Anterhaltungsblatl des Horwärts Nr. 130. Dienstag, den 8. Juli 1913 zum Untersuchungsrichter zum Beispiel... Es hätte weniger Skandal verursacht, es wäre nicht geschossen worden... und alles hätte in einer gemütlichen kleinen Scheidung seinen Ab- schluß gefunden." Frau Kharv wurde durch die Trockenheit der Aliffassung unangenehm berührt. „Ach. Herr Perron, das war nicht so leicht." rief sie. „Wir Frauen wissen nie, welchen Weg wir einzuschlagen haben, wenn wir in solche Männergeschichten verwickelt sind. Dann sind wir auch leichtsinnig und denken:„Das kommt schon wieder in Ordnung!"... Ja— so sind wir nun einmal... Frau d'Entraque hat sich gesagt: Es muß sich ja erweisen, daß er unschuldig ist, denn dazu ist das Gericht da. Als sie aber merkte, dah man nichts sah"— sie verbesserte sich mit einer Spur Malire—„daß„Sie" nichts sahen, ich meine, daß die Richter und Sie ihn verurteilen würden.... da sagte sie sich: Jetzt sind sie verblendet, nur ich allein kann„ihn" noch retten. Ich stehe für ihn ein. Darauf ist sie hingegangen und hat gesprochen... Beim Untersuchungsrichter, wie Sie sagen, hätte man ihr vielleicht keine Aufmerksamkeit geschenkt... Der Richter hätte Lermantes nicht in Freiheit gesetzt... Da wären noch alle Arten von Formalitäten zu erfüllen gewesen, und Verhöre hätten stattgefunden. Wäh- rend es hier, vor dem Gericht und dem Publikum, bum... wie ein Kanonenschuß wirkte! Alle hören lind verstehen es. und den Ausflüchten sind die Möglichkeiten genommen." Herr Perron war von der Richtigkeit dieser Bemerkung betroffen. „Die Menge ist wie die Frau," dachte er,„die Frauen kennen sie besser als wir." Er sagte: „Es ist wahr. Beim Untersuchungsrichter hätte das De- inenti weniger gewirkt. Alles war mit Brdvine vereinbart. Dieser Teuselskerl kennt alle Fädchenl" Diese Hypothese, die Frau d'Entraque herunterzog, be- leid igte Frau Kbarv noch mehr, und empört rief sie: „O, Herr Perron, wie können Sie das nur sagen... Sie sehen doch gar nicht so böse aus, wenn Sie nicht in Ihrem schwarzen Talar sind. Begreifen Sie, tvas das heißt, wenn eine Fra* liebt? Wie von einem Sturmwinde wurde sie geschüttelt, alle ihre Gefühle gingen durcheinander, sie wußte nicht mehr, was sie tat. sie konnte nicht mehr urteilen, nicht denken, nur eins war ihr klar, daß ihr Geliebter iin Gefängnis saß daß Sic alle ihn töten wollten, und daß sie ihn nie wiedersehen würde. Da ist sie gelaufen, hat alles über den Haufen geworfen... um ihn zu retten." „Aber sie hat sich doch mit Bovine verständigen müssen, nicht wahr?" erwiderte Herr Perron.„Sie ist gelaufen... Na, wohin ist sie denn gelaufen? Und die Art, wie Br6vine d'Entraque verhört hat, zeigt doch sehr klar, daß er einig mit ihr war... Deshalb sage ich Ihnen, daß alles ausge- klügelt war." Sie stand heftig und erregt auf. „Schweigen Sie jetzt, Herr Perron. Ich muß sonst denken, daß Sie gar kein Verständnis für Liebe haben. Nein, Zweifel- los haben Sie das nicht! Sie sind nicht wie dieser Lermantes! Man hat ihn eingesperrt. Er hat nichts gesagt, seine Papiere hat man durchstöbert und nichts gcfundcü. Man hätte ihn auf den Scheiterhaufen führen können, und er hätte den Mund nicht geöffnet. Sein Leben, seine Ehre, alles opferte er, ja alles hat er für seine Liebe hingegeben. Und hinterher sagen Sie: das ist kein anständiger Mensch! Ich sage Ihnen, er ist noch mehr als das. Und alle Frauen werden dasselbe sagen!" Sie schlug mit der Spitze ihres Sonnenschirmes auf den Stein, aus dem Herr Perron sitzen geblieben war, und blickte ihm gerade ins Gesicht mit ihren griinen Augen, aus denen Vegeisternng, Zärtlichkeit und Zorn leuchteten, eine Welt von bunten, fast wilden Gefühlen. Er erhob sich und streckte die Waffen: „Vielleicht haben sie recht, meine Gnädigste. Wir Männer urteilen nach unserem Verstand. Gewohnheitssache! � Die Frauen richten mit der Vernunft des Herzens, die mit der wahren Vernunft nichts zu tun hat, wie Pascal sagt. Vtel» leicht sind sie die besseren." „Oh, nicht vielleicht. Herr Perron— bestimmt!" esr Das entfesselte Scbicksal Roman von Edouard Rod. Herr Perron blieb mit offenem Munde stehen. Mätressen, Herzoginnen, rote Schuhe zerstoben vor seinem Geist wie auf- gescheuchte Vögel. Die Wirklichkeit machte ihre Rechte geltend. „Warten Sie ab," sagte er mit einem Anflug schlechter Laune,„dieser Prozeß bietet zahlreiche Ueberraschungen, viel- leicht tvaren das noch nicht die letzten." Er drehte der Landschaft den Rücken und führte seine Ge- fährtin zu dem Apoll-Bassin an den Rasenflächen vorbei, die mit kegel- und pyramidenförmigen Bäumen bepflanzt waren. „Ja," rief sie,„es ist zu Ende, ich fühle es... Ich ahne viele Dinge voraus. Man hat zu deutlich gesehen, daß er unschuldig ist!" „Das ist das Resultat solcher Zwischenfälle," rief Herr Perron.„Sie beweisen nichts, aber sie iiben eine gewaltige Wirkung aus. Und daS ist die Freisprechung!... Wenn Sie ahnten, gnädige Frau, wie die Geschworenen unlogisch, überraschend und launisch urteilen." „Gott, Gott, was für eine Einrichtung!..." In diesem Augenblick kamen d'Avoise und Choffart von der Allee de l'Etd her. Sie gingen an dem Paare vorüber und waren so in ihre Unterhaltung vertieft, daß sie es nicht sahen. Herr Perron fing einige Worte von d'Avoise auf: „Eine verderbliche Einrichtung wie alle, die uns die De- mokratie auferlegte.. „Ich wette, die sprechen auch von den Geschworenen," sagte er.„Bei jeder etwas schwierigen Angelegenheit werden UnVollkommenheiten festgestellt, aber man hütet sich, daran zu rühren. Ich sage Ihnen das im Vertrauen. Wenn das jamand hörte, würde es meiner Karriere schaden." Als sie in das Gehölz durch die untere Pforte eingetreten tvaren, durchschritten sie eine vereinsamte Allee. Die Zweige und Bäume formten sich wie zu einer grünen Wiege, junge Triebe gaben ihr einen hellen Ton. Die Bänke waren ver- lassen, aus der Ferne unterbrach Kindergeschrei die Stille. „Nun, dieses Mal werden die Geschworenen recht haben," antwortete Frau Kharv.„Ihnen setzt Ihr Beruf eine falsche Brille auf: alles ist schuldig, ja, Sie sehen alles in der Farbe Ihrer Talare: schwarz. Wäre Lermantes ein Mörder, würde diese Frau ihn nicht so lieben!" „Solch ein Beweis ist echt weiblich! Wo würde die Ge- sellschaft hinkommen, wenn auch Frauen Geschworene würden. Sowie der leiseste Liebeshauch über den Angeklagten hin- gleitet... nichtschuldig! Liebe gnädige Frau, es wird schon zehnmal zu viel freigesprochen, der Sicherheit aller zum Schaden. Die schlimmsten Missetäter haben immer noch eine Aussicht, ihrer Strafe zu entgehen-, das wissen die Lumpe auch recht gut, deshalb gibt es so viele. Feinfühlige Seelen, wie Sie, haben nur mit den Mördern Mitleid... Wenn Sie manchmal an die Opfer dächten..." Die Grotte hatte in ihrer Anmut etwas Lächerliches: mit ihrem Gott, den Musen, den Pferden, den ganzen tveißen Tri- tonen waren sie wie eine Rokoko-Vision mit einer Spur Ro- inantik, ein Stück Olymp zum Vergnügen der Leser Florians ausgeschnitten. Baronin Kharv schlug bewundernd die Hände zusammen: „Ach, wie reizend, entzückend, wundervoll!" Sie setzten sich auf einen mit MooS überzogenen Stein- block, einem Springbrunnen gegenüber, von Seerosen und Wasserpflanzen umgrünt. Herr Perron wollte iiber Mytho- ilogie plaudern: von Apoll, dem Gott der Kunst, von Wissen- schaft und Schönheit, aber er hatte mit diesem Thema nicht mehr Glück als mit Musscts Versen: seine Gefährtin schnitt ihm das Wort ab und kam auf Lermantes zurück: „Wie groß muß die Liebe dieser Frau für ihn sein, daß sie vor all die Männer trat... Zu sagen, was sie gesagt hat!... Sie kannte weder Furcht noch Schande. Sie senkte nicht die Augen. Oh, was für ein Mut... Ich an ihrer Stelle würde gezittert haben... Slber glauben Sie mir, ich hätte ebenso gehandelt." „Sie hat nur zu lange gewartet," erwiderte Herr Perron, „Wenn ihr Gatte log, wenn sie es wußte, wenn sie ihn rechtfertigen konnte, weshalb hat sie nicht früher gesprochen... Schweigend kletterten sie den kleinen Felsen hinauf. Oben machte Herr Perron die Bemerkung, daß die Alpennachbildung sehr gut gelungen wäre. Frau Kharv antwortete nichsi Sie gkligen aus dem Bostet durch die Allee der„Trois-Fontaines", aber plötzlich blieb sie stehen und fragte mit veränderter Stimme: „Glauben Sie, Herr Perron, daß sie sterben wird?" „Wie kann ich das wissen? Ich hörte den Arzt sagen, daß die Verwundungen ernst zu sein scheinen. Tas ist alles. Sie war ohninächtig. Wenn Sie wollen, benachrichtige ich Sie morgen I" Frau Kharv machte einige Schritte, ohne zu antworten, dann blieb sie wieder stehen und sagte, die Hand auf den Arm ihres Gefährten legend: „Wie glücklich ist sie, wenn sie stirbt! Sie hat den Mann, den sie liebt, gerettet, was soll sie nachher noch auf Erden, wo alles so häßlich ist? Tic Scheidung, ein Prozeß mit ihrem Mann, die bösen Zungen, die sie zerpflücken werden... Tann wird man immer älter, die Liebe flieht... Sie ist jetzt so glücklich, He»r Perron... Nein, nein, ich beklage sie nicht mehr... Nur möchte ich, daß sie ihn noch einmal wiedersehen könnte... Ihn wiedersehen und dann die Augen für immer schließen... Das ist alles, was ich ihr wünsche...!" „Sie sind ein wenig romantisch, gnädige Frau! Oh, ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus, ich finde es reizend... Tas Wahrscheinlichste ist trotzdem, daß sie gesund werden wird... Man wird ihren Freund Lermantes freisprechen... Sie werden einige Monate zusammen reisen, dann wird einer des andern überdrüssig werden. Ach, was schadet's aber... Sic werden selige Stunden miteinander genossen haben..." Sic kamen an der Ecke der Neptunfoutäne heraus, deren Wasser im Sonnenglanze schimmerte. Tort ist es immer voll von Menschen und Lärm. Aus einer Gruppe erklangen leb- hatte Stimmen: Chaussy, Valens, Aline und Lola waren zu- samme». Tic beiden Männer gingen voraus, Chaussy gestikulierte aufgeregt und sprach laut. Valens hörte unbeweglich zu, die Hände auf dem Rücken, ein höhnisches Lächeln auf dem Faungesicht. Ohne sich um ihre Begleiterinnen zu kümmern, unterhielten sie sich. Diese folgten ihnen in einiger Entfernung. Sie hatten kein Interesse mehr an dem Gc- spräch, ihre Erregung dauerte nie lauge. Sei waren bei Frau d'Entraques Ausfege gepackt gewesen. Lola hatte sogar einige Tränen vergossen. Als d'Entraque auf seine Frau schoß, waren sie dazugceilt imd hatten sich nicht von den Herren zurückhalten lassen, sie schrien mit der Menge mit. Aline konnte kein Blut sehen und wurde fast ohnmächtig. Der Geruch verfolgte sie»och mindestens zehn Minuten, dann verflüchtigte sich der Eindruck. Jetzt sprachen sie über die Toiletten, die sie im Saale gesehen hatten. Von Zeit zu Zeit horchten sie auf ein grobes Wort Chaussys:„Warum dieser... von Präsident diese... hatte sprechen lassen? Ver- pslichtite ihn seine uneingeschränkte Machtvollkommenheit, „Amen" zu alledem zu sagen, was diese Affen von Advokaten forderten, die Neger weiß wuschen? Schweigen hätte diese... müssen, oder der Sittenpolizei angezeigt werden!... Denn ist eS erlaubt, sich vor dem Publikum derartig zu enthüllen?" lFor'.setzuug folgt.l Die fockfcbotV Von Hermann Horn. DaS DreimastvoNschiff hatte eben die Anker gelichtet, nachdem es noch Ladung auf der Elbe eingenommen, und ward nun von einem lleinen Dampfer den, Meere zugeschleppt. Die schwere Trosse hing in weitem Bogen zu dem Schlepper hinüber, der von Zeit zu Zeil seine Sirene heulen ließ, geschäftige Dampfwolken ausstieß und schon das Topplicht in der Dämnierung angesteckt hatte. Der Segler glitt still dahin und stieß nur von Zeit zu Zeit stolpernd mit der Rase nach vorn, wenn der Schlepper ungleichmäßig anzog. Die Kühle des Abends ging in einen steifen Zug über, der das' Wasser aufblies, daß es zu zillern begann. Der Kapitän und der Lotse gingen auf Achte»deck am Ruder, der eine von dieser, der andere von jener Seite, hin und her. .Sollen wir nicht das Focksegel beisetzen, daß daö Schiff stetiger liegt?" fragte der Kapitän, der ein Hochdeutscher war. da sie sich trafen. „Lot uns noch en beten warten," meinte der Lotse, ohne recht zu wissen, warum. Dann gingen sie weiter hin und her. Der Kapitän war spät an Bord gekommen und hatte noch einen jungen Matrosen mitgcbrackit, schlaick und braun. J'ian hatte ihm geholfen, seine SecmannSkiste. den Sack und die SeegraSmatratze aus dem Boote zu hissen. Tann war er selber im blauen Land- gehzeug flink heraufgellettert und hatte Hand angelegt, seine Sachen ins Logis zu trage». In die freie Koje hatte et feine Matratze und den Sack ge« warfen, die Kiste davor gestellt und sie geöffnet. Er holte eine Flasche mkt Schnaps und»in Kistchen mit Zigarren heraus. Die stellte er auf den Tisch, der um den Mast lief, mitten im Mann» schaftsraum.«Wer en Zigarr schmoiken will, man immer to I Da is ok en lütten to trinken!" Dann hob er seinen Fuß auf die Kiste und zog sich die Lack» schuhe aus, während ein paar, die da waren, sich bedienten. „So," sagte er,„nu kann't ja wieder vor'n Jahr in't Joch ringehen!— Is bat en Leben!" Aber er kleidete sich flink um, leerte den Sack in die Koje» stopfte einen». Kalkstummel auS einem geschnitzten Tabakkasten und setzte sich auf seine Kiste. Da saß er eine Weile mit gekrümmtem Rücken, die schottische Mütze über den Ohren, rauchte und guckte vor sich hin auf die Lampe, die leicht schaukelte. Man frug ihn, wie lange Fahrt er gehabt habe, wie lang er jetzt an Land gewesen. Vierzehn Tage sei er an Land gelves»», nach achtzehn Monaten Reise. Sie hätten ihm sein Geld«icht lang» ge- lassen, Jne anderen seufzten leise dazu wie zu einer selbstverständ- lichen Sache, und er lacht fröhlich. Wie das Schiff wieder stampft, horcht er auf und seine Nüstern blähen sich ein wenig. „Der Kasten stampft," sagt er,„da möt wi wohl bald die Fock beifetten.— So will ick mal en beetcn an Deck schauen!" Draußen ist eS jetzt völlig dunkel. Man kommt«n einer Bark vorbei, die Anker lichtet, um in den Hafen geschleppt zu werden. Die Leute singen, während man sie um das Ankerspill trampeln hört. Es wollt ein Mädchen früh aufstehn, Dreivlirtelstund vor Tagen. Die geh» heim, den Lichtern und Freuden Hamburgs entgegen aus der Dunkelheit. Der Wind hatte Kraft bekommen und schmeißt Hagelkörner. Da hört man des Lotsen Kommando vom Achterveck:„Die Raas an de Wind, Grotmarsseil und Fock bei I"„Grotmmsseil und Fock bei!" antwortet'S aus allen Ecken und Enden. Dunkle Gestalten lösen sich aus schwarzen Massen; der zweite Steuermann kommt gelaufen: „Voran, Jimgens, an die Backbordbrassen!" Die Taue latschen an Deck, einer„singt ans", diese wilden Raubvogelschreie der Matrosen, mit�dcnen sie an den Tauen ziehen. Oben die Raaen beginnen an den Stengen zu knirschen, sie drehen sich schwankend in den Lüften, die Leute laufen schreiend mit den Tauen über Deck. Alles ist in Musik erhoben. Der zweite Steuer- mann, der auf der anderen Seite die Brassen reguliert,„singt aus":„So gut, dv�-s— so gut, boys— gif Hein noch en— tbat will do—". Dies erste Stück ist zu Ende, man schickt sich an, auS seiner Er» regung zum zweiten überzugehen. Der Steuermann schickt seilte Leute zum SegelloSmachen in die Wanten.„Ihr zwei," sogt er zu diesem zuletzt gcloinmcnen Matrosen und einem schweren, großen Mann im Ockg»ug und Südwester,„molt mau de Fockschoteu klar!" Einen Augenblick blickten die beiden nach der mächtigen untersten Raa des Vordermastes, woran das Focksegel ist. Die Taue, an denen die Scholen rechts und links festgemacht werden, hängen wie baumelnde Schlangen in der Dunkelheit. Dann stapfen sie los. Der Neue hat eben ausgesungen. Seine Sinne haben sich der Musikpiece geöffnet, seine Bewegungen ihr untergeordnet. Es ist etwas Gebücktes. Zurückhaltendes,' zum überlegten Sprunge Bereites in ihm, während seine Augen beobachten und wandern. Der andere ist ein Klotz in seinem schweren Oelzeug, sdmieigeud und für sich. Er wendet sich eigensinnig ab, wie der andere den Plan der VerHaltung giit. ES gilt, die Schoten, die der Kraft des Windes wegen auS einer Art Flaschenzüge bestehen, festzumachen. Ein Tarwnde außen an der Schiffswand, das andere innen. So kann das Tau kunstvoll [dlirch den Flaschenhals laufen und dem geblähten Segel doppelte Kraft entgegensetzen. Jeder sollte ein Ende bedienen. Der Neue da« außen, der Schwere das innen festmachen. Während der also über Bord klettert und da außen arbeitet, reißt der andere wild und stark an seinem Teil und macht ihn fest. Dann stapft er hinüber nach Backbord, zur anderen Schote, ohne nach dem Kommenden zu sehen. Wieder zieht, er bereits an seinem Ende, das auch über rollende Scheiben läuft, aber der flinke Neue wird mit seinem nicht fertig. Der schwere eiserne Ring, an dem es eingelassen werden soll, ist ver» rostet und bricht um. Das Ende fliegt ihm aus der Hand ins Wasser, wahrend von oben schon die weiße Leinivand des Segels flutet. Sie rauscht und bläht sich flatternd im Wind. Der schwere, eisen» gefütterte Zipfel des Segels fliegt einmal nach oben, wird nach rück- Wärt-Z geworfen und strafft das Segel mit donnerndem Knall. Der Neue ist flink an Bord geklettert. Er bebt vor Lust. „Mach dien End fast," schreit er,„wie möt dat annere ok binnen Bords an de Reegling fcstmacken!" Er steht und lauert, um sein Ende zu fassen, das schwer in der Luft baumelt. „Ach wat", sagte der andere verächtlich und holt sein Ende ein, und jetzt, wie der andere sein Ende zu fassen kriegt, reißt er'S ihm aus den Fingern. Der Neue schwankt einen Augenblick, will noch einmal zugreifen, greift daneben in die schwarze Luft und fällt mit einem hellen, lauten Schrei über Bord. „Höh macht dieser Klotz erstaunt,.verdammt odV— Dann zieht er mit riesigen Kräften die Schote an, bis das dicke andere Ende krachend sich oben am Zipfel des Segels im Flaschenhals versängt, nMcht das Tau fest und springt dröhnend das Deck entlang Weiter achtern sieht er einen Arm aus dem gegen die Auhen-' wand schäumenden schwarzen Wasser auftauchen, nach dem wirst er eine Nolle Tau. „Was ist los?" schreit der zweite Steuermann, denn man hißt die Marsraa. „Ick weet nicht," sagt der Schwere,„der Neue da is ja wohl über Bord fallen.— Ick hef ein schon en End toschmeten?" Der„Zweite" will sich drehen und über Bord schauen; da taucht schon die schottische Mütze des Neuen über Bord, und dann steigt er selber langsam an Deck mitten unter die anderen, die sich ge- sammelt haben. „Junge, Junge", sagte er,„is di bat Water kold",— und lacht und schüttelt sich. „Ja, wie kommen Sie denn da rauf?" fragt der Steuermann. „Ick hef enr en End toschmeten", sagt der Klotz. „Wat— en End toschmeten?— Op em Kopp hest du mi Tau- wark schmeten, as ick de Fallreep rop käm. En Glück, bat sie buiten Bords hing, und ick se to fassen kreeg!" Der Kapitän ist auch dazu gekominen. „Wie ist denn das zugegangen?" „Ja," sagt der Neue,„de Schäkel von de Fockschot war ja wohl entzwei gegangen, und aS ick dat End to fassen kriegen will, um et binnen Bords an de Reegling fest to niacken, da rit et mi he ja wohl ut de FingerS, und ick bin über Bord gangen." „Ach wat," sagt der Schwere verächtlich aus der Dunkelheit, „wenn ick dat nicht thon Hütt, war de Fock in Stücken gegangen I" „Junge," lacht der Neue,„dat hätt ick sehen mögen! Und nun schlippt dat anner End durch de Block, und dann hat et de Fock erst recht in Stücken I" „Schnack," sagt der Schwere,„da ist Eisen in dat End einsplißt, dat kann nicht durch". „Na," schaltet der Kapitän ein,„laß man gut sein, lassen Sie sich'neir Grog brauen und ziehen'Sie anderes Zeug an!" „■All right!" sagt der Neue,„dat is nich schlecht, Dank ok, Kaptckn," und geht zur Kombüse. Da steht auch der Schwere, und er sieht ihm zun: erstenmal in? Gesicht, das in dem Schein steht, der aus der offenen Küchen- türe kommt. DaS Gesicht hat dicke, rote Backen und über einer großen, fleischigen Nase liegen hinter blonden Wimpern die zwei Äugen; sie blicken starr und steif geradeaus, als nmsse sich der Kopf um sie bewegen. Der Mann ist groß und breit über der Brust, daß er den Oelrock kaum darüber geknegt hat. Der Neue sieht ihm einen Augenblick neugierig ins Gesicht, wie er beim Koch den Grog bestellt, der Schwere sieht ohne zu zucken, geradeaus. „Na," sagt der Schlanke dann zu dem Wcißmützigen,„dat Pulver hat de Klotz och nkch erfunnen!" lind aus der Dunkelheit lachen einige. Drauf geht der Neue ins Logis und zieht sich um. Grad' sitzt er mit seineir Füßen baumelnd auf seinem Kojenrantz und trinkt ein paar anderen mit dem Grog zu, den der Koch eben Hstracht hat, da kommt der Schwere zur Tür hereingestapft. Er bleibt flehen, guckt sich um und fragt einen:„Wo is de nü Matros, de über Bord fallen is?" „Da is he." sagt der, und guckt den andern, das GlaS in der Hand, aufmerksam«n—„wat willst Du von ihm?—* „Oh," der Schwere drauf,„ich will di man bloß en beeten an de Schnut hauen, von wegen dat Pulver ersinnen." Die Mannschaft lacht und weiß nicht, was sie davon halten soll. Aber der Neue kennt sich besser aus. Blitzschnell wirft er das GlaS zu Boden, und wie der Schwere mit erhobener Faust nach ihm springt, beugt er sich vor, schlingt den Arm um dessen Hals und drückt den dicken Kopf fest an sich, daß der andere kaum mehr schnaufen kann. Zugleich preßt er ihm den Stiesel in den Leib. Der Klotz stößt ein Gebrüll ans wie ein zorniger Seelöwe. Dann schweigt er und kämpft keuchend, den Kopf ans der Schlinge zu kriegen. Aber der Arm sitzt fest, und der Neue verfolgt still, waS der andere will. Der ist mit den schweren Stiefeln auf die Seekiste Heraufgekommen und beugt sich in den Kniekehlen, um nach oben zu fahren und den Kopf de? anderen gegen die niedare D�ke des Raumes zu stoßen. Wie er aber nach oben fährt, hat der den Kopf auf die Seite geworfen, und er rennt sich den eigenen Schädel gegen die Kante eines Balkens. Er taumelt betäubt zurück, das Blut rinnt ihm in Strömen auS den Haaren und er setzt sich schwer auf eine Seekiste. Von Zeit zu Zeit streicht er sich mit der Hand über den Kopf und betrachtet das rote Blut, das an ihr klebt. „Wat is dat," fragt ein Matrose,„hat he Dich stachen?" Der Neue hat seinen geschnitzten Tabakkasten hervorgenommcn und zündet sich seinen Kalkstummel an. „Nee," sagt er, eine Wolke rauchend,„dat hat he sich selb tan!" „Is dat wahr?" fragt der Matrose. „Ach wat," sagt der Schwere,„ick lveet nich, et ward ja wohl so sin." Er erhebt sich und tappt zur Tür hinaus. Der Neue und der Schwere kamen jeder auf eine andere Wache und hatten nicht viel miteinander zu tun. Aber an einem hellen Sturmtag bei Kap Horn hatten beide Wachen das Schiff, das vor den grünen Riesenwellen beigedreht hatte, über ein anderes Slag gelegt, und sie kamen doch miteinander ins Gespräch. Der eiserne Ring außenbords war nun an der anderen Fock- schote geplatzt und mit vieler Mühe, nachdem man erst das Segel aufgegeit hatte, war das andere Ende, so wie es seinerzeit der Neue hatte machen wollen, einstweilen innenbords an der Reeling fest» gemacht nevrden. „Kiek," sagte der Neue zu dem Schweren,„so wird dat ae- '«acht!" „Wat," sagte der und fuhr auf,„dat geht auch den annern Weg!" Mit einem Ruck warf er das eine Ende vom Nagel, sprang dann auf die Reeling, ergriff das andere Ende und warf fitme ge- waltigen Kräfte darein, sich weit hinten überbiegcnd. Das Kocksegel holte aus in dem Sturm, der aus einem weiß zitternden Strcisen des Horizonts wehte, und das Ende mit dem ein- gesplißtcn Eisen versing sich krachend da oben im Zipfel des.Segels, >vo der Block des Flaschenhalses hängt. Aber die Pratzen des Schweren hielten aus. Vielleicht hätte er's niedergezwungen; schon schivaug sich der Nene, dem Augenblick gehorchend, auf die Reeling, tun ihm zu helfen, da sprang da oben der Block in Stücke und daS Tauende schlüpfte heraus. Donnernd schlug das Segel in die Luft, und der Schwere, der nichts mehr zu halten hatte, fiel mit einem lleberholeu deö Schiffes ins Wasser. „Mann über Bord!" rief der Neue mit Heller Stimme und ergriff ein zusammengerolltes Taulverk. Der Schwere schwamm mit seinen roten Backen und seine» gerade blickenden Augen schier in gerader Linie mit der Reeling des tief überholenden Schiffes in dem grünen Wasser, keine zwei Meter von dem Neuen, auf die Bordwand zu. „Faß das End," schrie der Neue, und warf es nach ihm. „Wat," sagte der— und seine Auge» blickten geradeaus,„ick bruk Dill End nich!"— und er steuerte auf das Schiff zu, wo vielleicht die Fockschote noch über Bord hing. Im selben Augenblick holte das Schiff nach der andereit Seite über und verließ die Höhe dieser Welle. Der Schwere wurde vor den Augen des Renen hoch in die Höhe gehoben, als wolle er stracks mit seinen roten Backen und den gerade ansblickenden, hellen Augen in den Himmel fahren. Einen Moment hielt sich der Kopf dieses Secmenschen auf der Höhe der Welle, allen sichtbar, dann sah ihn niemand mehr. Der Kapitän kam vom Achterdeck nach dem Mittschiff, wo das Wasser in weißer Gischt hiit und her rollte. Das Focksegel knallte in seinen letzten Fetzen an der Raa. „Wie ist denn das zugegangen?" fragte er den Neuen. „Ick weet nich", sagte der,„er wollte ja wohl de Fockschot fest- halten, und da siel he von Bord." Warum wir Obft essen. Eine furchtbar simple Frage das: warum wir Obst essen! Weil's unS eben schmeckt! lind dannt haben ivir eigaiitlich schoir eine ganze Menge über die Rolle des Obstes auf unserem Speise- zeltel ausgesagt. Und zwar, daß das Obst ein Genußmittel ist, das, ganz unabhängig von seinem direkten Nährwerts Bedeutung für unS hat. Die Gcnnßmittel haben in unserer Zeit, wo die Menschen in der Großstadt der Natur ganz entfremdet worden sind, wo sie stet? wieder appetitanregender Speisen bedürfen, eine ganz außererdent- lichc Bedeutung gewonnen. Man kann sage», daß wir eigentlich dauernd auf der Suche nach Nahrungsmitteln sind, die dnräi Appetit anregende Eigenschaften ausgezeichnet sind. Die ganze Fleischfrage z. B. kann in ihrer Bedeutung nur erfaßt werden, wen» ivir die Tatsache berücksichtigen, daß das Fleisch unseren Appetit an- regt und daß eben daruni in der modernen Großstadt ein großer Bedarf nach billigem Fleisch vorhanden ist. Zu den Nahrungsmittel» nun, die ebenso wie das Fleisch gleichzeitig Genußmittel sind, gehört auch das Obst. Der Gehalt an Pflanzensäuren und an Zucker ist es, der das Obst schmackhaft macht. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß das Interesse weiterer VolkSkreife für das Obst im Laufe der nächsten Jahre sehr zu- nehmen wird. Und es muß die Aufgabe derer sein, die Einsicht genug in diese Verhältnisse haben, dazu beizutragen, daß das Ver- ständniS weitester Volkskreise für die Bedeutung, die dem Obst in unserer Ernährung zukommt, gehoben wird. Indem das Obst unsere Speisen schmackhafter macht, befördert es die bessere Ausnutzung dieser Speisen. Nehmen wir ein Beispiel. Wenn wir zum Beispiel durch Zwetschen, die wir als Zutat zum Reis genießen, die Rcisspeisc schmackhafter gemacht haben, so haben wir damit in Wirklichkeit mehr von dem Reis in den Kreislauf der Stoffe in unserem Organismus aufgenommen, als ivenn wir den Reis allein gegessen hätten. Denn das gut schmeckende Obst hat unseren Appetit angeregt: daS heißt es hat sich ans den VcrdauungSdrnsen mehr Berdauungssaft ergossen, der nun der Verdaiuing des ReiseS zugute kommt. Je mehr und je besser von der gegesfenen Speise verdaut wird, desto mehr kann aber von der betreffenden Speise vom Organismus aufgenommen und in seinem Stoffhaushalt verloertet iverden. Diese Momente sind es. die dem Obst seine große Bedeutung als Zutat zu allerlei Speisen geben. Eine Hausfrau, die für gutes Obst im Speisezettel sorgt, treibt keine unniitze Vcrs-bwendnng, wie man bei oberflächlicher Be« trachtung glauben könnte, sondern sie sorgt mit der Obstbeilage dafür, das; die verabreichten Speisen in möglichst vollkommener Weise vom Organismus ausgenutzt werden. Die Art, in der uns das Obst als appetitlich-anregendeS Mittel auf unserem Speisezettel entgegentritt, ist überaus mannigfaltig. Da ist das Gelee, das uns das Butterbrot zum Morgenkaffee schmack« hafter machen soll, die Obstbeigaben zum Fleisch, namentlich wenn daS Fleisch schon zur Bereitung einer Suppe gedient und von seiner Schmackhäftigkeit eingebüfet hat, die Obstbeigaben zu kohlehydrat« reichen Speisen, zum Beispiel zu Reis und zahlreichen Mehlspeisen, die Kompotte, die im Anschluß an eine Fleischspeise gegeben werden, oder die Obstmuße als Nachspeise. Wie vielgestaltig aber auch im einzelnen die äußere Aufmachung der Obstbeigaben sein mag, stets ist es in letzter Linie die Anregung unseres Appetits, dw — wenn auch ganz unbewußt— von der Küche mit ihr er- strebt wird. Wir haben schon oben darauf hingewiesen, daß die Bedeutung deS Obstes auf unserem Speisezettel in Analogie zu der des Fleisches zu stellen ist. Denn das Obst ist eben wre das Fleisch ein wohlschmeckendes Nahrungsmittel, d. h. es besitzt einen selbständigen Nährwert, der unabhängig ist von der Bedeutung deS ObsteS al« eines Genußmittels. Greifen wir auch hier wieder zu einem Bei- spiel. Ein Apfel, von dem vier bis fünf Stück auf ein Pfund gehen, enthält beinahe neun Gramm Zucker, ungefähr so viel, als in zwei großen Stücken Würfelzucker enthalten ist. Dann kommt ja noch der— wenn auch geringe— Eiweißgehalt deS Obste» hinzu. Mit zwei bis drei Aepfeln haben wir so viel Zucker aufgenommen, al« wir insgesamt Zucker zu unserem Morgenfrühstück brauchen. Namentlich das durch Backen, Kochen und mechanische Verarbeitung veränderte Obst kommt wegen seines Nährwertes in Betracht, weil von so hergestellten Obstspeisen viel mehr verttagen und gegeffen werden kann, als von rohem Obst. Die Bedeutung des ObsteS, wenn auch nicht eines jeden Obstes, geht über das bisher Betrachtete noch hinaus. Und zwar kommt manchen Obstsorten eine große Bedeutung als Genußmittel zu, die wir nicht wegen ihrer Beziehungen zum Appetit, sondern wegen ihrer Wirkung auf den Allgemeinzustand unseres Organismus schätzen müffen. Wir haben hier die Wirkungen im Auge, die z. B. dem Alkohol, dem Kaffee und dem Tee zukommen. Diese Mittel wirken anregend(der Alkohol nur zu Beginn) auf unser Nerven- shstem. Und so beeinfluffen diese Mittel unseren ganzen Allgemein- zustand. DaS Obst nun enthält keine Stoffe, denen etwa eine aus- Sesprochene spezielle Wirkung auf daS Nervensystem zukäme, aber eS at doch die Fähigkeit, unseren Allgemeinzustand sehr zu beeinflussen und zwar, indem er unseren Durst stillt. Wir wollen hier wieder von einem geläufigen Beispiel, vom Apfel, ausgehen. Ein Apfel, der Ivo Gramm wiegt, enthält etwa 8S Gramm oder Kubik- zenttmeter Wasser. DaS ist so ziemlich ein Weinglas voll Wasser. Aber nicht einfach Wasser: eS ist versüßte» Wasser, dessen Geschmack noch durch die Pflanzensäuren, die in allen Pflanzen enthalten sind, verbessert ist. Man denke nur daran, daß lvir uns aus dem Saft der Zitrone(=-- eine Lösung von Zitronensäure) ein durststillende? Getränk herstellen, indem wir den Saft mir Waffer stärker verdünnen und noch mit Zucker versüßen. Wen» wir einen rohen Apfel cffen, so nehmen wir in ähnlicher Weise eine Lösung von Aepfelsäure, die durch den im Apfel enthal« tenen Zucker versüßt ist, auf. Die durststillende Wirkung ist nament- lich ber den sehr saftigen Obstsorten ausgesprochen. So z. B. bei der Apfelsine, bei den befferen Sorten der Birne und beim Pfirsich. Die Zitrone kann nicht roh gegessen werden, leistet aber ausgezeich- uete und immer mehr Anerkennung findende Dienste bei der Ver« dünnung mit Wasser. Leider lvird die Bedeutung des ObsteS als eines durststillenden Mittels heute noch viel zu wenig gewürdigt. Zum großen Teil liegt daS allerdings daran, daß gutes Obst verhältnismäßig teuer ist, und daß darum die meisten Menschen eS vorziehen, ihren Durst mit Hilfe «neS Glases Bier zu.löschen". Man kann sagen, daß heutzutage die ganze Erholungsorganisation(Wirtshäuser, Tanzboden, AuöflugS- Parks, VcrgnügungSlokale usw.) ökonomisch auf dem Verttieb des Alkohols basiert ist. ES ist daS ein Punkt, der in der Bekämpfung de? Alkoholismus vielleicht doch nicht die gebührende Berück- fichtigung erfährt. Würde z: B. der Milch-, Kaffee-, Tee- und Obst- vertrieb auch nur annähernd so organisiert sein wie der Alkohol- vertrieb, namentlich der Vertrieb de» BiereS, so würde dadurch dem Alkoholkonsum ein ganz gewaltiger Abbruch getan werden— zugunsten der anderen Genußmittel, denen nicht die verheerende Wirkung des Alkohols zukommt. Sehr zu begrüßen wäre es, wenn alle lloternehmungen, die den Betrieb von Milch und alkoholfreien Getränken(.Milchhäuschen" und ähnliche) auf öffentlichen Plätzen und Straßen vermitteln, auch den Vertrieb guten ObsteS übernehmen wollten. Gewiß muß auch beim Genuß von Obst Maß gehalten werden. Ein lleberfluß ist auch hier dem OrganiSmuS schädlich. Aber von chronischen Krankheiten, die etwa durch den Obgenuß mitbedingt würden, kann gar keine Rede sein. In Betracht kommen auSschließ- lich akute katarrhalische Erkrankungen deS Verdauungsapparates bei Leuten, die aus anderen Momenten heraus zu Verdauungsstörungen neigen. Aber auch diese katarrhalischen Erkrankungen stellen sich in der Regel nur bei Genuß rohen ObsteS, beinahe niemals bei Genuß von Obstmusen ein. Und noch mehr: dem Obst kommt die Rolle eineS ausgezeichneten Mittel« bei der Behandlung mancher Ver- dauungsstörungen zu, so der chronischen Verstopfung. Hier kann der Arzt nicht zur Anwendung stark wirkender Abführmittel greifen, da bei der chronischen Verstopfung ein ziemlich dauernder Gebrauch von Mitteln, die den Stuhlgang befördern, in Betracht kommt. Darum müffen hier schwächer wirkende Mittel benutzt werden, z. B. ver« schiedene Obstsorten, namentlich der Apfel in Formt des Muses. Ueberblickt man übrigens den.offiziellen" Arzneischatz deS Arztes, der ihm bei chronischer Verstopfung zur Verfügung steht, so spielen auch hier pflanzliche Stoffe die erste Rolle. Manche von ihnen, zum Beispiel Rhabarber, sind sogar zugleich„Arzneimittel" und .Hausmittel". Alles in allem: wir essen daS Obst, weil eS uns gut schmeckt und weil eS damit die Verdauung und Ausnutzung der Speisen befördert.„Gut geschmeckt— gut verdaut' können wir hente mit demselben Recht sagen wie man gut gekaut— gut verdaut" zu sagen pflegt. Und außerdem ist da« Obst ein Nahrungsmittel, das manch- mal einen beträchtlichen Nährwert besitzt. Und ein richtiges Genuß- mittel, daS namentlich wegen seiner durststillenden Wirkung zu schätzen ist. Und schließlich gar ein ausgezeichnetes Mittel zur Be- kämpfung der so ungemein verbreiteten chronischen Verstopfung. _«. Lipschllv. Kleines feuilleton. Aus dem Gebiete der Chemie. Gasförmiger Kohlen st off. Der Kohlenstoff ist da» einzige Element, da« bisher nur in fester Form aus der Nawr bekannt gelvesen ist, und zwar als schwarze Masse im Graphit und als schöne kostbare Kristalle im Diamant. Alle Versuche, den Kohlen« stoff in einen flüssigen oder gasförmigen Zustand überzuführen, sind mißlungen. Wird reiner Kohlenstoff verbrannt, so verflüchtigt er sich nicht als solcher, sondern als Kohlensäure. ES scheint nun aber, als ob die Naturwiffenschaft auf den Gebieten der Physik und Chemie jetzt völlig umgewälzt werden soll, nachdem die Radiumforschung dw bisherigen Grundlagen der Elemente in» Wanken gebracht hat. Eine überraschende Entdeckung reiht sich an die andere, und so ist jetzt auch der gasförmige Kohlenstoff zur Tatsache geworden- Einer der tätigsten und erfolgreichsten Mitarbeiter von Profeffor Ramsay, Norman Collie, hat jetzt nach einander zwei Vorträge in Gemeinschaft mit Doktor Patterson vor der chemischen Gesellschaft in London gehalten, die unter anderen verblüffenden Neuigkeiten auch diese gebracht haben. Daß ein Stoff, der früher als Element und daher als unzerlegbar gegolten hat, sich in andere Stoffe verwandelt, ist seit einigen Jahren fast zu etwas Gewöhnlichem geworden. So hat denn auch Profeffor Collie zunächst nachgewiesen, daß die beiden Elemente Helium und Neon aus Wafferstoff erzeugt werden können, wenn man durch dies Gas eine kräftige elektrische Entladung hindurch leitet. Der Erfolg diese» Experiments ist durch unzählige Wiederholungen völlig sicher gestellt und auch von anderen Forschern bestätigt worden. Eine höchst bedeutsame Ergänzung erfährt nun dieser Vorgang durch die neuesten Versuche. Wenn die elektrische Entladung in einer'mit Wafferstoff geftilltcn Röhre lange fortgesetzt wird, fo nimmt die ursprüngliche Menge von Wafferstoff, wie nach jener Aufklärung zu erwarten ist, stetig ab, weil eben andere Gase ent- stehen. ES bleibt aber nicht bei der EntWickelung von Helium und Neon, sondern die Forscher haben nun auch ein eigenartige» GaS in den Röhren entdeckt, deffcn Spektrum durchaus mit dem des Kohlenstoffs übereinstimmt, also auch für nichts anderes gehalten werden kann. Wird dies KohlenstoffgaS weiterhin in Berührung mit Quecksilber der elektrischen Entladung ausgesetzt, so verschwindet eS vollständig. In dieser Hinsicht und anderen ähnelt eS dem rätsel- hasten Stoff, den zuerst Professor I. I. Thomson entdeckt und mit der Bezeichnung X8 belegt hat. Um jede» Bedenken auszuschließen, daß etwa die Entstehung von Helium und Neon in den Wafferstoffröhren auS dem Metall der Elekttoden herstammen könnte, hat Profeffor Collie mit seinem Mitarbeiter weitere Experimente mit Röhren ohne Elektrode» ausgeführt, und auch in� diesem Fall sind durch starke oszillierende Entladungen in einer um die tvafferstoffhaltige Röhre gewickelten Drahtspule sowohl Helium al» Neon erzielt worden. Damit ist daS letzte Bedenken gegen die Zuverlässig- kett de» Versuchs beseitigt worden. Ein ander«? außerordentliche» Ergebnis hat der Physiker bei der Prüfung des Metalls erhalten, daS während der elektrischen Entladungen in der Röhre von der Elektrode abgesprungen war. In diesem Metall fand sich immer ein Stoff, der scheinbar Schwefel war. Bei der Auflösung in Säure nämlich gaben die verschiedenen für die Elektroden benutzten Metalle, und zwar Kupfer, Magnesium, Platin und Palladium mit einer Lösung von Bariumchlorid einen weißen Niederschlag. Nunmehr ind also al« Verwandlungsprodukte de« WafferstoffeS schon vier andere Elemente nachgewiesen worden, und zivar außer Helium und Neon auch ein gasförmiger Kohlenstoff und Schwefel. Da die größte Sorgfalt darauf verwandt worden ist, diese vier Elemente nicht etwa vor Beginn de» Experiment» in die Röhre gelangen zu laffen, so kann ihr spätere» Erscheinen vorläufig nicht anders als durch die Verwandlung des Wasserstoff» erklärt werden._ Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwär:eBuchdruckcreiu.VerlagSanstaltPaulSingerL-Co.,BerlinL>V.