Anterhaltungsblatt des Honvärts Nr. 147. Donnerstag, den 31. Juli 1913 71 Sin 1>Iann. Von Camille Lemonnier. Einige Monate vergingen. Die Türen und Fenster in dem kleinen Häuschen blieben so fest geschlossen wie in früherer Zeit. Hier hatte der Tod nicht das Leben zu er- höhen vermocht. Bloß die Kleine, nicht mehr von der Väter- lichen Strenge niedergedrückt, begann nach Kinderart laut zu werden. Die Sonne konnte im Garten ihre blühenden Bäckchen mit den bunten Schmetterlingen zwischen den Blumenbeeten um die Wette gaukeln und bisweilen, glüh- rot vom Eifer des Spieles, unter dem buschigen Pelz der hohen Gräser verschwinden sehen. Mit einem Male begann sich in ihrer Umgebuna eine große Wandlung zu vollziehen. Sie sah jetzt öfters einen großgewachsenen Mann in der Nische beim Herde sitzen, an- fangs seltener, später immer häufiger und für längere Zeit. Und eines Tages hob sie dieser Mann zu seinem Munde empor und sprach: „Germaine wird jetzt unser Kind sein." Dann wurde sie auf einen großen Pachthof gebracht, wo sie inmitten einer geräuschvollen Umgebung aufwuchs. Ihre Mutter hatte ihr gesagt:„Du wirst diesen Herrn wie Deinen Vater lieben." Und allmählich ward ihr klar, daß ihre Mutter wieder geheiratet habe. Schon seit langem hatte Hulotte für die schöne stille Frau ein warmes Gefühl empfimden, während er selbst all die Bitternisse einer schlecht zusammensfimmenden Ehe an sich erfahren mußte: daher war er herzlich froh, daß er sie frei fand, als er mit seinem achtzehnjährigen Jungen als Witwer zurückgeblieben war. So kam Madcleine auf seinen Hof und setzte mit ihrem um fünfzehn Jahre älteren zweiten Gatten dasselbe geregelte, pflichtgetreue Leben fort, das sie an Seite ihres ersten Mannes geführt hatte. Sie hatten zwei Söhne miteinander, und nichts störte ihr gutes Einvernehmen bis zu dem fiirchterlichen Tage, da Madeleine einer bösartigen inneren Entzündung erlag. Nun waren seither bereits drei Jahre vergangen, allein der Bauer war total gebrochen. Mit jeder wechselnden Jahreszeit ließ er ein wenig mehr von seinen geschäftlichen Sorgen auf die Schultern seines Aeltesten, W a r n a n t. gleiten und überließ Germaine die Aufsicht der Ställe, des Geflügelhofes und des Hauses. Sie hatte die herbe Zurückhaltung und Verschlossenheit ihrer Mutter geerbt und deren gleichmäßige, ruhige, inner- liche Stärke: von ihrem Vater hatte sie die Energie und Ent- schlossenheit und seine nach außen hin schroff ablehnende Hal- tung. Doch glich sie ihm bloß durch diese Charaktcreigentüm- lichkeiten: in ihrer äußeren Erscheinung war sie ihrer Groß- mutter väterlicherseits sehr ähnlich, einer fruchtbaren. liebedurstigen Frau, in deren Wangen ebenfalls das heiße Blut der Brünetten brannte. Auch Germaine schien zum Lieben und Gebären geschaffen: fest saß der kräftige Hals auf ihren breiten Schultern, ihre Hüften waren wohl gerundet, der Busen üppig entfaltet: und alle männlichen Beschäftigungen hatten für sie etwas Lockendes, Als sie noch jünger war, pflegte sie mit Vorliebe mit gleichaltrigen Knaben zu raufen, und nicht immer hafte sie dabei den kürzeren gezogen. Sie verstand sich darauf, einen Karren abzuladen, einen Sack Mehl aufzuheben, sich vor die Egge zu spannen oder den fetfigen Dünger auf den Zinken einer Mistgabel zu trans- Portieren. Gernraine Maucord würde vom Pächter wie seine eigene Tochter gehalten. Er wollte keinen Unterschied zwischen dem Stiefkinde und seinen leiblichen Söhnen machen. Im Torfe nannte man sie nicht anders als Germainx Hulotte. Sie war sehr klug, aufgeweckt und hatte ihre Augen überall. Noch vor den Mägden aus dem Bette, buk sie das Brot, legte mit Hand an bei der Wäsche, plättete das.feine Linnen und half bei allen groben, häuslichen Arbeiten aus. Sie war weder verschwenderisch, noch besonders putzsllchtig veranlagt. Ein inuntcrcs Ding, das gern lachte und auch mit Männern un- befangen scherzte. Bisweilen nahmen sie ihre Brüder zu einer Kirmes mit. Namentlich eines dieser Feste, bei dem herzhaft geschmaust und getanzt worden war, hatte sie in an- genehmster Erinnerung behalten, zu der sich die ver- schwommene Gestalt eines Tänzers, eines hübschen Studenten, gesellte. Lange hatte sie an seinen zarten Teint, an den goldigen Flaum, der seine Wangen beschattete, sein artiges Benehmen und die leise kitzelnden Liebkosungen, mit denen er ihre Handflächen berührte, denken müssen. Bei anderen Gelegenheiten hatte sie mit Pächtersöhnen getanzt, lauter flotten Burschen, die als die„jeuukLse doröe" des Landes galten. Und als sie so Brust an Brust, dicht angeschmiegt an die Tänzer lag, deren Knie sich zwischen die ihren schoben und deren Hände ein Weilchen auf ihrer Taille ruhten, da durchschauerte es sie süß und erweckte in ihr die Ahnung von noch viel Köstlicherem. Ganze Nächte lang war sie dann weinend im Bette gelegen, sich unsäglich einsam fühlend, während alle ihre Freundinnen bereits einen Gatten oder einen Bräutigam hatten. Die Sehnsucht, das Verlangen nach dem Manne gerieten ihr zur tiefsten Qual. Eine große Un- ruhe war in ihr, eine dumpfe Auflehnung ihres heißen, jungen Blutes, die dann bisweilen in tiefe Wehmut zerfloß. Ihre Stellung als heiratsfähiges Mädchen war eben nicht so recht klar: die Freier zauderten mit der Bewerbung: schließlich war sie bloß Maucords Tochter, und die Maucords hatten nur in bescheidenen Verhältnissen gelebt. Ja, wenn sie wirklich die Tochter des alten Hulotte� gewesen wäre! Da hätten sie sich nicht lange besonnen! So aber hemmte den Eifer der reichen Pächtcrssöhne eine kluge Vorsicht, und von Jahr zu Jahr machte sich ihre Umgebuna mit dem Gedanken vertrauter, daß sie ledig bleiben werde. Und einen schlichten Bauern zu heiraten, lag ihr ferne. Auch hätte Hulotte nie zugegeben, daß sich ein minderwertiger Schwiegersohn neben ihm auf dem Hof einnistete. Der Gram, noch unverheiratet zu sein, dämpfte mit der Zeit Gcrmaines frohe Laune. Bis- weilen überkam es sie wie ein Gefühl der Empörung, eine ingrimmige Wut gegen all diese Männer, die töricht genug waren, sich nicht ihrer Schönheit zu bemächtigen.— Der Anblick des hübschen Burschen, der so verliebt unter den Bäumen gelegen und ihr zugelächelt, hatte sie wie eine Verheißung von Glück entzückt. Er schien in starrer Be- wunderung wie festgebannt auf dem Flecke. Sein zagen- des Lächeln war bebend und süß, wie ein Gebet zu ihr ge- brungen. Sie sah ihn, seine breiten Schultern, sein energisches, stolzes Haupt ein Urbild prachtvoller Männ- lichkeit—, und das ward für sie bestimmend. Sie ertappte sich dabei, wie auch sie ihm zulächelte, und in diesem Lächeln lag es wie die stumme Bitte ihres Blutes, sie nicht länger schmachten zu lassen. Als sie ihn dann wieder auf dem Baume sah, ward es ihr warm ums Herz. Er war also wieder ge- kommen! So war es denn richtig, daß sie ihm gefiel! Und sie sann über Mittel und Wege nach, mit ihm zu sprechen, sein Gesicht, die Farbe seiner Augen, die Form seiner Hände aus nächster Nähe zu sehen. Zu Mittag, als alles schlief, war sie ins Kleefeld gegangen, fest überzeugt, daß er ebenfalls kommen werde. Und er war gekommen! Da hatte sie die seltsame.Kunde vernommen, daß der Verwegene, der ihr zu- gelächelt hatte und nun voll listiger Verschmitztheit vor ihr stand, niemand anderer war als— Cachaprds. Das hieß: ein Räuber, ein Strolch, ein Vagabund, der im Gefängnis oder noch schlimmer enden würde, wenn anders er nicht irgendwo in einem Gestrüpp elend verkam. Zugestanden! allein dieser Bandit trieb ein mannhaftes Gewerbe, war ein Prachtbursche, so recht nach ihrem Ge- schmack, stämmig und stark und kannte das Fürchten nicht: er war beinahe ein Held. Ihr kamen allerlei Geschichten in den Sinn. Sie erinnerte sich der Sagen, die sich um seine Person spannen: das Försterblut ward in ihr rege, und sie konnte nicht umhin, seine Verschlagenheit, vermöge der er die Tiere überlistete, im tiefsten Dickicht hauste und stärker als alle Forsthüter war, zu bewundern. Und wie sie so nachsann. dämmerte ihr eine Ahnung auf, daß eines solchen Mannes Liebe doch etwas weit Gewaltigeres sein müsse, als die eines armseligen Bauernliimmels mit schlotternden Schultern und fahlem Gesichte. 6. Der Weideplatz»wir zehn Minuten vom Hofe entfernt. Zuerst trottete das Vieh auf der Landstraße, kletterte dann einen schmalen Pfad durchs Gehölz hinan und erreichte end- lich über einem schmalen Steg die Trift, deren üppiger Rasen von einem Bächlein begrenzt wurde. Holzpfähle bildeten ringsum ein Einfriedigungsgitter. In sanfter Steigung führte die Wiese zum Obstgarten des„Weidenhofes", der am Abschlüsse eines weiten, bebauten Plateaus lag. Das Ge- lände zur Rechten und zur Linken war mit Jungholz be- standen, aus dem schon vereinzelt hohe, fchattenspendende Buchen und Eichen aufragten. Die milchweißen Köpfchen der Gänseblümchen lagen wie ein lichter Hauch iiber dem Rasen, der in der Nähe des GeHöstes in den tiefblauen Himmel überging. An der Böschung des Bächleins wucherten üppige. breitblättrige Klettenstauden, Baldrian, Dotterblumen, Löwenzahn, wilde Hyazinthen und Ramrnkeln. Pünktlich nach Tagesanbruch, kaum die Hähne ihre Fanfaren in den dämmernden Morgen geschmettert hatten, verließen die Kühe ihren Stall. Bis Mittag blieben sie im Freien, dann wurden sie für zwei Stunden eingetrieben: nachmittags gingen sie abermals ans die Weide und blieben bis zum Anbruch der Nacht draußen. Kein einziger Weg führte durch die weite Wiese. Das tierische Schnauben und Rindergebriill waren die einzig vernehmbaren Töne außer dem Plätschern des Bächleins, darüber sich die windgeschaukelten Aeste wiegten. Cachapr�s, der diese große Stille genoß, malte sich im Geiste aus, wie herrlich es wäre, hier mit der Liebsten zu kosen. Das Gehölz dehnte sich nach rechts und links hin aus, nach hinten zu steiler werdend, und ging allmählich in die strengeren Formen eines düsteren Waldes über. Hier in dieser Einsamkeit empfand er ein ganz anderes Behagen als in dem Ostgarten des Pachthofes, durch den unablässig störende Schritte gingen. Bisweilen hefteten sich seine Blicke auf die rötliche Blätterschicht unter den Buchen, und dann sah er im Geiste zwei engumschlungene Gestalten sich darauf wälzen. Seit einiger Zeit war eine große Trägheit über diesen sonst so überschäumenden Burschen gekommen. �Fortsetzung folgt.) Der ßeinriebter, Von Peter Slos egger. Na, da kann die heilige Margareta eine Freude haben, wenn an ihrem Namensseste zu Lberabelsberg allemal einer erschlagen wird. Was willst Du denn? Ist ja keiner erschlagen worden diesmal, Mir den Fuß haben sie dem Fleischhauer gebrochen, oder vielmehr er sich selber, als er zur Tür hinausflog auf den Antritkstein. Das ist ja genug! sagt Ihr in Eurer Bescheidenheit.„Das:st zu wenig," schreit der Lederer Franz,„er hat schon aufgezogen mit dem Lehn- stuhl, und wenn der Fleischhacker einmal aufzieht, da weiß mans, wa» es bedeutet." „Das ist zu viel!" ächzt der Fleischhauer,„den Steffel ruft mir, Ihr lieben Leut, Ihr guten Leut, um Gottes-Christi-Willen, den Steffel I" wimmert er. Ach Sott, wenn ein Fleischersmann so wimmert, ein Fleischersmann, der sich bor keinem Blut fürchtet, wenn es nicht aus seinem eigenen Leib rinnt! Ein solches Wimmern ist possierlich. Solls doch von seinen Ochsen lernen, ein Fleischer, wie man hinfällt, wenn man getroffen ist, und weiters kein Auf- Hebens macht. Aber ein Aufhebens muß man diesmal doch machen, denn liegen lasten kann man ihn nicht, den Flcischhauermeistcr Falent; die Bachwirtin schlägt ein Helles Zetern an, als sie erfahrt. er Hütt sich was gebrochen. Also den Steffel! Ten Beinbruchsirzt. den Bruchrichter in der Wamsey. Als sie den Fleischer in sein Haus tragen, erheben im Stalle die Kälber ein fröhlich Geplärr, aber ihre Mutter, die Kuh, brummt:„Halts die Mäuler, dumme Viehcr, um den Steffel ist geschickt. In drei Wochen ist der Satan wieder auf den Beinen." Mittlerweile kommt der Bote:„Mit dem Steffel ists nichts. Der Steffel ist eingesperrt." „Jessesl na, was hat er denn angestellt?" „Beinbrüche hat er geheilt!"» „Dodl, das ist ja nichts Schlechtes." „Und den Doktor hat er geschimpft. Und hat ihn der Doktor einsperren lassen." „Weil er geschimpft hat?" „Weil er Beinbrüch geheilt hat." „Geh, Trefler(Schwätzer), Du wendest Dich im Kreis wie ein narrischer Stier." „Ehrlich wahr auch", sagt der Bote;„Beinbruchheilen, das ist »erboten, das dürfen nur die Geprüften." „Aber, Halbesel Du, wenn sich einer gach das Bein bricht, da hat der Steffel nicht cxst Zeit, sich prüfen zu lassen." „Deswegen soll man zum Doktor gehen, sagt der Doktor. Ter Doktor ist schon geprüft, sagt der Doktor." „Ohl— oh!— oh! die Schmerzen I" wimmert der Meister Falent. „Es ist schon der Asel dabei", sagen die Leute. Draußen in der Schlaghütte hängt eine stische Ochsenhaut, ist erst gestern abends vom Leib gezogen worden, die wedelt ein wenig mit dem Schweif. „Kein Knochen kann mehr ganz sein", klagt der Meister.„Alles wackelt, ach, ich unglücklicher Mensch!" Jetzt was ist zu machen, den Doktor holen? „Tät ich nicht", sagen die Rachbarn;„der Doktor hats aus den Büchern. Mit dem Kopf wird er's gut können, das Beineinrichten, aber mit der Hand, das ist eine andere Frage.Und woher denn? Er hat ja keine Gelegenheit, daß er sich übt. Jeder, der sich was bricht, braucht den Steffel." „So ists", sagte ein anderer.„Nachher das auch: die Doktoren tun so viel gern studieren. Jeder will selber was profitieren bei so einem Fall, wenns auch weh tut, das macht nichts, leiden tuts ja der Kranke, und dafür ist er krank." „Ich will nicht sagen, daß sie's nicht können, die Doktoren, das will ich nicht sagen", rief wieder ein anderer drein,„nach der alten Weis' einen Fuß einrichten, das ist ja keine Kunst. Aber sie tun herum, ob's nicht auch nach einer neuen Weis' ginge. So was mutz man ja auf verschiedene Art machen können; der Mensch lernt nicht aus, und auf die Wissenschaft muß man denken, heißt's. Und nachher ist's nichts nutz und muß es doch wieder frisch ge- brachen werden, das Bein, wenn ein ordentlicher Beinrichter dazu- kommt. Na, na, zu einem Probierstein ist gerad nicht jeder Mensch hart genug." „Wo sitzt er denn, der Stestel?" schrie der Fleischhauermeister in heller Verzweiflung. „In der Wamsen drüben sitzt er, im Gemeindekotter." „Meine Gesellen sollen hinübergehen, die Schlaghacken mit- nehmen, den Kotier aufsprengen." „Nachbar, das geht nicht", mahnte der Bachelwirt;„aber ich Weiß was anderes. Mit dem Wamsener Richter bin ich gut bekannt. Ist ein kamodcr Herr. Kannst auch einmal ein feistes Schweindl springen lassen zu Weihnachten oder so. Wird, ihn gestcuen. Ich schicke hinüber. Wastel, geh her, da hast einen Sechser. Lauf eilends zum Herrn Richter in die Wamsen hinüber; Du kennst ihn ja, den lustigen Herrn mit dem roten Bart; ist erst vorige Wochen bei uns gewest. Ich und der Herr Fleischhcruermeister lasten ihn bitten, er wollt uns den Steffel auf ein Stünde! herüberlassen, nur auf ein Stünde!; der Herr Falent hätt Unglück gehabt, und wir täten— na wart, bleib da, ich muß schon selber gehen, wird gescheiter sein. Rur nicht verzagt sein, Nachlwr, ich bring den Steffel. Dieweilen alles Herrichten. Das Bett in die Mitten von der Stuben rücken, Wciberleut! auch ein paar Stricke werden wir brauchen. Bchüt Gott, werden bald da sein." So der Wirt zu Oberabelsbcrg; da stand auch schon der Ein- spänner mit dem Steirerwäglein bereit— ein feines Zeugl— und in zwanzig Minuten drauf war er in der Wamsen. Ter Richter ist beim„Goldenen Fuchsen" auf dem Scheiben- schützcnstand. Wird brav schcibengcschosten in der Wamsen und stehen prächtige altdeutsche Sprüche auf dem Schützenstand in der Wamsen. Der Oberabelsberger Wirt brauchte sich nicht zu ducken, er trifft auch mitunter ins Schtvarze— besonders wenn er die Zech- schulden der Wamsener Bürger an die Tafel kreidet. Aber heute schleicht er so wunderlich an und läßt durch die Kellnerin den Herrn Richter bitten— nur auf ein paar Wörtel. „Was gibt's Neues, lieber Bachelwirt!" lacht ihm der Richter zu. Der Wirt winkt ihn so ein wenig abseits gegen die Linde.„Ein großes Gebittl" hebt er an und trägt sein Anliegen vor.„Bei einem Raufhandel dem Oberabelsberger FIcischhauermeister ein Fuß gebrochen I" „Wo sind denn die Gendarmen wieder?" brauste der Richter auf. „Ist nichts, Herr Richter." „Und dann allemal zum Richter, zum Richter. Ter Richter kann das Krumme nicht gerad machen." � „Ist nicht krumm, ist ganz ab." „Haben Sic ihn schon?" „Liegt elendlich dahin." „Ob sie den Raufbold schon haben?" „Das weiß ich nicht. Der tut jetzt auch nicht weh. Aber das Bein soll so viel höllisch weh tun. Wir bitten um den Bein- brucharzt." „Habe ich Beinbruchärzte?" lachte da der Richter grell auf. „Einen hat der Herr Richter, einen hat er. Und recht gut auf- gehoben. Nur auf ein Stünde! Urlaub, wenn der Steffel Zeit hätt'." „Aber zum Teufel!" sagte der Richter,„ein Beinbruch, da geht man zum Doktor. Ihr habt ja Euren Doktor in Oberabelsberg." „Ist nickt daheim", log der Bachelwirt;„ist nach Nieder-Lassing gerufen worden, Hab ich gehört, soll erst abends heimkommen. So lang kann aber der arme Meister unmöglich warten, unmöglichl Der Fuß schwillt auf, unterlauft mit Blut, ist nachher nichts mehr zu machen. Kunnt ein Krüppel bleiben auf sein Lebtag." lSchluß folgr.; Peter Kolegger. Heute bor siebzig Jahren wurde Peter Rosegger zu Alpel, einer „aus etwa vierundzwanzig auf Höhen und in Engtälern zerstreuten Bauernhäusern' bestehenden Gemeinde unweit dem steirischen Pfarr- dorf Krieglach„beim Klupenegger" geboren. So hieß nämlich sein Hcimathaus, wo auch der Vater, Groß- und Urvater schlecht und recht als Kleinbauern gelebt hatten. Der Dichter selbst beschreibt die Kurve seines äußeren Lebensganges mit nur wenig Worten:„Also ist aus dem Waldbauernbübel der Guckinsleben, aus diesem der Schneiderbub. auS diesem der Student, aus diesem der Schriftsteller und aus diesem endlich der Großvater geworden." Ganz so einfach war das doch nicht. Seine Jugendjahre ber» liefen nichts weniger als rosig. Bei einem vazierenden Schulmeister lernt er notdürftig schreiben, lesen und rechnen. Dabei blieb es auch, nachdem die Alpeler Bauern jenem ein Wohnhäuschen zu Unterrichts- zwecken angewiesen halten.„Mein Schulbesuch war ein sehr Mangel- haster; da war's die größere Entfernung, oder ich wurde zu häus- lichen Arbeiten— besonders zum Schafe- und Ninderhütcn, oder als Botengeher, oder zum Futterschülten in der Mahdzeit, oder zum Garbentrogen im Schnitt, oder zum Ochsenführen bei Fuhr- werken, oder zum Furchenaushauen beim Ackern— verwendet; dann wieder war's der ungestüme Winter, oder meine körperliche Schwäch- lichkeit und Kränklichkeit, die mich am Schulgehen hinderten." Die Eltern hätten den„leicht lernenden' Jungen ja gern Geistlicher werden lassen— aber es war, außer ihren sieben Kindern, kein Ver- mögen da. Mit dein.Bauerwerden' hatte es auch so seinen Haken. Seine schwächliche Körperbeschaffenheit war hierfür ungeeignet, und die aufkeimende Neigung zum Schrifttum hatte ihm alle Lust dazu genommen. So tritt Rosegger dann siebzehnjährig bei einem Schneidermeister zu Kathrein am Hauenstein in die Lehre. Fast fünf Jahre blieb er da und wanderte mit ihm von HauS zu Haus, um den Bauern die Kleider zu machen.„Ich habe in mehr als sechzig Häusern gearbeitet, und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule, in der ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte". Weil Rosegger eben mindestens so emsig gedichtet als ge- schneidert hatte und weil er als„ein Lllgendichter und Leutaus- richter' insgeheim verschrien war,— so trug eines Tages der Chef« redakteur der„Grazer Tagespost" Verlangen nach des Gesellen Musenkindern. Nicht weniger als fünfzehn Pfund mit Versen und Prosa vollgekritzelten PapierS hatte Roseggers Firmpate im Buckel- korb dorthin zu tragen. Und nun begab sich ein großes Wunder, auf das sonst unzählige begabte Proletarierkinder vergebens hoffen. Dr. Albert Svoboda— so hieß der wackere Zeitungsmann— warb ihm wohlhabende und einflußreiche Gönner. Er konnte auf mehrere Jahre die Grazer Handelsakademie beziehen, bekam, als er sie sechsundzwanzigjährig verlieb, ein Stipendium, um Reisen zu machen, und wieder beim- gekehrt, seine Studien an der Grazer Universität zu betreiben— im übrigen aber ungehemmt seinem schriststcllerischtn Triebe nach- zugehen. Mit Poesien in steierischer Mundart und einem beschreibenden Werkchen„Sittenbilder auS dem steierischen Obcrlandc' setzte Roseggers Produktion ein. Waren eS auch nur die Niederschläge eines zwar hübschen aber vorläufig noch unsicher tastenden Talents — der Ton war doch gegeben und die Richtung, in der es sich hernach entwickeln sollte. Des Dichters Gemütsart wurzelte in demselben Landvolke, dem er entsproffen. Im Grunde seines Herzens und Geistes blieb Rosegger immer der naive bäuerlich empfindende Sohn des steierischen WaldviertclS. Das hatte seine Schatten- und Lichtseiten. Es stand zu befürchten, daß die in so enge Grenzen gewiesene Begabung sowohl sich als ihr Stoffgebiet vorzeitig er- schöpfen würde. Und das hat denn auch bald so geschienen. Da er aber seine ganze Persönlichkeit mit intensivster Macht in dies kleine Volkstum versenkte, konnte wohl für die Literatur Gewinn erwachsen. Der erste Sprung vom folkloristischen Schilderer zum Erzähler wurde mit einem Baucrnroman„In der Einöde' unter- nommen. Hier steht aber Rosegger noch unter dem Bann Adalbert Stifters, des breit behaglichen Naturschilderers. Allein schon in seinem nächsten Werke, den„Schriften des Waldschulmeister S' hat sich sein Talent zu freier Selbständigkeit durchge- rungen. Diese Dichtung ist als Ausgangstor für das nachfolgende Schaffen zu betrachten; außerdem offenbart sie zugleich zwei Seiten seines Wesens. Hatte er als Schilderer seine Stoffe„aus der Regel' gezogen, so zieht er sie als Novellist„ans den Ausnahmen', Das andere Merkmal ist e r z i e h e r i s ch e r Art. Der VolkserzShler kündigte sich da. Nun hatte Rosegger seinen festen Weg geftmden. Wohl an dreißig Bände kleinerer und größerer Geschichten und Novellen hat er jeitdem geschrieben. Sind'ö auch immer dieselben Steicrwälder— welche Skala eines volltönigen Hervorbringens, welche Mannigfaltigkeit der Charaktere ergibt sich dal Lichte Ge- stalten und tragische,„NixnutzigeS Volk', Schildbürger f.Abels- berger'), Wildlinge, Sonderlinge im guren wie bösen Sinne, Halb- trottel, Bettelleute, Komödienspieler und viel viel andere Typen. Um die Weibgestalten steht es ähnlich. Sie sind so zahlreich als grundverschieden. Da sind eitle und mannstolle, poesieumwobene und rauhhartc Dorsschöne, rachesüchlige Verführte und ihr Geschick in die eiocne Schwielenkanst nebmende Kämpferinnen oder anne Dulderinnen— wie sie aus der Wurfschaufel der Natur fallen. Mit dem heimischen Menschenvolk schaltet und waltet der Dichter als tiefft vertrauter Gestalter. Fast allemal jedoch, wenn er hinübergreift auf städtische» Gebiet, mengt sich eine gewisse Beklommenheit und ein gewisses Experimentieren hinein. Selbstverständlich gelingt es ihm wohl, da» Gegensätzliche zwischen städtischer Verfeinerung und landständiger Derbheil zu zeichnen. Aber er ist ehrlich genug zu bekennen, daß es immer wie Heimweh über ihn kam, so oft er versucht wurde, aus seinem bäuerlichen Kreise zu treten und daß ihm nur wohl war, wenn er das, was er erfahren,„einfach, frei und treu' erzähle. Iiur indem er an große Probleme des bäuerlichen Lebens im Zusammenprall mit der städtischen Kultur herantrat, mußte er Landsassen und Städter zu einer gemeinsamen Handlung in Kontraste stellen. Inzwischen begannen sich nämlich auch in der Steiermark ge« wichtige Veränderungen vorzubereiten. Die Konflikte waren zunächst religiöser und kirchlicher Art. Es genügt an Anzengrubers„Pfarrer von Kirchseld' zu erinnern; desgleichen an die Konkordatskämpfe. Dann war auch bereits das Mürztal durch einen Schienenstrang, die Südbahn, mit der Außenwelt verbunden ioorden. Die Industrie und kapitalistische Gewerbstätigkeit baute Fabriken. Der Nerv eine» neuzeitlichen Wirtschaftslebens begann mächtiger zu vibrieren. Mehr und mehr zog die Aussicht aus sicheren Verdienst das ländliche Pro« letariat nach den Fabriken. Eine Veränderung oder Verschiebung gebar die andere. Die Berührung mit der städtischen Bildung war nicht ohne tiefgehende Einflüsse auf die Anschauung und Lebens« Haltung; alle bauernvölkische Seßhaftigkeit drohte mit deren ein» fachen Sitten und ererbten Gewohnheiten zu verschwinden. DieS alles sah Rosegger mit wehem Herzen; denn er liebt sein Bauernvolk viel zu sehr, als daß er ruhig zusehen mochte, wie eS, nach seiner Meinung, allmählig zu Grunde gehe.«Ich habe", gesteht er in seiner„Lebensbeschreibung', die er den, erste» Bande seiner nunmehr in vierzig Bänden endgültig„gesammelten Schriften" sS. Staackmonn, Leipzig) vorangestellt hat,„Zeiten durchlebt, da ich es für die größte Narrheit hielt, den Leuten Gutes tun zu wollen. Aber, wenn ich ihr Elend sah und das Uebermaß ihrer Leiden, da dauerten sie mich. Ich bin ja einer von ihnen. Ich sehe den Jammer einer jahrtausendelangen Geschichte— aber ich sehe auch, daß wir heute lange nicht auf dem rechten Fleck stehen. Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse hineinstürmen, als hier stehen bleiben! Aber wenn ich sehe, wie im rasenden Flug, oder sogen wir in der rasenden Flucht nach„vorwärts' das Gemüt zu Schaden kommt, dieses unser größtes Gut, und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen vermag, so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur, zu jenen kleinen patriarchalischen Verhältnissen, in welchen die Menschheit noch am natürlichsten gelebt hat.' An diesem Wendepunkt wurde Rosegger, der VolkserzShler, zum Volkserzieher. Des festen Glaubens, daß in der Landeinsam- keit große Kulturprobleme lägen, erachtete er es als seine �Mission, sie bloßzulegen und dichterisch zu verklären. In allen seinen Schriften offenbart sicb sein Ideal, da« hinweist auf ein arbeitsames, boden« ständiges Volkstum von patriarchalischer Einfachheit. Er will daran nicht gerüttelt wissen.„Aus der Scholle sprießt Kraft für die ganze Welt und Segen für den, der sie berührt." Alle seine besten Romane, voran. Erdsegen',„DaS ewige Licht",„Jakob der Letzte" handeln davon. Man hat den ersteren sogar mit Zola» „Fruchtbarkeit" in Parallele gestellt, weil beide in dem Grund« gedanken übereinstimmen, daß es aus dem Sumpfe der nwderncn Ueberkultur nur einen Weg der Rettung und Genesung gebe: die Rückkehr zur Ackerscholle. Im Roseggerschen Sinne: zur Einfalt, Genügsamkeit, Freude zur Arbeit. Bruderliebe und natürlich« heiteren Auffassung des Lebens— allerdings auch zur ehrbaren Moral und Gottgläubigkeit. Denn auch sie drohe dem steierischen Landvolk abhanden zu gehen. Zwar bemerkt Rosegger die Differenzierung des Bauerntums— wofür er die Steuerlast für Militär und sonst unkulturelle Zwecke des heutigen Staates verantwortlich macht. Aber die Ursachen des bäuerlichen Verfalls lägen doch auch im gesteigerten Luxus, in der Gewinn- und Genußsucht, freilich auch im rückständigen Starrsinn des vom„Welt« gift" angefressenen Landvolkes. Wohl verkennt Rosegger nicht das sozial« Moment. Aber sein Evangelium hat wenig mit dem Welt« sozialiSmus gemein. Daß beispielsweise die einheimischen Landler nach den Städten gehen, will ihm nicht passen. Daß sie es not- gedrungen tun. um aus dem Elend herauszukommen, ja daß sie ein Recht haben auf ökonomische Besserstellung und es fordern, sieht er nicht ein. Aller Einfluß moderner Ideen ist ihm„Weltgist". Gewiß wünscht er. daß auch das Landvolk teilnehme an der Bildung. Aber viel mehr als daß die Bildung dem Hausgebrauch entspreche und die Religion nicht Schaden leide. soll'S nicht sein. In seiner theoreti- scheu Schrift„Mein Himmelreich' äußert sich Rosegger über sein Ideal der Volkserzichung so:„Die Arbeitsleutc sollen eine Berufs- und zeitgemäße Aufklärung erhalten sie haben mitzuarbeiten an dem großen Werk der Kultur und Gesittung, und die mittaten, sollen auch mitraten können aber einS muß ich immer wieder betonen: die ursprünglich ideale Kraft dcsGlaubenS, wo sie noch vorbanden, soll auch bei diesen Leuten nicht der„Auf» klärung" geopfert werden.' Christliche, wenn auch nicht kirchlich approbierte Gottgläubigkeit erscheint Rosegger als das ureigenste Ideal für die Landbevölkerung. Sein Roman„Gottesacker" zeugt davon. — 588 Trotzdem: Roseager ist bisher als Kämpfer aufrecht durchs Leben gegangen. Er hat mit ebenso viel Witz und bissiger Strenge gegen den Klerus Front gemacht, wie er mit heiligem Feuereifer für Menschenverbriiderung und Weltfrieden gestritten. Man darf hier- für seinen bereits vor zwanzig Jahren erschienenen tiroler Aufstands- roman„Peter Mayr. der Wirt an der Mahr' heranziehen. Und wenn dieser auch nur vom eng begrenzten Horizont des guten SteiermärlerS und Oesterreichers beherrscht wird, er ist doch ein wirlsames Protestwerk gegen den Krieg. Aber auch sonst stellte Rosegger seinen Mann._ Furcht, Duck mäuserei. Kriecherei vor feindlichen Gewalten war nie seine Sache. Man blättere daraufhin nur einmal in seinem Versbuch„Mein Lied' I Er mag zutveilen irren und daneben hauen— was er tat und wie er's durchführt, zeugt für den unerschrockenen Mut dieses Mannes. Er glaubt an den Sieg alles Guten. Er sieht auf„auf den Zinnen der Treue, des Rechts, der Bildung. die Fahne des Friedens Wehn". Er sieht„die Völker in Liebe verschlungen und frei'. Er sieht„die Menschen Menschen sein' I Ernst K r e o w S k i. Kleines feuilleton Keplers Mutter. Wohl jeder kennt den Namen Johann Keplers, des großen Astronomen und Mathematikers, viele wissen auch wohl, daß er es war, der der Lehre des KopernikuS über das Welten system zum endgültige» Siege verhalf und der selber die epoche machenden Gesetze über die Bewegung der Planeten fand— den meisten unbekannt dürfte es jedoch sein, daß Kepler monatelang hat kämpfen müssen, um seine eigene Mutter, Katharina, vor dem Scheiterhaufen zu retten, auf dem sie als Hexe den Berbrennungs tod erleiden sollte. Hiermit hatte es folgende Bewandtnis: Katharina Kepler, eine hochbetagte, sehr redselige Frau, hatte sich in den Ruf einer Hexe gebracht, indem sie selber Arzneien und dergleichen anfertigte und diese ihren Mitbürgern fast gewaltsam aufzudrängen suchte. Biel mag auch dazu beigetragen haben, daß sie wegen ihrer Klatschsucht wenig beliebt war und anscheinend manchen persönlichen Feind hatte, wie denn auch in dem 1620 anhängig gemachten Prozeß wegen Zauberei eine starke Boreingenommenheit der betreffenden Amtspersonen gegen die Beschuldigte zutage trat. Die Behörden ihres Wohnortes Leonberg, die daS Verfahren gegen Katharina Kepler eingeleitet hatten, zeigten sich von solcher Parteilichkeit, daß ihnen die Führung des Prozesses abgenommen werden mußte, und er naiv Güglingen in Schwaben überwiesen wurde. Dadurch war aber für die Mutter Keplers nichts gewonnen— dasselbe Spiel wie schon in Leonberg wiederholte sich auch hier, ge setzliche Bestimmungen wurden einfach übergangen, und am 4. Sep tember 1620 erklärte das Gericht, daß zur Erforschung der Wahrheit nur noch Meister Jakob, d. h. der Scharfrichter nötig wäre, oder, mit anderen Worten, daß die der Hexerei Beschuldigte gefoltert werden sollte. Da, in der höchsten Not, erschien ihr Sohn Johannes, der sich damals in Linz aufhielt, in Güglingen, und seinen Bemühungen gelang es schließlich, seiner Mutter bis zur endgültigen Entscheidung mancherlei Erleichterungen zu verschaffen: so durfte sie ihre Zelle mit der Wohnung eines Gefangenenaufsehers vertauschen, blieb aber trotzdem gefesselt und erhielt außerdem noch— und zwar auf ihre Kosten I— zwei Wärter, die die damals Dreiundfiebzigjährige Tag und Nackt bewachen mußten.-Endlich, am 10. September 1621, erkannte die juristische Fakultät zu Tübingen, der die Sache inzwischen übergeben war, dahin:„daß die Katharina Kepler um ihres hohen Alters willen und weil die Beweise gegen sie nicht stark genug seien, zwar nicht wirklich gefoltert, doch wegen der Menge der Änklagegründe durch die Folter geschreckt werden solle." So wurde denn die Greisin in die Folterkammer geführt, ihr dort vom Henker der Gebrauch der Marterwerkzeuge genau erklärt und die Oual, die dadurch verursacht Ivurde, eingehend beschrieben. Zum Schluß wurde sie aufgefordert, doch lieber alle? zu gestehen; allein Katharina Kepler bekannte nichts. Obgleich hierauf sofort der Befehl eintraf, sie— falls die Ihrigen für die Kosten des Berfahrcns aufkämen— sogleich freizulassen, wurde auch dies absichtlich verzögert, bis ihr endlich, am 4. November 1621, die Befreiungsstunde schlug. Vierzehn Monate hatte die Gefangenschast gedauert und etwa vierhundert Gulden hatte der Prozeß an Kosten verschlungen— eine bedeutende Summe für ihren Sohn Johannes, wenn man bedenkt, daß Kepler trotz seines gewaltigen Könnens immer hart mit der Not des Lebens zn kämpfen hatte:— in einem Reime heißt es von ihm: So hoch ist noch kein Sterblicher gestiegen, Wie Kepler stieg. Er starb in Hungersnot. Er wußte nur die Geister zn vergnügen. Drum ließen ihn die Körper ohne Brot! Der Zweck ck, das weibliche Ei Biologisches. d e r� B e f r u ch t u n g. Hat die Besruchsting den zur EntWickelung anzuregen, oder hat sie den, die Eigenschaften zweier Eltern auf die Nachkommen zu über- tragen? Diese Frage ist schon seit langen Jahren Gegenstand ein- gehender wissenschaftlicher Konttoversen gewesen. Die neueren Forschungen von Jacgues Loeb, der Seeigeleier durch Ueber- gießen mit verdünnter Salzsäure zur EntWickelung brachte, schienen die Annahme zu bestätigen, daß der Befruchtung nur der Wert eines chemisch-physikalischen Entwickelungsreizes zukäme. Dem widerspricht freilich die ja über jeden Zweifel erhabene Tatsache, daß die Eigenschaften des VaterS sich auf die Nachkommenschaft uberttagen. Auf einen entgegengesetzten Stand- Punkt hatte sich Aug» st Weismann gestellt, der seine darloinistische Sexualitätstheorie auf die Anschauung gründete, daß durch die Befruchtung zufällige Abweichungen der einzelnen Individuen von der Norm durch Zusammentteffen bei beiden Eltern im Nachkommen verstärkt würden und dadurch eine natürliche Ans- lese geschaffen werde. Der amerikanische Naturwissenschaftler Jenninas hat nun dieser Auffassung eine neue Stütze gegeben durch Untersuchungen an Wimperin fuforien, über deren Ergebnisse er im„The Journal of Erperimental Zoology' berichtet. Die Infusorien können sich auf geschlechtlichem und auf ungeschlechtlichem Wege fortpflanzen. Die gewöhnliche Vermehrung ist die durch Teilung, die eintritt, sobald das Tier eine gewisse Größe überschritten bat. Von Zeit zu Zeit findet aber auch eine Art Vermählung statt, die K o n j u g a t i o n. die darin besteht, daß sich die Tierchen aneinander legen und Kernsubstanz miteinander austauschen. Nach diesem Akt fährt dann jedes mit der Teilung fort. Bon einem männlichen und einem weiblichen Individuum kann hier also noch nicht die Rede sein. Man hat lange Zeit geglaubt, die Konjugation habe die Bedeutung einer Verjüngung. JenningS hat demgegenüber durch das Experiment festgestellt, daß die VermehrungSsähigkeit ganz unabhängig von der Möglichkeit einer Konjugation erhalten bleiben kann, ja daß die Tiere nach der Konjugation sogar gewöhnlich geschwächt find. Auch die ungeschlechtliche Vermehrung bietet nicht die Möglichkeit einer Variierung und damit Anpassung und Höherentwickelung der Art. Die Tiere gleichen immer den Eltern. Erst bei der Konjugatton tritt eine Kombination verschiedener Erbanlagen und so ein Eni- stehen neuer Bariationen ein. Unter Umständen kann dadurch über- Haupt die Erhaltung de? Organismus gewährleistet werden, wenn nämlich die Art unter äußere Bedingungen gelangt ist, bei denen sie nicht hätte fortbestehen können, während einige der neu erzeugten Kombinationen dies vermögen. So hat bei den niedrigsten Lebewesen die Beftuchtung nach der Meinung JenningS allein den Zweck, die Eigenschaften zweier Eltern auf die Nachkommen zu übertragen. Bei höheren Organismen kommt dazu die Aufgabe, die Entwickelung des Eis überhaupt an- zuregen. Beide Wirkungen sind aber dem Wesen nach durchaus ver- schieden, wie sie denn auch getrennt von einander anftteten können. (Loeb-Jennings.), f Astronomisches. Das aufgegriffene Meteor. Es kommt Verhältnis- mäßig selten vor, daß jemand einen Meteoriten gleichsam im Fallen erwischt. Da die Meteorfälle an sich recht häufig sind, so liegt der Hauptgrund dafür ohne Zweifel darin, daß die Meteoriten, ob sie nun aus Eisen oder aus Gestein bestehen, in der weitaus überwiegenden Mehrzahl gar nicht bis zur Erde gelangen. Kleine Meteoriten werden durch die Glut, in die sie durch Reibung mit der Luft geraten, völlig aufgerieben, und große erleiden noch wäh- rend des Fluges aus demselben Grunde oft eine Explosion, die sie bis in staubartige Teilchen zersprengt. Die übrigbleibenden Brocken sind dann zu klein, um noch wahrgenommen zu werden. Bor allem aber ist noch zu berücksichtigen, daß nur wenige Meteoriten so groß sind, daß sie auch bei Tageslicht an ihrem Leuchten zu er- kennen sind. DeS Nachts aber, wenn auch die kleineren Stern- schnuppen sichtbar werden, befinden sich verhältnismäßig wenige Leute im Freien, so daß die Wahrscheinlichkeit, es könnte sich beim Niederfallen eines Meteorsteins gerade jemand in unmittelbarer Nähe befinden, gering ist. In Japan ist es einmal gelungen, eines Meteoriten habhaft zu werden, nachdem er eben zur Erde nieder- gegangen war, und eine Beschreibung dieses Ereignisses steht in den Denkschriften des wissenschaftlichen Kollegiums der Universität Kioto. Es war etwa V* Stunde nach Sonnenaufgang, als ein Landmann vom Dorf Okano in der Provinz Tamba eine weiße glühende Masse vom Himmel herabkommen und zu Boden fallen sah. Er ging auf die Stelle zu und fand dort einen Stein, der wie ein Eisenblock mit einer langen Spitze nach oben aussah und sich 80 Zentimeter tief in die Erde eingebohrt hatte. Sachverstän- dige erkannten in der Masse sofort einen Meteoriten, der nun einer genauen Untersuchung ausgeliefert wurde. Seine chemische Zu- sammensetzung ergab sich zu rund 9ö Proz. Eisen, 4J4 Nickel, Kobalt, etwas Phosphor und Kupfer in Spuren. Da diese Elemente zu Nickeleisen und Phosphornickeleisen zusammentreten, so würden die Ziffern bedeuten, daß der kleine Himmelskörper zu 98,5 Proz. aus Nickeleisen und zu Ich aus Phosphornickeleisen be- tand. Diese Zusammensetzung�ift die gewöhnliche beim sogenann- ten Meteoreisen. Ein anderes Stück, das früher auf ähnliche Weise erbeutet wurde, enthielt 98,7 Nickeleisen. Die Uebereinstimmung ist also eine sehr große. rantw. Redakteur: Alfred Wielepp, Neukölln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckeret u.VerlagSanstattPaul Singer LcEo., Berlin LW.