UnlerhaltungsSlatt des Horwärts Nr. 122. Donnerstag, den 26. Juni� 1913 sn: Daa entfesselte Schicksal Roman von Edouard Rod. 16. Kapitel. Die Rudrits wohnten in einem alten Hause am Boule- vard du Roi in einer Parterrewohnung, die auf einen Garten hinausging, in dem sie Rosen gepflanzt hatten. In diesem Heim waren sie zusammen alt geworden, während ihre Söhne durch ihren Beruf in die weite Welt hinausgeführt waren. Der eine diente in der Marine, der andere in der Kolonial- Magistratur. Das Ehepaar lebte sehr häuslich, selten gingen sie aus und gaben wenig Gesellschaften. Das kleine Diner, zu dem sie acht Gäste geladen hatten, war ein Ereignis in ihrem Leben. Außer dem Präsidenten und seiner Frau, der Baronin Kharv und Herrn Perron hatten sie Herrn Treib, zu dem sie in verwandtschaftlichen Beziehungen standen, eingeladen, und Baron Choffart. einen alten Freund. Ein Lohndiener half dem Hausmädchen. Die Baronin Kharv ließ länger auf sich warten, als man voraussehen konnte. Innerlich fluchte Herr und Frau Mo- tiers de Fraisse. denn sie waren daran gewöhnt, zeitig zu essen und sich früh schlafen zu legen. Besonders der Präsident, ein großer Pedant, fühlte sich durch das anstrengende Verhör äußerst matt. Die Unterhaltung schleppte sich hin. Man hatte sich vor- genommen, nicht von dem Prozeß zu sprechen, um den Geist von den Anstrengungen ruhen zu lassen. Aber da man an nichts weiter dachte, wußte man nicht, was man sagen sollte. Herr Rudrit sprach sich entzückt über Versailles aus. Obgleich seine Stellung ihm sehr viel Arbeit gab, war sie dazu ange- tan, seine bescheidene und friedliche Karriere angenehm zu beschließen. Herr Perron fand dabei nur die Nähe von Paris angenehm. Dem modernen Geschmack Herrn Treibs ent- sprachen weder die gestutzten Bäume ä la francaise, noch der altmodische Eindruck der Straßen, welche die breiten Avenue» rechtwinklig durchkreuzten. Baron Choffart wiederum fand gerade den Stempel der Vergangenheit schön, der den Häusern geblieben schien. „Andere haben den Braten gegessen, uns bleibt noch der Duft davon, das ist doch etwas." Man gähnte und betrachtete Bilder von Art) Scheffer und Paul Delarrive. als endlich eiliges Klingeln ertönte. Die kleine Baronin trat in den Salon und sah entzückend in ihrem lavendelfarbigen Seidenmousselinekleid aus. Der kleine Ausschnitt zeigte den prachtvollen Hals, dessen schnee- weiße Haut den Frauen des Nordens oft den Glanz, die Zart- heit und Frische der Kamelien verleihen. Wie ein Windstoß stürmte sie herein und atmete so schnell, als ob sie sechs Treppen emporgestiegen wäre. Sie entschuldigte sich, indem sie eine Fülle kleiner Lügen vorbrachte, die aber so äugen- scheinlich waren, daß alles zu lachen begann und sie mit ein- stimmte. Man ging eilig zu Tisch. Kaum war die Suppe vor- über, als die Baronin, trotz des allgemeinen Schweigens über den Prozeß, das gefährliche Thema anschnitt. „Wie bin ich Herrn Rudrit dankbar, daß ich zu den Ver- Handlungen gehen konnte... Man reißt sich um die Plätze... Es ist ein großes Glück, wenn man einen bekommt... Ganz stolz bin ich mit meiner Karte in der Hand durchge- gangen. Und man muß immer noch an die Verhandlung denken... man ist ergriffen, gepackt,.. wie von einem Stroni wird man fortgerissen." „So spannend wie ein gutes Drama, nicht wahr?" meinte Perron, ihr Nachbar zur Rechten. „Sagen Sie eher wie ein« Jagd... Ja, ja. wie eine Jagd... Der Angeklagte ist der Fuchs oder der Eber. Alles stürzt sich auf ihn, die Reiter, die Pikeure, die Meute, bum, bum, bum. Die Leute schreien, die Hunde bellen, das Tier ist gehetzt... Man lacht, man weint, man hat Mitleid, es ist tragisch, komisch, alles durcheinander." „Das gibt Ihnen Lust, mit dabei zu sein?" warf Herr Treib ein. Wie unter einem Strahl kalten Wassers zuckten die med- lichen Schultern zusammen. „Brrr... brrr... Wie können Sie so etwas sagen, Herr Treib? Und dann ist alles so trefflich eingerichtet... Ueberall die Soldaten in dem Saal... Wie imposant die roten Talare wirken!" Sie sah Herrn Motiers de Fraisse ein wenig erschreckt an. Er fing den Blick auf, und er schmeichelte ihm.<Äe wandte sich Herrn Perron zu und fragte mit kindlichem Ungestüm: „Weshalb haben Sie keinen roten Talar an.», Das sieht doch viel besser aus." Herr Perrron erklärte nicht ohne Zerknirschung, daß er als einfacher Richter kein Recht darauf habe. „Aber der andere... der immer so macht." Und sie bewegte ihre hübschen, bis zum Ellenbogen nackten Arme ge- nau so wie Herr Rutor, und zwar so drollig, daß alles darüber lachte. Herr Motiers de Fraisse versuchte ihr die juristische Rangordnung klarzumachen, aber sie unterbrach ihn, bevor er geendet Hatte, und rief: „Also Sie, Herr Präsident, leiten das Ganze. Nun sagen Sie, halten Sie ihn für schnldig?" Durch die schelmische Ungeniertheit außer Fassung ge- bracht, befragten sich die drei Beamten mit Blicken, was sie antworten sollten. Herr Rudrit antwortete: „Wir haben die Frage nicht zu klären, gnädige Frau, Das ist Sache der Geschworenen." „Der Geschworenen? Sind das die Herren, die aus den beiden Bänken so aufgereiht sind wie die Hühner auf einer Mauer? Aber sie tragen doch keine roten Talare. Selbst nicht einmal schwarze. Schlecht sind sie angezogen.., Sie stehen doch über ihnen." „Das dürfen Sie nicht glauben, gnädige Frau," be- richtigte Herr Perron.„Die Geschworenen sind die Herr- scher. Morgen werden Sie den Staatsanwalt und den Ver- teidigcr bis zum Ueberdruß wiederholen hören: Das Gesetz hat Sic so hochgestellt, meine Herren, daß niemand gegen Ihren Spruch appellieren kann... daß... daß... Man verfehlt nie, ihnen auf diese Weise zu schmeicheln. Ich glaube, sie sind entzückt darüber." „Uebrigens sagt man ihnen nur die Wahrheit," fügte Herr Motiers de Fraisse hinzu.„Ihr Ja oder Nein ent- scheidet die Straffälligkeit des Angeklagten. Alles ist damit gesagt." „Und Sie?" „Wir sprechen die Entscheidung aus." „Dann sind Sie es also, die ihn zu diesem oder jenem verurteilen, selbst zum Tode." „Mein Gott ja," meinte bescheiden Herr Perron. „Wie mächtig Sie sind!" „Aber, meine gnädige Frau, unsere Verkündung hängt von dem Spruch der Geschworenen ab." „Und sie sind oft von einer Nachsicht," fügte Baron Chof» fart hinzu. „Besonders, wenn es sich um hübsche Frauen handelt. Das sind dann aus Leidenschaft begangene Verbrechen. Die werden immer freigesprochen!" „Also kann es sein, daß sie diesen Lermantes frei- sprechen?" „Ich sehe nichts von Leidenschaft in seinem Prozeß, trotz der netten Rechnungen, die der Herr Präsident uns so kunsb- voll vortrug." „Hier wäre die einzige Leidenschaft, die in Frage käme, Geld. Und die wird, obgleich sie häufig vorkommt, böse auf- gefaßt." „Man betrachtet sie vielmehr als erschwerenden Umstand fügte Herr Rudrit hinzu. Die Baronin sah die drei Beamten mit erschreckten Augen an. Es waren herrliche Augen, blau wie das Meer und eben- so tief. Augen, die schnell den Ausdruck wechselten, zärtlich» leidenschaftlich, beredtsam blicken konnten, und jetzt Mitleids- voll und flehend sich auf Herrn Perron richteten. „Sie werden ihm doch nicht den Kopf abschlagen!" rief sie und faltete die Hände. Drohendes Schweigen antwortete ihr. Das nahe Bevor- stehen eines Urteils, das den Tod nach sich zieht, bewegt selbst die, welche die Gewohnheit blasiert gemacht hat, die ihp Amt mit einer UnHersoiilichkeit umgibt und sie zwingt, kaltblütig zu bleiben. Der Lohndiener vergoß einige Tropfen Chbteau Aquem neben dem Glase des Herrii Treib. Frail Motiers de Fraisse, die immer beiseite geschoben wurde und wenig sprach, stieß einen Seufzer aus. Herr Itiidrit spielte mit seinem Messer; er wünschte, um die Gemütlichkeit seines Diners nicht zu stören, daß die Unterhaltung eine andere Wendimg nähme. „Wirklich," antwortete Herr Motiers de Fraisse,„es scheint mir schwierig, daß die Geschworenen die Vorsätzlich- keit zurückweisen. Ich weiß in der Tat nicht, wo sie mildernde Umstände für ihn finden könnten. Oder daß sie Zweifel hegen und deshalb, wie manchmal, vorsichtig sein werden. Das sind elende Verdikte, deren Zusamnienhangslosigkeit genügen würde, die Einrichtungen zu kompromittieren." „Aber vor allem," ri-'s die junge Frau,„Herr Präsident, darf man ihn doch nicht zum Tode verurteilen. Niemals wird man genau wissen, ob er schuldig ist, niemand kann in seinem Herzen lesen. Und dann ist er sehr sympathisch." ,',Es gibt manche sehr sympathische Mörder," bemerkte Herr Treib. „Das sind die gefährlichsten," fügte Baron Ehoffart hinzu. Da die Männer ihr gefühllos schienen, und ihr Mitleid wohl auch nicht ernst aufnahmen, wandte sich die kleine Baro- uin jetzt an Frau Rudrit. „Liebe, gnädige Frau, Sie sind so gütig, sagen Sie doch Ihrem Mann, daß er ihn nicht zum Tode verurteilt. Das wäre zu schrecklich... Es würde mich quälen, ich würde be- dauern, hingegangen zu sein." „Das hängt nicht von meinem Manne ab," antwortete die alte Dame, mit ruhigem Lächeln.„Glücklicherweise, denn ich würde dann nicht ruhig schlafen." lLortsetzung folgt.I Das Versprechen. Von Ada N e g r i. (Berechtigte Uebertragung aus dem Italienischen.) (Schluß.) Und denuoch kam Marco unvermutet zurück. Wie er ausstieg, ätte man sehen können, daß er gemagert war, sein Gesicht war unkcl gebräunt, an den Augenwinkeln gruben sich tiefe Krähen- süße ein und zogen als bittere Sorgenfaltcn-die Wangen hinab, bis in die Mundwinkel hinein. Als vollendeter Amerikaner stieg er eines Tages bei der kleinen Station Balle Sa» Nicolai) aus dem Bicller Zuge und blickte sich nach allen Seiten um, als ob er die Gegend erst wieder erkennen müßte. Von der Türschwelle des Cafes schaute ihm ein dickes Weib gleichgültig zu. Cr schlug den schmalen Kiesweg ein, der zum Cäinpore führt, überquerte die Brücke der Strona, und verweilte einen Augenblick, um in den Strom hinabzuschauen, der sich hoch aufschäumend zwischen den Fclsbrocken des Flußbettes seinen Weg erzwang. Mehr ein undeutliches Gefühl als eine klare Einsicht sagte ihm, daß er nun wieder daheini sei. Unter dem einbrechenden Abendscheine hatte die Rovclla eine bleigrauc Färbung angenommen, die wcinbcpflanztcn Hügel auf der anderen Seite lagen noch in vollcin Sonncnglanzc, Fabriken reihten sich an Fabriken, und in der Ferne ragte, hoch erhaben über alles, die weiße Spitze des Sanct Bernhard empor, dessen Kreuz, Fra Tolcinos Meisterwerk, sich scharf gegen die Bläue des Himmels abzeichnete. Von Cämpore bis Vallc Mosso begegnete er Scharen von Werk- leuten, die von der Arbeit kamen: von den älteren erkannte ihn keiner wieder, die jungen waren ihm fremd. Nun kam er heim, wie er sichs geschworen hatte, als schwerreicher Mann, und doch fühlte er sich einsam wie damals,— einsamer als je. In New Dork, in Chicago, im Inneren Canadas hatte er sich nacheinander als Mechaniker, Ausläufer, Schreiber, Erfinder und Teilhaber an zwei- deutigen Unternehmungen durchgebracht. Kühn und verschlagen hatte er über dem Zusammenbruch dieser Unternehmungen neue Gebäude errichtet, die der Voraussicht nach wie Kartenhäuser einstürzen mutzten, und die gleichwohl wie durch ein Wunder ihr Gleichgewicht aufrecht hielten: das Endziel hatte er nie aus den Augen verloren. Mit Eigensinn und Nachgiebigkeit war er zu Werke gegangen und hatte sich durchzusetzen gewußt. Weder Wein noch üppiges Leben, weder die Weibcr»och die Politik hatten über seinen rauhen Lcbenscrnst obzusiegen vermocht. Er war eine Art Mönch im Dienste des Reichtums gewesen, um feinet- wegen hatte er von allen Mitteln Gebrauch gemacht, die außer- halb des Strafgesetzes Fallen: der Eroberung zuliebe, nicht dem Genüsse. Nannte man das Genuß? War das Geld da, so muhte man eS zählen, überwachen, in Umlauf setzen, damit es Zinsen trage und sich vermehre, wie etwa Lebendiges mußte man es behandeln, das Schaden nehmen, davonlaufen, sterben kann. Schöpfer und Sklave, Krieger und Priester seines Reichtums war er ge« Wesen,— jetzt hielt er ihn in seinen Händen, rund und sicher, ordentlich verteilt und angelegt, als herrliche Beute. Nun war er wieder daheim, zu Hause. Er wollte sich jetzt eine Fabrik kaufei»..- vielleicht, wenn es angängig war, die Spinnerei Pietro Oddos, wo er in der Jugend lange Jahre gearbeitet hatte?... er wollte sie wieder in Gang bringen, vergrößern, neue Arbeiter anwerben, die Maschinen verdoppeln, den Absatz erweitern und Geschäfte, Leute, Maschinen und Erde in seiner Herrschcrfaust vereinigen. Pietro Oddo war jetzt alt und müde. Er hatte keine männlichen Nachkominen, die das Geschäft von ihm hätten übernehmen können« Vielleicht würde er ihm die Spinnerei gern zu günstigen Bedingun- gen abtreten? An einem Sonntage, drei oder vier Tage nach Marcos Ankunft, saßen die beiden Männer in dem zu ebener Erde gelegenen Fabrik- koutor einander gegenüber und fochten mit gleichen Waffen, der «chlauheit und dem Eigensinn, ihren Wettkampf aus. Beide ver- standen sie ihr Handwerk von der Pike-auf: als Anspinner hatten sie schon mit zwölf Jahren angefangen. Beide wußten sie den Wert und die Allmacht des Geldes zu schätzen, das sie ersehnt, zusammen- gescharrt und Soldo um Soldo festgehalten hatten. Bis auf die niedrige und massige Stirn, das scharfgcmcißelte Prosil, die kalt- sinnige und hartnäckige Verschlagenheit, das Erbteil der Bicllescr Rasse, waren sie einander ähnlich wie Vater und Sohn. Ihre Unter- Haltung war denn auch ein Meisterstück, was die Feinheit, praktische Klugheit und geschäftliche Tüchtigkeit betraf. Sie wurden in der Hauptsache handelseinig; am nächsten Tage wollten sie weiter- sprechen. Wie es eigentlich gekommen war, daß Marco gerade vor dem Tore der Fabrik, die unter dem grauen Regendach eines Sonntags- abends in graue Farben getaucht war, sich Fresia gegenüber fand?.... Möglich, daß sie ihn hatte eintreten sehen, daß sie ihn draußen erwartete... Sicher, daß er in diesem Augenblicke das Gefühl hatte, daß sie für ihn bis hierher dieselbe Bedeutung gehabt hatte wie die Augen in der Stirn oder das Blut in den Adern: man denkt ihrer nicht, weil sie zu uns gehören, weil sie untrennbar eins mit uns sind. Sie boten einander einen einfachen Gruß. Sic stiegen selb- aicher das gewundene Gäßchen hinan, das zum Plätzchen Viole führt. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Frauen sahen bei der Vesper, die Männer in der Weinstube. „Ist Dir's immer gut gegangen?" fragte Marco mit halb- lauter Stimme. „Ja,— aber ich bin jetzt allein. Die Mutier ist gestorben. Du bist magerer geworden, Marco." Nicht die leiseste Anspielung auf sein jahrelanges Schweigen, auf sein Versprechen, an das er vielleicht nicht mehr dachte, nicht mehr denken wollte,— nichts von seinein Reichtum, der jetzt wie eine dunkle, schwere Scheidewand zwischen ihnen stand. War es wirklich so? Oder schien es nicht vielmehr, als ob nichts, rein gar nichts zwischen ihnen stünde— nicht einmal die Luft? Lag nicht ihr ganzes Sein klar und unverhüllt, durchsichtig vor den Augen des andern?... Wie lange hatten sie sich nicht gesehen?«.. Seit andern Tags?... Nein, seit zwanzig Jahren. Es war freilich richtig: Frefias Mund war verblüht, ihre Haut schlaff, da und dort traf man auf ein weißes Haar. Und auch das war unleugbar: Auf Marcos Gesicht und in seinem Inneren stand mit dcutliker Schrift die Scclcnvcrhärtung geschrieben, wie sie ein wildes, habsüchtiges Leben mit sich bringt. Mochte das immerhin sein: für ihn war sie das einzige Weib,— das Weib, das man wie einen alten Lappen in die Ecke werfen kann, an das man sich Jahre und Jahre nicht mehr erinnert— und das gleichwohl in ihrem Winkel harrt und schweigt und sich demütigt in Treuen und— wartet. Auch wenn er nicht heimgekehrt wäre, s i e hätte ihn erwartet. Wenn sie un- wissend und roh war— da paßte sie zu ihm, der ja auch kein anderes Wissen hatte als �as: zu verdienen. In ihren Hundcaugcn, ihrer unterwürfigen Schmeichelstimmc, ihrer demütigen Haltung besaß sie das, was er zu einer beruhigten Existenz brauchte, er der rastlos auf dem Posten, auf der Hut sein mußte— und doch kein inneres Echo in sich trug als den Widerhall klingenden Metallcs. S i e wollte nichts von ihm. Wenn er sie hier an der Straßenecke stehen gelassen hätte, ohne sich weiter um sie zu bekümmern, sie wäre ohne Murren stehen geblieben. Lange schaute er ihr ins Auge. Tie nagende Zeit hatte ihre ursprüngliche Art unversehrt gelassen und jenes unsagbare Etwas nicht zu tilgen vermocht, das einstmals das Herz des Zwanzig- jährigen gerührt und-entflammt hatte. Um dieses unwandelbaren Zeichens willen war sie für ihn unverändert dieselbe geblieben, wie das Haus für uns das gleiche bleibt, in dem wir aufwuchsen,— wie die Erde, auf der wir geboren sind. Mit vollkoinmencr Ruhe— wie jemand der den Jaden eines unterbrochenen Gespräches dort wieder aufnimmt, wo er ihn einige Minuten früher fallen gelassen,— wandte Marco die Rede an das Weib: „Ich gehe mit den: Vorsatz um, Pietro Oddos Fabrik zu kaufen. Wenn ich der Herr' bin, Fresia,— willst Du dann zu mir kommen?"... Und vollkommen gleichmütig, ohne eine Spur von Freude oder Trauer, erwiderte sie:.Ja,' ich werde zu Dir kommen." Die chenrifcbe Hiidnutzung des Lichtes* Von H. Faüenfels. Als zu Beginn des IS. Jahrhunderts durch das geniale Ge- dankensystem von D a I t o n die Chemie mit Hilfe der Atomtheorie den Ablauf der Prozesse, deren Beobachtung sie biS dorthin bc- schästigte, auch zu berechnen lernte, entwickelte sie sich binnen wenigen Jahrzehnten sprunghaft. In einer glänzenden Reihe großer Entdeckungen schuf sie die großen chemischen Industrien, in denen Deutschland die Ehrung der menschlichen Kultur an sich riß; der Steinkohlenteer, als der Universalstoff zahlloser chemischer Produkte, ohne die wir heute nicht mehr leben zu können glauben, symbolisierte so recht diese Zeit, der man prophezeite, sie werde einst das.Jahrhundert der Chemie" genannt werden. Da kam die Wendung. Der Physiker kam dem Chemiker zuvor. Die großen Tatsachen der Elektrizitätslehre: die Reihenfolge von Entdeckungen, wie elektrisches Licht, Telegraph, Telephon, Kraftübertragung, damit Hand in Hand die Herstellung und tausendfache Verwendung großer Mengen elektrischer Kraft, daran geknüpft die wunderbaren neuen Einsichten der Physik, Röntgenstrahlen und Radium, blendeten die Menschheit, die nun rasch das neue Schlagwort vom Jahr- hundert der Elektrizität und der Physik prägte. So trat die Chemie scheinbar wieder in ein bescheideneres Stadium zurück und schien das Beste, was sie zu geben verstand, bereits geleistet zu haben. In Wirklichkeit ist jedoch auch sie rastlos an Neuem tätig und bereitet soeben eine Reihe großer Umgestaltungen des WirtschastS- leben« vor. ES ist das Gebiet der P h o t o ch e m i e, der chemischen AuS- nützung des Lichtes, auf dem sie sich derzeit am erfolgreichsten be- tätigt und zu sehr bemerkenswerten Ergebnissen gelangt ist. Der Chemiker empfand es schon seit langem als einen des Kulturmenscheil unwürdigen Zustand, daß wir unter Einsetzung von so viel Menschenleben und Vergeudung von Mcnschenkraft die in der Steinkohle gespeicherte Lichtenergie aus der Erde groben und dann verschwenden, weil auch unsere besten Kesselanlagen nur einen sehr geringen Nutzungseffekt aus dem Heizmaterial herauszuholen wissen, während wir die gegenwärtig frei auf die Erde niederströmende Sonnenlichtenergie völlig ungenützt lassen. Um welchen Energievorrat es sich hierbei handelt, werden am besten einige Zahlen belegen. In einer Minute strahlt die Sonne durchschnittlich 3 Kalorien*) auf den Ouadratzentimeter Erde. Das bedeutet, da Europa und Amerika zusammen genommen nur 1100 Millionen Tonnen Steinkohle fördern, daß(täglich nur sechs Stunden Sonnenschein angenommen) schon 367ö Ouadratlilonieter Erdoberfläche dieselbe Wärmemenge von der Sonne erhalten, die wir überhaupt ans der Kohle herzustellen verniögen. Nimmt man in Betracht, daß die Wasserkräfte der Erde etwa 70 000 Millionen Tonnen Steinkohle entsprechen, so ändert dies doch an dem Gesamt- ergebnis nichts, wonach der Mensch weiß, daß auf der halbe» Million Quadratkilometer, die die Oberfläche der Erde ausniachcn, so viel nutzbare Energie jedes Jahr vorhanden ist, daß sie der ISOfachen Menge seiner Kohlenförderung entspricht. Nur kann er sie bisher nicht benützen. Diesen Zustand zu ändern unternimmt nun die Photochemie. Neben ihr und vor ihr experimentierte man schon in Aegypten und Peru niit Sonnenmotoren, die sich die Betriebsenergie durch große Glasspiegel vom Himmel herunterholen, angeblich mit gutem Erfolge. Wichtiger als diese Versuche sind aber jene, über die die chemischenZeitschriften neuerdings berichten.**) Diese Versuche bezwecken nichts anderes, als den Pflanzen ihr Kunststück der Sonnenenergie- Verwertung abzulauschen. Denn die Pflanze versteht es in der Tat, die ihr vom Himmels- licht umsonst gelieferten Gaben aus das trefflichste zu verwerten. Vom photochemischen Standpunkt ans ist sie eine vollendete Sonnen- Maschine, die einfach den Vorgang der Verbrennung umkehrt, indem sie den vorhandenen Kohlenstoff unter Befreiung von Sauerstoff in Kohlenhydrate und damit in Stoffe, die sie zu ihrer Ernährung brauchen kann, verwandelt. Für den Photochemiker handelt es sich im Prinzip um das gleiche technische Problem, nämlich die Sonnenenergie in irgend- einer nutzbaren Fornr zu binden und zu speichern. Dies ist nun in den letzten Jahren tatsächlich in verschiedenster Weise gelungen. Silber hat auf diese Weise, nur durch Benutzung des Lichtes, technisch brauchbare Stoffumwandlungen vollzogen, also durch die Sonne den Nmiveg über die Dampfmaschinen der chemischen Fabrik erspart. Noch wichtiger erscheint der Bericht der„Chemiker- Zeitung" sBd. 34) über die gelungenen Versuche von D. Berthelot, die Assimilation der Pflanzen im Prinzip mit ultravioletten Strahlen nachzumachen. Und die Versuche von C. W i n t e r und T i t l e st a d lassen auch die Möglichkeit der Herstellung von„photoelektrischen ') Kalorie— die Wärmeeinheit, d. h. die Wärmemenge, die er- sorderlich ist, um 1 Kilogramm Wasser um 1 Grad Celsius zu er- wärmen. "*) Benrath in der„Zeitschrift für Physik. Chemie", Band 74. P l o t n i k o w in derselben. Band 75, und 76. Silber in den „Berichten der Deutschen chemische» Gesellschaft", Band 43. Elementen" im großen erhoffen, in denen Sonnenenergie unmittelbar in nutzbare Elektrizität umgesetzt wird. Sind die hier angedeuteten chemischen Errungenschaften einmal erst aus dem Stadium der Laboratoriumsversuche, die jedem tech- nischen Fortschritt vorangehen müssen, herausgekommen, so wird neuerdings die Chemie die Führung im technisch-wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit an sich reißen, denn sie wird dann die billigste aller Kraftquellen in einer Weise erschlossen haben, die«ine völlige Umgestaltung der Produktionsweise ahnen läßt. Der Begriff der Fabrikstadt wird sich dann völlig ändern. Und ebenso wird die Industrie andere Orte aufsuchen, als jetzt, wo sie die Nähe der Kohlenbergwerke magisch anzieht. Die alte Wiege der Menschheit: die heißen Länder werden durch ihren Reichtum an photochemischer Energie wieder mehr zur Geltung kommen und wohl auch die Hochgebirge, in deren reiner Luft jedermann am eigenen Leib die wunderbare photocheniische Energie der Höhe ermessen kann. (Am besten weiß dies der Hochgebirgsphotograph.) Man wird sich im kommenden„Jahrhundert der Photochemie" — wenn eine solche Utopie erlaubt ist— Europa wohl ganz ver- ändert vorstellen müssen. Verschwunden sind die Rauchschwaden über den Städten mit ihrem Heer von Krankheiten; es gibt keine Industriezentren um die Bergwerke und die Knotenpunkte der die Kohle verfrachtenden Bahnlinien mehr, denn die mit„Lichtkraft" be- dienten Fabriken der Zukunft beziehen überall unmittelbar ihren „Heizstoff" vom Himmel. Die einsamen Bergesgipfel sind von ge- schäsliger Industrie bevölkert, just die einst menschenleeren und gemiedenen Einöden erleben nun den neue» Aufschwung. Das Flachland wird, so weit nicht die„weiße Kohle" der Wasserkraft- auSnutzuug auch in ihm JndustrieunterneHmungen rentabel macht, einen vorher nicht gekannten Aufschwung deS Pflanzenbaues erleben, da die neuere Photochemie mit Recht darauf hinweist, daß diese „lebenden Sonnenmaschinen" für immer die billigste Art der Licht- auSnntzung darstellen werden. Die photochemischen Fabriken würden einen Teil der Arbeits- kräite freimachen und dadurch iveite Volksschichten aus den trau- rigen, einseitigen und ungesunden Verhältnissen der Gegenwart in eine natürlichere Lebensweise, in mehr Berühruiig mit der Natur bringen. So hätten wir denn alle Ursache, diese von der Photocheniie in aller Stille vorbereitete Wandlung der Dinge herbeizusehnen. Sommermusikanten in der l�atur. Zu Johanni pflegen die Frühlingslieder der befiederten Sänger zu verstummen, und an ihrer Stelle erheben die sechsbeinigen Musikanten in Flur und Feld ivährend der heißen Sommennonate ein seltsames Konzert: daö singt, summt, brummt, zirpt und schrillt, und nicht mit Unrecht pflegen die Dichter die Stimmen der Insekten als„Geigen" zu bezeichnen.„Fritz Heuschreck spielt schrippdedelit auf seinem Violinchen"— heißt es beispielsweise bei Meister Wilhelm Busch, und die Droste singt:„Die Grille dreht geschwind die Beinchen um. Streicht an des TaneS Kolophonium. Und spielt so schäferlich die Liebesgeige." Freilich, der Vergleich mit der Geige hat nur insofern Berechtigung, als die Dichter die Technik des JnscktcnkonzerteS im Äuge haben, denn mit dem Klange der Geige ist durchaus keine Aehnlichkcit vorhanden. Dem Jnsektenkonzert haben schon die Alten Geschmack abgewonnen. Homer vergleicht einmal in der Jlias die redenden Helden mit sin- genden Zikaden, Virgil dagegen erklärt die Zikaden, die ihm„Wald und Hain vergällen", für langweilig, und diese Ansicht findet, sich bei Goethe wieder, bei dem die langbeinige Zikade„gleich im GraS ihr altes Liedchen singt". Wie mache» es nun die Insekten, wenn sie„geigen"? Der alte Streit um diese Frage kann heute in den meisten Fällen als entschieden gelten, und imGrunde genommen sind die Beobachtungen, die Aristoteles in seiner Naturgeschicht der Tiere niedergelegt hat. zienilich richtig. Die Feldheuschrccken erzengen seiner Ansicht nach das zirpende Ge- räusch, indem sie mit den Springfüßen reiben. Die Heuschrecke, tvohl der bekannteste unserer sechsbeinigen Musikanten, reibt tat- sächlich beim Zirpen die Schenkel an den Flügeldecken. An der Innenseite des Schenkels liegt der Fiedelboden, eine Schrillader mit elastischen Zähnchen von außerordentlicher Kleinheit; nach Landois' Untersuchungen haben die Zähnchen nur eine Länge von 0,046 Milli- mcter. Die„Saiten" der Henschreckcngeige liegen an den Flügel- decken. Auf der scharfen, erhabenen Kante einer Ader der Flügeldecke streicht die Heuschrecke; die ganze Flügeldecke wirkt als Resonanz- boden, und daraus erklärt sich der in Anbetracht der Kleinheit des Tieres starke Ton. Bei der Feld grille, die zu unseren ge- räuschvollsten Insekten gehört, geht das Geigen nach der gleichen Methode vor sich, und es sind nur die Teile der Geige etwas anders angeordnet; sie benutzt nämlich nicht Beine und' Flügel, sondern die Flügel allein und reibt mit der Schrillader einer Flügeldecke ans einer Leiste der anderen. Man kann bei der Feldheuschrccke wie bei der Feldgrille an getöteten Tieren das Geigen selbst hervorruscn, indem man die Schrilladern richtig über die schrilleisten hinwegstrcichen läßt, und wenn man bei der Feldgrille den Flügel allmählich durch Abschneiden verkleinert, kann man die Tonhöhe verändern. UebrigenS ist bei der Feld- grille das Musikinstrument etwas verwickelter gebaut, als bei der Feldheuschrecke. Die Hausgrille, da».Heimchen", hat eine Geige wie die der Feldgrille, doch ist ihr Ton höher und schwächer. Auffällig kurz ist bei all diesen Tieren die Dauer de» einzelnen Tones. So schrillt ein einziges Heimchen etwa LOOmal in der Mnute, und das menschliche Ohr hört deswegen einen fast gleichmäßigen Ton. Während die bisher angeführten Insekten je zwei Geigen haben, ist bei dem großen grünen Grashüpfer nur ein Musikinstrument vorhanden. Bei ihm ist eS auch keine Geige, sondern eher ein tamburinartiges Musikinstrument. Auf der rechten Flügeldecke liegt der dreieckige„Spiegel", eine feine, durch- sichtige Haut, zwischen Chitinleisten, und dieser Spiegel ist der Tom- burin, der durch eine Schrilleiste an der Unterleiste der linken Flügeldecke zum Ertönen gebracht wird. Der Spiegel ist zwar auch auf dem linken Flügel vorhanden, und die nähere Untersuchung zeigt, daß diese Musikinstrumente verkümmert find; tatsächlich kann der grüne Grashüpfer mit ihnen keine Töne �erzeugen. Die Weibchen des grünen Grashüpfers haben überhaupt keine Musikinstrumente. Merkwürdig wenig beachtet werden ge- wöbnlich die Zikaden, von denen in Deutschland mehreren Arten heimisch sind als Jnftrumentalmusiker. So klein die Zikade ist, ihr Zirpen ist erstaunlich stark, weil beinahe der ganze Hinterleib als Resonanzboden wirkt; die Tierchen musizieren dazu gleichzeitig � zu Hunderten und Tausenden, alle Männchen haben die gleiche Tonhöhe, und so kann das Masienkonzert geradezu ohrenbetäubend werden. Die Zikaden haben übrigens keine Geigen, die durch Schrilleisten Töne erzeuge», sondern bei ihrem Musizieren werden wahrscheinlich Stimmbänder der Schrillstigmen durch Muskelzusammenziehung in Schwingungen versetzt. Liemes feuitteron. Schwarze LiebeSschwänke. In einer eben erschienenen Samm- lung von afrikanischen Eingeborenenerzählungen, die Leo F r o- b e n i u s unter dem Titel„Schwarze Seelen" herausgegeben hat, wird auch das Liebesleben der Neger in einer Anzahl von Schwänken, wie sie der natürliche Witz des Volke? ersinnt und er- zählt, veranschaulicht. Diese urwüchsig kräftigen Geschichten unter- scheiden sich sehr vorteilhaft von den erotischen Zoten, wie sie die Gelehrten der Volkskunde aus dem Munde christlicher Völker aufge- zeichnet haben. Wer z. B. derartige Sammlungen südslawischer und auch gewisser deutscher Stämme kennt, wer die rohe, grinsende Unfläterci dieser wüsten, verderbten Phantastik schaudernd betrachtet hat, der kann sich behaglich an dem erotischen Witz und der fröhlichen Unbefangenheit der Neger erfreuen. Sie spielen mit diesen Mensch- lichkerten so lustig Harn, los wie etwa die alten Griechen. Ihr Ge- fühlsleben ist nicht zerrissen und befleckt durch die Aufdrängung einer fremden Asketik und durch Sündenvorstellungen, die das Na- türliche als unrein verschreit und dadurch zugleich verzerrt. Sie ver- bergen nichts, sie umschreiben nichts, sie verheucheln nichts. Das selbstverständliche Eigenrecht des Naturtriebs wird dadurch fröhlich und eindringlich gezeichnet, daß man die Körperteile, die in einer der Erzählung hübsch und einfach„Unterschied" genannt werden, ein von den Menschen ganz losgelöstes Sonderdasein führen läßt; damit können sie ihrem eigentlichen Berufe um so freier und ohne Umschweife nachgehen. Geschlechtsneid— in der abendländischen Kultur teils Eifersucht, teils Sittlichkeit genannt— ist ihnen unbekannt. Sie gönnen einander alles Gute. Da ist z. B. der Ehe- mann einer unmäßig verliebten Frau. Sie schließt jeden Mann in die Arme, den sie nur erwischen kann. Dem Gatten ist das un- bequem; aber nicht etwa deshalb, weil er den Nebenbuhlern den Besitz des feurigen Weibes neidet. Im Gegenteil; die Liebeleien Kner Frau sind ihm deshalb unbequem, weil sie jedesmal, wenn von einem Abenteuer mit einem anderen heimkommt, um so zärtlicher auch für ihren Mann entbrennt. Wie dann die Frau ge- heilt wird und der Mann zur Ruhe kommt, wird in der lebhaften Geschichte höchst drollig berichtet. Wie fein und anmutig dieser erotische Witz zu spielen vermag, dafür eine Probe. Es ist die Geschichte vom verhaßten Mund. Der Mund, der König des Körpers, stirbt, aber niemand von den anderen Gliedern will ihn begraben. Sie sprechen zum Auge:„Begrabe den Mund!" Das Auge sagt:„Nein, ich begrabe ihn nicht." Die andern sagen:„Weshalb willst du ihn nicht begraben?" Das Auge sagt:„Wenn ich auf dem Wege zuerst etwas gesehen habe, hat der Mund nicht gewartet, bis ich sagte: Ich will es mitnehmen. Er hat da? immer zuerst gesagt. Ich zürne dem Mund." Ebenso weigerte sich die Nase:„Wenn ich krank war und jemand fragte mich: Wie geht es dir? so antwortete der Mund immer: Ich bin gesund. Der Mund ließ mich nie reden." Das Ohr begründet seinen Zorn; es laufe überall umher und höre alles, aber bevor es noch sage, waS seine Sache ist. sage der Mund, er habe gehört. Auch der Kopf lehnt ab. Er muh vom Morgen bis zum Abend alle tragen; wenn man ihn aber dann fragt, ob er müde sei, sage der Mund: Ich bin müde. So maßt sich der Mund auch die Arbeit der Hand und deS Beines an. Schließlich aber erklärt sicb einer bereit, der einzige Freund der Mundes, der—„Unterschied"; und er begründet seine Freund- schaft so:„Wenn das Auge eine schöne Frau gesehen, sagte der Mund: Komm diese Nacht zu mir. Er redete der Frau zu. bis sie in unser HauS kam. Er verrichtete also alle Arbeit allein und ließ mir nachher das Spiel." Meteorologisches» Allerlei vom Gewitter. Wenn auch der vielfache Aberglauben, der mit der imposanten Erscheinung des Gewitters verbunden ist, allmählich weicht, so tritt doch nicht so leicht positives Wissen an seine Stelle. Und doch gibt es, abgesehen von der genauen natur- wissenschaftlichen Erkenntnis des Phänomens, sehr exakte statistische Daten darüber. Wir wissen, daß Berlin durchschnittlich im Jahre 17, Stuttgart 21, München 22 Gewitter hat, und daß der gewitterreichste Regierungsbezirk Preußens Düsseldorf ist. Mit dem Jura freilich kann er sich nicht messen, dort zählt man etwa IM Gewitter im Jahr. Wer an die Ostsee geht, wird wenig Gewitter erleben, in der oberrheinischen Tiefebene desto mehr. In Italien ziehen die Gewitter mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34,1 Kilometer heran, in Süddeutschland mit 41,1 Kilometer, überhaupt kommen bei unS Gewitter aus Südwesten am raschesten, aus Osten am langsamsten. Bekanntlich bemißt sich die Entfernung eines Gewitters nach der Zeit, die zwischen Blitz und Donner ver- geht, und kann auf rund 1000 Fuß für die Sekunde angesetzt werden. Die längste, bekannte Zwischenzeit zwischen Blitz und Donner stellte d'Abbadie mit S2 Sekunden fest. Das längste, bekannte Donner- rollen dauerte 22,4 Sekunden. Der Schaden, den der Blitz anrichtet, ist trotz der vorhandenen Blitzableiter noch beträchtlich. Er beträgt für Deutschland etwa 12 Millionen Mark jährlich, von denen 4 Prozent auf die Städte, SS Prozent auf daS platte Land fallen. Die DurchschnittSziffer der Getöteten beläuft sich in Preußen auf 103, die der Getroffenen auf III. Der Blitz geht bekanntlich feine eigenen Wege. Die Mutter eines berühmten florentinischen SrzteS wurde getroffen, als sie ihn als einjähriges Kind auf dem Arme trug. Sie starb, das Kind wurde gar nicht verletzt. Sehr merkwürdig ist, daß die drei„Gleichen" Burgen in Thüringe», die auf drei verschiedenen Bergen liegen, in einer und derselben Nacht infolge Blitzstrahls abbrannten. Die Furcht vor dem Blitz ist bei den Menschen verschieden und äußert sich oft auf die seltsamste Weise. WaS Reuter von Dörchläuchting erzähst, ist bekannt, weniger, daß die Marquise von Montespan beim Beginn eines Gewitters stets ein Kind auf den Schoß nahin und sich durch seine Unschuld geschützt glaubte. Technisches. Die größte Talsperre Europas ist zurzeit die Möhnetalsperre in Westfalen. Schon vor Jahren stellte sich heraus, daß die Waffersührung des RuhrtaleS in trockener Zeit den gewaltigen Anforderungen der Grundwafferwerke(gegenwärtig find 330 Millionen Kubikmeter Wasier im Jahre nötig) nicht mehr ge- wachsen ist; die beteiligten Wasierwerke und Triebwerksbesitzer schloffen sich daher ISSS zu dem Ruhrtalsperrenverein zusammen. Mit dessen Mitwirkung wurden bald mehrere größere Talsperren erbaut, von denen die Möhnetalsperrung mit ihrem 130 Millionen Kubik- meter fassenden Staubecken zurzeit die größte Talsperre Europas ist. In kurzer Zeit wird sie jedoch von der im Bau begriffenen Edertalsperre noch um etwa 100 Millionen Kubikmeter übertroffen werden. Die jährliche Abflußmenge der Möhnetalsperre beträgt etwa 2S0 Millionen Kubikmeter, also nahezu das Doppelte wie der zur Verfügung stehende Stauramn. Nach Inbetriebnahme dieser Talsperre wird wohl selbst ein so trockener Sommer wie der im Jahre 1S11 keinen Wassermangel mehr ver- Ursachen können. Die beiden oberen Ausläufer der Sperre wurden durch besondere Staudämme abgesperrt, und es wurden gewaltige Tondämme mit großen Schleusen angelegt. Die Dämme und ebenso die Sperrmauern dienen gleichzeitig zur Ueberführung einer Straße. Im Gebiete der Staubecken mußten, wie die„Zeitschrift für angewandte Chemie' berichtet, etwa 700 Personen ihre Wohnstätten verlaffen, die sich zumeist wieder in der Nähe angefiedest haben. Die große Sperrmauer befitzt bei einer Länge von S40 Meter und einer größten Höhe von 40 Meter einen Rauminhalt von etwa 270000 Kubikmeter; der Masse de« Mauerwerks nach ist sie daS größte Bauwerk Europa». Zu ihrer Fimdierung war die Anlage einer gewaltigen Baugrube erforderlich, und zur Herbeischaffnng des Steinmaterials, Grauwacke, wurde eine besondere Bahnlinie von den Steinbrüchen bei Neheim und Hüsten durch das untere Möhnetal angelegt. Durch großzügige HilfSanlagcn, wie zum Beispiel durch eine umfangreiche MörtelbcreitungSanlage für eme Tagesleistung von 1000 Kubikmeter Mauerwerk gelang eS, beim Bau Rekordziffern zu erzielen. So wurden z. B. wiederholt 1100 bis 1200 Kubikmeter Mauerwerk an einem Tage aufgebracht. Die Gesamtkosten beWagen bei einer Staufläche von mehr als 1000 Hektar (--- 10 Quadratkilometer) 21 Millionen Mark, wovon auf Grund- ertverb 8 Millionen und auf die Sperrmauer 7 Millionen Mark entfallen. Außer zur Wafferversorgung dient die Talsperre auch zur Gewinnung do» elektrischem Strom, da bei gefülltem Becken ein Gefälle von etwa 40 Meter vorhanden ist. Man rechnet mit einer verfügbaren Kraft von etwa 2100 Pferdestärken. Die Ausnutzung des Swomes wird dem eigenS hierzu gegründeten Berbands- elektrizitätßwerk zu Bochum überlassen.__ Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagScmstalt Paul SHnger&Co., Berlin ZIV.