Ilnterhaltungsblatl des Horwiirts Nr. 165. Dienstaq, den 26. August. 1918 25] Sin jVlann. Von Camille Lemonnier. „Jeder kann dariiber denken, wie er will." bemerkte Hulotte in vollster Seelenruhe. Der unaufhörlich niederrieselnde feine Renen spann das vor ihnen ausgebreitete Gelände in seine grauen, zart- maschigen Netze ein. Auf ihren Anzügen sprühten zahllose Wassertröpfchen, trotzdem Hulotte einen mächtigen Regen- schirm iiber ihre Köpfe helt. Die durchweichte Ackererde haftete mit einem klebrigen, gelblichen Kot an ihren Sohlen. Von seinem Reinlichkeitsinstinkte gemahnt, scheuerte Hayot von Zeit zu Zeit seine Schuhe im Grase. „Verdammtes Wetter!" Immerhin bereue er sein Kommen nicht einen Moment. Im Gegenteil. Und abermals wiederholte er seine Phrase, jedes Wort nachdrücklich betonend: „Es freut mich wirklich, Sie so wohl angetroffen zu haben!" Sie schlugen den Weg nach dem Hofe ein. Hayot empfand plötzlich das Bedürfnis, nochmals den Kuhstall zu besichtigen. Er schritt direkt auf die schwarze Kuh und fuhr ihr mit der Hand über Bauch, Beine und Flanken, betrachtete ihre Hörncr, ihre Hufe, ihren Euter: öffnete ihr Maul und besah das Gebiß. Dann entschied er sich: „Ich würde die vielleicht nehmen, wenn sie nicht zu viel kostet!" Hulotte wiegte sich bedächtig in den Hüften. Seine gleich- gültige Miene hatte sich nicht verändert. Er fragte nur obenhin: „So, hättest Du Lust auf sie?" „Ja und nein. Wie man es niiklmt. Zuerst mußt Du mir den Preis sagen." Jetzt duzten sie einander. „Na, Dir— aber nur weil Du es bist— Dir, geb' ich sie für siebenhundert Frank." Hayot schüttelte den Kopf. „Fünfhundert," sagte er nach einer kleinen Pause. „Siebenhundert," wiederholte Hulotte. Der wackere Mann schlug seine rechte Faust mit aller Gc- walt in die Handfläche seiner Linken: „Teufel noch einmal!" rief er.„ich will nicht feilschen: ich geb' Dir fünfhundert." „So höre! ich feilsche auch nicht, bei Gott! Weder sieben- hundert, noch fünfhundertsechzig Frank sollen's sein! So bin ich einmal!" Aber der andere wollte sein Angebot nicht mehr erhöhen. Hulotte machte die Gebärde eines Menschen, dessen Ent- schluß unerschütterlich ist. „Reden wir nicht mehr davon. Ich behalte meine Kuh. Du behältst Dir Dein Geld. Trinken wir eine Flasche!" Sie betraten die Küche. Das Gesinde hatte eben die Tafel verlassen. Da schwammen Brotkrumen in den verschiitteten�Bier- lachen neben den zinnernen Krügen. Dazwischen lagen Teller, Löffel, Messer und Gabeln kunterbunt durcheinander ge- warfen. Vor dem Tische hockten drei Katzen ans Stühlen und zogen mit den Pfoten kleine Speckstiickchcn. die den Gabeln entglitten waren, zu sich heran. „Jetzt kommt die Reihe an uns," rief Hulotte. Germainc räumte die Tafel ab, breitete ein weißes, steif- gestärktes Tischtuch aus und trug ein gebratenes Lendenstück auf. Es lagen zwei Gedecke auf dem Tische. „Jetzt will ich Sie nicht länger beim Speisen stören," sagte Hayot. Aber der Pächter wollte davon absolut nichts wissen: das zweite Gedeck sei für ihn bestinunt, er dürfe noch nicht weg- fahren, und so weiter. Als Hayot den schönen Braten erblickte, lief ihm das Wasser im Munde zusammen. Zögernd ließ er sich beim Tische nieder, indem er sagte: „Also einen Bissen! Nur um nicht Nein zu sagen." � Der ganze Braten wurde vertilgt. Und in regelmäßigen Abständen wiederholte er seine Phrase mit einer Beimischung von Rührung: „Ich freue mich! Ich freue mich wirklich herzlich!" Bei der zweiten Flasche Wein kam er wieder auf die Kuh zu sprechen. „Um zu zeigen, daß ich nicht knauserig bin. will ich sechs- hundert geben. Aber nicht einen Centime mehr. Ist's Ihnen so recht?" Hulotte hielt sich wacker. „Nein, ich habe Sie wahrhaftig nicht Überbalten I" Da zuckte er die Achseln und erklärte, zu Germaine hinüberblinzelnd, daß mit einem so anspruchsvollen Menschen wie dem Pächter überhaupt kein Geschäft zu machen sei. So ging es fort bis zur Neige des Tages. Das Pferd stand wieder eingespannt vor der Türe und scharrte im un- aufhörlichcn Regen ungeduldig mit den Hufen. Der gute Mann nahm den Regenschirm, spannte ihn auf unö ließ sich behäbig auf seinem Wagenbänkchen nieder. Hulotte stand mit seinem stillen, iiberlegenen Lächeln beim Kopfe des Pferdes. Von der Schwelle aus sah Germaine den beiden zu, während ihre Augen versonnen über die Köpfe hinweg in die Ferne schweiften, dahin, wo der dunkle Wald und Cachaprds rhrer harrten. Hayot machte sich's bequem, ohne die geringste Eile zu zeigen. Er wendete das Sitzbänkchen um, warf sich zuerst in die rechte, dann in die linke Ecke, ordnete die Zügel, nur um noch Zeit zu gewinnen. Vielleicht, daß sich Hulotte doch be- sinnen und bis auf sechshundert heruntergehen würde: er schielte mit seinen pfiffigen Aeuglein nach ihm, ohne den Kopf zu wenden. Aber der Pächter sprach vom Wetter, während er unentwegt das Pferd festhielt, das ungeduldig zu werden begann. Da faßte der gute Mann plötzlich einen Entschluß: Er schleuderte dem Pferde die Zügel uni den Hals, schloß seinen Regenschirm und stieg von seinem Wägelchen wieder herab. „Also, meinetwegen," sagte er.„ich nehm' sie um sechs- hundertfiinfundzwanzig Frank." Damit betrat er wieder das Hans. Diesmal gab Hulotte nach. Sie vereinbarten, daß der „Cron", der„Krumme"— einer der Knechte Hulottes, dem seine krummen Beine diesen Namen eintrugen,— die Kuh auf Hayots Meierhof bringen solle. Dort könne er über- nachten und mit Tagesanbruch zurückkehren. Hulotte entkorkte eine letzte Flasche, während Hayot einer fettigen Brieftasche sechs Banknoten entnahm, die er auf dem Tische ausbreitete. Den Rest des Betrages zahlte er in Fünffrankstücken und kleinen Münzen. Mit lauter Stimme zählte er Hulotte das Geld zu, der ihm sodann eine Quittung einhändigte. Da ließ nun Hayot seiner Freude die Zügel schießen. Ganz außer sich vor Entzücken, die Kuh um fünfundzwanzig Frank unter ihrem Werte erstanden zu haben, lud er Hulotte. seine Söhne und das„junge Fräulein" für nächsten Sonntag zum Speisen ein. „Alle, alle müssen kommen," wiederholte er. Hulotte wollte für sich nicht zusagen, aber einer seiner Söhne und Germaine würden bestimmt kommen. Hayot schnitt eine vergnügte Grimasse. „Die Mamsell Germaine wird meine Jungen kennen lernen. Wer weiß, wie sie sich zueinander verhalten? Ich, möchte wetten, daß sie sich keinesfalls die Nasen abbeißen werden." Er ließ sich auf sein Wagenbänkchen fallen, hieb aufs Pferd ein und hatte bald den„Cron" auf der Landstraße er- reicht, der mit der Kuh vorangegangen war. Lange blickte Germainc dein Wagen nach: ihre Gedanken weilten bei dem Ausfhigc, der in ihr eintöniges Leben etwas Abwechselung zu bringen versprach. 23. Es war sechs Uhr morgens, als Mathieu, Germainens Bruder, das Pferd vor den zwcirädigeren Wagen spannte. Es war ein kleiner, brcitnackigcr, stäimniger Grauschimmel aus den Ardennen. Der Pächter hatte bei der Auktion des Barons Andret et« fast neues Geschirr erstanden, auf dessen lackiertem Leder leuchtende Kronen aus Messing funkelten: dieses Geschirr wurde nur bei ganz außergewöhnlichen An- lassen in Gebrauch genommen. Sie brachen auf. Germaine trug ein leichtes, rot- getüpfeltes Kleid und einen runden Strohhut mit einer gelben Tüllschleife. Zwischen dem feinmaschigen Netzwerk der seidenen Halbhandschulze schimmerte die braune Haut ihrer ringgeschmückten Hände durch; um die Schultern trug sie einen fransenverzierten Umhang aus schwarzer Seide, die am Rücken ein klein wenig schadhast war. Und über ihrem ganzen Wesen lag ein Glanz frischfroher Jugend und Freude. Sie kamen am Häuschen der Cougnole vorüber. Bei dem Gedanken, Cachaprds könnte möglicherweise drinnen sein und sie sehen, �begann Germainens Herz stürmisch zu klopfen: ohne zu wissen warum, bangte ihr vor irgendeinem Zunschen- falle. Kaum hatten sie jedoch das Häuschen hinter sich, als jede Furcht geschwunden war. Sie lehnte sich in ihren Sitz zurück und gab sich süß versonnenen Träumen hin, die lieb- lich wie der Morgen im Walde waren. Sie fuhren nahezu zwei Stunden auf der Chaussee, dann zweigte ein gepflasterter Fahrweg ab. der querfeldein zu Hayots Meierhof führte. Sie rollten durch düsteres Dämmer- dunkel, zu beiden Seiten von dem dichtbelaubten Wall der Bäume umschlossen. Hie und da mündete in den Fahrweg eine Allee, in deren Hintergrund helle Lichtfluten einbraclzen. Dann schloß sich von neuem die starre Mauer des Dickichts mit seinen tiefen Schatten und breitausladenden Blätter- kuppeln. Und dem Boden entströmten herbe Düfte, ein Ge- misch von Thymian und würzigen Säften. Ueber der Land- straße blaute ein saphirfarbener Himmel, der hier und da auch zwischen den Bäumen durchguckte. Munter trabte der Grauschimmel seines Weges; wenn die Straße bergan ging, lebhaft mit dem Kopfe nickend, seinen Schritt von selbst verlangsamend nnd der lästigen Fliegen sich zu erwehren suchend, indem er mit seinem Schweife um sich schlug oder mit seiner langen Zunge nach ihnen leckte. Sobald die Steigung erklommen war, schnalzte Mathieu mit der Zunge, und ihr Ardenncr setzte sich wieder in kurzen Trab. Das regelmäßige Aufschlagen der Pferdehufe be- gleitete taktmäßig das dumpfe Rollen ihrer übers Straßen- Pflaster rasselnden Wagenräder. In der Ueberzeugung, noch vor der großen Messe an Ort und Stelle zu sein, eilte es ihnen nicht sonderlich mit dem Vorwärtskommen. In weich- liche Trägheit versunken, zum Reden zu faul, lagen sie beide traumverloren in den Wagen zurückgelehnt, vom Rhythmus der schaukelnden Federn in Schlummer gewiegt. lFortsetzrnig folgt.) Soziale Kirnft von Roefer JVIarx. Um kunsterzieherische Bestrebungen Hot sich in dem ersten Jahr- zehnt dieses Jahrhunderts auch in Frankreich eine Reihe künstle- rischer Persönlichkeiten gemüht. Drei von diesen sind schon dahin- gegangen: der Maler Eugene Carriere, der Plakettenkünstler Alexandre Charpentier und der große Kunstglaser und-schreiner Emile Galle. Unter den Lebenden wirkt noch der meisterliche Plakatzeichner Jules Cheret. Im Verein mit namhaften Gelehrten und Schriftstellern, von denen manche als Philanthropen bekannt sind, hatten sie zunächst auf Anregung des Maschinenschlossers Massieux den Verein l'Art pour tous(Die Kunst für alle) ge- gründet, aus dem sich später die Sondergruppe I'licole de la rue (die Schule der Straße) entwickelte, die durch belehrende Führun- gen im Volke Aufnahmefähigkeit für höhere Genüsse entwickeln sollte. Die mit Vorträgen verbundenen Führungen erstrecken sich nicht nur ausschließlich auf Kunstsammlungen, sondern es werden gleichfalls naturwissenschaftliche und historische Museen, Meister- ateliers, Werkstätten und landschaftliche Schönheiten besucht. Die wertvollsten dieser Vortragsbesuche pflegt die Gesellschaft noch in Broschürcnform darzustellen und zu diesen gehörten seinerzeit Carriercs Führungen durch das großartige naturgcschichtliche Mu- seum zu Paris. Wer sich eingehender über alle diese Bestrebungen und die Männer zu unterrichten wünscht, die ihnen Leben, Geist und vor allem Wärme gaben, der lese das soeben erschienene treff- liche Buch von Roger Marx: l'Art social,*) zu dem Anatole France ein schönes Vorwort geschrieben hat. Was Emerson für Amerika und Morris für England gewesen, das bedeutet Roger Marx für Frankreich; er ist der begeisterte Apostel der sozialen Kunst. Seine Verdienste sind kaum schon ihrem vollen Werte nach abzuschätzen. Er hat internationale Ausstcllun- *1 Paris, Charpentier. gen für dekorative, bezw. Handwerkskunst zustande gebracht und überhaupt der Handwertskunst die Zulassung zu den„Salons", den regelmäßig wiederkehrenden Pariser Kunstausstellungen, ver- mittelt; er hat mit warmer Liebe den Wert künstlerischer Erziehung für die Jugend gepredigt und der Kunst die Tore der Schule ge- öffnet. Jbm ist unter anderem auch die Initiative zu ver« danken, daß nunmehr hervorragende Plakettenkünstler mit dem Entwerfen der französischen Münzen betraut werden, Von seiner segensreichen Lebensarbeit, sowie von allen, die ihn dabei unterstützt haben, in erster Linie aber von den Grundsätzen, die ihn und seine Helfer leiteten, berichtet nun das vorliegende Werk. Anatole France nennt es ein Buch der Initiative, der Lehren und des Kampfes, ferner der bereits durchgeführten Reformen auf dem Gebiet einer innerhalb des sozialen Lebens zu verwirklichenden Kunst und rühmt dabei seine glückliche Vereinigung von Schönheit und Gerechtigkeit.„Denn mit welchem Recht", ruft er aus,„dürfte eine Minderheit von Begünstigten, die durch Zufall mit einer aus- gezeichneten Erziehung und gesteigerter EmpfindungLfähigkeit be- dacbt wurden, den Handwerkern, dem Volke jene unvergleichlichen Schätze entziehen, die das Erbteil der ganzen Menschheit sind und dem, der sie Pflegt, die köstlichsten Genüsse bereiten. Heißt es nicht dessen ästhetische Genüsse verzehren, die lange und geduldig ge- arbeitet und gelitten haben, um sie zu schaffen und zu erhalten? Ungerecht und unheilbringend ist diese Verschiedenheit der einzelnen Geschicke, die nicht von der Natur ausgeht." Weiter führt er an: Die Verbreitung der Künste, einschließlich der dekorativen, entspringt der innersten Anlage der menschlichen Gesellschaft; es ist der Menschheit würdig, allen denkenden Wesen die Teilnahme an edlen Stimni.igen zu verschaffen, wie sie durch Kunstwerke hervorgerufen werden. Verdienstlich ist es, das Leben der Armen zu bereichern, indem man sie die Schönheit von Kunst und Natur verstehen und lieben lehrt. Wie der Saft den Stamm und die Zweige eines Baumes nährt und die Frische der Blätter. das Leuchten der Blumen, den Wohlgeschmack der Früchte hervor- bringt, so werden die Lehren der Schönheit, sofern sie der Hand- werker versteht, seinen durch geisttötende Arbeit verarmten Geist wieder bereichern und der gesundende Anblick des Schönen wird seinen Gedanken eine harmonische Richtung verleihen. In den Dienst dieser wertvollen Aufgabe hat Roger Marx sein schönes Talent seit fünfundzwanzig Jahren gestellt. Heute zeigt er uns in seinem neuen Buche die zivilisatorische und erzieherische Rolle, die die Kunst in der modernen Gesellschaft spielt. Er zeigt sie uns als für jeden Fortschritt von Nutzen. Er fordert für sie — ganz im Gegensatz zu Ruskin, mit dem er sich lebhaft aus- einandersetzt,— die Mithilfe der Maschine, die Arbeitsteilung, die Verwendung aller technischen Erfindungen. Als Gegner Ruskins, dessen Ziele jedoch auch die seinen sind, stellt er die modernen Er- rungenschaften allem voran, was er als ästhetische Forderungen betrachtet; sie sind ihm ein unerläßliches Mittel zur Verwirklichung des Grundsatzes: Kunst für alle und durch alle! Und Anatole France beschließt sein Vorwort mit dem Aus- sprach Emcrsons:„Gesegnet sei, der die Massen erregt, den Stumpf- sinn aufrüttelt, Leben und Bewegung schafft." Und nun zu Roger Marx' Buche selbst! Ich übergehe die Kapitel feinster Kunstkritik, die er darin den französischen Meistern derjenigen Sonderkünste widmet, die als phantasievolle Kleina künstler in das Gebiet der dekorativen Kunst oder des Kunstge- wcrbeS übergehen. Von ihnen dürften nur bekannt sein die bereits früher erwähnten Meister Galle und Charpentier sowie der Juwelier Lalique. Was verstanden sie nun und was versteht Roger Marx mit ihnen unter den Worten„Soziale Kunst" und welche Grundsätze werden zu deren Förderung aufgestellt? Die soziale Kunst, führt Roger Marx aus, steht mit den Funk- tionen des Lebens selbst in engster Verbindung; sie vermischt sich mit ihnen und drückt ihnen ihr Gepräge auf. Zur sichtbaren malerischen oder plastischen Schönheit gesellt sich dann ein intimer Reiz, den man Zwcckschönheit nennen konnte. Die Natur in ihrer unendlichen Mannigfaltigkeit läßt uns erkennen, auf welch har- manische Art sich das. Urgesetz der Anpassung an einen bestimmten Zweck vollzieht. Die Antike wie das Mittelalter hatten die Ge- meinsamkeit des ästhetischen Empfindens und Genietzens niemals in Frage gezogen; ihre Kunst wendete sich einfach an alle. Mühevoll und auf langen Umwegen kehren sie endlich wieder zu einer solchen Anpassung der Kunst zurück. Und mit dem ikarischen Kommunisten Cahet stellt Roger Marx den Grundsatz auf:„Die Freude der Augen ist ein wesentliches Element zur Gesundheit." Alle Schön- heit, mit der ein zum täglichen Gebrauch dienender Gegenstand geschmückt wird., nacht ihn lieb und wert. Hierin ist die hellenische Kultur vorbildlich gewesen, indem sie ihre hehren Kunstgesetze, ihr eminentes Stilgefühl auch dem bescheidensten Gerät aufprägte. Marx verlangt nun vor allem höchste Qualität des Modells, um dann alle Hilfsmittel der modernen Technik aufzurufen, da? schöne Nützliche oder das nützliche Schöne herzustellen. Hierbei bringt er sich in vollen Gegensatz zu Ruskin, der, das gleiche Ziel des Nützlich- Schönen ins Auge fassend, die moderne Technik als kunstwidrig empfand, sie ganz ausschalten wollte und ferner blind war für all die strenge Sachlichkcitsschönheit, die gerade mit Hilfe der Technik geschaffen werden kann. Marr befreit auf die glücklichste Weise von einem hemmenden Historismus und erblickt gerade in unseren großartigen Fortschritten auf dem Gebiet des Jngenieurwescns unendliche neue Schönhcitsquellen. Ehe jedoch eine Schönheit unserer unmittelbaren Umgebung, die ja noch von ganz anderen Bedingungen als von ästhetischen ab- hängt, einigermaßen verwirklicht werden kann, ist es unsere Auf» gäbe, die Genußfähigkeit für das Schöne in weiten Kreisen zu wecken, zu erziehen. Die Grundbedingungen dazu sind zunächst, genügend freie Zeit zu schaffen, damit künstlerische Genüsse auf- gesucht werden können. Sodann aber hat der Kunsterzieher stufen- weise vorzugehen, Uebergangsstadien zu schaffen. Ruskin, der Sammlungen von Nachbildungen frühitalienischer Meister in die Fabriken von Sheffield brachte, übersah die zu deren Verständnis notwendige Vorbereitung, jene Uebergangsstufe, für welche Roger Marx auf Grund feinster psychologischer Beobachtungen die heutigen technischen Popularisierungsmittel der Kunst, selbst die vielge- schmähten in Anspruch nehmen möchte: Projektion, Kinematograph und Phonograph. Durch geschickte Handhabung dieser Hilfsmittel werde, so meint er, das Interesse für das wirkliche Meisterwerk geweckt und zwar auf noch intensivere Weise als durch Kopien und Abgüsse. Geht es nun an die selbständige Betrachtung von Meister- werken, so führe man zunächst solche vor, die dem Volke nahe stehen, die sein Leben, sein Mühen und Schaffen, seine tägliche Arbeit festgehalten haben. Der Arbeiter findet sich in der durch die Kunst gesteigerten Darstellung seiner Geste wieder; er fühlt ebenso sehr die Würde heraus, die seine Arbeit verleiht, wie die Pflicht, die sie ihm auferlegt. Ueber allem aber, was dem Volke an Kunst geboten wird, soll nach Marx der Grundsatz walten: „Wir wollen weder verlangen, daß das Volk etwas aufnimmt, was es nicht versteht, noch daß es etwas bewundert, was es nicht nach- zufühlen vermag." Die ihm vertraute Natur, Bilder von Ereig- mssen, die es kennt, an denen es mit beteiligt war, werden gleich- mlls für diese Uebergangsstadien zur Erweckung eines tieferen, vom Stofflichen mehr und mehr befreiten Kunstgenusses in Betracht kommen., Beherzigenswert ist ferner, was Roger Marx über Museen und Bibliotheken, über Kunst in Schule und Haus, über Erziehung zur Freude und vor allem auch über die wahre Kultur der Volks- feste sagt. Von dem stolzen Gedanken des einstigen National- konvents, edle Volksfeste, gruppiert in menschliche, nationale und natürliche, zu feiern, ist in Frankreich so gut wie gar nichts übrig- geblieben. Manches davon hat in anderen Ländern Verwirklichung gefunden(z. B. in Schweden); nur zu oft aber find Volksfeste Parodien von wirklichen Festen, wenn nicht gar Blasphemien. Das liegt an einem bedauerlichen Mangel an leitenden Gedanken und an Mitteln, die zu deren Ausführung dienen könnten, denn die heute vorhandenen Mittel sind entweder abgebraucht oder un- würdig. Es ist eine Aufgabe der Massen, in Festen die geistigen Führer der Menschheit zu ehren; die Arbeit, das Handwerk zu ver- herrlichen oder Feste zu tieferem Verständnis für menschliche Soli- darität zu feiern.„Alle Kraft kommt aus dem Volke", aber sie bleibt ungenützt, wenn sie nicht verständnisvoll geleitet wird. ao ist Roger Marx' warmherziges Buch ein Buch des Euchens und der Anregung in dem starken Bewußtsein einer Pflicht gegen die, die auf der Schattenseite des Lebens stehen. Marx hütet sich wohl, bei dieser ungemein schwierigen, weil sehr zusammengesetzten Aufgabe von absolut sicheren Wegen zum Heil reden; er ist 'ich vielmehr bewußt, daß andere Zeiten andere Wünsche und Forderungen wachrufen können. bn. Das Ziehkind. Von Leo K o l i s ch. Irgendeine Aufregung gibt's immer in der Mietkaserne. Noch aufgeregter aber als sonst standen die Weiber heut« bei der „Bassens"(Wasserleitung), noch lebhafter als sonst war der Verkehr von Tür zu Tür. „Na, so was!"—„Der Skandäul!"—„A so a jungs Madll" „lind kan Vodern dazual" Und so weiter. Nach diesen wenigen Ausrufen, die ich beim Passieren des Ganges erschnappte, konnte ich mir schon denken, welcher Ursache die Aufgeregtheit der.Mezzaninerinnen" war. Die Mei- nigc wußte natürlich schon alles. Da war die Schwester der Brunn- auerin angekommen, ein achtzehnjähriges Stubenmadel, um bei .er zu entbinden. Die kleine Brunnbauer war, wie alle kinder- .'ofen Frauen, voll Sehnsucht nach dem Kind und willigte sofort ein in den Vorschlag der Schwester, das Kommende in Pflege zu nehmen. Die Mizzi sechst wollte„dann" gleich wieder zu ihrer Herrschaft zurück; oder vielmehr sie hatte bloß acht Tage drüber Urlaub bekommen. Uebrigens war das zu erwartende„Bankert", wie die Wiener so gemütvoll sagen, net a mal von dem alten Ihrigen, sondern von einem Neichen, den wo sie beim Lichholcn kennen gelernt hatte. Aber das war ja Nebensache. Wenigstens für unS. Nicht so nebensächlich aber war uns, daß oben benamste Frau Brunnbauer unsere allernächste Stubennachbarin war. daß zwischen uns und ihnen nur«ine papicrdünne Wand lag, und daß die Brunnbauerin mit uns ein inniges Wurzverhältnis unterhielt, in dem die Gewürzten immer wir, die freundlichen Provinzler, waren. Das würde wohl jetzt noch schöner werden! Die Aufregung legte sich allmählich. Die zukünftige junge Mutter ließ sich häuslich nieder in der Brunnbauerischen Küche, allwo auch schon«in Schlafbursche hauste. Der Trakt gewöhnte sich um so lieber an die schwanger« Mizzl, al» sie dankenswerterweis« auch weiterhin für anregenden Gesprächsstoff sorgte: Der„Reiche" der Mizzl ließ sich net sehen, dafür aber kam der Verflossene um so öfter und machte mächtig Krach; die Familie aus dem Wald» viertel kam und der ganze Mezzanin hallte wider vom Getöse deS Familienrates; die weise Frau kam, sah und prophezeite mit wich» tiger Miene, daß„das" ein sehr schwerer Fall werden könnte. Ml das wurde gebührend besprochen. Und die Flut von Ratschlägen l Auch wir, oder vielmehr wir in erster Linie partizipierten an den Vorbereitungen zum Mutterglück der kleinen Mizzi. „Hab'ns net an Wein z'Haus?" „Könnt i, bitt schön, net a Lakerl haß Wasser kriag'n?"—- „Vitt Sie, könntens mir net an Oessig leich'n?"—„Sans net bö», daß i wiederum kumm, ob'r mir brauchrten für d' Mizzl an Ka- müllentee. Hätt'ns net anen, bitt schön?"— Natürlich wagten wir nicht, nichts zu haben.... So kam die schwer« Stunde. Die Mizzl machte von dem wohlmeinenden Rate der praktischen Nachbarinnen, nur recht zu schreien, einen erstaunlich ausgiebigen Gebrauch. Di« weise Frau lief ad und zu und die notwendigen Hilfsarbeiien leistete meine Frau, dieweil di« Brunnbauerin mit schlotternden Gliedern in einem Winkel saß und vor Schreck nicht ausstehen konnte. Dafür aber betete sie fleißig. In einer anderen Ecke saß der Schlafbursche und stierte unverwandt auf die Kreißende, mit einem Blick, in dem sich banges Entsetzen und rohe Neugierde ganz seltsam mischten. Dann kam der Herr Brunnbauer, ein kleiner Eisenbahner, tröstete, soweit es seine Hausherrnwürde erlaubte, die Mizzl und schimpfte dazwischen, daß er ganz aus seiner Ruhe und Ordnung komme. So kam, nach einem letzten furchtbaren Schrei der Mutter, der neue Erdenbürger an, ein Mädel, und ein sehr kräftiges, hübsches dazu. Die junge Mutter schwamm in Wonne, nicht minder die Brunnbauerin. Nun hatte sie doch endlich das Kind, das ihr die Ehe versagte. Nach und nach kam alles ins Alltagsgleise. Die weise Frau stellte ihre Besuche ein und die Mizzi stand, vier Tage nach der Eni» bindung, wieder auf und acht Tage später war sie schon wieder im Posten. Alles war wie früher, nur das Kind war mehr. Und machte sich recht bemerkbar. In der Proletarierkaserne wird so was nicht gern gehört. Was überhaupt hört der Haus» besorger oder gar der gnä' Herr Administrator gern? In Häusern der besseren Viertel gibt's auch kleine Kinde und Grammophon«, Violinamateure, Cellisten und, ach, Klaviere. Dort aber sind Hau?» Herren und Hausbesorger duldsamer. Anders im ProletarierhauS. Da schickt die Hausadministrntion einen Zettel oder die Haus- mastrin kommt und verlangt Ruhe. ZIber kräftig. Die kleine Mietpartei muß sich, dank der Wohnungsnot, trotz der riesigen Zinsen alles gefallen lassen; sie ist daS Parieren gewöhnt. Das Ausziehen ist teuer, ruiniert die wenigen Möbel, was anderes ist schwer zu finden, und die Frau Hausmastrin ist überall gleich herrisch. So nahm die arme Frau Brunnbauerin den ersten Verweis demütig entgegen und versprach rasche Abhilfe. Aber versprechen ist leicht, und halten ist schwer, wenn eine der Kinderpflege so fremd und verständnislos gegenübersteht. DaS Kindchen gab also seiner Unzufriedenheit auch weiterhin kräftig Ausdruck. Ach ja! Mein« Frau riet zu guter Milch, zu Kinder- mehl, öfterem Ueberpacken und fleißigem Baden. Die intelligente Leserin wird jetzt sagen: Ja, das ist doch selbstverständlich. Mutz man das erst anraten? Aber leider tragen Unwissenheit, mißver- ftandene Religiosität oder sonstiger Aberglaube und dann eine bei Prolctariersrauen ziemlich häufige Verachtung aller GesundheitS-, Ernährung?- und Reinlichkeitsregeln ebenso große Schuld an dem Massensterben der Proletarierkinder, wie Not und Elend, Luft- und Lichtmangel und Unterernährung. Die Brunnbauerin hatte ihr kleines, aber sicheres Wirtschaftsgeld, einen ziemlichen Neben- verdienst durch Heimarbeit und bekam auch noch ein Kostgeld für daS Pflegekind. Aber eine gute Hausfrau muß sparen. Gute Milch ist teuer, und Kindcrmehl erst recht. Die Notwendigkeit des täglichen Badens war ihr nicht beizubringen. Und allzu häufiges Trockenlegen, zu häufiges Wäschewechseln sei nur von Schaden, sagten die anderen Frauen vom Mezzanin. So schrie das kleine Mizzerl weiter bis zum zweiten Verweis durch die Hausmeisterischc; es war ein Jammer! Endlich aber schien das kleine Schreigredl sich doch zur Mäßig- keit zu besinnen. Wir konnten ungestört schlafen, und auch über Tage gab's ruhige Stunden. Hatte sich also doch wohl belehren lassen, die Brunnbauerin. Nach einigen Wochen klopfte sie eines Tages ganz verstört bei uns au; das kleine Mizzi hatte Krämpfe. Wir rieten zu kalten Wickeln und zu einem Arzt. Also Wickel kosten ja nichts. DaS befolgte sie. Drei Tage später aber mußte sie auch den Arzt holen; freilich war's zu spät. Das Kind lag im Sterben. Und nun er- fuhren wir auch von der verzweifelten Pflegemutter di« Methode der letzten Wochen; sie hatte mit vier Teilen Fcncheltee und einem Teil Milch gefüttert und um das Kind zum Schlaf zu bringen, versüßten Kümmelschnaps eingegeben. Auch sonst hatte sie kein Mittel unversucht gelassen, die arme Frau. Sie hatte dem Kinde „bös Maß nehmen", halte es„berufen" lassen und ihm ein ge- weihteS Marienbilderl um den Hals gebunden; um ein Aermchen hatte sie ihm ein rotes, in Weihwasser getauchtes Seidenband ge- schlungcn, war wöchentlich einiikal mit ihm in die Kirche gegangen, kurz, kein« Mühe war gescheut worden. Aber sie hatte halt Pech, die arme Brunnbauerin. Grad wie das arme Hascherl im Begriff ivar, sich zu einem so artigen, ruhigen Babh herauszumachen, wurde es hin. Der Doktor schimpft«, bevor er den Totenschein schrieb, auf die Dummheit des Volkes, sprach von fahrlässiger ZÄtung, von Altohol- Vergiftung, von Verhungernlassen. Und die Frau Brunnbauer stand verständnislos dabei und heulte. Die Großtopfeten haben halt keinen Begriff, wie schwer das Leben ist.... Nun hatte sie wieder kein Kind und mußte sich für alle Liebe noch solche Sachen sagen lassen. Aber die anderen Weiber trösteten sie. Kinder gäb's ja genug, sie hätte ja doch alle? getan für das Kinderl, und für das arme kleine Mizzerl sei es sehr gut; wer weiß, was ihr- noch gekommen wäre.— Und acht Tage später sprach nie- mand mehr von der Sache. Ja, noch was. Die Mizzi ist wieder„so weit". Diesmal will sie bei einer anderen Schwester entbinden, die das Kostgeld auch gut brauchen kann.... kleines feuilleton. Theodor Körner. Die bürgerliche Literaturgeschichtsschreibung hat Theodor Körner ob seines mit einem unfreiwilligen Tode beschlossenen Bardenlunis unter die Sterne versetzt; und die Schule hat als unterwürfige Dienerin des allenthalben am StaatSruder sitzenden Prozent- Patriotismus diesen Gvtzenkultus bis zur Widrigkeit fortbetrieben. So kommt eS. daß vornehmlich die männliche Jugend aller„ge- hobenen" UnterrichtSanstalten für Körner schwärmt, der am 26. August 1818 im Treffen bei Gadebusch erschossen wurde. Die Frage, ob er zufällig der Kugel eines feindlichen Reiter» oder gar, wie einige überlebende Augenzeugen bekundet haben, dem Racheakt eines persönlich beleidigten, von ihm gehänselten Gefangenen er- lag, ist noch immer nicht entschieden. Set dem nun, wie ihm wolle; jedenfalls teilte Körner mit unzähligen anderen Freischärlern die gleiche Begeisterung und das gleiche Schicksal. Mit dem Unterschiede jedoch, daß ihn jene„Ort- flamme" zum KriegSskaldcn machte und seine Stirn mit dem Lorbeer de» Dichters krünzte. Wie man auch immer denken mag— Körners eigener Bater dachte weit kühler—. an der der Echtheu seiner Verzückung für die„Sache der Freiheit" ist nicht zu rütteln. Er, der „des Glückes Schoßkind" zu sein sich rühmen konnte, reißt sich loS von schmeichlerischen Erfolgen als Dramatiker, reißt sich loS vom S erzen einer heißgeliebten Braut, um sein junge? Leben zu opfern. uf raschestem Wege stößt er zum Lützowsche» Freikorps, das sich— ein triftiger Grund für Körners Entschluß— fast aus lauter Akademikern, jungen wie alten, zusammensetzte. Und dort im ständig wechselnden Felde entstehen innerhalb weniger Monate jene feurigen KriegSgefänge. die wir unter dem Titel„Leier und Schwert" kennen. Im süßen Rausch des Moments geboren, mußten sie zünden. Und es soll nicht geleugnet werden, daß sie das auch noch heute in jugendlichen Gemütern tun; denn nicht die Logik der Tatsachen, sondern das hingerissene Pathos, mit dem sie vorgetragen sind, entscheidet. Wir wissen aber, daß neben dem Ueberniaß der patriotischen Phrase wenig Eigenes übrig bleibt. In diesen Gedichten kehren nur alte Symbole wieder, die sich durch die ganze Bardenpoesie von ihren frühesten Anfängen bis auf die Friberizianische Epoche ziehen. Kleist, Schiller sind Körners direkte Lehrmeister. Er denkt an die Hernrannschlacht, Wilhelm Tell, hauptsächlich die Jungfrau von Orleans und beschwört das Bild der Königin Luise als Schutzengel. Er ruft sogar einen Friedrich Wilhelm III. und den Geist des Prinzen Louis Ferdinand an. Die Geschichte weiß eS freilich ganz anders. Und auch darin, daß er Napoleon einen Tyrannen. Wüterich, Bluthund usw. heißt, sagt er nur, was jeder durch keinerlei Kenntnis beschwerter NaivuS sagte. Das nachträglich von anderer Seite herausgegebene„Lied von der Rache" mit seinem pathologisch gewordenen Blutdurst hatte Körners Vater von der Veröffentlichung ausgeschlossen. Er ivußte, warum. Und immer- dar muß Gott nebst allen Heiligen den Helfer machen. Man sieht: es ist derselbe Apparat, mit dem bis in unsere Gegenwart hinein hantiert wird. Ehe Theodor Körner seiner Leier das Schwert zugesellte, hatte er bereits eine schier unheimliche dichterische Fruchtbarkeit entfaltet. Solche Leichtigkeit des Produzierens vertrug sich doch schlecht mit Originalität und gedanklicher Tiefe. Nirgends hiervon eine Spnr, weder in dem Erstling„Knospen" des allerdings erst Siebzehn- jährigen, noch in den„Vermischten Gedichten", die danach entstanden find. Die unmittelbare Bekanntschaft mit Kleist, Schiller, Goethe und anderen Dichtcrheroen, die im elterlichen Hause freundschaftlich ver- kehrten, wirkte fast tragisch auf den Jüngling. Kaum ein Gedicht, das nicht Spuren ihre» Geistes aufwiese? Körner studierte bekannt- lich auf der Bergakademie in Freiberg. Man sollte nun meinen. Bcrantw. Redakteur: Alfred Wielcpp, Neukölln. Druck u. Verlag: daß verschiedene Knappenlieber, die er allda gedichtet hat, statt ideologischer Allerweltsvorstellungen vom Dafeüp der Grubenleute ein Körnchen eigener Anschauungen verraten würden. Nichts davon — rein gar nichts. Und ähnlich steht es um seine ganze Lyrik: formale Glätte, schnelle GelegenheitSpoefie, die keine Wellen wirft. Auch Körners(fünf) Erzählungen in Prosa sind nur belanglose Versuche— nicht« mehr. Und der Dramatiker? Nicht weniger als elf ein- bis fünfaktige Possen. Lust-, Schau- und Trauerspiele hat Körner während seines knapp anderthalbjährigen Aufenthaltes in Wien vom Stapel gelassen; und zehn davon, bis auf„Rosamunde", das reichste von allen, gingen bei seinen Lebzeiten, ihm große Ehrungen einbringend, über die Wiener, Weimarische und Dresdener Bühne. Nur das patriotische Soldatenstück„Joseph Heiderich", ist in Prosa, die übrigen in Versen gehalten. In der ,.NachtwSchtcr"-Posse gibt er persönlich Erlebte« schnurrig und lustig. Aber diese kleinen'Stücke haben nichts Neues an sich; sie sind Ware, wie sie schon im acht- zehnten Jahrhundert massenhaft für daS bürgerliche Umerhaltungs- lheater gefertigt wurde, und was sich aus den Kothurn des hohen Dramas wagt, ist Wortrausch. Auch das Zriny-Trauerspiel, in dem der Heldentod, erlitten im Kampf mit einem verhaßten Feinde, gefeiert wird. Dieses Stück, ein Vorspuk der kommenden schillerepigonischen Dramatik, wird noch heute hier und da aufgeführt, in Körners Vaterstadt alljährlich einmal. Das hat man nun lange genug ge« trieben. In der Zeit der Befreiungskriege kannte man ein derartiges Einschätzen Körners nicht; keiner der damaligen FreiheitS- dichter hat Körner auch nur mit einer Zeile angesungen. Und nun wär's wohl an der Zeit, daß die Theater auf das Wort hörten: Laßt es genug sein des grausamen Spiels I Denn ein Stück wie Zriny ist im Theater nicht zu ertragen, und man soll die Jugend nicht mit falschen Auffassungen über dramatischen Wert und Bühnen- bestimmung nähren. Körner ist 22 Jahre alt gestorben, und was er schrieb ist Durchschnitt ohne Eigentümlichkeit. e. k. Astronomisches. Die Sternwarte der Riesenfernrohre. Die reichste Sternwarte ist gegenwärtig ohne Zweifel diejenige auf dem Mount Wilson in Kalisornien, die von ihrer Mutter, der Carnegie« institution in Washington, während des letzten Jahre» allein für ihre laufenden Ausgaben mehr als eine Million Mark empfangen hat. Der größte Erwerb, den die Sternwarte durch diese Zuwendungen erhalten hat, ist die Vollendung des Turmfernrohrs von 45 Meter Länge. Der Turm, von dem dieser Riesenbau den Namen erhalten hat, ist ein eisernes Gerüst, das sich um das eigentliche Fern« rohr herumlegt. Jeder Metallstab dieses Gerüstes enthält aus der Innenseite einen zweiten, der ganz unabhängig von ihm ist und ihn nicht berührt. ES sind also eigent- lich zwei Türme, deren innerer durch den äußeren vor den Wirkungen des Windes geschützt wird. Auf der Spitze des Turmes ruht auf einer Plattfonn der Spiegel, der einen Durchmesser von 186 Zentimeter besitzt. Die Sternwarte sieht aber der Vollendung eineS noch größeren Spiegels entgegen, dessen Herstellung allerdings den größte» Hinder- nissen begegnet. Der berühmte Optiker Ritchey hat die schwere Ans« gäbe übernommen, den neuen Spiegel zu liefern, der mit einem Durchmesser von 254 Zentimetern alle früheren Apparate dieser Art weit hinter sich zurücklassen wird. Die Kosten will der amerikanische Multimillionär Hooker trage». Die Schwierigkeit besteht weniger darin, eine» Spiegel von solcher Größe zu einer genau parabo- lischen Form zu verarbeiten und zu polieren, als in der Ver- fertigung der geeigneten Grundmasse, die in einem Glasblock von 270 Zentimeter Durchmesser und 76 Zentimeter Dicke bestehen und vollkommen einheitlich, also frei von Schlieren und Blasen sein muß. Die einzige Werkstatt, die einer solchen Anforderung ge- wachsen wäre, ist die Glasfabrik von St. Gobain in Frankreich, die auch das erste Riesenteleskop des Mount Wilson mit der Glasmasse für den Spiegel versehen hat. Immer muß eine große Zahl von Probegüssen gemacht werden, ehe man darauf rechnen kann, einen von hinreichender Güte zu er- halten. Für die CrownglaSlinse des großen Fernrohrs der Licksstern- warte, die nur S0 Zentimeter Durchmesser besitzt, waren IS Probe- güsse notwendig. Die französische Werkstatt hat mittlerweile bereits einen Glasblock nach Kalifornien geschickt, der nach eingehender Prüfung auch endgülttg abgenommen und bereits bezahlt worden ist. Die sogenannte Stnndenachse, die dem Spiegel als Unterlage dienen soll, wird eine Länge von 12 Meter erhalten. Die feinsten� Vorsichtsttiaßregeln werden den ungeheuren Bau dieses Instruments vor Temperatnrschwankungen schützen. Bei dem großen Spiegel« sernrohr von 180 Zentimeter ist es gelungen, diese Schwankungen herabzumindern, so daß sie Abänderungen in der Brennweite von höchstens 1—2 Zehntel Millimeter veranlassen. Uebrigens sind die Spiegelfernrohre immerhin noch billiger als die Refraktoren, zumal für jene keine so große Kuppel notwendig ist. Die amerikanischen Astronomen wenigstens sind auch davon überzeugt, daß die Spieqelfernrohre bessere Leistungen versprechen, da der Spiegel auch nach Bedarf immer wieder neu versilbert werden kann. Vor allen, kann ein Spiegel leichter aufgestellt tverden, ohne daß eine Durchl'iegnng erfolgt._ Borwärts Buchdruckerci u. Verlagsanstalt Paul Singer ScEo..Berlin S W.