Nnterhaltirngsblatt des Vorwürls Nr. 121. Mittwoch, den 25. Juni 1913 26] Das entfesselte SdricksaU Roman von Edouard Rod. Die wiederholte Bemerkuna Frau d'Entraques gab Br6> vine plötzlich eine sehr plausible Erklärung für den Haß ihres Mannes. Vielleicht spielte auch Frau d'Entraque eine Rolle in dem Drama. Tann war alles zu verstehen: Der Starr- sinn einer fürchterlichen Rache. Lermantes' Schweigen, das hohe Opfer dieser Ehrenpflicht, dem der schuldige und doch großmütige Liebhaber sein eigenes Leben opfert. Woher würde ein Blitz kommen, um diese Finsternis zu erleuchten? Sie hatten ihr Geheimnis so gut zu hüten gewußt, daß selbst die sorgfältige gerichtliche Untersuchung es nicht entdeckt hatte. Also hatten sie keine Vertrauten, keine gekannten Mitschuldigem Wo sie suchen? Wie dieses Schweigen lösen? Kam hier nicht ein fast unmöglicher Zufall zu Hilfe, würde das Werk der Rache, Lüge und Ungerechtigkeit seinen Weg bis zu Ende gehen. Sorgenvoll übergab der Rechtsanwalt die jungen Leute ihrem Onkel, der mit Charreire vor der Präfektur auf- und abging. Wie am Tage vorher nahm Herr Marner sie mit sich. Als Brävine noch der traurigen Gruppe nachblickte, ergriff Charreire seinen Arm und fragte ihn: „Nun, Herr Rechtsanwalt?" „Offen gestanden, nimmt der Prozeß eine sehr ungünstige Wendung," antwortete dieser brüsk.„Alles erklärt sich gegen ihn, selbstverständlich Ihre Aussage ausgenomnien." „Das ist nicht viel!" „Das wäre viel, wenn er sich nicht selbst zugrunde richten würde. Was kann ein Neufundländer tun. wenn ein Er- trinkender sich sträubt, sich von ihm retten zu lassen. Daß. d'Entraques Aussage der Knotenpunkt des Prozesses ist. haben Sie verstanden. Entweder sagt d'Entraque die Wahrheit und Lermantes ist schuldig, oder d'Entraque lügt, und dann ist es unsere Sache, ihn zu entlarven. Könnten wir jetzt fest- stellen, daß er Lermantes absichtlich Schaden zufügt, so ist das Lügengewebe seiner Aussage zerrissen. Tie erste Version zer- stört die zweite, sie wird wieder die richtige, und die Frei- fprechung ist sicher. Nun will Lermantes aber nicht sagen. was sich zwischen ihm und jenem Menschen zugetragen hat. Er schont ihn. Alles würde gut werden, wenn er darin ein- willigte, ihn Lügen zu strafem Verstehen Sie?" Charreire antwortete: „Ich dachte stets, daß sie sehr befreundet seien." „Das waren sie. Und Sie wissen auch, daß es keine schlimmeren Feinde gibt als ehemalige Freunde. Daß Sie Lermantes bester Freund sind— sein letzter— haben Sie gezeigt. Und Sie vermuten nicht, was sie trennte?" „Nein?" „Es bleiben uns nur noch einige Stunden, um es zu entdecken. Also hat sich niemals etwas ereignet zwischen Lermantes und Frau d'Entraque?" Diese Frage schien Charreire sehr zu überraschen. „Ich habe keinen Grund, es zu vermuten," sagte er. „Und doch.... Wir wollen noch einmal zusammen über- legen. Ein Mann in Lermantes' Alter, mit seiner Kraft und seinem Temperament, den religiöse und moralische Zweifel nicht plagen, ein nicht spröder, gesunder Pariser, Donner- Wetter, der wird doch nicht wie ein Klausner leben. Er poussiert, er har eine oder mehrere Geliebte. Nun hat man all derartigen Beziehungen nachgespürt, aber nur alte Ge- schichten entdeckt. Zweifellos wurde nicht der richtige Weg eingeschlagen. Die Untersuchung ist nicht gerade sehr auf der Höhe. Ihr System, von dem sie nicht abgeht, lautet: die Wahrheit muß sich, so gut sie kann, allein ihren Weg bahnen. Hat Ihnen Lermantes nichts erzählt, was uns auf die richtige Jährte bringen könnte?" „Er hat mir manchmal von einer Frau gesprochen, die einen großen Einfluß auf sein Leben hatte, der er alles vcr- dankt. Natürlich hat er nie ihren Namen genannt." „Hat er nichts gesagt, was Sic auf die Spur dieser Per- son führen könnte?" „Ich habe nie darüber nachgedacht, er äußerte nur all- gemeine Dinge, die sich aus viele Frauen anwenden ließen." „Also welche?" „Was weiß ich.... Daß sie schlecht verheiratet und un»! glücklich wäre...." „Wenn das alles ist!" „Ich erinnere mich, daß er mir vor ziemlich kurzer Zeit sagte, daß er sie heiraten würde, wenn sie sich scheiden lassen könne. Er fügte hinzu, daß es auch noch einmal so enden würde, aber augenblicklich ertrüge sie alles ihrer leidenden, alten Mutter wegen. „Ach." rief Brävine,„das ist dach schon etwas Genaueres. Denn, lieber Herr Charreire, Sie haben mir zwei Dinge mit- geteilt: erstens, daß die in Frage kommende Person eine Mutter hat und zweitens, daß sie kinderlos ist, denn sonst wären die Kinder immer ein Hindernis gewesen. Kennen Sie d'Entraques?" „Ich habe sie bei Lermantes kennen gelernt und war drei- oder viermal bei ihnen zum Diner geladen." „Hat Frau d'Entraque Kinder?" „Nein." „Wissen Sie, ob ihre Mutter noch lebt?" „Ja. Zufällig traf ich sie eines Tages bei Freunden. Sie ist eine alte Dame, älter, als man nach dem Alter ihrer Tochter vermuten kann. Ich glaube mich zu erinnern, daß sie über ein Herzleiden klagte." „Na, sagen Sie mal, das stimmt doch alles vorzüglich. Finden Sie nicht? Wissen Sie etwas von den Beziehungen d'Entraques zu seiner Frau?" „Ich hörte, daß sie sehr schlecht sein sollen." „Vor Lermantes Verhaftung?" „Nein, es ist mir vor einigen Tagen erzählt worden. Wer wie eben Klatschgeschichten über viele Leute verbreitet werden: unglücklicherweise habe ich gar nicht ordentlich zuge* hört." „An jedem Gerücht ist etwas Wahres, würde der Staats- anwalt sagen.... Ein schrecklicher Mensch! Ich frage mich, wenn man ihm so nachspüren würde, was wohl da zum Vor- schein käme? Sie wissen also weiter nichts von dieser Un- bekannten?" „Ich glaube kaum." „Hat Ihnen Lenuantes vielleicht ihren Vornamen ge- nannt?" „Nein. Er nannte sie nie anders als meine„Freundin'- Doch habe ich bemerkt, daß ihm besonders der Name „Juliette" gefiel." „Komischer Geschmack. Dieser Name sagt mir gar nichts. Und Ihnen?" „Auch nicht." „Man liebt die Namen nur der Leute wegen, die sie tragen. Das habe ich immer bemerkt. Heißt vielleicht Frau! d'Entraque Juliette?" „Ach, das kann ich Ihnen nicht sagen." Brävine dachte einen Augenblick nach, dann nahm ee aus seiner Aktenmappe das kleine Adreßbuch der Pariser Ge- sellschaft und blätterte darin. „D'Entraque." las er.„Graf Joseph Maria. Das ist er, und Frau Julie, geborene de Ravenne." „Julie ist nicht Juliette." „Aber eins ist das Diminutivum des andern/ „Das sind sehr schwache Anhaltspunkte." „Erlauben Sic, es wären vielleicht nur schwache Anhalts- punkte, wenn nicht d'Entraque, um Lermantes zugrunde zu richten, so lügen würde, daß er sogar einen Meineid leistet. Das ist keine Bagatelle... Es wären schwache Anhalts» punkte, wenn nicht Frau d'Entraque den Sitzungen sehr eitrig folgen würde, und da die Eheleute schlecht miteinander stehen, ihr Interesse nicht unmöglich ihrem Manne gelten könnte...■ wenn Paul Lermantes sie nicht diese eigentümlichen Worte hätte sagen hören... wenn nicht alle diese kleinen Um- stände mir schon eine Spur gezeigt hätten, die Sie durch Ihre letzten Mitteilungen noch vertieften. Ich gebe zu, daß wir nichts Positives wissen. Aber wir haben einen Verdacht, und von zehnmal kann man neunmal glauben, daß er begründet' ist. Er genügt, um der Spur zu folgen, um so mehr, da wir nichts anderes haben und unseren letzten Trumpf ausspielen. Könnten Sie noch heute Frau d'Entraque aufsuchen?" „Ich weiß nicht, an welchem Tage sie empfängt." „Dann werden wir uns diesmal über die Etikette etwas hinwegsetzen. Daß sie bei den Sitzungen zugegen war, beweist, daß sie Lermantes Uicht vergessen hat. Sie muß doch entsetz- lich leiden. Vielleicht versteht sie nicht, daß sie ihn retten könnte, wenn sie spricht-.. Oder sie hofft noch auf irgend etwas... Die Frauen sind in diesen Sachen blind. Oder erwartet sie vielleicht einen Rat... Gehen Sie mit oder ohne einen Vorwand zu ihr. Vielleicht hat sie eine Herzens- Wallung und spricht zu Ihnen. Dann sagen Sie ihr, daß sie allein ihn retten kann. Ich betone Ihnen noch einmal, daß sie unsere letzte Hoffnung ist." ,,Jch tue alles, wenn Sic glauben, daß es nützen kann." „Es ist sechs Uhr. Ich habe mein Auto hier. In zwanzig Minuten können Sie bei ihr sein." Unterwegs überlegten sie. was Charreire ihr sagen sollte. Aber er hatte einen nur unklaren Eindruck von Frau d'Entra- gnc und wußte nicht, was er von ihr zu hoffen hatte und auf welche Weise er mit ihr sprechen sollte. „Alles hängt davon ab, wie sie ist," sagte Brövine.„Ist sie praktisch oder gefühlvoll? Ist ihr ihre Liebe oder Ehre wichtiger? Sie müssen sehr vorsichtig beginnen.... Sie müssen ihr ungefähr sagen: Die Aussage Ihres Mannes ist Lermantes' Verderben. Wissen Sie, daß sie falsch ist? Und dann wird sie schon erzählen.. Wenn sie sprechen will, spricht sie sofort. Sonst..." Br6vine griff mit einer brutalen Handbewegnng nach dem Hals und sagte mit erstickter Stimme: „Es wäre fürchterlich!"--- Das Auto hielt vor d'Entraques Haus Rue Hamelin. Der Pförtner sagte, daß die Herrfchaften sich nicht sprechen ließen. Aber als Charreire darauf bestand, nahm er ihm seine Karte ab. Er kam gleich zurück. Auf seinem Gesicht lag ein spöttischer Ausdruck: „Frau Gräfin bedauert außerordentlich, den Herrn nicht empfangen zu können, Frau Gräfin ist sehr leidend." Er schloß das Haustor. „Sie hat verstauben," murnielte Brövine, als Charreire sofort ans dem Haustor trat.„Sie will nicht sprechen. Ler- mantes ist verloren!" „Und wir lieben solche Frauen!" rief Charreire.„Und sind bereit, für sie zu sterben!" lLortsetzung folgt.? Das Versprechen. Von Ada N e g r i. (Berechtigte Uebertragung aus dem Italienischen.) Sie hockten beide zusammen auf einem Haufen von Lumpen« sacken, die an der Umfassungsmauer der Färberei, der Fabrik gerade gegenüber aufgeschichtet waren. Ans den Augen Fresias, den müden, treuen Augen eines Hundes, sprach ein tiefer Kummer, während sich in dem bartlosen, eckigen Gesichte MarcoS eine kalte und harte Ent- schlossenheit verriet, deren Willenszüge sich in den Linien des Mundes und Kinnes deutlich ausprägten. Ueberall aps den Rändern und Rissen der Säcke schienen schmutzige Hadern, faserige Fetzen in allen Farben hervorzu« quellen. Erstickender Staubgeruch strömte von ihnen aus, und gleich- zeitig drang von der Färberei der scharfe Gestank ätzender Säuren herüber. In der schwülen Mittagsstille lag das von den Arbeitern verlassene Werk verödet; in der Luft spürte man gleichsam etwas wie eine staunende Vermunderung über dies stumme Schweigen, eine schwelende, flimmernde Erwartung: als wäre es unmöglich in diesem Eisenbezirke zu leben ohne das Lärmen und Keuchen rollender Maschinen. Dichte, graufarbene Dunstwolken hasteten an der Sonne vorüber, nahmen wechselnde Gestalten an, zerschwebtcn und ballten sich wieder zusammen: in dem dauernden Wandel von Licht und Schatten nahm Berg und Strom ein verändertes Aussehen an. Wohl zum zehnten S!?ale wiederholte Fresia: .Du gehst fort, wirklich fort, Marco?"— Und Marco wiederholte zum zehnten Male: .Nächsten Donnerstag geht unser Schiff in See.., in Genua".— Die feuchten Hundeaugen des Mädchens starrten gläsern und faffungslos in? Weite. „Zwölf Mann I/>ch gehen wir los! Gianni ist auch dabei, und Paolo, weitzt Du. der Heizer aus der neuen Fabrik. Meinst Du vielleicht, ich gehe»ach Amerika, um da so ein armer Tropf von Arbeiter zu bleiben wie hier?... Sollte mir einfallen! Schulwissen habe ich... sogar drei Kurse in der Abend- schule gemacht! Vom.Englisch" versteh' ich zwar nichts, ich werd's schon lernen! Man mutz von unten auf anfangen... im kleinen! Später'. l laß mich nur sorgen. Es steht sa alle Tage in der Zeitung von Leuten, die aus eigener Kraft ein kolossales Vermögen gemacht haben, und dabei waren es Schuhputzer, Handelsdiener und Bankausläufer. Reich will ich werden, reich... verstehst Du 1 Nicht ruhen noch rasten will ich und kein Mittel scheuen. Herrgott ja!... Nicht jeder wird als Herr geboren. Aber werden kann man's."— Er kietz die Stimme ein wenig sinken, während er den Kopf nach dem Herrenhause umwandte, das rechts an die Fabrik angrenzte, von wo aus ein fröhliches Tellergeklapper herüberdrang. „Der da drüben zum Beispiel... ist der gleich reich zur Welt gekommen?... Er hat seinen Reichtum selber erworben, Soldo für Soldo, Stück für Stück. Heute nehm' ich die Mütze ab, wenn er vorbeigeht, sag' ihm„dlemssu"(Herr)— und mache Dank schön, wenn er mir am Wochenschlutz mein Geld, abgezählt in Papier ge« wickelt, durch den Schalter reicht. Kopf hoch, Fresia I... In fünf- zehn oder zwanzig Jahren bin ich wieder da! Dann sag' ich nur noch:.Guter Freund!"... Und dann werd' ich ihn fragen, ob er seine Fabrik verkaufen will."— Von all dem was er gesagt, hatte das Mädchen nichts ver- standen als die Worte:.In fünfzehn oder zwanzig Jahren".... Ihre Lippen bebten, schüchtern legte sie ihre Hand in die seinige, — eine rauhe, knorrige Hand mit breiten, flachen Nägeln. Er erwiderte ihren Druck und fuhr unbehindert in seinen Ge- danken fort. „Die Sozialisten! Genosien!... Schön I Wahlversammlungen, Vertrauensmänner, Propaganda, Umzüge, Streiks,... den Teufel auch, alles wichtiges Getue, eine Flut von leerem Geschwätz! WaS dabei herauskommt? Schlietzlich verdient man am Tage drei oder vier Lire mehr. Das ist alles I Ich Hab' selbst mal d'ran gedacht, Sozialist zu werden. Was hat man davon?... Was macht's aus, zwei, drei Lire mehr am Tag? Bleiben gleichwohl arme Kracher'S ganze Leben!... Ich sage: Selbst ist der Mann I mit Fäusten und Ellenbogen sich vordrängen: allein mutz man sein, und den Willen mutz man haben. Und dabei keine Angst... weder vor den Mitteln noch vor den Widersachern." .Aber ich... was soll ich denn machen?"... .Du?... Du liebst mich und Du wartest auf mich, Fresia." „Ach, ich möchte, Du blieb'st arm, Marco, und käm'st bald wieder, bald, und heiratetest mich. Oder Du lietzest mich nach- kommen. Wie gern käm' ich.... So kurz ist das Leben...* .Du bist nicht gescheit!... Das Leben ist lang. Und alles -auf der Welt ist nur dazu da, datz man'S nimmt und zu nehmen weih. Verstehst Du daS?"... Nein, sie verstand ihn nicht. Er bog ihr das blaffe Köpfchen zurück und kützte sie herrisch auf die Lippen, er bitz sie fast in die Kehle, an der Stelle, wo die Schlagader stürmisch klopfte und schlug. Der Zeit und des Ortes vergessend, überlietz sie sich seiner Lieb- kosung, entfärbte sich, die Sinne vergingen ihr.... Mit einem heftigen Rucke richtete er sie auf. .Siehst Du die Lumpen da?... Dabei zog er aus einem Sack- loch ein Bündel schmieriger Zeugfetzen heraus. Wer weih, wo sie herkommen, wer sie mal getragen hat, wozu sie gebraucht sind. Alle möglichen Krankheitskeime, alle verwesenden Seuchen können darin stecken. Sie schillern in allen Farben und Formen und Abdrücken. Morgen werfen wir sie zum Sieden in den grohen Kessel; dann bleichen sie, dann kommen sie von einer Maschine in die andere. bis dann schlietzlich der Stoff d'raus wird"— er wies auf die noch feuchten Stücke, die auf der Terrasse zum Trocknen aus- gebreitet lagen.—.So steht's mit dem Reichtum, Fresia I... Wo er ist, fragt niemand danach, wo er herkommt. Wenn er nur da ist. wenn man ihn nur hat!... Fresia!... Sag' Du, willst Du auf mich warten?" .Ja, Marco!" Sie schien im Wachen zu träumen. Der Einuhrpfiff schreckte sie auf. Marco half ihr von dem Sackhaufen hinunter, er kützte sie noch einmal verstohlen auf den Hals. Das Tor öffnete sich. Ar- beiter und Arbeiterinnen strömten eilig herbei, stießen sich gegen« seitig an, trieben Schabernack, lachten hell auf... Ein paar Minuten später war jeder an seinem Posten. Die Arbeit begann ihr rauhes und doch geheiligtes Lied aufs neue. So vollkommen ineinander gepatzt und harmonisch abgestimmt schienen die Be- wegungen der Maschinen und der Weber, in solcher Wechselwirkung und innerer Verbindung waren sie, datz cS aussah, als sei es nur ein gemeinsamer Erkenntnis- und Willensdrang, der daS denkende Geschöpf und den disziplinierten Stoff mit Leben durchdringe. * Tage und Nächte zogen über dem grauen Steinhaufen der Fabrik dahin. Wieder und wieder durchbrach daS Dampfrohr mit kräftigen Stößen und lebhaftem Zischen die Morgennebcl und die Dämmerung. Die Rovella hüllte sich in undurchdringliche Schleier. kleidete sich in weichen, grünen Samt, färbte sich in Gold und Rostbrau» im Wechsel der Jahreszeiten. Dann und wann zerrieb sich die kleine Welt in lärmenden, nutzlosen Streitigkeiten, in Diffc- rcnzcn zwischen Herren und Arbeitern, in Arbeitseinstellungen und gehässigen, abendlichen Demonstrationen. Dann blinzelte die Ro- vella schweigend dem Strome zu und der Strom flüsterte der Fabrik ein heimliches Spottwort ins Ohr, die unbeweglich mit offenen Augen das Tal überblickte, wo andere Fabriken ebenso unbeweglich ihre mächtigen Rauchschlotc in die Luft bohrten. Ia'hre um Ja�hre schwanden dahin. Tic Menschen fimrden alt, Nur die Erde blieb ewig jung. In Fresias schönes, schwarzes Haar spannen sich die ersten lvilberjäden. Sie war nun nahe an die vierzig. Ein müder Zug grub sich ip die Winkel des einst so frischen Mundes, ihre Zähne wurden gelblich und ein wenig locker. Schon lange hatte Marco aufgehört ihr zu schreiben. Vage Gerüchte, die von Ausgewanderten herrührten, wollten wissen, er sei in Kanada ein reicher Mann ge- worden; es hieß, er sei ein besserer Amerikaner als ein Uankee und in ein ganzes Netz von mysteriösen Geschäften verstrickt. Sein Still- schweigen hatte die Treue der Frau nicht erschüttert; sie nährte ihr Herz an dem einstmals gegebenen Versprechen, sie klammerte sich daran als ihre einzige, vielleicht trügerische Hoffnung. Jahraus, jahrein flog das Weberschiffchen zwischen den Fäden des Webstuhls bin und wider, und Sonntags wogte in der Kirche der Gesang der Litaneien bald auf, bald ab. Obwohl jedermann des festen Glaubens lebte, datz Marco nie wieder zurückkehren würde, nahm man auf die fast religiöse Glaubensgewitzheit Fresias Rücksicht; je länger je mehr gewöhnte man sich, die schweigsame Frau mit den sanften Hundeaugen als Witwe zu betrachten. (Schlutz folgt.? Die Gartenbau ausstellung in Breslau, Die am 20. Mai noch recht unfertig eröffnete Ausstellung zur Jahrhundertfeier der Befreiungskriege zeigt sich heute dem Besucher als eigenartiges und großzügiges Unternehmen. Sie ist keine Aus- stellung im Charakter der sonstigen derartigen Unternehmungen mit ihrer verirrenden Vielfältigkeit. Sie setzt sich nur aus drei getrennten Abteilungen zusammen, aus einer historischen Ausstellung in einem riesigen Eisenbetonbau, die eine Kunst-, Uniform und Waffensamm« lung und die verschiedenartigsten sonstigen Sehenswürdigkeiten und Erinnerungen aus der Zeit um 1813 umfaßt, aus einer Kunstausstellung, veranstaltet vom schlesischen Künsilerbund, und aus einer Garten- bauausstellmig. Das gesamte Ausstellungsgelände bedeckt einen Flächenraum von über 300 preußischen Morgen; es gewinnt dadurch erheblich an Anziehungskraft, daß der älteste und schönste Park der an Gärten reichen Stadt Breslau, der Scheitniger Park, mit hinein- bezogen wurde. Im Mittelpunkt des Geländes steht die vielgenannte Jahrhunderthalle, ein einzigartig schöner und würdiger, kuppel- förmiger, gleichfalls aus Eisenbeton ausgeführter Riesenbau, mit 85 stimmiger Orgel und der größten bisher existierenden Bühne. Der guadratische Bau der historischen Ausstellung und die Jahrhundert- halle sollen dauernd erhalten bleiben. In der letzteren hat die Stadt Breslau einen arenaartiaen Riesenbau für Volksvorstellungen und Volksversammlungen, der bequem 10 000 Menschen faßt. Der Gartenbau ist auf der Breslauer Ausstellung in ganz hervorragender Weise vertreten; er ist gewissermaßen die Seele des ganzen Unternehmens. Wir finden hier zunächst als ganz besondere, ledenfalls eigenartige Darbietungen werschiedene historische Gärten. Der älteste ist der sogenannte Karolingergarten, ein ganz einfaches Gärtchen, nach der Straße durch eine Mauer mit Torbogen abgeschlossen, im Innern jedes Baumwuchses bar. Das einzige„Möbel", dessen man um das Jahr 800 in einem derartigen Garten bedurfte, ist der Ziehbrunnen. Ein Längsweg teilt den Garten in zwei gleich große Hälften, die rechts und links in Beete eingeteilt sind, angelegt wie unsere heutigen Gemüsebeete, besät und bepflanzt mit den von Karl dem Großen empfohlenen Arznei- und Küchenkräutern. Das Burggärtchcn am Rhein führt uns in daS Jahr 1410; eS ist klein und primitiv, seinen hinteren Abschluß bildet die Burgmauer, um welche sich eine Rabatte zieht, bepflanzt mit den Volksblumen der damaligen Zeit, die zum Teil auch heute wahre VolkSblumcn sind, wie Schnee- und Maiglöckchen, Goldlack, Levkojen, Psingst- und Stockrosen it. a. Man sieht hier weder Weg noch Steg, ein blumiger Rasenteppich deckt den Boden, über den sich einige ohne Berechnung gepflanzte Obstbäume erheben. Ein steinerner Tisch, unbedeckt und mit einigen Früchten besetzt, steht inmitten dieses Gartens, Stühle und Bänke fehlen. Die Umfriedigung mutet durch Einfachheit und Zweckmäßigkeit an; sie besteht aus einigen uncnt- rindeten Rundholzpfählen, die miteinander durch Astwerk verflochten find, genau in der Weise, wie man Flußufer und Teichböschungen zu befestigen pflegt. Diese sehr leicht herzustellende Umfriedigung sollte auch heute noch bei Land- und Laubenparzcllen angewendet werden. Der dritte der historischen Gärten führt unS in daS Jahr 1588. ES veranschaulicht den Garten des Laurentius Scholz, der in Padua und Bologna studiert hatte und dann in Breslau als praktischer Arzt tätig war. Sein Garten war damals berühmt; er bildete einen Wallfahrtspunkt für unzählige Blumenfreunde, da aber kein Plan desselben auf die Nachwelt überkommen ist, mußte die Breslauer Kopie auf der Grundlage vorhandener Beschreibungen zur Ausführung gelangen. Wir finden hier einen achteckigen Pavillon inmitten der Anlage und einen Laubcngang, der lebhaft an die Holzarchitektur übermoderner Gärten der Gegenwart er- innert. Zwei kreuzförmig geführte Wege zerlegen das Garten- innere in vier gleich große Ouartiere, von denen eins den Zwiebelgewächsen, cinS den Rosen, eins den Stauden qnd Kräutern und daS letzte den Sträuchern und Bäumen gewidmet ist. Diese Anlage macht etwa den Eindruck eines Apotheker- gartens. Der Belvedöregarten versetzt uns in daS Jahr 1600, der bürgerliche Barockgarten in eine 100 Jahre später liegende Zeit. Diese beiden Gärten sind nur dürftig bepflanzt und bieten deshalb kein gärtnerisches Interesse. Der letzte historische Garten, der E m p i r e g a r t e n, führt unS eine Durchschnittsanlage auS der Zeit der Befreiungskriege vor Augen; er füllt den Jnnenraum des im Grundriß quadratischen, mit vier Ecklürmen gezierten Baues der historischen Ausstellung, ist also nichts anderes als ein sogenannter Hofgarien oder, vornehmer und moderner ausgedrückt, ein Gartenhof. Als solcher ist er außer- ordentlich wirkungsvoll. Die Ausstellung enthält noch einen zweiten, blütenreicheren Gartenhof, der sich dem Gebäude für Gartenkunst anschließt.' Hier finden>oir einen reichen Blütenschmuck, die Wände mil weißgestrichencn Holzspalieren« bedeckt, welche blühende Schlingpflanzen umranken und blühende Ampeln schmücken. Auch dieser Garten ist quadratisch, seinen Mittelpunkt bildet ein viereckiges Wasserbecken mit ansprechender Wasserkunst, umgeben von immerblühenden Begonien und eingefaßt mit einem Grasjtreifen. Wenn die Gärten der sogenannten Berliner Garten- Wohnungen, die in Wirklichkeit nichts weiter als Hoswohnungen sind, etwa so ausschauen würden, wie der eben geschilderte Breslauer Gartenhof, dann würde sich daS Leben in den großstädtischen MietL- kaseruen behaglicher und farbenfreudiger absvielen. Man bars frei- lich nicht aus dem Auge verlieren, daß das, was in Breslau zwischen niedrigen, die Sonne nicht ausschließenden Mauern gezeigt wird, sich im Innern großstädtischer Mietskasernen auch dann mchl ermög- licheu läßt, wenn der gute Wille der Hausagrarier tatsächlich vor» handen sein würde. Eine größere Anzahl verschiedenartiger Sondergärtcn verkörpern die Gartenkunst unserer Zeit. Wir sehen hier HauS- und Villengärlen in den verschiedensten Stilarten, in Rücksicht auf ihre geringe Größe aber vorwiegend im regelmäßigen Garten- stil gehalten; Anlagen, die kleine Landhäuser und verfeinerten Be- dürfnisfen Rechnung tragende villenartige Bauten umgeben. Diese Gärten wirken überall da besonders anmutig, wo sie den natürlichen Rahmen des Scheitniger Parkes und seine malerische Baumgruppen als Hintergrund haben, also vollständig in die sie umgebende Natur aufgehen. Prachtvoll ist ein zerlegd.;re1, transportables Holzhaus in einem niedlichen Villengärlen und ein Einfamilienhaus der Brockaucr Baugesellschaft. Die neuzeilichen Sondergärten sind nicht immer ganz einwandfrei, manchen fehlt eS an Farbenstimmung, andere leiden durch zu dichte Bepflanzung, die als der größte Fehler bei Ausführung von Gartenanlagen zu gelten hat. Als ganz hervorragende Leistung muß ich einen englischen Stauden- garten bezeichnen, nach der Straße hin abgeschlossen durch eine sogenannte Trockenmauer. Diese Trocken- mauern werden in neuester Zeit vielfach errichtet und der Kultur von staudenartigen Alpenpflanzen dienstbar gemacht. Man schichtet die Steine einfach aufeinander ohne sie mit Mörtel oder Zement zu verbinden, nur eine Bodenschicht gibt man zwischen die einzelnen Steinlagen, um dann alpine Gewächse in den Ritzen und Spalten anzusiedeln. Im englischen Staudengarten der Breslauer Ausstellung ist diese BePflanzung mit bewundernswertem Naturverständnis zur Durch- führung gelangt. Oben bedeckt der bei uns heimische Mauerpfeffer die Mauer mit dichten Polstern, im Garten selbst sind die Hauptwege mit alten, vielfach gesprungenen und abgestoßenenSleinfliesen belegt, zwischen denen sich, scheinbar von selbst, Gras und Unkraut angesiedelt hat. Volkstümliche, zu verschiedenen Zeiten blühende Staudengewächse machen den Hauptpflanzenbestand aus. Der schönste und größte der Sondergärten ist der japanische Garten mit seiner Teichparlie, seiner Insel, seinem Gebirgsbach, seinen teils in das Wasser Hineingebaulen Pavillons und seiner echt japanischen Vegetation. In einer abgemauerten besonderen Teich- abteilung werden die japanischen Seerosen und die sagenhaften Lotusblumen erblühen. Wenn auch schon einmal vor Jahren auf einer Gartenbauausstellung in Dannstadt ein sogenannter japanischer Garten gezeigt wurde, sc ist der in Breslau vorgeführte doch der erste, welcher den Charakter japanischer Gärten in ge- treuester Weise wiedergibt. Die Anlage liegt inmitten des Scheitniger Parke?, dessen Baum- und Gehölzpanien ihr den natür- lichsten Rahmen bieten. Innerhalb dieses japanischen Gartens ist alles echt japanisch, alle Pflanzungen einschließlich der Ufer- und Wasservegetalion, alle Gartenbauten bis zum Laubengnng und der BambuSumfriedigung. Hier blühen und wachsen indische Alpenrosen und Azaleen, die unvergleichliches japanischen Lilien und JriS, zahlreiche japanische Sträuchcr, Nadelbäume, die sogenannte„Zapfen- palme". deren Mark das echte Sago liefert, ja sogar die künstlich ver- krüppelten Zwergbäume fehlen nicht. Dem Kenner unserer Garten- flora werden ja die meisten der hier angepflanzten japanischen Gewächse vertraute Erscheinungen sein, da eine ungeheuere Zahl japanischer Pflanzenarten, von der Kamellie und Aralie, unseren immerblumen, bis zu den L''ien Iris, Spiersträuchern und unkien der Garten- und Laubcnpa.-zellen japanischen Ursprungs sind. Inmitten des Scheitniger Parkes, im sogenannten Goepperthain, der einem verstorbenen hochverdienten Botaniker der Breslauer Uni- versität zu Ehren so benannt wurde, befindet sich ein riesiges, in � seinem Kern zirkelrundes Blumenparterre, daS zur Zeit der AuSstellungseröffnung 70 000 blühende Tulpen in getrennten Karben- gruppen bedeckte. Hier hat jetzt die Deutsche Dahliengesellschaft KOOS Edeldahlren, darunter die neuesten Züchtungen, ausgepflanzt, die vom August ab eine Dahlienausstellung bieten werden, wie sie in solcher Vollendung und Reichhaltigkeit noch nie zuvor gezeigt sein dürfte. An diese Dahlienausstellung schließt sich ein Stauden« und Alpengarten und an diesen Ivieder ein echter Heidegarten an, bepflanzt mit charakteristischen Heidepflanzen, vorzugsweise mit unserer heimischen Heide, aber auch mit jenen schönen Heidekräutern, die wir m den Garten leicht ziehen können, mit Heidegesträuch, Wacholder, Heidestauden und«gräsern. Den Glanzpunkt der Breslauer Ausstellung bilden aber die Rosengärten, die vom Verein deutscher Rosenfreunde an« gepflanzt wurden. Auch hier ist eS wieder der wunderbare Rahmen des Scheitniger Parkes, der die geschlossenen Rosenpflanzungen zu höchster Geltung gelangen läßt. Auch der große städtische Schulgarten, der sich dem Scheit- uiger Park anschließt, ist in die Jahrhundertausstellung einbezogen worden. Hier werden Millionen von Pflanzen als ÄnschauungS« Material für den botanischen Unterricht in sämtlichen höheren und Volksschulen der Stadt Breslau heraitgezogen, auch als Vorlagen für den Zeichenunterricht. In einem neu erbauten Gewächshause werden tropische Äutzpflanzen, vorzugsweise Baumwolle und Reis kultiviert. An den botanischen Schulgarten schließt sich die Kolonial« aus st ellung an, deren Eröffnung erst im Juli möglich sein wird. Hier zeigt uns Professor Winkler schon jetzt auf einem größeren Landstreifen, wie der deutsche Pionier in den Tropen den llrwald rodet und das Land für landwirtschaftliche Kulturen herrichtet. Auch ein Schülergarten ist von besonderem Interesse. Der auf der Ausstellung gezeigte Garten ist einschließlich des Unterstands- Häuschens und der' Einfriedigung von Breslauer Volksschülern unter sachkundiger Leitung hergestellt worden. Jeder Schüler bekommt in diesen Schulgärten sein besonderes Beet zur Bewirtschaftung. WaS er auf diesem Beete an Gemüsen heranzieht, darf er der elter- lichen Küche zuführen � auch die in diesen, Schülergarten auf den Rabatten gezogeinni Blumen und die Früchts der in besonderer Ab« teilung gepflegten Beerensträucher gelangen an die beteiligten Schüler zur Verteilung. Schrebergärten sind gleichfalls in Breslau vertreten und zwar durch eine Ausstellung des Verbandes Ostdeutscher Schreber« und Gartenbauvereine. In diesen Schrebergärten interessieren be- sonders die Unterkunstshalle und zwei transportable, aus Holz errichtete Wohnlauben. Die größere dieser Wohnlauben mit ihren blumengeschmückten Fenstern enthält im Inner» einen Wohnraun,. eine kleine Küche, eine kleine Kinderstube und ein größeres Schlaf« zimmer; sie stellt sich auf 1300 Mark, einen Preis, der leider für den großstädtischen Durchschnittsarbeiter unerschwinglich ist, so daß sie nur für den Parzellenbesitzer, der auf eigenem Grund und Boden baut, in Betracht kommen könnte. In der Anlage� und Bepflanzung bieten die in Breslau gezeigten Schrebergärten leider nichts Besonderes: es zeigt sich auch hier wieder, daß es den Schrebergärtnern an sachkundiger Anleitung fehlt. Der Verband der Leipziger Schrebergärtner ist wohl bisher der einzige, der aus eigenen Mitteln einen Garteninspektor besoldet, der in den einzelnen Gärten praktische Unterweisungen gibt, in feststehenden Sprechstunden alle Fragen beantwortet und in den Versanunlungen Lorträge hält. DaS Borgehen der Leipziger Schrebergärtner sollte überall Nach- ahnuuig finden. Was in Breslau gezeigt wird, ist mir ein Teil einer wirklichen Schrebergärtnerkolonie, denn diese Kolonien unter- scheiden sich dadurch wesentlich von den Berliner Laubenkolonien, daß sie mit ausgedehnten Kinderspielplätzen verbunden sind, die gewöhnlich den Kern- und Mittelpunkt der ganzen Anlage bilden. Hd. Kleines f euiUeton* AuS der Vorzeit. Vorgeschichtliche Skulpturen. Zu den Gemälde- galerien des vorgeschichtlichen Menschen, deren jetzt bereits mehrere m Südfrankreich und Spanien in Höhlen oder an anderen geschützten gelsenwänden entdeckt worden sind, ist seit dem vorigen Jahr ein ganz besonderer Fund getreten. Er zeigt den vorgeschichtlichen Menschen als Bildhauer. Der Graf Begouen, dem diese Entdeckung in der Höhle von Tue d'Andoubert im südftanzösischen, am Nord- fuß' der Pyrenäen gelegenen Departenient Ariöge geglückt ist, hat nicht nur selbst eine genaue Beschreibung dieser einzig- artigen Skulpturen gegeben, sondern auch sachverständige Gelehrte zu ihrer Beurteilung herangezogen. Es handelt sich um die plastischen Bi l d nis I e von Büffeln. Sie fanden sich in der Höhle gegen einen Felsblock gelehnt, der inmitten eine? großen unterirdischen Saales vom Gewölbe herabgefallen war. Die beiden Tiergestalten, die an Ort und Stelle belassen worden sind, scheinen, wenn man sich ihnen von hinten nähert, an dem Stein entlang zu fliehen, und ztvar eine hinter der anderen, doch so, daß die hintere etwas nach der Seite abweicht. Außerdem hat sie sich auf die Hinterbeine erhoben, als ob sie an dem Fels in die Höhe klettern wollte. Da beide Formen aus Ton bestehen, ist es begreiflich, daß sie nicht vollständig erhalten geblieben sind! eher müßte man sich darüber wundern, daß nach so vielen Lerantw, Redakteur: Albert Wachs, Berlin. Druck u. Verlag!' Jahrtausenden überhaupt noch etwas von ihnen übrig ist. Der vordere der beiden Büffel zeigt sich sogar noch fast vollständig. Rur die Spitze deS rechten Horns und der Schwanz sind abgefallen. Beide Bruchstücke find aber noch am Boden aufgesunden worden und passen genau auf die Stellen, an denen sie gesessen haben. Die in der Höhle herrschende Feuchtigkeit hat den Ton so ausgezeichnet konserviert, aber nicht genügt, ihn vor Sprüngen zu bewahren, die an einigen Stellen die Statuetten durchsetzen. DaS vordere Tier ist nach dem Kopf ohne Zweifel ein Weibchen. Der Kopf ist kleiner und wenige« stark behaart, das Gehörn weniger gebogen als bei dem nachfolgenden, einen männlichen Büffel dar- stellenden Tier. Auch die Größenverhältnisse entsprechen diesem llr- teil. Das Weibchen ist 6t, das Männchen 63 Zentimeter lang. Der prähistorische Künstler hat die Bildwerke wahrscheinlich in Anlehnung an den Felsblock geformt, da nur die Außenseite ausgearbeitet ist. Auf dieser sind Spuren der Glätttmg wahrzunehmen, die der Ton durch die bildende Hand erfahren hat. Eine besondere Geschicklichkeit verrät die Modellierung der Köpfe. Hörner und Ohren treten stark hervor. Das Auge ist durch eine kleine Ton- kngel mit einer Vertiefung in der Mitte bezeichnet, aber nur beim Weibchen, dessen Kopf dadurch einen lebhafteren Ausdruck erhält. Das Auge des Männchens ist einfach rund belassen worden. Der Umstand, daß diese Skulpturen sich im innersten Raum der Höhle befinden, läßt darauf schließen, daß mit ihnen eine reli- giöse Vorstellung und ein entsprechender Zweck verbunden gewesen ist. Sie waren für oie Höhleubewohner wohl eine Art von Fetisch, der besondere Heiligkeit und daher ouch einen moglichsi großen Schutz genoß. Wo sich solche Tonbilder erhalten komiten, sind auch andere Spuren des Menschen mit un- gewöhnlicher Vollkommenheit aufbewahrt geblieben. Der Boden der Grotte zeigt nämlich die Abdrücke menschlicher Füße in großer Zahl. Ein ganz dünnes Hänichen von äußerst feinem Tropfftein hat sich darauf niedergeschlagen und ausgezeichnete Modelle der Fußspuren geschaffen. Aus dem Pflanzenreich« Unsere Linden. Alljährlich im Juni, wenn die Linden blühen und duften, verstärkt sich unsere Anteilnahme an diesem be- liebten Baume, ohne den es keine rechte Dorfromantik und keinen Lindenblütenhonig gäbe. Die großblätttige oder Sommerlinde ist die Art. die sich durch die großblättrige Belaubung(auch an den zart weichhaarigen Blättern kenntlich) die größte Verbreitting in Parks, Alleen und sonstige» Anlagen erworben hat. Sie ist mit ihren Blüten zuerst am Platze. Wild ist sie bei uns in der Mark nur noch sehr selten anzutreffen. In der Regel erst im Juli, in diesem heißen Sommer aber stark verfrüht, kommt die kleinblättrige oder Winterlinde zur Blüte. Man erkennt sie an den kleineren und kahlen Blättern, die nur auf der Unterseite in den Winkeln der� Adern rötliche Haarbüschel zeigen. In unseren Miichiväldern ist sie häufig wild, manche Riesenlinde der Dörfer(z. B. in Zühlsdorf) gehört zu dieser Ärt. mid selbst an der Havelseite des Grunewaldes sind noch stattliche Bäume vereinzelt zwischen den Kiefern wild zu finden. In den Anlagen in und bei Berlin fallen häufig auch ausländische Arten auf, besonders die Silberlinde mit unterseits weißfilzigem Laub. Allen Arten gemeinsam ist der Blütenbau. Die gelblichen Blüten sind in.Trngdolden" gehäuft, und am gemeinsamen Stiele ist mit der Hälfte' seiner Länge ein bleiches.Flügelblatt' an- gewachsen. Auf der inneren Seite der fünf Kelchblätter wird der Nektar oder Blütenhonig offen den Huinmeln und anderen Insekten dargeboten, die hier das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Indem die Blüten stets nach unten hängen, ist der Nektar auf einfache Weise vor dem ZlnSwaschen geschützt. In der Mite der Blüte steht das kurze weibliche Pistill senkrecht nach unten. im weiten Kreise, sozusagen nach dem Prinzip.drei Schritt vom Leibe", umgeben von den weitabstehenden männlichen Staubgefäßen. Sie können nicht zusammenkommen und sollen eS auch nicht, den» die Linden meiden die.Autogmnie", die Selbstbefruchtung, was man bei Tieren als Inzucht bezeichnet. Um diese Selbstbestäubung noch sicherer zu hindern, werden in jeder Blüte erst die Staubbeutel reif, und erst wenn sie ausgestäubt und leer sind, werden die Pistille empmngsfShig. Trotz dieser.Vormännigkeit" oder.Protandrie"(in der botanischen Kunstsprache) werden doch alle nüßchenartigen Lindenfrüchte reif, weil die Blüten eben zu verschiedenen Zeiten reifen und die beim Nektarnaschen sich vollpudernden Insekten immer wieder an auf- nahmefähige Pistille geraten. Die Linden in den Großstädten bekommen leider zu ftüh gelbe Blätter, wenn sie sich dafür auch un Herbst oft von neuein belauben. Die zähere, aber entschieden nüchterne Ulme beginnt daher mehr und mehr die Linden und ihre Poesie auS unsercir Straßen zu verdrängen. Dr. C. Volle, der bekannte, verstorbene Bcfiedler der Insel Scharfenberg im Tegeler See, empfahl als Ersatz schon vor langen Jahren die Krimmlinde Cllilia dasystyla), einen Baum„von vorzugsweise pyramidalem Wuchs, dessen relativ harte, glänzende Belaubung sich vor der seiner GattungZverwandtc» öurch eine weit größere WiderstandSsähigkeit auszeichnet". Es ist jetzt wieder viel von der Insel Scharfenberg und von ihrem Be- Pflanzer die Rede, indes wäre zu wünschen, daß seine Anregung jetzt auf einen günstigeren Boden fiele!_______ L. L.__ Vorwärts Buchdruckerci».VerlagSanstalt Paul Singer ScCo.,Berlin SW.