Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 142. Donnerstag, den 24. Juli. 1913 2] Sin Mnn. Von Ca mille Lemonnier. Er trommelte mit seiner Faust auf die Erde. So, das il,r nnd allen ihresgleichen! Es gab ihrer zur Genüge: die Dirnen, die er bei der Kirmes traf, waren minder scheu und spröde. Und oft ebenso hübsch! Dann faßte ihn neuerlich seine törichte Wut. Er sah wieder das Stückchen ihrer nackten Schulter vor sich und den Schmelz ihrer Sammetaugen. Der Zauber ihrer braunen Haut hatte ihn gefangen genommen: er verzehrte sich in einem dumpfen Verlangen nach ihr. Er riß eine Hand voll Gräser aus und biß hinein, um an ihrer Frische den Brand seiner Leidenschaften zu kühlen. Die drückende Mittagsschwüle er- schlaffte die Luft und schien den Wald in einen Zauberschlaf einzuspinnen. Und wie der Mann früher unter den bleichen Schatten der Nacht geruht, versank er auch unter dem grellen Tageslicht in einen tiefen-ichlaf. Die Büsche schlössen über seinem Haupt ihre grünen Bogengewölbe; der Weißdorn tropfte seinen Blütenschnee in seine lockigen Haare. Er hatte sich wieder der Erde vermählt, war wieder der geworden, für den sie die Spitzenschleier ihrer Blätter wob, die würzigen Säfte des Thymians, der Pfefferminze und des Lavendels braute, für den sie die Insekten schwirren, die Vöglein singen und die Quellen mit seidigem Rascheln unter dem Moose plätschern ließ. Als er die Augen wieder aufschlug, tauchte die Sonne unter den Horizont. Aus dem Herzen des Waldes schlugen seltsame Geräusche, für jeden anderen unvernehmbar, an sein Qhr: er fühlte unter dem flüchtigen Tritt des durch die Däm- merung huschenden Wildes den Boden erzittern: nach dem Manne war der Jäger in ihm erwacht. Geheimnisvoll verlor er sich in dem grünen Pfad, mit jedem Schritte ein wenig tiefer in den Schatten verschwindend. 2. Als der Morgen dämmerte, kain der Bursche abermals in den Garten und legte sich unter den Bäumen ins Gras. Auch heute spielten schillernde Lichter in der Blüten- Pracht der Apfelbäume. Aus dem Misthaufen gackerten die Hennen, aus den Ställen erscholl Rindergebriill. Flaum- Ivölkchen zogen über das Firmament, bis ihr weißer Schauin in der Ferne zerschmolz. Bald begann eine purpurne Glut den bleifarbenen Himmel zu röten. Kein einziger Lufthauch dewegte die Blättchen, die sich starr, doch vollentfaltet, aufgc- richtet hatten, und über der Flur brütete eine lastende Stille ivie ein Uebcrbleibsel der Nacht. Doch allmählich stieg auch das Leben mit der Sonne -empor und überall begann es sich zu regen: in den Wiesen wurde es lebendig. Die Knospen barsten, die saftgeschwellten "Blätter wiegten sich sacht: und die dampfende, weiche Garten- «rde hob sich wie in einem Krämpfe. Der Mann beobachtete die Fenster des Hofes. Sie waren -geschlossen, und das ganze Haus schien noch in tiefem Schlafe zu liegen, obgleich der Kainin rauchte und das Leben vom Gehöfte bereits Besitz ergriffen hatte. Er las kleine Kiesel- steinchen auf: doch als er sie an ihr Fenster schleudern wollte, besann er sich: er war zu weit entfernt und kroch deshalb näher. Die Kühe kamen im Gänsemarsch aus dem Hofe, mit ihren Hörnern einander stoßend und drängend. Eine Kuh- magd, dieselbe, die er tags zuvor gesehen, trieb sie unter ,.Hüo"-„Ho"-Rufen heraus, mit ihren Händen wie mit Dresch- flegeln auf die Rinder einhauend, die Ausreißergelüste Aeigten. Ihre Füße bildeten im Grase breite, rote Kleckse: er achtete ihrer nicht. Die Herde zog durch den Obstgarten, kletterte den Abhang hinan und verbreitete sich über dem grünen Anger wie buntscheckige Farbenflecke: das Mädchen kehrte in den Hof zurück, nachdem es die Viehhecke sorgfältig verschlossen hatte. Der Bursche zog sich tiefer'in den Forst zurück. Zwischen den Buchen stand eine einzelne Eiche. Mit Händen und Füßen kletterte er bis znm höchsten Ast, auf den er sich mit baumelnden Füßen niederließ: von hier aus beherrschte fem Auge das ganze Gebäude. Nun begann sich der Hof mit geschäftig hin und her laufenden Menschen zu füllen. Er sah zu, wie die alle Streu nach der Senkgrube gekarrt wurde. Aus einer Scheune leuch- tele das schweflige Gold eines Wagens voll srischgeschnittenem Raps. An den Fenstern des Erdgeschosses glitt bisweilen ein flüchtiger Schatten vorbei. Dann riß er die Augen weit auf und bemühte sich, in der verschwommenen Silhouette daS schöne Mädchen seiner Sehnsucht wiederzuerkennen. Auf einmal begann der Backofen zu qualmen, und ein brenzliger Geruch von brennendem Holze stieg in die Luft. Dann wurde im Hause eine Stimme vernehmbar. Die Ge- statt löste sich von der Fensterscheibe, verlor sich einen Augen- blick im grauen Dämmerschatten des Flurs und erschien endlich auf der Schwelle im vollen Tageslichte, Sie war's! Er sah sie über den Hof gehen: aufrecht, ohne sich im geringsten zu neigen, trug sie zwei bis znm Rande nnt einem gelblichen Teig gefüllte Backformen unterm Arm. Ihm war's, als ob er sie zum ersten Male erblickte. Hochgewachsen war sie und breit, ihre Hüften wolgerundct, und ihre nackten Arme hatten einen bräunlichen Stich wie reifes Roggenkorn. Ueber ihrer vollen, üppigen Brust straffte sich ein braunes Wolljäckchen. Sie ging ins Backhaus. Es war heute Backtag. Er hörte sie mit den: Ofenwischer hantieren, die Asche schüren und mit ihrer tiefen, leicht vibrierenden Stimme die Magd ausschelten. Einen Augen- blick erschien sie, hochrot von der Hitze des Ofens, in der Tür und blinzelte nach den Apfelbäumen. In der Eiche entstand ein Sturm: aufgeregt rutschte er auf seinem Aste hin und her und rief ihr etwas zu. Nun begann sie herzhaft zu lachen, und sie zeigte der Kuhmagd mit dem Finger die dunkle Gestalt in den Zweigen: dann winkte sie ihm lebhaft zu. Da wurde sie von jemandem gerufen und ging ins Haus. Von Zeit zu Zeit näherte sie ihr Gesicht einem der Fenster und sah nach seinem hartnäckigen Späherposten. Seine Beharrlichkeit übte einen eigenen Reiz auf sie aus: sie erlag der geheimen Anziehungskraft dieser unermüdlichen Bewachung. Und entschlossen trat sie wieder vor die Tiire und sandte ihm voll ihre Blicke zu. Zwischen ihren Lippen hielt sie einen Fliederzweig: den nahm sie heraus, hielt ihn vors Gesicht und schwenkte ihn dann in die Richtung der Eiche: dieses Gebärdenspiel erschien wie ein neckisches Getändel. Goldgelb funkelte die majestätische, stolze Eiche im vollen Sonnenlichte: saphirblaue Fliegen tanzten einen tollen Wirbelreigen um ihre Blätter. Der Mittag mit seiner drückenden Schwüle kam. Er hörte Tellergeklapper im Ge- Höst, und fast unmittelbar darauf kehrten die Knechte tod- mude, mit gerösteter Haut von den Feldern zurück. Dann wurde helles Gabel- und Messergeklirre laut. Nach einer weiteren halben Stunde hörte man klappernde Holzschuhe und schwere, eisenbeschlagene Sohlen über das Hofplaster schlürfen, die sich allmählich in der Richtung der Scheune verloren, wo sich ein Knecht nach dem anderen erschöpft ins Stroh warf. Und bald schnarchte das ganze Haus. Da erschien die junge Bäuerin auf einem schmalen Fuß- Pfad, der längs des Baunigartens nach den Feldern führte. Ihr Gesicht beschirmte ein breitkrämpiger Strohhut, der ihre Wangen mit einem grauen Schattenkranz umrahmte, und in ihrer Hand wiegte sich eine Sichel. Sie schritt quer über einen frisch gepflügten Acker und umging ein Getreidefeld, bis sie an eine Kleewiese gelangte. Sie tvanderte langsam, init dem schweren Tritt der Bauern unter der Mittagssonne. Nicht ein einziges Mal wandte sie den Kopf zurück, ihre stämmigen Schultern zeichneten sich scharf von dein blauen Himmel ab. Als sie die Wiese erreicht, kauerte sie sich nieder, und nun erst blickte sie aus die ferne Eiche. Der Mann war nicht mehr zu sehen. Mit sicherem Instinkte fühlte sie, daß er jetzt kominen werde. Mit vollen Fingern griff sie in den buschigen Klee und begann ihn halbkreisförmig zu mähen. Neben ihr stand ein offener Sack, in den sie den Klee von Zeit zu Zeit mit beiden Händen einfüllte. Friede lag über der schweigenden Flur. Bloß von dem "nahen Sumpfe hörte man das Quaken derZrosche, und manch- mal verloren sich auch diese rauhen Töne und erstarben in der schlummertrunkenen Luft. Hinter ihr hustete jemand. Rasch wandte sie den Kopf und sah ihn reglos ani Feld- rain stehen und sie anlächeln. Sie hatte sein Kommen nicht gehört. Instinktiv blickte sie auf seine Füße, in der Meinung, baß er die Schuhe abgestreift habe, um sie leichter zu über- raschen. Aber er trug derbe Lederstiesel mit dicken Sohlen, und diese Stiefel hatten nicht mehr Geräusch gemacht als ein bloßer Fuß. Vor Staunen zog sie die Brauen hoch. Er blickte sie ungemein sanft mit seinen großen Augen an. In diesem Blicke war nicht die geringste Spur von Ver- wegenheit zu lesen. Eine seltsame Befangenheit hielt ihn wie festgebannt: er wagte nicht zu reden. Sie kniete in dem hohen Grase, das ihren Leib fast gänz- lich verdeckte. Sie niusterte ihn, den 5kopf leicht zur Seite ge- neigt, eine geheime Genugtuung fühlend, daß er vor ihr so kleinlaut stand. Auf einmal sprach sie zu ihni, ihn unwissent- lich duzend: „Wie heißt Du?" „Cachaprds," antwortete er. Sie zeigte sich sehr überrascht. „Der Wilderer?" Er nickte ein paarmal langsam mit dein Kopse. Da wiederholte sie wie in Gedanken verloren: „Ach! Also Du bist der Eachapräs?" Und abermals bejahte er mit dem gleichen, bedächtigen Nicken. Sie betrachtete die herbe, männliche Schönheit dieses Be- wohners des Waldes. Sein vierschrötiger Rumpf ruhte auf breitausladenden, geschmeidigen Hüften. Seine Beine waren kerzengerade, die Schenkel stramm, die Knie wohlgeformt und seine Hände zart, ohne verunstaltende Schtvielen. Sie be- wunderte auch sein rabenfchlvarzes Haar, das die niedrige Stirn nnt reichen Locken umrahmte, und zu ihrer Bewun- derung gesellte sich noch ein viel größeres Staunen: daß der Mann, der da vor ihr stand, der leibhafte Eachaprös sei. Schrecken war mit diesem Namen verknüpft: man wußte, daß dort, wo er war, das Wild in Todesgefahr schwebte. Und dieser furchtbare Mann neigte vor ihr demütig sein Haupt, gebändigt wie ein wildes Tier. Nach einer kleinen Pause begann sie wieder: „Warum wilderst Tu?" „Na— weil es mich freut!" Seine Schüchternheit war geschwunden. Er fuhr fort: „Es gibt Leut', die Holz schlagen:'s gibt welche, die die Erde bebauen: dann gibt's Leute, die Handwerker sind. Ich — ich lieb' die Tiere!" Er sprach, sich in den Hüsten wiegend und mit hoch- erhobenem Haupt: er war ans seine Beschäftigung stolz und rühmte sich ihrer. Sie hatte wieder begonnen den Klee zu mähen. (Fortsehuiig folgt.) Die Geopferten. Von I u h a n i A h o. Der Marsch nach dem Gletschermassiv war für uns alle ein reiner Genuß und voll tiefer Fmidw. Erst der anstrengende Auf- stieg, unter dem der ganze Körper wie neugeboren wurde und sich im herrlichsten Luftbad reinigte. Und dann oben, ein ganzer Tag in Sonne und blendender Klarheit am Fuße schlummernder Schnee- (lipfel, eine spannungsvolle Gewitternacht und dann wieder� ein trahlender Morgen.' Im Touristenhotel fanden wir Speise und Trank und alle Bequemlichkeiten und Unterhaltungen, die die Kultur überhaupt zu schenken vermag. Wir waren in Gesellschaft sympalhischcr, fröhlicher und vergnügter Menschen, genossen Sang und Musik und am Abend tanzten unsere Führer mit den Kellnerinnen so leidenschaftlich, daß die Dachbalken erzitterten. Und des Nachts ein stärkender Schlaf in prächtigen Betten. In der besten Stiinmung schritten wir nun wieder talabwärts. ES fand sich noch viel Schnee vor und wir sanken in ihm bis zu den Knien, aber ivir konnten doch ohne sonderliche Mühe vorwärts kommen. Bei solchen Gelegenheiten und in dieser Stimmung denkt man gewöhnlich an niemand anderen, als an sich selbst. Man ist von seinem eigenen Wohl» befinden so erfüllt, daß, tvenn man ganz zufälliger- weise eines Anderen gedenkt, man ihn herbeiwünscht, um ihm auch dieses Wohlergehen zu vergönnen— weil dies das eigen« Behagen noch erhöhen müßte. Und man ist von all dem Schönen, waS die Welt zu bieten hat, gerührt und dem Weinen nahe. Unsere moderne Kultur mit all ihrem Komfort ist doch wirllich etwas, das...1 Es ist ja wirklich großartig, daß sie eS will und vermag uns ihre hilfreiche Hand hier mitten in der tiefsten, kahlen und kalten und unbewohnten Gletscherwildnis entgegenzustrecken! Ei, wie müht sich doch diese schöne Welt uni uns, ihre Schoßlinder I Mit heller Freude gedachte ich besonders unserer Nachtherbcrge, dieses kleinen Touristenhotels, in dem wir ein schützend Dach gefunden und eS so gemütlich hatten, wie man es eben nur in einem tiroler Hotel haben kann, wo man einem mit einer Herzlichkeit be- gegnete wie sonst nirgends. Und unsere Freude steigerte noch der Gedanke, daß dieses Hotel so hoch oben erbaut wurde, daß man eS nicht ohne große Anstrengung erreichen konnte, daß es ausschließlich jenen diente, die die Natur so lieben, daß sie keine Mühe und keine Gefahr scheuen, um zu ihr zu gelangen. Denn mit Ausnahme der Mauern, die aus Stein waren, mußte das ganze Baumaterial von weit her herbeigeschleppt werden. Alles. alles, Fußboden, Dach, Turm, Möbel, Bettdecken, Küchengeschirr — alles hat hierhcrgeschafft werden müssen, wahrscheinlich auf dem Rücken eines Esels oder eines starken Gebirgspserdes. Der Proviant mußte natürlich täglich mehrere Kilometer weit aus dem Tale geholt werden. Und nun wurde dieses Touristenhotel all- mählich zu klein für den immer wachsenden Touristenstrom, so daß man schon begonnen hatte, ein zweites, ebenso großes Gebäude zu errichten.„Wenn Sie im nächsten Jahre wiederkommen, wird jeder von Ihnen ein eigenes Zimmer erhalten können und da werden Sie es noch gemütlicher haben/ sagte der Wirt.„Wir werden nämlich auch eine große Veranda errichten, von der man— wenn sich der Nebel gelegt hat— die großartigste Aussicht haben wird." Wir versprachen natürlich wiederzukoimnen. da wir äußerst zu- frieden waren mit diesem wunderbaren Heim in der Gletscher- Wildnis. Von all dem sprachen wir untereinander, während wir hie und da einen freudigen Jodler ausstießen, um das schallende Echo der Felsen zu hören. „Was kann das für ein merkwürdiges Tier sein, das da hinauf komint?" Wir blieben stehen, sahen hinab und waren auf etwas Neues und Merkwürdiges gefaßt, denn in den Bergen kann nian die seltsamsten Dinge zu sehen bekommen. Es geschieht zum Beispiel oft, daß ein Reisigbündels ganz von selbst den Abhang heruntergcwandcrt koinml; nähert es sich, so gewahrt man noch immer nichts anderes als das Reisigbündel, das ohne Füße des WcgcS daher trollt. Erst, wenn es vor- über ist, und man sich umwendet, kann man sehen, daß es dennoch Füße hat— EselSfüßc. Ein anderes Mal geschieht es, daß ein mächtiges dahiiitrottendeS Heubündel dir mit einer menschlichen Stimine einen„Guten Tag" wünscht, und du siehst aus dem Heu heraus ein paar Menschenaugen glänzen, aber ob die einem Manne oder einem Weibe gebörcn, ist dir unmöglich zu erforschen. „Das ist ja eine Bretlersuhre!" lind es war wirklich eine Ladung Bretter, die wackelnd und im langsamen Tempo den steilen, felsigen Pfad hinauskroch. Etwas weiter unten wurde man einer zweiten gewahr und dann noch einer dritten. Sie klommen so langsam und so mühselig auswärts, daß nian kaum wahrnehinen konnte, ob sie sich bewegten. Ich dachte niir: ein Esel kann doch diese Last nicht auf diesem steilen Wege aufwärts tragen, sicher tragen zwei Esel an jedem dieser Bretter- Haufen. Aber es waren keine Esel. Es war ein Mann, der auf seinen Schultern und auf seinem Kopfe ein halbes Dutzend dieser langen und schweren Bretter trug. So schwere Lasten hatten wir noch nie bergauf tragen gesehen. Der Mann näherte sich uns und ließ für einen Augenblick seine schwere Bürde derart auf einein kleinen Fels- vorsprung nieder, daß er sie wieder aufnehmen konnte, ohne sich zu bücken. Er und seine Kameraden da weiter unten waren unter- Wegs mit den Brettern für den Fußbodeir des neuen Hotel- gebändes. Ich war ein wenig bestürzt und wußte nicht, was ich sagen sollte. »Eine stattliche Last!" sagte ich endlich. „Oh ja!" Er klagte nicht, er seufzte nicht, denn das tut kein todmüder Mensch, er atmete nur tief und schwer, ohne daß eS ihm gelang, die Lungen mit Luft zu füllen. Sein Blick war starr und da-Z Innere des Auges wie vertrocknet. Ich fragte ihn, wie seine Arbeit bezahlt werde. Er nannte den Lohn für jedes Kilo der Last, vom Tal hinauf zum Hotel. Es war eine lächerlich geringe Summe. „Aber weshalb benutzt man Menschen für diesen Transport und nicht ein Gespann?" fragte ich. „Für Tiere ist der Weg zu steil und zu schlecht."— Mein Gang war nun nicht mehr so geschmeidig, wie vorhin, und meine Slimmung war nicht mehr im Einklänge mit der groß« artigen Landschaft, die sich vor uns breitete. Alfo: alles hat auf M c n s ch e n r ü ck e n da hinaufgetragen werden müssen, das Bett in dem ich schlief, die Matratze, auf der ich mich behaglich reckte, die Bank, auf der ich saß, der Tisch, an dem ich aß, die Speisen — das Bier— der Wein. All dies ist von Menschen da hinauf geschleppt worden, mit zitternden Füßen, die im Schnee der- sanken... alles von Menschen diesen steilen Felsenpfad hinan.... Wie habe ich nur gestern daran nicht denken können!... Nun, und wenn auch... schließlich, was geht denn das mich an... helfen kann ich ja nicht... und ich glaube beinahe, ich schlug mit dem Stock um mich, wie um etwas Unangenehmes zu verjagen, wie man nach einer zudringlichen Fliege schlägt. Aber eS half nichts. Die Fliege surrte weiter. Wir waren nun aus der Schneeregion zu grünen Wiesen und zu den roten Alpenrosen gekommen. Alles war hier mit Blumen übersät. Wieder begegneten wir jemand. DaS muß wohl ein Mensch sein, da der Bergpfad zu steil für Tiere ist. Und eS ist ein Mensch, ein altes Weib, das auf dem Rücken eine Last Ziegel trägt. Da sie sich unS nähert, hält sie nicht an, geht nicht zur Seite und erwidert unseren Gruß, ohne den Blick vom Wege zu erheben; eS ist, als ob sie, durch das starre Blicken auf den Weg, auch die Augen zu Hilfe nehmen wollte, um diesen steilen Bergpsad zu erklimmen, zu be- zwingen. Ich hatte gerade einige Alpenrosen gepflückt, um sie an meine Mütze und an meinen Bergstock zu stecken. Aber ich kümmerte mich nicht mehr um sie. Nun kam ein dritter Träger uns entgegen. Es war ein alter, grauhaariger, magerer Greis mit krummen Beinen, die er niemals der Richtung des Pfades anpassen konnte. Auf dem Rücken trug er einen gußeisernen Ofen. Auf seinen Wangen glühte ein mattes, krankhaftes Not. Mit ihren letzten Kräften krochen sie aufwärts— diese.Sklaven der Arbeit'. Endlich, zum ersten Male in meinem Leben, begriff ich vollständig den Inhalt dieser Worte und begriff die Bitterkeit mit der sie ausgesprochen wurden von jenen, die ihre Bedeutung voll erfaßten. Ich sah mich nach den Trägern um. Man konnte sie kaum von dem Bergpfade nnterscheiden. Sie waren wie verwischt, waren eins geworden mit ihm, grau, wie er, leblos, wie er. Aber hoch oben stiegen die scharfen Konturen des Hotels mittten im blendendweißen Schnee auf und auf dem Dache wehte freudig die Fahne. Jetzt kamen wir in die Waldregion, ein großer herrlicher Natur- park am südlichen Hange des Berges. Der Weg war nicht mehr so steil und felsig, sondern bequem und breit. Der Bergbach hüpfte längs des Weges von Stein zu Stein. Und als der Weg plötzlich eine Biegung machte, sahen wir uns vor einer prächtigen ebenen, grünen Wiese, die zur Rast lockte.... Weshalb denn an ettoas anderes als an seiire eigene Freude denken, da man ja nur ihretwegen lebt? Ich habe das Recht und muß das Recht haben, zu jubeln und froh zu sein, ohne mich darin stören zu lassen. Was habe ich mit den Armen und Elenden eine? fremden Landes zu schaffen! Ich kann ja ihre Lage nicht verbessern. Und wahrscheinlich wird ihre Arbeit genügend be- zahlt, sonst würden sie sie ja aufgeben. Auf diese Art hatte ich bis jetzt bei allen meineir Streifzügen durch die Alpen alle Reflexionen von mir gewiesen, wenn ich einen Träger ermattet am Weg- rande liegen gesehen. ... Also, schlagen wir uns im Grase nieder, öffnen wir das Ränzel... die Mitlagsniahlzeit hervorgeholt... das Wasser spendet der Bach... und dann noch einen letzten Blick auf diese herrlichen, sonnüberstrahlten Matten... Vor uns, quer über dem Wege, liegt ein schwarzer Gegenstand. Wir waren nahe daran, über ihn zu stolpern. Es war eine Äsen- schiene, die wohl auch für den Neubau da hinausgeschafft werden soll; als Dachstütze oder dergleichen. Am Wegrande liegt ein Mann, den wir anfangs gar nicht wahrgenommen hatten. Er liegt erschöpft dort, den Kopf an einen Stein gelehnt. Blut tropft aus seinem Munde und neben ihm liegt ein Taschentuch, ganz rot von seinem Blute, aber er hat nicht inehr die Kraft, das Tuch an die Lippen zu sühren, und läßt das Blut auf die Wiese niedertropfen. Diese eiserne Dachstütze soll also auch auf einem Menschenrücken dreitausend Meter hoch gebracht werden, auf Pfaden, die für die Tiere zu steil und zu schlecht sind! Und sie soll das Dach des Hauses stützen, zum Schutze aller jener, die gerade an dieser Stelle allen Komfort der Neuzeit genießen wollen l Der Mann rührte sich nicht, er scheint unS weder zu sehen noch zu hören. Aber, obwohl er unbeweglich dort liegt, ist eS doch, als ob er unS irgend etwas vorwerfen wollte, und ich versuche nicht einmal, mich vor mir selbst zu verteidigen. Ich fühle mich so be- schämt und mein Herz krampst fich zusammen. Ich kann nicht länger bei dem plätjcheruden Bach stehen bleiben, mich nicht der Wiese erfreue», kann keinen Abschiedsgruß auf die blauenden Höhen werfen. Auf der Netzhaut meines AugeS hat sich unverwischbar ein furcht- bares Bild geprägt: eine Eisenschiene, neben der ein Mann liegt, dessen Lippen, unter harter Last, Blutstropfen weinen. Also auch hier oben, wo ich mir alles gerecht, harmonisch, freudvoll und frei vorstellte, auch hier ist dieser furchtbare Konflikt unseres Lebens, daß die einen in Sklaverei sich opfern müssen für die Freude der anderen— daß keine Kirche, kein Teuchel der Kunst, ja nicht einmal ein kleines Bcrghotel gebaut Iverden kann, ohne daß diese Ge- opferten blutend am Wegrand niedersinken. t Autorisierte Uebersetzung von Karl Morburgcr.) Der Schweizer(Beberputfcb• von 1832? Am 23. Juli waren es 8l> Jahre, daß vor dem Obergcricht i» Zürich 33 Weber als Angeklagte standen und 31 von ihnen wegen Brandstiftung zu Gefängnisstrafen oder Zuchthausstrafen von L bis zu 24 Jahren verurteilt, aber nur 2 freigesprochen wurden- Die höchste Strafe von 24 Jahren Zuchthaus hatte der bljährige Hans Felix Egli aus der Gemeinde Bäretswil, Vater von sechs Kindern, als„Rädelsführer' erhalten. Der Staatsantoalt hatte aar die Todesstrafe durch das Schwert beantragt, obwohl bei dem' fraglichen Brande kein Menschenleben verloren ging oder auch nur gefährdet war und obwohl viele Zeugen den Egli als geistesgestört bezeichneten. Sechs andere arme unglückliche und in einem be- areiflichen Irrtum befangene Weber hatten je 18 Jahre Zucht» haus erhalten, die übrigen 24 Angeklagten Zuchthaus- oder Gt, fängnisstrafen bis herab zu zwei Jahren. Das Gerichtsurteil charakterisierte das Verbrechen der Hauptangeklagten als Vorsatz- liche Brandstiftung, durch die ein Schaden von 270 000 Frank vcr- ursacht worden sei, nicht aber als Komplott oder Aufstaiw, und den „weitverbreiteten Irrwahn', welcher die Schuldigen beherrscht habe, führte es als Milderungsgrund an. Um was handelte es sich in diesem bedeutungsvollen Gerichts- falle? Um ein ergreifendes Weberdrama, das 12 Jahre später im schlesischen Weberaufstand sein geschichtliches Seitenstück erhielt. Im Kanton Zürich waren Anfang des 10. Jahrhunderts etwa 18 000 Baumwollweber am Handwebstuhl tätig und sie schlugen sich durch die Mitarbeit von Frau und Kind sowie in Verbindung mit etwas Landwirtschaft recht und schlecht durch. Die sich immer mehr ausbreitende mechanische Weberei in England und den kontinen- taten Ländern machte der Handwcberei zunehmende empfindliche Konkurrenz und Anfang der dreißiger Jahre war die gesamte In- dustrie des Kantons Zürich mit ihren mehr als 40 000 Arbeitern auch durch die Rückwirkungen der Revolutionen in Belgien und Polen in Mitleidenschaft gezogen worden.»„Die polnischen Juden," sagt Theodor Curti in seiner ausgezeichnete» Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert,„die polnischen Jude», welche den Absatz der Fabrikate nach den östlichen Ländern und Asien ver- mittelt hatten, fehlten jetzt auf der Leipziger Messe, was für den Kanton Zürich allein einen jährlichen Verlust von mehreren Mil- lioncn bedeutete und mit zur Erklärung dafür di�nt, warum man bei uns der Wiederherstellung eines unabhängigen Polens so große Bedeutung beimaß; als russische Provinz, befürchteten die Industriellen, würde Polen für den schweizerischen Handel verloren sein." Diese Feststellung des innigen Zusammenhanges von Wirt- schaftlichen Interessen und revolutionärer Sympathie der schweize- rischen Kapitalistenklasse hat geradezu pikanten historischen Reiz. Indes ist die heutige schweizerische Kapitalistenklasse nicht anders geartet. Sie würde sich selbst mit der sozialistischen Organisation Teutschlands ganz ruhig abfinden, wenn sie mit ihm gute Geschäfte machen könnte und keine unmittelbare Gefahr für die Soziansierung der Schweiz bestände. Es war also eine Wirtschaftskrise eingetreten, die auch die Weber empfindlich traf. Curti berichtet über ihre Verdienstver- Hältnisse, daß die tüchtigsten Weber im Jahre 1830 mit der Her- stellung von zlvei Stücken Calicota-„Gallistückli" 1 Gulden sechs Kreuzer wöchentlich verdienten; die weniger tüchtigen 30 bis 33 Kreuzer und die zahlreichste Klasse der Schwächeren, worunter sich die meisten Minderjährigen befanden, höchstens 10 Kreuzer, wenn ihre Auslagen für Schlichte und Ocl abgerechnet waren. Das tvaren elende Verhältnisse, unter denen die Wcberbevölke- rung schwer litt und mit denen sie sehr unzufrieden war. Und dazu drohte die Einführung der Webmaschine, welche Gefahr die Stim- mung der Weber noch erbitterter machte. Sie hatten die Ein- führung der Spinnmaschine, die Vernichtung der Handspinnerei und das Elend der Handspinner erlebt und sie befürchteten von der Webmaschine das gleiche Schicksal, das ihnen noch viel schrecklicher erschien als ihr getviß auch nichts Iveniger denn beneidenswertes Los als Handlvcber. Das Jahr 1830 war für die Schweiz ein Rcvolutionsjahr. Die französische Julirevolution, die den König Karl davongejagt hatte, verfehlte ihre aufrüttelnden Rückioirkungcn auch auf die Schweiz nicht, und in den Kantonen Thurgau, St. Gallen, Aargau, Basel. land, Solothurn, Bern, Waadt, Luzern, lschaffhauscn usw. rührten sich die Liberalen, das meiste Volk hinter sich, gegen das aristo- kratische Regiment, das sich in seiner Ausschließlichkeit und Volks- verachtenden Selbstüberhebung kaum viel vom monarchischen Ab- solutismus unterschied. Der Liberalismus siegte, und eine neue Acra der wirtschaftlichen und politischen Entwickclung war er- öffnet. Im Kanton Zürich spielte sich die große einleitende Aktion der unblutigen Revolution in dein 21 Kilometer von der Stadt Zürich entfernten Bezirkshauptort Ustcr ab, wo sich am 22. November 1830 8000 bis 10 000 Mann versammelten, um die Forderungen des Volkes für eine neue freiheitliche Verfassung aufzustellen. Wie nottocndig und reif diese Vcrfassungsrevision war, bewies die nachherige Annahme der neuen Verfassung in der Volksabstimmung mit 40 000 gegen nur 172S Stimmen. An dieser glänzend verlaufenen Vcrfassungsbcwegiing hatten sich auch unsere Weber mit den besten Hoffnungen beteiligt. Als das„Memorial von Ilster" aufgestellt wurde, verlangten die Weber die Aufnahme des Verbots der Webmaschinen, und der Redner Steffen gab ihnen die Versicherung:„Au dem muetz ghulffe syt' sAuch dem muß geholfen scin.j Das war aber ein gefährliches und unerfüllbares Verspreche», das sich bitter rächen sollte. Mit der zunchinenden Not drangen die Weber immer entschiedener auf die Erfüllung des ihnen gegebenen Versprechens sowie auf Abhilfe gegen ihr Elend. Sie wurden durch gesammelte Lebensmittel und Gelder unterstützt: man bemühte sich, sie durch aufklärende Zei- tungsartikel zu beschwichtigen, aber eS wurde damit der gewünschte Erfolg nicht erzielt. Und eS wurde dem Faß der Boden ausge- schlagen, als die mechanische Spinnerei von Corrodi u. Pfister in Ober-Uster einige Webmaschinen aufstellte und so die Gefahr der Vernichtung der Handweberei akut geworden war...Jetzt stand der geheime Feind der Bevölkerung, dessen Ankunft sie längst gefürchtet, vor ihren Augen, und die Fabrik wurde der Gegenstand ihres tiefsten Hasses." Am 22. November 1832, an welchem Tage wieder in Uster die Erinnerungsfeier des erfolgreich gewesenen UstertageS vor zwei Jahren begangen wurde, kamen auch die Weber in großen Scharen daher und zündeten die Fabrik mit den gehaßten Spinn- und Webmaschinen an. Alle Versuche von Beamten und anderen Per» sonen, die empörten Weber von ihrem unheilvollen Tun abzu- halten, waren vergebens, das Verhängnis nahm seinen Lauf. Der genannte Egli erklärte gegenüber den abmahnenden Mitgliedern des Versammlungskomitees:..Ja, ich weiß, was ich tue, denn ich bin jetzt öl Jahre alt, aber wir sind es uns und unseren Kindern schuldig, die Maschinen zu zerstören, weil sie uns um den Verdienst bringen. Diese muß verbrannt sein; bis dahin haben wir keine Ruhe und kein Glück." Das Ende war die Verhaftung von 75 Männern, von denen der Staatsanwalt gleich in Uster noch 17 wieder freiließ, 2 in Uster im Gefängnis beließ und b6 nach Zürich ins Gefängnis transportiert wurden. Acht Monate später spielte der letzte Akt im Gerichtssaal, wo die unglücklichen Weber als gebrochene und inutlose Menschen sich verantworten mußten und von der racheerfüllten herrschenden liberalen Bourgeoisie mik entsetzlichen Strafen belegt wurden. Die Bestialität dieser Klassenjustiz stand auf dem Niveau des Wahnes der armen Weber von Uster; aber sie hatte keinerlei Entschuldigung für sich, während der Brand von Uster mit vielen Gründen ent- schuldigt, wenn auch nicht gerechtfertigt werden konnte. Wie der Aufstand der schlesischen Weber in Gerhart Hauptmann seinen Dramatiker gefunden, so der Brand von' Uster in dem Zürcher Dialektdichter Jakob Stutz. Stutz nannte das Ereignis von Uster die„Folge verabsäumter BolkSauftläruug". Es war aber auch die Folge der kapitalistischen Schandwirtschaft, die einen verbrecherischen Raubbau mit der Bolls« kraft trieb, ungehindert treiben und z. B. in den Spinnereien bei ununterbrochenem Betrieb selbst Kinder schon vom fünften Lebens- jähre an täglich 14, 16, ja lö Stunden gegen einen Hungerlohn von wenigen Rappen ausbeuten konnte I Und die Lohnvcrhältnisse der Männer und Frauen waren nicht viel besser. Das liberale Regiment im Kanton Zürich war von kurzer Dauer. Im Jahre 1839 siegten wieder die Konservativen, die die Berufung des David Friedrich Strauß an die Züricher Universität als Anlaß zum„Züriputsch" benutzten, der die Vertreibung des liberalen Theo- logen wie den Sturz der liberalen Regierung und die abermalige Etablierung des konservativen Regiments zur Folge hatte. Die ein- zige gute Tat, die die Konservativen vollbrachien, war die Amnestie- rung der armen Brandstifter von Uster, soweit sie noch am Leben und im Zuchthau« waren. Seither hat die Webmaschine ihren SiegeSzug vollendet und die Handweberei in der Baumwollindustrie restlos beseitigt. Hunderte mechanischer Spinnereien und Webereien mit etwa 30 OOS Arbeitern und Arbeiterinnen zählt heute die Schweiz, und wenn auch die Arbeits- und Lohnverhältnisse besser sind als damals, das Textil- arbeiter- und insbesondere das Weberelend besteht auch heute noch. In manchen Tälern ist die Spinner- und Weberbevölkerung degeneriert und auch für die Arbeiterbewegung nicht dauernd zu ge- Winnen. Und dennoch bringt sie ihnen die Morgenröte einer neuen Zeit, einer besseren, befreienden und glücklichen Zukunft— während der Feuerschein des Brandes von Uster nur daS Unglück zahlreicher armer Weber und ihrer Familien sowie dem endlichen Sieg der Webmaschine über die Handweberei bedeutet hatte. D. Zinn er. Gleims f cuilleton. Biologisches. Neues von der Geschlechtsbestimmnng. Knabe oder Mädchen? DaS ist immer noch die Frage. Ist die Frage der Ge- fchlechtSbestimmung seit den Tagen der Schenkschen Theorie der Lösung näher gebracht? Gewiß und zwar um ein gute? Stück. Der Wiener Biologe Paul Kammerer setzt den gegenwärtigen Stand der Frage in einem Büchlein, daS soeben unter dem Titel„Bestimmung und Vererbung des Geschlecht» bei Pflanze, Tier und Mensch" im Berlage von Theodor ThomaS in Leipzig erscheint, in knapper Form, streng wissenschaftlich und dabei doch allgemein ver- ständlich auseinander. Gegenwärtig stimmen die meisten Forscher darin überei«, daß da» Geschlecht vererbt wird, in dem Sinne, daß es als erbliche Eigenschaft irgend einem anderen Rasseiunerkmal verglichen werden kann. Von welchen Fattoren die GeschlechtSbesttmmung abhängt, hat nzay auch mit Hilfe der Stattstik untersuchen wollen, ober auch Vcrantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln.— Druck u. Verlag: hier find die Ergebnisse zum Teil recht widersprechend. Alles, was sich aus der Stattstik ableiten läßt, ist nach Kammerer folgendes: es gibt unleugbar Einflüsse, die das normale Geschlechtsverhältnis zu ver- schieben imstande sind, und zweitens kann man als sicher annehmen, daß der Ernährung«- oder Reifezustand der Keimprodukte mit der Bestimmung über daS Geschlecht etwas zu tun hat. Die als abgetan betrachtete Schenkfche Theorie kommt demnach, wenn auch nur in gewissem Sinne, wieder zu Ehren. Am Meeresringel- wurm sviuoxlttlus), sind zum Beispiel verschiedene Versuche über die geschlechtsbestimmenden Ursachen gemacht worden. Bei ihm gibt es in ein und demselben Eierstocke größere Eier, aus denen Weibchen werden, und kleinere, aus denen sich Männchen entwickeln. Malsen erzielte nun bei gemäßigter Zimmertemperatur dreimal so viele Weibchen wie Männchen, in Kältekulturen mehr als viennal soviel Weibchen, und in Wärmekulturen war die Verteilung der Geschlechter ungefähr gleich. Wichtiger als Versuche an niederen Tieren sind natürlich die an höheren, besonders an Wirbeltieren. Hertwig hat Froschcier in verschiedenem Reifezustande befruchten lassen, so Eier desselben Tieres in Abständen von 6, 18, 24 bis 96 Stunden. Den Ausfall dieser Versuche mit frühreifen, reifen und überreifen Eizellen drückt Kammerer in den Worten aus, daß von Befruchtung zu Beftuchtung der Ueberschuß an Männchen immer größer wird, bis zuletzt, bei 72— 96stündigen Intervallen ausschließlich Männchen zur Entwickelung gelangen. Frühreife und überreife Eier entwickeln sich zu Männchen, während die Weibchen desto mehr vorherrschen, je genauer das Ei sich zur Beftuchtungs- zeit auf dem Höhepunkt seiner Reife befindet. Mit anderen Worten heißt dies, ein Männchen entsteht jedesmal, lvenn der Keim sich unter möglichst ungünstigen Bedingungen befindet, Weibchen dagegen entstehen unter den besten Entwickelungs- Möglichkeiten. Der Unterschied zwischen frühreifen, Vollreifen und überreifen Eiern beruht auf dem Verhältnis des Zellkerns zum Zelleib: bei unreifen und überreifen Eiern ist der Zellkern ungewöhn- lich groß, im Vollreifen Ei besteht der Hauptteil der Zelle aus dem eigentlichen Zelleib. Das Verhältnis zwischen Zelleib und Zell- kern hängt aber von Außenbedingungen ab: ungünstige chemische und Temperatureinflüsse, Hunger und Kälte bewirken, daß der Zell- leib verhältnismäßig zu klein bleibt, Wärme, Licht, Abwesenheit von Giften, kurz alle Einflüsse, die den Stoffwechsel fördern, lassen den Zelleib verhältnismäßig stark anwachsen. Die weibliche Zelle und die weiblich bestimmte Keimzelle ist somit in letzter Linie die besser ernährte Zelle, und guter Ernährungszustand wirkt mittelbar Weibchen- bestimmend, ebenso der schlechte Ernährungszustand männchenbestimmend. Völkerkunde. Die Stämme des oberen Amazonen st romes. In der Julisitzung der anthropologischen Gesellschaft berichtete Georg M. v. Hassel, der am Amazonas Kautschukwaldungen besitzt und 17 Jahre unter den dortigen Indianern gelebt hat, über die Indianer am oberen Amazonenstrom. ES ist die Gegend, die durch die Putumayogreuel eine so traurige Berühmtheit erlangt hat. Herr Hassel vertritt die Ansicht, daß die dortigen Jndianerstämme ein ausgezeichnetes, bildungsfähiges Menschen- Material darstellen, deren Schicksal zu erleichtern Ehren- Pflicht ist. Durch die Grausamkeiten der Kautschuksammler find die Indianer, die ihn monatelang aufs liebevollste verpflegt und auf seinen Reisen begleitet haben, ohne dafür ein Entgelt zu beanspruchen, bis auf die Zahl von 200 000 zurückgegangen. Man kann in der Gegend, die von ungeheuerer Ausdehnung ist, 60 verschiedene Sprach- gruppen unterscheiden, die aber nicht scharf mehr zu trennen sind, da die Frauen, auS fremden Stämmen geraubt, ihre Sprache bei- behalten und den Kindern überliefern. Eine ziemlich genaue Scheidung ist möglich durch die Waffen. Auf der rechten Seite des Amazonas werden Pfeil und Bogen benutzt, auf der linken Seite werden vergiftete Pfeile durch das Blasrohr auf die Jagdbeute verwendet. Von den Stämmen am Putumaho lebt der Woitottoftamm meist vom Ackerbau. Bon den 20000 Indianern leben dort vielleicht noch 6000, da sich die meisten vor den Kautschukräubrrn nach dem Rio Regro und dem Kaketa zurückgezogen haben L wo sie aber wieder anderem Raubgesindel in die Hände gefallen find. Männer und Frauen sind sehr arbeitsam, sie tragen tagelang ganz kolossale Lasten. Sie fabrizieren sehr verschiedenartige Jndustrieerzeugnisse, von denen ihnen viele mit� Gewalt entrissen wurden. Der benachbarte Borastamm ist kriegerischer, hat sich aber auch nach dem Kaketafluß zurückgezogen, als er mit Gewalt zur Arbeit herangezogen werden sollte. Andere Stämme im Süden des Lande?, das größtenteils eben ist, find die CampaS, CatchivaS und MatchigangaS. Letztere sind friedfertig, während die CatchivaS Menschenfresser sein sollen. Diese haben noch ganz primitive Werk- zeuge, wie die Steinaxt, und sind im Aussterben begriffen. Einige Stämme sind Kopf- und Frauenjäger, auch weiße Frauen nehmen sie mit in den Urwald, nachdem sie die Männer getötet haben. Auf ganz besondere Art konservieren sie die erbeuteten Köpfe, von denen er einen vorzeigte, die sie als Trophäe in der Hütte aufhängen, die gewöhnlich für 2—300 Menschen errichtet wird. Die Pfeilgifte, mit denen sie die Jagdbeute erlegen, sind für den menschlichen Körper unschädlich.______ VorwärtsBuchdruckerei u.VerlagSanstai: Paul Singer o., Berlin S W.