. Die neue Bahn verbessert nunmehr die Zugänge zur Zentralheide außerordent» Lch. Daß die Bahn nach S o l t a u führt, ist eigentlich ganz selbst- verständlich, liegt doch gerade Soltau überaus günstig, und diese Stadt ist der gegebene Ausgangspunkt für Heidetouren. Immerhin hat eS recht lange gedauert, bis man diese selbstverständliche Ver- hinduug erhielt. Von jetzt ab kann man nun mit der Bahn Lüneburg- Soltau «cht nur bequemer und schneller in die Zentralheide eindringen. sondern die Bahn selbst erschließt prächtige Heidepartien, die bisher noch vielfach unbekannt sind. Von den mancherlei Ortschaften, die die neue Bahn berührt, seien nur zwei der schönstgelegenen heraus- «griffen: Amelinghausen und Bispmgen. Ersteres ist ein uraltes Hewedorf, im 10. Jahrhundert durch Bischof Amelung von Verden gegründet. Zwei liebliche Flußtäler, das Buhethal und das Logautal, sowie die beiden gewaltigen Forsten Raubkammer Nnd Süfing liegen in der Nähe, und weite, noch un- derührte Heidestrecken findet man hier zwischen Wald, Bach und ' enden Feldern. BiSpingen ist bekannt als Malerkolonie: hier schon seit Jahren Maler die Ruhe und Abgelegenheit de« ____ auf, um ihren Heidestudien obzuliegen. Auch Bispingen ist «in geschichtlicher Ort von mancherlei Reizen. Interessant ist unter «mderem die alte romanische Kirche und die gewaltige Linde auf dem Kirchhofe. Von Bispingen sowohl wie vom benachbarten Hützel aus Hot man einen vorzüglichen Zugang zum Wilseder Naturschutzpark- da» bisher recht unzugänglich war._._ Redakteur: Albert Wach», Berlin.— Druck u. Verlag: Die neue Bahn erfüllt somit mancherlei Zivecke. Sie erschließt das Land nicht nur touristisch, sondern auch kulturell. Dem Pfluge werden weite Heideflächen zum Opfer fallen, und an Stelle der ver- schwiegenen braunen Heide werden sich die neuen Kulturen breit machen: Buchweizen-, Kartoffel-, und Roggenfelder. Da war es doch die höchste Zeit, daß man in dem Wilseder Naturschutzpark, in den: Gebiet der Sieben Steinhäuser und an anderen Stellen unberührtes Land erhalten und vor der Modernisierung errettet hat. Hauswirtschaft. Künstliche Eisbereitung. Emige Rezepte für Kältemischungen werden unseren Lesern für die Sommermonate willkommen sein. Wir entnehmen sie dem neuesten Heft der naturwissenschaftlichen Zeit- schrift„Mußestunden"(Franckh, Stuttgart). Wie beim Schmelzen, so verbrauchen feste Körper auch bei ihrer Auslösung in Wasser oder in einem anderen Lösungsmittel eine gewisse Wärme, sogenannte Lösungswärme, die sie ihrer Umgebung entziehen, wodurch sie sich dami wieder sehr stark unter dem Gcjrierpunkt abkühlen. Wird statt Wasser Eis oder Schnee als Lösungsmittel verwendet, so ist die Temperutureniiedrigun.g noch bedeutender, da Eis und Schnee auch noch Schmelzwärme verbrauchen. Auf diese Weise entstehende Kältemischungen dienen unter anderem auch in Konditoreien zur_ Herstellung von Speiseeis. So ergibt beispielsweise eine Mischung von 1 Teil sz. B. 1 Pfund) Kochsalz und 1 Teil Eis eine Temperaturerniedrigung bis— 18° C. Stellt man in eine solche Eis-Kochsalz-Mischnng ein Gefäß(nicht aus Glas I) mit Fruchtsaft oder dergleichen, so wird man nach kurzer Zeit„Gefrorenes" er- halten. Hat man gerade kein Eis zur Hand, tun folgende Mischungen ebenfalls gute Dienste: "Hm.***"«ÄS« 5 Salmiak, 5 Salpeter, 10 Wasser......— 10° C. 3 Glaubersalz, 2 verdünnte Salpetersäure...— 12° C. 1 verdünnte Salzsäure, 1,5 Glaubersalz....— 16° C. 1 Wasser, 1 salpetersaures Ammoniak.....— 15° C. 1 salpetersaures Ammoniak, 1 kohlensaures Natron, 1 Wasser..............— 11° C. Meteorologisches. Die Blitz st erblichkeit. Es ist sonderbar, daß über die durch Blitz verschuldeten Unglücksfälle keine zuverlässige Statistik zu gewinnen ist. Im allgemeinen wird angenommen, daß die Häufigkeit todlicher Blitzschläge sehr groß ist, und die Angaben namentlich aus den Vereinigten Staaten bestärken immer aufs neue diese Meinung. Dort wird die Zahl der in jedem Jahre durch den Blitz um» Leben gekommenen Personen aus 7—800 geschätzt. Fall» diese Ziffer auch nur annähernd richtig ist, so müßten die Gewitter in den Bereinigten Staaten weitaus gefährlicher fein, al» in irgendeinem anderen Lande der Erde. Dr. Marriot hat von der Londoner Meteorologischen Gesellschaft eine Zusammenstellung über die tödlichen Unglücksfälle durch Blitzschlag für verschiedene Staaten Europa» veröffentlicht, die zu ganz anderen Schlüssen führt. Danach wurden im ganzen letzten Jahrzehnt z. B. in England nur 124 Menschen vom Blitz erschlagen, und zwar 108 Männer und 16 Frauen. Auf das Jahr berechnet ergibt das nur einen derartigen Unglücksfall auf drei Millionen Einwohner. Die Gefahr scheint sich im Lause der letzten fünfzig Jahre noch erheblich vermindert zu haben, da früher fast ein Blitztod auf eine Million Einwohner jährlich entfiel. Die Unter- schiede zwischen den einzelnen Jahren sind allerdings recht groß, wie sich ohne weiteres vermuten läßt, da die Gewitterhäufigkeit großen Schwankungen unterworfen ist. So wurden in England im Jahre 1872 nicht weniger als 46 Menschen vom Blitz erschlagen, im Jahre 1363 nur drei. Ebenso begreiflich ist die Fessstellung, daß die ein- zelnen Gegenden eines Landes in sehr verschiedener Weise leiden. Die Großstädte scheinen sich einer besonderen Sicherheit zu erfreuen, wenigstens sind in London solche Unfälle seltener als in irgend- einem anderen Teile Europas. Auf dem Festlande scheinen sie da- gegen überhaupt viel häufiger zu sein als auf dem Jnselreiche. Be- sonders hoch ist die jährliche Blitzsterblichkeit in Ungarn, wo) sie zu sechzehn auf je eine Million Einwohner angegeben wird. In Preußen besteht sie aus viereinhalb, in Frankreich und Schweden auf je drei, in Belgien auf zwei für jede Million. Bei all diesen Zahlen ist zu berückfichtigen, daß sehr viele Leute vom Blitz getroffen, aber nicht getötet werden. In einem Fall, wo der Blitz eine Kirche traf, in der 300 Menschen versammelt waren, wurden nur sechS getötet, hundert verletzt unter Eintritt von Bewußtlosigkeit, weitere dreißig nur geringfügig beschädigt. Während eines Gewitters in Schleswig-Holstein wurden einmal 92 Leute gleichzeittg vom Blitz gettoffen und von ihnen 10 getötet, 20 ge- lähm:, 55 betäubt und 7 nur schwach verletzt. Soweit genaue Auf- zeichnunaen vorhanden find, ist das stärkste, was ein einziger Blitz an Vernichtung von Menschenleben geleistet hat, die Tötung von achtzehn Personen. Das scheint aber eine große Seltenheit zu sein und es ist daneben nur noch ein Ereignis bekannt, das elf Personen umS Leben brachte. Biel umfangreicher können die Verheerungen sein, die der Blitz in einer Viehherde anrichtet. Besonders find die Schafe gefährdet, die sich bekanntlich vor jeder Gefahr zu einem dichten Klumpen zusammendrängen. Ein Blitz, der einmal in eine Schafherde von 1800 Stück einschlug, warf davon 1200 zu Boden und von diesen waren 556 tot.____ Vorwärts Buchdruckern u.Verlag»anstalt Paul Singer StCo..Berlin SW.