Interhaltimgsblatt des vorwärts Nr. 133. Freitast, den lt. JuÜ. l9t3 39] Das entfeffclte Schichfal Roman von Edouard Nod. Herr Rutor beneidete diese kräftige Sicherheit, diese Festigkeit de? Gewisse»?, das kein Zweifel erschütterte, dieses schrankenlose Vertrauen zu den geistigen Waffen. ..Glauben Sie nicht an den persönlicl>en Eindruck?" warf er zögernd ein.„Verstehen Sie. einen sehr starken Eindruck. den man nicht rechtfertigen kann, der aber dein Attfchem tviderspricht. der Verdachtsgriinde in nn? übertönt." Ueberrascht rief Herr RabiuS: ..Aber nein, nein! Solche Eindrücke sind die fiirchter- lichste Versuchung I DaS ist eine böse Beeinflussung. Manchmal. im Beginn meiner Laufbahn, spürte ick, sie. Aber jetzt kenne ich sw schon lange nicht mehr." „Jedoch wie schrecklich ist es. wenn liWUl sich sagen mich. dofc man bielleicht an einem tragischen Irrtum mit die Schuld trägt." „Das mich man sich auch nicht sagen... das in ich man nicht... Eine zu schüchterne Gerechtigkeit würde die Misse- tat ermutigen...". Mit diesen Worten schüttelte Herr RabiuS seinem stol- legen die Hand und entfernte sich in seinem automatenhaftcn Schritt, mit ruhigem Lächeln auf den Lippe», den Arm steif über die schwere Mappe, die er trug. Herr Rntor ging den Quai entlang und stand manchmal vor den Karren der fliegenden Buchhändler still. Der lebte Satz seines Kollegen verfolgte ihn: Eine zu schüchterne Gc- rechtigkeit würde die Missetat ermutigen. Da? Prinzip war richtig, aber es war nicht dieses Prinzip, es war eine materielle Tatsache, welche der Grund des Prozesses war. Es hau- delte sich nicht darum, zu wisse», mit welchem Grad von Ge- witzheit der Angeklagte für schuldig gehalten werden konnte, sondern festzustellen, das; Lionel Lermantes den General de Pcllice absichtlich getötet hatte. Nach dreitägiger Debatte war diese Frage nicht geklärt und seine Gedanken wehrten sich ennattend, sie klären zu wolle». Um die Müdigkeit zu be- zwingen, ging er»veiter, schon oft hatte ilmi ein Spaziergang in solchen Stunden geholsen, in unklare Gedanken Klarheit gebracht. Er schlug eine sckuiellere Gangart ein. ging wieder bis zu Pont de la Concorde zurück, durch die Avenue des Champs-Elysö? bis zum Etoile und nahm sich dort eine Droschke, um nach Hause zu fahren. Während def ganzen Zeit vermied er es. au Lermantes zu denken und lieh sich durch das Getriebe um ihn herum ablenke». Als er in da? Haus trat und an dem Salon vorbeikam, hörte er seine Tochter ein Prätudium von Chopin spielen, das er nickt mochte. Er ging in sein Arbeitszimmer. Der Spaziergang hatte seinen Nerven toohlgeta», und er nahm sich die Akten wieder vor. Er sastte: Ich will sie nocki einmal ganz durch- arbeiten, ohne mich mit d'Entraques beiden Aussagm zu beschäftigen. Aber bald sah er ein. dasi diese Me- thode unausführbar war. War eine oder die andere falsch, ivareii sie beide falsch— sie waren für ihn der wichtigste Punkt gewesen und»venu er diese» auS- merzen wollte, kehrte er ihm immer doch wieder in das Gedächtnis zurück. Die Aussagen waren die Basis für die Ilnterfuchung gewesen, auf ihnen hatte das Verhör der Präsidenten beruht, und Herr Rutor hatte dm ersten Entwurf seiner Rede auf die Zeugnisse gebaut. Er hörte die Klingel zum Abendbrot rufen, zwei Swiiden waren verflossen, und er war nicht einen Schritt weiter gekommen. Ohne es sich zn einer absotuten Regel gemackit zu haben, sprach Herr Rutor von seinen beruflichm Angelegenheiten z» Hause fast gar nicht. Sie behandelten zu häufig Dinge, die nicht dazu angetan waren, günstig auf den Geist eines jnngm Mädchens zu wirken, und der Staatsanwalt wollte seine Anne- Marie vor dein Kontakt mit allen niedere» Jnkecessen be- tuahre». Sie war sechzehn Jahre. Es war ein reizendes, aber von der Natur stiefmütterlich behandeltes Kind. Sie konnte nur mit einer Krücke gehen, ihr rechtes Bein war fast lahm. Aber sie hatte ein entzückendes Gesichtchen, rosig frisch, von einer Fülle berrlichcn HaareS umgeben. Die vollkommene Schönheit ihres Antlitzes, der leuchtende Teint, der Ansck)ein strahlender Gesundheit, den sie in der Ruhe erweckte. regten denselben Anteil, den man vor einem schönen, imvoll- endeten Werke empfindet. Wie alle kranken Kinder war auch sie verzärtelt und verwöhnt, hätte sich wie eine einsam hliiheiide Blnme entfaltet, fast ohne mit der Welt in Be- rührmw zu kommen. Sie stellte sich die Welt auf ihre Weise vor nach den Büchern, die man ihr z« lesen gestattete. Vorsichtig hatte man unter de» einwandfreiesten und fardlosesteu für sie gewählt. Aber sie genügten nicht wehr, ihre Phöiitasie zu crrme», an deren rascher Entwickei.mg Niemand teilnahm. Denn ihre Multer war denkfaul und konnte ihr nicht folgen. In der Zärtlichkeit, die sie ihrem Vater widmet«, lag schlich« lerne Und fiirchsaiiie Sorge. Ihre unendlich zarte Seele fürchtete tausend Gefahren für ihn. die sie durch seinen Beruf für ihn ahnte. Ein Beruf, von dem sie sich keine Vorstellung machen konnte, außer das, er die Züchtigimg de?. Verbrechens zum Inhalte hatte. Der Gedanke an den Has;, den er erzeugte, war ihr unerträglich. Das Wort„juridischer Irrtum" ge- nügte, ihr Fieber zn veriirsächeii. Ihr sciraudeindes Gewi sie» fürchtete ihn. Bald mutmaßte sie die Rache eines Uebeltätrrs und stellte sich voll Erregung die Szene dar. in der er durch eine Kugel oder einen Dolchstich getötet würde. Oft bildete sie sich ei», das, er das unfreiwillige Justriimeut eines dieser tragischen Irrtümer werden könnte, die sie entsetzen: so öfs- »ete eine inierklärliche Herzciisangst ihre unschuldige» Angeu über die Ungerechtigkeit und de» Schmerz, welche die Welt verwüsten. Die Ansmerksamkeit für den Prozeß Lermantes war eine so allgemeine gewesen, das, sie ihr Nickt entgehen konnte. Von Anfang an hatte Amie-Marie ein Gefühl dumpfer Beklemmung. wenn sie davon spreckwn hörte. Au dem Tage. an dem Herr Rutor z» Hanse erzählte, daß er die Mission empfangen habe, gegen Lermantes als Ankläger zu fungieren, war sie leichenblaß geworden und hatte ilmi einen entsetzten Blick zugeworfen. Vielleicht hatte er eS gemerkt, vielleicht war die Erregung seiner Tochter ähnlich der, die ihn jedesmal bcschlich, wenn er da? Aktenbnndel össnete. Dielleicht bestärkte sie die innere Skimme, die ihn mahnte, und die seine Ver- minft nicht ersticken konnte. Er hatte von dem. was in Ver- sailles vorging, nicht ein Wort gesagt. Und doch fühlte er. daß seine Tochter deshalb nicht jchlies. Da? Malst verlief schweigsam. Herr Rutor grübelte weiter»nd verlvirg seine Sorgen nicht Von Zeit zu Zeit siel ein gleichgültiges Wort. Als e? Erdbeeren zum Nachtisch gab, sagte Frau Nukör: „Sic sind gut." Herr Rutor aß die letzten und bestätigte: „Ja, sie sind gut." Er verweilte im Zwiespalt, ob er fei» Herz öffnen oder seine heimliche Angst für sich behalten sollte. Von Zeit zn Zeit begegnete er dem fragenden Blick Aiinc-Maries. Er wandte die Augen ab. „Du siehst heute so abgespaniit ans?" fragre Fran Rutor mit ihrer sanfte» Stimme. Er antwortete: ..ES war sehr beiß in Versailles." A«ne-Marie erriet, daß diese Anspielung auf den ickrtW- benden Prozeß den geheimen Wunsch offenbarte, davon zu sprechen. „Papa!" rief sie.„u>aS werdet Ihr mit diesem Unglück- lichen mackrcn?" Da er nur mit einer erstaunten Betvegmig aisttoortete, fuhr sie fort: „Ich hatte solche Angst, daß Du beute schon Deine» An- trag stellen müßtest, Papti. Ich fühlte, daß Dn sehr streng sein würdest, und es ist doch alles so unklar.. „So i-nklar... Folgtest Du den» dein Prozeß in den Zeitungen?" „Ich verfolge alle Prozesse, in denen Du sprechen mußt, Papa." Er versuchte z» lächeln. „ES wäre mir angenebmer, wenn Du es nicht tätest," sagte er.„UebrigenS versteht man sie nach diefeu Berichten schlecht. Warum fürchtetest Du, daß mein Antrag heute zu früh kommen könnte?"- „Ich crVöartfte irgend etwas, Papa, irgend etwas, was die Wahrheit ans Licht bringt." „Es ist etlvas geschehen,-aber die Wahrheit ist darum �chr geklärt." Herr Rntor sah seine Frau und seine Tochter abwechselnd Mi.„Sffiifet Ihr Bescheid?" „Ja," sagte Frau Rutor,„wir haben soeben die Abend- Leitungen zusammen gelesen." Es war ihm etwas peinlich, sie wegen einer Angelegen- heil, über die er sich selbst zu urteilen vorgenommen hatte, zu befragen, doch sprach er trotzdem und blickte seine Frau an: „Welchen Eindruck habt Ihr von allem empfangen?" „Tu sagtest mir oft, daß man manchnial gezwungen ist, 'ohne bestimmte Beweise zu urteilen, durch eine Summe von Lernmtungen geleitet. Aber trotzdem scheint mir, daß man »s hier mit einem Unschuldigen zn tun hat." „Weshalb glaubst Du das?" fragte er. „Ich kann es kaum erklären. Es ist eine Art Erkenntnis. Nein, ich könnte keine Griinde angeben, weshalb ich mich zugunsten Lermantes' entscheide. Mein Gefühl leitet mich. Muß man nicht manchmal seinem Instinkt trauen?" Herr Rutor dachte an seine Unterhaltung mit Herrn Rabius und sagte: „Man muß immer ans seiner Vernunft urteilen." Auf Anne-Maries ausdrucksvollem Gesicht hatte man Selesen, wie sie den Antworten ihrer Mutter zustimmte. Sie hielt sich nicht länger und rief mit einer Art Begeisterung: „O Papa... Der andere log, dieser d'Entraque, man hat es so deutlich gefühlt... Und Lermantes hat immer die Wahrheit gesagt... Du hast ihn so nahe gesehen, Du mußt es besser wissen... Aber selbst aus der Zeitung konnte nian den Klang der Wahrheit heraushören." „Kind, wie willst Du, daß man solchen Eindrücken nach- gibt. Sie täuschen oft, die Missetäter sind schlau... Wenn Du sie selbst bei ihrer Verteidigung sehen würdest, wüßtest D», wie man ihnen mißtrauen muß." „Ich denke auch, daß sie tun, was sie können, um ihre Richter zu täuschen. Aber ist es nicht besser, hundert Schuldige frei zu lassen, als einen Unschuldigen zn verdammen?" tFortsetzung folgt.j, Die Verfuebun�. Von E. B a I d a in u S. .Marie, Marie 1" Den Ton auf die letzte Silbe gelegt und sehr aufgeregt wurden diese Worte von der„Gnädigen" hervor- gestoben. Sie stand aus dem Korridor an der Treppe, die zu der Souierrainlüche hinunterführte. Dieser Ruf galt ihrem Mädchen. Unten hörte man Stuhlnicken, klappernde Absätze auf dem Siein- suhboden; dann wurde die Tür geöffnet und die Treppe hinauf schallte ein fragendes„Gnädige Frau?" „Marie, denken Sie sich nur einmal, ich muß meine neue silberne Schmucknadel mit dem großen Amethyst in der Mitte verloren haben, Ich bin heute gegen abend draufjen im Garten gewesen und dann unten durch den dunklen Gang und die Küche diese Treppe heraus- gegangen. Wenn Sie morgen früh fegen, achten Sie doch einmal daraus." „Jawohl, gnädige Frau," dann das Klappern zweier Türen, oben verhallende Tritte, unten wieder klappernde Absätze aus dem Steinsußboden, und dann lautlose Stille. Marie satz am Küchentisch, aß Abendbrot und las ein paar alte Zeitungen beim spärlichen Schein einer Blenderküchenlampe. Sie war allein, die Köchin ivar ausgegangen. Sie vertiefte sich wieder in die„Vermischten Anzeigen". Nach einem Weilchen ließ sie das Blatt sinken und starrte gerade au«. Sie dachte nach und ihre Ge- danken begannen zu wandern, standen vor ihr auf, lösten sich von ihr las und bekamen Leben. Also diese Nadel hatte fie verloren, die ihr ihr Mann erst neu- lich von der Reise mitgebracht hatte. Eine schmale, feine, silberne Schleife mit einem großen, wundervollen Amethyst in der Mitte. O, sie kannte sie genau, sie hatte sie schon immer bewundern müssen, so einfach, so schlicht sah sie aus. Die Gnädige trug sie immer, um auf ihren Hemdblusen den Selbstbinder festzustecke». Ohne Zweifel, das sah sehr schön aus, eine einfache Hemdbluse, ein einfacher Schlips und darauf als ein- ziger Schmuck die Nadel mit dem Amethyst. Sie trug auch gern solche Hemdblusen, sie sahen so einfach aus, so schlicht und nett, aber eine solche Nadel zum Festhalten des Schlipses hatte sie nicht, sie hätte auch so gern«ine gehabt, hatte aber kein Geld dazu, sie mußte sparen, sie wollte heiraten. Von den 18 M. Monatsgehalt durfte nur das notwendigste abfallen, das andere mußte sie zurück- legen. Sie wollte sich eine kleine Ausstattung laufen, um nicht mit allzu großen Sorgen in die Ehe zu treten. Sie und ihr Bräutigam sparte», und doch wie so gerne hätte sie manchmal dies oder jenes gehabt,«in wenig Schmuck, ein wenig Sonnenschein für das Leben. ES war auch gar nicht viel, was man manchmal zum Putzen und Freuen brauchte, ein Schleifchen hier, ein Spitzchen dort, und das sah dann gleich so nett aus, und wie würde sich der Bräutigam freuen, wenn er sie immer neu und als geschmackvoll be« wundern konnte. Sie seufzte. ES kostet alles Geld, und wie schnell waren da so ein paar Mark ausgegeben. Und wenn sie vorwärtskommen wollte, so durfte fie von dem, mit dem gesamten Aufwand ihrer physischen und geistigen Kräfte verdienten Lohn wenig für sich gebrauchen. O wenn fie doch mehr verdiente, so daß sie doch sagen konnte: Dies soll zum Verbrauch deiner persönlichen Be- dürfnisse sein. Im Grunde genommen, verdiente sie nicht mehr, hatte sie nicht Anspruch auf mehr, gegenüber der Verantwortung, die auf ihren Schultern lag? Der Hausherr, was verdiente er, im Vergleich zu ihr, und er arbeitete doch nur ein paar Stunden am Tage in seinem Bureau, und fie mußte den ganzen Tag und die halbe Rächt treppauf, treppab, und schließlich lag doch die Verantwortung für das Wohl- ergehen der Familie mit in ihrer Hand. Wenn nur mal einen Tag die Arbeit, die auf der Köchin und ihren Schultern lag, nicht getan ward, wie würde eS in dem kleinen Staate, Familie genannt, aussehen? Und wenn fie die Arbeit nicht tat, dann waren rS andere, aber die Arbeit blieb bestehen und ebenso ihre ungünstige Würdigung. Ja, das war wahr, sie hatte einen Anspruch auf mehr, aber wer wollte ihn verteidigen? Marie versenkte sich wieder in ihre alte Zeitungsnummer, doch sie vermochte ihre Gedanken nicht darauf zu konzentrieren, immer wieder tanzte ein Bild vor ihren Augen, eine einfache Hemdbluse, ein einfacher Schlips und die schöne Nadel darauf. Sie kräuselte die Stirn, preßte die Lippen fest aufeinander... nein.. fort... weit fort mit den Gedanken. Und doch hatte sie nicht ein Recht auf mehr, hatte sie nicht ein Recht, auch solche Sachen zu besitzen und sich darüber zu freuen? Ja, ein Recht hatte sie, und wenn es niemand verteidigte, so tat eS die Arbeit. Die getane Arbeit gab ihr das Recht, zu fordern. Sie dachte an ihren Bräutigam, er schränkte sich ein wie sie, um auch sein Teil zu der gemeinsamen Ausstattung beizutragen. Und woraufhin taten sie es? Auf Kosten der allgemeinen Lebensfreude. auf Kosten der Jugend, die nie wiederkam. Und was stand ihnen bevor? Nichts als Arbeit, Entbehrung und ungenügende Würdi- gung der Arbeit vorher und Arbeit und Entbehrung nachher. Und wieder trat das Bild vor ihre Augen: die schöne Nadel auf der einfachen Bluse. Ja, fie halte ein Recht, mehr zn fordern, aber sollte sie es sich denn nehmen? Nein, man sollte eS ihr geben. Marie versenkte sich wieder in ihre Zeitung, sie vermochte jedoch nichts zu lesen, imnier tanzte es wie Feuerräder vor ihren Augen ... die Nadel... die Iiadel. Und dort ganz hinten tauchte etwas in ihr auf. vor dem fie erschrak. Es toisperte, es lockte, es stand auf, es kam näher und sah gleich einer Schlange mit grün schillerndem, faszinierendem Blick sein Opfer unbeweglich an, es zermürbend, zer- reibend, verschlingend. Die Nadel, wenn... ja, wenn sie sie suchte... heute abend noch... nein, jetzt gleich... und fand... und doch nicht fand___ Marie rieb sich die Augen und sah sich verstört und hastig um, eS war ihr, als wenn jemand gesprochen hätte, nein, es war niemand da, eS hatte niemand gehört. Das Knistern rührte nur von dem Zeitungsbogen her, der ihr aus der Hand geglitten war. Ihr Blick fiel auf die Lampe. Wie, wenn sie... die Lampe dort... und draußen den dunklen Gang absuchte... das merkte niemand, sah niemand... wenn sie die fand... und morgen früh doch nicht fand? Sie fuhr auf, verstört, strich sich über Stirn und Gesicht, als wenn sie alles wegwischen Ivollte, doch die Gedanken waren grausam und hielten hartnäckig stand, ihr Opfer zermürbend. Und dann nächsten Sonntag, da ging sie aus... da konnte sie... ja. da konnte fie... doch erst mußte sie suchen... ja suchen, ob sie sie fand. Sie erhob sich, müde, schwerfällig und wie zerschlagen, streckte die Hand nach der Lampe aus... und... und... „Marie, Marie, kommen Sie schnell mal!" Die„Gnädige" rief es oben von der Souterraintreppe nicht minder aufgeregt als das erste Mal, doch klang ein heller Ton dazwischen. Marie fuhr erschreckt zusammen und strich die ins Gesicht gefallenen Haarsträhnen zurück. Die Hand fiel ihr wie gelähmt am Leibe nieder. Es war, als wenn eine Nachtwandlerin aufwacht. Sic folgte dem Rufe,' doch diesmal tönten die Absätze dumpf und schleifend auf dem Steinfußboden und müde und gebrochen das fragende„gnädige Frau?" „Marie, ich habe meine Nadel wiedergefunden, Sie brauchen morgen früh nicht zu suchen. Ich hatte sie heute nachmittag an der Schürze festgestcckt, die ich gerade trug." Durch Marie ging es wie ein Aufatmen, ein Strecken, ein Emporrichten, und leise klang es:„Jawohl, gnädige Frau." k)an9 pfitzner. DaS Elend des deutschen Schriftstellers und Dichters, der sich selbst treu bleibt, der seine Feder nicht dem kapitalistischen Verlegerring verkauft, der seine Ideen, seine Gestalten formt und bildet nach , einem eigenen Weltbild, unabhängig von Marktgängigleit seiner Hücker: dieses Elend ist grojz, historisch, tradilionell. Dieses Elend loird oft stumm gelitten. Ruhmlose Helden find seine Träger. Die am Wege sterben l Nur selten bricht ein lauter Schrei der Empörung Mirrf, das Gewühl des Alltags. Ick weist mir ein noch viel gröberes Elend als das Dickter- nd Schriftstellerelend. Das ist das Elend des deutschen ch assenden MusilersI Die Geschichte der deutschen Ton- aast— von dem Kunstpatrioten stets mit OberlehrerpathoS ge- oriesen— ist ein einziger Beweis dafür, dast sich musikaliswes Genie und Hunger reimen. Jeder Graste hat eine entscyliche Jeil hinter sich gehabt, viele sind, von der zwiefachen Flamme 'chaffender Begeisterung und darbender Not zu schnell ausgezehrt, m einem Alter gestorben, wo der Bourgeois und Bureaukrat erst zu leben beginnt. Die Namen Beelboven, Mozart, Schubert, Weber, Cornelius, Lortzing, Wagner, Hugo Wolf, so leuchtend sie in der Geschichte deS enropäischen Geistes flammen, sie sind Schand- male sür die Nation, die gleickgültig diesen Schöpsern unendlicher Schönheit und Gröste gegenüberstand, die es in der Feudalzeit ehr« geizigen Fürsten, in der bürgerlichen Epoche reichen Kunstfreunden überliest, für die zu sorgen, deren Schaffen sie für überflüssiger empfand, als die ungestörte Produktion von.Konsumgütern"'. Die ausgleichende Gerechtigkeit verlangt, dast Idealismus und irdische Not im rechten Verhältnis stehen.»Luna- Walzer"- Kom- ponisten brauchen nicht zu darben. Aber der Schöpfer des„Armen Heinrich" mustte jahrelang als vierter Kapellmeister unbesoldet am Mainzer Stadttheater fronden. Doch halt, sein Lohn war ja die ab- gediente Uraufführung seines Lebenswerkes. Ick meine Hans Pfitzner, den idealsten deutschen Ton- dickter seit WagnerS Tagen. Wenn einer, so hat er das Elend deS schaffenden Musikers bis zur Neige auskosten müssen. In Berlin dl, in der bekannten Dachkammer, wo alle revolutionären Geister der Klier und vOer Jahre hausten, lebte auch er von Stuudengeben bei den zahlungsfähigen Dilettanten, lebte er von den, geistigen Zünd- stoff aufwühlender Gespräche mit den kommenden Männern der lire- rarischen Revolution, lebte er von den leidensvollen Gestallen aus dem deutschen Mittelalter, die der 24jährige als Berliner Bohsmc lWll in eine Opernpartitur bannte, die als Kunstdokument wie als Dokument einer tragischen Weltanschauung Wert behalten wird, wenn auch ihr Lebensweg an den Heuligen deutschen Operntheatern, die Wagner, Puccini und Rich. Straust fast restlos beherrscht, noch so doruenreich ist und sein wird. Ehe wir weiter auf PfistnerS Lebenswerk, denn das ist dieser so früh gelungene einzige groste Wurs sein Analogon in diesem Sinne zu Schillings.Jngwelde", zu MascagniS„Baucrnehre"), zi« sprechen kommen, mögen den Leser ein paar Daten an« Pfiyners Leben und Schaffen interessieren. Von deutschen Eltern wurde Psihner am 5. Mai 1869 in Moskau geboren. Sein eister Lehrer war sein Vater, der Musikdirektor und Geiger an» Frankfurter Stadttheater war. Hier wurde er Schüler am Hochschen Konservatorium, mit 23 Jahren aber schon Lehrer seiner Kunst an der Rkusikschule iu Koblenz. Schon 1893 gab er ein von der schwerfälligen Berliner Zunftkritik unbeachtetes Kompositions- konzert in Berlin, kam dann als junger Kapellmeister nach Mainz, Ivo Musiker wie Humperdinck, Batka, Steinitzer auf ihn aus- inerksam machten, und konnte dann 1898 als Lehrer am Stern- schen Konservatorium, später als Kapellmeister am Theater des Westens den heistcn Boden Berlins wieder betreten, den er— ein frühreifer Jüngling— enttäuscht, pessimistisch, mit dem unheilbaren Keim tragischer Erkenntnis und Durchdringung des SeinS, vor ivenigen Jahren verlassen hatte. Seine vielseitigen Fähigkeiten als schaffender Musiker, als Lehrer der Kompositionskunst und des dramatisch-musikalischen Vortragsstils, als Konzertdirigent und routinierter Thcaterkapellmeister, als feinsinniger Klavierspieler und Liederbegleiter fanden nur ganz sachte und allniählich Anerkennung bei den mostgebenden Stellen— nicht bei der grasten Massen der Neu- gieiigen, Lauen, Trägen und Oberflächlichen, die den eigentlichen TageS- ersolg machen können— und so erhielt Pfistner 1998 die Berufung nach Strastburg, wo er heute auf einem sür ernste deutsche Musik nicht ganz günstigen Boden wirkt als städtischer Opcrndirektor und Leiter des Konzertwescns. Endlich konnte er aufatmen, endlich war er materiell geborgen, endlich kamen Erfolge und Anerkennungen. Die Konzertsänger trugen einzelne limmer dieselben I) seiner schönen, lief empsundenen, den» Gedicht mit starkem, tonpoetischem Fühlen abgerungenen Lieder aufs Podium: die Kammermusikvereinigungen spielten seine Cellosonate, sein Trio, das Streichquartett, das graste Klavierquintett, lauter Schöpfungen, in denen ein echter Musiker Seelengebilde laut werden lästt, oft originell, genialisch, manchmal gequält grüblerisch, eigensinnig verbohrt, nie bereit zu Konzessionen an die musikalischen Philister und Normalbürger. An dramatischen Werten hat Hans Pfitzner, der kein Viel- schrcibcr ist, bis jetzt folgendes veröffentlicht: die beiden grasten Musikdrame»„Der arme Heinrich" und„Die Rose vom L i e b e s g a r t e n" jElberscld 1991 Uraufführung), das Weih- nachtsmärchcn„C h r l st e l s l e i n" iMünchcn 1999) und die in Konzertsälen öfter in Bruchstücken gespielten Bühnenmusiken zu Ibsens„Fest auf S o l h a u g" und Kleists„K ä t ch e n von H c i I b r o n n". Der Gestalt des zarte», traumscligen, im sinn- lich-übersiifnlichen„Trance" dem harten Ritter folgenden Kätchen verlieh er Züge voll Innigkeit und keuscher Lyrik, wie sie auch AgneS im Heinrich-Drama so rührend zeigt, Das Ideal des von Wagner herkommenden deutschen Mufik- dramatikcrs wäre es natürlich, in eigener Person Dichterkomponist, Szeniker und Vortragsmeijtcr seiner Erlösungsdramen zu sein. Pfitzner inszeniert seine Oper,: wohl selbst und ist auch ein vor- trefflicher Stillehrer, aber die Opernbücher hat er bis jetzt nicht selbst geschrieben. Das besorgte ihm James G r u n, ein an Wagners Heilslehre, an Wagners Stabreimen, an Wagners Ueber- schwang und schlechtem Deutsch, an Wagners mythischem Empfin. den, leider nicht an seiner unvergleichlichen Kunst des Baus, der Entwicklung, Steigerung und Höchstspannung einer Szene ge- bildeter Schotte. Er stand und steht aber in einem viel innigeren Verhältnis zum Musitdrama, zur Musik, zum Komponisten, als etwa der waschechte aber cngbegrenzte Wagnerianer Sporck zu Cyrill Kistler(Kunihild) und Schillings sJngweldc, Pfeifertag). Ja man kann sagen, es gibt kaum ein innigeres Seclenbündnis zwischen Wort- und Tonkunst als gerade im„Armen Heinrich". Unlösbar durchdringen sich hier zu einer höheren Einheit die dichte» rischen und� die musikalischen Elemente. Wo Grun dem Wort ge- danklichc'Schärfe gibt, grübelt auch der Komponist, wo er ihm freie Bahn läßt zu lyrischen oder leidenschaftlichen Entladungen, da schlägt die befreite Musik jubelnde und stürmische Wellen aus dem reichen, komplizierten Orchester und reißt wie in der groß- artigen Erzählung Dietrichs von der Alpen Herrlichkeit, von Jta- liens lachenden, sonnigen Fluren jeden fort, der Phantasie und Herz hat. Der Jbsen-Wägncrische Grundgedanke des Dramas ist: schon der Wille zum Opfertod erlöst. Die blonde zarte Agnes, des Knappen Dietrich Tochter, halb Kind noch, halb zur Liebe erwachte Jungfrau twie Kleists Kätche»), ist wie Senta, wie Elsa, das Symbol der deutschen Jungfrau, stets bereit, den Geliebten zu erlösen. Durch Hingabe, durch ihr Blut und Leben. Das macht ahnen und erschauern. Das gehört in romantische Ritterbücher und ins Wunderland der Oper. Im Leben, im merkantil-nüchternen zwanzigsten Jahrhundert des bürgerlichen Heiratsmarkts, gibts so was nicht mehr. Heute verstehen es die Jungfrauen und Halb- jungfrauen ganz gut, sich selbst zu erlöse». Aber als Vorlvurf für einen idealgesinnten 24jährigen Wagnerianer konnte dieser Stoff das Letzte, das Höchste an seelischer Empfindung und Lcidensselig. keit aus der Brust eines deutschen Komponisten reisten, der das Opfern und Leiden von Berufs wegen gewöhnt war. Die sogenannte Bühnenwirkung des Heinrich-Dramas? Sie beruht einzig auf dem dritten Akt, dem Akt des Wunders in Sa- lerno: Der willenskranke, im letzten Augenblick zur Besinnung von Agnes ungeheurem Liebcsopfcr gelangte Ritter reißt sich empor und fällt dem Arzt ins Messer. Hier werden auch die gepackt, die im Theater leider das bestimmende Wort führen, die Lauen und Gleichgültigen, die nur klatschen, wenn ihre Bedürfnisse nach „Handlung", nach sinnfälliger Bildwirkung, nach Jnstinktbefriedi- gung, kurz: nach Grobem, Aensterlichem gestillt wurden. Die die tiefsten Absichten des Künstlers immer übersehen und mistver- stehen. Die vielleicht der herrlichen, in schöner Ton-Plastik breit und stolz vorüberziehenden Dictrich-Erzählung im ersten Akt folgen können, aber der abgründigen Seelen-Mystik des zweiten Aktes gegenüber, der nichts wie den Opserentschlust Agnes den Eltern kündet, achselzuckend sagen:„Hier geht ja nichts vor!" Wo in neudeutscher Musik ist die künstlerische Ausdruckskraft, die unerschütterliche Ausdrucks Wahrheit des Schmerzes so groß und tief, so echt, so bohrend, so wühlend, vcrnichtungsseelig wie hier am Schmerzenslager des siechen Ritters aus dem alten Epos Hartmanns von der Aue? Wo, wenn nicht im Tristan, dem großen Vorbild auch dieses Erlösungsdramas? Gemäß seiner angeborenen, das trübe Weltbild sücht'gen Blicks umfassenden, tragisch-pcssimistischen Natur konnte Pfitzner, dem zuni vollkommenen Musikdramatikor vielleicht nur der Mangel straffer Konzentration fehlt(das trat auch in der romantisch-mysti- schen„Rose vom Liebesgarten" deutlich zutage), seiner„Senta" (Agnes), seinem„Tristan"«Heinrich), seinem„treuen Knappen Korwenal" lDietrich) schier unerschöpfliche Tränenfluten, breiteste Entladungen schmerzlichsten Fühlens auf den Lebensweg geben. Eine so ungeheure Intensität tragischen«Empfindens(wobei nur zu oft die Instrumente des Orchesters die Träger und Vermittler der Empfindung sind statt der Menschenstimme; Prinzip: Orchester- operl), daß es hier in der Tat wie oft bei Wagner auch«Szenen gibt, die durch die festgehaltene innere Spannung die Seele zer- malmen können. Die andere Seite der Medaille! Haben die ernsten deutschen Operbühnen eine moralische Verpflichtung den beiden Musik- dramen eines tragischen Idealisten gegenüber, gut, so mögen sie durchs würdige Aufführungen diese Verpflichtungen einlösen. Aber ich fürchte, sie werden es nicht tun. Die Geschichte des„Armen Heinrichs", der nirgends eine bleibende Stätte sand, lehrt das. Will man lieber das.«Original, de» Tristan, als die geniale Kopie hören? Will man keine Elcndsbilder auf der Opernbühne sehen? Ist es das Uebermaß an Pathos und Tragik, dessen man satt ist? Nietzsche, der große Kämpfer gegen alles Kranke, Müde, Ueber- kultivierte in der Kunst, rät in solchem Fall: schleunigst heimzukehren. Wohin? Zu menschlicheren Stoffen, zu schlichteren, einfacheren, gesünderen Musiken! Vk. til. Kleines Feuilleton. »««Mich- Kättr«o» VolkS-rnäkru»«. Die getvaMgc AuSdch- «uug und EntWickelung unserer großen Städte stellt auch die Stay- rungSmittelversorgung vor andere Aufgaben, als die Kleinstadt sie vot und bietet. Niesige Mengen von Lebensmitteln müssen in den BorraiSräumcn der Großstädte lagern, um das nicht gerade be- scheidene NahrnngSbedürfniS einer oft millionenköpfigen Bevölke- rung jeden Tag sicher und ohne Verzögerung befriedigen zu können. Und von diesen Nahrungsmitteln kommt ein großer Teil von weit her. häufig aus dem Auslande, ja sogar aus anderen Weltteilen. Satoohl die längere Aufbetvahrung als muh der Transport über größere Entfernungen einer so leicht verderblichen Ware, wie Lebensmittel sie im allgemeinen darstellen, wäre aber nicht möglich ohne eine ausgedehnte Anwendung der künstlichen Kälte, wie sie uns die Industrie heute zur Verfügung stellt. Ein interessanter Artikel in der..Umschau" zeigt uns. in wel- chem Umfange heute die Lebensmittelversorgung überhaupt und speziell die einer Stadt wie Berlin auf dieses Hilfsmiticl ange- wiesen ist. So ist Deutschland heute längst nicht mehr in der Lage. seine Eier allein zu erzeugen. Ein stets wachsender Prozentsatz der bei uns konsumierten Eier stamint aus dem AnSlande, vor allem aus Nußland, das im Jahre 1903 für 33 Millionen Mark dieser Ware nach Deutschland ausführte. Diese Eier müssen vor ihrem Verbrauch drei Kühlhäuser passieren, eins am Orte ihrer Sammlung, das zweite in den russischen Häfen, das dritte in den städtischen Zentren, in denen sie verbraucht werden. So lagern in de» Berliner Kühlräumen auf einer Fläche von 12000 Quadratmetern dauernd Eier im Werte von 1 Millionen Mark. Auch Butter beziehen toir in großem Umfange aus Rußland, das uns im Jahre 190? aus Sibirien 16 Millionen Kilogramm davon lieferte. In Sibirien wird die Butter mittels Sonderzugen. die aus Kühlwagen hergestellt sind und die sich aller 170 Kilometer aus längs der Bahn befindlichen Eislägern mit frischem Eis der- sehen, befördert. Berlin lagert auf 6000 Quadratmeter Fläche im Durchschnitt 100 000 Faß Butter im Werte von 10 Millionen Mark. An Geflügel lieferte unS Rußland 1908 für 14 Millionen Mark lebende und für 3 Millionen Mark geschlachtete Ware. Letztere kommt in gefrorenem Zustande zu uns und lagert bis zum Bcr- brauch in Kühlwagen. Auch einheimische? Wild und Ge- flu gel, das nur zu bestimmten Zeiten des Jahres geschossen wer- den darf, muß oft monatelang in frischem Zustande aufbewahrt werden, was gleichfalls nur in Kühlräumen möglich ist. In den Berliner.Kühlhäusern lagern jährlich zirka ISO 000 Hasen. 10 000 Rehe. 3000 Hirsche. 60 000 Fasanen usw. An Fischen beziehen ivir in gefrorenem Zustande Lachse auS Kanada und Sibirien, Zan- der und Störe aus dem Kaspischen Meere und außerdem die Fang- ergebnissc unserer Nord- und Ostseefischerei. Endlich ist auch noch da? Obst und Gemüse zu erwähnen. das uns aus denr Auslände, vor allem Kalifornien zugeht. Auch bei Versendung dieser empfindlichen Ware wird in ausgedehntem Maße die Kälte angewandt. Das kalifornische Obst z. B. kommt zu- nächst in ftflhlwagen nach dem Osten. Hier nehmen eS Kühlhäuser auf. aus denen eS dann in Kühlschiffen nach Europa verfrachtet wird. Kulturgeschichtliches. DaS Strafrecht der Junker in Mecklenburg vor hundert Jahren. Noch vor einigen Jahren beantragten die mecklenburgischen Junker im Reichstag die Einführung der Prügel- strafe. damit sie wieder wie ihre Vorfahren auf die für' sie arbeitenden Mitmenschen einhauen könnten, um sich damit ihr« Langeweile zu vertreiben. Bis zum Jahre 1310 konnte in Mecklen- barg im Gerichtsverfahren die rohe Gewalt zur Anwendung gebracht tverden. was nur allzu oft geschah. ES konnte bei den Gerichten und ttntergerichten.auf eine ungemessenc Zahl von Hieben" erkannt werden. Weiter war bestimmt:.Um die Wahrheit bei begangenen Verbrechen an den Tag zu bringen, kann eine sofortige Züchtigung bis zu 15 Rohrhieben von dem In- quirenten verfügt werden". Jedenfalls ist ein recht ausgiebiger Gebrauch von dem Prügelrecht der Junker gemacht worden, denn in einer speziellen Verordnung, die aus dem Jahre 180Z stammt, wird gesagt: „Ohne ausdrückliche Vorschrift unserer Landesgerichte ist n i c weiter als höchstens bis zu 50 H i e b e n zu gehen. Jlsr habt jedoch bei diesen Züchtigungen, welche in derRegel aufs Hemde vollstreckt werden, auf die körperliche Beschaffenheit zu sehen, mithin Weiber oder andere schwache Personen nicht weiter entkleiden zu lassen, als nötig ist. um ihnen die Strafe zweckmäßig fühlbar zu machen." So„richteten" also damals die brutalen Junker und Junker- söhnchen. Und gerade auf de».U n t e r g r i! i ch t e n' mag eS oft schauderhaft und blutig zugegnugeu sein. Wer sich dann in die nächste Stadt flüchtete und wieder eingcfangen wurde, ehe er Gc- legenheit zur tveiteren Flucht erhielt, ivurde zum Junier zurück- gebracht und nun erst recht gezüchtigt! Schließlich durften die dicken Kiwtenpeitschen nicht mehr genommen werden und auch „nie mehr als 50 Hiebe" gegeben werden, allein auch da hat man ..fünfe gerade" sein und ohne jede Kontrolle weiter drauf lo? prügeln lassen.„Zweckmäßige Peitschen ohne K n o- t e das ist auch heute noch daS Ziel der— ach so gerne prügeln- Verantw. Redakteur: Albert Wachs. Berlin.— Druck u. Vertag: den Junker und Junkergeuossen. An unerhört scharfen Urteile«, die im Lande Mecklenburg über das Proletariat verhängt ioerdeu, fehlt eS auch heutigentags bet den besser organisierten Gerichten nicht. Wahre Gerechtigkeit gegen alle Menschen bat eS bei den Junkern noch niemals gegeben und deshalb möchten sie auch die Prügelstrafe wieder einführen. Naturtvissenschaftliches. Ein« Gesamtdarstellung der Pflanzenwelt. Jen« ziemlich zahlreich vorhandenen Bücher, die da» gesamte Pflanzenreich der Erde in allen seinen Gruppen unid bis zu deren letzten Vertretern herab behandeln, sind für den Laien in der Regel ungenießbar, weil in dem Wust der Namen die Uebersichtlichkeit und die Anschaulichkeit mehr oder minder fehlt. Der riesige Stoff der- langt, um diesen Hauptfehlern abzuhelfen, ein mehrbändiges Werl und eine große Fülle nach der Natur hergestellter Abbildungen. Nach diesem Pläne ist Pros. Dr. O. WartburgS Werk„Die Pflanzenwelt"(Verlag des Bibliographischen JnstituiS zu Leipzig. 3 Bände in Halbleder gebunden zu je 1? M.s angelegt, dessen erster Band uns vorliegt. Auch bei diesem Umfang ist es noch nicht möglich gewesen, den Stoff so zu verteilen, daß nicht auf jeder Seite mehrere Pflanzen behandeli werden mußten, denn sonst wären zu diesem Zweck wohl 10 Bände erforderlich gewesen. Mer der sonst in solchen Werken systematischer Natur übliche pedantisch trocken« Stil ist vermieden, das Buch ist sehr lesbar geschrieben, und eine groß« Fülle von meist ganz ausgezeichneten Abbildungen beleben und der- anschaulichen den Text. Der erste Band enthält die niederen Pflanzen(Spaltpilze. Pilze. Algen. Flechten. Moos«, Farnpflanzen). woran sich die Nadelhölzer und andere Gruppen schließen. Di« deutsche Flora sowie die pur die Technil. Industrie, Medizin usw. wichtigen außereuropäischen Pflanzen sind besonder» berücksichtigt. Das Werk kann als eine gute Ergänzung zu Kcrner v. MarilaunS „Pstanzenleben"(im selben Verlage) und als ein« Art„Pflanzen- Brehm' empfohlen norden. Die Ausstattung ist bestechend. Es sei schließlich noch bemerkt, daß der Botaniker von Fach, der eine ihm be. sonders gut bekannt« Gruppe nachliest, hier und da Irrtümer finde« wird. Es ist eben heutzutage nicht mehr möglich, daß ein ein- z e l n e r Gelehrter die gesamte Botanik völlig beherrscht. Aber der Gesamteindruck de? schönen Werkes, das ja für Laien und nicht für Professoren bestimmt ist, soll dur