UnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 157. Donnerstag, den 14. August. 1913 Kämpfen wir immer voran! Von dem raschen Wachstum und der Immer gewaltiger wer- denken Ausbreitung der sozialistischen Ideen liefert jeder Tag neue Beispiel«. Auf allen Gebieten regt sich's und drängt nach vorwärts. Die Morgendämmerung zu einem schönen Tage zieht mit Macht herauf, kämpfen und streben wir also immer voran, unbekümmert darum,„wo" und„wann" die Grenzpfähle für eine neue, bessere Zeit für die Menschheit eingeschlagen werden. Und fallen wir im Laufe dieses großen, die Menschheit befreienden Kampfes, so treten die uns Nachstrebenden für uns ein. Wir fallen in dem Bewußt- fein, unsere Schuldigkeit als Mensch getan zu haben, und in der Ueberzeugung, daß das Ziel erreicht wird, wie immer die dem Fort- schritt der Menschheit feindlichen Mächte sich dagegen wehren und sträuben mögen. Dem Sozialismus gehört die Zukunft. August Bebel, 17j Sin IVlann. Von C a m i l le Lemonnier. Nun begann sie die Neugier zu plagen. Der Bursche er- schien ihr in einem ganK neuartigen Lichte, seine schlauen Schliche erhöhten ihn in ihren Augen. Es war, als riefe er sie sachte zu sich, in seinen stolzen Zügen lag die listige Unter- würfigkeit der Liebe. „Wirklich," sagte sie.„einen Bart hast Du?" Hätte sie sich freimachen können, so wäre sie ihm äugen- blicklich gefolgt. Doch zu diesem Zwecke hätte sie erst aller er- denklichen Ausreden bedurft, und ihr fiel keine einzige ein. Aber eine Möglichkeit gäbe's vielleicht doch! Sie würde ihren Leuten sagen, daß sie die alte Cougnole aufsuck>en wolle. Das war eine arme Frau, die am Rande des Waldes wohnte und kümmerlich ihr Leben fristete. Die Pächtcrin hatte sie bei Lebzeiten unterstützt, und der Pächter setzte das gute Werk seiner Gattin fort. Die Alte wohnte un- gefähr eine halbe Stunde vom Gute entfernt. „Hör' mal," sprach sie hastig,„in zwei Stunden gehe ich zur Cougnole. Erwart' mich unterwegs I" Aus einem Strohbllndel, wenige Schritte von ihr, drang ein herzlzoftes Gähnen, und fast in demselben Augenblick klapperten Holzschuhe über das Hofpflaster. Das Gesinde wachte langsam auf. Sie entzog ihm ihre Hand und ließ sich vom Leiterwagen hinabgleiten. „Topp, in zwei Stunden," rief Cachaprds und rannte spornstreichs davon. 16. Er begann wieder im Walde herumzustreichen. Die Er- Wartung peinigte ihn wie schmerzhafte Nadelstiche unter der Haut. Diesmal würden sie endlich allein sein! Bisweilen warf er sich in seiner fürchterlichen Ungeduld der Länge nach auf den Boden, wobei er unzählige Male gähnte und seine Handgelenke verdehnte und verrenkte. Dann wieder wanderte er mit Riesenschritten vor sich hin. Die ganze Nacht hatte er sich in Sehnsucht nach ihr der- zehrt. Bis zur Runde des Nachtwächters war er. von Schenke zu Schenke wandernd, im Dorfe geblieben und hatte sich mit Bier zu betäuben versucht. Nachdem die Wirtshäuser ge- schlössen worden waren, hatte er den Wald ausgesucht. Der kühlende Mondenschein badete die überhitzten Fluren in seinen bläulichen Wellen. Doch der tiefe Friede der Natur vermochte seinen Sinnen nicht die erhoffte Beschwichtigung zu spenden. Er trug in sich die Erinnerung an Germainens warmen Leib, den er auf dem schmalen, bergigen Pfad so dicht neben sich gefühlt. Ein wenig von dem Dufte ihres Haares war an seinem Aermel haften geblieben, und noch lange be- rauschte er sich daran, bis ihm beinahe die Sinne schwanden. Was half ihm, daß er bis nun sich über alle Mädchen lustig gemacht hattet Nun hatte er sich doch in einem Netze ge- fangen und war ernstlich verliebt: er empfand es fast wie eine tiefe Erniedrigung. Seine ungestüme Leidenschaft entzündete ihm das Blut in den Adern wie eine schwere Krankheit, die den ganzen Körper verheert. Er stöhnte, grub sich die Nägel ins Fleisch, um dessen Aufruhr zu unterdrücken, und heisere Schreie von wilder Sehnsticht und Schmerz drangen zwischen seinen knirschenden Zähnen hervor.„Gerinaine, Germaine," ächzte er. Er breitete seine Arme in die finstere Nacht, um sie an sich zu reißen. Seine Hände schlugen an die Bäume. Bei Tagesanbruch war er dann in den Wwld gewandert. Der erste Sonnenstrahl hatte sein verzerrtes Antlitz gestreift. Als sich ein leises Lüftchen erhob, das den Morgen in die Bäunie hauchte, hatte er sich weinend ins Gras geworfen und mit den Zähnen in die Erde gebissen. Dann war er von Müdigkeit übermannt und schwächer als ein neugeborenes Kind geworden. Er schloß die Augen. Um ihn herum ward es Tag: er schlief bis in den hellen Mittag hinein. » Es war also wirklich wahr, daß sie kommen würde, daß sie ihm ein Stelldichein gegeben? Ganz laut wiederholte er sich ihre Worte:„Erwarte mich unterwegs!" und er wartete lauernd, wie ein Wolf, der um die Schafhürde streicht. Die Cougnole hauste in einer Hütte an der Chaussee, die den„Eichenwald" durchschnitt. Etwa sechs Hektar Ackerland waren hier dem Boden abgerungen, der zu einem Pachthofe gehörte. Den bewohnte der Pächter Brichard mit seiner Frau und zwei Söhnen. Drei Bauernhäuser, darunter ztvei Schenken, lagen etwas weiter vom Hofe entfernt. Dann kam die Hütte der Cougnole mit ihrem windschiefen, weitüber- hängenden Schindeldachc. An der Rückseite des Häuschens lag ein winziges, viereckiges von einer dichten Hecke um- gebenes Gärtchen, und gleich darnach begann der Wald. Jeden Moment trat Cachaprös aus dem Dickicht hervor, stellte sich auf der Straße aus und spähte, die Augen mit der Hand beschattend. Zwischen den langen Reihen der Bäume verlor sich die gepflasterte Chaussee iu Einsamkeit und Oede. Nicht ein einziges, dunkles Pünktchen, das das Nahen eines Wanderers ankündigte! Ihm schien's, als wären die zwei Stunden schon längst vorüber. Einen Augenblick überkam ihn eine guälende Befürch- tung. Wie, wenn sie überchaupt nicht käme! Wenn sie ihn nur narren wollte? Das Herz krampfte sich ihm zusamnien. seine Fäuste ballten sich: da zuckte er Plötzlich zusammen: Ger- mainens Gestalt tauchte in der Ferne auf. Er warf sich wieder ins Gehölz zurück und rannte ihr wie besessen durchs Dickicht entgegeu. Dann aber besann er sich und begann, gerade ehe er auf sie stieß, gemächlich zu schlendern, die Hände in den Hosentaschen und mit gleichgültiger Miene ein Liedchen pfeifend. Ihr hing ein Korb am Arme, der einen Schinken, einen Laib Brot und Kartoffeln enthielt. Ihr Gesicht war hochrot übergössen. Sie erzählte, wie sehr sie sich geeilt habe, stockte dann plötzlich verlegen und begann hierauf mit einem Schwall von Worten die Geschichte der Cougnole zu erzählen. Seit zwei Jahren sei diese verwitwet. Ihr Mann hatte drei Sommer lang auf dem Pachthofe bei der Ernte mitgeholfen: er war ziemlich einfältigen Geistes, und es ging das Gerücht über ihn, daß er daheim nicht viel dreinzureden hätte. Uebrigens war die Cougnole nicht gerade bösartig zu nennen. Aber immerhin hatte sie manch merkwürdige Dinge auf dem Kerbholz. Und dabei lächelte sie und sah ihn von der Seite an. Er nickte nur mechanisch mit dem 5tovfe. seine Ge- danken weilten anderwärts. Sie fuhr fort: „Schließlich ist das nicht unsere Sache. Sie kann tnn, was ihr beliebt. Das wär' kein Grund, die arme Frau ver- hungern zu lassen. Und so kommt sie immer zu uns auf den Hof, wenn sie nicht gerode ihre Gicht hat. und man schenkt ihr etwas: wenn sie aber nicht kommt, dann merkt man eben, daß sie krank ist, und dann komm' ich zu ihr." Er erwiderte nichts. Dieses Schweigen steigerte ihre Be- fangenheit. Sie wollte reden, nur um zu reden und sich nicht anmerken zu lassen, daß sie seiner Zerstreutheit inne geworden fei: aticr sie verwirrke sich in iÜren Worten und wiederholte zum Schlüsse immer dieselben Tinnc. So näherten sie sich der Hütte. „Warte hier auf mich. Ich packe blosi meinen Korb aus tmd komm' gleich wieder zurück." Sie beschleunigte ihren Schritt und lieh ihn auf der Straße stehen! er sah sie die Türe öfsnen: fast unmittelbar uach ihr erschien eine hagere sskrauengestalt aus der. Schwelle und winkte ihm, näherzutreten. Aber da er nicht ganz sicher war, ob er recht gesehen habe, blieb er unbeweglich stehen. Da stellte sich die Frau breitspurig auf die Chaussee und machte diesmal deutliche Zeichen mit den Armen, daß er kommen solle. „Schau, schau," sagte er zu sich,„die Cougnole ruft mich! Vielleicht meint sie's gut mit mir." In Erinnerung an die verschiedenartigen Metiers der Alten tauchte in ihm der Gedanke auf, daß sie ihnen vielleicht für ihre Liebe dienlich sein könne. Er erwiderte die Auf- sorderung, indem er seinen Hut in der Lust schwenkte. Und laugsam näherte er sich ihrer Behausung. „Bist du mit Gcrmaine gekommen?" fragte sie.„Warum kommst du nicht herein? TaS Haus steht ihr und allen, die sie gern hat, zu Verfügung." Ilm den 5topf hatte sie einen Wischlappen gewunden, dar- aus einzelne graue Haarbüschel hervorguollen: mit ihren schielenden Augen warf sie ihm bedeutsame Blicke zu. Ihr langes, hageres Knochengestell bewegte sich lebhast unter dem sauberen, aber vielfach geflickten Gewand. Ihre Haut war gelblich und rissig wie bei allen im Walde hausenden Menschen. DaS Gesicht des Burschen schien in ihr eine Erinnerung wachzurufen. Nachdenklich betrachtete sie ihn. ,,Ich muß dich schon einmal gesehen haben. So sicher, wie du da stehst____ Aber wenn ich nur wüßt', wann und wo?" Plötzlich schlug sie sich mit der flachen Hand auf die Schenkel und rief aus, daß sie ihn unter Tausenden wieder- erkannt habe» würde, er sei niemand anderer als Eachaprds, man habe ihn ihr einmal in einem Wirtshause in einem Torfe gezeigt, lind sie nannte auch den Namen des Wirtes. Er kannte ihn. Jawohl, er habe dort eine» guten Bekannten in der Nähe. Und er schmunzelte. Tic Alte behauptete, daß es auf der ganzen Welt keinen schöneren und kühneren Bur- scheu gäbe und schloß: „Tein Liebster ist ein Prachtkerl, Gcrmaine!" Sie hatte den Korb auf den Tisch gestellt. Ter Reihe nach bolte Gcrmaine Schinken, Brot und Kartoffeln hervor. Bei jedem neuen Gegenstände brach die Alte in Ausrufe des Entzückens aus und schlug die Hände überm Kopfe zusammen. „Du lieber Himmel! Kindchen, an alles hast du gedacht! Tie heilige Jungfrau lohne dir's in dieser und der anderen Welt! So wird die alte Cougnole also nicht Hungers zu sterben brauchen! Kind Gottes! mein Wort, noch heut' abend geh' ich in die Kapelle und bete zu allen Heiligen für dein Seelenheil!— Sogar an die Kartoffeln hast du gedacht!— Himmlische Jungfrau!— Jetzt fehlt mir gar nichts mehr, höchstens vielleicht ein Kleidchen, io ganz ein abgetragenes Kleidchen, das niemand mehr anziehen will. Nein, meiner Treu, gar nichts anderes sonst! Tann will ick ruhig mein Ende erwarten und dich preisen als das schönste und beste Mädchen, das existiert.— Ein bißchen Kirschwasser tät' mir vielleicht auch gut. Manches Mal Hab' ich so einen merk- würdigen Krampf im Magen, als ob er platzen wollt'. Tas tät' mir sicherlich gut! Tu gütiger Gott! Wer anders als Germainc könnt' mir solch eine Wohltat erweisen?— Aber, sie kann doch nickst alles wissen, nein, sie weiß auch gewiß nicht, daß so ein ganz ein klein bißchen Geld einer armen, alten Frau wie mir ein Segen wäre!" >�orisepli»g folgt.) Huq meinem Leben. Persönliches. Bon?l u g u st Bebel. Für einen Mann, der im öffentlichen Leben mit einer Welt von Gegnern im Kamvfe liegt, ist es nicht gleichgültig, wes Geistes Kind die Frau ist, die an seiner Seite siebt. Je nachdem kann sie eine Stütze und eine Förderin seiner Bestrebungen oocr ein Bleigewicht und ein Hemmnis für denselben sein. Ich bin glück- lich, sagen zu können, die meine gehört zu der crstercn Klasse. Meine Frau war die Tochter eineS Bodenarbeit�rS an der Leipzig» Magdeburger Bahn, der schon gestorben war, als ich sie kennen lernte. Meine Braut war Arbeiterin in einem Leipziger Putz- umrengeschäft. Wir verlobten uns im Herbst 1864, kurz vor dem Tot« ihrer braven Mutta:, und heirateten im Frühjahr 1866. Ich habe meine Ehe nie zu bereuen gehabt. Eine liebevollere, hin- gebcndere, allezeit opferbereitere Frau hätte ich nicht finden können. Leistete ich,>vas ich geleistet habe, so war dieses in erster Linie nur durch ihre unermüdliche Pflege und Hilfsbereitschaft möglich. Und sie hat viele schwere Tage, Monate und Jahre zu durchkosten gehabt, bis ihr endlich die Sonne ruhigerer Zeiten schien. Eine Quelle des Glücks und ein Trost in ihren schweren Stunden wurde ihr unsere im Januar 1869 geborene Tochter, mit deren Geburt ein amüsanter Vorgang verknüpft ist. Am Vor- mittag dq| betreffenden Tages saß ich in der Stube vor meinem Schreibtisch und wartete in großer Aufregung auf das erhoffte Ereignis, als an der Tür geklopft wurde und auf meinen Herein- ruf ein Herr in die Stube trat, der sich als Rechtsanwalt Albert Träger vorstellte. Trägers Name war mir bereits durch seine in der Gartenlaube veröffentlichten Gedichte und seine öffentliche Tätigkeit bekannt. Nach unserer Begrüßung äußerte Träger vcr- wundert:„Sic sind ja noch ein junger Mann, ich glaubte, Sie seien ein älterer, behäbiger Herr, der sein Geschäft an den Nagel gehangen hat und die Politik zu seinem Vergnügen treibt." Ich stand in der üblichen grünen Drechslerschürze vor ihm und nnt- wartete lächelnd:„Wie Sie sehen, sind Sie im Irrtum I" Wir unterhielten uns dann, bis ich in der Nebenstube den erwarteten Kinderschrei hörte. Jetzt gab's für mich kein Halten mehr. Mit wenigen Worten klärte ich Träger über die Situation auf, worauf er mir herzlich gratulierte und sich entfernte. Einige Jahre später kam Träger ebenfalls in den Reichstag, und so wurde» wir Kollegen und blieben, trotz unserer prinzipiell verschiedenen Stand- punkte, gute Freunde. Meine Stellung in der Arbeiterbewegung wie mejne Vcr« lobung ließen mir meine dauernde Niederlassung in Leipzig wünsch- bar erscheinen. Sachsen hatte zwar im Jahre 1863 die Gewcrbe- freiheit eingeführt, aber wer sie als„Ausländer" benutzen wollte, und das war jeder Nichtsachse, mußte die sächsische Naturalisation erwerben. Das kostete oamals viel Geld, denn gleichzeitig mußte man sich auch in einer Gemeinde einbürgern lassen. Zur Selb- ftändigmachung und zur Naturalisation fehlten mir aber die Mittel. Tie letztere erforderte mit dem Bürgerwerden in Leipzig zirka 156 Taler, und was ich von Hause erwarten konnte, waren zirka 356 Taler. Uncrwartelcrweise wurde ich zur Selbständig- machung gezwungen, indem mir mein Meister Ende 1863 unter der Vorgabe, er habe keine Arbeit mehr für mich, kündigte. In Wahrheit kündigte er mir, weil er gehört, ich wolle mich selb- ständig machen. Er wollte sich also einen Konkurrenten vom Leibe halten. Ich reiste darauf nach Wetzlar und holte, was an Geld flüssig zu machen war. Ich mietete dann ein Werkstattlokol mitten in der Stadt, im Hofe eines Kaufhauses, das eben aus einem Pferdestall in einen Arbeitsraum umgewandelt worden war. Das Lokal war so primitiv, daß es noch keine Kaminanlage hatte, und ich bis zur Fertigstellung derselben, wider alle polizeiliche Vor- schrift, mein Ofenrohr durch das Fenster in den Hof leiten mußte. Dasselbe Lokal mußte mir auch, da meine geringen Mittel wie Buttxr an der Tonne zusammengeschmolzen waren, als Schlaf- räum dienen, wobei ich in den kalten Winiernächten jämmerlich fror. Um die Naturalisation einstweilen zu umgehen, hatte ich mein Geschäft unter der Firma eines befreundeten Bürgers er- öffnet, bis ich im Frühjahr 1866, um heiraten zu können, auch die Naturalisation mit Schuldcnmachcn unternahm. Zwei Jahre später wären mir viele Kosten infolge der Gesetzgebung des Nord- deutschen Bundes erspart geblieben. Ich begann mein Geschäft im kleinsten Maßstab, mit Hilfe eines Lehrlings. Anfangs arbeitete ich wiederholt Tag und Nacht durch, das heißt sechsunddreißig Stunden hintereinander, um die bestellte Arbeit liefern zu können. Nach einigen Monaten vermochte ich einen Gehilfen einzustellen. Als ich aber im Februar 1867 in den Reichstag gewählt worden war und nun während meiner Ab- Wesenheit meinem Gehilfen Einblicke in das Geschäft gewähren mußte, die er sonst nicht erlangte, kündigte er mir nach meiner Rückkunft und machte sich selbständig. Als ich später diesen Vor- gaiig einem ineiner ehemaligen Kollegen erzählte, meinte dieser trocken:„Tas geschieht dir recht, warum zahltest du einen Lobn, bei dem er sich Geld sparen konnte." Dieser„horrende Lohn" be- trug damals 4!'- Taler pro Woche, er war um einen halben Taler hök.er als in jeder anderen Werkstatt, auch währte bei mir die Arbeitszeit täglich zehn Stunden, anderwärts elf. Im übrigen lernte ich das Elend des Kleinmeisters gründlich kennen. Die gelieferten Waren mußten auf längeren Kredit ge- geben werden, Lohn für Gehilfe und Lehrling, Spesen und der eigene Lebensunterhalt erforderten aber täglich Und wöchentlich Ausgaben. Woher das Geld nehmen? Ich lieferte also einem Kaufmann meine Ware gegen Barzahlung zu einem Preis, der nur wenig höher als die Selbstkosten war. Holte ich mir aber am Samstag mein Geld, so erhielt ich lauter schmutzige Papierscheine, von denen damals Leipzig durch seinen Verkehr mit den thürin- gischcn Kleinstaaten überflutet wurde. Jeder dieser kleinen Staaten nutzte sein Münzrecht gründlich aus und überschwemmte mit Papiergeld den.Markt. Aber dasselbe wurde allgemein ge- geben und genommen und galt als Verkchrsgeld. Daneben erhielt ich aber auch öfter Coupons irgendeines industriellen Unter- nebmens, die noch nicht fällig waren, oder Dukaten, die der Mani- cbäcr derart beschnitten hatte, daß ich statt 3 Taler 5 Groschen, wie sie mir angerechnet wurden, beim Bankier, bei dem ich sie wechseln mußte, oft nur 3 Taler und weniger erhielt. Aehnlich ging es mit den Coupons. Ich war über diese ZnhlungSwcise wütend, aber was wollte ich mache»? Ich ballte die Faust in der Tasche und lieferte die nächste Woche wieder Ware und holte mir die gleiche Zahlung, denn ich brauchte um jeden Preis bares Geld. Meine öffentliche Tätigkeit brachte allmählich das Unter- uehmertum gegen mich auf. Man verweigerte, mir Aufträge zu geben. Das war der Boykott. Wäre es mir nicht gelungen, außer- halb Leipzigs in anderen Städten einen kleinen Kundenkreis auf meine Artikel(Tür- und Fenstergriffe aus Büffelhorn) zu er- werben, ich wäre Ende der sechziger Jahre zum Bankrott gc- zwungen worden. Schlimm ging es mir während der Kriegszcit 1870/71, in der an sich schon die Arbeit stockte. Als ich dann im Winter 1870/71 mit Liebknecht und Hcpner in eine hundertzwei- tägige Untersuchungshaft genommen wurde, mußte mir meine Frau eines Tages die Mitteilung zugehen lassen, daß kein Stück Arbeit mehr verlangt werde, wohl aber muhten wöchentlich Gehilfe und Lehrling bezahlt werden. Das war eine bitterböse Situation. Doch sie wendete sich balo zum Besseren. Mit dem Friedensschluß begann die Prospcritätsepoche, die bis zum Jahre 1874 währte. Die Bestellungen kamen jetzt ungerufen ins Haus, die Kunden waren froh, wenn sie bedient wurden. Als ich daher im Frühjahr 1872 mit Liebknecht meine zweiundzwanzigmonatige Festungshaft in Hubertusbcrg antrat, der für mich noch neun Monate Gefängnis folgten, konnte ich das Geschäft mit einem Wcrkführer, sechs Ge- Hilfen und zwei Lehrlingen zurücklassen. Seide gesponnen wurde freilich nicht, obgleich meine Frau tüchtig auf dem Posten war. Die Gcschäftskorrespondcnz führte ich von der Festung beziehungs- weise aus dem Gefängnis. Schlimm wurde es wieder, als 1874 mit dem Krach gleichzeitig meine Artikel durch Konkurrenten der fabrikmäßigen Herstellung verfielen, und zwar zu Preisen, bei denen ich mit dem Handbetrieb unmöglich mehr konkurrieren konnte. Ich dachte schon daran, das Geschäft aufzugeben und in eine Partcistellung zu treten, da wollte der Zufall, daß ich in der Person eines Parteigenossen, des Kaufmanns Ferd. Jßleib in Berka a. W., einen Associe fand, der neben den materiellen Mitteln die nötigen kaufmännischen Kenntnisse besaß und sehr bald auch in anerkennenswerter Weise die nötigen technischen Kenntnisse sich aneignete. Im Herbst 1870 bezogen wir eine kleine Fabrik mit Dampfbetrieb, in der jetzt auch die Herstellung der betreffenden Artikel aus Bronze vorgenommen wurde, in denen wir bald einen guten Ruf erlangten. Anfangs hatten wir schwer zu kämpfen, denn noch wütete die Krise. Meine Haupttätigkeit wurde nunmehr, die Kunden aufzusuchen und die Geschäftsreisen zu unternehmen, durch die ich später, unter dem Sozialistengesetz, der Partei die größten Dienste leisten konnte. Nachdem ich dann 1881 auf Grund des sogenannten kleinen Belagerungszustandes aus Leipzig aus- gewiesen worden war, und diese Ausweisung von Jahr zu Jahr erneuert wurde, ich auch zwischendurch wieder Bekanntschaft mit den Gefängnissen gemacht hatte, löste ich im Herbst 1884 das Associe- Verhältnis und trat in die Stellung eines Reisenden für das Ge- schüft. Ich glaubte es meinem stets opferbereiten Associe gegen- über nicht mehr verantworten zu können, an dem mätzigen Nutzen eines Unternehmens teilzunehmen, für das er die Sorge und die Hauptarbeit zu tragen hatte. Außerdem wurde ich durch meine dauernde Entfernung von Leipzig dem inneren Gange des Ge- schäfts immer mehr entfremdet. So legte ich 1889 auch die Stelle des Reisenden nieder und widmete mich von jetzt ab ganz der Schriststellerei, durch die ich in dauernde geschäftliche Bezie- Hungen zu meinem Freunde Heinrich Dictz in Stuttgart kani. Ich habe weiter oben bemerkt, daß man sich öfter ein ganz anderes Bild von meiner Persönlichkeit machte. Darüber amü- sicrten wir— mein Associe und ich— uns wiederholt. Jener entsprach im äußeren ganz der Vorstellung, die man sich von mir machte. Er war ein großer, starker Mann, der rotes Haar und einen roten Bart hatte, der bis auf die Brust wallte. Da kam «S denn vor, daß wenn jemand aufs Kontor kam, um mich zu sprechen, mich aber Nicht persönlich kannte, er sich an meinet« Associe wandte. Diese Verwechslung machte uns stets großes Ve» gnügcn. Sehr heiter stimmte mich auch, als ich eines Tages auf einer Geschäftsreise in Tübingen war und ich mich in einer Wein- Wirtschaft mit einigen Bekannten verabschiedete, hinter mir ein Tübinger Bürger im reinsten Schwäbisch verwundert äußertet „Was? Der kloine Ma ischt d'r Bebel?"— Aehnliches erlebte ich öfter. Auch kam es in früheren Jahren nicht selten vor, daß auf der Eisenbahn Reisegefährten sich über mich unterhielten, ohne zu ahnen, daß ich mitten unter ihnen saß und still zuhörte. Es waren manchmal rechte Räubergeschichten, die ich anzuhören bekam. Und nicht nur erzählte man sich„Räubergeschichten" von mir, man sah mich in weiten Kreisen auch für eine Art„Räuberhaupt- mann" an, für einen Menschen, der alles ruinieren wolle, eine Vorstellung, zu der di: Schilderungen der gegnerischen Presse nicht wenig beitrugen. Wie oft mußte ich nach einer Gesellschaft, die ich besucht hatte, hören, daß man sich verwundert geäußert habe: „Der Bebel ist ja ein ganz anständiger Mensch." Das mußte ich als ein Kompliment ansehen. IIotentan2. Von Anna Croissant-Nust. I n d u st r i a. Dicker, schwarzer Qualm zeigt stundenweit die Stelle, wo die große Fabrikstadt liegt. Drohend, wie eine gewitterschwangcre Wolke, hängt der Rauch der unzähligen Kamine über den Dächern. Man sieht nicht Haus, nicht Baum, nicht Feld. Weithin pfaucht der Atem des Riesenungeheuers Industrie, das die Stadt unter seinen Krallen geknechtet hält. Sein giftiger Atem versengt die Knospen, kein Baum trägt Früchte, keine Blume entfaltet sich ganz, verkrüppelt, und halb welk hängt sie am Stengel. Unter der Sommersonne ballt sich der Dunst und verhängt den blauen Himmel mit Grau. Und in das Grau hinein wehen die Schlote mit langen, weichen, schlvarzen Fahnen. Der Sand der Ebene glüht; aus den heißen, engen Straßen, aus den schmutzigen Arbeitervierteln, den Riesenbauten der Fa- briken, steigt träg und faulig ein Dunst der Verwesung in die Höhe. Matt und unlustig sind die Menschen in der großen Arbeiter- stadt, ihre Farbe ist bleich, und ihre Augen sind trüb. Ein Hämmern und Pochen, ein Knarren und Rasseln, ein Pfeifen und Stampfen und Dröhnen, ein Pfauchen und Pusten und Zischen erfüllt die Luft, aus den Tiefen der Fabriken grollt gebieterisch eine unerbittliche Gewalt, die herrscht und die die Nacken beugt. Ruhig fließt der mächtige Strom in der Sonncnglut. Das leichte Gegitter der Brücke scheint in der erhitzten Luft zu� zittern. Kein Baum und kein Strauch säumt das Ufer. Schwarze Schicnen- gleise laufen nebenher, an den mächtigen Quaderbnuten der Quais vorbei, vorbei an den plunipen Lagerhäusern, die faul und breit hingestreckt daliegen. Schwere Frachtschiffe und dunkle, große Nachen liegen fest verankert davor; den ganzen Strom hinunter streckt sich. zu beiden Seiten das wirre Gerippe großer und kleinerer Masten in die Höhe. Ein kleines Schiff mit weißem Segel kreuzt in der Ferne, die Kähne der großen Schiffe, die im Hafen schlafen, schaukeln leise. Mächtige Dampfer kommen angefahren, majestä- tisch, wie Nicsenwasscrvögcl; die Wellen steigen hoch auf mit weißem Gischt an ihrer stolzen weißen Brust. Im weiten Bogen ziehen sie übers Wasser und legen sich still nieder, lautlos, wie Wasser- Vögel sich ins Röhricht legen. Mit bläulichen elektrischen Sonnen schmückt der Abend die Ufer. Hunderte von zitternden, schimmernden Lichtstreifcn glänzen im Strom, der dunkel fließt, träg und schwer wie geschmolzenes Blei. Tausende von hellen Vierecken unregelmäßig,«taunisch durcheinandergeworfen, so tupfen die Fenster der hohen Häuscrkomplexe das Dunkel. Das Ungeheuer schläft; nur noch leise pfaucht sein Hauch, nur gedämpft klingt noch sein Rasseln und Stöhnen. Wie leichte Herbstnebel zieht der Rauch über die Ebene, tot stehen die vielen Kamine, nur eine große, wilde braunrote Flamme lodert aus dem hohen Dach eines Fabrikgebäudes wie eine Dro- hung in die Nacht. Die Arbeiter in den niederen, hallcnartigcn Räumen sind in Schweiß gebadet. Den ganzen Tag hat die— onne aus dem Dach gebrütet und sie schlaff gemacht, nun in der schwülen Nacht schlep- pen sie sich stumpf hin unter der Bürde schlafloser Stunden in der erdrückenden Luft. Maschine reiht sich an Maschine. Es ist ein dumpfes Stampfen, ein hastiges Schieben und Keuchen, ein immerwährendes Auf und Nieder der schweren Kolben ringsum« die Räder drehen sich mit leisem Pfeifen, und kleine Lichtes hüpfen und sprühen aus den blinkenden Metallzhlindern und Stangen im Widerschein der elektrischen Lampen. Von der Decke tönt das wirre Gesumme der vielen kleinen Räder, der ganze Raum ist erfüllt von dem Sausen der Transmissionen, dem Surren der Riemen. Müd« und schwer sieden die Arbeiter auf ihrem Posten. Riesenhafte, graue Schatten schlüpfen an den Wänden hin, huschen über die Decke, winden sich durch da? Gewirr der Seile und Bänder. Wie huschende Gespenster sehen sie miS, wenn eine der großen Lampen jäh aufzuckt. Sie verkriechen sich, sie springen über den Boden, si: tanzen auf dem sausenden Schwungrad der Dampfmaschine, das mit zurückgehaltenem Getöse- seine mächtige» Speichen dreht, sie schnellen sich hoch hinauf und wirbeln an den Wänden wieder herab. Wird nicht plöhlich das Stait pfcn der Maschine eiliger? Rennen nicht die Riemen, sich immer mehr überhastend? Sieht e? keiner? Müd und schwer stehen die Arbeiter auf ihrem Posten. Droben zwischen den Riemen der großen Dampfmaschine vcr- schwindet ein Schatten. Ieht taucht er wieder auf. Dort über dem großen Rad. Unbeweglich hält er dort, lauernd. Langt nicht eine Hand blitzschnell in das Getriebe? Schneller, immer schneller drehen sich die Räder, lauter immer lauter knirscht das gequälte Metall, wilder, immer wilder rasen die Riemen im verrückten, Wahnsinnigen Hin und Her. Das Sausen und Zischen und Grollen in der Halle wächst zum Getöse, Feuerregen stieben aus dem wütenden Stahl. Ein Angstgeschrei erwacht und erstirbt im starren Entsetzen, das alle lähmt. Be- Wegungslos stieren sie nach dem Hexentanzc, der inimcr gräßlicher wird. Das sind keine Maschinen mehr, keine toten Masien, lebende, wildgewordcne, blutdürstige Geschöpfe sinVs, die brüllend und stöhnend und keuchend sich freizumachen suchen, um denen Vernichtung zu bringen, die sie knechteten. Sie zerreißen ihre Fesseln, sie werden frei, sie kommen! Droben in dem Riemenwerk kichert's und grinst's. Ein Hohn- fchrei gellt in das Stöhnen der wütenden Bestien. Einer der tarren Menschen stürzt vorwärts, stürzt zu dem großen, sausenden Schwungrad— will retten— eine knöcherne Hand schießt blitz- schnell herunter, faßt ihn. ein Ruck— hoch fliegt er im Bogen gegen das Gebälk der Decke, zurück, und wieder wird er aufge- fangen von den Knochenarmen und wieder in die Höhe geschleudert, wieder geborgen und wieder gegen die Eisenrippen des Daches ge- schnellt. Dann sinkt die unförmliche Masse mit dumpfem Klatschen ?ur Erde. Der droben biegt sich vor, sieht noch einmal grinsend n den Hexensabbat, nickt und gibt dem mächtigen Rad einen Fußtritt— ein Krach! alles steht still. Wie ein Spuk ist's ver- flogen, mit einem tiefen Seufzer haucht die Dampfmaschine den letzten, hastig hervorgestoßenen?ltem aus. Totenstille— die kleinen Bestien kuschen sich vor ihrem Herrn und Meister. Kleines feuUleton. Physiologisches. D i e Aufnahme von Eisen durch den OrganiS- m u S. Gewiss« Krankheiten beruhen oder offenbaren sich in einem mangelhaften Gehalt der Organe an Salzen. So ist der Kalk, dessen Fehlen das Knochenwachstum beeinträchtigt, und das Eisen, das in Beziehungen zur Bleichsucht steht. Von altersher sucht man letz- teren Mangel abzuhelfen durch die Zuführung von eisenhaltigen Tropfen, Pillen, Wässern und dergl. mehr. Diese Behandlung wurde aber vor nicht allzu langer Zeit von zahlreichen Forschern für mitzlos erklärt, da die natürlichen anorganischen Eisenpräpa- rate nicht vom Organismus verdaut werden sollten, mithin gar nichts zum Ersätze beitragen konnten. Es wurde» daher in die Therapie jene zahllosen organischen Eisenpräparate eingeführt, die das Eisen an einem Eiweitzstoff gebunden enthielten, also gewisser- maßen den Substanzen glichen, mit denen im Blute das Eisen zu Hämoglobin sich verbindet. Nun hat sich aber in neuester Zeit ein Umschwung in den Anschauungen über die Art der Aufnahme und Anpassung der Nahrung im lebenden Organismus vollzogen. Man Weiß jetzt, daß die Eiwcißkörpcr einen verwickelten Umbildungs- prozetz durchmachen müssen, ehe sie die verloren gegangenen Bau- steine des Körp?ts zu ersetzen imswnde sind. Die Eiweißsubstanzen Werden bis zu fast anorganischen Säuren, den Aminosäuren, abgebaut, um erst dann wieder zu einem körpereigenen Eiweiß auf synthetischem Wege zurückvcrwandclt zu werden. Der Entdecker dieser fundamentalen Tatsache, der Hallenser Physiologe Professor Abderhalden, dehnt« neuerdings seine Untersuchungen auch auf die in der Nahrung enthaltenen, zunächst organisch festgebundenen Eisen und Kalksalze aus. Er stellte künstliche Vcrdauungsversuche an, d. h. er unterwarf Fleisch dem Einflüsse des Vcrdauungssaftes Pankreatin und konnte nach einiger Zeit in diesem freies Eisen vermittelst chemischer Reaktionen nachweisen. Der Organismus übernimmt das Eisen also nicht in organisch gebundener, sondern in indifferenter Form als Element. Ebenso werhält es sich mit dem Kalk. Daß diese Vorstellung die richtige rst, geht auch daraus her- vor, daß es gelingt, Tiere mit Blutsalzen oder Knochensalzen als einzige Quellen anorganischer Nahrung zum Wachsen zu bringen. Man kann daher nicht mehr annehmen, daß die alten Eisenpräpa- rate wirkungsloser sind als die modernen chemischen. Aber weit über diesen Einzelfall hinaus weitet sich das Problem. Weder sind die in der natürlichen Nahrung enthaltenen anorganischen Stoffe durch chemische Stoffe unersetzbar, noch ist dies bei den organischen Eiweißen, Fetten und Kohlehydraten der Fall. Das bedeutet aber nichts anderes, als daß es über kurz oder lang möglich sein wird, «ine che m i s ch e Nahrung, die konzentrierter ist als die natür- liche, herzustellen. Die Arbeiten Abderhaldens gelten seit langem dieser Frage, und fast scheint es, als sollten wir von deren Lösung heute nicht mehr allzu weit entsernt sein. Aus der Vorzeit. Die altgermanische Holzkunst. In der Gesellschaft für deutsche Vorgeschichte, die in Cöln ihre fünfte Hauptversamm- lung abhielt, sprach Baurat Prof. Dr. Haupt-Hannover über da» Thema:.Das Holz als maßgebender Stoff germanischer Kunst- bctätigung". Aus tiefem Dunkel taucht, so führte der Redner auS, langsam das Bild der ältesten germanischen Kunst hervor. Der Grund, weshalb es so schwer ist, hier endlich Greifbares zu er- ringen, liegt vor allem in der Vergänglichkeit des Stoffes der ein- stigen größeren Kunstlcistungen. Während es den anderen Völkern gegeben war, ihre Werke in schwerem Gestein zu gestalten, war den Nordischen nur das rasch vermodernde Holz zur Hand. Von alters- her bereits besaßen die Germanen eine eigenartige bildende Kunst, vor allem ein« Baukunst und ein Kunstgewerbe. Völlig abge- sonderte, ganz ausgeprägte, germanische Ausdrucksweise auf diesem Gebiete mußte sich, wie alles, erst entwickeln, und die ältesten Kunst- betätigungen des Germanentums stehen der in Europa überall maßgebenden Art verhältnismäßig viel näher; insbesondere hat germanische Hallstadt- und Lattznekunst noch außerordentlich viel gemein mit dem im Nord- und Mitteleuropa überall Verbreiteten. Erst die folgende Epoche findet hier eine völlig klare und unver- kcnnbare Scheidung und eine deutlich entwickelte Eigenart. Die ge- samtc Kunstform unserer echt germanischen erhaltenen Kunst- arbeiten, also vorwiegend die Gegenstände in Metall, haben ihre Formgehung au? der Holzbearbeitung, aus der Tektonik des Holze» hergeleitet. Die Kundigen wußten schon längst, daß in Norwegen die letzten Neste altgermanischer Holzkunst, insbesondere in der Architektur, noch vorhanden seien. Aber man ging rasch darüber hinweg und fand diese Dinge damit ab, daß man sie als die ältesten Repräjen- tanten einer entstehenden künstlerischen Richtung bezeichnete; jetzt wissen wir, daß ihnen vorausging ein« einzigartige, ganz vcr- schwundenc, prächtige, bildende Kunst in Holz, deren Nachzügler nur die bescheidenen Kirchlein und kleineren Kunstwerke in diesem Material darstellen. Die paar Funde von Schissen, des Nydam-, Gokstad- und zuletzt Ccscbergschiffes, haben uns dies gelehrt. Ins- besondere des letzten, dessen Inhalt der gebildeten Germanenwelt allzulange noch vorenthalten wird. Das Totenschiff einer germa- nischcn Königin des 8. oder 9. Jahrhunderts, ausgestattet mit dem herrlichsten Schnitzwerk, wundervoller Ausstattung, vollendet schönen Möbeln, Wagen, Schlitten und Gerät,— alles uns zeigend, daß damals eine Formenwelt dieser Richtung im höchsten Norden be- stand, die selbst schon die deutlichsten Züge nicht einer Früh-, sondern hereits einer Spätkunst trägt. Wenn Professor Gustafson endlich mit dem Ergebnis seiner Ausgrabung vor die Welt tritt, wird eine ganz neu« Anschauung durchdringen. Dann werden wir erkennen, daß die Stabkirchen der ältesten Zeit schon die Spätlinge jener Kunst waren, deren Enkel und Urenkel sich bis ins 13. und 14. Jahr- hundert oder noch länger fortpflanzten. Heilkunde. Der Zeh des Geigers. Professor Göbell, der Chirurg der Universität Kiel, heschreibt in der„Münchner medizinischen Wochenschrift" vielleicht zum erstenmal einen Eingriff, der zur glück- lichen Uebcrtragung von einem Zehengelenk auf einen Finger be- richtet. Der Fall lag besonders heikel, weil der Patient ein eifrig«r Geigenspieler war und seine linke Hand durch die Operation ge- brauchsfähig erhalten wollte. Er hatte seit einem Jahr im zweiten Gelenk des kleinen Fingers Schmerzen verspürt, die zuerst nach einer besonder? schweren Hebung aufgetreten waren. Das Leiden hatte sich so verschlimmert, daß das Gcigenspiel überhaupt unmöa- lich geworden war. Der Arzt stellte im Röntgenbild eine starke Verdickung der Gelenkenden fest, die auf eine schwere Entzündung deuteten. Wahrscheinlich war das Gelenk beim Uebcn einer paga» ninischen Etüde ausgedreht worden, eine Möglichkeit, die der be- rühmte italienische Hexenmeister sich wohl nicht hat träumen lassen. Die Anwendung von Wärme und Jod blieb erfolglos, und danach kam nur noch eine Operation in Frage. Da sonst durch eine solche der Finger sicher unbrauchbar geworden, der Geigenspieler also unbefriedigt gchliebcn wäre, entschloß sich Professor Göbell zu einer Transplantation(Verpflanzung). Das erste Zwischengelenk de» linken Zehs wurde herausgenommen und auf den kranken Finger verpflanzt. Nach beendeter Operation wurde der Kranke nach Haus entlassen. Es wurde ihm nur die Weisung mitgegeben, die operierte Hand möglichst viel in der Ofenröhre zu wärmen. Die Wunden waren schon nach zehn Tagen glatt geheilt, und nicht ein- mal der Nagel des Fingers löste sich ab. Die Heißluftbehandlung im Bratofen wurde fortgesetzt, als hereits Bewegungsübungen be- gönnen wurden. Nach zwei Monaten bekundete der Operierte, daß er schon fast ohne Schmerzen geigen könnte. Als zehn Monate ver- gangen waren, konnte er zum erstenmal wieder in einem Konzert auftreten.__ Berantw. Redakteur: Alfred Wiclepp, Neukölln.*- Druck u, Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u-VerlagSanstalt Paul Singer ülCo.,Berlin L>iV.