Anterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 136. Mittwoch, den 16. Juli 1918 4i] Das entfesselte SctnckfaU Roman von Edouard Rod. Br6vine dankte einen Teil seiner Erfolge der gründ- lichen Erkenntnis der Verhältnisse. Hier hatte er wieder einmal den richtigen Ton getroffen: im Gegensatz zu der kirchlichen Strenge seines Gegners mußte leine etwas all- tägliche, zweifellos übertriebene Nachsicht, die sich aber den menschlichen Schwächen anpaßte, diesen selbst unvollkomme- nen Menschen gerecht erscheinen. Sie schwächte die Feier- lichkeit der vorübergehenden Rolle der Geschworenen ab und führte sie auf das Niveau ihrer täglichen Gewohnheiten, ihrer sonstigen sittlichen Betrachtungen zurück. Was man ihnen von Lermantes gezeigt hatte, schien nichts, was für einen Verbrecher bezeichnend gewesen wäre: denn fast jeder im Saal hätte in den gleichen Verhältnissen ohne Skrupel ähnlich gehandelt. Der sonst vorsichtige Klosterli erinnerte sich an seine unglaubliche Verschwendung, als er sich eines Tages Geschäfte halber in Paris aufhielt. Durnant und Souzier waren beide Witwer, weder der eine noch der andere hatte der Verstorbenen während des Trauerjahres die Treue bewahrt. Oberst Ollmont gedachte eines Streiches, den die Nachsicht seiner Frau ihm, dem Vierzigjährigen, verziehen hatte, und der im Grunde nicht entschuldbarer war als das, was man Lermantes vorwarf. Dieser indirekte Appell an die Bescheidenheit gestattete Brävine, auf günstigerem Boden über die Zeugenaussagen zu diskutieren. Zuerst zitierte er Rutors Geständnis, daß selbst die belastendsten der Verneh- mungen keinen bestimmten Beweis gegeben hatten. Dann wählte er unter den Argumenten des Staatsanwalts„das auffälligste, das beunruhigendste, das unser Gegner selbst so bezeichnete", die Verirrung der Kugel, und er lehnte diesen Beweis mit amüsanter Bonhomie ab. „... Ich kenne die Lieblingszerstreuungen des Herrn Staatsanwalts nicht, aber ich könnte eine Wette eingehen, daß er weder Jäger noch Schütze ist?..." Ueber Rutors Gesicht glitt der Schatten eines zustim- Menden Lächelns. „... denn wenn er Jäger oder Schütze wäre, so wüßte er, daß alle Ungeschicklichkeiten möglich sind, die unwahr- fcheinlichsten, die unglaublichsten." Er erzählte zwei erstaunliche Geschichten von daneben treffenden Kugeln, lmd diese Erzählung brachte einige heitere Momente in das düstere Drama. Dann kam er auf die von Rutor ausgeführten Einzelheiten zurück und betonte ihre Unrichtigkeit. Er sagte: Wenn die Anklage auch noch so schonungslos alles ans Licht zerrt, sie kann am Ende nur lauter Nullen addieren: also unmöglich, eine Rechnung auf- stellen. Der Staatsanwalt sei außerstande gewesen, die Tat zu beweisen—„das heißt, meine Herren Geschworenen, und ich bitte Sie, darauf zu achten, daß er das einzige, worauf es ankommt, nicht beweisen kann. Tann hat die Anklage versucht, den indirekten Beweis außerhalb des Unfalls zu suchen. Der Indizienbeweis, wenn es sich um den Kopf eines Menschen handelt! Der Indizienbeweis— das flüchtigste, ungewisseste, ungreifbarste, was es gibt... Aber auch dieser war der Anklage so vollständig mißlungen, daß der Herr Staatsanwalt„in seiner prächtigen Offenheit" es ganz klar zugegeben hat: was ihn übrigens nicht hinderte, einige andere schwere Verdächtigungen auszusprechen. So hat er die Frage aufgeworfen, ob Lermantes seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem General kannte oder wenigstens vom Vorhandensein des Testaments etwas wüßte. Er hatte die vollkommen unhaltbare erste Hypothese aufgegeben, um die zweite als sicher zu erklären. Aber war die eine ohne die andere möglich? Wie wollen Sie erklären, daß der General Lermantes gesagt haben soll:„Du bist mein Erbe, meinen Neffen, die ich gerne habe, zum Nachteil", ohne ihni das übrige zu enthüllen? Hat die erschütternde Aussage von Luise Donnaz nicht gezeigt, wie weit die Sorge um sein Ge- heimnis ihn trieb— dieses Geheimnis, das er mit in das Grab nehmen wollte? Nur Altersschwäche hätte eine Er- klärung dafür sein können, daß er seine Ansicht änderte, aber er war so rüstig, daß er auf der Jagd den ermüdendsten Posten wählte, der kräfftge Muskeln, ausdauernde Glieder, ein gutes Auge und die Kraft der Jugend erforderte... Aber schon früher hatten die beleidigendsten Vermutungen die vornehme Freundschaft dieser beiden Männer zu beschmutzen versucht. Hatte die öffentliche Bosheit nicht versucht. Lermantes und die Frau seines Wohltäters schuldiger Beziehungen zu bezieh- ttgen? Hier sah man wieder einmal den gewöhnlichen Gang der grundlosen Verleumdung, die einmal entfesselt ihre un- vergänglichen Schatten zurückläßt: diese aus der Luft gehofte Lüge sollte wie ähnliche andere als Beweis dienen und hatte zum Teil dazu beigetragen. Lermantes mit Verdächtigungen und Schmähungen zu bewerfen." Brävines Worte reinigten die Atmosphäre: nachdem er die Geschworenen und die Richter wieder auf das gemeinsame Niveau zurückgeführt hatte, indem er sie an ihre Stellung als Menschen erinnerte, erhöhte er das des Angeklagten und der Zeugen, der Helden des Dramas, und schuf dadurch den gleichen Boden für alle. Er stellte dadurch jenen Grad von menschlicher Verwandtschaft wieder hier, der die Aehnlichkeit aller stärker hervortreten läßt und die Söhne Adams ein- ander nähert, je nachdem sie Kain oder Abel gleichen. Die warme Stimme, der leichte Vortrag, der ernste Ton verdsppelten die Kraft der Beweise, die bald überzeugend, bald zweifelhaft waren. Ihre Lücken verschwanden unter der Frille her Gegengründe. Die Argumente sprudelten, ohne gesucht zu sein, natürlich, klar und vernünftig heraus, und Rutors gelehrte Rede zerbröckelte wie Gips unter Hammerschlägen. Als er den Antrag des Staatsanwalts genügend zerstört hatte, ging Br4vine zur Offensive über, und hier fühlte er sich noch sicherer. Ein Prozeß, in dem er jemand angreifen konnte, schien ihm halb gewonnen. So warf er sich mit seiner ganzen Kraft auf d'Enttague. „... Weshalb soll ich mich damit aufhalten, diese Phantome zum Schweigen zu bringen? Sie haben alle ge- sehen, meine Herren Geschworenen, daß nicht der leiseste Be- weis gegen Lermantes besteht. Ich erinnere Sie daran, daß der Herr Staatsanwalt sich eine Pflicht daraus machte, es anzuerkennen. Sie haben alle gesehen, daß das Phantom der Mutmaßung sich wie ein Schatten vor dem einströmenden Lichte der Vernunft verflüchtigt. Weshalb sitzt also Ler- mantcs auf der Anklagebank? Wie ist er so weit gekommen? Durch welchen tragischen Irrtum, durch welche beklagenswerte Verirrung? Wir kommen nun zum Hauptpunkt des Pro- zesses: der Aussage des Herrn Grafen d'Entraque. Unser Gegner hat sie widerrufen. Aber genügte es, sie zu wider- rufen? Nein, meine Herren, denn sie beherrscht den Prozeß. Fällt sie fort, dann bleibt nichts mehr übrig. Unglücklicher- weise ist es unmöglich, sie zu übergehen: Sie war da. Sie ist es nicht mehr, nbcr ihre Spuren sind zurückgeblieben, und ich würde die hohen Interessen, die ich zu wahren habe, ver- raten, wenn ich diese Aussage mit Stillschweigen übergehe." Er brandmarkte die gemeine Lüge,„eine feigere Rache als Gift oder Vitriol", und er stellte dem niederträchtigen Ve- nehmen des Mannes das der Frau gegenüber, jüe zweifellos schuldig war. aber durch ihren Heroismus eine Schuld gesühnt hatte, die sie vielleicht mit ihren, Leben bezahlen muß. Dann ging er wieder auf die Aussagen von Herrn Chütel und Herrn Lavaux zurück, und zeigte, wie wahrscheinlich es war, daß d'Entraque ihnen die Wahrheit gesagt hatte, weil er sie gleich nach den, Unfall, in der Hitze der ersten Erregung ge- sprachen hatte, ohne die Worte zu wägen, so daß man ihnen glauben konnte und mußte. Diese Worte hätten letzten Endes zur Aufklärung der Lügen und Verleumdungen beigetragen!! Br6vine erklärte, daß er gar nicht daran dächte, eine Bitte uni Bewilligung milderner Umstände zu stellen, klar und einfach verlange er die Freisprechung! ,,... Der geschätzte Vertreter der Anklage hat Ihnen, meine Herrn Geschworenen, gesagt:„Sehen Sie diesen Mann, sehen Sie seine Niedergeschlagenheit! Die Gewissensbisse er- drücken ihn!" Nein, meine Herren, es ist das Unglück! Eine solche Verkettung'von Unglücksfällen, wie die Einbildung sie sich kaum vorstellen kann! Wollen Sie. daß er diesem ent- fesselten Schicksal keck die Stirn bietet? Möchten Sie, daß er eine ruhige Seele hat, lächelnde Lippen, nachdem er die Qualen neunmonatiger Haft ertrug, nachdem er das Zu- lammenftiimn seines Werkes und seiner Mühe sah? Nach- dem er vor drei Tagen erfahren hatte, daß es sein Vater war, Ken er durch ein verhängnisvolles Unglück getötet? Nachdem �r gestern, als man ihn in sein Gefängnis zurückführte, die ftwei Schüsse hörte, deren Opfer er erriet? Wenn Sie ihm die Freiheit zurückgeben, meine Herren Geschworenen, machen Sie nichts von der ihm zugefügten Ungerechtigkeit gut: Sie setzen damit dem blinden Eigensinn des Schicksals, das ihn so grausam verfolgte, die ruhige Würde der menschlichen Ge- fechtigkeit entgegen, die nur danach strebt, der Wahrheit den Sieg �u geben..." Einige Beifallsbezeugungen wurden laut, und einige ,,'StillI". Herr Motiers de Fraisse gebot Ruhe. Nach den ge» wöhnlidhen Ermahnungen an die Geschworenen trat eine Mause ein. 23. Kapitel. Langsam leerte sich der Saal. Nur die Logen blieben desetzt, weil niemand hinauszugehen wagte, aus Furcht, seinen Platz einzubüßen. Die Zuhörer harrten aus in der verpesteten Luft, in der drückenden Hitze vor dem leereu Prätorium, in dem einige Gerichtsdiener im Vorbeigehen mit ihren langen Röcken Staubwolken aufwirbelten. Um die Zeit zu töten, wechselte man Höflichkeiten und machte schlechte Witze. Wie die Klänge eines Orchesters, in dem während der Pause jedes Instrument einige Noten spielt, ging alles durcheinander. Chaussy verließ seinen Platz auf der Journalistentribüne Und wurde von Valens und Monjorat festgehalten. Dieser versuchte mit Rücksicht auf die nahesitzenden Kinder von Ler- mantes seine Stimme zu dämpfen und sagte: „Sie sprechen ihn frei, lieber Freund! Seit gestern nach dieser Szene ist es klar." Chaussy protestierte, seine scharfe Stimme klang wie die Töne eines verstimmten Klaviers: „Das werden sie nicht wagen!" Wie gewöhnlich spielte er sich auf: wenn er sich irrte, log er, bcharrte er auf seinem Irrtum und gestand die Wahrheit nicht ein. Das war seine Methode. Er hatte schon schlimme Zeiten durchgemacht, furchtbare Angriffe erlitten. Schon zehn- mal glaubte man ihn durch schmierige Geschäfte, die andere vernichteten, zu Boden gerissen. Er tauchte immer an der Oberfläche enipor, und man sagte von ihm:„der zieht sich aus jeder Schlinge". Das war richtig. Seine Feinde verzehn- fachten seine Kräfte, ihr Haß beschützte ihn. Damit alle Uni- stehenden ihn hören konnten, schrie er laut, und seine Stimme drang bis zu Onkel Marnex hin:- „Sie möchten ihn alle gern freisprechen, diese Kerle, denn sie sind alle für ihn. Ter Präsident, die Beisitzer, dieser Schwätzer von Staatsanwalt, bis zum Schreiber, der immer brummelte, wenn er die schlimmsten Stellen der Anklage vor- las. Aber der Beweis ist da, und die Geschworenen werden den anderen nicht folgen." In dieser Weise sprach er weiter, so kategorisch und schneidend, daß Monjorat nicht mehr zu widersprochen wagte. Valens machte Bewegungen mit dein Kopf und wiederholte hm, hm: man wußte nicht, stimmte er zu oder meinte er das Gegenteil. Die Leute bewunderten Chaussy. Brävine drückte diesem und jenem die Hand, und es wurden ihm Komplimente gemacht.„Wundervoll. Herr Rechtsanwalt!... Prächtig!... Welche Logik!... Welche Form!... Nie waren sie so packend!" Eine kleine aufgeputzte, nach Parfüm duftende Daine jagte ihm: „Himmel, sind Sie geistreich gewesen!" Eine alte Dame kniff die Lippen zusammen, als ob sie ein zu kaltes Stück Eis verschluckt hätte: „Sie waren heute wirklich prachtvoll... wirklich wundervoll!" In dem reizenden Lächeln von Frau Aurora Winckel- matten war eine kleine Spur Melancholie. „Nie werden wir Frauen so sprechen! Nie! In der Geschichte gibt es kein Beispiel einer beredsamen Frau!" „Aber geschwätzige Frauen hat es gegeben," warf Jean Bogis, der vorbeiging, dazwischen. „Das ist ein schlechter Ersatz," erwiderte sie. Und sich wieder zu Br6vine wendend, fügte sie hinzu: „Wir tun unser bestes! Aber leider, wir plaudern, wir sprechen nicht!" lLortsctzung solgt.1! Hie ein Junges aus dem sollte. Von Maria Sandel. Wenn Vater Mansson am Samstag ein Fünfkronenstück zur Miete zurücklegte, die für eine einzige Stube sechzig Kronen im Vierteljahr betrug, blieben ihm von seinem ganzen Wochenlohn noch siebzehn Kronen und fünfundsiebzig Lere. Die letzteren be- hielt er zu Tabak und Dünnbier für sich, zwei Kronen gingen zu« nächst ab für die Krankenkasse, die Zeitung, den Arbeiterverein und der Rest davon nieist für eine Liste zugunsten eines notleiden- den Kameraden. Blieben also fünfzehn Kronen übrig, und diese übergab er Mutter Marthas rauhen Arbeitshänden. Aber die Familie bestand aus acht Köpfen, die hiervon sieben Tage leben sollten. Ja, da könnte man wohl graue Haare bekonimcn vor Sorge— aber Mutter Martha hatte sich statt dessen zu einem Genie entwickelt. Ganz und rein hielt sie ihre Familienmitglieder, sauber war das Zimmer, Armcnuntcrstützung kannte man hier nicht— bis auf Schuhe für die beiden, die zur Schule gingen— und Schulden hotte man auch nicht. Aber dafür hatte sie auch kaum eine Minute für sich selbst, von fünf Uhr morgens— wo sie vor dem Bäcker- laden stand, um altes Gebäck zu kaufen— bis«bei ds spät. Und mit der Nachtruhe ward es auch nicht viel, denn das Kleinste, ein hungriges Mägdlein, tat gar oft mit schriller Stimme seine Un- Zufriedenheit kund, wenn seine Eßlust nicht sofort befriedigt wurde. Wahrlich, Mutter Martha hatte es schwer, und ich fürchte daher, Mißtrauen zu begegnen, obwohl ich die lautere Wahrheit spreche, wenn ich erzähle, daß sie stets bei guter Laune war, daß sie bei ihrer Tätigkeit leise zu singen pflegte und ihren Liedervorrat sogar vermehrte. Wunderbar war es, aber das Geheimnis lag vielleicht darin, daß Vater Mansson ihr ein treuer Helfer war und keines- Ivcgs seine Ansicht verbarg, daß er die prächtigste Frau der Welt besitze. Nun darf man aber keineswegs glauben, daß Martha stets mild war wie«in Westwind. Gehorchte einer von den Sechsen nicht, so packte sie den Schuldigen wie«in Sturmwind, und selbst für die Unschuldigen war es dann am sichersten, sich außer ihrem Bereich zu befinden. Wohl murmelten sie bei solckcn Gelegenheiten etwas von Ungerechtigkeit— aber dennoch— Mutter, Mutter, Mutter! Sie war das A und O für die kleine Schar, bis auf Majken, die den Vater über alles und alles liebte. Nun geschah es aber, daß jemand, der glaubte, diese Last über- steige die jtzräfte der Eltern, sich erbot, einem von den Sechsen einen Platz im Kinderheim zu verschaffen. Niemand konnte leug- neu, daß das eine nicht zu verschmähend« Hilfe wäre, denn wie die Sache nun lag, bekam nur der Vater Butter zum Brot, und Martha gab sorgsam acht, daß auch nicht zu viel von dieser Leckerei in den Löcbern seines Frühstücksbrotcs haften blieb.— Aber welches der Kinder? Welches? Diese Frage hatte man beständig von sich gewiesen; doch nun war die Bedenkzeit fast abgelaufen— es galt also, sich zu entscheiden. Auf dem Tisch stand die Lampe und verbreitete ihr gemütliches Licht. Alle Kinder schliefen. Weiße Laken und bunte Flicken- decken leuchteten aus allen Winkeln, und die Atemzüge der Schlafenden erfüllten die warme Stube mit einem schwachen Sausen. Mutter Martha war still am Herd beschäftigt; es ging ihr heute abend alles so langsam von der Hand, und mehr als einmal ließ sie das Handtuch sinken, um sich mit unklaren Blicken im Zimmer umzuschauen. Aber als sie endlich den Kochtopf gesäubert und den Lappen zum Trocknen aufgehängt hatte, trat sie zu Mans- son, der mit einem Vercinsblatt in der Hand am Tisch saß. Er blickte auf, und beider Augen ruhten bekümmert ineinander. „Nimm die Lampe, Du", sagte er leise, stand auf und ging, von ihr gefolgt, zum Sofa, der Lagerstätte Hjalmars und des zehn- jährigen«Sven. Martha lieh den Lichtschein auf ihren Erstgeborenen fallen. Er war sicherlich eingeschlafen, sobald sein Kopf die Kissen be- rührt hatte, denn das Laken, das diese in Ermangelung von Kissenbezügen bedeckte, lag so glatt, wie die Hände der Mutter es darüber gebreitet hatten, und auf diesem straffen Weißzeug zeichnete sich scharf sein sonnengebräuntes Knabenantlitz ab.„Ein kleiner Mann," dachte der Vater und ließ den Blick auf den alt- klugen Zügen und den etwas eingesunkenen Wangen haften,„der sich schon seiner zukünftigen Stellung im Leben bewußt ist und die Härte des Daseins kennt, der aber noch spielen kann und ein gut Teil Eulenspiegeleien im Sinne hat," fügte er hinzu, als Plötz- lich die Finger des Schlummernden sich spreizten und ein Lächeln seine Lippen umspielte. Aber die Mutter dachte dazwischen an ganz andere Dinge. Sie sah das Hemd ihres Knaben— ach, wie ausgewachsen es war! Die Aermel hörten gleich unter dem Ellenbogen auf, und durch den fadenscheinigen Stoff sah man seine schmächtige Brust.„Hier ein Stück ansetzen, dort zlvei, und einen Flicken an den Bund," dachte Mutter Martha,„so kann er es noch eine Weile tragen, und dann erbt es Sven." Aber da erinnerte sie sich plötzlicb, warum sie hier stand, und warf ihrem Mann einen kurzen, ängstlichen Blick zu. „Er ist schon so groß und verständig, er wird sich vielleicht am besten dazu eignen," sagte dieser langsam und zögernd. Sic verstand gar nicht, daß sein Ton ordentlich um Wider- spruch bat. Sie war Feuer und Flamme. Hjalmarl Hjalmar von mir geben? Wohin deichst Du? Ihn» nach dem wir uns so gesehnt haben? Dn warst ja ganz närrisch vor Freude, als er lmn und so lieb war. Erinnerst Du Dich, wie Du gingst und eine Menge Sachen für ihn kauftest und dem armen Bürschchen Stiefel brachtest, als er erst vierzehn Tage alt war? Und nun willst Du ihn fortgeben? Hast Du denn kein Herz?" Doch in milderem Tone fuhr sie fort:„Ach, Du weißt nicht, was das heißt, der Erstgeborene, der so mitten in das junge Glück hineinkommt, über den man so erstaunt und froh ist und sich so wichtig vorkommt, mit dem man schwatzt und den man liebkost. Wenn man so stolz ist, daß man glaubt, etwas voraus zu haben vor allen anderen, und sich so reich— o, so grenzenlos reich fühlt—* sie suchte nach Worten, fand aber keine. Statt dessen seufzte sie glücklich, zog die Decke fester um ihren Buben und sagte mit einer Nuance verächtlichen Mitleids im Ton:„Es hat keinen Sinn, Dir dergleichen zu erklären. Männer verstehen kein Jota von unseren Dingen. Laß uns nach Sven sehen!" Er ließ die Beschuldigung seines Geschlechts ohne Anmerkung über sich ergehen und suchte nach Sven, der mit den Füßen gegen Hjalmar lag, in eine Hülse von Betten eingewickelt. „Woher wir den Burschen haben," sagte er und legte ihn neben Hjalmar.„Nicht einen Zug hat er von uns, mit seinen roten Haaren und der Stülpnase." „Wie Du redest! Sein Haar ist goldblond," meinte die Mutter. „Und so klug ist er! Der Junge wird was Großes, Du wirst es sehen... Ach, wenn man doch Geld hätte, dann könnte er studieren! Aber das ist ja wohl unmöglich." Mansson ergriff die Gelegenheit, ihr für den Seitcnhieb von vorhin einen Stich zu versetzen und sagte nachdenklich: „Vielleicht vom Kinderheim aus..." „Anstaltskinder sind stets wie Kartoffelklöße ohne Pfeffer und Salz", schnitt sie bestinimt ab,„das weißt Du ja." „Nein, ich kenne ein Beispiel fürs Gegenteil." „Ja, ein tveißer Rabe.... Aber könntest Du ihn entbehren, sag?" fragte sie eindringlich. „Nein. Ich sagte es nur aus Spaß", beruhigte er sie.„Im übrigen sammeln wir ja Sparinarkcn für ihn. Wir hoffen ja doch im stillen bei all unserem Abmühen, daß er einmal seine Gaben wird entwickeln können. Denn er hat welche, Du! Primasorte." Sie bestätigte es mit einem stolzen Nicken, worauf beide quer durch das Zimmer zu einem Sofadcckcl gingen, der auf mehreren Stühlen lag. „Der arme Kleine, wie mager er ist", sagte die Mutter beim Anblick der durchsichligen Backen des Kindes. Mitleidig betrachtete ihn der Vater. „Ich glaube, sein Rücken wird immer schlimmer", sagte er. Die Mutter heftete ihren Blick aus den scharfen Bogen, der unter der Decke hervorsprang. Nach einer Weile richtete sie sich auf und wischte die brennenden Tropfen aus den Augen. Sie hob warnend die Hand, denn die bläulichen Augenlider des Knaben zuckten unruhig, und mit leisen Schritten schlichen sie beide in den Winkel, der von dem gustavianischen Bett und der Wand gebildet wurde. Da waren Masken und Gören gebettet. „Gehen wir erst zu Göran!" bat Martha und hielt ihren Mann am Hemdsärmel fest, denn er war im Begriff, sich nach dem Bett- ende einzuklemmen, um seinem Mädchen näher zu kommen. Sie ließ das Licht voll auf den runden Lockenkopf fallen.„Ist er nicht lieb?" „Ein Prachtbengel", sagte der Vater und streichelte Görans apfelrunde Backen. „In dem Kinde ist nichts Schlechtes", beteuerte die Mutter. Und so behilflich ist er mir schon! Er holt ein, er mahlt Kaffee, er sieht nach dem Kleinsten, und wenn ich abwasche, trocknet er die Löffel und verwahrt sie im Schrank. Ich band ihm neulich meine Küchenschürze um, und eins, zwei, drei lag er da, denn sie wickelte sich um seine kurzen Beinchen. Ich mußte ihm zu Hilfe eilen, allein wäre er kaum wieder hochgekommen, so dick wie er ist. Und denke, erst fünf Jahre!" „Ich glaubte wirklich, Du liebst ihn am meisten von allen. Er ist ja gar nicht unser." „Daran denke ich nie. Und er hat ja nun niemanden außer uns. Ihn können wir nicht fortlassen." „Da hast Du recht", stimmte er ein und nahm einen langen Schritt über das Bett. So war er nun endlich beim Majken, und da hätte man Vater Mansson sehen müssen. Seine braunen Augen lachten und leuchteten vor Zärtlichkeit. „Mein Ebenbild", dachte er und ließ den Blick auf der kleinen Gestalt ruhen, auf den kräftigen, kleinen Fäusten und den dunkel- braunen Locken, die in wilder Unordnung über das Kissen fielen. Er betrachtete das kecke Stumpfnäschen und erkannte sich selbst in dem Grübchen im Kinn, dem trotzigen Mund und der feinen Linie der Augenbrauen.„Ganz ich selbst", versicherte er sich nochmals und beugte sich herab, um sich richtig spiegeln zu können. Und als da zwei niedliche Grübchen in den Wangen des schlafenden Kindes er''-ai„ncn, da des Vaters Bart cS kitzelte, erkannte er auch diese wieder und konnte in seinem Stolz es nicht unterlassen, seinen langen Bart beiseite zu schieben und seinem Herzenskind einen Schmatzkuß zu geben. „Was hat sie in der Hand?" fragte er plötzlich. Die Mutter suchte in den geschlossenen Fingern des Kindes. .Haare", sagte sie. „Woher hat sie die?" meinte er erstaunt. „Es sieht aus, als wären sie aus Svens Schopf. Hast Du nicht gesehen, daß sie vorhin bei den Buben auf dem Sofa war und Räuber spielte? Sie ist furchtbar wild. Du verwöhnst sie aber auch über alle Maßen. Sie müßte fortkommen." ?lber Mutter Marthas Litanei verhallte ungchört, so versunken war der Vater in den Anblick seines Schatzes. Und sie hatte noch eine lange Weile Zeit zum Nachdenken. In ihrer Erinnerung er» Ivachten all die unzähligen, ärgerniserregenden Angelegenheiten Majkens, ihre durch sie verursachten Unannehmlichkeiten mit Nach- barn und Verwandten, ihr Eigensinn, ihr Trotz, ihre unglaubliche Fähigkeit, ihre Sachen zu zerreißen und zu beschmutzen. „Wie dieses Kind alle tyrannisiert— und dabei versteht, sich beliebt zu machen...1" Sic mußte lachen, eine alte Geschichte fiel ihr ein. „Ja, ja," sagte sie plötzlich zu ihrem Man», der noch immer Majkas Hand hielt,„sie braucht Deine Hilfe gegen die Brüder nicht. Sonst versprachst Du, sie zu verteidigen, wie Du Dich wohl erinnerst." „Nein, wie war das?" „Nun, als sie eben geboren war, sagte meine Schwester zu Dirk „O, es ist ein Mädchen! Armes Kind, das mit drei großen Brüdern fertig werden soll!" Da antwortetest Du:„Das hat keine Gefahr! Mit meinen Fäusten werde ich sie verteidigen." Mutter Martha bekam einen freundschaftlichen Kniff in die Hüfte, daß sie beinahe die Lampe hätte fallen lassen, und sie lachten beide. Aber dann kamen ihre Gedanken von vorhin wieder. „Sie ist eine richtige Wilde und müßte fortkommen. Was meinst Du? Man könnte sie ja wieder nach Hause nehmen, wenn..." Sie hielt plötzlich innc, denn sie merkte, wie er den Kopf zurück- warf und wie seine Hand den Bcttrand umklammerte. „Nein", sagte er kurz. Der Ton gefiel ihr nicht, und sie sammelte sich zum Angriff. Aber er kam ihr zuvor. „Majken hergeben! Wenn sie vielleicht wirklich mal ein bißchen unartig ist, so denke daran, wie sie es nachher bereut, und wie liebenswürdig sie dann ist." Der Blick der Mutter war plötzlich eitel Sonnenschein. O, die Küsse dieses warmen Mundes, das tränenübcrströmte Gesichtchen, das Versprechen, es„nie, nie wieder" zu tun. All das sah sie deutlich vor sich, das lange Schluchzen und die plötzliche Heiterkeit, die ganz wilde Freude der Büßerin.... „Nie mehr könnte ich einen frohen Tag haben, wenn sie fort wäre", sagt« die Mutter weich.„Nun ist nur noch eins übrig. Sieh her." Das Kleinste lag völlig wach im Bett und sog an seinem Daumen. Die Mutler stellte die Lampe auf den Tisch, nahm das Kind auf.„Das hier", sagte sie und führte das weiche, kleine Händchen, das unbeholfen in die Luft griff, wieder und wieder an ihre Lippen, „könnte mir nicht einmal die Kaiserin nehmen. Wie fangen wir's an?" „Ja, Tu hast Ivohl kaum noch einen Rock auf dem Leib", meinte er. „Ich will mich bei dem„Onkel" an der Ecke nach etwas Altem umsehen. Schlimmer ist es mit Dir und dem Essen. DaS ist zu knapp und zu schlecht für Dich, der so streng arbeiten muß." „Ach, Unsinn, ich werde schon fertig", sagte Mansson, ein UN- verbesserlicher Optimist, spie in die Hände und schlug sie zusammen. „Die Kinder behalten wir." „Jedes einzige", stimmte die Mutter ein und drückte das Kleine an sich, daß sein rosiges Gesichtchen ganz in der weichen Brust verschwand. Dann streckte sie dem Vater die freie Hand hin, und die beiden arbcitstüchtigcn Fäuste fanden sich in cinein festen Druck. (Uebcrsetzt von Rhca Stcrnberg.), Die JVlöhnctairpem» Am Sonnabend ist»ach Sjähriger Bauzeit die gewaltige Mohne- talsperre bei Günne in Westfalen eingeweiht worden. Dieses be» achtenswerte Ereignis konnte sich sogar ohne die zunäckst in Ausficht gestellte Anlvesenheit Wilhelms IL vollziehen. Die Talsperre ist ein Jahr vor dem vertraglich festgelegten Ablieferungstermin fcrtigge- stellt werden. Der ausführenden Firma wurde hierfür eine große Summe als Extravergülung in den Schoß bewilligt, an der die zahlreichen Arbeiter natürlich keinerlei Anteil baben. Die Mvhnetalsperre ist eins der bedeutendsten Bauwerke unserer Zeit. Der Stauinhalt beträgt 130 Millionen Kubikmeter. Mit diesem ungeheuren Stauinhall ist die Sperre zurzeit die größte Europas, wenngleich sie auch in ctliwcn Jahren durch die im Bau begriffene Edertalspcrre mit 202ö(M> Kubikmeter überholt sein ivird. Von der gewaltigen Ausdehnung der Sperre macht man sich erst dann eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, daß der Stausee eine Fläche von 1016 Hektar bedeckt. Das Sperrgebiet hat eine Länge von 10,5 Kilometer für das Möhnetal und eine Länge von 5 Kilometer im Hevetal. DaS Niederschlagsgebiet der Möhne» talsperre dehnt sich über 410 Quadratkilometer aus. Durch de« Bau der MSHnetalsperre wmden einige Ortschaften vom Boden fort- gefegt, nickt' weniger als 1t3 Gebäude muhten niedergelegt werden. Die Möhnetalsperre ist von den» Ruhrtalsperrverein erbaut, der fich um den Bau von Talsperren in Westfalen grobe Verdienste erworben hat. Die neuerbaute Talsperre liegt in dem historischen Gebiet der Talsperren. Unter Mitwirkung des Ruhrtalsperrvereins sind seit dem Jahre 1838 in der Gegend von Lüdenscheid, Schwelm, Haspe, Meschede, Dahlerbrück, Plettenberg und Bolme neun Tal- sperren erbaut worden. Der von Jahr zu Jahr zunehmende Wasser- Mangel, namentlich in den Jndustrie-Groststädten, hat in erster Linie den Gedanken der Errichtung der erwähnten Talsperren aufkommen lassen. Der gesamte Stauinhali der neuen Talsperre beträgt 82 400 000 Kubikmeter, so dast die Möhnetalsperre allein etwa vierinal so grob an Stauinhalt ist wie die übrigen Talsperren des Ruhrtal- sperrenvereinS. Zur Durchführung des Baues der Talsperre waren gewaltige Vorarbeiten erforderlich. Die bedeutendste dieser Arbeiten war der Bali der gewaltigen Sperrmauer. Bevor man aber an die Ausführung der Mauer herangehen konnte, mubtcn sowohl die Möhne, als auch die Heve durch Ilmleitungsgraben um die Baustelle geleitet werden. Dann wurde die Sperrmauer errichtet, die eine Länge von 638 Meter, eine Höhe von 46 Meter und eine Stärke von 34,6 Meter an der Sohle aufweist. Bis zur Krone verjüngt sich die Mauer auf 6 Meter Breite. Rund 270 000 Kubikmeter Mauerwerks- masse find hierbei verarbeitet. Das Wasser wird bei gefüllten Becken durch einen Ueberlauf von 264 Meter abgeleitet. Das gewaltige Staubecken der Möhnetalsperre gleicht einem ge- wältigen See. Die Sperre hat die Gestalt einer ungleichschenkeligen Gabel. Die Breite des Sees beträgt rund drei Kilometer. Vier leichte Motorboote vermitteln den Verkehr und dienen zum andern den vielen Besuchern zu einer Rundfahrt über die beiden Seen. Eine solche Fahrt bietet manch reizvolles Bild, das durch den künstlichen See geschaffen ist. Die Errichtung der Talsperre brachte unter andern auch die Ver- legung einer groben Verkehrsstrabe, der Provinzial-Möhnestrabe in einer Länge von 10 Kilometer mit sich. Eine große Anzahl Brücken vermitteln heute den Verkehr über die verschiedenen Arme des Sees. Zur Vermittelung des Verkehrs von der einen Seite des Sees zur «Indern dient in der Nähe des Dorfes Dehleke ein großer Viadrckt. Dieser Viadukt ist mit einer Länge von 720 Meter fugleich die größte Steinbrücke Teutschlands, die Herstellungskosten ieser Brücke betragen rund 250 000 M. Von der gewaltigen Aus- dehnung des Sperrbeckens bekommt man eine Vorstellung, wenn man sich vergegenwärtigt, daß 8 Stunden darauf vergehen, um den Sperrsee einmal zu»tmgehen. Die rund um die Talsperre an- gelegten Wege erreichen eine Länge von 42 Kilometern. Die Möhnetalsperre ist mit einem Geianitkostcnaufwand von 22 Millionen Mark erbaut, auf Grunderwerb fallen hiervon 8 Millionen Mark, die Sperrmauer allein kostet 7 Millionen Mark, für Straßen- und Brückeubauten sind 3 Millionen aufgewandt. Die Kosten sind zlvar •erheblich hoch, sie betragen bei der Möhnetalsperre für den Kubikmeter Sautinhalt aber mir 16 Pf., wohingegen der Kubikmeter sich bei den älteren Talsperren im Durchschnitt auf 38 Pf. stellt. In erster Linie soll die Möhnetalsperre naturgemäß der Waffer- zuführung der großen Industriestädte dienen. Den großen An- forderungen, die in dieser Beziehung die Großstädte deS Rheinisch- Westfälischen Jndustriebezirks stellen, konnten die Grundwasserwerke ■nicht mehr genügen, beträgt doch der Wafferverbrauch gegenwärtig 330 000 000 Kubikmeter im Jahre. Den dritten Teil von dieser Menge soll die Möhnetalsperre demnächst allein stauen. Zurzeit zeigt die Skala 42,5 Millionen Kubikmeter. Im Laufe des Sommers wird der Stauinhalt noch 50 000 000 Kubikmeter erreichen. Für die Zukunft erwartet man eine fast zweimalige Füllung deS Staubeckens, da die durchschnittliche Zuflußmcnge jährlich 246 Millionen Kubikmeter betragen soll. Diese ungeheuren Wassermengen dienen natürlich auch zum Betriebe von zahl- reichen Triebwerken. Außerdem aber dient die Talsperre auch zur Gewinnung von elektrischer Energie. Bei gefüllten Becken beträgt das Gefälle etwa vierzig Meter. ES wird damit gerechnet, daß man aus dieser Kraft 2100 Pferdekräfte gewinnt. Diese Gewinnung von elektrischem Strom ist natürlich von großer Bedeutung. Zur Samm- lung der elektrischen Energie ist ein besonderes Elektrizitätswerk er- richtet, das von dem Verbandselektrizitätswerk in Bochum betrieben wird. So werden die gewaltigen Mengen Wassers, die zum großen Teil bisher nutzlos verliefen, in Zukunft planmäßig gesammelt, ökonomisch verwandt und so im hohen Maße der Allgemeinheit nutzbar gemacht. kleines feuiUeron Statistisches. Ein Land das seine Bevölkerung ständig ber« mindert ist Irland. Seine Bevölkerungsbewegung zeigte im Laufe der letzten 00 Jahre folgendes Bild: 1821 1841 1831 1001 1011 Männer.3 841 026 4 041 040 2 633 277 2 200 040 2 102 048 Frauen_ ,3 460 001 4 155 548 2 611 650 2 258 735 2 108 171 Zusammen 6 801827 8 196 607 5 174 836 4 458 775 4 390 219 Verantw. Redakteur: Albert Wachs, Berlin.— Druck u. Verlag: Das Jahr 1841 weist die höchste Bevölkerungszahl auf. Seit» dem hat ein dauernder Abstieg stattgefunden, so daß 1011»richt viel mehr als halb so viel Leute in Irland lebten als in jenem Jahre. Die unglücklichen politischen und landwirtschaftlichen Zustände der «grünen Insel", der Druck der englischen Machthaber, der auf ihr lastet, haben diese im Leben der»nodernen Völker einzig dastehende EntWickelung verschuldet. Ein Unikum dürfte auch die Tatsache bilden, daß die Zahl der leerstehenden Häuser in Irland ständig wächst. Sie beträgt jetzt 861870, d. i. 3717 mehr als vor 10 Jahren. Uebrigens beruht' die Volksverminderung in Irland ausschließlich auf Abwanderung. Die Zahl der jährlichen Geburten übertrifft die der Sterbefälle immer noch um 6,2 pro 1000 Einwohner, was zwar gegenüber einem Geburtenüberschuß von 11,4 und 10,5 in England und Schottland eine langsainere Zunahme der Bevölkerung, aber doch noch eine Zunahme bedeuten würde. Die starke Auswanderung verschlingt nicht nur diesen Ueberschuß, sondern führt auch, wie obige Zahlen beweisen, zu einer recht rapiden Entvölkerung des Landes. Die bisher gemachten staatlichen und genoffenschaftlichen Versuche, einen gesunden Kleinbaucrnstamm von neuem zu schaffen, haben mir insofern Erfolg gehabt, als sie das Tempo der Abnahme etwas verlangsamt haben. Meteorologisches. Wettervorher sehung aus den Wolken. Bei der großen Bedeutung, die das Wetter in diesen Ferienmonaten für so viele besitzt,' richten sich unzählige Augen prüfend und forschend nach dem Himmel,»im aus dem vielgestaltigen Weben und Wogen der Wolken die bevorstehende Witterung und damit die Zukunft ihres Sommeraufenthalts abzulesen. Das ist aber bei der ungeheuren Mannigfaltigkeit der Bildungen und Formen keine leichte Aufgabe, und deshalb bedarf man eines erfahrenen Führers, um nicht durch die trügerischen Prophezeiungen der Luftgebilde getäuscht zu werden. Als ein solcher Wegweiser erscheint ein Aufsatz über«Offenbarungen aus den Wolken", den Dr. E. Mylius in der Zeitschrift«Ueber Land und Meer" veröffentlicht. Auf vier verschiedene Arten macht sich eine allgemeine Aenderung des Wetters zum Schlechteren am Himmel bemerkbar. Wenn am blauen Himmel von Südwesten langstreifige, hellblaue, fast weiße Schichtwolken,.Zirrus" genannt, heranziehen, von Süd- Westwind bewegt, so gibt es spätestens am nächsten Tage Westwind und am übernächsten Regen. Das Volk nennt deshalb diese langen Zirrus Windwolken. Nichts Gutes hat es auch zu bedeuten, wenn nach einem oder mehreren schönen Tagen von Westen her eine nach oben hin verwaschene weiße Wolkenwand heraufkommt, unter der sich einzelne kleine Kumuluswölkchen finden. Die weiße Trübung hüllt das Blau deS Himmels immer mehr ein, während unten, nahe am Horizont, eine dunkelgraue, sich allinälig nähernde und vergrößernde Stelle auftritt. In wenigen Stunden gibt es dann Regenwetter ohne starken Wind, dem später frische Brisen folgen. Kommt von Westen her gegen den unten noch herrschenden Ostwind zerfasertes ZirruSgewölk heraus, erscheinen darunter graue Haufenwolken und lockere flockige Wölkchen, so kommt schlechtes Welter ohne viel Wind herauf. Sind diese Erscheinungen vormittags da, dann regnet es noch an demselben Tage; treten sie aber gegen Abend auf, so ist das schlechte Wetter erst am folgenden Tage zu erwarten. Eine allgemeine weißliche Trübung deS Himmels, bei der die Sonne ihren Glanz verloren hat, läßt ebenfalls auf Regen schließen; sie geht immer mehr in ein dunkelwcrdendes Grau über, in dein noch dunklere, tiefer schwebende Schichtwolken erscheinen. Dann zeigt sich, vom westlichen Horizont heraufziehend, eine graue Stelle, die schon das kommende Regenwetter enthält, das meistens von Windstille begleitet ist. Schwerere Unwetter, wie Böen und Gewitter, dürften eigentlich niemanden überraschen, denn sie sind bei einiger Aufmerksamkeit leicht stundenlang vorauszusehen. Sie kommen fast immer aus westlichen Himmelsgegenden, und zwar nähert sich unter einer weit ausgedehnten»veißen Scktchtwolke, die man„Zirrusschirm" nennt, ein Haufen von Ballenwolken, die einen mehr oder minder deutlichen Wulst bilden. Wie eine ungeheure .Ponnhfrisur' überspannen die vordersten dieser Wolken bogen- förmig den Raum unter der ganzen Masse. Unter dem ungeheuren dunklen Tor dieses Wulstes, den man den Namen«Böenkragen" gegeben hat. sieht man dann beim Näherkommen de« UniveiterS in der weiten, dunklen Halle des Himmels ein helleres Stück. Das ist der kommende Regen. Der.ZirruSschinn' ist unterdeffen hinter den tiefer liegenden Haufenwolken verschwunden, sodaß das Gewitter bei großer Nähe nur aus diesen großen Haufen- wollen zu bestehen scheint. Die ersten Anzeichen einer Böe sind ziemlich unscheinbar: eine Bank von tveißen, später grauen Haufen- wölken, über der der weiße Zirrusschirm schwebt. Während die Böen stets mit dem frischen Winde kommen, treten Gewitter fast immer nach Windstille auf. Die Gewitterbildung mackt sich ge- wöhnlich durch die Entstehung eigentümlicher, bochaufschießender säulenförmiger Haufenwolken bemerkbar, die vom Volk Wettertürme oder Wetterbäume, von den Meteorologen, weil sie Hagel bringen, Hageltürme genannt werden. Die Hausenwolken eines Gewitters find meistens höher als die einer Bö. Nicht alle Gewitter, die am Hori- zont auftauchen, kommen herauf. VorwärrsBuchdruckeret u.VerlagSanstalt Paul Singer LeCo.,Berlul SW.