Nnttthaltungsblatt des vorwärts Nr. �133. Dienstag, den 13. Juli 1913 � Das entfesselte Schicksal, Roman von Edouard Rod. Bis dahin war Herr Rntor im ganzen in den Grenzen seines Programms geblieben: seine Worte formten seine Gedanken, ohne sie zil entstellen oder zu vergrößern. Er war sowohl in der Begründung als in der Ausdrucksweise maß- voll. Er enthielt sich aller heftigen und leichten Effekte, die ein weniger skrupelloser Redner gebraucht hätte. Die einen fanden diese Methode geschickt und für den Angeklagten ge- fährlich, die anderen beurteilten sie als zu gelinde und als ungeeignet für die Geschworenen. Tie letztere war Herrn Radius' Ansicht, dessen Gesicht einen ärgerlichen Ausdruck annahm. Aber alle hörten mit jener Achtung zu, die eine Sprache, die für die Wahrheit kämpft, immer erzeugt. Rntor hielt einen Augenblick inne, hustete und sagte: „Dieses Resultat schöpfte ich aus der seltsamen Ange- legenheit und breitete es sorgfältig vor Ihne» aus. Viel- leicht ist sie eine der verwirrtesten, die gerichtliche Chroniken aufweisen, vielleicht ist es der Prozeß, der nur während meiner Laufbahn am meisten Angst und Skrupel verur- sachte. Ich zögere nicht, es einzugestehen, und ich bitte Sie, von mir nicht zu erwarten, daß ich bei einem solchen Fall ans Ihre Ueberzeugung zu wirken suche." Herr Radius fuhr in die Höbe, Chaussy machte eine zornige Geste, Brövine blickte überrascht. ..... Ich weiß, daß Ihr Gewissen und Ihre Rechtlichkeit Sie leiten. Jedoch habe ich die Pflicht. Ihr ganzes Denken auf die ungünstigen Argumente aufmerksam zu machen, die ich Ihnen anführen mußte. Auch mich selbst haben sie nicht absolut überzeugt, ich gestehe es offen ein. Aber Sie sollen darum trotzdem auf Ihrer eigenen Wage wäge», die viel- leicht noch sicherer das Gewicht anzeigt. Ich kann Ihnen nur eins sagen: Richten Sie sich nach Ihrer Einsicht, ohne Voreingenommenheit noch Schwäche, in völliger Unabhängig- feit. Richten Sie, wie es Männern geziemt, denen eine sehr große Macht verliehen ist. Eine Macht, die ebenso groß wie ihie Verantwortlichkeit ist, da sie keinen Widerruf kennt. Richten Sie in dein Geist des Schwnres. den Sie leisteten, dessen Sinn Sie erfaßt haben und den Sie nicht breckien werden." Er wollte jetzt aufhören. Gewiß alle, die von einer Justiz träumten, deren Methode so voller Bedenken ist wie diejenige aller Wissenschaften, welche init den Leidenschaften der Menschen nichts zu tun haben, hätten diese kurze Rede gilt gefunden. Einfach, klar, gerecht, eine Rede, in welcher der Beamte seine Pflicht getan hatte, ohne darüber hinauszugehen: ein unparteiischer Forscher, welcher nur den Sinn der Wahrheit ausdrücken will. Was trieb ihn dazu, weiter zu sprechen?... ein Blick auf das. ärgerliche Gesicht von Herrn Rabius, der aufs neue seine Furcht erweckte,„die Missetat zu ermutigen", ein etwas ironisches Lächeln von Brövine, der von der Milde überrascht war... oder ein unerklärlicher Impuls, der in der Tiefe der Seele schlum- mert. um plötzlich hervorzubrechen und das Werk unserer Vernunft und unseres Willens umzustoßen?... oder war es die Furcht, daß er sich von seinem Gefühl zu sehr hatte hinreißen lassen?,.. War es nur der sanfte Einfluß von gestern, dem er zu sehr nachgegeben? Unvermutet war er am Ausgangspunkt seiner Rede angelangt, und was er anfangs übergangen hatte, die Vergangenheit von Lermantes, warf er jetzt als schweres Gewicht in die Wage. Selbst der Ton seiner Sprache wechselte. Die Stimme wurde lauter und drohender. Die Sätze wurden länger, seine Bewegungen bekamen etwas Pathetisches und ans den Worten klang Emphase. ..... Bedenken Sie aber vor allem, meine Herren, daß Sie keinen Mann vor sich haben, dessen Charakter.und Ver- gangenheit eine solche Achtung einflößen, daß man erröten müßte, wenn man ihn verdächtigt. Sic haben seine Lebens- geschickte gehört: ich will Ihnen nicht noch einmal all jene Tatsachen vorführen, die sich wie fürchterliche Zeugen gegen ihn erheben..." Aber trotzdem führte er sie vor, vereinigte sie eng und erläuterte sie mit schneidender Strenge. „Betrachten Tie ihn, meine Herren! Sehen Sie seine Niedergeschlagenheit. Ich habe mich über das schreckliche Geheimnis, das er vielleicht verbirgt, nicht aussprechen wollen, um Ihren erhabenen Nichtersprnch besser zu respek- ticren. Aber ich bin sicher, daß er in diesem Moment das Gewicht seines luxuriösen zweifelhaften Lebens hart auf sich lasten fühlt, das Gewicht dieser Existenz, die mit so vielen moralisch verwerflichen Handlungen, mit so viel Fehlern und Schwächen aller Arten behaftet ist, daß alles möglich erscheint. Vielleicht denkt er mit Bitterkeit an den Schlamm, der sein Gewissen trübt. Er fühlt sich von der allgemeinen Mißbilligung umgeben, deren Bezeugungen der Herr Prä- sident unterdrücken mußte. Vielleicht hat er sich zum ersten Male in diesem wahren, unbarmherzigen Spiegel betrachtet. vielleicht sich das erstemal so gesehen, wie er wirklich ist/ seines eitlen Nimbusses beraubt, einnial aus dem Wirbel- wind von Geschäften und Vergnügungen herausgeschleudert,' indem er stets sich selbst vergaß. In diesem Wirbelwind hat er keine Zeit gefunden, sich um sein Gewissen zu kiim- mern, dessen Stimme zweifellos immer schwächer wurden bis sie in der Leichtigkeit seines Lebens und der allgemeinen Sitten völlig verstümmelte und es' so weit kam, daß er seinen Launen nichts mehr versagte, und heute kann leiner von uns berechnen, welch schwachen Widerstand er unseren schlimmsten Versuchungen entgegensetzen konnte. Ja, meine .Herren Geschworenen, durch die Strömung des Jahrhunderts und seine eigene schwäche hat dieser Mann sich nach dem berühmten Wort eine Seele„aus Wachs für das Laster" geformt. Nun, eine Seele mit so zweifelliaften Ehrbegriffen, eine Seele, die so bereit ist, sich zum Ileblen zu wenden, kann ausgleiten... Ich könnte sagen, bis zum Verbrechen gleiten. Ich sage es aber nicht. Denn darüber haben Sie zu urteile». Es ist Ihres Amtes, sich allein ein Bild von diesem schwan- kenden Geist zu machen, den so viele Zufälle und Glücks- Wechsel ans dem Gleise gebracht tzabe». Es ist Ihre Tacke, dem Gerichtshof zu sagen, ob dieser Kopf fallen soll oder ob man diesen Mann dem gerechten Zweifel überlassen soll, den aus den Herzen der Zuhörer zu tilgen diese Verband- lungen nicht imstande waren." „Ziemlich geschickt," sagte Languard zu Frau de Luseney. „Der Schluß widerspricht dem Ansang, aber wer wird das bemerkt haben... er war wirkungsvoll." Jeai? Bogis bemerkte zu Chaussy: „Sehr gut, vielleicht zu gut für die Geschworenen." Chaussy warf ihm einen wütenden Blick zu. Er hatte sich entschlossen, wenn der Urteilsspruch verneinend ausfallen sollte, sich an Rntor zu halten, um an ihm seine Galle ans- zulassen. „Seien Sie doch still," brummte er,„der Esel hat wie ein Hundsfott gesprochen." Aber man. hatte kaum Zeit, Eindrücke auszutauschen: der Antrag des Staatsanwalts hatte etwa fünfzig Minuten gedauert, und der Präsident gab sofort dem Verteidiger das Wort. Br6vine arbeitete für all seine Reden einen Plan ans, den er nicht einhielt. Er improvisierte und sprach mit jener. Begeisterung und jenem Eifer, der seine Reden so lebendig gestaltete. Wenn auch in dem Bau der Rede eine gewisse Unordnung herrschte, die durch die vielen Parenthesen ver- stärkt wurde, so siegte doch die Einheitlichkeit seiner Beweis- führnng, die stets den Endzweck im Auge behielt. Da er bei Beginn seiner Reden stets„Lvmpenfiehvr" hatte, war er zuerst verlegen oder unzusamin>nhängcu?: man mußte an die großen Vögel denken, die, bevor sie fortfliegen, ihre Flügel mühsam bewegen in der schmerzliche» Furcht vor der Anstrengung. Er begann init langen Sätzen voller Koinplimente für den �Präsidenten»nd Verbindlichkeiten fiir die Geschworenen, aber in dem Augenblick, in dem er am meisten sich zu verwickeln schien, nahm er einen kräftigen Aufschwung. � „Vor allen Dingen, meine Herren, bitte ich Sie eine Legende zu vergessen, die, falls sie noch in Ihrem Geiste haftet, die Freiheit Ihres Urteils beeinflussen könnte. Die Anklage, die auf Unparteilichkeit pocht und auch manchmal den Anschein hatte es zu sein, schien anfangs von dieser Le- gendc Abstand zu nehmen, um sie zum Schluß mit ganzer Kraft wieder aufzugreifen und so desto tiefern Eindruck auf Sie zu machen: ich meine dieses Märchen von Lermantes, dem verdächtigen Spekulanten, dem skrupellosen Genußmenschen, eine Art Jndustrieritter oder Abenteurer, der dem Vergnügeir nachjagt. Meine Herren Geschworenen, ich be- gniige mich statt jeder Antwort damit, Sie auf die Aussagen hinzuweisen, die Sie von den Mitarbeitern oder Teilhabern Lermantes' gehört haben. Aussagen, die seinen Eigenschaften und seiner Rechtlichkeit huldigen... Der berühmte Schrift- steller Charreire, von Kindheit an mit meinen: Mandanten befreundet, schilderte seinen energischen, beharrlichen Fleiß. Und was haben wir denn beobachtet, meine Herren? Einen Menschen wie viele andere, bei dem das Gute sich mit Schlechtem mischte, einen Mann, von dem ich Ihnen nicht sage, daß er in allen Tingen fehlerlos ist, aber ein Mann, durch dessen Arbeit Tausende von Menschen leben konnten, der dem Handel und der Industrie neue Wege zeigte, der der Ausbreitung der Zivilisation und des französischen Geistes diente: ein Mann, dem wir drei Häfen verdanken, Brücken, Leuchttürme, ohne von der Hochbahn zu sprechen, die während der letzten Ausstellung Ihrer aller Freude war. Und ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, warum rechten Sie gerade mit ihm, der nur das tat, was viele andere ebenfalls tun, deren Freigebigkeit nicht getadelt wird: Sie machen ihm den Vorwurf, prächtige Gefellschaften ge- geben zu haben, Geld verschwendet zu haben, das er ver- diente, ohne jemand etwas dadurch zu nehmen: im Gegen- teil, er trug nur dazu bei, unser soziales Kapital zu ver- mehren, unser gemeinsames Wohlbehagen, unsere Macht über die Naturkräfte zu steigern. Sein Privatleben hat einige Schwächen aufzuweisen. Ach, meine Herren, wir wollen doch hier die gerechte Strenge, die man solchen Verfehlungen gegenüber hat, nicht bis zum äußersten treiben, hier haben wir über Verbrechen zu Gericht zu sitzen, aber nicht über diese kleinen Irrungen, Wir wollen es mutig eingestehen: es gibt eine gewisse leichte Lebensauffassung, die man in: Sinne der Moral verdammen kann und muß. Aber es wäre doch besonders gefährlich zu behaupten, daß sie eine Vorbereitung für den Mord, eine Art Kulturboden für die Mordbazillen wäre. Nein, meine Herren Geschworenen, weil er wie so viele gelebt hat, verdient dieser Mann die Tonnerkeile nicht, mit denen der Herr Staatsanwalt ihn am Schlrtß feiner Rede, die übrigens eine glänzende rhe- torische Leistung war, zerschmetterte. Ich wiederhole, daß Lermantes eine Mischung von Gutem und Schlechtem in sich trägt, wie wir alle. Betrachtet man ihn ohne Vorein- genommenheit, mit jenem seelischen Gleichgewicht, das man allen Dingen gegenüber bewahren muß, und beurteilt man ihn nur einfach menschlich, wahrheitsgemäß, dann, meine Herren Geschworenen, ist man versucht. Rousseau zu zitieren, der am Anfang seines herrlichen Buches confessions" ausruft:„Welcher Mann wäre besser als der da!"... (Fortsetzung folgt.) bober See. Bon Max Werner. In der Nähe der Ncufundlandbank wars. Ich stand an der Rccling unsere? Tampscrs und sah auf die wilde See hinaus. So weit der Blick reichte: stürzende Wogen mit weißen schäumenden Kämmen. Sic schlugen hart an die starren Planken des Schiffs und klatschicn an die festverschlossenen runden Fenster. Bon Zeit zu Zeit rollte eine besonders hohe Welle über das Border- oder Hinterdeck des auf- und niedergehenden Dampfers, der trotz des ungestümen Meeres mit voller Kraft dem Westen zn dampfte. Die Pastagiere weilten in den Salons oder lagen in ihren Kabinen. Tie Eingangstüren zum Zwischendeck waren verschlossen: die armen eingepferchten Leute mutzten bei Sturm und schlechtem Wetter die übje Luft der Zwischendeckräumc einatmen und hatten kaum genügend Platz, um sich zn setzen. Ich war nach dem Deck der ersten Klaste gegangen, wo sich bei dem Wetter niemand sehen ließ: sonst war es streng verboten, hier zu weilen. Hier oben stand ich sicher vor dem sprühenden Wasser und konnte mich nicht satt sehen an dem gewaltigen Schauspiel, das die erregte See bot. Aus einer Tür trat mein Freund Henry, der Decksteward, her- aus. Ich hatte ihn unten in einer Mannschaftsstubc kennen ge- lernt. Er schlief dort und wurde von den älteren Leuten sehr freundlich behandelt; denn er war ein guter humorvoller Junge, der alles genau berichtete, was in den Kajüten vor sich ging, und dann brachte er gute Leckerbissen„von oben" mit, die redlich geteilt wurden. Er stellte sich neben mich, und der Wind zauste seine vollen blonden Locken. „Schönes Wetter heute I" lachte er und vergrub die Hände in den Hosentaschen.„Wir kommen an die Neufundlandbänkc, da gibt es immer Sturm und Wetter. Ist mir ganz lieb; da liegen die Herrschaften in ihren Kojen, und ich kann faulenzen. Na, und in zwei Tagen haben wir New Dork." „Wenn das Wetter schlimmer wird, kann auch alles in Grund und Boden gehen, ehe wir Dollarika erreichen", scherzte ich. �„Sich wo— is nicht Solche Prachtkasten wie unsere neuen Schiffe sind so sicher wie ein Omnibus. Schottcneinrichtung, Rettungsboote. Schwimmgürtel—" „Oho", lenkte ich lachend ein.„Ich möchte bei dieser See wirklich nicht mit dem Schwimmgürtel da herumtreiben, prrrh." „Und dann die Marconi", fuhr Henry unbeirrt fort;„bei dem geringsten Unfall können wir Hilfe herbeirufen." Um die Ecke kam der erste Bootsmann; er muhte sich fest gegen den Wind stemmen, der ihm cntgegenfauchte. „Festhalten, Bootsmann", rief ihm Henry spöttelnd zu. „Mach, daß Tu reinkommst, und bring Deinen seekranken Passagieren saure Heringe, Heinrich!" brummte der alte Boots- mann. „Henry, Henry bitte", lachte der Blondkopf und verschwand. Der Sllte lachte hinter ihm her.„Der Grünschnabel will sich bei seinen amerikanischen Passagieren beliebt machen und nennt sich Henry." „Es ist ein lieber Kerl", sagte ich. „Ist er", bestätigte der Bootsmann.„Teufel noch mal, wenn ich seine blonden Locken sehe, dann ist es mir immer, als wäre der andere wieder dem Wasser entstiegen." Er schwieg und blickte eine kurze Weile in das Meer hinaus. Er war ein kräftiger, schon ergrauter Seemann, den ich in einem überfüllten Lokal in Hamburg kennen gelernt hatte. „Wen meinen Sie?" fragte ich, als wir langsam der Treppe zusteuerten, um zum Abendessen zu gehen. „Es war auch ein wilder Tag damals und wir auf einem kleinen Dampfer. Du lieber Himmel, das nennt man Sccfahrcn, auf einem Kasten mit 2000 bis 8000 Menschen, den der Sturm erst nach längerer Zeit ins Schwanken bringt I Denken Sie sich einen kleinen Dampfer mit 20 Mann Besatzung und tagelang einen heftigen Sturm, dann bekommen Sie erst einen Begriff, was für ein Ungeheuer das Meer istl" Der Alte erinnerte sich also eines schweren Tages aus seinem Leben, und ich beeilte mich, nach dem Abendessen in seine Kammer zu gehen und ihn zu bitten, mir von dem Angedeuteten zu erzählen. Wir stopften unsere kurzen Pfeifen mit gutem* Tabak, und während das Schiff schwankte und stöhnte und das Klatschen und Spritzen der Wellen zu uns hereintönte, erzählte der Alte. „Wir fuhren von Hongkong ab, bei bestem Wetter mit voller Ladung und waren lauter gesunde, stramme Bengels. Zwei Tage verliefen glatt, am dritten bekamen wir Regen und einen feinen Wind, der uns scharf um die Nase fuhr und uns nichts Gutes ahnen ließ. Während der Nach) wurde es toller, und bei Morgengrauen gingen die Wellen schon über unseren Kahn.„Da? ist so ein galt- verfluchter Taifun", schimpfte der Kapitän,„den uns die Chinesen nachgeschickt haben. Macht euch auf einen derben Kampf gefaßt, Jungens." Und es wurde ein wilder Tanz." Der Sllte nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche, dann erzählte er weiter: „Köm, haben wir damals auch feste getrunken.„Saust, Jungcns", sagte der Kapitän,„was soll das gute Zeug ins Wasser fallen." Er glaubte nicht, datz wir jemals wieder Land sehen würden. Der Kasten ging nicht nur auf und nieder, er drehte sich auch wie ein Kreisel. Bon: frühen Morgen an hatten wir einen Leidens- geführten, einen englischen Dampfer, der nicht weit von uns den- selben Kampf kämpfte wie wir. Auf den hatte ich immer einmal hinübcrgeschiclt, es war etwas wie Schadenfreude: Wenn wir untergehen, mutzt Du auch mit." Der Alte lächelte und rieb sich die derben Hände an seinen Hosen. Dann wurde er plötzlich ernst. „In meiner Koje satz der Schiffsjunge und hielt den Kops in den Händen, als ich einmal hinuntcrkam, um mir einen frischen Prim zu holen.„Na, Du denkst wohl an Muttern", fauchte ich den Jungen an. Da heult der auf wie ein getretener Hund.„Na nu", sag ich,„bist Tu toll?"„Ter Jakob ist über Bord", brüllt der Junge und reißt mit den Händen in seinen blonden Haaren." Nu: die Mundwinkel des harten Seemanns zuckte es. „Der Jakob, das war mein Spezi, ein allcriiebstcr Kerl. Ich war viele Jahre mit ihm gefahren. Wir waren zusammen in Hamburg herumgebummelt und hatten manche lustige Nacht mit- einander verlebt. Ein lustiger Kerl, ein vortrefflicher Kamerad. Den hatte die See mit hinabgenommen, als er ein losgeschlagenes Stück der Reeling wieder befestigen wollte. Der Junge war in Jakob vernarrt, denn der lehrte ihn alles, was er wissen mußte, und ließ ihm manche Pfeife Tabak ab, wenn wir am Abend zu- fammen saßen.„Komm mit hinaus, mein Junge," sagte ich,„wenn wir ersaufen müssen, dann doch bei der Arbeit, heute der, morgen wir." Eine furchtbare Gleichgültigkeit war über mich gekommen, die man nicht schildern kann, die man durchlebt haben muß. Einen Blick warf ich hinüber nach dem englischen Schiff, es tauchte aus und verschwand wieder. Nach einigen Stunden blieb es unten— die hatten ausgelitten." „Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht, aber darüber habe ich noch gelacht, der war verschwunden und wir taumelten und drehten noch. Wir hatten doch das Rennen gewonnen. Eine halbe Stunde später ritz der Sturm und das Wasser unseren Schweine- stall weg und fegte ihn über Bord. Wir nahmen immer etwas Lebendiges von China mit, Hühner, Enten und solchen Krims- kram. Dieses Mal hatten wir uns etwas Besonderes geleistet: auf hoher See sollte'Schlachtfest gefeiert werden. Das Schwein wurde gehalten wie ein erstklassiges Rennpferd. Mitten auf Teck erhielt es einen luftigen Stall, wurde gepflegt und gefüttert. Alles freute sich auf den saftigen Braten. Nun war auch diese Freude hin. Der Koch jammerte, als das Schwein in hohem Bogen und quiekend über Bord geschleudert wurde.„Sei nur ruhig, rief ich dem Koch zu,„wir kommen auch bald dran." In diesem Augenblick dreht sich unser Schiff wie ein Kreisel, taucht mit der vorderen Hälfte so tief ins Waffer, datz ich glaubte, die Fahrt nach dem Meeresgrund ginge endlich los. Da vorn war der Schiffsjunge beschäftigt, ich sehe noch, wie er auf die Seite geschleudert wird, seine Mütze fliegt fort, seine semmelblonden Haare flattern, dann taucht der Kasten tief unter in die wilde See.„Halt dich fest, Junge," brülle ich so laut ich kann, während ich Not habe, mich selbst anzuklammern. Da wird das Schiff aus die Seite geschleu- dert, der Kiel hebt sich,— mein Junge ist verschwunden. Born gähnt ein großes Loch, die halbe Reeling ist ins Wasser und der Junge mit ihr." Der Alte wischte sich über die Augen:„Es wird warm hier." In Wirtlichkeit standen ihm Tränen in den Augen. Auch ich war ergriffen von dem Erzählten.— Ich hatte sonst immer gut geschlafen. Das Stöhnen des Schiffs beim Schaukeln störte mich ebensowenig wie das Rucken und Schütteln der Maschine. Aber heute quälten mich böse Träume; bald sah ich Henry aus den Wogen, und seine blonden Haare flatterten, dann wieder schlugen die spritzenden Wasser bis an mein Lager heran, und das Schiff wurde so heftig geworfen, datz es in allen Fugen erzitterte. Ich erwachte und fühlte, datz das Schifs wirklich stark er- schüttelt wurde, die Maschine mutzte sehr stark arbeiten, trotzdem der Sturm nachgelassen hatte und die See ruhiger wurde. Am anderen Morgen erfuhr ich von Henry, datz an dem einen Kessel ein Schaden entstanden sei, er war leck geworden und mutzte auhcr Betrieb gesetzt werden. Dann wurden alle Mann heran- gezogen, um die lecke Stelle auszubessern. Die Maschinisten wurden sonst aller vier Stunden abgelöst, heute mutzten sie durcharbeiten. Der Kapitän lehnte jede Verantwortung ab. Was kümmerte ihn die Maschinenangelegenheit. Dafür war der Ingenieur da. Vielleicht waren die Kessel überheizt worden. Das wies der Ingenieur, einer der renommiertesten der Linie, energisch zurück. Nur die Schisfsbaugesellschaft konnte die Schuld tragen. Es gab kein großes Besinnen, der Schaden mutzte geheilt wer- den, und zwar ofme Aufsehen, damit die Passagiere nicht beun- 1:uhigt würden. Kaum war der Kessel fertig und die Feuerung wieder flott, als der andere leck wurde. Henry hatte vom Ingenieur ein Telegramm erhalten, das er zum Telegraphisten schaffen sollte. Ich begleitete ihn. Kurz vor dem Raum überflog er den Zettel. Der Ingenieur fragte bei seiner Gesellschaft in New Kork an,«b es nicht besser sei, Hilfe zu senden: denn wenn die Kessel völlig versagten, so trieb das Schiff ziellos auf dem Wasser. Als der Telegraphist die Tasten des Apparates in Bewegung setzte, blitzten grünfunkelnde Flammen aus und verursachten ein prasselndes Geräusch, wie Gewehrseuer. Draußen aus dem Deck lagen die Passagiere in ihren Stühlen, sonnten sich, lachten und scherzten. Wenn diese Sorglosen den In- halt der Depesche gelesen hätten, die jetzt hinauSgesandt worden war, welch«in Aufruhr wäre entstanden! Am Mittag erzählte mir Henry, datz der Ingenieur Antwort erhalten habe: er solle alles versuchen, um die Kessel in Stand zu halten, und erst, wenn sie wirklich nicht mehr zu gebrauchen wären, um Hilfe telegraphieren. Der Ruf der Gesellschaft stehe auf dem Spiel, und es müsse versucht werden, das Schiff nach New Uork zu bringen, ohne daß der Kesselschaden bekannt würde. Es war mir nicht ganz wohl zumute bei dieser Geschichte. Wenn die Kessel völlig versagten, dann war unser Dampfer ein schwim- mender Sarg, der nicht ausweichen konnte, wenn im Nebel cid anderer Dampfer auf ihn zufuhr. Langsam, mit weniger als halber Kraft, zogen wir westwärts. Roch einen Tag, und wir hatten New Dort. Auf Deck wurde musiziert und getanzt, eS herrschte ausgelassene Fröhlichkeit, während da unten im Maschinenraum gearbeitet wurde bis zur Erschöpfung, um kein Stillstehen der Maschine eintreten zu lassen— es galt, den Ruf der Gesellschaft zu wahren. Und er wurde gewahrt! Niemand von den Passagieren er- fuhr etwas von den schadhaften Kesseln. Gewaltig erklang da? Horn des Dampfers, als er in den Hajen von New Aork einfuhr, stolz und majestätisch zog er den Hudson hinauf, und die Passagiere jubelten dem ersehnten Lande, der Neuen Welt, zu. Klumenäuft. Von C. Scheukltng. Mannigfach und wunderbar, darum für uns meist in Geheimnis gehüllt, sind die Kräfte und Eigenschaften, mit denen auch das kleinste Pflänzchen, das einfachste pflanzliche Organ ausgestattet ist. Wohl sehen wir die Wirkungen dieser Kräfte, wir erfahren die Aeutzerungen jener Eigenschaften, doch aber ihr eigentliches Sein und Wesen ist noch von niemand ergründet. Unser Auge freut sich an dem Anblick des grünen Pflanzenkleibes, es entzücken uns die feurigen Farben der Blumen, aber wir wissen nicht, was die Zellen nötigt, hier grüne, dort weiße, rote oder blaue Farbelörperchen zu erzeugen. Gleich rätselhaft ist uns die Eigenschaft so vieler Blumen, einen mehr oder minder angenehmen Duft zu entwickeln. Datz das Entströmen des Wohlgeruchs nicht eine einfache, grund» und zwecklose Verflüchtigung, sondern in vielen Fällen mit einem bestimmten Lebensvorgange verbunden ist, geht z. B. daraus hervor, datz die dlaxillaris, aromatica, eine prachtvolle Orchidee, schon nach einer halben Stunde ihren Geruch verlor, nachdem sie mit Blüten- staub künstlich befruchtet worden war, wogegen die unbefruchteten Blüten ihren Geruch lange behielten. Auch wird jedermann die Beobachtung gemacht haben, datz alle Blumen in dem Stadium am stärksten duften, da ihre Blütenteile den höchsten Grad der Ausbildung erreicht haben und eine feuchtwarme Temperatur die Tätigkeit der Befruchtungsorgane an- regt und befördert. Hieraus ließe sich folgern, datz eine lebhafte Duftentwickelung zu dem Vorgange der Befruchtung in naher Be- ziehung steht, etwa so, datz jene als ein Ausdruck der höchsten Lebensenergie der Pflanze anzusehen ist. Zudem hat man eine andere Erscheinung kennen gelernt, von der man bestimmt weiß, datz fie mit dem Befruchtungsakte in ursächlichem Zusammenhange steht: wir meinen die eigenartige Wärmeentwickelung, die von dem französischen Nawrforschw Lamarck an einer Zehrwurz(Arma ifalicum) zuerst wahrgenommen wurde. Es zeigen außer ihr noch andere Arten der Arongewächse während der Bestäubung in der tütenförmigen Blütenscheide des Kolbens eine erhöhte Temperatur. Gleiches ist an der wunderbaren„Königin der Nacht", einer Kaktusart von den Antillen beobachtet worden, die ihre ebenso großen wie schönen Blüten des Abends öffnet, um sie nur Stunden dauern zu lassen, während dieser kurzen Blütezeit aber eine bemerkbare Eigenwärme und einen starken vanillenartigen Duft entwickelt. Noch auffälliger treten beide Erscheinungen bei der Königin der Wasserrose, der Victoria Regia, hervor, die bei Ent» faltung ihrer Blumen die Teniperatur der Staubfäden von 21 auf 24 o C' steigert und dabei auch eine lebhaftere Entwicklung ihres Wohlgeruchs bekundet. Man hat diese Erscheinung der Wärme- entwicklung dahin zu erklären versucht, datz man sie als eine Art Verbrennungsprozeß betrachtet, in dem die Blumen bei der Be- fruchtung ungemein viel Kohlensäure verbrauchen. Jedenfalls steht denn auch die gesteigerte Duftabsonderung zu jenem Prozesse in enger Beziehung. Im allgemeinen ist der Einfluß der Wärme auf die Pflanzen- Produkte von großer Bedeutung, so datz auch die Pflanzengerüche sich sehr von der Wärme abhängig zeigen. Wer selbst Blumen züchtet und beobachtet, wird wissen, datz unsere ersten Frühlingsblumen nicht sonderlich duftreich sind und datz nur das Veilchen eine rühmenswerte Ausnahme macht. Sobald aber die Wärme sich steigert, vermehrt sich auch die Zahl der wohlriechenden Blumen. bis sie mit der duftgeschwängcrten Rose den Höhepunkt ihrer Zeit erreichen. Ferner wird man benierkt haben, datz die Blumen nicht alle Jahre gleich stark und lieblich duften, denn eS haben die jährlichen Witterungsverhältnissc nicht nur auf das Wachstum und Ge- deihen, sondern auch auf Stoffe und Produkte der Pflanzen sehr wesentlichen Einflutz. Dieselben Verbältnisse bedinge» auch die Zu- nähme der Geruchspflanzen nach dem Süden hin. Denn während innerhalb unserer gemäßigten Zone zwar viele Pflanzen von zartem und feinem Geruch gedeihen, haben die blütenprangenden Tropenländer nicht nur einen größeren Reichtum an Geruchspflanzen aufzuzählen, e? steigern sich vielmehr auch deren Gerüche bis zu einem solchen Grade, datz sie nicht mehr angenehm, sondern betäubend wirken. Viele der dustbegabtesten Prachtpflanzen warmer Erdstriche, bei uns mit Aufbietung aller Sorgfalt zur Blüte gebracht, lassen durch verminderten Glanz ihrer Farben, wie auch durch sehr gr- schwächte Geruchsentwickelung nur zu deutlich merken, datz fie, in die Fremde verpflanzt, nicht mehr von ihrer heimischen Sonne beschienen werden. Doch die Wärme ist nicht allein der maßgebende Faktor für die Blnmengcrüche; es sprechen vielmehr bemerkcnSlvcrte Ausnahmen dafür, daß noch andere Einflüsse vorhanden sein müssen, die be- stimmend auf die chemischen Bestandteile der Pflanzen einwirken. FeuchtigkeitSverhältnifse, Zusammensetzung des Erdbodens, vielleicht auch feinere, uns unbekannte klimatische Verhältirisse mögen Wohl mit der Wärme gemeinsam die Eigentümlichleiten der Gewächse bestimmen, denn auf anderem Wege ließen sich »nanche Tatsachen schwer erlläreir Hiernach ist auch die falsche und doch so weit verbreitete Meinung, daß es im Norden und auf hohen Gebirgen leine wohlriechenden Blumen gäbe, zu berich- tigen. Denn unsere Birle z. B., die wir ihres belebenden, harzigen Waldduftes halber sogern als„Pfingst'nmaie" im Zimmer aufstellen, soll in Lappland noch viel stärler und angenehmer duften, und von den Alpen kann sogar gesagt werden, daß sie im Verhältnis mehr riechende Pflanzen besitzen als unsere Ebene. Und ähnlich, wie von südlicheren Pflanzen gesagt wurde, verlieren auch die nordischen ihren Duft, sobald sie nach wärmeren Distrikten oder auS höheren Regionen in die Ebene versetzt werden. Die Walderdbeeren, bei uns von so ausgezeichnetem Aroma, verlieren dasselbe in den Tropen; das Gleiche muß von unseren Obstsorten gesagt werden, die dagegen, unter Einwirkung des südlichen Himmel? gezogen, sich durch Größe und Saftigkeit der Früchte auszeichnen.! Eine mit der natürlichen Verlrandtschaft harmonierende Er- scheinung ist es, daß manche Pflanzenfamilien äußerst wenige, andere um so mehr Glieder aufzuweisen haben, die durch Wohlgeruch be- sonders ausgezeichnet sind. Die Doldenpflanzen und Lippenblütler sind nach dieser Seite hin sehr im Vorteil, wogegen die Gräser sich recht arm enveisen. Oder berücksichtigen wir nur die beiden großen Abteilungen oer Monokotyledonen und Dikotyledonen, so fällt der Vorzug eines Reichtums an wohlriechenden Arten entschieden jenen zu, trotzdem sie im Kreis der Blütenpflanzen nur eine kleine Minderzahl ausmachen. Unsere Lilien, Hyazinthen und andere Zwiebelgewächse, fast alle nrehr oder minder duftbegabt, können als wohlbercdte Zeugen aufgerufen werden. Man hat die Menge der zur ersten Gruppe gehörenden wohlriechenden Arten auf 14 Proz. geschätzt, was gewiß als sehr zutreffend angenommen werden darf, wenn'man bedenkt, daß namentlicki unter den Tropen die färben- prächtigsten Blumen, al« Aroideen, Orchideen, Amoryllen, Liliaccen, Bromeliaceen usw. alles Monokotyledonen(Einsamenlapper), zugleich auch die geruchreichsten sind. Die andere Abteilung dagegen, zu der Rosen, Nelken, Veilchen und andere zählen, ist zwar viel reicher an Menge, doch ärmer an wohlriechenden Arten, die man hier auf etwa 10 Proz. schätzt. Auffallend dürfte es aber sein, daß Farbe und Duft der Blumen durchaus nichts mit einander gemein haben, obgleich beide derselben Ouelle zu entstammen schiinen. Denn während gesteigerte Licht- Wirkung die Blumen feuriger malt und vermehrte Wärme auf ihren Dust von wohltätigem Einfluß ist, sind doch die bunt- farbigsten Blumen nicht notivendig auf die geruchreichsten. Weiß- farbige Blumen findet man am häufigsten«ohlriechend, dann folgen die rotblühenden, während unter den braunen und orange- farbigen sich nur wenige finden, die ein angenehmer Duft auS- zeichnet. Wo aber haben die Pflanzengerüche ihren Sitz? Finden sich bc- sondere Organe oder Gefäße im Pflanzenkörper vor, die de» Riech- stoff bereiten und in ihre Umgebung aushauchen? Was ist über- Haupt dieser Stoff? Mit diesen Fragen stehen wir.vor den eingangs erwähnten physiologischen Rätseln des Pflanzenlebens. Noch niemand hat den Riechstoff gesehen, niemand die Teile entdeckt, die ihn entwickeln und verbreiten z niemand kennt die Bestandteile des Wohlgeruchs, den uns die Sommerluft aus tausend holden Blumen zuträgt. Die Pflanzen tragen ihren Geruch in sogenannten ätherischen oder flüchtigen Oelen, einen Stoff, der bei gewöhnlicher Tein- pcratur und im reinen Zustande einer wasserhellen, ungefärbten Flüssigkeit gleicht, und von starkem, meist angenehm gewürz- haftem, aber auch widrigem Geruch und brennende»«, aromatischem Geschmack ist. Diese Oele sind sowohl in den Blütenteilen als in Samen und Früchten, in den Blättern und Zweigen, wie in Wurzeln und Zwiebeln, kurz in allen Teilen des Pflanzen- individuums enthalten, und kommen hier entweder in eigenen Gängen oder besonderen Zellen und Zellengruppen(Oeldrüsen) als winzige Tröpfchen vor. Bald sind sie fertig gebildet, bald eilt- stehen sie erst durch eine eigentümliche Art von Umsetzung auS zwei oder mehreren flüchtigen Stoffen. Zuweilen enthält eine und die- selbe Pflanze in ihren verschiedenen Teilen auch verschiedene ätherische Oele, wie z. V. da? Oel der Pomeranzenblüte von dem der Blätter und beide von denr der Fruchtschale ver- schieden ist. Und da der Geruch der Pflanzen vom Standorte, Klima, Witterungö- und anderen Verhältniffcn abhängig ist, so leuchtet ein, daß diese Ursachen zunächst die Menge und Qualität der ätherischen Oele beeinflussen und davon erst in zweiter Linie den Geruch der Pflanzen abhängig machen. Hinsichtlich ihrer chemischen Zusammensetzung sind diese Oele sehr verlchieden, doch lassen sie sich in zwei Hauptgruppen unterbringen, wovon die der einen nur aus Kohlenstoff und Wasserstoff bestehen, während die der anderen außer diesen Bestandteilen Sauerstoff und einige wenige noch Schwefel- oder Stickstoff enthalten. Letztere sind die anr wenigsten angenehm riechenden Oele. Da das Gefallen an Wohlgeriich'n tief im Wesen des Menschen begründet ist, so sind seine Anstrengungen, jene flüchtigen Blumen- geister zu fesseln und seinem Genüsse dienstbar zu machen, nur zu leicht erklärlich. So ist denn auch die Gewinnung jener ätherischen Oele ebenso ausgedehnt, wie ihre praktische Verwendung mannigsaltig geworden ist. Während die einen ssaucrstofffrcicn� technischen Zwecken nützen, dienen andere als medizinische Mittel oder als Gewürze und dritte finden als Räuchermittel Verwendung. Die größte Bedeutung aber haben diese kostbaren Riechstoffe für die Parfümerie, die mit ihrer Hilfe eine Menge duftiger Präparate herstellt. kleines feiiiUeton. Kulturgeschichtliches. Ein Borfahr des Kupferstichs, lieber die Entstehung de? Kupferstichs ist viel gefabelt worden, bis man schließlich die lln- Haltbarkeit aller dieser Behauptungen nachwies, ohne aber deshalb neue sichere Tatsachen an ihre Stelle setzen zu können. Die Anfangs- geschichte dieser wichtigen Technik war daher in ein dichtes Dunkel gehüllt, in da? nun ein interessanter Fund etwa? Licht bringt. In dem von Professor Biermann herausgegebenen„Cicerone" macht Dr. E. Baumeister auf eine Bronzetafel des historischen Museums zu Basel aufmerksam, die für die Geburtsstunde und Heimatskunde des Kupferstichs von Bedeutung ist. ES ist eine niederländisch-burgnndische, auf Bronze gravierte Motivtafel, die nach der klaren Inschrift 1433 von der Herzogst» Jsabella von Burgund dem Karthäuser-Kloster zu Basel geschenkt wurde. Das Werk, das in der Mitte die Pietä und die von den stehenden Heiligen Elisabeth rmd Andrea präsentierte fürstliche Stifterin und ihren Gemahl, Philipp den Guten, zeigt, ist von so reifer Formenschönheit und warmer Beseelung, daß es nur von der Hand eines in Burgund arbeitenden Niederländers ge- schaffen lein kann. Von besonderer Bedeutung ist nun die Technik dieser Gravierung, die sich als eine deutliche Vorftufe der Kupferstichtechnik erweist. Die Linien sind, wie man aus den spitz« auslaufenden Enden erkennen kann, mit dem Grabstichel gearbeitet! die tiefen Hauptfurchen waren allerdings mit einer farbigen Masse ausgefüllt! doch die Behandlung der feineren Linien unterscheidet sich in nichts von der üblichen Bearbeitung einer Kupferstichplatte. Wie man eS auch bei dem früheren italienischen Kupferstich feststellen kann, steckt die ganze Darstellung noch in den Fesseln der ornamentale» Flächenverzierung. lieber- rascheud reif ist jedoch die Wiedergabe der Schatten, die bald in kräftigen Kreuzlagen, bald in tonigen Parallelschraffierungen gegeben sind. Jedenfalls ist die Fertigkeit in der Grabstichelführung. die sich hier offenbart, in der Folgezeit, bis gegen Ende des Jahr- Hunderts, kaum übertroffen wurden. Durch diese Bronzearbeit wird also erwiesen, daß die Technik des Grabstichels im Jahre 1433 in den Niederlanden bereits zu hoher Vollkommenheit gediehen war. Es war noch ein Schritt, von einer solchen Platte Abdrücke herzustellen. Der Gedanke, Bilder durch ein Druckverfahren auf Papier zu verfielfältigen, war im Holzschnitt bereit? seit mehreren Jahrzehnten verwirklicht. Nachdem man diese? wichtige Prinzip einmal erkannt hatte, mußte sich seine Uebertragung auf Grabstichelarbeilen ganz von selbst ent- wickeln, und so weisen denn auch unter den frühen niederländischen Kupferstichen einige manche Stilähnlichkeiten mit der Baseler Motiv- tafel auf. Wahrscheinlich sind die Anregungen, die so von Burgund aus nach Basel kamen, dort auf einen fruchtbaren Boden gefallen und haben auch hier die Entstehung des Kupferstichs begünstigt. Hauswirtschaft. Die Wirkung der Wärme aus die Milch. Die An- sichten darüber, bis zu welchem Grad der Temperatur die Milch erhitzt werden muß, damit sämtliche in ihr enthaltenen Keime ab« getötet und der Nährwert gar nicht oder möglichst wenig beein- trächtigt wird, gehen immer noch auseinander. Von mancher Seite wird eine Hitze von 120 Grad verordnet, von anderer nur eine* solche von 103 bis 110 Grad. Dementsprechend schwanken auch die Vorschriften für die Dauer der Erhitzung. Für eine Entscheidung ist es wichtig, die Wirkmrg einer Temperatur von 100 bis 120 Grad auf die einzelnen Bestandteile der Milch kennen zu lernen. Das Albumin gerinnt bereits bei Temperaturen von weniger als 100 Grad. Bei 80 Grad dauert es eine halb« Stunde, bei 90 Grad nur 3 Minuten, bis der ganze Gehalt an Albumin geronnen ist. Beim Kasein wird dasselbe Ziel erst sehr viel später erreicht, nämlich bei 130 Grad in einer halben Stunde und bei 140 Grad in S Minuten. Dieser Stoff verändert sich ober schon bei niedrigen Wärmegraden, ebenso die Laktose, der Milchzucker, wenn auch in geringerem Maße. Die Phosphorsalze, die in der Milch gelöst sind, schlagen sich bei 100 Grad in unlöslicher Form nieder. Außerdem entweicht bei der Siedetemperatur de? Wasser? das gesamte in der Milch gelöst gewesene Gas. Auch die Fettstoffe erleiden Veränderungen bei 100 Grad. Die Zitronensäure, die einen natürlichen Bestandteil der Milch bildet, erfährt gleichfalls Ilmwandlungen, wenn die Temperarur über 75 Grad steigt. Der Stoff, der die Milchsäuregärung herbeiführt, wird schon bei 70 bis 77 Grad vernichtet. Demnach mächt die Milch schon vor Eintritt des SiedenS tiefgehende Veränderungen durch, jenseits dieser Temperatur aber geradezu eine Umwälzung ihres natürlichen Gleichgewichtszustandes. Deshalb ist abgekochte Mich auch ein für kleine Kinder durchaus ungeeignetes Nahrungsmittel. Glücklicherweise sterben die in ihr etwa anwesenden Bakterien schon bei geringerer Erhitzung, und man darf sagen, daß eine solche von 70 Grad während der Dauer von einer Viertelstunde die meisten gefährlichen Keime, wie die der Tuberkulose, des Typhus, de? Kinderdurchfalls usw. vernichtet. Verantw. Redakteur: Albert Wach?, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckers, u.VerlagSanstal: Paul Singer SrEo., Berlin 3W.