Nnterhallungsblatt des Horwärts Nr� 119. Sonnabend cien 21. Juni 1918 2« Das entfesselte ScbickJaU Roman von Edouard Rod. Den Buchhaltern folgte Charreire. Seine Aussage mußte eine der„Clous" des Prozesses sein. Er wurde mit boshafter Neugierde erwartet, die durch seinen Geist, seine Werke, seine Berühmtheit, sein zurückgezogenes Leben er- regt worden war. Er gehörte zu jenen Menschen, die durch ihre Unabhängigkeit das Mißtrauen der Gerde erregen. Sein Buch„Origines de la Reformation" hatte alle Par- teien gegen ihn aufgebracht. Der erste Band gab in harten Farben ein strenges Bild der Kirche zur Zeit der Borgia: er wurde von den Katholiken in den Bann getan. Der zweite Band gab eine realistische Beschreibung Luthers und nahm diesem den Nimbus, mit dem ihn sonst die offizielle Geschichte umgab. Charreire schilderte ihn als einen Men- schen jener Epoche, in der man leidenschaftlich kämpfte: er beschrieb sein aufbrausendes Temperament, das Gute und das Schlechte, Politik und Glauben. Ehrgeiz und Auf- opferung. Die Protestanten erklärten sich natürlich gegen den Schreiber. Der dritte Band erzürnte die Freidenker durch eine unerwartete Eloge, die er der geistlichen Politik, nach dem Konzilium der Dreißig machte. So hatte er alle Parteien gegen sich, und hier wartete man jetzt darauf, ihn bei einem Fehler ertappen zu können, um ihn zu ver- höhnen. Man fragte sich, wie ein„Intellektueller" seiner Charaktcrbeschaffenheit sich mit den Realitäten des Gerichts- Hofes abfinden würde. Ob er wohl den Schwur nach den vorgeschriebenen Formeln ablegte? Ob seine Haltung vor den Richtern ihnen zeigte, was er wirklich dachte?... Würde er, wenn er von seinem unangenehmen Freunde sprach, irgend etwas aus seiner eigenen Vergangenheit ver- raten?... Charreire vermutete nichts von dieser klatschhaften, un- gesunden Feindseligkeit. Er war voller Ruhe erschienen, als Freund, der an seinen Freund glaubt, als Bürger, der nicht an der Gerechtigkeit zweifelt, und er hob seine Hand auf die einfachste Weise der Welt, ohne einen Augen- blick daran zu denken, gegen den aufgestellten Brauch zu protestieren. Er schwur mit schwacher, aber klarer Stimme, die man bis in die Tiefen des Saales hörte, weil er gut artikulierte, und nachdem er Lermantes voller Bewegung betrachtet hatte, die er auch gar nicht verbergen wollte, sprach er ohne Künstelei, wie es ihm das Herz diktierte: „Man hat mich gebeten, über meinen Freund aus- zusagen, weil ich sein Leben genau kenne und durch jähre- lange Erfahrung seinen Charakter beurteilen kann. Viele behaupten, daß wir die wahren Gedanken, die hinter der festen Wand der Stirn sich verstecken, nicht erraten können. Doch ich denke, daß ich den Mann zu beurteilen verstehe, den Sie jetzt richten sollen. Ich glaube in meinem Urteil nicht fehl gehen zu können, denn seit mehr, als dreißig Jahren lese ich in ihm, wie in einem offenen Buche. Ich habe ihm nie etwas verheimlicht, und ich bin überzeugt, daß auch er es nie tat. Darum z>veifle ich nicht an ihm und ich brauche hier nichts über ihn zu verschweigen." Charreire sprach in einem Ton. der seinen Worten einen feierlichen Anstrich gab. Seine Stimme wurde nach und nach so deutlich, daß man sie überall verstehen konnte. Die Erregung, die sie erzittern ließ, verlieh der Nacktheit feiner einfachen, von jeder Künstelei freien Sprache den Schimmer der Beredsamkeit. Sehr schnell bemerkte Rutor,- daß der Inhalt von Charreires Worten mit dem übereinstimmte, was er seit deni ersten Tage in seiner Seele hatte erklingen hören. Der Mann, der sie aus- sprach, erweckte den Eindruck der Rechtlichkeit wie der In- telligenz. Er war im besten Sinne des Wortes Lermantes' Freund, ein erprobter, jahrelanger Freund: einer jener Freunde, die durch die Tatsache ihres Verkehrs und ihrer Anhänglichkeit die Bürgschaft fiir den Charakter des andern geben.— „Sie erwarten nicht, meine Herren, daß ich Ihnen die Gründe meiner Freundschaft auseinandersetze. Es sind dieselben, die mich an seine Unschuld glauben lassen. Ich müßte Ihnen denn unserer beider Lebensgeschichte er- zählen, und die Ereignisse ständen in keinem Zusammen- hang mit dem Prozeß. Sie fragen mich nur. was ich auf Ehre und Gewissen von Lermantes denke. Nun, meine Herren, ich" halte es für derartig unmöglich, daß er eine schlechte Tat begehen könnte, und nun gar ein Verbrechen, daß nur ein positiver Beweis nieine Ueberzeugung zu er- schütteln imstande wäre. Und ich habe die Gewißheit, daß ein solcher Beweis nicht erbracht werden kann, nicht existieren kann..." Fast gegen seinen Willen, murmelte Rutor: „Das ist ein Plädoyer."... Er sah den Präsidenten an, der ihm mit einem Augen- zwinkern antwortete:„Nein, nein, wir wollen ihn sprechen lassen." „...., weil mein Freund nicht schuldig sein kann. Ich behaupte nicht, daß er fehlerlos ist: ich habe ihn manch- mal getadelt, weil er sich von seiner Phantasie zu leicht fortreißen läßt und unbesonnen handelt— alles Wesenszüge. die jetzt leicht ein Vorurteil über ihn erwecken könnten. Ich erkläre nur— und ich glaube, daß dies das Wesent- liehe meiner Aussage ist—, daß ich ihn stets rücksichtsvoll sah, stets bestrebt, niemand zu schaden. Sein Leichtsinn oder seine Fehler, die heute' so besonders unterstrichen wurden, sind so gedeutet worden, daß es ihm nur an Ge- legenheit, Zufall oder Anlaß zu einem Verbrechen mangelte. Meine Herren Geschworenen, Sie kennen das Leben genug, um den Unterschied beurteilen zil..." Jetzt unterbrach ibn Herr Motiers de Fraisse in sehr höflichem Ton: „Herr Charreire, Sie greifen ein wenig in die Rechte der Verteidigung ein." „Ich beklage mich nicht," sagte Brävine. „Verzeihen Sie, Herr Präsident! Das ist das erstemal. daß ich einer ähnlichen Prüfung gegenüberstehe. Es ist wohl auch nicht nötig, daß ich meinen Satz beende, da- mit er verstanden wird! Ich möchte nur noch ein Wort hinzufügen: seit dreißig Jahren, seit der Schulzeit � sind Lermantes und ich Freunde— und diese Freundschaft ist von dieser Stunde unberührt, vertrauender, wärmer als jemals..." Er schwieg, wendete sich um und streckte seinem Freunde die Hände entgegen. Der Präsident fragte den Staats- anwalt, ob er noch etwas fragen wollte. Aber dieser lehnte mit einer Geste ab, die sagen sollte: Wozu... das ist ein Freund, der einen Freund verteidigt. Brsvine fragte: „Könnte der Zeuge, der sich eben mit so viel Vornehm- heit aussprach, uns irgend etwas über die Beziehungen meines Mandanten zu Herrn d'Entraque sagen?" „Nichts Besonderes." „Hat seiner Kenntnis nach irgendein Mißverständnis zwischen beiden bestanden?" „Nicht daß ich wüßte." „Ist der Zeuge iiber einen Dienst in Geldangelegen- heiten unterrichtet, den Lermantes Herrn d'Entrague leistete?" „Nein, Herr RechtsaiUvalt." „Also gab es doch Dinge, über die Lermantes nicht mit Herr Charreire sprach, so vertraut sie auch miteinander waren?" warf Herr Rutor ein. Unabsichtlich war ihm die Bemerkung entfahren, sie tat ihm leid. Charreire entgegnete mit seiner ganzen Kraft: „O, Herr Staatsanwalt, es handelt sich um einen ge- leisteten Dienst. Ich vermute nicht, daß mein Freund mir alle seine guten und schönen Taten erzählt hat. Wäre ich in die Lage gekommen, jemanden einen Gefallen zu tun, ich hätte auch nicht das Bedürfnis empfunden, mich damit zu brüsten. Es erscheint mir ganz natürlich, daß man so etwas mit sich allein abmacht." Rutor runzelte die Stirn. Charreire ging auf seinen Platz zurück. Die beiden letzten Zeugen. Baron Chütel und Herr Lavaur. geborten den Kreisen Lermantes und d'Entraque? an. Ter elftere war Abgeordneter einer nördlichen Pro- vinz gewesen, der andere Regierungsrat in einer westlichen. Beide hatten d'Entraque in St. Germain einige Monate nach der Katastrophe gesproche».. Er wäre sehr aufgeregt gewesen, sagten sie. Sofort)ätte er ih?.en das Drama mit Lebhaftigkeit und allen Einzelheiten erzählt. Aber in seinem Bericht wäre keiner der erschwerenden Umstände gewesen, die seine letzten Aussagen hatten. �hre beiden Zeugnisse unterschieden sich nur in einem Punkt: Chätel hatte einen Satz nicht gehört, an den sich Lavaux genau erinnerte.„Lermantes hatU leichtsinnig darauf los- geschossen."— Sonst waren berde vollständig einig. Rutor versuchte ihnen zu sagen, daß ihr Gedächtnis sie täuschen könne. Sie aber schlugen vor, mehrere Personen kommen zu lassen, denen sie an demselben Tage d'Entraques Er- Zählung wiederholt hätten. Brävine beantragte, diese Zeu- gen noch sofort zu laden, wenn d'Entraque niit den beiden Herren nicht einig wäre. Aber als dieser vorgerufen wurde, hütete er sich, ihnen zu widersprechen: er betonte wieder, daß er sich der Einzel- heilen, die ihn nicht sofort sravvierten, nach und nach er- innert hätte. Er fügte hinzu: „Wie die anderen Jäger traute auch ich Lermantes zuerst nicht die mindeste verbrecherische Absicht zu. Darum haben mich die einzelnen Tatsachen erst später stutzig gemacht, als die Ereignisse einen anderen Sinn annahmen." Die Auseinandersetzung wurde sehr lebhaft. „Herr d'Entraque, haben Sie gesagt," sraate Breoine, „Lermantes habe leichtsinnig darauf losgeschossen?" „Ich kann mich dieser Worte nicht mehr entsinnen." „Herr Lavaur erinnert sich aber. Also. Sie bestreiten seine Aussage?" „Keineswegs. Ich sage, daß ich mich nicht erinnere, diese Worte geäußert zu liaben. Nich:s weiter. Aber es ist möglich, daß ich sie sagte." „Wie vorsichlig Sie sind! Sie würden allen Ihren hier gemachten Erklärungen widersprechen." „Das glaube ich nicht. Was ich tür Leichtsinn hielt, war Berechnung. Ich habe mich eben geirrt. Dann ist alles 5z schnell geschehen. Ich war erregt, erschüttert. Ich wiederhole noch einmal: erst nach und nach sind mir alle Einzelheiten eingefallen." „Ich werde mir dieses Geständnis merken: Ihre erste Erzählung war spontan, die zweite ist gekünstelt, berechnet. In jedem Falle widersprechen Sie sich vollständig." „Ich habe erklärt, wodurch dieser Widerspruch entstanden ist." Tie Stimme klang etwas erregt, aber er verlor seine Sicherheit nicht. Brevine fühlte, daß er loa. Aber diese Lüge war wie ein Gespenst, das er allein sah. Wie konnte er sie cuciten, sie vor aller Augen zeigen, durch welche Fragen sie zwingen, laut zu werden? iForstcyung iolgt.) Die 8cdwestei% Von H c r in a n n.H o r n. Ich halte cinc Postkarte in der Hand. Es ist der abschlägige Bescheid meiner Schwester. Ich hatte sie um eine ganz kleine Gefälligkeit gebeten. Sic schrieb zurück, sie sei gerade im Begriff aufs Land zu reise», und ich könni.e doch leicht von der Erpcdition der betreffenden Zeitung die Nummer selbst bestelle». So und so müsse ich das machen. Als ob man mir das zu sagen brauchte! Ich hatle mir das so schön vorgestellt. In der Ruminer sollte nach einer Mitteilung, die mir zugekommen, eine gute Rezension über mich stehe». Meine Schwester würde sie hole», hineinschauen, stolz tverden, Tanten und Qnkcls das Blatt zeige», und sie würden alle bei dem Ansehen der Zeitung ihre Ansicht so sachte mit„— hm —„hin—" oder„ei— ei- da si.h mal-äner—" ändern. Nun hatte sie abgelehnt. Ich wußte den eigentlichen Grund. Sie hatte "tilgst gehabt, sie müsse für mich fünfzig Pfennige oder gar eine Mark auslegen, IvaS man so leicht vergißt, zurückzuzahlen. Sie hatte ja ein unerhörtes System des Sparens erlernt; das mußte auf ihr Wesen abfärben. Ich grolle ihr und es steigt in mir auf. Was war sie mir in all den Jahren jener Kämpfe, die mit meiner Jugend hinter mir liegen? Was war mir da die Familie? Ein jedes hatte eigene Interessen und Absichten gehabt. Jedes wollte mich in ein ander Feld rücken; wie es dem eigenen Wunsche entsprach. Und da ich dumpf entschlossen den eigenen Weg wan- belle, da war keiner mit ei rem großen mitleidigcu Herzen, der mich in die Arme genommen hätte, um des Erkannten willen, denn keines hatte mich erkannt. O, ich hatte von ihnen allen am Ende nichts mehr gewollt, allzu wissend, was gefordert worden wäre. Harte Bilder tauchten in mir auf. llnd konnte sie so sein!-- Ich breche mit ihr!— Das Bild eines Briefes erscheint. In ehernen, sicher ge- formten Worten waren hier die Gedanken gestellt, daß sie zer- schneiden mußten, was freundliche Empsindung mir zusammenhielt. Ich gehe im Zimmer auf und ab und meine Fäuste sind ge» ballt dabei. Ich liebe solche Zustände;— das ist reinigend. Was Ihr Mensche», die Ihr da auftaucht, sagen könnt! Meinr Ihr, ich weiß nicht? Gut, sie wird wirklich aufs Land gegangen sein. Gut, man tritt wegen so etwas nicht so auf und so und so und gut bis in Ewigkeit. Meint Ihr, weil Ihr der Meinung seid, daß maus nicht sagen darf wenn man Geist hat, mein Geist ließe sichs verbieten zu reden? Was ist denn Geist? Das Erkennen der eigenen inneren Mächte, und wo sie hintragen, das ists, ivas stark macht! Was war inir diese Schwester? Hundert Menschen, tausend sind mir schon mehr gewesen. Und wenn die Schwester bei mir über diesen Schritt gestrauchelt und zu Fall gekommen ist,— das war ihr Schicksal, wie jener Knechte, die im Gleichnis den ganzen Tag im Weingarten des Herrn gearbeitet hatten und abends gleich ge- stellt wurden mit denen, die nur eine Abendstunde lang dieses Werk verrichtet hatten. Ost genug Hab ich mein Sach auf eins gestellt und gerade deswegen durchgesührt. Die Schwester muß unfähige Kinder lächerlich bedeutungsloser Menschen erziehen. Für lächerlich bedeutungslose Menschen ihr Leben opfern, dazu hat die sich geduldig heranziehen lassen. Ich habe herangezerrt aus dem weiten Gebiet des Geistes, was ich er- reichen konnte; mit ihm zu kämpfen. Ich habe die Angst und Sorgen wie Wasser an mir hernieder laufen lassen und bin Einer geworden. Aber was ist das dieser im kleinen Kreis Gefangenen! Der lächerlichen Madame v. H. mutz sie das«chuupftuch holen, wann es ihr gefällt, von mir wird sies siir selbstverständlich halten, wenn ich ihrs aufhebe. Wenn diese Lebcnscinrichtungcn so lächerlich sind, und sie fügt sich ihnen mechanisch, daß sie mich, weil ich im vierten Stock wohne, um ich sein zu können, init geringerem Interesse, mit gc- ringerer Hochachtung belehnt, als irgend ein dickes Tier aus der Bcl-Etage, so mag sie die Folgen tragen. Ich breche mit ihr! Eine Siegerlust wandelt durch meine Adern, pocht im Herzen und im Hirn, aus dem sich ruhig und klar die Gedanken formen. Ahnungslose Schwester!— ich weiß. Tu wirst Schmerzen empfinden und Tränen vergießen. Immerhin hattest Tu in Deinen fernen Zukunftsträumen auf mich gebaut, meine Hilfe,- solltest Du ihrer mal bedürfen— erhoffend Dich stark gefühlt. Aber gerade einen solchen Menschen abzuweisen, einen solchen seinem Wesen zu opfern, weil man sich so viel wert ist, das macht ver- antwortungsreich und verlohnt das Leben. Opfert Einem Wesen und Ivas Ihr verbrannt habt, das-vcrgcisttgt Euch. Mehr wie ein- mal erfüllte sichs au mir, meinen Weg bezeichnen Opferaltäre! Nicht leicht sind manche Opfer geworden! Da höre ich auf einmal etwas! Hartnäckig klingt ein Wort an mich heran und schlägt wie ein gekrümmter Knöchel gegen mein Ohr. Es hallt dumpf und ein- dringlich, ich verstehe erst nur den Laut; nun tönt es wie aus einem Abgrund gehaucht: Gouvernante——— sie ist Gouvernante! Aber das Wort scheint einen ungeheuren Umfang zu bc- sitzen.. Gleich einem Rieseuzelt in dunkler Nacht von tausend Pfählen an die Erde gepflockt, aber ohne Stützbalken, im Innern nur vom Winde gefurchter, sich blähender Fläche aufgebauscht. Und klagende Stimmen ertönen in verhaltenem Schluchzen, und das Ilntcrspieh von dem Lächeln und Seufzen viel verschmerzter Stunden klingt darein. Auf einmal öffnet sich ruhig und feierlich eine Wand.. Ein großes, schwarz beschlagenes Tor geht in den Angeln und zeigt in eine stille Dunkelheit. Von mir, durch das Tor, wandelt alles langsam in die Nacht dahinter. Es sieht sich nicht um, es verschwindet stumm. Und ich lächle leise in mich hinein und schmerzlich. Der Brief mit den verletzenden Sätzen wird nicht geschrieben. Leipziger Baufacb-HusrteUung» Bauhygiene. Baukunst und Bautcchnik umschließen das Bauwesen, indem sie ihm Form und Metbode geben; hier steht der Mensch, der künst- lerisch fühit llnd technisch denkt. Tie geistige Arbeit am Bau wird aber erst Wirklichkeit durch die Tat; mit dem ersten Spatenstich setzt die körperliche Arbeit ein und ans der Tiefe des Erdbodens heraus wächst da? Bauwerk empor zu Höhen, die außer dem Kraftbereich des Menschen ständen, wenn es ihm nicht geläuge, seiner Kraft durch allerlei Hilfsmittel weitere Grenzen zu schaffen. Immer bandelt es sich dabei um die Ueberschrcituttg der Grenzen seiner natürlichen Kräfte: der Mensch kann von Natur aus nicht unter der Erde leben und er tut es doch und gründet, bohrt und gräbt in der Tiefe, der Mensch kann aus eigener Kraft sich nicht über den Boden aufschwingen und er tut es doch und er türmt seine Bauten fast bis in die Wolken hinein. Die beflügelte, nicht an die Erden- schwere gebundene Phantasie lockte den Menschen hinab und hinauf und bald ward es die Notwendigkeit, die ihn zwang, das zu tun, was die Natur nicht vorgesehen hatte. Bautechnische Wunderwerke und Unfallstatistiken erzählen von den Resultaten. Jene als Zeugnisse des Bauwillens und der ihm immanenten Energie, diese als Zeugnisse der Opfer, die dem Bau- willen gebracht werden. Auf 1000 Vollarbeiter im Baugewerbe kamen 1911 10,24 Unfälle und 0,8ö tödliche Verletzungen, auf 100 Bauarbeiter also ein Opfer. Diese Zahlen sagen, daß die Bau- arbeit über den Durchschnitt der allgemeinen gewerblichen Arbeit gefährlich ist, und sie begründen die Notwendigkeit, nicht nur an daS Bauwerk selber zu denken, sondern auch und nicht zuletzt an Leben und Gesundheit der Arbeiter, die das Bauwerk schaffen. Sie vcr- langen neben der aufs höchste entwickelten Bautechnik auch den in möglichster Vollkommenheit ausgebildeten Bauarbeitcrschutz. Es kann keine Ausstellung geeigneter sein, die Forderung nach dem Bauarbeiterschutz besser zur Geltung zu bringen, als eben eine Baufach-Nusstcllung. Wohl ist diese Forderung reichlich genug in der Presse und in besonderen Publikationen erhoben und begründet worden, wohl beschäftigt sie auch die Parlamente und die Gewerkschaftskongresse und die Bauarbeiterversammlungen, wohl arbeiten in dieser Sache eine zentrale Bauarbcitcrschutzkommission und viele örtliche Kommissionen gleicher Art und auch die Ständigen Aus- siellungeu für Arbeiterwohlfahrt in Eharlottcnburg und München zeigen an Beispielen und Modellen, welcher Art die Forderungen nach einem besseren Bauarbeiterschutz sind. Aber es ist all diesen Einrichtungen nicht möglich, das zu zeigen und zu sagen, was hier an der von de» Gewerkschaften errichteten SondcrauS- stellung dcS Bauarbeiterschutzes einmal dem grossen Publikum, dann aber den Baufachleutcn, vom Bauarbeiter und Bauhandwerkcr selbst bis zum Baudezernenten und Ministerialreferenten borge- führt werden kann: nämlich, wie es ist und wie es sein sollte, und vor allem, sein könnte! Eine Sonderausstellung dieser Art war schon 1911 von den Gewerkschaften für die Internationale Hygie- nische Ausstellung vorgesehen, aber es war nichts daraus geworden, weil man dort die Heimarbeiterausstclluiig nicht haben wollte, die die Gewerkschaften geplant hatten. Aus der weitgreifcnden Aer- urteilung jener Dresdener Engherzigkeit hat man wohl in Leipzig gelernt, und die Ausstelluiigsleitung war es selbst, die die Gcwerk- schaften drängte, den Bauarbeitcrschuy auf der Baufach-Ausstelluug praktisch an Anschauungsbeispielcn zu demonstriere». So entstand in eigener Regie der Gewerkschaften ein mehr- stöckiger Bau, der aussen bis zum Dach hinaus die besten und sicher- sten Geriistformen zeigt und in seinen inneren Räumen vor allem die Ausstellungen der Holzarbeiter und Metallarbeiter birgt. An dieser Sonderausstellung sind beteiligt die Zcntralverbände der Bauarbeiter, Zimmerer, Dachdecker, Glaser, Töpfer, Malch:, Holz- arbeitcr, Metallarbeiter, Stcinarbeitcr und Steinsetzer. Ausser den Äusscngerüsten sind auch in einigen Räumen Zimmcrgcrüjte auf- gestellt; ob das Gerüst für Maler praktisch ist, möchte ich bezweifeln. Dann sind iiebcp dem Gebäude noch einige andere Erfordernisse des Bauarbciterschutzes demonstriert, die nicht direkt der Bauarbcit dienen, aber uncrlässlich sind, um die Bauarbeiter in den Pausen oder bei der Arbeit vor der Witterung zu schützen; eine Mustcrbau- budc, die zusammenlegbar ist und die mit ihren Herslellungskosteg so genau festgestellt ist(löOO M.), datz jedem Einwand, das sei zu teuer, damit begegnet werden kann. Bei nur zehnmaliger Benutzung einer solchen Baubude kommen aus jeden Bau nur 150 M. Die widerhaarigsten Zweifel und Bedenken sitzen ja immer im Geld- beute! vcrkrallt, und es ist ganz gut, wenn man ihnen ihre schäbig- kcit sofort am Rcchencxempel nachweisen kann. Die Baubude illu- stricrt natürlich die besonderen Forderungen der Bauarbeiter: trockener Fnssboden, Scheuerbarkeit� Heizbarkeit, Koch- und An- Wärmgelegenheit für mitgebrachte Speisen, Trockengclcgenhcit für nasse Kleidung, verschliessbarc Kleiderschränke, Sanitätseinrichtun- gen für Unfälle usw.; Geräte und Materialien sollen in einer selchen Baubude nicht aufbewahrt werden. Die Steinsetzer stellen eine fahrbare Baubude ans. Auch die Abortverhältnisse auf den Bauten sind überaus verbesserungsbedürftig; wie das zu geschehen hat, kann durch zehn Beschreibungen nicht so gut gezeigt werden, wie hier an praktischen Beispielen. Tic Stciuarbciter haben eine Arbeitsbude aufgesicllt, die den hygienischen Forderungen ihres Bc- rufes entspricht. In den Aussengerüstcn, die natürlich mit Schutz- gcländern, Fanggcrüsten, festen und gesicherten Leitern usw. vcr- sehen sind, ist auch ein elektrischer Materialauszug eingebaut. Die Metallarbeiter bringen die Gefährlichkeit der Montage an den eisernen Bauwerken zur Anschauung, zum Teil in photographi- scheu Diaphanien, zum Teil in Statistiken, aber auch an einem Gerüstmodell, an dem sie zeigen, wie mittels fahrbarer Gerüste die Moniagearbeiten gefahrloser gcinacht werden können. Vielleicht würde man nuS den Bildern die Gefährlichkeit solcher Arbeiten allein, noch nicht erkennen, denn bequem und vollständig gefahrlos wird die Arbeit am Bau vielleicht nie werden, lind diese Bauwerke, so hoch und kühn sie auch konstruiert sind, sind doch immer noch keine amerikanischen Wolkenkratzer, die auch bis in schwindelnde Höhen hinauf ohne besondere Gerüste gebaut werden. Aber wenn wir von denen Abbildungen sehen, so bewundern wir nur diese Arbeiter mit den scharfgcschnitlcncn bartlosen Gesichtern, deren geschmeidige Körper dadrausscn wie frei in der Luft auf einem Eisenträger balancieren und ein anderes schweres, an Ketten hängendes Eisen- srück lenken. Wieviele von diesen Menschen mährend des Baues in die grausige Tiefe sausen, sagen uns die Abbildungen nicht, und vielleicht ist der, den wir eben im Bilde bewundern, schon'einer von denen, die das stolze Bauwerk mit ihrem Leben bezahlen. Hier aber steht das Resultat schwarz auf weih unter den Abbildungen. Tot, tot, tot! Wahrhaftig, es wird nicht viel Ingenieurbauten geben,, die� nicht auf vergossenem Mcnschenblut gegründet sind. Tie Holzarbeiter führen uns tu ein anderes Reich; sie zeigen uns die Tücke ihres eisernen Sklaven, der H o l z b c a r b e i t u n g s- m a s ch i n e. Hände! Das vollkommenste Werkzeug, das die Natur geschaffen hat; in vielen Gliedern beweglich, gelenkig, mit den ver- schiedensten Muskelkrastwirkungen ausgestattet, elastisch, fest, zähe, geschmeidig, init den seinsten Nerven des Tastsinns, des Gefühls durchwobcn, die UrWaffe des Menschen und der willigste und ge° schickteste Helfer des Intellekts, dabei auch in der gröbsten Form noch von eigeuarligcr sachlicher Schönheit— was kann die Maschine aus diesem edelsten aller Werkzeuge macheu! Formlose Stumpen und Klumpen, verzerrt und zernarbt, alles orga.iischcn Zwecksinns beraubt, kein Werkzeug mehr, sondern ein nutzloses, mehr hinder- liches Anhängsel— das zeigen uns die Photographien von zer- risscncii Händen, die da i» monotoner Reihe an den Wänden hängen. Es muss auch das nicht so sein! Die gefräßigsten Holz- bearbeitungsmaschiiien können mit Sicherheitsvorkehrungen ver- sehen werden, auf datz sie nicht auch Menschenfleisch fressen; wie das zu geschehen hat, zeigt uns ein Mustermaschinenraum, in dem auch der andere Feind des Maschinciiarbcitcrs, der Staub, durch Ab- snunungsvorrichtunge» unschädlich gemacht ist. Wie es in Wirk- lichkeit aber noch in vielen Fällen ist, das führen Photographien von Arbeitsstätten vor, in denen solche Maschinen arbeiten und die Lust mit Schwaden undurchsichtigen StaubeS erfüllen. Die durch die Maschine in grösserer Fülle als dir Handarbeit geschaffenen Abfallprodukte sind Gefahrenquellen besonderer Art. Die feinen Partikel schädigen wegen ihrer besonderen scharfen Form den Organismus des Arbeiters; aber auch als Material können sie von äusscrsicr Schädlichkeit sein. Viele Holzarten, namentlich aber die exotischen, die bei dem Materialluxus, den unsere Zeit liebt, viel verwendet werden, enthalten schädlich wirkende Bestandteile, ja manche exotische Hölzer sind direkt giftig. Werden nun die Abfälle nicht gleich von der Maschine wcggesaugt, so mutz der Arbefttzr ihre feinsten siaubartigcn Partikel einatmen, und es entstehen dann die typischen Staublungen, die die Gewcrbchygicnc schon beim Kohlen- gröber, beim Stahlschleiser, Sreinarbeitcr, Porzcllaiiarbciter usw. kennt, und die der Tuberkulose und anderen schweren Kankheiten den Weg bereiten. An diesem Punkte nun findet die Sonderausstellung der Gc- werkschaften ihre Fortsetzmig in der wijscnschaftlichcn Abteilung für Arbeitervcr sicher ii ng und A r b c i t c r s ch u tz, namentlich in der Gruppe Unfallvcrbütung und Bauarbeiterschutz, die auch Schutzvorrichtungen an Maschinen zeigt. Tic Bauarbeiter- Hygiene ist in einer besonderen Gruppe zusammeugefasst, und an ihr sind die physiologischen, hygienischen, pathologischen und gcnchts- ärztlichen Institute der Universitäten zu Leipzig, Halle, Berlin, Marburg und Bonn beteiligt, serner das Institut für Gewerbe- Hygiene in Frankfurt a. M-, das Arbcitermuseum. in München und eine Anzahl medizinischer Fachmänner. Es werden hier die Staub» sorten in ihren giftigsten Arten gezeigt, scrnci', wie sie in den Körper gelangen und zu welchen pathologischen Erscheinungen sie da führen, durch Abbildungen oder Wachsmodclle oder auch durch natürliche Präparate. Es ist dann weiter demonstriert, in welchem Zusaninicnhange mit diesen Ttaubwirkuugcn die Tuberkulose steht. Dann lerucii wir eine Reihe von Infektionskrankheiten der Bau- arbeitcr kennen, den Starrkrampf, die Eitcrcrkraiikuugcn und Blut- Vergiftungen. Natürlich sind auch die gewerbliche» Vergiftungen buch Koksscucr, Leuchtgas, Sumpfgas, Blei und Bleiprodukte und Arsen in ihren Wirkungen dargestellt. Tic Ncrvcnschädiguiigcn, die aus Unfällen sich ergeben, sind eine besondere Klasse der Arbeitsgefahren beim Bau, besonders auch deshalb, weil sie im Vcr- sichcruiigsvcrhältnis am meisten umstritten sind. Die Hautver- letzungeu, die aus Unfällen und aus gewerblichen Vergiftungen entstehen, sind durch Modelle und Abbildungen erläutert, und auch das noch viel zu wenig erforschte Gebiet der Schädlichkeit der Bau- arbeit für das Sehen und Hören ist bearbeitet. Ter Einfluß der Witterung, der ja gerade durch vcriiüiiftigcu Bauarbeiterschutz, durch Baubuden, dichte Gerüste, Fcnstcrciiisatz in Neubauten usw. nuterbunde» werden soll, konnte hier nur in seiner Beziehung zur Lungenentzündung behandelt werden. Statistische Aufstellungen versuchen Aufschlüsse zu geben über den Zusammcnhaug zwischen Arbeitslohn und Ernährungsart dcS Bauarbeiters, und in einer besonderen Gruppe werden die Alkohol- schöben bei Bauarbeitern zum Gegenstand der Tariiclluug gemacht. Tic erste Hilfe in Unglücksfällen hätle etwas reichlicher bc- handelt werden können, denn gerade im Bauarbeitcrschutz liegt hier noch vieles im Argen, auch wenn sonst der beste Wille vorhanden ist. Abgeschlossen wird das Gebiet durch die soiidcraus- st e l l ii ii g d e r Deuts cki e u A r b c i t e r v e< s i ch< r u n g. die ebenfalls Bilder über llnfallverhiitungsmassregeln bringt, leider aber eben nur über 1000 Bilder, die selten jemand mit anhaltendem Interesse durchsehen wird. Einige Baugewerksberufsgeiiossen» schasten zeigen noch Modelle von Baurnsiungcr, wie sie örtlich ver- schieden sind; die Änsichien über die vcslc Art gehen hier zwischen Baugewerksberufsgenossenschaften und Bauarbeiterschutzkommisfion auseinander. Jedenfalls kann jeder, der sich über den Bauarbeiterschutz unterrichten will, auf der Baufach-Ausstellung manchen Aufschluß gekommen, den eben nur die praktische Vorführung geben kann. kleines feuiUeton. Literarisches. Art nr Fitger: Einsame Wege.(Berlin, Verlag Emil Felder.) Der Name des Dichters lebte einst auch in den Reihen der Berliner Freien Volksbühne, die zwei seiner Thesendramen:„Bon Gottes Gnaden" und„Die Hexe" mit großem Erfolg zur Auf« führung gebracht hat. Im lärmenden Kampf um eine neue Literatur wurde Fitger in den Hintergrund gedrängt; der Dramatiker war erledigt; denn die junge Generation bekannte sich zum Geiste der Gegenwart. Aber nicht bloß der Poet— auch der Maler Fitgcr wurde überrannt. Dennoch war er ein echter Künstlerpoet und, weswegen seiner nie vergessen werden sollte, ein furchtlos schreitender Wahrheitsstreiter, obwohl er niemals die Sphäre seiner bürger- lichen Herkunst und Anschauung verließ. Wenn er Go« stalten a»S dem Volke besingt, spricht wohl Liebe und warmes soziales Mitleid mit; doch ists einem immer so, als sähe Fitger alles durch die Brille einer längst vergangenen Zeit. Sein Zyklus„Lieder vom Maurergesellen" oder seine Wanderer- gesänge— Zigeuner, Handwerksburschen, fahrende Künstler und Sänger— beweisen es. Starke Hinneigung zu geheimnisvoller Romantik und philo- sophischer Reflexion charakterisieren Fitgers Schaffen. Gewiß, er hat schöne Stimmungen gedichtet, Lyrik, die eigentlich nicht verloren gehen sollte; aber der Grübler, der Denker, der Freigeist, dem oft grimmige Satire über die Lippen geht, bricht allenthalben hervor. Pfaffen, Aberglaube, kirchliche wie weltliche Gewalthaber fordert er immer wieder vor seine Klinge. Freilich auch die moderne Kunst und Dichtung. Emil Zola als naturalistischer und sozialistischer Romanzier erscheint ihm bekämpfenswert; während er Zola, dem Wahrheitsstreiter in der Dreyiusaffäre zujubelt. Das ist charakteristisch für ihn; und das hat er mit allen Fackel- trägern früherer Epochen gemein. Er offenbart sich als eine ehrliche Kampfnatur von altliberaler Gesinnung ohne EntwickelungSfähigkeit. Er ist und bleibt Individualist— Eigenbrödler. Das Los der Vereinsamung war ihm gewiß � und es traf ihn früh genug, um ihn vollends zu verbittern. Als Fitger 1909 im Frühsommer starb, da war man verwundert, daß er noch gelebt hatte, so völlig fremd war er der Nation geworden. Trotzdem sollten seine zwei Gedichtbände„Fahrendes Voll" und„Winter- nächte" ihrem Schöpfer für lange Jahre noch ein stilles Gedenken bewahren. Da das leider nicht der Fall war, so möge denn wenigstens diese Auswahl aus Fitgers Poesien jene Aufgabe er- füllen. Ein starker Poet, ein aufrechter Priester der Menschenwürde, da? war Artur Fitgcr. v. ü. Mineralogisches. Ein entthronter Herrscher aus dem Stein- reich. Zu den Umgestaltungen, die der Balkankrieg in die mittel- europäischen Lebensverhältnisse gebracht hat, gehört auch der Unter- gang einer Industrie, die schon seit langem von der Oeffentlichkeit kaum bemerkt dahinsiechte. Das ist die Opal gewinnung. Der Opal, dieser merkwürdige Stein, der eigentlich keiner ist, weil er nur eine wasserhaltige erhärtete Kiesclgallerte darstellt, idie sich in unterirdischen Klüften aus langsam aus großer Tiefe zu ihnen empordringenden vulkanischen Dämpfen niederschlägt, ist in den letzten Jahrzehnten in seinem Wert ständig zurückgegangen. Trotzdem er bei seiner Seltenheit eigentlich noch über dem Dia- manten stehen sollte, dem er einst auch vorgezogen wurde. Denn eS gibt nur eine Opalgrube auf Erden, die wirklich schöne Steine liefert. Und dies« befindet sich in dem vulkanischen Gebirge un- weit von Tokay in Ungarn, dessen Abhänge auch den weltberühmten Wein liefern, im Besitz des ungarischen Staates. Sie soll nun so- zusagen um jeden Preis verkauft werden, weil der Opal seinen Markt verloren hat. Bisher galt der Orient als sein letzter guter Absatzort, und schon war ein Abkommen mit Konstanlinopel per- fekt, das den ungarischen Staat von seinen Opalschätzen befreit hätte, als der Balkankrieg ausbrach und das türkische Gold dring- licher Verwendung fand, als in Opale umgesetzt zu werden. Der ungarische Staat hatte in seinen eisernen Kassen schon im Jahre 1919 einen Rohopalvorrat rm Buchwerte von 980 000 Kronen, der unverkäuflich erschien. Und dazu kommt nun jedes Jahr eine Aus« baute von etwa 8000 Opalen im Gesamtgewicht von 4300 Karaten, deren Wert auf 160 �Kronen je nach dem Karat eingetragen ist, aber ebenso schwer Käufer findet wie das schon vorhandene Lager. Die reiche Welt wird von den großen Londoner und Pariser Mamantensyndikaten, die selbst nicht die drei Millionen Karat Diamanten, die man in Siidafriia jährlich fördert, absetzen können und deshalb auch„Lager" anlegen müssen, mit allen Mitteln becin» flußt, keine anderen Edelsteine zu kaufen. Und so hat man vor allem den Opalschmuck in Verruf gebracht. Der orientalische Ge- s chmack aber ist auf lange hinaus seiner Kaufkraft beraubt. Schach. Unter Leitung von S. Alap'nu Gottschall. ad vcl.o t gh 2+(liO—-X) Wir bringen nachstehend einen Auszug aus der 55 Seiten langen Abhandlung der Teillieferung Nr. 3 des iieuen„ B ilg u er" über das„Zweispringerspiel im Nachzug".(Auch ,, Pr e u ß i s ch e Partie" genannt.> Die Eröffnung ist zwar klassisch, deren innerer Wert ist aber u. E. aus nachstehenden Gründen für Schwarz nicht sonder- lich zu empfehlen, auf dessen Initiative allein sie nur entstehen kann. Preußisch. Weiß spielt ohne Sl n s i ch t deS Breites I Paul Morphy s Amateur. 1. o2— o4 e7— e5 fe6 1) 2. Sgl— 13 Sb8— 06 3. Lfl— c4..... Dieser Zug ist sllr die„Italienische Schachsorscherschule" bezeichnend („Preußisch" ist also nur eine Neben- Variante von„Italienisch"). Der tbeorctische Zweck des Entwicke- lungSzugeS im Texte besteht nur in einer direkten Verhinderung von 47— 45 ohne sonstige unmittel- bare Drohung. Er läßt Ausgleich zu. Sorgenvoller für Schwarz ist die„Spanische" Eiit>vicke!ungs> art(Lb5 I) weil sie, denselben Zweck indirekt erreichend(3. 1,55 1, 45?: 4. SXs5), noch die eventuelle Drobung I-XS nebst SXe5 einleitet. 3...... Sg8— 56 DicS heißt eben„ P r e u ß i s ch«. Das eige nti che„Italienisch" ent- steht bei 3...... Lc5 1. was zwar einstweilen aus 47—45 verzichtet, dafür aber dem Gegner sZ— 44 verwehrt.„Preußisch- hingegen läßt umgekehrt 42— 44 zu, um event. 47— 45 zu erreiche». Die Schattenseite des Textzugcs besieht aber nicht nur in der Zu- lassmig von 42—44, sondern in der von S{3— gS, wodurch erst dem vor- hergehenden �Italienischen" Zuge des Gegners eine DrohungS- Bedeutung verschafft wird(LXi'iX Es erhellt auch aus obigem, daß aus Grund von 42—44 liebst 53— gS (oder umgekehrt) für Weiß eine Widerlegung von„Preußisch" event. zu erwarten ist. 4. 8i4— gS!..... Oder auch 4. 42—44(aus Sc3 oder 43 obei De'2 kann Schwarz mit I,c5l wieder in„Italienisch- einlenken). 4...... e44; 6. Sf3— gS,„8e5; 6. VX64. 8X1-*(6...... De7; 7. 0— 0! Nicht aber 6...... De7; 7. Sc3?, c5 1 je.).7. DXc4, 45; 8. e4, h6".(Das aus S. 2«2 eben- salls empsohlene„8......(DXd5"? ist wegen 9. Dolls, Le7; 10. 0—0, h6; 11. Tel it. nicht richtig.) 9. 5-4! („SfS"?(9...... 8X65; 10. 0—0, c6; 11. De2, Lo6; 12. Tdl, Dc7; 13. c4:c. Weiß steht bester. 4...... 67-65 .4...... SXs4: 5. LXfis, Ke7; 6. 44!. IrO; 7. SXS, KXL; 8. 65 nebst D4l-Ji5tX65 er." 5. o4X65 816X65 Auf„5...... 844; 6. c.3, b5; 7. cX64'(.Lfl!-?,„8X65; oX64, DXS; LXbSf, KdS; 0-0', Lb7l ec.) „7...... bXc4; 8. dXe5, DXd51" folgt 9. De2 1,„Sg4"; 10. 131!C. (der Bilguer berücksichtigt nur„0—0" oder„3k3"> mit Bauerngewinn. Am üblichsten ist j c tz> 5..... Sa5, woraus folgen kann:„6. 43 1 iMorphy) r>..... h6: 7. 813, e4; 8. De2, SXol; 9. dXc4, Lc5; 10. c3(Alapiu), 10..... 0—0; 11. 844. Te8; 12. Le3, Lg4-; 13. Dfl I (Der Bilguer berücksichtig! nur„L>o2-, was er zum Ausgleich sührt.) nebst 52—53, g2— g4 und eventuell Dg2 mit g4—%5(vorerst eventuell 842 und 0—0—0). Weiß bemächtigt sich auch noch deS Augriffs. 6 42—64!..... Dies ist einfacher und k o n- l e q u e n t e r als das bekannte Opserspicl:..«.3X57,11X3: 7.0k3s. Ho«; 8. 8c3-, wobei Lochwarz mit .3..... 854; 9. D&4(a3, SXof: Kdl, 8441; LXSf, Kd6 rc.). 9.... c«; 10. a3, Sa«: 11. 44, So7; 12. Lf4, Kf7; 13. LXe5(oder dXoö)" 13.... Le6; 14.„0-0—0", 1)47-c. einstweilen doch die Figur behauptet. 6......«5X64? Mit...... Le«; 7. 8X1-, IX««: 8. de5, SXe5; 9. DhSf, 317; 10. 0—0", Dd7:c, war längerer Wider st and möglich. 7. 6— 0 Lt8— o7 Auch auf.7..... Lo«; 8. Tel, II 47 entscheidet 9. 8X571. KXS: 10. 1113s. Kg«;(Kg8; TXLI) 11. TXeßfl, DXT; 12. L43s k.*) 8. SgBX171 Kesxn 9. Ddl— 13t 10. Sbl—og! 11. TU— elf 12. Lei— 14 KI7-e8 d4Xc3 Sc8-e5 Le7— 16 LfOXeö Ke6Xe5 Ke6— 64 Th8—«8 13. Lf4Xe5 14. TelXeSf! 15. Tal— elf 10. Lc4X65 Oder„16.... cXb2(jonftDXo3t) 17. Tolt, Kc5; 18. DaSs, KXL; 19. Dd3t-c." 17. 013-63! K64-o5 18. b2-b4tl KcBXb4 ,18..... Kb«; 19. Dd4t, Ka«; 20. Do4t ic.) 19. 063- 64s Kb4-a3 20. D64— cos Ka3— b2 21. Dc5— b4t Kb2Xc2 22. Db4— b3f Kc2-62 23. Db3-614r Ein schönes Muster d«S Morphy« scheu Stiles. Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstaltPaul Singer LcCo., Berlin LV.