Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 12S. DiettStag, den 1. Juli 1913 gq Das entfesselte Sckicksal. Roman von Edouard Rod. 18. K a p i t e l. Frau d'Entraque hatte Lennantes seit dem Vorabend seiner Verhaftung nicht wieder gesehen. An jenem Tage war er gegen Abend zu der gewohnten Stunde gekommen, in der sie ihn wie immer in ihrem kleinen traulichen Salon erwartete. Der Besuch war kurz gewesen. Er sagte, daß er einige Tage nicht kommen würde, weil er sich überwacht fühlte und er sie nicht in seine Angelegenheiten hin- einziehen wollle. Als er aufstand, um fortzugehen,, versuchte sie ihn an sich zu ziehen. Sanft machte er sich frei: eine Zärtlichkeit oder ein Kuß- hätten seinen Willen, den er aufbot, um Herr seiner selbst zu bleiben, vielleicht gebrochen. „Man wird mich möglicherweise verhaften," sagte er, „aber laß Dich dadurch nicht niederdrücken. Bleibe ruhig und bewahre mir Dein Vertrauen. Man wird mir niemals bs- weisen können, daß es sich um etwas anderes als ein lln- glück gehandelt hat, weil es nichts anderes gewesen ist. Aber die Niedrigkeit meiner Feinde und Neider werden eine Stunde des Triumphes feiern. Denke, was der Haß für Hallo schlagen wird. Aber ich möchte wenigstens Dich in Sicherheit wissen. Du darfst und sollst nicht hineingemischt werden.. Bis auf das kleinste Billett habe ich alle Deine Briefe ver brannt... Mache es mit den meinen ebenso... Warte nicht damit, ich bitte Dich... Tue es gleich, heute besser noch als morgen." Sie versprach es. Er forderte noch, daß, wenn auch das Schlimmste käme, sie niemals ihr Liebesverhältnis enthüllen sollte. Sie warf ein, daß sie ihn doch in seiner Verzweiflung nicht verlassen und verleugnen dürfe. Aber er flehte sie an, sich so zu benehmen, als ob sie ihn nie geliebt hätte. „Mein größter Trost ist, daß Du in meine Katastrophe nicht hineingezogen wirst." Als sie sich noch dagegen wehrte, gelang es ihm, sie zu überzeugen, daß alles, was sie tun würde, ihm nur schaden könne, und ihr Untergang den seinen nach sich zöge. Endlich gab sie nach, und er ging mit ihrem Versprechen fort. Sie erinnerte sich, als unten das Haustor für ihn aufgeschlossen wurde, gehört zu haben, daß es von einer nahen Uhr sechs schlug. Ihr Mann kam nicht zum Diner nach Hause, und sie nahm an, daß er spät heimkehren würde, wie gewöhnlich, wenn er den Abend außerhalb verbrachte, und sie wollte ihre Einsamkeit benutzen, um ihr Versprecherl auszuführen. Die Briefe lagen in einer Schublade ihres Schreibtisches. Sie leerte den Kasten auf einen Leuchtertisch vor dem Kamin aus und machte ein ziemlich dickes Paket aus den Briefen. Ler- nrantes war kein eifriger Schreiber, aber seine große Schrift füllte schnell Seite um Seite des dicken bläulichen Papiers. Die meisten seiner Briefe waren kurz heruntergeschrieben. Aber es waren auch längere dabei, wenn er auf Reisen ivar und mehr Muße gehabt hatte. In dem Salon eines Steamers, in einem Hotel oder Klub in Rio de Janeiro oder Montevideo hatte er lange Epistel verfaßt, die von Zärtlich- keit vibrierten. Juliette las einen Brief nach dem andern, und merkte nicht, wie die Stunden dahinschwanden. Das Glück und die Angst der Vergangenheit erstand wieder vor ihr. Die lange unruhige Erwartung, die fieberhafte Freude, wenn sie das Kuvert erkannte, die Erregung der Momente, die dem Wiedersehen vorausgingen, die Verzweiflung nach der Abreise. Der scfjivarze Aschenhaufen wurde immer größer. Manchinal ließ der Schmerz die arme Frau laut aufschluchzen. Das Grauen der gegenwärtigen Stunde, die Gefahr, die über dem Geliebten schwebte, die ihn in noch undurchdringlicher Zukunft umlauerte, alles das gab der Vernichtung der bläulichen Blätter einen feierlichen Anstrich. Sie küßte die Briefe*:iden- schaftlich, zerriß sie langsam, als ob das Knittern des Papiers ihr noch einen Teil von dem wiedergeben könne, was nicht mehr war, und warf sie auf ihren Scheiterhaufen, wo sie sich wie Fetzen lebenden Fleisches kriimmten. Eine entsetzliche Ahnung zog ihr das Herz zusamnien: in dieser Ztarich- und Schreckcnswolke starb ihre Liebe dahin. Nie würde die Zu- kunft das zerrissene Band wieder knüpfen, nie würde sie den wiedersehen, dessen Hand diese Linien geschrieben hatten, die jetzt von den Flammen vernichtet wurden... Die Tür öffnete sich brüsk. Wie ein Windstoß kam Herr d'Entraque herein, durch irgendwelche Neuigkeit aufgebracht. Schon auf der Schwelle begann er: „Du wirst nicht raten, was ich eben erfahren habe: man sagte bei..." Er brach ab, der Geruch verbrannten Papiers stieg ihm in die Kehle, erstaunt stand er vor seiner weinenden, ver» störten Frau. „Was inachst Du da...? Verbrennst Du Briefe.. Voller Entsetzen wollte sie den Rest des Bündels in die Flammen werfen. Aber er stürzte auf sie zu, ergriff sie bei einem Arm, sie siel gegen einen Sessel, und alles, was von den Briefen noch übrig war, ergriff jetzt ihr Mann. Sofort hatte er Lermantes' Schrift erkannt. Laut las er einige Worte, Liebesworte, und seine erstickte Stimme änderte ihren Sinn. Er wandte sich mit erhobenen Fäusten gegen seine Frau. Aber er schlug sie nicht, er beherrschte seinen Zorn. Keuchend, das Gesicht mit Schweiß bedeckt, blieb er vor ihr stehen und sagte er mit vor Erregung fast pfeifender Stimme: „Du und ich— wir rechnen später ab. Erst kommt er heran!" Er sammelte die Briefe von der Erde auf, durchflog sie, nahm sie mit sich, ohne daß sie nur eine Betvegung machte, ihn zurückzuhalten. Am Tage darauf wurde in den Abendblättern Lermantes'' Verhaftung angezeigt. Eine Zeitung fügte hinzu:„Nach einer neuen Aussage d'Entraques, dessen Zunge sich endlich gelöst hat." Von dem Moment ab erfuhr Julie nichts mehr von dem Unglücklichen, nur das, was sie voller Verzweiflung in den Zeitungen las und zu ihrer höchsten Qual um sich herum er- zählen hörte von Leuten, die in den Tag hineinreden und jedes Geheimnis vor aller Ohren verkünden. Wie immer mußte sie sich in das Leben mischen, von dem er ausgeschlossen war, Leute treffen, die ihn gekannt hatten, seinen Namen von gleichgültigen oder haßerfüllten Mündern sprechen hören, die ihn mit Schande und Spott überhäuften. Keine Stütze konnte sie für ihn anrufen, um keinen Rat durfte sie für ihn betteln. Sic sah ihren eisigen, korrekten Mann triumphieren, und die wenigen Worte, mit denen er ihr Leid verhöhnte, waren die .Tropfen eines ätzenden Mittels, das eine Wunde immer iveiter aufreißt. Wie eine gefesselte Sklavin mußte sie dem dunklen Schicksal entgegengehen, dem er sie mit brutaler Ge- schicklichkeit entgegenstieß. Sie zermarterte sich das Hirn, was der Freund von diesem Schweigen denken wiirde, das er ihr auferlegt hatte, ohne vorauszusehen, woher die Belastung kam, ivelche ihn vernichtete. Zehnmal wollte sie schon zum Untersuchungsrichter nach Versailles eilen, um die verwickelte Lösung zu entwirren. Ihr Schwur hinderte sie; noch mehr die Angst, die ihr Lermantes eingeflößt hatte, sich als unwissende Frau in den Prozeß zu mischen und die Gefahr noch zu ver- größern. Vielleicht hielt sie auch ei» schwacher Hoffnungs- schimmer davon zurück. Konnte ein Wort, eine unkluge Bewegung d'Entraques nicht das fürchterliche Liigengerüst zu- sammenstürzen lassen, oder wiirde es nicht etwa wie eine Sand- bürg, che sie noch vollendet war, unter ihrer eigenen Last niedcrbrcchen? Diskutierte man über den Prozeß, hörte sie von„Ucbcrraschuugen in der Sitzung", vom„großen Tag der Verkßzndluiig", der„Kraft der Wahrheit",— dann erwartete sie wohl eine Rettung. Selbst in dem Augenblick, da Brsvine d'Entraque scharf aufs Korn nahm, dachte sie, daß endlich Klarheit den Prozeß erleuchten würde. Aber nein, die Nacht verdichtete ihn immer mehr. Die Liijje wickelte mit ihren Schatten ein immer dunkleres Geheimnis ein: ihr Mann, der kaltblütig seine Rache verfolgt hatte, schien sich daran zu er- götzenl Durch ivelche verzweifelte Anstrengung sollte sie ver- suchen, sie ihm zu entreißen? Ein Geräusch aus dem Nebenzimmer ließ sie erzittern: Ihr Henker kam nach Hause, er hatre bei der Verhandlung die Phasen ihrer immer größer werdenden Qual beobachtet. Jetzt kehrte er von seinem Tagewerk befriedigt heim und er- freute sich seines Verbrechens so. wie ein anderer einer guten Tat. Er kleidete sich um. Lange hörte sie ihn hin und her. gehen. Weshalb half ihm Jean, fein Diener, nicht?... Uebrigens ließ er sich so lange Zeit, wie ein Mann, der es nicht eilig hat. Sie hörte ihn in der Schüssel plätschern, der Seifengeruch drang dtfrch die Tür... Wo ging er hin?... Zweiffellos wie jeden Abend zu Bekannten oder in seinen Klub, um seine Energie loben zu hören.»Ohne Sie wäre dieser Schuft frei, glücklich, reich, geachtet. Ihnen verdankt nian die Entdeckung der Wahrheit!" O die schreckliche Lüge all unseres Tuns, der falsche Schein, der uns umhüllt und uns in seinem Netz erstickt... Lermantes wurde durch ihn ein gefährlicher Mörder, ein Scheusal von Perfidie und Un- dankbarkeit; d'Entraque der Kämpfer der Gerechtigkeit, der Verteidiger der Gesellschaft!... Trotz seiner Langsamkeit mußte er jetzt fertig sein:«r würde ausgehen, vielleicht sah sie ihn nicht vor morgen in Versailles wieder, und dann war es zu spät, einen letzten Versuch zu wagen... Ohne vorher einen Entschluß gefaßt zu haben, trat sie plötzlich in sein Zimmer. Er hatte gerade seinen Rock angezogen und sah noch ein- mal, ob alles in seiner Toilette in Ordnung wäre. Er stand vor einem großen Spicgelschrank, der vollständig sein Bild zurückgab. Ohne seine Frau zu erblicken, erriet er ihre An- Wesenheit. Sie stand auf der Schwelle und rief ihm zu: .Du wirst diesen Unschuldigen nicht verurteilen lassen I" Er antwortete nichts. Er knüpfte seine Krawatte fester und schien durch diese Beschäftignng vollständig in Anspruch genommen. „Denn Du weißt, daß er unschuldig ist!... Du weißt es am genauesten und Du verdächtigst ihn! Schlägt Dein Gewissen nicht?... Hast Tu nicht einen Funken von Groß- mut?..." Immer noch stumm, nahm d'Entraque seine Uhr, die er auf den Kamin gelegt hatte und befestigte die Kette an seiner weißen Weste. Gewissen?... Großmut?... Kannte er überhaupt diese Worte und ihren Sinn?... Sie änderte den Ton: „Nimm Dich in acht. Er ist für seine Verteidigung ge- wappnet. Er braucht nur zu sagen, weshalb Tu ihn vcr- folgst..." Jetzt sah er sie flüchtig an und antwortete: „Er hat bis jetzt nicht gesprochen und wird auch weiter nichts sagen. O, Tu hast einen sehr verschwiegenen Liebhaber gewählt I..." lFor'.sehung folgt.j Die leeren Stuben» -Kon Carl Ewald.«Deutsch von H. Kiy.) Der Kapitän mutzte eine weite Fahrt antreten, und diesmal wollte er seine Frau und sein Söhnchcn mitnehmen. Alles war gepackt und an Bord gebracht; der Junge satz bereits im Wagen, und Stin« stand weinend an der Haustür. „Wie lange bleiben wir fort?" fragte der kleine Junge. „Ein halbes Jahr," erwiderte sein Vater. „Wer bewohnt den» in der ganzen Zeit unsere Stuben?" „Na, niemand, Du dummer Pctcr. Die stehen eben leer, bis wir zurückkommen!" Dann setzten sich der Kapitän und seine Frau in den Wagen. Der Wagen fuhr zum Schiff, das Schiff glitt aus dem Hafen, und Stine ging zu ihren Verwandten. In der Wohnung des Kapitäns war eines der Fenster am Sturmhaken befestigt, und als der Wage» davongrollt war, flog eine Fliege durch den Spalt ins Zimmer hinein. Sic flog an die Decke hinauf und setzte sich dort zu den an- deren Fliegen. Aber kaum hatte sie sich niedergelassen, so plumpste sie auf den Tisch hinab und lag da auf dem Rücken, zappelte mit ihren sechs Beinen und konnte sich nicht halten vor Lachen. „Was ist denn eigentlich so spatzhaft?" fragten die anderen Fliegen. «»ic lachte aber immer weiter und konnte vor Fröhlichkeit kein Wort hervorbringen. Da setzten sich die Fliegen rings um sie herum und bctrach- »tetcn sie. Der Ohrwurm breitete seine Flügel aus— das tut der Ohrwurm nur, wenn etwas sehr Mcrklvürdiges geschieht— und flog auf den Tisch, wo die Fliege lag. Der Floh sprang mit einem einzigen Satz hinaus und starrte die Fliege mit recht gierigen Augen an. „Sie hat den Verstand verloren!" erklärte der Ohrwurm. „Eine Fliege verliert nie den Verstand," sagten die anderen Fliegen gekränkt. „Sie kann ihn nicht verlieren, weil sie keinen hat," warf der Floh ein. „Vielleicht ist sie krank?" sagte die Motte; die aus der Gardine hervortanzte. „Hi hi hil" Die sonderbare Fliege lachte immer»och. Nun kam die Schmeißfliege summend aus der Küche hcrbeigeflogcn. „Willst Du wohl wieder zu Dir kommen und reden!" schalt sie und flog um die Lachende herum. Da gewann diese ihre Fassung wieder,«ie sprang auf und stand wieder auf ihren Beinen und wischte sich die Augen. Aber noch immer gluckste es in ihr. lind sie erzählte:„Ich mutzte nur über diese Menschen so lachen... als sie abreisten... Ihr wißt, die Leute, die hier wohnen! Ich satz nämlich in der Droschke auf der Nase des Kapitäns. Und da sagte er... hi hi hi!... er sagte, wenn sie jetzt abreisten ... hi hi hi!... dann wären die Stuben ganz leer... hi hi hil" Der Floh sprang dreimal halb bis zur Decke hinaus und kicherte, der Ohrwurm lachte, die Fliegen lachten, die Motte lächelte — sie mutzte sich in acht nehmen, daß der Staub nicht von ihren Flügeln fiel; aber die Schmeitzflie�e lachte, daß die Luft bebte. „Ja, diese Menschen! Sind sie nicht spatzig!" rief die Fliege. „Hier wohnt nun eine Menge strebsamer, achtbarer Familien, die Tür an Tür mit ihnen leben tagaus, tagein, und sie denken gar nicht an uns. Ich darf wohl sagen in dem ganze» Hause ist fein Winkel und keine Futzbodenritze die unbewohnt wäre, und dann heißt es sobald die Menschen selber mal eine kleine Reise unter- nehmen, sofort: Das Haus ist leer!" Und wieder lachten alle, mit Ausnahme der Motte. „Das ist alles recht gut und schön I" sagte diese.„Aber die Menschen sind nicht bloß lächerlich, sie sind..." „Das ist eine ewige Wahrheit," unterbrach sie der Ohrwurm. „Nicht bloß lächerlich!" „Hört! Hört!" riefen die Fliegen im Chore. „Auch ich habe mich über etwas zu beklagen," sagte die Schmeiß- fliege. „Wollen wir uns einmal darüber aussprechen?" fragte die Motte. „Mir soll's recht sein!" sagte der Floh.„Aber dann müssen wir's auf der Stelle tun, denn sie kommen gewiß bald zurück." „In einem halben Jahre erst," verkündet« die Fliege.„Ich habe es dem Kapitän sagen hören." „Aul" rief der Floh.„Das ist schlimm für mich. Tann muß ich inich iür diese Zeit nach einem LogiS bei einem Hund umtun. schade, schade! Der kleine Bub hatte so schönes, süßes Blut. Und Stine war auch nicht zu verachten!" „Jetzt in der Helligkeit kann ich nichts sagen," erklärte die Motte.„Wollen wir uns nicht heut abend wieder treffen?" „Das ist auch meine Ansicht," sagte der Ohrwurm. „Es eilt ja nicht," meinte die Schmeißfliege.„Diese Woche haben wir alle mit dem Eierlegen zu tun, denke ich. Heute in acht Tagen in der Dämmerung wollen wir zusammenkommen. Ich schlage als Versammlungsort die Küche vor." „Wir wollen hier zusammenkommen," sagte ein feines, hüb- sches Stimmchen, das sich bisher noch nicht hatte vernehmen lasse». „Wer spricht da?" fragte die Schmeißfliege. „Das Heimchen," war die Antwort.„Ich schlage vor, daß wir uns hier treffen, weil ich so gemütlich in meiner Spalt« am Ofen sitze." „Komm hervor, daß man Dich zu sehen kriegt!" sagte der Floh. „Ich komme niemals hervor!" erwiderte das Heimchen.„Ich fühle mich hier in meiner Ritze sehr wohl. Ich höre Euch, und Ihr hört mich, und das genügt!" „Gut," sagte die Schmeißfliege.„Tann treffen wir uns also hier in acht Tagen!" „Es werden sich noch mehr einfinden," meint« das Heimchen. „Wer denn?" fragte die schmeitzfliege.„Ich dachte, wir wären jetzt alle beisammen." „Nein," erklärte das Heimchen.„Das heitzt, zur Stelle sind alle. Aber Ihr könnt eben nicht alle sehen. Da ist die Totenuhr und der Zuckcrgast und der Dieb. Und außerdem»och eine sehr merkwürdige Person, von der ich nichts weiter weiß, aber die ich des Nachts ganz deutlich in dem kleinen neucn Tisch aus Tannen-- holz gehört habe." „Ich kenne die Leute nicht," sagte die Schmeißfliege.„Sind's anständige Wesen? Brave Gewerbetreibende wie wir? Genießen sie Bürgerrecht hier im Hause?" „Gewiß!,, erwidert« das Heimchen.„Ich kenne sie alle und bürge für sie, mit Ausnahme der geheimnisvollen Person. Darüber müssen wir uns erst noch klar werden, wes Geistes Kind die ist." „schön!" sagte die Schmeißflicge.„Dann ist die Sache also in Ordnung und die Versammlung wird stattfinden. Ich bin natür- lich ihr Leiter, und von den Fliegen darf immer nur eine reden. sonst wird nicht draus!" Damit trennte man sich, und jeder ging seiner Beschäfti- gnng nach. « Am achten Tage darauf versammelten sich die Bewohner der leeren Stuben in der Dämmerung, wie es verabredet war. Die Zimmerdecke war voller Fliegen/ der Floh sprang umher und war bald vier, bald da zu finden, das Heimchen saß in seiner spalte, die Motte hielt sich in einer Gardincnfalte verborgen, der Ohrwurm saß auf dem Tisch neben der Schmeißfliege, die tüchtig summte und brummte und mit wichtiger Miene den Borsitz führte. ./Die Molte hat's Wort," verkündete sie.„Si« hat die An- rcgung zn dieser Versammlung gegeben." „!?s ist noch zu hell," meinte die Motte. ..Ich bitte, nicht so zimperlich zu sein!" sagte dre«chmeitzchege. „Wenn man die Menschen bekämpfen will, muß man alles Zar.- gcfühl beiseite lassen.",■„ rr „Ich finde, erst müßten wir doch sehen, cih wir alle zur Stelle sind," sagte das Heimchen. Vielleicht darf ich dem Herrn Vor- sitzenden diejenigen Mitglieder unseres Hausstandes vorstellen, die ihm noch unbekannt sind." „Bitte schön!" sagte die Schmeißfliege gnadig. „Darf ich dann alle bitten, sich ganz still zu verhalten, begann das Heimchen. �.... Alle lauschten, und gleich daraus vernahmen sie ein i«lt,amcI Klopfen in dem alten Mahagonipult, einem Erbstück des Kapitans von seinem Großvater her.„Tik... tik!" sagte es in dem einen Ende des Pults.„Tak... tak!" antwortete es in dem anderen. So ging das eine Weile. � � „Das sind die Totenuhrcn!" erklärte das Heimchen.„Da haben fic," In diesem Augenblick flogen zwei kleine braune Käfer aus dem alten Pult hervor. Recht sonderbar sahen sie aus: der Kopf steckte tief zwischen den Vorderbeinen, und ein Mützchen bedeckte ihn. Ter eine flog'gegen die Fensterscheibe und fiel tot auf die Fenster- bank hinab. Ter andere setzte sich auf den Tisch neben die Schmeiß- *IieÖ!'®utcn Tag!" sagte die Totenuhr.„Ich höre, hier wird eine Versammlung gegen die Mcnchscn abgehalten." „Ganz recht! erwiderte die Schmeißfliege.„Aber mir ichcint, Ihr Kamerad hat drüben am Fenster den Hals gebrochen." „Hm... das ist bloß mein Mann!" meinte dic� Totenuhr. „Wenn er den Hals gebrochen hat, so ist das seine Sache. Ich habe genug damit zu tuii. meine Eier zu legen, und kann auf solche Kleinigkeiten nicht auch noch achten." ..Und wo legen Sie Ihre Eier?" fragte die Schmeißfliege. „In dem alten Pult dort. Meine Larven fressen das Holz, graben sich tiefer und tiefer hinein und kommen dann heraus, wenn sie erwachsen sind. Sie werden eine Menge kleiner Löcher in dem Pult bemerken. Die rühren von meiner Familie her." ..Sie betreiben also offenbar ein ebenso ehrliches Gewerbe wie wir anderen," sagte die Schmeißfliege.„Sie sollen Sitz und Stimme in der Generalversammlung haben.— Nun weiter, Heimchen!" „Dieb... lieber Dieb!" flötete das Heimchen. (Fortsctziing folgt.) Der Laubctiholomft. Trotz des geringen Fruchtansatzes dieses Fahrcs fällt jetzt ständig viel schon ziemlich entwickeltes Obst, namentlich Aepfel. Nur wenige dieser Fallfrüchte sind bereits wurmstichig, die meisten werden aus Nahrungsmangel abgeworfen, der oft nur durch die andcrucrnde Trockenheit verursacht ist. Wenn der Baum seinen Frucktbchang nicht ernähren kann, so entledigt er sich des Ucber- flusses zugunsten der geringen Zahl verbleibender Früchte. Wenn die Dürre anhält, entwickeln sich aber die noch festsitzenden Früchte nur zu mäßiger Größe, denn die Bäume müssen sich in diesem Falle hauptsächlich auf die Ausbildung der Fruchtkerne, d. h. der Samen, zur Sicherung des Wcitcrbcstnndes ihrer Art beschränken, das Fleisch bleibt dann unentwickelt und saftlos. In einem nicht zu großen Garten, also bei einem nicht zu reichen Obstbaumbestand, läßt sich dem Nebel durch wiederholte ausgiebige Bewässerung wesentlich abhelfen. Unter ausgiebiger Bewässerung verstehe ich aber nicht das Herumplanschcn mit einer Gießkanne voll Wasser, sondern die Zuführung eines reich bemessenen Wasserquantums. Beim Düngen und Gießen beachte man immer, daß sich in nächster Nähe des Stammes vor einigen oder längeren Jahren gepflanzter Baume nur alte verholzte Wurzeln befinden, während sich die jüngsten Spitzen der feinen Faserwurzeln, die die Wasser- und Nahrungsaufnahme ganz allein besorgen, weit ab vom Stamme ausbreiten, weit über die 5tronentra»lfe hinaus. Will man also einen Baum bewässern, der seinen gegenwärtigen Standort viel- leicht seit 8 bis 10 Jahren einnimmt und mindestens 5 Meter Kroncndurchmesser hat, so muß die Erde zur Aufnahme des Gieß- Wassers in der Weise ringförmig um den Stamm ausgeworfen werden, daß der so gebildete kreisrunde'Graben 5 bis C Meter Durchmesser hat. Daß einem solchen Äiaume nicht mit 1 bis 2 Gieß- kanncn, sondern erst mit LS bis 30 Gießkannen wirksam geholfen werden kann, sei nur nebenbei bemerkt. Bei Beerensträuchern mag man mit 2 bis 3 Kanncn pro Strauch auskommen. Bei an- dauernder Türrc ist eine derartige Bctvässcrung in Zwischenräumen von 10 bis 14 Tagen zu wiederholen. In ähnlicher Weife muß man mit dem Düngen Verfahren, Mag es sich nun um Kunstdünger, Stallmist oder Jauche handeln. Das Ausstreuen des Düngers dicht um den Stamm, wie es fast allgemein gehandhabt wird» hat höchstens bei ganz jungen Bäumen, die erst 2 bis 3 Jahre stehen, Zweck. Ter Sei uns in der Mark vorherejckiende magere Sandboden, der vielfach nur aus elendem Flugsand besteht, ist ganz außer- ordentlich wasserbedürftig. Demgemäß kann in vorwiegend trockenen .Jahren, wie dem gegenwärtige», nichts zur naturgcinäßen Enl- Wickelung kommen, wenn eine sachkundige Belvasserung fehlt. Am raschesten und auffallendsten tritt der Wassermangel bei Blumen und Gemüsen zutage: die Rosen kümmern, die jungen Triebe und Knospen hängen welk herab, die Blüten kommen nicht zur Eniwickc- lung und fallen schließlich im festen, zivar schon verfärbten, aber knospigen Zustande. Sommerbluistin und Stauden entwickeln mir Angstblüten, Kohl, namentlich Blumenkohl, bildet keine Köpfe, auch Salat schießt, ohne festen Kopf gebildet zu haben, Spinat treibt nurJEleine Blätter und geht gleichfalls in verblüffend kurze» Zeit in Samen; Radieschen �und Rettiche werden muffig, Gurken und Kürbisse von der roten Spinne, einem winzigen Schädling, ruiniert, während Erbsen kaum einige Schöten entwickeln und dann aWen. Natürlich ist es nicht immer der Wassermangel allein, der derartige Erscheinungen zeitigt, es sprechen eben auch vielfach Nahrungs- mangel und das Nichteinhalten der gerade im armen Erdreich bc- sonders gebotenen Wechselwirtschaft mit. Wie manche Bauern in der Mark in ihrer Unkenntnis auf gleichem Acker oft 2 bis 3 Jahre hintereinander Roggen anbauen, dann Kartoffeln und danach ivicdcr 2 bis 3.Jahre Aioggen, und dies noch bei vielfach ungenügender Düngung, so gibt es auch Kleingärtner und Laubcnkolonistcn, die 3 Jahre und länger dasselbe Land mit Kartoffeln bebauen. Pilz- kranke und unansehnliche kleine Knollen, die die Arbeit nicht lohnen, ja vielfach int�Gcsamtgcivicht hinter dem Gewicht der im-Frühling ausgelegten Saatknollen zurückbleiben, sind die Folge einer solch unsinnigen Wirtschaft. Ter Kleingärtner weiß ja heute, daß aus unserem Sandboden nur dann eiivas herauszuholen ist, wenn man zuvor etwas hineingibt; meist gibt er aber Stein und Salz statt Humus in das Land. In armem, unkultiviertem Sandboden ist jede Ausgabe für mineralischen Kunstdünger rein zum Fenster hinausgeworfen; erst wenn dieser Boden durch jahrelang fortgesetzte Kompost-, Latrinen- und Stallmistdüngung mit Humus angereichert ist, kann man ab und zu auch zur Abwechselung. mineralischen Dünger geben. Von dieser Regel macht nur die Kalkdüngung eine Ausnahme. Kalk bildet die Grundlage jeder Düngung, und seine Anwendung ist im kalkarmen märkischen Sand von Anfang an eine Notwendigkeit. In F o r st in der Lausitz, die sich freilich durch ihre Fruchtbar- kcit � auszeichnet, ist gegen Ende vorigen Monats eine große Rosen- und Gartenbauausstellung eröffnet worden» die ein etwa 60 preußische Morgen großes Gelände einnimmt und bis Ende Oktober geöffnet bleibt. Was mich hier besonders inter- essierte, waren die Klein- oder Schrebergärten, nicht nur wegen ihrer reizenden, geradezu vorbildlichen Architektur der Lauben und der Einfriedigungen, für deren Herstellung dort ein fähiger Spezialist vorhanden ist, sondern auch wegen der Muster- haften Einteilung, Bepflanzung und Bewirtschaftung eines jeden der kleinen Einzelgärten. Forst, eine Industriestadt sTuchfabriken) mit 36 000 Ein- tvohncrn, besitzt bei 2000 Wohnhäusern, von denen ein Teil inmitten gut gepflegter Gärten liegt, noch cttva 2SOO Kleingärten, die alle Iveit geräumiger als die Berliner Laubenparzcllen sind und die ganze Stadt kranzartig umgeben. Diese ausgedehnte Gartcnkolonie stellt der Arbcitcrbevölkeruna der<-tadt ein gutes Zeugnis auS. Auf der Ausstellung sind die Kleingärten teils vom dortigen Schrcbergartciwerciii, teils aber auch von einzelnen Arbeiter- familien bepflanzt, die auch die weitere Unterhaltung besorge». Natürlich kann jede dieser Familien das ernten, was in dem von ihr bewirtschafteten Gärtchen wächst. In den»ach praktischen Gc- sichtspunkten eingeteilten Gärtchen wechseln Blumenbeete mit Gc- müsckulturcn; auch Obstbäume sind vorhanden, wie in allen- Klein- gärten der Stadt. Ter vorzügliche Stand der Rosen, der Begonien, Levkojen und zahlreicher anderer Volksblumcn und aller Gemüse liefert den Beweis dafür, daß der Boden richtig bearbeitet und ge- düngt war, daß die Anpflanzung sachgemäß erfolgt ist und daß die weitere Bodcnpflcge, Kultur und Bewässerung mit peinlicher Sorgfalt erfolgt. Nirgends ist auch nur eine Idee von Unkraut zu sehen, überall ist die Obersläche der Beete gelockert. Neben den Kleingärten befindet sich auf der Förster Ausstellung auch noch ein inmitten eines Nutzgartens stehendes Nrbcitcrfamilienwohnhaus, solide und geschmackvoll gebaut, im Jüncrn einfach aber gemütlich eingerichtet. Gemüsegärten sehen immer recht prosaisch aus, wenn sich Kohlkopf an Kohlköpf reiht. In einem hübsch eingeteilten und unterhaltenen Kleingarten wird aber immer neben der Nutzkultur auch die Blumen pflege eine Stätte haben. Befindet sich das Gärtchen in einer Gegend, die nicht von lichtscheuem Dicbcsgesindel heimgesucht wird, dann ist stets die Rose jene Blume» an die der Kleingärtner in erster Linie denkt. Auch in den Forster Klein- gärten ist die Rose die Beherrscherin; sie ist ja in der Anschaffung nicht ganz billig, hat aber, einmal angepflanzt, vor ein- und zweijährigen Gewächsen den Borteil, sich Jahr für Jahr in neuer Pracht zu entfalten. Um das zu ermöglichen, muß man düngen» bewässern» das Ungeziefer bekämpfen und die Rose gegen Frost schützen; aber auch das langstielige Schneiden der Blüten ist zu vermeiden. Man lasse jede Blume vollständig erblühen und schneide sie dann kurz ohne Laub, bevor sie verblättert, denn einmal vcr- unreinigen die abfallenden Blütenblätter den Garten, dann vcr» braucht aber die Rose noch im Verblühen Nährstoffe, die man der Pflanze durch rechtzeitiges Abschneiden der Blüten erhält. Bei dein geschilderten Verfahren ist also das Streben des Züchters darauf genutet, jedem Noscnbusch so viel Blätter als möglich zu sichern, denn die Blätter sind seine Lungen und zugleich die Ver- arbeiter der von den Wurzeln zugeführten Nährstoffe. Je reich. licher die Rose bis zum Herbst belaubt ist, um so kräftiger werden sich ihre Triebe entwickeln, um so besser werden sie ausreifen und demgemäß der Winterkälte standhalten, und um so schöner und reicher wird dann die Blüte im kommenden Jahre sein. Den billigsten Blütenflor liefern immer die Sommer- b I u m e n, in erster Linie die anspruchslosen, die man direkt auf jene Beete sät, auf denen sie ihre vollständige EntwickkUng er- langen sollen; in zweiter Linie die ansvruchsvollen, die der Gärt- ner im Frühling unter GlaS zieht und dann als kleine Pflänz- linge billig abgibt. Zu diesen letzteren Sommerblumen gehören z. B. die farbenfrohen Astern, die Levkojen, Skabiosen ü. a. Den llebergang von den Sommerblumen zu den ausdauernden Stauden bilden die schönblühenden zweijährigen Pslan- z e n. Diese werden jetzt auf Saatbeete im Garten gesät und später dahin gepflanzt, wo sie im nächsten Frühling und Sommer blühen sollen. Solche zweijährige Pflanzen sind von Frühblühern z. B. die Stiefmütterchen, Vergißmeinnicht, Silenen, von später blühenden die Stockrosen oder Malven, sibirischer Mohn, der herrliche röhrenblumige Fingerhut, eine Giftblume, beten aus dem Samen gewonnenes Oel aber bei der Behandlung von Herzkrank- heiten eine wichtige Rolle spielt, die Pyramidenglockenblumen und die stattlichste der Glockenblumen die Clmnpimula Medium. Ich kann nur empfehlen, von all diesen Blumen jetzt etwas an- zusäen und die Sämlinge später für den nächstjährigen Flor zu verpflanzen. Die genannte Phramidenglockenblume ist auch eine hübsche Balkon- und Zimmerblume' sie blüht blau, in einer Varietät weiß. Die Blüten haben erne mehr ausgebreitete Krone, sind also nicht ausgesprochen glockenförmig. In Westpreußen habe ich diese Pflanze vielfach als Zimmerblume gesehen, die dortselbst im Sommer sogar hinter den geschlossenen Fenstern der Arbeiter- Wohnungen blüht und oft an Drahtgestellen in Fächer- oder Kranz- form gezogen wird. Auch für die meisten Garten st auden sind die Monate Juli und August die besten Saatmonate. Was von diesen Stauden jetzt gesät wird, blüht schon im nächsten Jahre, während bei der Frühzahrssaat ein Jahr verloren geht. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, so säen die Liebhaber die sehr feinsamigen Garten- Primeln oder Schlüsselblumen gern im Winter auf den Schnee; sie bereiten ein flaches Holzkästchen mit Scherbenunterlagen und Erde richtig vor, überziehen die Erde nach Schneefall mit Schnee und versuchen es nun, auf diese Schneeschicht die staubfeinen Samen möglichst weitläufig und gleichmäßig auszustreuen. Solche feinen Samen ertragen nämlich keine Erddeckung, bei dem ge- schilderten Verfahren gelangen sie später mit dem schmelzenden Schnee auf die Muttererde und keimen dann im Frühling in zufriedenstellender Weise. ES ist immer ratsam, für die vor« geschilderten Sommersaaten ein etwas, aber nicht zu sehr be- schatteteS Beet anzulegen, um ein zu rasches Austrocknen der Erde zu verhindern. Ein vorsichtiges Ueberbrausen der Saat ist aber bei Trockenheit trotzdem täglich erforderlich, man warte dazu aber möglichst die Abendstunden ab. Hd. Kleines feuületon, Erröten die Affen? Darwin nennt das Erröten die eigen- tümlichste und menschlichste aller AuSdruckSformen und spricht damit aus, daß sich die Fähigkeit des Errötens in der Hauptsache wohl auf den- Menschen beschränkt. Tatsächlich scheint das Er- röten auch eine gewisse Reife und damit eine höhere Seelen- tätigkeit zu bedingen; denn wir sehen z. B. Blödsinnige fast nie- mals erröten, und bei Kindern tritt das Rotwerden des Gesichtes in Verlegenheit oder Scham auch erst mit der wachsenden geistigen Entwicklung auf. Anders ist eS mit der ZorneSröte. Sie setzt eine viel primitivere Geistesstufe voraus, und wir können sie bereits an ganz.kleinen Kindern wie auch an geistig durchaus niedrig lebenden Menschen beobachten. Aber auch eine Tierordnung zeigt die ZorneSröte. Freilich ist eS nur eine einzige im ganzen Tier- reich: nämlich die Affen. Daß manche Affen in Zorn und Leiden- schaft heftig erröten, ist eine Tatsache, die schon lange feststeht, aber ooch nur wenigen bekannt sein dürfte. So färbt sich'das Gesicht des Makaks, einer in Asien lebenden Affenart, deutlich rot, wenn er zur Wut gereizt wird, während große Furcht rasches Erblassen hervorruft. Und eine ähnliche Erscheinung sehen wir bei dem in Tiergärten nur selten fehlenden Kapuzineraffen, der leicht und häufig erschrickt«nd dann ebenfalls deutlich rot wird. Das Er- röten dauert, ebenso wie beim Menschen, auch bei den Affen messt nur einige Minuten, woraus das Gesicht wieder seine natürliche Farbe annimmt. Physiologisches. Wieviel Blut darf ein Mensch verlieren. Wenn jemand durch Blutverlust zugrunde geht, so sagt man, er habe sich verblutet. Da diese Gefahr be» jeder größeren Verletzung besteht, so hat das Verbinden der Wunden zunächst den Zweck, dem Blutstrom Halt zu gebieten. Viele Bluwngen hören freilich auch von selbst auf, jedoch hängt daS von der Veranlagung ab. Manche Menschen sind in der Gesahr de? Verblutens schon bei ganz kleinen Wunden, und diese fatale Eigenschaft pflegt erblich zu sein. Es ist schon wegen dieser Verschiedenheit bei den einzelnen Personen sehr schwierig, eine all- gemeine Angabe darüber zu machen, wieviel Blut der Mensch ver- lieren kann, ohne in seinem Leben gefährdet zu sein. Genaue Be- obachtungen über diesen Punkt liegen bis jetzt nur für Frauen nach der Geburt vor. Ein Blutverlust von zwei Kilogramm ist in solchen Fällen nicht ungewöhnlich, und die wissenschaftliche Literatur kennt Beispiele dafür, daß sogar eine Steigerung bis zu drei Kilo- gramm möglich ist, ohne daß der Tod durch Verblutung eintritt. Das sind aber Ausnahmen, andererseits werden selten sorgfältige Messungen ausgeführt, und man kann darauS schließen, daß der Mensch doch mehr Blut verlieren kann, als man glauben sollte. Die Frage ist selbstverständlich, wieviel er zu verlieren hat. Gewöhnlich heißt es, der 13. Teil des Körper- gewichts bestehe aus Blut. Diese Angabe geht immer noch auf eine alte Messung zurück, die Dr. Bischoff an zwei Enthaupteten gemacht hat. Nachprüfungen auf Grund eines weniger schauerlichen Ver- fahrens haben einen beträchtlich geringeren Betrag ergeben. Am genauesten dürste aber doch die Feststellung von Behring sein, die mit Hilfe von Starrkrampsgegengift ausgeführt wurde. Der be« rühmte Arzt spritzte eine bestimmte Menge dieses Gifte» in die Adern ein und entnahm später eine bestimmte Menge von Blut. Unter der Annahme, daß sich das Gift über daS ganze Blut gleichmäßig verteilt habe, ließ sich aus dem Gehalt der Blutprobe die Gesamtmenge des Blutes durch Multiplikation berechnen. Dieses Experiment hat eine glänzende Bestätigung deS Bischoffschen Wertes ergeben, denn auch danach ist das Blut nahezu der 13. Teil deS Körpergewichts. Unter dieser Voraussetzung würden die besprochenen Erfahrungen darauf hindeuten, daß der Mensch ungefähr die Hälfte seines Blutes verlieren darf, aber nicht mehr. �Verkehrswesen. Die Eröffnung der Lötschbergbahn. Die Schweiz hat eine neue Alpenbahn, die zugleich eine neue internationale Ver- kehrsstraße von großer Bedeutung, namentlich für Frankreich und Italien ist, erhalten. Die am 27. Juni offiziell eröffnete neue Alpen- bahn ist eine Zufahrtslinie zum Simplon, die für die interessierten Gegenden und Landstriche eine erhebliche Ersparnis an Zeit und Geld bedeutet. Die Bahn erhielt ihren Namen vom Lötschberg im Berner Oberland, durch den ein 14� Kilometer langer Tunnel, der nach dem Simplontunnel mit 20 und dem Gotthardtunnel mit 1b 5Alo- meter in dritter Linie kommt, gebaut werden mußte. Ursprünglich war seine Länge auf 13� Kilometer berechnet; allein ein Einsturz aus einer Strecke von einem Kilometer, bei dem auch 2S Arbeiter ihr Leben einbüßten, machte eine Aenderung deS Planes notwendig, durch die dann der Tunnel eine um einen Kilometer längere Aus- dehnung erhielt. Die Opfer der Arbeft konnten nicht geborgen werden und behielten ihr Massengrab im Berginnern, durch daS in der Nähe nun der Zug vorbeisaust. Zu ihrem Andenken wurde ein mächtiger Granitblock auf dem Friedhof in dem benachbarten Kandersteg aufgestellt. Dieses furchtbare Unglück hatte sich am 24. Juli 1908 ereignet und ein halbe? Jahr vorher schon, am 29. Februar, hatte auf der Südseite des Tunnels bei Goppenstein eine Lawie großes Unglück angerichtet, indem sie die Häuser der Arbeiter und Angestellten für den Tunnelbau vernichtete, wobei 12 Menschen ihr Leben einbüßten und 14 verwundet wurden. Diese neue Alpenbahn hat also entsetz- liche Menschenopfer gefordert, wozu dann noch die Verunglückten und Kranken beim normalen Verlauf der Arbeit kamen! Die gesamten Baukosten waren ursprünglich auf 89 Millionen Frank veranschlagt, sie erhöhten sich aber auf 130 Millionen, woran der Kanton Bern, der Bund und da» Privatkapital, na- mentlich französisches, beteiligt sind. Da mit dem Bau der neuen Bahn im Herbst 1900 begönne« wurde, ist sie in üVi Jahren fertiggestellt worden, in hiel kürzere Zeit als die Gotthard- und Simplonbahn. Di« seither erzielten großen Forttschritte auf. dem Gebiete des Tunnelbaues kommen darin zum Ausdruck. Die Lötschbergbahn hat elektrischen Betrieb und ist damit die erste große Vollbahn von internationaler Bedeutung, die ihn ein- geführt hat. Bloß für die Tunnelkahrt hat auch die Simplon- bahn den elektrischen Betrieb, da dabei die Belästigungen deS Dampfbetriebe» in Wegfall kommen. Die elektrische Lokomotive entwickelt mit zwei Motoren 2500 Pferdestärken. Sie ist imstande, bei 17 Promille Steigung, einen Zug von 530 Tonnen Gewicht und bei 27 Promille Steigung, einen Zug von 310 Tonnen mit 50 Kilometer in der Stunde zu befördern. Die höchste Zug- geschwindigkeit ist auf 75 Kilometer in der Stunde fesigesetzt. Die neue Bahn bietet reizende, großartige und imposante Gebirgspartien und Landschaftsbilder und bedeutet somit auch die Erschließung von Naturschönheiten für die weitesten Völkskreise. Ein neue großartiges Werk hat die menschliche Arbeit, Kovf- und Handarbeit in treuem Bunde vollbracht. Dem internationalen Verkehr«st ein neuer Weg erschlossen, oer die Völker einander näher bringt, und der daher auch wieder ein Stück internationaler Völkerverständigung, die Ueberwindung chauvinistischer Gefahren und die Sicherung deS Völkerfriedens bedeuten sollte.__ Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärls Buchdruckerei u.VerlagscrnstaltPaul Singer ücCo., Berlin ZW.