Nnterhaltungsblatt dcs vorwärts Nr. 140. Dienstag, den 22. Juli 1913 fj Das entfesselte SdrickfaU Noman von Edouard Rod. (Schluß.) Es waren nun fünf„Ja". Die Ueberraschung war groß. Bei dem Oberst hatte man gezweifelt, aber alle hatten nach Glarys Gesicht geglaubt, daß er verurteilen würde. Durnant und Pillon beglückwünschten sich. Souzier sagte ärgerlich zu dem fröhlichen Conthey: „Auch ein schöner Sieg!" Condemine, die Hand im Bart, fiel mit tragischem Ge- fichtsausdruck auf seinen Stuhl zurück. Buthier schlug ihm scherzend auf die Schulter. „Dieses Mal haben Sie also noch nicht Ihre Ration Blut— Vampyr!" Mijoux faßte Klösterli bei einem Rockknopf und stöhnte: „Wie soll man ruhig zu Hause leben, wenn solche Ver- brechen unbestraft bleiben... Es ist eine Voreinge- nommenheit, alle freizusprechen... Man solle die Gen- darmen verabschieden und die Gerichte schließen, dann würde man doch wenigstens Geld sparen..." Die Klingel ertönte: die Gerichtsdiener hasteten umher. Die Menge schob sich zur Tür hinein. Condemine warf Sellier einen verzweifelten Blick zu und dieser sagte zu den Umsitzenden: „Freigesprochen!" Schnell pflanzte sich das Wort bis zu den Logen weiter und wurde von Mund zu Mund wiederholt. Brenne beruhigte die Kinder von Lermantes mit einer Bewegung, Ke sie gierig auffingen und übersetzten:„Freigesprochen." Herr Perron sah zu der Baronin Kharv empor, während Herr Nudrit seiner Frau zulächelte, beide verstanden ebenso wie ihre Nachbarn:„Freigesprochen!" Chaussy wütete, während die Journalisten um ihn herum noch schnell ihre Notizen für den gleich erscheinenden Artikel machten.„Frcige- sprachen."— Das Wort erfüllte den Saal, es ging von Mund zu Mund, von Bank zu Bank, von kurzen Ausrufen begleitet, gelobt, diskutiert, widersprochen: die einen waren zufrieden, die anderen ärgerten sich. Das Wort pflanzte sich �veiter, über die Gänge des Gerichtsgebändcs hinaus auf die Straße. Lermantes las es von Br6vines Stirn, der auf sein Herein- kommen lauerte, er las es auf den vorgestreckten Gesichtern. in den Blicken aller, die seine Seele durchwühlten. So hatte sich der erregende Hauch schon zerteilt, als Mortara. das Papier in der linken zitternden Hand, die Rechte auf der Brust, das Urteil aussprach. Wie jemand, der noch nie einige Zeilen vor einem Publikum gelesen hat. trug er die wenigen Sätze so schlecht vor. daß Condemine die Achseln zuckte. Einige Beifallsbezcugungcn wurden laut. Der Präsident rief „Ruhe". Paul Lermantes war aufgestanden, tiefatmend blickte er umher, als ob er die Unzufriedenen herausfordern wollte. Nen6e und Roland weinten vor sich hin. Herr Marnex hatte die Blicke gesenkt und zeichnete mit seinem Stock klein? Kreise auf den Boden. Lermantes hatte sich zu Br6vine geneigt, um ihm die Hand zu drücken. Dann hörte er ohne Zittern, ohne freudiges Zucken zu, als ob es sich nicht mehr um ihn handele... 1 ll. Kapitel. Aus dem„Tagebuch" von Frau de Lusenep. Dieser Prozeß Lermantes ist nun heute beendet worden. Es war die höchste Zeit! Nichts ist ermüdender als Schwur- gerichtssitzungen, besonders im Sommer: die Hitze macht einen noch nervöser und man weiß nicht, ob man es vor- ziehen würde zu schmelzen oder zu ersticken. Jedenfalls würde man den Geist aufgeben, wenn man nicht auf dciL Ende des Prozesses gespannt wäre: aber die Neugierde ist eine Art Fieber, das einen aufrecht hält. Sic veranlaßt einen, wenn man vollkommen erschöpft den Saal verläßt, am nächsten Tage wieder zurückzukehren. Völlig veririchtct.-fchwört man, nicht wiederkommen zu wollen, aber es zieht einen rettungs- los hin, man ist wieder da und— hält es bis zum Schluß aus. Erst gegen vier llhr wurde das llrteil verlesen, die Be- ratung hatte sehr lange gedauert. Wenn ich nicht in Gesell- schaff meiner Freunde gewesen wäre, hätte ich die Zeit des Wartens sehr unangenehm empfunden. Themis ist in Ver- sailles schlecht untergebracht, aber wenn man mit netten Leuten plaudert, fühlt man sich überall behaglich Wie es zugegangen ist, weiß ich nicht, man erfuhr den Spruch in demselben Augenblick als die Geschworenen ihn fällten, so daß die Spannung vorbei war, als Mortara es verlas. Schade, daß dieser Maler es wie ein schlechter Schüler stot- ternd vortrug. Was für ein merkwürdiger Gedanke, einen Künstler für dieses Amt zu wählen! Doch es scheint, als ob darum gelost wird: es ist Gesetz und dann ist nichts mehr da- gegen einzuwenden. Uebrigens war niemand erregt, das ist nur bei einer Verurteilung der Fall. Die Freisprechung nimmt dem Prozeß sofort jedes Interesse: es ist zu Ende. Die Episode gehört gleich der Vergangenheit an, sie wird von dem Strom des Lebens überspült und weitergetragen. Eilig sucht man nach anderen Gesichten, denen man sein Interesse leihen kann. Ich frage mich, ob die Haupthelden, die tage- lang über einem Abgrund schwebten, nun ihr ganzes Leben von dieser fürchterlichen Erinnerung verfolgt werden. Ich denke, um es zu wissen, müßte man selbst die fürchterlichen Tage durchgemacht haben, aber diese Erfahrung wünschte ich meinen schlimmsten Feinden nicht... wenn ich welche hätte. Languards luden mich und die kleine hübsche Advokatin Frau Winkelmatten zum Tee im Foyer ein. Dort kannten sich alle oder fast alle, und da man von demselben Schau- spiel kam. plauderte man von Tisch zu Tisch wie in einem Salon. Es war recht amüsant, fast wie bei einer Premiere: ein Teil applaudierte, ein anderer pfiff, aber niemand lang- kveilte sich. Alles, was man von dem Prozeß wußte, wurde besprochen. Was veranlaßte die Freisprechung?... Lavancher versichert, daß die Ursache im gestrigen Theater- coup zu suchen ist, aber Frau Languard meint, daß sie das Resultat der Nachsicht des Staatsanwalts wäre. Vielleicht sagte sie es. um Brävinc herabzusetzen. Ich habe immer be- merkt, daß die berufliche Eifersucht eine schreckliche Leiden- schaft ist, besonders bei den Frauen. Die Männer mäßigen sich, aber die Frauen kennen keine Rücksicht. Päpinet wußte eine andere Lösung: es scheint, daß Rutor Freimaurer ist und Lermantes auch, ebenso einer der einflußreichsten Ge- schworenen. ein Versailler Apotheker, der Pillen erfunden hat. Frau Winckelmatten, die Mortaras Bilder bewundert, fragte, wie er Wohl abgestimmt habe. Breil kennt ihn ein wenig und vermutet, daß er für eine Verurteilung war. Badile. der immer alles weiß, erzählte, daß bei dem Verdikt sieben Stimmen fünf überwogen. Das wäre nicht sehr glänzend: eine solche Freisprechung befreit Lermantes nicht vom Verdacht. „Wenn er aber mit einer Stimmenmehrheit von einer Stimme verurteilt wäre," sagte Frau Winckelmatten,„hätte das nicht gehindert, ihn ohne Schonung zu köpfen?" Diese junge Frau ist ebenso hübsch wie geistreich. Sie hat mir so gefallen, daß ich sie fast eingeladen hätte, aber sie ist zu hübsch, sie würde meine Gäste zu sehr ablenken. Frau Breil erzählte, daß in Amerika die Geschworenen ein- stimmig urteilen wüßten, um einen Spruch zu erreichen. „Das ist ziemlich gerecht," sagte ihr Gatte,„wenn fünf von zwölf Personen an der Strafbarkeit eines Angeklagten zweifeln, so ist sie nicht ganz erwiesen." Rechtsanwalt Languard antwortete, daß bei uns eine solche Einheit unmöglich wäre, weil die Geschworenen immer geneigt sind zu verneinen, und auf diese Weise alle Ver- brecher der Gerechtigkeit entgehen würden. Es wurde eine juristische Auseinandersetzung gegeben haben, wenn Proz und Lapenne nicht ziemlich erregt dazu- gekommen wären. Sie hatten in der Nähe des Gerichts ge- standen und Lermantes mit den Seinen fortgehen sehen. Lavenne war von dem Anblick mehr bewegt als von denr Prozeß! Ein merkwürdiger Mensch, dieser Lavenne! Anter der Maske des Skeptizismus verbirgt er unglaubliches Fein- gefiibl. Wie er uns die kleine Szene beschrieb! Das war voll Leben, packend, tragisch! Seine Bewegungen zeichneten die Personen in scharfen Umrissen und hauchten ihnen Leben ein. seine Stimme wechselte, wenn er die einzelnen sprechen ließ. Es ist unmöglich, die Schilderung mit der Feder wieder� zugeben. Man sah förmliche was er schilderte. Ten Onkel. wie er gleich nach dem Verdikt davoneilte,„sich verflüchtigte". die Gruppe im Vestimil. die auf die Papiere wartete, welche von den Richtern unterzeichnet wurden. Br&nne und Charreire waren die einzigen, die sich der Familie Lermantes näherten, während in der davoneilenden Menge die ehe- maligen Bekannten sich abwandten.„Eine lebendige Guillotine", sagte Lavenne. Als der Weg frei war. führten sie Lermantes an Brävines Auto, das vor dem Gericht wartete. Und Lavenne hat den Unglücklichen gegrüßt. Auch Proz, aber ohne Ueberzeugung, er empfand bereits das Be- dürfnis. sich zu entschuldigen. „Ein höflicher Gruß verpflichtet zu nichts, nicht wahr?" „Meiner verpflichtet mich," erwiderte Lavenne.„Ich bin überzeugt, daß er unschuldig ist." „Ich," rektifizierte Proz.„ich bin überzeugt, daß er frei- gesprochen ist." „Was nicht dasselbe ist," bemerkte Frau Breil. „O. es wäre mir ausreichend, wenn ich wüßte, daß die Leute sich damit begnügen," rief Proz.„Aber das ist die Frage." Badile mischte sich hinein. „Mit dem Vermögen, das er erbt, werden seine Unter- nehmungen bald wieder im Gange sein. Er wird eine schöne Reise nach seinen südamerikanischen Häfen machen und wie ein König empfangen werden. Wenn er Ende Dezember hierher zurückkehrt, wird niemand mehr an das Ganze denken. Die Leute mit vorzüglichen! Gedächtnis werden sich erinnern, daß er bei einer Schwurgerichtssitzung zugegen war, aber keiner wird genau wissen, ob das Geschworener oder als Zeuge." Es ist möglich. Paris ist unendlich nachsichtig. Von Zeit zu Zeit versucht man strenger zu fein. Aber man weiß schon vorher, daß alles gut ablaufen wird. Lavenne glaubt nicht, daß Lermantes nach der Qual dieser schrecklichen Zeit die Kraft haben wird, sich wieder in den Strom zu stürzen. Er brachte eine seiner gewöhnlichen Paradoxen vor. „Ein Verbrecher überlebt diese Qualen, ein Unschuldiger stirbt daran." Proz fing dieses Wort sofort auf: „Also, wenn er nicht sterben sollte, was werden Sie dann von ihm denken?" In diesem Moment war einer der Richter. Herr Perron, mit einer eleganten, sehr hübschen blonden Dame einge- treten, einer Ausländerin.— Badile sagte, daß sie sich während des Prozesses kennen gelernt haben und ihre Blicke sich oft im Saale begegneten. Sie bestellten Schokolade. Jemand, den ich nicht kannte, näherte sich ihnen und sagte laut: „Frau d'Entraque liegt im Sterben." Tie Neuigkeit erregte Aufsehen. Man hatte von der Un- glücklichen nichts mehr gehört. Man befragte sich über ihre Beziehungen zu Lermantes, niemand wußte etwas Ge- naueres, aber trotzdem sprach man darüber. Badile meinte. das Verhältnis bestände mindestens drei oder vier Jahre, was Proz an die abscheuliche Geschichte vom Pferderennen erinnerte, bei welcher der Liebhaber dem Gatten half. „Also wußte der Ehemann Bescheid?" „Wahrscheinlich." sagte Proz. „Und weshalb diese Rache?" „Ein Mysterium des Herzens," antwortete Lavancher. Und Lavenne. der absolut Lermantes Partei nahm: ...„oder der Börse." Eine kleine Stille trat ein. man fürchtete mehr zu sagen. als man wollte. „Nach alledem." sagte Breil.„ist d'Entraque im Ge- fängnis angelangt." Pchnnet. der immer ein wenig Philosoph ist. meinte: „Einer nach dem anderen..." „Bei ihm weiß man wenigstens weshalb." brummte Lavenne. Frau Breil rieft „Eine merkwürdige Morall" Als Abschluß braucht diese kleine Frau immer das Wort„Moral". Danach gab ich das Zeichen zuni Aufbruch, ich wollte nicht, daß man das Thema zu sehr erschöpfe: man mutz doch auch noch übermorgen bei meinem Diner darüber plaudern können.— Das Wunderbare. Von Franz Ledermann. Es ist so falsch, immer von„blinden" Naturkräften zu reden. Wäre die Natur wirklich blind, erfolgte ihr Walten mechanisch� wahllos— sie würde sicher weniger Macht über uns gewinnen. Alles Zufällige, Ungefähre findet in dem Instinkt des Menschen seinen ebenbürtigen Gegner. Der ist immer auf der Hut und wehrt sich gegen alles Neue, ohne zu unterscheiden, ob es ihm Gutes oder Böses bringt. Aber der Verstand des Menschen besitzt nicht diese lückenlose Rüstung. Und die Natur kennt diesen schwachen Punkt und darum richtet sie ihre Angriffe auf ihn, bewußt sich seiner Denkungsart anbequemend. Dann darf man aber auch nicht mehr von einer„blinden" Natur sprechen, von einem Wesen, das seine Gaben wahllos ausschüttet. Vielleicht ist in der Vorzeit die Natur tatsächlich so harmlos gewesen. Heute ist sie es jedenfalls nicht mehr. Und ist die Vorstellung wirklich so unfaßbar, daß, wie sich aus dem instinktiv handelnden Tiere ein wissender Mensch ent- wickelte, so auch die Natur sich fortgebildet hat? Und wenn ihr alle es nicht glaubt, ich glaube daran. Für mich ist die Natur ein listiges Tier, das sich dem Menschen nähert und seine Schwächen geschickt ausnutzt, um ihm— selten— zu nützen, häufig zu fällen. Und wenn es noch eines Beweises bedarf, so be- denkt dieses: Wäre die Natur so töricht, so naiv, wie die meisten! annehmen, so würde mit der Stärke ihrer Angriffe auch deren Sichtbarkeit wachsen. Dem ist aber nicht so! Gerade wo uns die Natur tödlich treffen, vernichten will, da naht sie uns am Harm- losesten. Kein Raubtier, das uns offen angeht, sondern eine Schlange, die uns sticht, und wir leben vielleicht noch Tage, vielleicht noch Wochen, und ahnen nicht, daß wir schon den Todeskeim in uns tragen. Und wenn dann die Katastrophe eintritt, dann suchen wir ihre Ursachen in großen äußeren Ereignissen, deren Harmlosigkeit wir verkennen, aber den„Biß" der Schlange haben wir längst ver- gessen, wenn wir ihn überhaupt seinerzeit bemerkt haben. Darum glaube ich an keine großen Regeln in der Natur bis auf eine: daß alles Große, Tödliche sich auf ein Kleines, Unscheinbares zurückführen läßt.„Kleine Ursachen, große Wirkungen." Daran glaube ich. Die merkwürdige Geschichte, die ich hier erzählen will, wird nicht von jedem als Beweis für diese meine Theorie aufgefaßt werden. Die meisten werden jeden inneren Zusammenhang leugnen und nicht mehr als eine rein zufällige Duplizität der Ereignisse darin sehen. Mögen sie es tun. Ich weiß, was ich weiß. * Am 16. Juli 1904, nachmittags 5 Uhr, war die„alte Mann- schaff" der elften Kompagnie des x-ten Infanterieregiments, soweit sie nicht Arbeitsdienst hatte, zum„Griffe üben" auf dem Kasernen- Hof angetreten. Die Aussicht führte der junge Leutnant Schmidt II, die Kommandos gab der Sergeant Brunner. Es standen etwa 20 Mann im Glieds, von denen hier nur der Füsilier Schocke in Frage kommt, ein Durchschnittssoldat, gelernter Schlosser, der, wie die übrigen, im Herbst zur Reserve entlassen werden sollte. Während der Leutnant gelangweilt am Rande des Kasernen- Hofes auf und ab ging, seine weißen Beinkleider betrachtete und schon in Gedanken ganz bei der Tennispartie war, für die er sich um 6 Uhr verabredet hatte, gab der Sergeant kurz, ruckweise in dem gewöhnlichen Befehlston, die Kommandos. Sie wurden mit jener gleichgültigen Exaktheit von den Soldaten ausgeführt, die einerseits die jahrelange Uebung gab, anderseits die Gewißheit, daß, ob die Griffe„klappten" oder nicht, die Uebung bis Punkt d Minuten vor 6 Uhr fortgesetzt, ebenso sicher aber auch genau in Hiesem Augenblick beendigt sein würde. Es war genau 7 Minuten vor halb— ich stand der großen Kasernenuhr gegenüber, und so habe ich die Zeit im Gedächtnis behalten— also 7 Minuten vor halb e»eignete sich etwas Merk- würdiges. Der Sergeant hatte soeben mit seiner scharfen Stimme das Kommando gegeben:„Das Gewehr— überl" Alle Gewehre flogen mit scharfem Ruck über die Schulter— his auf das des Füsiliers Schocke, welcher ruhig Gewehr bei Fuß stehen blieb. Das war an sich noch nichts Besonderes, denn es kam immer mal vor, besonders in der Hitze, daß ein Soldat im Duseln ein Kommando überhörte. Wenn die anderen den Kolben auf die Patronentaschen aufschlagen ließen, fuhr der Träumer dann auf und machte den Griff hastig nach. Der Sergeant rief irgendein Schimpfwort und die Sache ging weiter. Doch diesmal kam es anders. Mit hörbarem Ruck rutschten die Kolben an den Patronentaschen empor, aber der Füsilier Schocke stand noch immer ruhig, Gewehr bei Fuß, da und starrte dem Ser- geanten in die Augen. Ueber dessen Gesicht flog ein merkwürdiges, beinahe hilfloses Zucken, daß er sich nicht so schnell in die Situation finden konnte. Auch in die-Mannschaft kam, soweit es das„Stillgestanden" zu- ließ, eine gewisse Unruhe. Der Sergeant unterdrückte offenbar ein Schimpfwort, dann fragte er, mit etwas heiserer Stimme, wie mir schien: „Haben Sic mein Kommando gehört?" „Jawohl, Herr Sergeant." Dem Sergeanten stieg das Blnt in den Kopf, er nestelte mecha- nisch mit seiner freien Hand am Waffenrock. Offenbar war er sich klar, daß irgend etwas Feindliches gegen ihn im Kommen sei, aber sein wenig geübtes Gehirn konnte, die ganze Situation noch nicht übersehen. Wie um Zeit zu gewinnen, fragte er noch einmal, und in seiner Frage lag es wie eine rauhe Bitte, daß die Antwort„ja" lauten möge: „Füsilier Schocke, sind Sie krank?" „Nein, Herr Sergeant." Nun kam es langsam, zögernd, gewissermaßen noch einmal alles zusammenfassend: „Sic haben das Kommando gehört und wollen nicht über. nehmen?!" „Jawohl, Herr Sergeant." Es war ganz still, fast zu still. Irgendwo im dritten Stock klappte ein Fenster, und dann war es Wieoer still. Auch der Leut- nant, den sein Spaziergang vielleicht dreißig Schritte abgeführt hatte, drehte sich plötzlich um, als habe er ein körperliches Gefühl, daß diese Stille tucht die übliche Pause im„Rührt euch" sein könne. Und immer noch stand der Füsilier Schocke unbeweglich, Gewehr bei Fuß, da und starrte den Sergeanten cm. Diesem konnte man anmerken, wie fieberhaft sein Gehirn ar- beitete; seine Backen waren bald fahl, bald rot, seine Augen waren einen Moment halb fragend die Reihe der Soldaten langgeirrt und bohrten sich dann sofort wieder in die seines Gegenüber. Alles das spielte sich in wenigen Sekunden ab, dann hatte der Sergeant offenbar sein Gleichgewicht wiedergefunden. „Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft, das soll Ihnen teuer zu stehen kommen, Freundchen," knirschte er zwischen den Zähnen.„Ihr anderen nehmt das Gewehr ab," rief er uns zu, ohne in der Aufregung das vorschriftsmäßige Kommando zu geben. Jetzt war auch der Leutnant herangekommen. Auch ihm merkte man eine gewisse Erregung an; auf seinem hübschen jungen Gesicht kämpfte offenbar die Freude, bei einer so wichtigen Sache Haupt- Person zu sein, mit dem Gedanken an die vielen Scherereien und Protokolle, die ihm die Sache voraussichtlich bringen würde. In diesem Augenblick hatte aber der Vorfall, wie ich sofort er- kannte, seinen psychologischen Höhepunkt schon überschritten. Was nun noch folgte, war eine brutale äußere Handlung, nicht mehr. Der Leutnant ließ die übrige Mannschaft wegtreten, und wäh- rend wir uns an der Kasernentür drängten, brachten vier Soldaten von der Wache den Füsilier, der ruhig sein Gewehr abgegeben hatte, ins Arrestlokal. Ich habe den Füsilier Schocke nicht wiedergesehen. Er wurde schon am nächsten Morgen nach dem Sitz der Division übergeführt. Die kriegsgerichtliche Verhandlung habe ich nicht miterlebt. Bei der Klarheit des Falles, und da der Angeklagte nicht leugnete, hatte man sich damit begnügt, außer den beiden Vorgesetzten zwei Gefreite als Zeugen zu laden. Irgendwelche Motive für seinen Ungehor- {am vermochte der Angeklagte nicht anzugeben. Er behauptete, im lugenblick des Kommandos hätte ihn eine innere Macht gehindert, den Befehl auszuführen, auch die Antworten— deren Wortlaut er unumwunden zugab— behauptete er nicht bewußt gegeben zu haben, sondern sie mechanisch, ohne sich über ihren Sinn klar zu werden, einer inneren Stimme nachgesprochen zu haben. Das wurde ihm natürlich nicht geglaubt und— da die Frage, ob eine zeitweilige Geistesstörung vorliegen könnte, von den medi- zinischen Sachverständigen einstimmig verneint war— wurde der Füsilier Schocke wegen Gehorsamsoerweigerung und Achtungsver« letzung swelche in seiner letzten Antwort gefunden wurde) zu einem Jahre Festung verurteilt. Er hat diese Strafe auch voll abgesessen und später die wenigen Wochen, die er nachzudienen hatte, bei einem anderen Infanterieregiment abgemacht. Sonst habe ich nichts mehr über ihn gehört. «Schluß folgt. Vie Sntftebung der Geifter- und GöttcrvorftcUun�en/) Von Heinrich C u n o w. Karl von Steinen, der bekannte Ethnologe und Forschungs- reisende, erzählt in seinem Werke:„Unter den Naturvölkern Zentralbrasiliens", daß, als er mit den Bakairi über den Satz ") Unter dem Titel„Ursprung der Religion und des Gottesglaubens" vereinigt H. C u n o w einige er- »eiterte und ergänzte Aufsätze, die früher in der„Neuen Zeit" er- schienen waren.(Verlag der Buchhandlung Vorwärts, Preis geh. 1,30 M., geb. 2 M.) Der Verfasser, der besonders das völkerkund- liche Material stark heranzieht, um die Gesetzmäßigkeit der Reli- gionSentwickelung zu eriveisen, behandelt in leichtverständlicher Form: die neuere Religionsforschung, die Entstehung der Geister- und Göttervorstellungen(ein Kapitel, das wir in gekürzter Form abdrucken), die Anfänge des Geisterkults, Totemismus und Ahnen- kult, Weltschöpfung, Himmel und Hölle, Ahnenvergötterung, vom Ahnenkult zum Naturkult, sowie einige Themen aus der altindischen Religionsgeschichte. „Jedermann muß sterben" sprach, sie dessen Richtigkeit bestritten. Wohl meinten sie, der Mensch könne sterben; aber von einem „Müssen" wollten sie nichts wissen. Der Ausspruch erschien ihnen ebenso anfechtbar wie uns etwa der Satz:„Alle Menschen müssen ermordet werden."„Da lernte ich denn zum ersten Male", erklärt verwundert Karl von den Steinen,„der Bakairi kennt kein Müssen; er ist noch nicht dazu gelangt, aus einer Reihe immer gleichförmig wiederkehrender Erscheinungen die allgemeine Notwendigkeit ab- zuleiten: ganz besonders versteht er aber auch gar nicht, daß der Mensch sterben mutz." Was Karl von den Steinen so seltsam bei den Bakairi am Kulisehu und Batovh(Quellflüsse des Schingu) erschien, findet sich bei allen sogenannten Naturvölkern, selbst bei solchen, die, wie die Melanesier und Polynesier, bereits eine relativ hohe Entwickelungs- stufe erreicht haben. Daß der Mensch sterben kann, diese Erfahrung besitzen sie; daß er sterben muß, daß der Tod der gesetzmäßige, notwendige Abschluß allen Lebens ist, verstehen sie nicht. Und aus der Art ihres Denkens wie aus ihrem Erfahrungskreis heraus ist das ganz begreiflich. Der Wilde führt im wesentlichen ein eng be« grenztes, einfaches Reflexleben; Reiz und Handlung stehen in un- mittelbarer Verknüpfung miteinander. Sein Denken geht über sein sinnliches Material kaum hinaus. Deshalb hat er auch keine Vor» stcllung von allgemeinen, abgeleiteten, von gesetzmäßigen Tatsachen, denn um eine' allgemeine gesetzmäßige Wahrheit zu erkennen, müssen zahlreiche und mannigfaltige Einzelerscheinungen zu einer all» gemeinen Idee zusammengefaßt und bei dieser Zusammenfassung nur bestimmte gleiche Eigenheiten und Beziehungen dieser Er- scheinungen berücksichtigt, die anderen hingegen nicht berücksichtigt werden. Der Naturmensch denkt, wenn man so sagen darf, rein intuitiv, aus seinem sinnlichen Anschauungskreis heraus. Anders als wir sieht deshalb der Wilde, z. B. der Austraineger, den Tod. Wir leben in großen Gemeinden, in denen Sterbefälle häufig sind. Auf Kirchhöfen finden wir die Gestorbenen zu Hunderten und Tausenden nebeneinander gebettet, und unsere Geschichtserzählun- gen berichten von Millionen, die im Laufe von unzähligen Genera- tioncn gestorben sind, während uns zugleich eine aus den Ersah- rungen langer Zeitalter gewonnene Erkenntnis lehrt:„Alles, was lebt, vergeht!", Dem Australneger fehlt dieser ganze Erfahrungskomplex. Er weiß wohl, daß schon in seiner kleinen Horde, und auch in anderen, manche Personen gestorben sind; aber wie viele und seit wie lange, darüber hat er kein Urteil; kann er doch meist nur bis zehn, selten bis zivanzig zählen, und von einer Zeitrechnung nach Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten weiß er nichts. Vielleicht hat er seine Großeltern noch gekannt; doch was weiter zurückliegt, das gilt ihm einfach, ohne daß er irgendwie die Zeiträume näher unterscheidet» als sehr, sehr lange her. Und in der kleinen Horde von vierzig, fünfzig Personen, in der sich sein Leben abspielt, stirbt nur ver- hältnismäßig selten jemand. Der Tod ist keine alltägliche Erschei- nung, und wenn jemand stirbt, dann fällt er meist im Kampfe oder er' verscheidet an irgendwelchen auf der Jagd oder dem Marsche erlittenen Verletzungen. Der Tod infolge Altersschwäche ist etwas Ungewöhnliches. So ist denn dem Australneger, wenn er auch den inneren Zu- sammcnhang nicht begreift, wohl verständlich, d»ß jemand an einer Verletzung stirbt; denn daß von Speeren Getroffene oder mit Keulen Niedergeschlagene ihr Leben aushauchen, hat er öfters ge- sehen. Auch die Tiere, die er jagt, enden ja auf diese Weise. Doch daß der Tod auch durch natürliche Auflösung eintreten kann, ohne blutende Wunden, das versteht er nicht. Es fehlt nach seiner Ansicht jegliche Todesursache, und da er diese nicht erkennt, so sucht er nach einer ihm verborgenen übersinnlichen Ursache, das heißt: er führt den natürlichen Tod auf einen Eingriff irgendwelcher un- bekannter Einflüsse, auf Zauberei zurück. In Anerkennung dieser Tatsache sagt zutreffend John Fräser über die eingeborene Bevölkerung der australischen Kolonie Neu, südwales: „Wenn ein Eingeborener im Gefecht getötet oder so schwer ver- wundet wird, daß er stirbt, wenn er durch einen herabfallenden Baumast erschlagen oder durch ein anderes sichtbares Ereignis getötet wird, so wundern sich seine Genossen nicht, denn die Ursache des TodeS ist deutlich zu erkennen. Aber ganz etwas anderes ist es. wenn jemand ohne solchen erkennbaren Grund erkrankt und stirbt. In diesem Fall wird stets als Ursache seines Todes die geheime Bosheit eines bösen Geistes, eines verschlagenen Zauberers oder Hexemneisters angenommen, der entweder auf eigene Hand oder auf Wunsch anderer dem Kranken durch Zauberkünste irgend etwas in seinen Körper hineingebracht hat, das ihn dahinsiechen und sterben läßt. Nach dem allgemein verbreiteten festen Glauben unserer Eingeborenen stirbt ein Mensch nicht, weil seine Lebens- Maschine abgenutzt ist, sondern weil er von irgendeinem Feind be- hext worden ist." Wie aber entsteht der Tod? Der Wilde sieht beim Menschen wie bei dem erlegten Jagdticr, daß der bisher bewegliche, belebte Körper, wenn das Ivarme Blut abfließt und die Atmung aufhört, starr und kalt wird— bewegungslos. Er schließt entsprechend seiner sinnlichen Anschauung daraus, daß mit dem Blute oder dem Atem das, Ivos bisher den Körper bewegte, aus dem Körper ent» wichen, das heißt herausgefahren'ist. Wo ist nun aber dieses Leben? Dah das Leben nur eine Funktion des Körpers(der Materie) ist und mit diesem zugrunde geht, ist dem Wilden unfaßbar. Solche Vorstellung entsteht erst dann, wenn der menschliche Körper genau erforscht und die Lebensbedingungen wie die Lebenstätigkeit seiner äußeren und inneren Organe erkannt sind. Alle Natur- und HaMulturvölker sind ganz naturgemäß Dualisten. Körper und Leben(Geist) gelten ihnen als etwas völlig Verschiedenes, nebeneinander Existierendes— und zwar ist der Körper an sich bewegungs- und tätigkeitslos; erst indem das Leben (der Geist) in ihn fährt und ihn„belebt", wird er ein Lebendes. So nimmt der Wilde denn auch ohne weiteres an, daß das Leben, da? aus dem absterbenden Menschenkörper fährt, für sich allein eine Sonderexistenz führt, und daß alle die Lebens- oder Geistes- kräfte, die früher der Gestorbene besaß, nun in diesem aus dem toten Körper entwichenen Leben(Seele) fortexistieren. Befestigt werden diese Vorstellungen dadurch, daß der Wilde oft im Traum— und die meisten Naturvölker träumen häufig— mit seinen abgeschiedenen Verwandten verkehrt oder sich auch selbst im Traum allerlei Handlungen ausführen sieht. Für ihn aber sind die Traumbilder nicht ein Spiel seiner Phantasie, sondern Wirk- kichkeit. Wie noch so mancher abergläubische Kulturmensch glaubt, daß die gestorbenen Verwandten, die ihm im Traum erschienen sind, ihn wirklich besucht haben, so glaubt auch der Naturmensch, daß, wenn er von einem Gestorbenen träumte, dessen herumirren- der Geist(Seele) bei ihm war. Und wenn er sich selbst im Traum handeln sieht, so erklärt er sich das einfach daraus, daß während seines Schlafes die in ihm wohnende Seele entivichen war, um anderswo das zu vollführen, was ihm der Traum vorspiegelte. Einem Australneger, der des Nachts von sich selbst geträumt hat, vermag kein Mensch auszureden, daß seine Seele während der Nacht nicht umhervagabondiert hätte. Deshalb darf auch bei man- chen Stämmen ein im tiefen Schlaf Liegender nicht jäh geweckt werden, denn vielleicht könnte seine Seele auf Wanderschaft sein und nicht die nötige Zeit finden, zurückzukehren- Bestärkt werden die Eingeborenen in diesem Geisterglauben dadurch, daß Fieber- und Starrsuchterscheinungen unter ihnen ziemlich häufig sind. Es ist keineswegs selten, daß Eingeborene in- folge starker Blutverluste, heftiger Keulenjchläge auf den Kopf, Vergiftungen oder andauernden Hungerns in den Zustand der Be- wußtseinslosigkeit oder Katalepsie verfallen, trotz aller Bemühungen der Angehörigen und der Medizinmänner(Zauberer) zunächst nicht zu erwecken sind, später aber doch wieder zu sich kommen. Der Wilde, der diese ganzen Erscheinungen nicht versteht, schließt daraus, daß die Seele schon aus dem Körper entwichen war, aber doch schließlich, entweder aus eigenem Antrieb oder gezwungen durch den Hokuspokus der Medizinmänner, in den verlassenen Körper zurückkehrte. Daraus ist die Auffassung entstanden, daß sich in den nächsten Tagen nach dem Tode der Geist mit Vorliebe bei dem toten Körper aufhält und die Kraft besitzt, in diesen zurückzufahren. Deshalb werden auch auf dieser Stufe die Toten vielfach erst bestattet, wenn sie bereits in Verwesung übergehen, lind meist werden sie auch dann nicht gleich begraben, sondern zunächst, nachdem sie in Matten öder Felle gehüllt worden sind, in Bäumen oder auf Holzgcstellen aufgebahrt, damit ihre Seelen bequemer zu ihnen gelangen können, und schließlich geht man, um der Seele die Möglichkeit zu bieten, sich auch noch nach Wochen oder Monaten wieder mit dem toten Körper zu vereinen, dazu über, durch Dörren, Rösten, Räuchern oder andere Verfahren den Körper möglichst zu erhalten. Kennzeichnend für die Auffassung der Australneger ist ferner, daß fast stets, mag nun der Tote sogleich beerdigt oder zunächst auf Bäumen und Holzgcstellen bestattet werden, neben die eingebündelte Leiche etwas rohe oder geröstete Nahrung und eine Holzschüssel mit Wasser gestellt wird, da die abgeschiedene Seele eines Gestorbenen, ebenso wie früher, der Nahrung bedarf, soll sie nicht verkümmern. Auch nach Wärme verlangt die Seele. Deshalb wird in den öst- lichen Gebirgsgegenden Neuholländs, wo oft die Nächte empfindlich kalt sind, einige Tage lang neben der Leiche, sobald die Sonne untergeht, ein starkes Feuer angefacht. Bei einigen entwickelteren Stämmen von Ncusüdwalcs und Queensland, sowie im Seengebiet Südaustralicns, also in Gegen- den, wo infolge des dort herrschenden feuchtheißen Klimas und der Fliegenplage die Zersetzung der Leiche sehr schnell vor sich geht, haben die Eingeborenen noch ein anderes Mittel erfunden, um der Seele in der ersten Zeit nach dem Tode die Rückkehr in den bis- her von ihr bcwobntcn Körper zu ermöglichen: sie mumifizieren die Leiche. Sobald die Verwesung beginnt, wird der Tote mit unter- geschlagenen Beinen und ausgebreiteten Armen auf ein gegen zwei Meter hohes rostartiges Knüppelgestell gebunden, unter dem zwei, drei Tage lang ein schwaches, aber stark qualmendes Feuer unter. halten wird. Natürlich wird durch dieses rohe Verfahren eine voll- ständige Mumifjzierung nicht erreicht, aber um etwa zwei oder drei Wochen wird immerhin die Verwesung aufgehalten. (Schluß folgt.) Verantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Gleims f cmUctoiie Aus dem Tierleben. Die Musik der Frösche. Unter den unzähligen Lauten der Natur ist der Gesang der Frösche eine ganz eigenartige Note und namentlich der unsagbar wehmütige Ton des Unkenrufs hat ohne Zweifel das meiste dazu getan, den Fröschen ihre besondere Stellung in Sagen und Märchen zu verschaffen. Aber auch die Musik der eigentlichen Frösche ist so ausdrucksvoll, daß sie mit der Bezeichnung Quaken der sonst so tonmalerischen deutschen Sprache nur recht unvollkommen wiedergegeben wird. In dem Wortschatz des Nickelmann in der versunkenen Glocke kommt der kräftige Charakter' des Froschgesanges mit höchster Plastik zum Ausdruck. Im übrigen ist das Register der Frösche ein noch viel weiteres und mannigfaltigeres, als es bei den gewöhnlichen Nachahmungen er- scheint. Bei Gerhard Hauptmann spielen die beiden Ausrufe Brekekekex und Quorax die Hauptrolle, aber hier muß schon in Betracht gezogen werden, daß nur ein männlicher Frosch dar- gestellt werden soll und daß gewisse Verschiedenheiten in der Sprache der beiden Geschlechter wahrnehmbar sind. Jene Laute sind in der Tat den männlichen Fröschen eigentümlich. Beiden Geschlechtern gemeinsam ist ein rauher, rollender und mehr oder weniger lang gezogener Ruf, der aber beim Männchen stets stärker ausfällt, da es auf jeder Seite des Kopfes eine nuß- große weiße Blase auftreibt, wenn es schreit. Die Musik der Frösche ändert sich auch bei derselben Art mit der Jahreszeit. Der gemeine Wasserfrosch benußt die Monate April und Mai erst zum Ueben, wie ja die Nachtigall auch nicht gleich ihren Gesang in höchster Voll- kommenheit beherrscht. Er kommt dann über ein schüchternes Krächzen nicht hinaus und überläßt voreiligeren Vettern wie dem Laubfrosch die Ausübung der Nachtkapelle. Erst mit Anfang Juni entlädt auch der Wasserfrosch seine Kehle in langen Salven. Diese Stimmen im Froschorchester sind aber allesamt von zartester Art, wenn sie im Vergleich zu den Tönen gesetzt werden, die der berüchtigte Ochsenfrosch Amerikas hervorbringt. Dieses gewaltige Tier von fast 20 Zentimeter Länge, wobei die Hinter- beine mit noch 24 Zentimetern nicht eingerechnet sind, hat sich baupt« sächlich durch sein Gebrüll bei den Bewohnern der neuen Welt in so hohen Respekt gesetzt, daß man ihm sogar die Vertilgung von ganzen Vögeln und Schlangen zutraut. Ein sehr schwacher Sänger für seine stattliche Größe ist der Grasfrosch, der mit großer Weich- heit zwei Noten wiederholt, die erste etwas höher als die zweite. Sie klingen etwa wie ein huhu. Die Grasfrösche haben eine un- glaubliche Ausdauer bei ihren Konzerten. Die Stimme dieser Frösche ist so schwach, daß man sie oft erst hört, wenn man dicht neben dem Platz des Tieres steht. Sehr charakteristisch ist da? Ge« schrei der Geburtshelferkröte, deren Anblick von Leuten, die nicht alles in der Natur schön finden, für ausnehmend häßlich gehalten wird. Die Stimme dieser Kröte könnte vielleicht den Menschenhaß überwinden, denn sie klingt wie ein überaus sanftes Flöten. Außer« dem verfügen diese Frösche über einen Laut, der ähnlich klingt wie „Klock" und namentlich abends und nachts von ihnen ausgestoßen wird. Erziehung und Unterricht. K u r z s i ch t i g k e i t. In keinem Lande der Erde ist die Kurz- sichtigkeit so stark verbreitet wie gerade in Deutsckilond, dem Lande- der Dichter und Denker. Aber während wir sie früher als unver« meidlickes Opfer höherer Bildung ansahen und demgemäß nichts gegen sie zu tun wußten, ja sie oft nur noch durch unzweckmäßige Augengläser verschärften, haben in den letzten Jabren die Aerzte und im Verein mit ihnen die Pädagogen einen heftigen Kampf gegen diese weitverbreitete Augenkrankheit unternommen. Man war vor allem bemüht, die letzten Ursachen der Kurzsichtigkeit zu ergründen, und man hat nun nach umfangreichen, über Jahre sich erstreckenden Schülerunlersnchungen einwandfrei festgestellt, daß die Kurzsichtigkeit in den seltensten Fällen angeboren ist. So wurden z. B. unter mehr als 1000 Schülern der untersten Klasse einer Berliner Schule nur zwei Kurzsichtige festgestellt. Diese Zahl vermehrte sich jedoch mit jeder steigenden Klasse rapid, so daß man in der Prima des Gymnasiums durchschnittlich 30 bis 150 Prozent Kurzsichtiger beobachtete. Es ist also die Schule, die den Herd der Krankheit darstellt und mitbin sind auch die Lehrer die bern'ensten Streiter gegen die Kurzsichtigkeit. Und zwar nicht nur, indem sie die Kinder ent- sprewend aufklären, die Augenärzte verlangen vor allem die Ein« schränkung der Naharbeit in der Schule, die Beschränkung der Schreib- und Lesestunden auf Halbstunden, die Beseitigung des Aus« Wendiglernens von totem Gedächtniskram, sowie daS Verbot des Kleindrucks für Schulbücher. Auch durch Einführung von Sport uild Spiel kann viel erreicht und mancher Kurzsichtigkeit vorgebeugt werden. Selbstverständlich müssen Schule und Elternhauö in der Belehning und Beaufsichtigung der Kinder Hand in Hand gehen. Diese geringe Mühe lohnt sich tausenMach, tvenn man bedenkt, daß ein Kurzsichtiger niemals wieder notmalsichlig iverden kann und daß die Kursichtigkeit, so wenig stark sie auch in der Jugend empfunden werden mag, doch gefährliche Keime zu erheblichen Störungen deS Sehvermögens für das spätere Leben in sich birgt. Und man be- hauptet nicht zu viel, wenn man sie als eine eminente Gefahr sür die Volksgeinudheit überhaupt bezeichnet._______ Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagSanjtalt Paul Singer LcCo., Berlin SW.